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Tim Fuchs wird von seiner eigenen Geschichte verfolgt wie ein Schatten: unfassbar und doch ganz nah. Um Licht in seine eigene Vergangenheit zu bringen, kehrt er von Hamburg nach Augsburg zurück, wo alles begann. Als Praktikant in Manfred Kellers Detektivbüro lernt er die wunderbare Frau Hänggi kennen. Sie beauftragt die Ermittler, einen Mord an ihrer Schwester nachzuweisen. Gemeinsam mit Franziska Lausitz, einer jungen Mutter mit Eheproblemen und Herry Zinsmeister, einem introvertierten Computer-Nerd, beginnen Manfred Keller und Tim Fuchs, die Geschichte der toten Frau in der Badewanne zu rekonstruieren.
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Seitenzahl: 213
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Julie Starke
Mutterherz Teil 1
Herzstillstand
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Hinweis
Prolog
Etwa drei Monate zuvor
Montag, 05. März 2012
Dienstag, 06. März 2012
Mittwoch, 07. März 2012
Freitag, 09. März 2012
Montag, 12. März 2012
Dienstag, 13. März 2012
Mittwoch, 14. März 2012
Donnerstag, 15. März 2012
Dienstag, 27. März 2012
Impressum
Hinweis
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Jegliche Vervielfältigung und jeder Auszug bedürfen der
Genehmigung des Autors.
Nahezu alle Figuren, Orte und Handlungen in diesem Werk basieren auf realen Personen, Plätzen und Ereignissen. Die Namen und Zusammenhänge dieser Geschichte sind jedoch frei erfunden.
Julie Starke
Mutterherz
Der erste Fall für Tim Fuchs
Teil 1 Herzstillstand
Kriminalroman
Prolog
Es ist erstaunlich, welche Gedanken einem durch den Kopf gehen, wenn man 21 Jahre alt und kerngesund ist und weiß, dass man in den nächsten Augenblicken sterben wird. Kurz vor dem Ende zieht nicht etwa das ganze Leben wie in einem Film noch einmal an einem vorüber und lässt besondere Ereignisse noch einmal vor dem geistigen Auge auftauchen. Nein, es sind einzelne Bilder, die plötzlich erscheinen. Einzelne Bilder, die das noch arbeitende Gehirn, aus welchen Gründen auch immer auswählt, damit man daran noch ein paar Gedanken verschwenden kann, bevor alles für immer in der Dunkelheit verschwindet. Es sind Dinge, die auftauchen, die mit dem eigenen bevorstehenden Sterben nichts zu tun haben. Wie die apfelgrüne Regenjacke, die in der verregneten Nacht vor dem Eingang der Spielhalle gut zu sehen war und Lena-Maries weißer Laptop, der noch zu Hause steht. Er ist repariert und sie hat ihn noch nicht zurück. Keiner weiß, dass es ihr Laptop ist. Sie wird ihren Laptop wahrscheinlich nie wieder sehen. Vielleicht erfährt sie es auch gar nicht, wenn er tot ist. Sie wird sich nur fragen, warum er sich an seinem letzten Arbeitstag nicht verabschiedete, nicht mehr anruft, auf SMS nicht antwortet. Wird sie traurig sein, wenn sie nichts mehr von ihm hört? Oder verärgert?
Seit seinem letzten Tritt gegen die Wand spürt er, wie ihn die Kräfte verlassen. Er schreit, obwohl der Hals schon schmerzt. Er schlägt mit den Fäusten und tritt mit den Füßen gegen die schalldichten Wände. Er schreit und schlägt. Und verstummt schließlich. Sein Handy verrät ihm, dass die achte Stunde anbricht, in der er hier gefangen ist. Acht Stunden in einem Raum ohne Sauerstoffzufuhr. Einem Raum, der etwa vier Quadratmeter Grundfläche, kein Fenster und nur eine Tür hat. Er fühlt sich schwach.
