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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Langsam senkte sich der Sarg mit den sterblichen Überresten Herta Feldmanns in die Grube, die man im hartgefrorenen Erdreich ausgehoben hatte. Max Feldmann erschauerte. Er fror, aber dieses Frieren hatte nichts mit der klirrenden Kälte, die auf dem Friedhof herrschte, zu tun. Seine Blicke glitten über die anderen Trauergäste und blieben schließlich an einem nahestehenden Grabstein haften. Goldene Buchstaben auf schwarzem Marmor: »Requiscat in pace.« Latein war eine Sprache, an der Max Feldmann seit früher Jugend mit besonderer Liebe hing, die auch seine Berufswahl bestimmt hatte. Die Worte geisterten in seinem Kopf herum. Hatte Herta nun ihren Frieden gefunden? War es überhaupt möglich, dass die Seele einer Mutter, die ein sechsjähriges Kind zurückgelassen hatte, Frieden fand? War sie nicht dazu verdammt, ruhelos herumzuirren? Allerlei Leute drückten die Hand des Witwers und murmelten Beileidsfloskeln. Dann ein derber Schlag auf Max' Schulter. »Kopf hoch, alter Knabe. Du darfst jetzt nicht verzweifeln.« Das war typisch für Dieter Bauer, dessen herzhafte und laute Stimme schlecht in die düstere Umgebung passte. Trotzdem war Max ihm dankbar. Dieter hatte die unsichtbare Mauer, die zwischen ihm und den übrigen Anwesenden bestanden hatte, durchbrochen. Hoffnungsvoll sah Max jetzt zu Birgit, Dieters Frau und Hertas bester Freundin, hinüber. Birgit gegenüber hatte Herta keine Geheimnisse gehabt. Vielleicht wusste sie, in welchem seelischen Zustand sich Herta befunden hatte? Doch Birgit Bauer wich seinem Blick aus. Sie senkte die Augen, biss sich auf die Lippen und trat einen Schritt zurück. Also auch Birgit. Max seufzte. Birgit Bauer verurteilte ihn ebenso wie die übrigen Trauergäste. Seine Schwiegereltern
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Langsam senkte sich der Sarg mit den sterblichen Überresten Herta Feldmanns in die Grube, die man im hartgefrorenen Erdreich ausgehoben hatte. Max Feldmann erschauerte. Er fror, aber dieses Frieren hatte nichts mit der klirrenden Kälte, die auf dem Friedhof herrschte, zu tun. Seine Blicke glitten über die anderen Trauergäste und blieben schließlich an einem nahestehenden Grabstein haften. Goldene Buchstaben auf schwarzem Marmor: »Requiscat in pace.«
Latein war eine Sprache, an der Max Feldmann seit früher Jugend mit besonderer Liebe hing, die auch seine Berufswahl bestimmt hatte. Die Worte geisterten in seinem Kopf herum. Hatte Herta nun ihren Frieden gefunden? War es überhaupt möglich, dass die Seele einer Mutter, die ein sechsjähriges Kind zurückgelassen hatte, Frieden fand? War sie nicht dazu verdammt, ruhelos herumzuirren?
Allerlei Leute drückten die Hand des Witwers und murmelten Beileidsfloskeln. Dann ein derber Schlag auf Max’ Schulter. »Kopf hoch, alter Knabe. Du darfst jetzt nicht verzweifeln.«
Das war typisch für Dieter Bauer, dessen herzhafte und laute Stimme schlecht in die düstere Umgebung passte. Trotzdem war Max ihm dankbar. Dieter hatte die unsichtbare Mauer, die zwischen ihm und den übrigen Anwesenden bestanden hatte, durchbrochen. Hoffnungsvoll sah Max jetzt zu Birgit, Dieters Frau und Hertas bester Freundin, hinüber. Birgit gegenüber hatte Herta keine Geheimnisse gehabt. Vielleicht wusste sie, in welchem seelischen Zustand sich Herta befunden hatte? Doch Birgit Bauer wich seinem Blick aus. Sie senkte die Augen, biss sich auf die Lippen und trat einen Schritt zurück.
