Mutterherz Teil 2 - Julie Starke - E-Book

Mutterherz Teil 2 E-Book

Julie Starke

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Beschreibung

Das Streben nach Gewinn, die Liebe für ein Kind, die Gier nach Erfolg, der Wunsch nach Erkenntnis, die Angst vor dem Unbekannten - jeder hat etwas, das ihn antreibt – so auch der Mörder von Christine Deubacher. Musste sie sterben, weil sie sich als Umweltaktivistin Feinde machte? Oder weil sie die Tochter eines erfolgreichen Geschäftsmannes war? Oder weil sie sich in ihren Chef verliebte? Vielleicht starb sie, weil jemand ihre Arbeitsstelle wollte oder gar, weil sie nicht in die Familie passte? Stück für Stück kommen die Ermittler der Detektei Keller in Augsburg weiter. Währenddessen hält Praktikant Tim es gegenüber seinen Kollegen und der Auftraggeberin geheim, adoptiert zu sein, um in Ruhe parallel seine dunkle Herkunft erforschen zu können.

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Seitenzahl: 264

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Julie Starke

Mutterherz Teil 2

Herzenssache

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Titel

Was bisher geschah:

Mittwoch, 28. März 2012

Montag, 02. April 2012

Nacht auf Dienstag, 03. April 2012

Dienstag, 03. April 2012

Karfreitag 06. April 2012

Ostersamstag, 07. April 2012

Ostersonntag, 08. April 2012

Dienstag, 10. April 2012

Mittwoch, 11. April 2012

Donnerstag, 12. April 2012

Freitag, 13. April 2012

Samstag und Sonntag, 14. und 15. April 2012

Montag, 16. April 2012

Dienstag, 17. April 2012

Mittwoch, 18. April 2012

Donnerstag, 19. April 2012

In der Nacht auf Freitag, 20. April 2012

Samstag, 21. April 2012

Sonntag, 22. April 2012

Montag, 23. April 2012

Dienstag, 24. April 2012

Mittwoch, 25. April 2012

Donnerstag, 26. April 2012

Freitag, 27. April 2012

Frau Wagners Gugelhupf-Rezept

Vorschau

Impressum neobooks

Titel

Mutterherz

Teil 2

Herzenssache

Tim Fuchs 1. Fall

Julie Starke

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Jegliche Vervielfältigung und jeder Auszug bedürfen der

Genehmigung des Autors.

Nahezu alle Figuren, Orte und Handlungen in diesem Werk basieren auf realen Personen, Plätzen und Ereignissen. Die Namen und Zusammenhänge dieser Geschichte sind jedoch frei erfunden.

Mutterherz, o Mutterherz!

Ach! wer senkte diese Regung,

Diese flutende Bewegung,

Diese Wonne, diesen Schmerz,

Süß und schauervoll in dich!

Gott, der Herzenbilder,

Sprach zur roten Flut

In den Adern: Milder

Fließe, still und gut!

Und da strömten Flammen

Alle himmelwärts

In der Brust zusammen,

Und es ward ein Mutterherz.

Mutterherz, o Mutterherz!

Diese liebevolle Regung,

Diese flutende Bewegung,

Diese Wonne, diesen Schmerz

Senkte Gott, nur Gott in dich!

Was bisher geschah:

Tim Fuchs arbeitet als Praktikant in der Detektei Keller, um die Zeit bis zur Polizeiausbildung zu überbrücken, die er aufgrund seines Übergewichts und seiner Kurzsichtigkeit noch nicht antreten darf. Die Detektei erhält den Auftrag einer reichen Schweizerin, um den Mörder ihrer Schwester Christine Deubacher zu finden. Ein Unfall kann aufgrund der durchgeschnittenen Telefonleitung und dem Obduktionsbericht ausgeschlossen werden. Verdächtig ist bisher der verheiratete Liebhaber der Verstorbenen, der gleichzeitig ihr Boss war und jetzt in Untersuchungshaft sitzt. Dann gibt es noch die verwitwete Nachbarin, die einen Schlüssel zur Mordwohnung besitzt; den wunderlichen Gärtner, der unglaublich wütend auf Christine ist; den neuen Vorstand der Drucktechnik Deubacher AG, der ohne Christines Tod nicht gewählt worden wäre; eine alleinerziehende Putzfrau mit Geldsorgen und eine kinderlose Geschäftsführerin - Letztere hat die Verluste durch ihre Scheidung noch nicht ausgeglichen, erhält aber neue Aufträge, weil ihr größter Konkurrent in Untersuchungshaft sitzt. Während der Arbeiten werden die Ermittler von weiteren Sorgen geplagt: Die Angaben der Auftraggeberin stimmen nicht. Manfred Keller bekommt eine schlechte Nachricht, die ihn sehr mitnimmt. Franziska Lausitz bemerkt, dass ihr arbeitsloser Ehemann das Haushaltsgeld verspielt und Tim wartet sehnsüchtig auf den 17. April, den Tag, an dem er hoffentlich das Geheimnis um seine Herkunft lüften wird.

