Mut ist, wenn man Angst hat - Brigitta Heinrich - E-Book

Mut ist, wenn man Angst hat E-Book

Brigitta Heinrich

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Ein lakonischer, geistreicher und witziger Roman über einen Neuanfang in Berlin Mit nur zwei Koffern kommt sie nach Berlin. Olga Faust verlässt mit 49 Jahren ihre Heimatstadt Hanau und wagt den Neuanfang. Frei, für nichts und niemanden verantwortlich, nur für sich selbst. Ihr möbliertes Zimmer bei einer alten Dame in Schöneberg hat sie unbesehen gemietet. Den Job in der Anwaltskanzlei hat sie blind angenommen. Vorstellungsgespräch - nicht erforderlich, es gibt schließlich eine Probezeit. Alles Unübliche kommt Olga bei ihrem Aufbruch ins Unbekannte entgegen. Was sie eigentlich will, weiß sie nicht. Aber sie muss auch nichts wollen, ihr neues Leben stößt ihr zu. Ihre Bleibe erweist sich als eine schräge Mehrgenerationen-WG, das Anwaltsbüro steht der WG an Skurrilität kaum nach. Olga wird hineingezogen in einen Strudel von teils heiteren, teils ernsten Verwicklungen, findet sich zwischen zwei Männern wieder, erkennt, dass sie Verantwortung übernehmen muss und kann. "Trost bedeutet Stillstand. Man lehnt sich zurück und alles bleibt, wie es ist. Ich biete dir Mitgefühl. Das bringt mehr."

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© 2019 Piper Verlag GmbH, MünchenRedaktion: Franz LeipoldCovergestaltung: FAVORITBUERO, MünchenCovermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

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Inhalt

Cover & Impressum

1.

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28.

29.

30.

31.

1.

Olga Faust quälte sich mit zwei schweren Koffern aus dem ICE und schaute sich um. Vor ihr lag eine Welt aus Glas und Stahl, die ihr nicht gefiel. Sie suchte nach einer Bank, weil sie noch einmal in Ruhe den Stadtplan studieren wollte. Aber es gab keine, nur hektische Leute, die sie beinahe umrissen. Die Stelle des Bahnsteigs, an der sie stand, war extrem schmal. Ob die Architekten davon ausgegangen waren, dass man heutzutage ohne Gepäck reiste?

Das fing ja gut an. Olga seufzte innerlich. Warum sollte eine Stadt oder einer ihrer Bewohner eine neu eingetroffene Einwohnerin begrüßen? Immerhin verstand sie die Sprache. Wenigstens hoffte sie es. Das war schon etwas. Schließlich war hier nicht Bayern, sondern Preußen. Unwillkürlich schüttelte sie sich. Das Wort erinnerte sie an Drill und eisigen Wind.

Schließlich setzte sie sich dennoch in Bewegung; auch wenn sie nicht hierherkommen wollte, konnte sie nicht ewig stehen bleiben. Sie musste die S-Bahn finden. Ihre künftige Vermieterin hatte ihr am Telefon etwas umständlich den Weg erklärt. Es schien sich um eine ältere Dame zu handeln. Olga seufzte. Es war ja nur für ein halbes Jahr, bis sie wusste, ob sie die Probezeit überstanden hatte. Sie dachte sehnsüchtig an ihre kleine Wohnung zu Hause. Vorbei, wohl oder übel vorbei. Sie musste in die Fremde. Sie wurde melodramatisch, das passte nicht zu ihr. Sie wollte in die Fremde und aus Hanau weg.

Olga stellte fest, dass dieser Bahnhof hauptsächlich aus Rolltreppen bestand. Es gab Gleishinweisschilder, aber nirgendwo stand, wo die S-Bahn abfuhr. Sie hievte beide Koffer auf die Rolltreppe und wäre beinahe gestürzt. Das würde einen prima Einstand im neuen Büro geben, wenn sich die Neue auf dem Hinweg ein Bein gebrochen hätte. Sie merkte, dass sie sich fürchtete.

Sie musste eine S-Bahn finden, die Richtung Friedrichstraße fuhr, und dann in eine S1 Richtung Wannsee umsteigen. Nachdem sie sich durch eine Ebene voller Läden geschleppt hatte, erblickte sie endlich das S-Bahn-Symbol. Dieser Bahnhof wirkte wie ein Kaufhaus mit Schienen. Wieder eine Rolltreppe, diesmal nach oben, das verminderte die Sturzgefahr. Dort angekommen, sah sie einen Fahrkartenautomaten. Sie stellte sich davor und versuchte, ihn zu verstehen.

»Wohin?«, raunzte sie ein älterer Mann an.

»Nach Schöneberg.«

Er drückte so schnell auf dem Bildschirm herum, dass sie immer noch nicht wusste, wie es ging. 2,70 Euro leuchteten auf. Sie warf das Geld ein, und nach einer Weile erschien eine Fahrkarte.

»Stempeln«, sagte der Mann und deutete auf einen kleinen roten Automaten, bevor er sich selbst eine Fahrkarte zog.

Vielleicht sprachen sie hier nicht in vollständigen Sätzen.

Das S-Bahn-Schild zeigte einen Zug nach Ahrensfelde an, der über Friedrichstraße fuhr. Olga stieg erleichtert ein und blieb vorsichtshalber stehen, weil sie nicht wusste, wie viele Stationen es waren. Der Zug war voll, und sie fühlte sich beobachtet. Bevor sie herausfinden konnte, wer es war, begann der Mann neben ihr mit einem merkwürdigen Singsang. Er sah etwas schmuddelig aus und hatte einen großen Hund dabei, der sie anstarrte.

»Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich heiße Ingo Schmitz und bin zurzeit obdachlos.« Jetzt hielt er eine Zeitung hoch. »Bitte kaufen Sie ein Exemplar der Motz. Gerne können Sie auch einen kleinen Geldbetrag spenden oder etwas zu essen. Ich bin für alles dankbar.« Das Merkwürdige an seiner Rede war nicht der Inhalt, sondern das gleichmäßige Hoch- und Runtergehen bei der Betonung. Der Hund sah Olga so auffordernd an, dass sie gehorsam in ihre Hosentasche griff und 50 Cent in den dargebotenen Plastikbecher warf.