Sein Herz schlägt viel zu schnell. Seine Atemzüge werden hastig und tiefer als gewöhnlich. Sterben ist leicht, denkt Tim müde. Er weiß, dass die Müdigkeit nur ein Symptom ist. Ein Symptom dafür, dass sein Körper auf Sparflamme stellt, weil es hier zu wenig Sauerstoff in der Luft gibt. Zuwenig Luft, um zu überleben. Zu wenig, weil es nirgendwo auch nur eine Ritze gibt, durch die weitere Luft eindringen kann und der Raum hermetisch abgeriegelt ist, damit keiner eindringen kann. Ob sich die Konstrukteure je überlegt haben, dass man auch nicht mehr herauskann, wenn die Tür einmal verriegelt ist? Bald wird die Luft in dem kleinen Raum verbraucht sein. Atemluft besteht überwiegend aus Stickstoff und Sauerstoff und einer winzigen Menge an Kohlenstoffdioxid, verschiedenen Edelgasen und Wasserdampf. Bei jedem Atemzug nimmt der Sauerstoffgehalt ab und der Kohlenstoffdioxidgehalt zu – sein Körper sorgt Atemzug für Atemzug für das Ende, wie ganz von selbst.
Er wird sterben. Gleich wird alles vorbei sein. Er hat die Tatsache innerhalb der Stunden, die er hier eingeschlossen ist, längst akzeptiert. Es gibt keinen Ausweg. Alle Möglichkeiten sind längst ausgelotet. Er stirbt sowieso. Seine Mutter wird den Verrat, den er an ihr beging, nie erfahren. Der Gedanke beruhigt ihn. Es war niemals seine Absicht, ihr das Herz zu brechen. Die Angst vor dem Tod weicht schwerer Müdigkeit. Sie hinterlässt eine Spur Verzweiflung und den Gedanken, dass sein Lebensbeginn genauso verboten war, wie es jetzt sein Ende sein wird. Dennoch gibt es tatsächlich noch eine einzige Sache, die er erledigen möchte - erledigen muss. Erledigen muss, damit sein Tod nicht völlig sinnlos ist.
Es kostet ihn Kraft, dem Drang, die Augen zu schließen, nicht nachzugeben. Die Lust, sich jetzt gehen zu lassen, überfällt ihn wie ein kriechender Schatten. Sein Wille stirbt mit ihm. Nicht jetzt, denkt sich Tim und zwingt sich dazu, seine Kräfte ein letztes Mal zu mobilisieren, ein letztes Mal, bevor alles zu Ende ist.
Kohlendioxid ist schwerer als Sauerstoff. Vielleicht hat er noch ein paar Minuten mehr, wenn er sich hinstellt? Ein paar Minuten nur, lang genug, um einen Text ins Handy zu tippen. Ins Handy, welches hier keinen Empfang hat. Ins Handy, das man bei seiner Leiche finden wird. Er muss denjenigen, die ihn finden werden, eine Botschaft hinterlassen. Er rappelt sich hoch und schwankt, als habe er keinen festen Boden unter den Füßen. Als stehe er auf einem Ponton am Hafen – fest angebunden, aber doch nur auf der Wasseroberfläche aufliegend. Er steht. Das erste Gefühl ist enttäuschend. Einen Unterschied der Luft weiter oben merkt er nicht. Aber vielleicht ist der Sauerstoffgehalt trotzdem besser, auch wenn man ihn nicht spüren kann? Selbst, wenn es keine Minuten sein sollten - vielleicht reicht es, um ihm ein paar Augenblicke mehr zu schenken. Die Hände kribbeln beim Berühren des Tastenfelds. Das Display leuchtet auf. Es war immer leicht grünstichig, aber jetzt leuchtet es orange. Das kann nicht sein. Tim reibt sich mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand die inneren Augenwinkel und blinzelt dann ein paar Mal, um zu sehen, dass es nicht mehr orange sondern gelblich wirkt. Er ist so müde, unglaublich müde. Er kann kaum das kleine Display fokussieren. Nicht hinsetzen, denkt er noch. Bleib stehen und schreib es auf! Er lehnt sich mit dem Rücken an die Wand, um sich abzustützen. Seine Turnschuhe suchen ein wenig und stehen endlich rutschfest auf dem glatten Boden. Seine Füße darin kribbeln genau wie Hände und Gesicht. Kurz denkt er an die Ebay-Auktion, die heute Abend ausläuft, als er auf dem Display die Ebay-App erkennt. Für diesen Verkauf wird er niemals eine gute Bewertung bekommen, weil er die Ware nicht mehr verschicken kann. Aufschreiben, er wollte irgendetwas aufschreiben! Er öffnet die Erinnerungsfunktion und gibt als Erinnerungszeitpunkt täglich 14 Uhr ein. 14 Uhr, eine gute Uhrzeit. Irgendjemand wird sich des Telefons annehmen. Vielleicht die Polizei. Vielleicht sein Onkel Stephan. Oder Manfred Keller. Herr Keller wird verstehen, was er mitteilt. Beim zweiten Versuch klappt es. Jetzt fehlt nur noch der Text. Langsam reibt er sich die Schläfen und füllt noch einmal seine Lungen mit der sauerstoffarmen Luft. Jetzt fällt es ihm wieder ein, was er aufschreiben will und er zwingt die Finger seiner rechten Hand dazu, über das Tastenfeld zu wandern und Buchstaben einzutippen. Buchstaben eines Namens. Den Namen der Person, die wie er weiß, nicht nur für seinen Tod verantwortlich ist.