Mittwoch, 28. März 2012

Es ist eine Sache, wenn sich Wolken am Himmel zu einer dunklen Decke verdichten. Das Wetter drückt auf das Gemüt, senkt die Motivation und lässt auch den einen oder anderen verdrängten Gedanken ungewünscht zum Vorschein kommen. Irgendwann, ganz sicher, wird der Himmel wieder aufreißen und das vertrauenserweckende, sehnsuchtsvoll erwartete Blau wieder durchblicken lassen. Etwas ganz anderes ist es, wenn die Wolken beginnen, um das eigene Herz zu kreisen. Wenn sie dann allmählich so eng werden, dass kein anderes Gefühl außer bitterem Misstrauen mehr Platz hat, schwindet die Hoffnung auf einen Irrtum.

Tim rieb sich den dunkelblonden Schopf. Frau Hänggis Information über die Geschäftsanteile ihrer Schwester war nachweislich falsch gewesen. Außerdem durfte er eines nicht außer Acht lassen: Silvia Hänggi hatte Gelegenheit gehabt, vor dem Detektivbesuch die E-Mail in den Drucker zu legen, das Telefonkabel durchzuschneiden und das Weinglas mit Heldmanns Spuren zu platzieren. Ihre milchkaffeefarbenen Augen leuchteten in seiner Erinnerung auf. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Er wollte nicht, dass Frau Hänggi etwas mit dem Tod ihrer Schwester zu tun hatte. Er musste etwas tun. Irgendetwas, bevor Manfred Keller oder Franziska Lausitz ebenfalls misstrauisch wurden.

***

Was war schlimmer: ihr eigener Anblick oder der Schmerz, der sie erfüllte? Das Bild im Badezimmerspiegel bewies, was sie noch immer nicht glauben konnte. Der Abdruck seiner einzelnen Finger zeichnete sich sichtbar auf ihrer Wange ab: Vier lange, kräftige Spuren, die sich von der Nasenfalte bis zum Ohr ausdehnten. Sie drehte ihren Kopf leicht und zuckte empfindlich. Der Schmerz zog sich durch die Halswirbel. Ihre Haut im Gesicht brannte bei der kleinsten Berührung. Sie ließ kaltes Wasser über einen Waschlappen laufen, kühlte ihre Backe. Im Spiegelbild sah sie sich selbst in die Augen.

„Du bist wirklich zu weit gegangen, Franziska! Du hast ihn hintergangen. Du hast dich hinter seinem Rücken in seine Angelegenheiten eingemischt. Er leidet unter der Arbeitslosigkeit, versucht Ideen zu entwickeln und umzusetzen für uns und unsere Familie. Und dann wirfst du ihm Faulheit im Haushalt vor! Haushalt ist nun mal nicht sein Ding! Diese Rolle ist er nicht gewöhnt und er will sie auch nicht. Er leidet. Und was machst du? Du zerstörst seine Alternativen! Du schreibst hinter seinem Rücken seine Freunde an und streust auch noch Salz auf seine Wunden.“

Neben dem Schmerz im Gesicht fühlte sie nichts als Scham darüber, mit unbedachten Äußerungen ihren Mann dazu gebracht zu haben, ihr weh zu tun.