»Danke«, sagte der Obdachlose. Seine Stimme klang plötzlich eine Oktave tiefer. Der Hund bleckte die Zähne, als wollte er sagen: »Du bist geizig.« Olga fand ihn unverschämt. Die beiden gingen langsam durch den Wagen, und sie hörte gelegentlich ein Geldstück auf ein anderes plumpsen. Die nächste Station war Friedrichstraße, und Olga musste aussteigen. Sie fragte sich, wie die Reaktion gewesen wäre, wenn sie den beiden ein Käsebrot angeboten hätte.

Olga sah sich nach einer Rolltreppe um. Diesmal ging es besser mit den Koffern. Sie lernte dazu. Unten angekommen, sah sie Läden und Imbisse. Sie bekam Hunger, aber das verschob sie auf später. Da war ein Schild zur S 1. Aber sie fand keine Rolltreppe, es gab nur eine Treppe. Ob sie das schaffen würde? Sie war zwar drahtig, allerdings sehr klein und zierlich, und die Koffer waren schwer.

»Na, Oma, brauchste Hilfe?«, hörte sie eine junge Männerstimme hinter sich fragen. Es schien noch mehr Leute zu geben, die Probleme mit dieser Treppe hatten. Sie zerrte wieder an ihren Koffern.

»Ehrgeizig wa?«, sagte dieselbe Stimme etwas näher hinter ihr. Gleichzeitig spürte sie, dass ihr ein Koffer aus der Hand genommen wurde. Neben ihr ging leichtfüßig ein junger Mann, dessen beeindruckende Muskeln noch durch die Jacke zu erkennen waren. Olga hatte größte Mühe, bei seinem Tempo mitzuhalten. Als sie unten angekommen waren, hatte sie das Gefühl, ihr Arm würde abfallen.

»Vielen Dank«, sagte sie. »Aber ich bin keine Oma.«

»Kann ja noch werden«, antwortete er grinsend und ging seines Weges. Das nun nicht, dachte Olga.

Die nächste angekündigte Bahn fuhr nach Schöneberg. Olga hätte gerne die Gegend betrachtet, aber sie befand sich in einem Tunnel, und alles, was sie sah, war Dunkelheit.

In Schöneberg gab es eine Rolltreppe, wenigstens nach unten, und Olga stand in null Komma nichts auf einer hässlichen tristen Straße. Dominicusstraße links und die zweitnächste noch mal links, klang ihr die Stimme der Vermieterin im Ohr.

Als sie vor dem richtigen Haus stand und bei Bauer auf die Klingel drückte, fiel ihr wieder der vierte Stock ein. Man muss Vertrauen haben, sagte sie sich und ließ einen Koffer unten stehen.

»Kommen Se rein«, hörte sie eine Stimme hinter der Tür, als sie nach Atem ringend oben angekommen war. Im nächsten Moment stand eine sehr alte und sehr runde Frau im Türrahmen. Sie trug einen schreiend bunten Kaftan, der mit Pfauen bedruckt war, und sah sie neugierig an. »Nee«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Diese Jugend hat keine Kondition mehr.« Olga stellte den Koffer ab, schüttelte die dargebotene Hand und sagte: »Guten Abend, Frau Bauer. Ich bin Frau Faust.«

»Heißen Sie auch Gretchen?«, fragte Frau Bauer und lachte meckernd.

»Nein, Olga.«

»Ick bin die Fritzi«, sagte Frau Bauer. »Wir sind hier familiär.«

»Ich muss noch einmal runter, den zweiten Koffer holen«, sagte Olga und hatte sich schon weggedreht.

»Das macht Egon«, sagte Fritzi und schrie ins Innere der Wohnung. »Egon.«

Sofort näherte sich ein schlurfender Schritt, und Olga sah ein kleines zartes altes Männchen näherkommen.

»Der Koffer ist schwer«, gab sie erschrocken zu bedenken.

»Das macht nichts. Der sieht nur so aus. Egon war mal Europameister im Leichtgewicht.«

Egon nickte, lief erstaunlich leichtfüßig die Treppe hinunter und tauchte in bemerkenswert kurzer Zeit mit dem Koffer wieder auf. Sein Atem ging ganz normal.

»Alles Training«, sagte er zu Olga.

»Na, komm rin«, forderte Fritzi sie auf.

Olga folgte ihr in einen Flur, der mit seltsamen steinernen Figuren vollgestopft war. Es war mühsam, nirgendwo anzustoßen.

»Egon ist auch Untermieter«, sagte Fritzi, wieder mit diesem meckernden Lachen. »Nicht, dass du dir was Unmoralisches denkst.«

In welchem Jahrhundert war sie hier gelandet? Fritzi sah aus wie mindestens 80, und Egon schien ähnlich alt.

Fritzi riss eine Tür auf und deutete ins Zimmer. »Dein Heim.«

Olga trat näher. Auch hier war jedes freie Fleckchen mit Skulpturen bedeckt. Manche guckten bösartig, andere grinsten.

»Keine Bange. Zum Modellsitzen biste zu jung«, sagte Fritzi. »Unter 70 kommt hier keiner dran. Außer für viel Geld, aber danach siehste nich aus.«

Das stimmte. Olga war pleite und hatte sich schon Geld leihen müssen, um den Monat bis zum ersten Gehalt zu überstehen.

Auf dem Bett lag eine grell gestreifte Tagesdecke, aber wenigstens keine Skulptur.

»Kunst beruhigt. Wirste sehen«, sagte Fritzi. »Komm weiter.«

Der nächste Raum war das Badezimmer mit einer Wanne und Wasserhähnen, die ähnlich alt wirkten wie ihre Besitzerin.

»Das funktioniert alles«, sagte Fritzi in Olgas Gedanken hinein. »Die Therme ist jünger als ick«, setzte sie noch hinzu.

Dann winkte sie Olga, und sie kamen in eine erstaunlich große Küche. Ein Tisch für sechs Personen mit einer Eckbank und vier Stühlen stand an einer Wand, und es war so warm hier drin, dass Olga in Schweiß ausbrach.