Also auch Birgit. Max seufzte. Birgit Bauer verurteilte ihn ebenso wie die übrigen Trauergäste. Seine Schwiegereltern hatten kein Wort mit ihm gewechselt, doch die Blicke, die sie ihm zuwarfen, sagten genug. Sie drückten gehässige Feindseligkeit aus.
Harte Erdbrocken fielen auf den Sarg. Die Totengräber schaufelten bereits das Grab zu. Noch immer konnte Max kaum fassen, dass Herta da unten lag. Herta, deren beinahe krankhafte Lebensgier ihm manchmal sehr auf die Nerven gegangen, war nun tot. Warum gerade Herta? Ausgerechnet sie, die stets eine überschäumende Lebendigkeit aufgewiesen hatte. In letzter Zeit, allerdings …
»Sie war sonderbar und launenhaft.«
Max blickte erschrocken auf. Hatte er soeben laut seine Gedanken ausgesprochen? Nein, die Mienen der anderen drückten noch die gleiche zurückhaltende Verschlossenheit aus wie zu Beginn der Zeremonie, als sie die in Max schlummernden Schuldgefühle aufs Neue geweckt hatten. Schuld? Wo lag sie? Bei wem?
In früheren Jahrhunderten hatte man Selbstmörder in aller Stille außerhalb des Friedhofs verscharrt. Heutzutage verhielt sich die Kirche toleranter. Der Pfarrer hatte vorhin von einer plötzlichen geistigen Verwirrung gesprochen, und Max klammerte sich trotz besseren Wissens an diese Worte des Priesters.
Eine plötzlich geistige Verwirrung – wenn es doch so gewesen wäre. Aber Hertas ganzes Wesen sprach gegen diese Annahme. Ihre Handlungen waren stets logisch und vernünftig gewesen. Nur ihr Tod bildete eine Ausnahme.
Seit Max seine Frau vor acht Tagen mit durchschossenem Kopf im Schlafzimmer gefunden hatte, zermarterte er sich das Gehirn nach ihren Beweggründen für den Freitod. Hatte sie gefühlt, dass er sich innerlich im Lauf der Jahre immer mehr von ihr entfernt hatte? Wenn ja, so hatte sie sich nichts davon anmerken lassen. Außerdem hatte er selbst seine Gefühle ständig unter Kontrolle gehalten, um ihr seine wachsende Abneigung, die manchmal sogar in Widerwillen gipfelte, nicht zu zeigen. Bis vor einer Woche hatte er angenommen, dass ihm das auch gelungen sei.
Herta war kein empfindsamer Mensch gewesen. Sie hatte ihn zwar mit Vorwürfen geplagt, aber das hatte sie seit Beginn ihrer Ehe getan, und damals hatte er sie noch bedingungslos geliebt. Erst nach und nach war ihm klar geworden, dass Herta und er sowohl im Charakter als auch in ihren Lebenserwartungen völlig verschieden waren. Katharina war zur Welt gekommen, und dem Kinde zuliebe hatte er sich bemüht, das Beste aus seiner Ehe zu machen. Er war soweit wie möglich auf Hertas Wünsche eingegangen, war bestrebt gewesen, seine Lebensweise der ihren anzupassen. Aber natürlich hatte er nicht immer sein eigentliches Wesen verleugnen können. Zwangsläufig war es deshalb zu Auseinandersetzungen gekommen.
Max Feldmann war Studienrat. Er unterrichtete am Maibacher Gymnasium die Fächer Deutsch und Latein. Er liebte seinen Beruf und seine Schüler und pflegte sich gewissenhaft auf seine Stunden vorzubereiten, was Herta stets achselzuckend zur Kenntnis genommen hatte. Kein Verständnis hatte sie jedoch dafür aufbringen können, dass Max einen großen Teil seiner Freizeit seinen Schülern widmete. Er übte mit ihnen Theateraufführungen ein und hatte für die Probleme der jungen Leute immer ein offenes Ohr. Herta hatte oft geklagt, dass ihm seine Schüler mehr am Herzen lägen als seine Familie. Noch mehr aber hatte es sie geärgert, wenn er sich am Abend bequem in einen Sessel gesetzt, ein Buch oder eine Zeitschrift zur Hand genommen und sich darin vertieft hatte. Herta wollte ausgehen, tanzen, unter Leute kommen und sich amüsieren. Seinen Hinweis, dass er die kleine Katharina am Abend nicht allein lassen wollte, hatte sie stets mit der Bemerkung abgetan, dass sich eine Menge seiner Schüler darum reißen würden, bei Katharina Babysitter zu spielen.