Montag, 02. April 2012

An diesem unheilvollen Montag brachte Elena Siebert ihrem neuen Boss um 16:30 Uhr die Unterschriftenmappe, damit er die Post bis 16:45 Uhr unterschreiben konnte. Seit Callum Black zum Vorstand der Aktiengesellschaft ernannt worden war, war Elena Siebert schon fünf Mal zu spät zum Abholen in den Kindergarten gekommen. Die traurigen Augen und das vorwurfsvolle „Ich bin das letzte Kind. Warum holst du mich so spät?“ ihres Sohnes reichten völlig aus, ihr ein bleiernes Gewissen zu machen. Aber das war nicht das schlimmste. Die Erzieherinnen im Kindergarten nahmen die ersten vier Male das Zuspätkommen mehr oder weniger kommentarlos hin. Vergangenen Donnerstag jedoch wies die Gruppenleiterin auf die Klausel im Betreuungsvertrag hin, in dem wiederholtes, zu spätes Abholen als Grund zur Kündigung des Betreuungsplatzes genannt wurde. Frau Siebert verstand den Wink, gelobte Besserung und holte ihr Kind am Freitag vorbildlich eine Viertelstunde vor Ende der Abholzeit. Aber der Boss saß da in einem Meeting und sie konnte pünktlich gehen. Der Verlust des Kindergartenplatzes würde das Aus ihrer Arbeitsstelle bedeuten. Und mit nur einem Gehalt konnten Wieland und sie die Rate für das Haus nicht mehr bezahlen. Jetzt war es kurz vor fünf und die Mappe lag noch immer bei ihm. Beunruhigt sortierte sie die Unterlagen auf ihrem Arbeitsplatz, räumte den Tisch auf und spülte ihren Kaffeebecher in der Teeküche aus. Um Punkt 17:00 Uhr öffnete sie den Büroschrank, zog ihre bequemen Büroschuhe aus und ihre Straßenschuhe an. Sie schlüpfte in ihren Mantel, legte sich ihre Riemchenhandtasche um die linke Schulter und wartete. Was würde passieren, wenn sie jetzt einfach ging? Herr Black würde sehr wütend werden. Die Minuten vergingen. Ihre Unruhe wuchs. Sie spürte sie in jeder Faser ihres Körpers. Sie musste spätestens um 17:15 Uhr gehen, um noch pünktlich zum Kindergarten zu kommen. Die Uhr zeigte 17:05 Uhr. Feierabend seit fünf Minuten. Doch solange die Unterschriftenmappe noch nicht zurück war, konnte sie die Post nicht zum Versand fertig machen – und das war nun mal ihr Job. Und heute war das wichtige Schreiben an die Bank dabei. Das Schreiben, um das den ganzen Vormittag ein irrsinniger Aufwand betrieben worden war.

Der Minutenzeiger sprang auf die 2. Elena Siebert fasste einen Entschluss. Sie würde beim Chef anklopfen und ihn um die Mappe bitten. Sie klopfte an. Nichts tat sich. Als sie ihre Hand auf die kalte Klinke legte, pochte ihr Herz aufgeregt. Sie klopfte erneut und öffnete gleichzeitig die Tür.

„Herr Black“, begann sie. „Die Mappe!“

Callum Black, der hinter dem schwarzen Monitor kaum zu sehen war, fuhr hoch. „Sehen Sie nicht, dass ich hier arbeite?“

„Ich muss gehen. Wenn die Post heute noch raus soll, brauche ich die Mappe jetzt!“

„Dann nehmen Sie sie doch einfach mit und lassen mich endlich in Ruhe!“

„Haben Sie unterschrieben?“ wagte sie zu fragen.

„Wie lange wollen Sie mich noch nerven? Nehmen Sie das Ding und verschwinden Sie! Auf Wiedersehen!“

Frau Siebert angelte nach der Mappe. Ihre Lippen formten einen Abschiedsgruß, doch sie brachte es nicht fertig, ein „Wiedersehen“ hörbar auszusprechen. Im Sekretariat schlug sie die Mappe auf. Mit raschen Händen nahm sie ein Schreiben nach dem anderen heraus, faltete es geschickt und steckte es in einen weißen Umschlag. Beim vierten Bogen sah sie es. Ausgerechnet das Schreiben, welches an die Bank ging. Die Unterschrift fehlte. Hastig durchforstete sie die anderen Papiere. Die Unterschrift fehlte sonst nirgends. Die Uhr zeigte 17:15 Uhr. Sie musste jetzt das Büro verlassen, um ihr Kind zu holen.

Was sollte sie bloß tun?

Um Zeit zu gewinnen, tütete sie zunächst die unterschriebenen Briefe ein und frankierte diese. Dann fasste sie kurzerhand einen Entschluss. Sie klebte ein Post-it auf den nicht unterschriebenen Brief, kritzelte eine Notiz und faxte das Schreiben an die Bank. Es war sechs Minuten vor halb sechs. Mit hinter sich herfliegender Handtasche und der rutschenden Post unter dem Arm eilte sie zum Kindergarten.