»Das legt sich mit dem Alter«, sagte Fritzi und reichte ihr ein Taschentuch. »Wenn du mir sympathisch bist, zeige ick dir mein Atelier. Das ist intim. Deshalb muss ick abwarten. Willste Suppe?«

Olga nickte und tupfte sich die Stirn trocken. Fritzi nahm einen Teller, lief zum Herd und schöpfte eine kräftig nach Huhn riechende Suppe aus einem Topf. »Selbst gemacht«, sagte sie. »Wir kochen hier abwechselnd.«

»Ich kann nicht kochen«, gestand Olga.

»Kein Problem. Lernste schnell. Egon war auch so.«

Die Suppe schmeckte köstlich.

»Wie viele Leute wohnen denn hier?«, fragte Olga, nachdem sie aufgegessen hatte.

»Fünfe mit dir. Komm mit in den Salon. Dann stell ick dir alle vor.«

Der Salon stellte sich als ein großes Wohnzimmer heraus mit zwei Sofas, einem Diwan und vier Sesseln. Auch hier war alles sehr bunt.

»Egon kennste ja schon.«

Egon saß auf einem Sessel, löste Kreuzworträtsel, winkte ihr flüchtig zu und sah wieder in seine Zeitung. Ein Punk mit roten, wild auf seinem Kopf stehenden Haaren hatte sich erhoben.

»Das ist Tom, mein Enkel. Das ist Olga.«

»Tach«, sagte Tom und setzte sich wieder.

»Seine Eltern halten ihn nicht mehr aus«, sagte Fritzi. »Aber er ist harmlos und klaut nich.«

Tom tat so, als würde er verächtlich auf den Boden spucken.

»Keine Körperflüssigkeiten. Weder von Wotan noch von dir«, befahl Fritzi in strengem Ton.

»Wer ist Wotan?«, fragte Olga.

»Sein ständiger Begleiter«, antwortete Fritzi und wandte sich dem letzten Unbekannten zu. »Das ist Herbert, im Moment auf Hartz IV. Er muss durchgefüttert werden.«

Herbert war circa 50, hatte blonde, etwas zu lange Haare und war dünn. Er sah aus wie ein Beamter, fand Olga, vielleicht, weil er einen Anzug trug. Er schüttelte ihr so heftig die Hand, dass ihr ganzer Körper vibrierte.

»Hier gibt’s Fernsehen, aber nur nach demokratischer Abstimmung«, sagte Herbert.

»Spiel dir nicht so uff«, sagte Fritzi.

Irgendwo heulte jemand.

»Wotan ruft«, sagte Fritzi. »Du hast bestimmt sein Abendessen vergessen.«

»Er ist zu fett«, antwortete Tom patzig.

»Du bist zu faul«, entgegnete sie ungerührt. »Marsch, fütter ihn. Oder du kriegst auch nichts mehr zu essen.«

Tom verließ mürrisch das Zimmer.

»Man muss nur klar und deutlich mit ihm reden, dann ist er ein netter Junge«, sagte Fritzi.

Olga überlegte, wie Wotan aussah, und vor allem, wie groß er war.

»Setz dich doch endlich«, sagte Herbert. »Du machst mich ganz nervös.«

Olga setzte sich folgsam auf ein Sofa; es war so weich, dass sie tief einsackte. Sie fragte sich, ob sie ohne Hilfe wieder hochkäme.

»Wo kommst du her?«, fragte Herbert.

»Aus Hanau«, antwortete sie mechanisch, weil Tom mit einem Schäferhund den Raum betrat.

»Er ist harmlos«, sagte Fritzi.

»Du darfst ihm nur nicht seinen Knochen klauen«, sagte Tom spitz.

Wotan beachtete sie gar nicht. Er legte sich hin und nagte an etwas, das verdächtig nach einem Kopf aussah.

»Er frisst nur Totes«, sagte Fritzi beruhigend.

»Er kann noch lernen, er ist noch jung«, sagte Tom und sah Olga lauernd an. Er kann mich nicht leiden, schoss es ihr durch den Kopf.

»Spiel dich nicht auf«, warf Herbert ein. »Was machst du in Berlin?«, fragte er dann.

»Ich habe Arbeit in einem Anwaltsbüro bekommen«, antwortete sie folgsam.

»Erstaunlich«, sagte Herbert. »Ich hätte auf Politik getippt.«

»Wie ist morgens die Aufteilung im Bad?«, fragte Olga, die mit Schrecken an den nächsten Morgen dachte.

»Es gibt keine«, antwortete Fritzi. »Hier steht niemand früh auf. Du kannst dir frei entfalten. Hinten ist noch eine extra Toilette. Ick habe sie dir nicht gezeigt, weil dein Zimmer direkt neben dem Bad liegt.«

»Bist du Anwältin?«, fragte Herbert. »Wir haben hier ein paar Probleme.«

»Glücklicherweise nicht. Bloß Anwaltsgehilfin«, sagte Olga erschrocken. Ihr reichten ihre eigenen Schwierigkeiten.

»Ich kann dir Berlin zeigen«, sagte Herbert.

»Mal sehen«, antwortete sie knapp. Sie wollte Berlin erst mal allein kennenlernen.

»Worauf sind deine Anwälte spezialisiert?«, fragte er dann.

Er gibt nicht auf, dachte Olga. »Das weiß ich noch nicht«, antwortete sie.

»Wir brauchen jemanden für Sozialrecht und für Ausländerrecht«, schaltete sich Tom ein.

»Wieso das denn?«, fragte Olga verblüfft.

»Die Zeit ist noch nicht reif«, sagte Fritzi.

Olga fühlte sich plötzlich sehr müde. »Ich will jetzt schlafen«, sagte sie entschuldigend und stand mühsam auf. Immerhin kam sie hoch. Alle schauten ihr dabei zu, sie kannten die Sofas.

»Isst du morgen Abend mit uns?«, fragte Fritzi, als Olga schon an der Tür war.

»Gerne.«

Zuerst packte sie die beiden Koffer aus. Immerhin existierte ein alter Holzschrank inmitten der Kunst. Er war geräumig, aber Olga sah zuerst nach, ob sie Holzwurmspuren entdecken konnte. Es gab keine. Als sie ihren Schlafanzug anhatte, fragte sie sich, ob es etwas machen würde, wenn sie in diesem Aufzug jemandem begegnete. Das war ihr egal. Beim Zähneputzen entdeckte sie ihr erstes graues Haar. Sie riss es aus. Im Bett fühlte sie sich fremd und einsam und traurig.