Etwa drei Monate zuvor
Montag, 05. März 2012
„Ich grüße Sie!“ rief Herr Keller und sein ausgestreckter rechter Arm eilte seinen schnellen Schritten voraus. Sein linker Arm blieb leblos am Körper.
„Frau Hänggi?“ Sie nickte und gab ihm ihre rechte Hand, an der vier goldene Ringe blitzten. Tim erhob sich und hoffte für sie, dass Herr Kellers Schraubzwingenpranke darauf Rücksicht nahm. Frau Hänggi verzog keine Miene – entweder war sie hart im Nehmen oder Herr Keller hatte sich zurückgehalten.
„Mein Name ist Manfred Keller, wir hatten miteinander telefoniert. Warten Sie schon lang? Entschuldigen Sie bitte die Verspätung. Ich war mit der Straßenbahn unterwegs und ein parkender Autofahrer blockierte eine der Schienen. Bitte, kommen Sie doch in das Besprechungszimmer!“
Die Dame nickte und ließ sich von Herrn Keller begleiten. Über die Schulter hinweg forderte Herr Keller den erleichterten Tim stumm auf, mitzukommen. Für eine Sekunde warf Tim unschlüssig einen Blick auf die Toilettentür. Dann folgte er seinem Chef in den Besprechungsraum.
„Dies ist der neue Praktikant in unserem Haus, Herr Fuchs“, stellte Herr Keller Tim vor, nach dem die Dame am runden Besprechungstisch Platz zwischen den beiden Männern nahm. Er tat gerade so, als würde er ständig Praktikanten beschäftigen. Tim sagte nichts. Er war nur froh, dass sein Boss endlich erschienen war, nach dem er endlose zwanzig Minuten lang mit der Kundin auf ihn gewartet hatte.
„Sie haben ihn ja schon kennen gelernt. Zu Ausbildungszwecken hätte ich ihn gerne bei dem Gespräch dabei, sofern Sie nichts dagegen haben.“ Abwesend nickte Frau Hänggi wieder.
„Bitte, möchten Sie etwas trinken?“
„Nein, danke. Mir wurde durch Herrn Fuchs bereits Kaffee angeboten!“
Ein kurzes, warmes Freudengefühl überkam Tim, weil sein Chef knapp anerkennend nickte. Eine leise Hoffnung keimte in ihm auf, dass er ihn jetzt bitten würde, trotzdem noch für Getränke zu sorgen – vielleicht hatte er ja selbst Durst – dann könnte er schnell austreten. Aber Herr Keller machte keine Anstalten in dieser Richtung. Er stieg gleich in das Gespräch ein.
„Am Telefon sagten Sie, dass es um Ihre Schwester ginge und Sie Hilfe bei Ermittlungen benötigen. Bitte, erzählen Sie davon.“
Silvia Hänggi sprach schnell und drehte die Ringe an ihren manikürten Fingern, während sie redete.