***

Der neue Praktikant hatte kugelrunde schokobraune Augen, bonbonrosafarbene Strähnen in fast pechschwarzem Haar und war ein Mädchen. Nuray Yilmaz‘ lilafarbene Sternenohrringe baumelten an ihren Ohren im selben Takt, wie sie ihren Kaugummi kaute. Die vierzehnjährige Neuntklässlerin war nicht groß - etwa einen guten Kopf kleiner als Tim - und wenn man die aufgetürmten Haare einmal hinunter kämmte und die Absatzschuhe wegließ, dann ging sie ihm nur knapp bis zur Brust.

„Ich bin schon sehr gespannt, was ich hier alles tun darf!“ plapperte sie. „Ich habe mir extra so eine Fucking-Army-Hose gekauft, damit ich auch versteckte Beobachtungen durchführen kann. Alter, die war scheißteuer!“

Tim stutze über ihre Ausdrucksweise. „Eine was?“

„Eine Army-Hose. Mit so ‘nem Tarnaufdruck, damit man zwischen Büschen und Sträuchern nicht so leicht entdeckt wird.“

„Ich glaube nicht, dass du hier eine 'versteckte Beobachtung zwischen Büschen und Sträuchern’ durchführen musst“, sagte Tim leicht belustigt.

„Ich kann sie natürlich auch einfach so anziehen!“ antwortete Nuray schnell. „Ist gar nicht schlimm. Sieht auch so geil aus! Was machen wir denn sonst noch so?“

„Die Arbeit ist ganz abwechslungsreich. Natürlich viel Bürokram. Herr Keller macht oft Observierungen. Das heißt, er beobachtet Leute und schreibt auf, was die so tun. Meist überprüfen wir Daten, Adressen, holen Schufa-Auskünfte und so was. Aber hin und wieder gibt es zum Beispiel auch Aufträge, bei denen wir in Geschäften, die uns dafür bezahlen, klauen, um Schwachstellen aufzuzeigen.“

„Das ist cool. Dann wird man fürs Klauen bezahlt? Geil.“

Tim zeigte ihr das Büro und führte sie dabei durch sämtliche Räume. Franziska Lausitz war heute nicht da, weshalb Nuray am Empfang sitzen sollte. Franziska würde ihre helle Freude an der quirligen Türkin haben, dessen war sich Tim sicher.

„Hier ist das Telefon. Falls du mal die Tür öffnen musst…“, begann Tim und wurde von ihr sofort unterbrochen.

„Ist klar, dann ruf ich erst mal jemanden an und frag, ob ich den Kerl auch wirklich rein lassen soll.“

„Nein“, widersprach Tim. „Dann gibst du diesen Code ein und kannst an der Sprechanlage hören, was er sagt…“ er tippte auf das Tastenfeld „und dann bestätigst du das mit der Rautetaste.“

„Was ist eine Rautetaste?“

„Na, dieses Doppelkreuz hier, der Gartenzaun!“

„Ach, Hashtag meinst du!“

„Wie auch immer. Du drückst und dann öffnet sich die Absperrung und die Tür kann aufgedrückt werden.“

„Und ich lass alle rein die klingeln? Einfach so?“

„Jep!“ antwortete Tim.

„Und was braucht‘s ihr dann so ein scheißmerkwürdiges Türabsperrungssystem? Wenn ich doch jeden rein lassen tu?“

„Damit niemand, der hier arbeitet, einen Schlüssel braucht. Es funktioniert über den Fingerabdruck.“

„Cool!“ antwortete Nuray und schob den Kaugummi von einer Backe kauend in die andere. „Wenn einer einbrechen will, muss er dir den Finger abschneiden und ihn an das Dings halten, damit die Tür aufgeht!“

„Sensor“, korrigierte Tim und schob sie sanft vom Empfang weg.

„Das hier ist der Kopierer. Wir können alles kopieren, Din A 4, Din A 3, schwarz und bunt, beidseitig und von zwei einzelnen Kopien auf eine Doppelseite…“

„Und umgekehrt“, ergänzte Nuray.

„Das weiß ich nicht“, gab Tim zu, der das noch nie probiert hatte. Er zeigte Nuray die kreischende Kaffeemaschine und wie man sie bediente.

„Und wo ist das Labor?“ fragte Nuray, nachdem sie den Rundgang beendet hatten.