2.

Olga war noch müde, als sie den Wecker klingeln hörte. Sie war mehrfach in der Nacht aufgewacht und hatte sich geärgert. Sie schlief seit Jahren gut und empfand das als ein ihr zustehendes Recht in einer anstrengenden Welt.

Sie quälte sich aus dem Bett und stellte sich ans Fenster. Es war schon hell draußen. In der gegenüberliegenden Wohnung konnte sie einen Mann erkennen, der am geöffneten Fenster stand und rauchte. Sie beneidete ihn, nicht um die Zigarette, sondern um sein zufriedenes Aussehen.

Dann eilte sie ins Bad und ärgerte sich, dass sie vergessen hatte zu fragen, wie das heiße Wasser funktionierte. Sie stellte sich in die Badewanne und drehte am Warmwasserhahn. Das Wasser lief, blieb aber kalt. Sie überlegte kurz, ob sie verzichten sollte. Aber sie hatte den Tag noch nie ohne Dusche beginnen können, deshalb duschte sie kalt. Als sie schon beim Abbrausen des Duschgels war, wurde das Wasser plötzlich sehr heiß. Jetzt fluchte sie und drehte hastig kaltes Wasser dazu. Beim Zähneputzen entdeckte sie ihr zweites graues Haar. Was für ein gelungener Tagesbeginn, dachte sie.

Olga zog sich hastig an: Jeans, ein Hemd und ein Jackett. Während sie ihre Jeans betrachtete, hoffte sie, dass sie nicht in einem Büro mit Jeansgegnern gelandet war. Erneut verfluchte sie sich, dass sie sich darauf eingelassen hatte, in einem Büro anzufangen, ohne sich persönlich vorstellen zu müssen. Die Anwälte waren zufrieden damit gewesen, dass das Arbeitsamt im ersten Jahr ihr Gehalt teilweise finanzierte, und das Gehalt war niedrig genug. Außerdem hätten sie die Anreise zur Vorstellung bezahlen müssen. Wahrscheinlich sind es Geizhälse, dachte Olga und eilte in die Küche, um wenigstens noch einen Kaffee zu trinken.

Vergeblich sah sie sich nach einer Kaffeemaschine um. Auf dem Küchentisch stand eine altmodische dickbauchige Kaffeekanne. Nach gründlicher Durchsuchung der Küche entdeckte sie einen Filter, der an einem Regal hing, daneben standen Filtertüten und eine Kaffeedose. Selbst ihre Oma besaß zum Schluss eine Maschine. Resigniert setzte sie einen Kessel Wasser auf den Herd und nahm vorsichtshalber das Pfeifdeckelchen ab, um die restlichen Bewohner nicht zu wecken. Warum eigentlich nicht, dachte sie dann. Diese ewige Neigung zur Rücksichtnahme! Das Leben wäre sicher vergnüglicher ohne – und sie hätte nicht so häufig Magenschmerzen.

Nachdem sie den Kaffee hastig getrunken hatte, zog sie ihre Winterjacke an und rannte die vier Stockwerke nach unten. Körperliches Training und das umsonst. Weil sie schon dabei war, rannte sie weiter bis zur S-Bahn und dort die Treppen hinauf. Hechelnd und ratlos stand sie vor dem Fahrkartenautomaten. »Berühren Sie den Bildschirm«, stand da. Als sie die Aufforderung befolgte, erschien ein Menü, mit dem sie nichts anfangen konnte. Hilflos drückte sie auf den ersten Vorschlag: Berlin A B, und es erschien: 2,70 Euro. Das musste stimmen, so viel hatte sie gestern auch in den Automaten gesteckt. In letzter Minute erinnerte sie sich daran, dass man hier die Karten stempeln musste. Sie brauchte eine Monatskarte. Wenigstens schien die S-Bahn hier häufig zu fahren. Kaum hatte sie sich nach einem Sitzplatz umgesehen, hörte sie einen ähnlichen Singsang wie gestern, es war jedoch ein anderer Mann, der mit der Motz durch die Reihen ging. Sie würde sich an die Obdachlosen gewöhnen. Und während sie dies dachte, fragte sie sich, ob die alle schwarzfuhren. Unwillkürlich sah sie sich nach einem Kontrolleur um, konnte aber keinen entdecken. Nur ein Schild, auf dem stand, dass es 60 Euro kostete, wenn man ohne gültigen Fahrausweis erwischt wurde. Da mussten viele Zeitungen verkauft werden.

Sie wusste, dass sie in Halensee aussteigen musste, weil sie aber keine Ahnung hatte, wie lange es bis dahin dauern würde, war sie angespannt und versuchte bei all dem Lärm der S-Bahn die automatischen Ansagen der Haltestellen zu verstehen. Nach einer Weile entdeckte sie, dass oben in der Bahn ein farbiges Band mit den jeweils drei nächsten Haltestellen mitlief. Jetzt konnte sie sich zurücklehnen und aus dem zerkratzten Fenster schauen. Sie sah hauptsächlich Häuser.

In Halensee musste sie wieder eine lange Treppe hinaufsteigen und oben auf den Bus warten. Er nannte sich Metrobus. Olga fand die Bezeichnung albern. Eine Metro war kein Bus. Als der Bus kam, drängelten sich alle Leute durch die vordere Tür, in der Mitte und hinten versuchte es keiner. Außerdem zeigten alle unaufgefordert ihre Fahrkarten. Berliner hatten merkwürdige Sitten. Es war ein Doppeldecker, aber Olga blieb unten. Irgendwann würde sie einen ganzen Tag lang nur Bus fahren.

Nach wenigen Haltestellen erreichte sie ihr Ziel. Der Kurfürstendamm sah anders aus, als sie es sich vorgestellt hatte. Es gab zwar viele Läden, aber nichts von dem, was angeboten wurde, war edel oder vornehm. Nervös schaute sie auf die Uhr; es war noch genügend Zeit, langsam zu gehen und sich einige Schaufenster anzusehen. Sie stand vor einem Humana-Laden mit gebrauchten Kleidern und sah ein wunderschönes riesengroßes Cordhemd für einen Euro. Früher hatte sie viel genäht. Ob sie es kaufen und auf ihre Größe verkleinern sollte? Aber nicht jetzt. Sie hatte nur eine Handtasche dabei. Und ihre Nähmaschine hatte sie auch nicht mitgebracht. Plötzlich hatte sie es eilig und ging mit großen Schritten weiter.