„Meine Schwester Christine lebt hier, hier in Augsburg. Unser Elternhaus ist in Diedorf gewesen, aber unsere Eltern sind schon seit zwei Jahren tot. Vielleicht kennen Sie die Firma meiner Eltern: Druckereitechnik Deubacher AG. Schon vor dem Tod meines Vaters haben Christine und ich uns aus der praktischen Arbeit der Firma zurückgezogen, aber sie wird immer noch unter dem gleichen Namen geführt. Meine Schwester und ich hatten auch die meisten Geschäftsanteile. Ich wohne in der Schweiz. Ich und mein Mann mit unseren Kindern. Er ist Schweizer und kurz vor der Hochzeit im Jahre 2000 bin ich zu ihm nach St. Moritz gezogen. Seit letztem Jahr habe ich auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Ich hab‘ ein paar Tage Luft und wollte meine Schwester übers verlängerte Wochenende besuchen. Mein Mann konnte nicht mitkommen. Er ist zurzeit geschäftlich unterwegs. Er muss zur Luftfahrtmesse in Paris und noch einige Projekte vorbereiten und so wollte ich alleine reisen. Die Kinder sind bei meinen Schwiegereltern. Wenn man nicht mehr viel Verwandtschaft hat, ist es besonders wichtig, sich darum zu kümmern. Und, und, und…“ sie schnappte nach Luft und ihre wimperngetuschten hellbraunen Augen füllten sich mit Tränen. Ein sanftes Hellbraun, wie Kaffee mit sehr viel Milch.
„Es tut mir Leid, ich bin so durcheinander.“
„Das ist schon in Ordnung, Frau Hänggi. Darf ich Ihnen doch etwas zu trinken anbieten?“
Tim drückte seinen Rücken durch, bereit, gleich aufzuspringen.
„Nein, danke. Ich hab jetzt wirklich keinen Durst. Es ist alles so schrecklich!“
Umsichtig holte Herr Keller eine Taschentücherpackung aus seinem Jackett hervor und reichte sie der Kundin.
Tim richtete seine Augen auf die schöne Frau mit den traurigen Mundwinkeln. Sie sprach langsam weiter. Und das, was er zu hören bekam, ließ ihn fassungslos den Mund aufsperren und seine Augen weiten. Er konnte kaum glauben, was sie da sagte. Bisher dachte er, sein Praktikum würde mit ein bisschen den-Chef-durch-die-Gegend-fahren, einigen Ehegattenobservierungen, den lästigen Kfz-Kennzeichen-Überprüfungen und den Einwohnermeldeamtsauskünften bis zum Ende des Sommers ausgefüllt sein. Doch dieser Auftrag verlangte weit mehr.
„Meine Schwester lag tot in der Badewanne als ich kam. Die Polizei sagt, sie sei betrunken gewesen und deshalb in der Wanne ertrunken, das käme bei Alkoholikern schon mal vor.“
„Oh, das tut mir Leid“, stieß Tim hervor und Frau Hänggi sah ihm mit ihren hellbraunen Augen direkt ins Gesicht. Tim wurde heiß und kalt.
„Nicht, dass mit dem Betrunken sein, meine ich“, er wich dem Blick aus und spürte, dass er auf die Toilette musste. „Ich wollte sagen, es tut mir sehr Leid, dass Sie Ihre Schwester tot in…“
Kellers strenger Blick ließ ihn verstummen. Frau Hänggi holte tief Luft und sprach dann gefasst weiter.