»Daheim bleiben und in der Stube hocken kann ich auch dann noch, wenn ich alt bin«, hatte Herta zu sagen gepflegt. »Jetzt bin ich jung und möchte etwas vom Leben haben.«
Meistens hatte Max nachgegeben, sein Buch aufseufzend weggelegt und einen Babysitter angerufen. Dann war er mit Herta ausgegangen. Oft genug war das für ihn ein Opfer gewesen, doch das hatte Herta nicht eingesehen. Sie hatte den Haushalt und das Kind versorgt. Beides waren Tätigkeiten, für die sie nicht allzu viel übrig gehabt hatte. Hatte sie nicht auch ein Recht auf Abwechslung und Zerstreuung?
Um des lieben Friedens willen hatte Max es ihr zugestanden. In seinem Jugendfreund Dieter Bauer und dessen Frau Birgit hatte Herta verwandte Seelen gefunden. Die beiden Ehepaare hatten sich eng aneinander angeschlossen. Birgit war kinderlos. Sie hatte die kleine Katharina bald liebgewonnen und sich daran gewöhnt, sie zu beaufsichtigen, wenn Herta ihren Nähkurs oder zum Friseur oder zur Kosmetikerin musste.
Es kränkte und verletzte Max, dass auch Birgit an seine Schuld seinerseits zu glauben schien. Sie wenigstens musste doch wissen, dass er seiner Frau niemals Grund zu einer derartigen Verzweiflungstat gegeben hatte. Hatte Birgit denn nicht bemerkt, dass er immer, auch gegen seine innere Überzeugung, auf Hertas Wünsche eingegangen war? Nein, seinetwegen hatte Herta nicht Selbstmord begangen. Die Schuldgefühle, die ihn plagten, waren rein privater Natur. Niemand außer ihm selbst konnte wissen, dass seine Liebe zu Herta längst erkaltet war. Sicher hatte auch Herta davon nichts bemerkt. Dazu war sie einerseits viel zu wenig sensibel und andererseits zu sehr von sich eingenommen gewesen.
Nur in der letzten Zeit und in den letzten Wochen vor ihrem Tod war Herta anders gewesen. In den Weihnachtsferien, die sie zu Hause verbracht hatten, war sie ihm seltsam ruhelos vorgekommen. Nichts hatten er und Katharina ihr recht machen können. Entweder war Herta ausgelassen und lustig gewesen – oder sie hatte in einem Winkel gehockt und apathisch vor sich hin gestarrt. Auf seine besorgten Fragen, ob sie sich nicht wohl fühle, hatte sie barsch geantwortet, dass er sie gefälligst in Ruhe lassen und sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern sollte.
Nach den Ferien war zu ihrem schwankenden Gemütszustand noch eine bis dahin nie gekannte Nervosität gekommen. Um sie aus diese für ihn unbegreiflichen Stimmungen herauszureißen, hatte Max einmal vorgeschlagen, Hertas Lieblingslokal zu besuchen. Doch zu seiner Verwunderung hatte sie abgelehnt. Sie hatte keine Lust gehabt, das Einfamilienhaus am Stadtrand von Maibach, das sie bewohnten, zu verlassen. Sogar beim Läuten des Telefons war sie ängstlich zusammengezuckt, hatte ihm aber keine Erklärung für dieses sonderbare Verhalten gegeben.
Katharina gegenüber war Herta in diesen Tagen von einer überströmenden Zärtlichkeit gewesen. Am Abend hatte sie am Bett des Kindes gesessen, bis es eingeschlafen war. Das hatte sie früher niemals getan.