Das Büro lag in einem alten Gebäude, mit steinernen Verzierungen an den Stockwerken und Balkonen. Sie dachte an Fritzi. Innen gab es eine Halle mit einem großen Spiegel, in dem sie sich flüchtig betrachtete, bevor sie den Aufzug betrat. Hier war alles rund herum mit Spiegeln verkleidet. Olga mochte das nicht und schloss die Augen, aber davon wurde ihr schwindlig. Also starrte sie auf den Boden. Der Aufzug hielt mit einem kleinen Ruck, und sie musste aussteigen, obwohl sie lieber noch eine Weile hoch- und runtergefahren wäre.

Der Türsummer ertönte, und Olga trat beherzt in das Büro. Hinter einem großen Empfangstresen stand ein langhaariger jüngerer Mann mit einem Pferdeschwanz. Zu ihrer Erleichterung trug er Jeans.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er freundlich.

»Ich bin Frau Faust«, antwortete sie.

»Ja und?« Seine Freundlichkeit schien aufgebraucht.

Hinter ihm hatte sich ein kleiner Mops unter dem Schreibtisch hervorgewagt. Er bewegte sich sehr langsam. Wo auch immer sie hier hinkam, war schon ein Hund da. Sie kannte keine Hunde, ihre Freundinnen besaßen Katzen und sie selbst nichts dergleichen.

»Ich bin die Neue«, sagte Olga und dachte, blöder hätte sie es nicht formulieren können. Sie war näher an den Empfang getreten und sah, dass alle Wände bis zum Boden mit Aktenschränken vollgestellt waren. Vor einem dieser Schränke kniete ein junges Mädchen mit Kopfhörern auf den Schultern, die sie neugierig ansah. Optisch hätte sie die Freundin von Tom sein können.

»Die ist ja uralt«, sagte das Mädchen.

Olga duckte sich unwillkürlich und brach in Schweiß aus. Was hatten im Moment alle mit ihrem Alter?

»Du sollst Akten einsortieren und dich nicht einmischen, wenn Erwachsene reden«, sagte der Mann.

»Phh«, erwiderte das Mädchen und starrte Olga weiterhin an.

»Wir hatten Sie uns etwas anders vorgestellt«, sagte der Mann.

»Ich wollte hier arbeiten und nicht Modell stehen«, sagte Olga und hoffte, dass der Pferdeschwanz-Mann keiner der Anwälte war.

»Schüchtern sind Sie nicht.«

»Das stand nicht in der Stellenbeschreibung. Außerdem wird man in einem Anwaltsbüro wahnsinnig, wenn man schüchtern ist.«

»Sag ich auch immer«, fiel das Mädchen zustimmend ein.

»Wir brauchen eigentlich niemand«, sagte der Mann.

Das fing ja gut an, aber er war wohl keiner der Anwälte, dachte Olga bei sich. Es wäre nett, wenn sich jetzt einer von ihnen sehen lassen würde.

Der Mann ging zu einem Telefon und sagte »Hier ist eine Frau Faust« hinein.

Innerhalb kürzester Zeit betrat eine streng aussehende Frau den Raum. Das Kostüm, das sie trug, passte zu ihrem Gesichtsausdruck.

»Sie sind etwas spät«, sagte sie zu Olga. »Wir legen hier Wert auf Pünktlichkeit.«

Es wurde immer besser. Der Mann sah sie hilfesuchend an. Jetzt wurden Weichen gestellt.

»Ich heiße Volksdorf. Das ist Herr Petersen, und das ist der Lehrling.«

»Ich habe auch einen Namen«, protestierte das Mädchen und stand auf.

»An deiner Stelle würde ich mich hier nicht so in den Vordergrund spielen«, zischte Frau Volksdorf.

»Das tun Sie doch schon. Dabei sind Sie nicht mal Anwältin.« Das Mädchen machte wieder verächtlich »phh«.

»Und wie heißen Sie nun?«, fragte Olga. »Ich kann ja schließlich nicht Lehrling zu Ihnen sagen.«

»Warum nicht?«, fragte Frau Volksdorf. »Sie hat noch viel zu lernen, sehr viel zu lernen. So viel lernen passt gar nicht in das Wort Lehrling.«

Ob es hier immer so harmonisch zuging?

»Ich zeige Ihnen Ihren Arbeitsplatz«, sagte Frau Volksdorf.

»Ich heiße Sabrina Mischke«, rief ihnen das Mädchen nach.

»Dieser Lehrling ist eine Katastrophe«, seufzte Frau Volksdorf im Gehen. »Sie werden es ja noch sehen.« Sie führte Olga den Flur entlang und brachte sie in einen kleinen Raum. Wenigstens hatte er ein Fenster. Ansonsten gab es einen Schreibtisch mit Stuhl, einen großen Computer, Nachschlagewerke und ein Telefon.

»Ich hoffe, Sie beherrschen den Computer«, sagte sie spitz. Olga hatte den Eindruck, dass Frau Volksdorf ihn nicht beherrschte.

»Im Prinzip schon. Aber welches Programm?«, fragte sie.

»Das sehen Sie sicher, wenn Sie ihn einschalten. Sie sollen dafür sorgen, dass die Texte in Zukunft absolut fehlerfrei sind. Aber das wissen Sie ja sicher schon.«

Olga wusste gar nichts.

»Sie können sich ja als Erstes um die Texte der letzten Woche kümmern. Ich kenne mich mit Computern nicht aus, ich koordiniere und bearbeite die Fristen.«

Sie sprach das Wort Fristen aus, als handelte es sich um etwas Heiliges.

»Sie werden sich schon zurechtfinden«, sagte sie noch und verließ das Zimmer.

Olga schaltete den Computer ein und stellte erleichtert fest, dass die Texte in Word erfasst waren und nicht in einem Anwaltsprogramm. Das vereinfachte die Sache. Dann schaltete sie das Sprachprogramm ein und suchte sich auf dem Schreibtisch die passenden Akten. Es war nicht schlecht, ein eigenes Zimmer zu haben. Normalerweise hatten das nur Anwälte.