„Meine Schwester hatte kein Alkoholproblem! Sie hat gelegentlich mal einen Schluck Wein getrunken, das ist alles. Sie wurde umgebracht, es muss so sein! Es kann nicht anders sein! Aber die Polizei glaubt mir nicht. Sie sagt, es gab kein gewaltsames Eindringen und die Wohnung war verschlossen. Das stimmt auch, ich hab die Wohnung ja selbst aufgeschlossen! Aber nie im Leben hat meine Schwester sich so betrunken, dass sie daran stirbt!“
Frau Hänggi schnäuzte in das Papiertaschentuch. Keller sagte nichts und so fuhr sie fort:
„Die Polizei glaubt nicht an ein Verbrechen. Erst nachdem ich sagte, ich komme für alle Kosten auf, hat man der Obduktion eingewilligt und sie auf mein Drängen in die Pathologie gebracht. Heute früh rief mich die Polizei an. Nach der vorläufigen Feststellung habe sie an Nierenversagen gelitten, sei ohnmächtig geworden und dann ertrunken. Der Polizist sagte zu mir, dass es ein unglücklicher Unfall war. Wahrscheinlich hätte meine Schwester zu heiß gebadet und sei dann ohnmächtig geworden. Ich habe diese Idee als absurd abgetan und ihm gesagt, dass das Nierenversagen durch irgendetwas verursacht worden sein muss. Er sagte mir dann, es könne sogar ein kombinierter Suizid sein, indem sie sich bis zur Ohnmacht vergiftet habe und in der Badewanne ertrinken wollte. Dadurch, dass sie von meinem Besuch wusste, wäre ihr klar gewesen, dass man sie bald finden würde. Das sei nicht untypisch bei Selbstmord und von Selbstmördern meist beabsichtigt. Das ist so, so, so unverschämt! Sie hat sich nicht selbst getötet, das hätte sie nie getan! Ich kenn doch meine Schwester. Und was soll das heißen, ein Unfall? Wollen die ernsthaft behaupten, sie sei so betrunken gewesen, dass sie in der Badewanne ertrinken konnte? Sie hatte auch nie Probleme mit den Nieren. Ich habe am Nachmittag zuvor noch mit ihr telefoniert! Wenn sie krank gewesen wäre, hätte sie mir das gesagt. Sie hatte Gift im Körper, ich bin mir sicher! Wie ist es da rein gekommen? Wozu hätte sie das nehmen sollen? Verstehen Sie? Ich brauche Hilfe, sonst stellt die Polizei das Verfahren ein und ihr Mörder läuft hier frei herum!“
Herr Keller nickte verständnisvoll. Tim überlegte, ob er sagen sollte, dass Alkohol durchaus auch Gift sein und zu Nierenversagen führen konnte. Er sah kurz in das verzweifelte Gesicht der Kundin und verkniff sich die Bemerkung.
„Sie möchten, dass wir herauskriegen, wer Ihre Schwester getötet hat.“
„Und warum“, ergänzte Silvia Hänggi.
Herr Keller nickte und machte eine kurze Pause, bevor er weiter sprach.
„Mein Stundensatz bei Ermittlungen beträgt 150,00 € zuzüglich Auslagen und Mehrwertsteuer. Wenn meine Assistenten für Sie tätig werden, beträgt der Stundensatz 80,00 €. Und bei umfangreichen Ermittlungsarbeiten könnte es sein, dass schnell ein- bis zweihundert Stunden zusammen kommen, obwohl ich sehr zügig arbeite.“
„Geld spielt keine Rolle, Herr Keller, glauben Sie mir! Hier geht es um meine Schwester. Und um den Ruf meiner Familie und um den Ruf der Firma meiner Eltern. Christine war kein suizidaler Alkoholiker. 150,00 € pro Stunde sind völlig in Ordnung.“
„Ich brauche von Ihnen verschiedene Informationen, ich würde mir gern auch den Tatort ansehen“, Herr Keller sah Frau Hänggi sachlich an. „Wurde er von der Polizei versiegelt?“
„Nein, sie gehen ja nicht von einem Mord, sondern allenfalls von einem Unfall aus. Ich hab den Schlüssel für die Wohnung. Wir können gleich hinfahren.“
Manfred Keller überlegte kurz. Ob er sich wohl davon beeinflussen ließ, wenn jemand so hübsch und gepflegt aussah? Frau Hänggi hob entschlossen ihr Kinn.
„Es wäre mir sehr recht, wenn Sie sich das so schnell wie möglich ansehen würden!“
Herr Keller nickte. Mit seiner rechten Hand schob er Frau Hänggi ein Auftragsformular hin. In Tim wuchs die Hoffnung, endlich austreten zu können. In diesem Augenblick bat er Tim, ihr beim Ausfüllen zu helfen und verließ dann den Raum. Es wäre Tim lieber gewesen, Keller hätte die drei Zettel mit der Kundin selbst ausgefüllt. Geduldig ging er Zeile um Zeile mit Frau Hänggi durch und sah der dritten und letzten Seite mit Erleichterung entgegen. Er lehnte sich zurück, als Frau Hänggi mit den schwungvollen Schnörkeln einer typischen Mädchenhandschrift ihre Unterschrift unter den Vertrag setzte. Er erhob sich, um den neuen Auftrag ins Büro zu tragen und stieß in der Tür des Besprechungsraumes beinahe mit Herrn Keller zusammen. Zwischen Daumen und Zeigefinger Manfred Kellers rechter Hand baumelte der kompakte Schlüssel seines BMWs an einem silbrigen Schlüsselring.