„Welches Labor?“

„Na, in CSI haben sie immer so coole Labore mit Schwarzlichtlampen, in denen sie dann die Spurensicherungen mit den Mikroskopen machen und so.“

„Das ist bloß eine TV-Serie! Dort laufen sie auch mit Taschenlampen am Tatort herum, obwohl sie einfach Licht anknipsen könnten.“

„Echt? Ist mir noch nicht aufgefallen“, antwortete Nuray und dachte einen Augenblick lang nach. „Du hast Recht, Mann, Alter! Gestern hatten sie auch Taschenlampen an. Hab noch nie darüber nachgedacht, weshalb sie das Licht nicht anmachen!“ Nuray sah sich um. „Also, kein Labor?“

„Nein“, bestätigte Tim. „Kein Labor.“

„Och“, Nuray zog eine Schnute. „Und ich hab mich schon so darauf gefreut, in so ‘nem Laborkittel am Tisch zu stehen und verfickte Proben auszuwerten und genetische Fingerabdrücke zu untersuchen und mit den assligen Tätern zu vergleichen und so ‘n Scheiß.“

„Für so etwas beauftragen wir eine andere Firma.“

„Für was?“

„Für Vaterschaftsgutachten oder so, wenn ein genetischer Abgleich durchgeführt werden muss. Wir nehmen nur die Proben und schicken sie ins Labor.“

„Cool. Darf ich das mal sehen?“

„Wie wir die Proben verpacken und Briefmarken drauf kleben?“

„Nein, wie die arbeiten, um die Täter zu überführen.“

„Dann musst du ein Praktikum im Labor machen. Wir selber geben nur unsere Materialien ab und warten auf die Ergebnisse.“

„Aha“, sagte Nuray verständnislos.

Herr Keller kam schwungvoll durch die schwere Eingangstür. „Ah, die Praktikantin ist schon da!“ sagte er freundlich. „Wie heißt du?“

„Nuray.“

„Und dein Vorname?“

„Immer noch Nuray. Das ist türkisch und heißt Mondlicht. Nur steht für Licht und Ay ist der Mond.“

Herr Keller nickte abwesend. „Ich muss noch einiges mit dir besprechen!“

Nuray nickte eifrig. Keller bat Tim um einen Kaffee, bevor er sich mit der Praktikantin zurückzog. Tim wusste, was jetzt kam. Er hatte die Prozedur ebenfalls in seiner ersten Praktikantenwoche über sich ergehen lassen. Es waren seitenweise Aufklärungen über die Vertraulichkeitsklausel, die sie unterschreiben musste und ausführliche Belehrungen über die notwendige Diskretion und Ernsthaftigkeit der jeweiligen Aufträge.

Es dauerte 20 Minuten, bis Nuray seufzend aus dem Besprechungszimmer wieder herauskam. Keller wies Tim an, ihr die Archivierung zu zeigen und verließ dann die Detektei. Der kastige Aktenschrank und das Archiv im Keller waren nicht groß und Tim erklärte rasch, wie es funktionierte.

„Und was soll ich jetzt machen?“ fragte Nuray und klang gelangweilt, als Tim sie dann am Empfang Platz nehmen ließ. „Warten bis jemand kommt und dann den Code eingeben? Kommt heut überhaupt jemand?“

„Es sind keine Termine vergeben. Aber ich glaube, ich hab da was für dich!“

***

Nacht auf Dienstag, 03. April 2012

Die Brücke spannte sich fast endlos weit über grässliches, unheilvolles Nichts. Es war ihm egal, wohin oder worüber die Brücke führte. Vollkommen egal. Das einzige, was ihn interessierte, war die Person, die sich langsam, aber stetig, darüber bewegte. Er wollte sie sehen. Ihr Gesicht sehen. Unbedingt.

Er folgte ihr.

Dreh dich!

Bitte.

Sie drehte sich nicht um. Er lief ihr hinterher, setzte einen Fuß vor den anderen. Eilte weiter. Sein Wunsch, sie zu berühren - nicht grob, sondern vorsichtig nur am Saum zupfend, damit sie anhielt und ihn eines Blickes würdigte - wuchs ins Unermessliche. Doch hier lief etwas schrecklich schief. Er konnte sie nicht berühren. Seine Arme waren zu kurz. Er kam nicht voran – und sie entfernte sich weiter. Wenn er jetzt nichts tat, würde sie einfach entschwinden. Tim sammelte seine Kräfte und überwand sich. Er rief, sie solle stehen bleiben.

Sie musste ihn doch gehört haben! Er rief, nein er schrie, bis ihm der Hals brannte.