Als es Mittag wurde, ging sie zurück zum Empfang. Herr Petersen aß ein Wurstbrot und fütterte abwechselnd den Mops und sich.

»Machen Sie sich nichts draus«, sagte er fast freundlich, als er Olga sah. »Frau Volksdorf hat eine Stinkwut, weil sie dem Lehrling eine Frist gegeben und dann vergessen hat, sie zu kontrollieren. Das geht ihr gegen die Ehre. Außerdem kann sie es natürlich nicht zugeben und jetzt muss sie damit leben, dass sie sich zum ersten Mal in zehn Jahren verrechnet hat.«

»Das ist natürlich hart. Wo sind denn die Anwälte?«

»Bei Gericht, und Frau Held ist im Urlaub. Die tröpfeln hier heute erst am späten Nachmittag ein. Ich finde es sowieso besser, wenn sie weg sind.«

»Wo ist Frau Mischke?«

Er lachte. »Im Keller. Das würde ihr gefallen, wenn sie gehört hätte, wie Sie sie nennen. Ich habe sie in den Keller geschickt, alte Akten heraussuchen, weil ich dachte, es ist besser, wenn sie heute erst einmal aus der Schusslinie gebracht wird. Frau Volksdorf hat mal wieder ihren Sklaventreibertag. Das ist gelegentlich so und irgendwann wieder vorbei. Man darf sie einfach nicht so ernst nehmen. Meistens bleibt sie sowieso in ihrem Zimmer und brütet über den Fristen. Da sie Computer ablehnt, braucht sie natürlich für alles etwas länger.« Er lachte wieder.

»Ihnen gefällt das?«

»Natürlich. Es erhöht meine Machtposition. Das ist immer gut. Es ist einer der Gründe, warum ich Franz Josef mitbringen darf.«

»Ich habe noch nie von einem Hund gehört, der Franz Josef heißt«, sagte Olga.

»Das ist nur sein Büroname.«

»Nach der Arbeit heißt er anders? Und das kann er sich merken?«

»Wir haben doch alle Vor- und Nachnamen.«

Olga war sich unsicher, ob sie das jetzt richtig verstanden hatte, aber sie wollte auch nicht nachfragen. Außerdem hatte sie Hunger. Sie hatte noch nichts gegessen. »Wo kriegt man hier schnell etwas zu essen her?«

»Am schnellsten bei mir«, sagte er und holte aus seinem Rucksack ein weiteres Brot und einen Apfel hervor. »Ich verschenke es, wenn Sie in den Keller gehen und Sabrina Bescheid sagen, dass sie hochkommen soll.«

Olga nickte. »Okay. Wie finde ich sie?«

»Sie müssen einfach immer nur dem Licht nachgehen. Rufen hat keinen Zweck, weil sie garantiert wieder laut Musik hört.«

Olga fuhr in den Keller und ging dem Licht nach. Es war wirklich einfach. Der Lehrling hörte nicht nur Musik, sondern tanzte dazu. Es sah schön aus, weil ihr Schatten an der Wand gegenläufig mittanzte. Olga musste ihr auf die Schulter klopfen. Der Lehrling drehte sich gelassen zu ihr um und zog die Kopfhörer von den Ohren.

»Ist die Luft rein?«

»Das weiß ich nicht, aber Herr Petersen hat mich geschickt, Sie zu holen.«

»Wenn Clemens Sie schickt, ist sie rein. Er weiß immer alles«, sagte das Mädchen und lud sich einen Stapel Akten auf die Arme. »Das vereinfacht die Sache, Sie können hinter mir abschließen. Der Schlüssel steckt im Schloss.«

Olga folgte dem Mädchen nach oben. Sabrina warf die Akten mit Schwung auf die Empfangstheke.

»Ist die Einpeitscherin weg?«

»Du sollst keine Schimpfworte gegen höhere Angestellte gebrauchen«, rügte Herr Petersen.

»Das ist doch kein Schimpfwort. Willst du mich mal schimpfen hören?«

»Lieber nicht. Sie hat einen Termin und ist gegangen. Wenn du die Akten den Anfragen zusortiert hast, kannst du auch gehen. Und lern ein bisschen zu Hause, damit du die Arbeit morgen nicht verhaust.«

»Phh«, sagte das Mädchen und sortierte mit großer Geschwindigkeit die Akten in Postfächer. Dann setzte sie ihren Kopfhörer auf, zog eine viel zu große Jacke an und tanzte nach draußen.

»Ihr duzt euch?«, fragte Olga.

»Irgendwie muss man sich ja wehren.«

Sie biss in das Brot, und sofort war Franz Josef an ihrer Seite. »Muss ich ihm was abgeben?«

»Selbstverständlich nicht, aber es würde die Chancen erhöhen, ihn zum Freund zu gewinnen.«

»Was tut er, wenn man ihn zum Feind hat?«

»Freunden pinkelt er gelegentlich vor Freude auf die Schuhe, Feinde zwackt er in die Waden, wenn sie nicht damit rechnen.«

Olga warf Franz Josef sofort ein Stückchen Brot hin.

»Sie scheinen ein ängstliches Gemüt zu haben.«

»Nur bei Möpsen, die Franz Josef heißen. Ich würde es auch eher Vorsicht nennen.«

»Wenn Sie nett zu mir sind, können wir uns auch duzen.«

»Was bedeutet nett sein in diesem Fall?«

»Ich will um fünf gehen, aber das Telefon muss bis um sechs besetzt sein. Es wäre also nett, wenn du dich um fünf an den Empfang setzt und das Telefon bedienst.«

»Ich habe doch überhaupt keine Ahnung von diesem Büro.«

»Das schadet nichts. Im Grunde ist es sogar besser. Dann kannst du keine Auskunft erteilen und auch keine Fehler machen. Äußerst praktisch. Ich wollte, ich hätte auch keine Ahnung von diesem Büro.«

»Was werden die Anwälte sagen?«

»Denen ist das vollkommen egal. Hauptsache, das Telefon ist besetzt, und dann legen sie Wert auf kleine ausgefüllte Zettel. Diese rosafarbenen hier.« Er hielt sie hoch. »Du musst nur den Namen des Mandanten aufschreiben, die Uhrzeit, dessen Telefonnummer und was er will. Und natürlich welchen Anwalt er sprechen will.«

»Und was mache ich um sechs?«

»Dann schaltest du den Anrufbeantworter ein. Hier diesen Knopf. Ich hoffe, du kannst Englisch.«

»Äußerst mäßig.«

»Das macht nichts. Die Mandanten auch.«

»Und wer schließt ab?«

»Stimmt. Du hast keinen Schlüssel. Ich gebe dir den Ersatzschlüssel, falls die Anwälte nicht kommen. Den bringst du morgen wieder mit, und wir kümmern uns darum, dass du einen eigenen kriegst.«

»Wer ist wir?«

»Ich natürlich«, sagte Clemens und grinste.