„Soll ich jetzt fahren?“ fragte Tim mit Blick auf den Schlüssel.
„In Anbetracht der Tatsache, dass Beamen noch nicht funktioniert und ich keinen Hubschrauber habe, mit dem wir den Tatort erreichen – ja!“
Tim seufzte innerlich, sein Gesicht blieb regungslos. Stumm tauschte er den Schlüssel mit dem ausgefüllten Auftragsformular, das Herr Keller gleich in seine Mappe steckte. Dann begleitete er die beiden mit dem sehnsüchtigen Gedanken an eine Toilette zum Parkplatz.
Noch nie zuvor war Tim Fuchs mit einen BMW 760i mit Automatikgetriebe gefahren. Während der letzten Woche hatte er die carbonschwarze Limousine in der Garage schon einige Male bewundert. Der Gedanke, das erst vor kurzem zugelassene Fahrzeug selbst lenken zu dürfen, erfüllte ihn mit warmer Freude. Ein bisschen angespannt war er dennoch, denn dies war mit Sicherheit das teuerste Auto, in dem er je saß – und er hatte schon in vielen teuren Wagen gesessen. Tims Vater Thomas Fuchs betrieb in Hamburg Bergedorf ein Miettaxiunternehmen, welches als Taxi ausgerüstete Fahrzeuge an Taxiunternehmen und für Filmaufnahmen zur Verfügung stellte. Sein Vater hatte eine ansehnliche Flotte und es gab oft brandaktuelle Modelle darunter. Ein 760er BMW war allerdings nicht dabei.
Der Innenraum roch noch ganz neu. Der Benzinmotor der 544 PS starken Limousine raunte angenehm und schon nach wenigen Metern Fahrt genoss Tim, im dunklen Leder des Fahrersitzes zurückgelehnt auf den Straßen durch den Augsburger Nachmittagsverkehr zu gleiten. Herr Keller besaß für seine Detektei einen gut ausgestatteten Fuhrpark von insgesamt acht Fahrzeugen. Bisher war Tim nur den kleinen Smart gefahren, um Herrn Keller zu seinen Terminen zu bringen und wieder abzuholen. Der weiße Kleinwagen war wendig und zuverlässig, aber kein Vergleich zu dieser Oberklassenlimousine. Tim hatte den BMW schon ein paar Male sehnsüchtig angesehen und sich dabei gefragt, wozu ein solch stattlicher Wagen wohl benötigt würde. Er hatte zwar getönte Fensterscheiben, was ein Hereinsehen von außen unmöglich machte. Um jemanden damit unauffällig zu beschatten, erschien ihm das auffällig teure Modell allerdings nicht geeignet. Jetzt beschlich ihn eine Ahnung. Um eine Kundin wie Frau Hänggi zu einem Tatort zu fahren, war es sicher genau der richtige Wagen. Wahrscheinlich war sie teure Autos gewohnt. Außerdem ließ ein derart in Anschaffung und Unterhalt kostspieliges Fahrzeug darauf schließen, dass Kellers Detektei erfolgreich geführt wurde. Ob der BMW wohl schon abbezahlt war? Er hörte das Klacken des Gurtes auf dem Rücksitz und sah auch, wie sich Herr Keller anschnallte. Unschlüssig hielt Tim den Schlüssel in der Hand. Es gab kein Schloss, in das er ihn stecken konnte. Er sah suchend umher.
„Wir können los!“ sagte Frau Hänggi, als würden alle auf sie warten.
„Ja, sofort!“ sagte Tim und das Herz klopfte im Dreivierteltakt.
„Hier“, Keller zeigte auf einen Knopf am Lenkrad. Im ersten Augenblick dachte Tim, er wolle ihn hochnehmen. Er suchte noch immer nach dem Loch, in das der Schlüssel passen könnte. Dann begriff er und drückte darauf. Der Motor startete. Nach ein paar Sekunden legte Tim den Schlüssel, den er noch immer in der Hand hielt, auf die Mittelkonsole.