Waren das alles Anzeichen einer beginnenden geistigen Verwirrung gewesen, die schließlich zu der unerklärlichen Tat geführt hatte? Max fand keine Antwort auf diese Frage. Seit einer Woche grübelte er darüber nach und kam zu keinem Ergebnis. Er stand vor einem Rätsel. Die Außenstehenden schienen ihn zu verurteilen – zwar nicht anklagend und lautstark, sondern fast unmerklich, indem sie sich von ihm zurückzogen und ihm nur leere, nichtssagende Phrasen zukommen ließen. Max konnte ihnen das nicht einmal verargen. War es nicht naheliegend, dass er, der Ehemann der Toten, etwas getan hatte, was sie zu der schrecklichen Tat getrieben hatte? Nur er allein wusste, dass es nicht so war.
Am ehesten brachten ihm noch seine Kollegen und Schüler Verständnis entgegen. Das waren die Leute, die ihn am besten kannten, die ihm nichts Böses zutrauten. Seine Tochter Katharina hatte das, was vorgefallen war, nicht begriffen. Sie glaubte, dass ihre Mutter krank sei und eines Tages wiederkommen würde. Dass es für Herta Feldmann keine Wiederkehr gab, ahnte sie nicht. Beim Begräbnis war Katharina nicht dabeigewesen. Um ihr diesen Schock zu ersparen, hatte Max sie einer Kollegin anvertraut, die sich die paar Stunden um das Kind kümmerte.
Als Max sie von dort abholte, wunderte Katharina sich bloß über seinen dunklen Anzug und die schwarze Krawatte. »Warum hast du heute ein Hemd und eine Krawatte an und keinen Rollkragenpulli wie sonst immer?«, fragte das Kind. »Und noch dazu eine schwarze Krawatte? Warum nimmst du nicht die schöne rote, die du zu Weihnachten bekommen hast?«
»Das ist unmöglich«, entgegnete Max ungeduldig. »Quäl mich jetzt nicht wegen der dummen Krawatte!«
»Bist du böse auf mich? Du bist gar nicht lieb zu mir!«
»Ach, Katharina!« Max schloss das Kind in seine Arme und drückte es an sich. »Verzeih mir, wenn ich unfreundlich bin. Aber ich habe Sorgen …«
»Wegen Mutti? Weil sie so krank ist?«, fragte Katharina hellhörig.
»Ja, wegen Mutti«, murmelte Max tonlos.
»Wann kommt sie endlich wieder nach Hause? Es ist schon eine Woche her, dass sie fort ist.«
»Es wird noch länger dauern. Viel länger. Mutti ist nämlich …« Er hielt inne, denn er brachte es nicht über sich, dem Kind die Wahrheit zu sagen.
»Ja? Was ist Mutti?«
»Ich erkläre es dir ein anderes Mal.«
»Wenn ich sie wenigstens im Krankenhaus besuchen könnte«, sagte Katharina sehnsüchtig.
»Das geht leider nicht. So und jetzt wollen wir sehen, was es zu essen gibt.«
»Bist du hungrig, Vati?«
»Nein.« Der bloße Gedanke an eine Mahlzeit war ihm zuwider. Aber er wusste, dass er sich nicht gehen lassen durfte. »Nein, ich bin nicht hungrig«, wiederholte er. »Aber du musst etwas essen. Was soll es heute sein? Rührei oder Nudelsuppe?«
»Immer das gleiche«, maulte Katharina. »Ich hätte Lust auf Erbsenpüree und Schinken.«
»Das kann ich nicht kochen. Das ist zu kompliziert. Du musst dir etwas Einfacheres aussuchen.«
»Gulasch?«, fragte Katharina hoffnungsvoll.
Trotz seiner trüben Gedanken musste Max lächeln. »Nein, ich fürchte, auch Gulasch liegt jenseits der Möglichkeiten«, gab er betrübt zu.
»Aber das ist ganz einfach!«, rief Katharina aus. »Ich weiß, wie man Gulasch kocht. Ich könnte es allein machen, nur würde Mutti nicht erlauben, dass ich die Dose aufmache.«
»Die Dose?«, fragte Max verständnislos.