Olga ging zurück zu ihren Texten und freute sich, dass sie nicht mehr jung genug war, um sich vor fremden Telefonanlagen, fremden Anwälten und fremden Mandanten zu fürchten.

Um fünf war noch kein Anwalt erschienen. Nachdem Clemens gegangen war, beschäftigte sie sich damit, Akten einzusortieren, und stellte fest, dass in den Schränken das Alphabet nur so ungefähr eingehalten wurde. Sie durfte nicht schon wieder anfangen, pingelig zu werden. Das würde nur dazu führen, dass sie hier Ordnung reinbrachte und mehr arbeitete, als sie musste. Stattdessen schlug sie willkürlich einige Akten auf und las, worum es ging. Ausländerrecht machten sie, stellte sie fest und dachte an Herbert.

Um sechs war sie immer noch allein. Sie schloss das Büro ab und ging zum Bus. In der S-Bahn lief wieder ein Singsang singender Obdachloser herum, aber sie war so müde, dass sie ihn nur am Rande wahrnahm.

Als sie vor der Haustür stand, stellte sie fest, dass sie keinen Schlüssel besaß. Das war ungewöhnlich, normalerweise war sie sehr organisiert. Sie klingelte und überlegte, wohin sie sich wenden sollte, wenn keiner aufmachte. Immerhin hatte sie Fritzis Telefonnummer und ein Handy dabei. Der Türöffner summte folgsam, und Olga stieg müde und erschöpft die Treppen hoch. Fritzi erwartete sie an der Tür, mit einem Kochlöffel in der Hand. Über dem Kaftan trug sie eine Schürze mit grün-gelb-gestreiften Papageien bedruckt, die eifrig auf ihrem runden Körper hin und her flatterten.

»Ick hab vergessen, dir nen Schlüssel zu geben. Ick vergesse immer, dass Menschen rauswollen. Ick bin meistens hier. Wann war ick das letzte Mal auf der Straße? Irgendwann vor langer Zeit.«

Sie griff in ihre Schürzentasche und kramte einen Schlüsselbund hervor, den sie Olga gab.

Im Flur roch es gut, aber ungewöhnlich.

»Es gibt Bohneneintopf mit Speck. Wir müssen sparen.« Fritzi hatte bemerkt, dass Olga rätselte. »Allerdings sofort. Wir hatten gedacht, du kommst früher.«

Als sie die Küche betraten, saßen die anderen schon am Tisch und sahen hungrig aus. Wotan lag unter dem Tisch und schlief.

Fritzi verteilte das Essen, und Olga wartete gespannt, ob ein Tischgebet gesprochen wurde, bis ihr auffiel, dass sie die Situation an frühere Besuche bei ihrer Oma erinnerte, da war das üblich.

»Willste dir mit uns vergesellschaften?«, fragte Fritzi unvermittelt.

»Was?«

»Vergesellschaften ist, wenn du arbeitest, und wir haben auch was davon«, sprang ihr Tom hilfreich bei.

Herbert tupfte sich den Mund mit der Serviette ab und sagte dann streng: »Du sollst nicht immer bei Dingen mitreden, die du nicht oder nur halb verstanden hast.«

»Elitäres Ekel«, gab Tom zur Antwort.

»Das ist ein Angebot und absolut freiwillig«, sagte Fritzi kauend.

»Nein, danke«, antwortete Olga. »Ich glaube, ich bin noch nicht so weit.«

»Gut«, sagte Fritzi und aß ungerührt weiter. »Vielleicht willste unsern armen Raucher unterstützen. Bei Hartz IV ist das nicht drin. Und für so’n alten Suchtlappen geht das nicht. Er ist unerträglich, wenn er keine Kippen hat. Ein Päckchen am Tag, und er ist ein ganz anderer Mensch. Wie umgedreht. Na, was hältste davon, eine gute Tat am Tag? Gesünder, als wenn du selber qualmst. Oder tuste das?«

Olga schüttelte den Kopf. »Früher.« Und sie dachte zurück an die Qualen des Aufhörens. Herbert tat ihr leid. »In Ordnung. Ich spende jeden Tag ein Päckchen.«

»Er raucht auch nur in seinem Zimmer. Das ist Gesetz hier, wegen des Nichtraucherschutzes und der Jugend.«

Tom schnaubte verächtlich. Davon wachte Wotan schlagartig auf, und er begann, unruhig in der Küche hin und her zu laufen. Offensichtlich wartete er auf seinen Anteil an der Mahlzeit.

»Ist noch zu heiß«, sagte Fritzi zu ihm. Daraufhin legte er sich wieder hin.

»Du warst nicht in der Schule. Ick weiß das ganz genau. Das nächste Mal sperr ick das Taschengeld.«

»Das kannste nicht. Das ist mein Recht.«

»Kannst mich ja verklagen.«

»Das ist sehr freundlich von dir«, sagte Herbert zu Olga, als hätte dieser kleine Disput nichts zu bedeuten. »Wahrscheinlich denkst du, die spinnen alle.«

Das dachte Olga tatsächlich, aber sie wollte es nicht so deutlich sagen, deshalb schwieg sie.

Nach dem Essen war sie so erledigt, dass sie sich schnell verabschiedete. Sie las noch ein wenig, dann schlief sie früh. Als sie wieder mitten in der Nacht aufwachte, überlegte sie, dass ein Glas Wasser vielleicht helfen würde. Sie schlich sich in Richtung Küche. Vor der Türe hörte sie Stimmengewirr. Vorsichtig lugte sie hinter der Tür hervor. Sie waren alle am Küchentisch versammelt und spielten ein Kartenspiel. Jeder hatte eine unterschiedliche Menge Chips vor sich liegen. Fritzi hatte die meisten. Unter diesen Umständen verzichtete sie lieber auf das Wasser.