Die Ampel an der Gögginger Brücke schaltete von Gelb auf Rot. Tim drückte sanft auf die Bremse. Vor ihm ragte der an den Wittelsbacher Park grenzende Hotelturm in den Himmel. Seine weiß-rot-gestreifte Antennenspitze kratzte 158 m hoch in den Frühjahrswolkenhimmel und gehörte damit zu den zehn höchsten Bauwerken in Bayern. Unter der Brücke bahnten sich die Schwellen bis zum Hauptbahnhof ihren Weg. Eine kleine rote Rangierlok quietschte über eine Weiche und ein ICE aus Hamburg fuhr an, um seinen Weg in Richtung München fortzusetzen. Die spärliche Nachmittagssonne quetschte sich frech durch eine Wolkenlücke und malte dabei Glitzerstreifen auf die Dächer der Wagen. Sie näherten sich dem Tatort.
Als die Ampel auf Grün umschaltete, drückte Tim das Gaspedal – es tat sich aber nichts. Der Motor hatte sich abgeschaltet. Wie konnte das passiert sein? Tims Herzschlag beschleunigte. Seine Hand wollte den Schlüssel im Zündschloss umdrehen und griff ins Leere. Stumm beugte sich Herr Keller vor und drückte wieder auf den Startknopf. Willig brummte der Motor auf. Tim mied es, seinen Chef anzusehen und fuhr an. Im Innenspiegel sah er Frau Keller, welche sich im Fond des Wagens die Nase putzte. Sie hatte wohl nichts bemerkt und Tims Puls verlangsamte sich wieder.
In welches Haus die Dame sie wohl führen würde? Die Häuser der Moltkestraße im Augsburger Antonsviertel wirkten teilnahmslos und fast gelangweilt im Augsburger Hochnebelgrau, während sie auf die den Straßenrand säumenden Autos der unteren Mittelklasse blickten. Vielleicht störten sie sich genau wie ihre Bewohner an den Bauarbeiten, die an einem der Häuser stattfanden und mit viel Lärm, Staub und Dreck einhergingen. Frau Hänggi deutete auf einen gepflegten Garten vor einer grünweißlackierten Tür und suchte den Schlüssel heraus. Fast gleichzeitig sprang ihnen die altmodische Glasfenstertür entgegen. Eine dunkelhaarige, schlanke Frau mit Pferdeschwanz eilte heraus. Italienerin, dachte Tim sofort.
„Hoppla!“ rief sie überrascht, weil sie fast in Tim hineingerannt wäre und stolperte durch die Tür. Tim fiel die deutliche Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen auf, die groß genug war, um bequem einen Fiat Cinquecento darin zu parken.
„Grüß Gott!“ stammelte Tim und auch Manfred Keller und Frau Hänggi grüßten. Doch die Dunkelhaarige hatte es offenbar eilig und rannte grußlos an ihnen vorbei.
Vor ihnen lag ein schlichtes, aber gepflegtes Treppenhaus. Sie stiegen die Steinstufen bis in den zweiten Stock hinauf, Frau Hänggi, die Velourstasche unter den Arm geklemmt und den Schlüssel in der Hand voran, dahinter Herr Keller, in seiner rechten Hand einen schwarzen Koffer tragend und zuletzt Tim, der langsam merkte, dass er sehr bald eine Toilette brauchte. Frau Hänggi sperrte mit einem flachen Sicherheitsschlüssel die mittlere Eingangstür auf. Zwei silbrige Schrauben an der Tür befestigten ein ovales, matt gebürstetes Edelstahlschild, auf dem in geschwungenen Buchstaben der Name „Deubacher“ stand.
Keller trat zuerst ein. Dann folgte Tim. Zuletzt schloss Frau Hänggi die Eingangstür hinter sich. Tim sah noch nichts weiter, als einen hellen, gepflegten Dielenbereich, aber von der Optik ließen sich seine Sinne nicht täuschen. Ein einziger Atemzug genügte, um es wahrzunehmen und er schreckte unwillkürlich zurück. Er sah gleichzeitig, wie Frau Hänggi die Nase kraus zog und wie die rechte Hand des Detektivs zu seiner Nase eilte, als könne sie diese vor ihm schützen - dem eigentümlich widerlich süßlichen Geruch des Todes.