»Die Dose, in der das Gulasch ist. Man macht sie auf, aber dabei muss man aufpassen, hat Mutti gesagt, dass man sich nicht am scharfen Rand schneidet. Dann tut man das Gulasch in einen Topf und kocht es. Umrühren muss man auch.«
»Na ja, das würde ich vielleicht schaffen«, stellte Max fest. »Aber haben wir eine Gulaschdose daheim? Und Kartoffeln würden wir auch brauchen. Wir können nicht nur Gulasch essen.«
»Komm in die Küche, Vati. Ich weiß, wo alle Sachen sind, die wir brauchen.«
Max folgte dem Befehl seiner Tochter. Katharina kramte eifrig in den Küchenschränken herum und beförderte einen Sack Kartoffeln und eine Gulaschdose zu Tage. Sie stellte die Kartoffeln dazu, wobei es ihr Spaß zu machen schien, einmal Hausfrau spielen zu dürfen. »Die Dose machen wir erst auf, wenn die Kartoffeln weich sind«, erklärte sie ihrem Vater, der sich ihren Anordnungen fügte.
»Eigentlich könnten wir unseren Speiseplan abwechslungsreicher gestalten«, meinte er. »Wenn man nur Dosen zu öffnen braucht, ist das gar nicht so schwierig. Was haben wir denn noch für Vorräte?«
»Das weiß ich nicht«, entgegnete Katharina.
»Na, dann wollen wir einmal nachschauen«, sagte Max und wandte sich dem Schrank zu, aus dem Katharina eben die Gulaschkonserve geholt hatte. Er durchstöberte die Lebensmittelvorräte und überlegte, wie sie zu verwenden wären. Und dann fand er die Flaschen. Er holte sie hervor und starrte, ohne zu begreifen, auf die Etiketten.
»Leer. Die ist leer und die auch«, flüsterte Max vor sich hin. Noch kam ihm die Bedeutung seines Fundes nicht zu Bewusstsein. Woher hatte Herta diese Flaschen? Wozu hatte sie sie gebraucht?
Kopfschüttelnd schaute er auch in den anderen Fächern nach. Und diesmal fielen ihm eine volle und eine halbvolle Flasche in die Hand. Er schraubte den Verschluss ab und roch an dem Inhalt. Er stimmte zweifellos mit den Angaben auf den Etiketten überein. – Ein hochprozentiger Weinbrand.
Max nahm die Flaschen und stellte sie vor sich auf den Küchentisch. Er konnte nichts anderes tun, als sie anstarren. Herta hatte vor den Feiertagen eine Menge gebacken. Er wusste, dass sie, um des besseren Geschmacks willen, oft einen Eßlöffel Kognak oder Rum in den Teig gegeben hatte. Und einmal hatte es flambierte Ananasscheiben gegeben. Aber unmöglich konnte Herta dabei zweieinhalb Liter Weinbrand verbraucht haben.
Max fühlte den Blick seiner Tochter auf sich ruhen. Irritiert sah er auf und begegnete ihren großen Augen, die ihn so sehr an Hertas Augen erinnerten. Überhaupt glich das Mädchen seiner Mutter. Die braunen Haare fielen ihm weich und leicht gelockt auf die Schultern; Nase und Mund waren klein und hübsch geformt. Noch fehlte auf Katharinas Gesicht der Ausdruck ständiger Unzufriedenheit, der Max an Herta so sehr gestört hatte. Max hoffte, ihn bei Katharina niemals erblicken zu müssen. Im Wesen war das Kind ja auch eher ihm ähnlich. Es neigte zur Ruhe und Bedächtigkeit.
»Warum siehst du mich so an?«, fragte Max, da ihm Katharinas Blick eigentümlich beobachtend vorkam.
»Die …, die Flaschen«, stotterte Katharina. »Ich glaube, es wird Mutti nicht recht sein, dass du sie herausgenommen hast. Ich, ich glaube, Mutti hat sie absichtlich so weit hinten hingestellt, damit …, damit sie versteckt sind.«
»Das musst du mir genauer erklären«, befahl Max. Die Strenge, die dabei in seiner Stimme lag, erschreckte Katharina. Sie schwieg.