3.

Morgens sah sie wieder den fremden Mann gegenüber eine Zigarette rauchen. Sofort fiel ihr Herbert ein, und sie legte das Geld für eine Schachtel Zigaretten auf den Küchentisch. Die Spuren der nächtlichen Spielerunde waren beseitigt. Wenn sie jede Nacht spielten, war es nicht verwunderlich, wenn es Tom nicht in die Schule schaffte.

Es gelang ihr, an der S-Bahn-Station daran zu denken, sich eine Monatskarte zu kaufen. Erst als sie im Büro ankam, fiel ihr auf, dass sie wieder vergessen hatte, sich etwas zu essen mitzunehmen. Franz Josef sah sie nur müde an und pinkelte nicht auf ihre Schuhe. Wahrscheinlich war sie noch nicht im Status des Freundes angelangt, und schon gar nicht ohne Wurstbrot. Während sie bei Clemens stand, wurde die Türe aufgeschlossen, und ein kleiner schlanker Mann trat ein und lief an ihnen vorbei.

»Tach. Hoffe es geht gut, mir auch. Danke.« Dann war er im Inneren des Büros verschwunden. Es war so schnell gegangen, dass sich Olga nicht genau erinnern konnte, wie er ausgesehen hatte. Sie würde ihn nicht wiedererkennen.

»Was war das?«, fragte sie.

»Rechtsanwalt Herzig, genannt Steppi, allerdings nur intern. Er ist so schnell wie der Steppenwind.« Clemens lachte.

Wieder öffnete sich die Tür, und ein großer kräftiger Mann mit Vollbart erschien. Er trug eine Aktentasche und eine zerknitterte Robe unter dem Arm.

»Guten Morgen.« Er stellte sich vor Olga und schüttelte ihr die Hand. »Sie sind sicherlich Frau Faust. Ich hoffe, Sie haben sich gut eingewöhnt.« Er hatte ihre Hand immer noch nicht losgelassen. »Ich liebe selbstständige Frauen.« Damit ließ er ihre Hand los und verschwand langsam.

»Rechtsanwalt von Stubenrath, genannt Püppi, auch intern.«

»Wer hat die Herren denn so getauft?«, fragte Olga verblüfft.

»Na, ich natürlich. Wer hat hier sonst noch Fantasie? Vielleicht Franz Josef, aber der spricht ja nicht, oder wenn er es tut, verstehen wir ihn nicht. Aber kein Wort zur Volksdorf.«

»Ehrensache«, sagte Olga. »Aber hat sie kein »genannt«?«

Clemens sah sie einen kurzen Moment intensiv an, dann sagte er: »Frettchen. Aber Vorsicht, sie hat Ohren wie ein Luchs und nicht die Spur von Humor. Die Anwälte haben schon keinen, außer wenn sie Witze erzählen natürlich. Aber das Frettchen versteht noch nicht mal die Witze.«

Olga fragte sich, wie sie wohl genannt werden würde und ob sie lange genug bliebe, um das herauszukriegen.

Jetzt klingelte es Sturm. Clemens drückte auf den Summer, und eine Frau mit wirrem schwarzem Haar stürzte in den Raum. Olga stand immer noch vor dem Empfang, und die Frau rannte auf sie zu, fiel vor ihr auf die Knie, umklammerte mit einer Hand ihre Beine, griff mit der anderen nach ihrer Hand und drückte unablässig Küsse darauf.

»Hilf mir, hilf mir«, jammerte sie.

Olga war so verblüfft, dass sie sich nicht rühren konnte.

Clemens war auf die andere Seite des Empfangs geeilt und sagte: »Frau Fatahi, lassen Sie das auf der Stelle. Außerdem irren Sie sich, sie ist keine Anwältin. Sie ist unsere neue Mitarbeiterin.«

»Mein Mann darf nicht gehen«, schluchzte Frau Fatahi. »Sie müssen es verbieten.« Sie schrie so laut, dass Franz Josef aufwachte und verwirrt um sich sah.

»Wir können ihn nicht anbinden«, entgegnete Clemens. »Jetzt gehen Sie wieder nach Hause, es gibt im Moment nichts zu tun. Sie müssen abwarten. Wir kümmern uns.«

Ein weiterer Tränenstrom war die Antwort, aber sie ließ sich tatsächlich zur Türe schieben und ging.

»Sie muss ihn sehr lieben«, sagte Olga, die froh war, wieder mit Clemens allein zu sein.

»Natürlich nicht«, erwiderte Clemens. »Es gibt viel weniger Liebe auf der Welt, als man denkt. Und diesen Mann liebt garantiert keiner. Wahrscheinlich hat ihn seine Mutter auch nicht geliebt, und das sind die Spätfolgen. Wie auch immer, auf jeden Fall kommt die Scheidung zu früh. Er hätte noch mindestens ein halbes Jahr warten sollen; jetzt ist ihr Aufenthalt gefährdet, und deshalb regt sie sich so auf.«

»Und warum hat sie sich auf mich gestürzt?«, fragte Olga und war immer noch überrascht.

»Oh, sie glaubt noch an Frauensolidarität«, antwortete Clemens sachlich.

»Du nicht?«, fragte sie.

»Natürlich, aber bei mir äußert sich das nicht so laut.«

»Kommt sie häufiger?«

»Mehrmals die Woche. Aber für diese Woche haben wir sie hinter uns gebracht. Heute wird sie nicht noch einmal kommen, so viel Zeit bleibt nicht bis zwei.«

»Wieso bis zwei?«

»Weil heute Freitag ist, da können wir um zwei verschwinden.«

Olga sah aus dem Fenster, die Sonne schien. Allein in einer fremden Stadt, summte es in ihrem Kopf. Tucholsky war bestimmt nie allein gewesen in Berlin, außer er wollte es. Darum konnte er auch solche Gedichte schreiben. Sie wäre gerne spazieren gegangen, wenn sie schon frei hatte, aber nicht allein. Dann fiel ihr Herbert ein, und die Vorstellung, allein zu gehen, wurde ihr sofort sympathischer.