„Wir haben bereits gründlich gelüftet. Der Gestank war entsetzlich. Im Bad war es am Schlimmsten“, stammelte Frau Hänggi. „Man konnte es keine Minute aushalten.“
„Am besten machen wir die Fenster gleich wieder auf“, schlug Tim vor und wollte gerade die Türklinke zum Wohnzimmertür herunterdrücken, als Keller ihn von der Seite anherrschte:
„Nichts anfassen! Wenn das tatsächlich ein Tatort ist – und davon müssen wir ausgehen – dürfen wir keine Spuren verändern oder verwischen. Und auch keine neuen machen.“
„Aber die Polizei war schon da“, sagte Frau Hänggi verständnislos. „Sie hat die Wohnung schon angesehen.“
„Trotzdem“, beharrte Herr Keller. „Nur weil Polizisten unprofessionell arbeiten, heißt das nicht, dass wir das auch tun werden.“
Aus seinem großen Koffer, den er im Flur abstellte, holte er zwei weiße Schutzanzüge mit Kapuze heraus. In dem Koffer befanden sich auch Chemikalien, Behälter und Pinzetten und verschiedene Instrumente, die man zur Spurensicherung brauchte. Die Männer kletterten in die knisternden Anzüge. Frau Hänggi brauchte keinen, denn ihre Spuren waren ohnehin schon überall in der Wohnung und sie versprach, sich zurückzuhalten. Keller reichte ihr lediglich einen Mundschutz und ein paar Handschuhe und gab Tim eine weitere kleine Tüte. Verunsichert blickte Tim auf das Kunststoffsäckchen und fieselte es auseinander. Es waren zwei unförmige Gebilde. Was um Himmels Willen sollte er damit tun? Er kam sich gegenüber Frau Hänggi völlig lächerlich vor, die abwartend an der Eingangstür gelehnt stand. Er schielte zu Herrn Keller und verstand. Dieser zog sich mit viel Mühe und Geschick mit seiner rechten Hand eines dieser Säckchen über die Straßenschuhe. Erleichtert tat Tim es ihm nach. Zum Schluss zogen sie Einweghandschuhe über, wobei Manfred Keller seine Zähne zu Hilfe nahm. Jetzt waren sie buchstäblich bis auf das Gesicht verhüllt. So musste sich ein Kunstwerk von Christo fühlen. Von Kopf bis Fuß bedeckt durch den Ganzkörperanzug fragte Tim sich, wie er wohl so zum Klo gehen könne. Er wandte sich um.
Es hätte 1000 Scherben geben können. Ein lauter Knall und alles wäre zerstört worden. Im letzten Augenblick fand Tim jedoch sein Gleichgewicht wieder und rammte den Türrahmen der Wohnzimmertüre und nicht die gläserne Vitrine. Der Schmerz in der Schulter war unangenehm, aber erträglich. Unerträglich war die Peinlichkeit, weil sowohl der Boss als auch die Kundin zusahen, wie er tollpatschig gegen den Rahmen knallte.
„Haben Sie sich etwas getan?“ erkundigte sich Frau Hänggi besorgt und Tim schüttelte den Kopf, gleichzeitig wünschend, der Boden möge sich auftun. Die Vitrine hatte drei Glasböden. Auf der obersten fanden sich allerlei Nippes, zahlreiche kleine Figürchen aus edlem Kristall, die bei einem Sturz wohl kaum unversehrt geblieben wären. Die darunter stehenden fünf Weingläser hätten es wohl noch weniger überlebt und eine Etage tiefer gab es zwei Reihen mit je drei hohen Sektgläsern aus sehr dünnwandigem Glas. Tim rieb sich die schmerzende Schulter und blickte nach unten, um zu sehen, worauf er ausgerutscht war. Die Plastiküberzieher waren nicht gerade rutschfestes Schuhwerk und der goldbraune Parkettboden war nur teilweise von einem dicken, hellfarbenen Teppich mit Mustern bedeckt.
„Passt schon. Ich bin nur ausgerutscht. Es geht schon wieder. Ich hätte besser auf den Teppich treten sollen“, sagte er entschuldigend. „Holla. Das ist ein echter Perser, nicht?“
„Nein“, antwortete Silvia Hänggi nickend.