»Also – was ist mit diesen Flaschen?«
»Ich, ich habe nur einmal davon gekostet«, stammelte Katharina. »Ganz, ganz wenig nur. Es schmeckte scheußlich, und mein Mund brannte nachher.«
»Ich verstehe nicht. Wie bist du dazu gekommen, von diesem Zeug zu kosten?«
»Mutti hat es doch auch getrunken«, verteidigte sich Katharina. »Ein großes Glas voll. Und da habe ich gedacht, dass es gut sein muss. Ich habe nur ein kleines bisschen davon genippt – wirklich nur ein kleines bisschen.«
»Mutti hat es auch getrunken«, wiederholte Max kaum hörbar.
»Aber mir hat sie es weggenommen«, beschwerte sich Katharina. »Sie hat mir das Glas aus der Hand gerissen und furchtbar geschimpft. Dann hat sie gesagt, dass ich …, dass ich dir nichts davon erzählen darf.«
Katharina senkte schuldbewusst den Kopf. Sie wartete darauf, dass ihr Vater etwas sagen würde, aber er saß nur da und vergrub sein Gesicht in den Händen.
Eine Weile schwieg Katharina. Dann wurde ihr die Situation unheimlich. »Was hast du, Vati?«, fragte sie. »Magst du mich nicht mehr, weil ich es dir erzählt habe, obwohl Mutti es mir verboten hat? Ich wollte es dir nicht sagen, aber …, aber …«
Verstört sah Max auf. Seine Miene erschreckte Katharina. »Ach, Vati, bitte schau mich nicht so an«, bat sie. »Habe ich etwas angestellt?«
Max riss sich zusammen. »Du? Nein«, erwiderte er mit heiserer Stimme. »Du hast nichts angestellt. Trotzdem möchte ich jetzt allein sein. Willst du nicht ein wenig schlafen?«
»Schlafen? Jetzt? Ich habe doch noch nicht einmal zu Mittag gegessen.«
»Mittag gegessen? Ach so …, ja …, dein Mittagessen. Bist du denn hungrig?«
»Freilich bin ich hungrig«, sagte Katharina. Das Verhalten ihres Vaters wurde ihr immer unheimlicher. So kannte sie ihn nicht. In einem derartigen Zustand hatte sie ihn noch nie gesehen. Er war die ganze letzte Woche schon so komisch gewesen, aber jetzt kam er ihr beinahe wie ein Fremder vor.
Katharina war gewohnt, dass ihr Vater auf sie zuging, aber momentan schien er mit seinen Gedanken weit weg zu sein. Sie traute sich nicht mehr, ihn zu stören, und wollte, wenn es ihm lieber war, doch schlafen gehen, auch wenn ihr Magen hörbar knurrte.
Mit gesenktem Kopf schlich Katharina zur Tür. Erst als die diese öffnete, wurde Max, der das Essen schon wieder vergessen hatte, auf das Kind aufmerksam. »Wohin gehst du, Katharina?«
»Schla…, schlafen«, erwiderte Katharina mit merklich schwankender Stimme. Fast schluchzte sie. »Du hast doch gesagt, ich soll schlafen gehen. Jetzt gehe ich, obwohl ich einen furchtbaren Hunger habe.«
Max fuhr sich über die Stirn. Das Verlangen, allein gelassen zu werden, war beinahe übermächtig in ihm, aber er zwang sich zur Ruhe. Er durfte das Kind, das der Situation verständnislos gegenüberstand, nicht noch mehr verängstigen.
»Warte, du bekommst dein Gulasch«, sagte er gepresst und stellte einen Teller auf den Küchentisch.
»Und du? Isst du gar nichts?«, fragte Katharina, indem sie vergeblich auf einen zweiten Teller gewartet hatte.
»Ich esse später«, erwiderte Max.
Katharina sah ihn aufmerksam an, schwieg jedoch. Sie fühlte, dass etwas nicht in Ordnung war und dass ihr Vater sich mühsam beherrschte. Sie machte sich daran, die Kartoffeln zu schälen, während Max geistesabwesend die Konserve öffnete und den Inhalt erwärmte.