Für einen Moment hielt sie inne.

Bitte, dreh dich um!

Dann setzte sie wieder einen Fuß vor den anderen. Als sei gar nichts echt. Nicht sie, nicht er. Nicht die Brücke, nichts.

Wut breitete sich in ihm aus. Er wollte sie an der Schulter packen. Sie dazu bringen, sich ihm zu zeigen. Doch der Abstand zwischen ihnen wurde immer größer. Das war doch nicht möglich! Tim sah sich verwirrt nach hinten um und stellte fest, dass er keinen Meter zurückgelegt hatte.

Bitte. Dreh dich um! Zeig nur einmal dein Gesicht. Bitte.

Als sie nur noch ein winziger Punkt am Horizont war, liefen ihm Tränen übers Gesicht. Sie hatte ihn erneut verlassen. Die kalte Klaue ergriff sein Herz und drückte zu.

„Tim!“

Das Licht erhellte schlagartig den Raum. Tim schrak auf.

„Was ist? Dein Gesicht ist ja ganz nass. Du hast geschrien!“

Tim kniff die kurzsichtigen Augen zusammen, um die Digitalziffern seines Radioweckers abzulesen. Es war kurz nach vier. Sein Onkel legte ihm besorgt die Hand auf die Schulter. Tim zuckte hilflos mit den Schultern. Mit jeder Sekunde wurden die Traumbilder von seiner schwindenden Erinnerung zerhackt wie Nebelschwaden in einem Ventilator. Er konnte seinem Onkel nicht mehr erklären, was ihn so aufgewühlt hatte. Er wusste nur eins: Die vermaledeiten Gespenster waren zurück.

Es gelang ihm, seinen Onkel zu beruhigen, das Licht auszuschalten und sich wieder hinzulegen. Doch die kindliche Angst, in einem Bett liegen zu müssen, unter dem lauter Monster wohnen, hielt ihn ab, wieder einzuschlafen. Eine Angst, bei der die Erwachsenen dem Kind auf den Kopf tätscheln und tröstend sagen: „Dir passiert schon nichts, da ist nichts.“

Trotzdem beruhigte das Leugnen überhaupt nicht. Denn auch wenn das Monster unter dem Bett von keinem anderem als dem Kind gesehen werden konnte, war die Angst echt. Tim versuchte, seine Angst mit seiner Ratio zu bezwingen. Wenn er sie klassifizierte, ihr einen Namen gab und ihre Ursache verstand, würde sie weichen. Er zog die Beine dicht an seinen Körper und erinnerte sich: Er war vier und etwas über einen Meter groß. Er konnte den Erwachsenen nur auf den Hintern schauen. Und davon gab es so unglaublich viele im überfüllten Kaufhaus. Er hielt sich dicht an die Hosenbeine, die er für die seiner Mutter hielt. Bei den Kleiderständern der Damenabteilung entdeckte er, dass er einer Fremden hinterhergelaufen war. Sabine Fuchs war nirgends zu sehen. Tim überfiel Angst: Die Angst, nie wieder nach Hause finden zu können.

Aber er war nicht mehr vier! Es würde ihn kein Fremder an der Kasse ausrufen lassen, damit er abgeholt werden konnte. Tim rollte sich aus dem Bett, riss das Fenster auf und atmete die kalte Nachtluft mit tiefen Zügen ein. Die Straßen waren noch nicht trocken. Überall spiegelte sich das Licht der Straßenbeleuchtung in den schwarzen Pfützen und Lachen am Bordsteinrand. Er erinnerte sich nicht mehr an seinen Traum. Aber an das Gefühl, verlassen zu sein, erinnerte er sich genau.

***

Er brauchte nichts zu sagen, Franziska wusste auch so, was er wollte – und sie hatte nicht die geringste Lust dazu. Ihr Gesicht brannte noch immer. Er war die halbe Nacht nicht heimgekommen und legte sich jetzt nackt neben sie. Hatte sie geweckt, in dem er ihr sein erigiertes Glied an ihr Gesäß drückte.

„Lass mich schlafen“, knurrte sie leise.

„Zauselchen, es tut mir Leid. Sei wieder gut.“

„Lass mich in Ruhe!“

„Ich will mich nur entschuldigen. Komm schon, sei nicht so!“

„Ich muss morgen zur Arbeit. Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“

„Für Liebe ist es nie zu spät!“

Er rückte noch näher und machte sich an ihrer Pyjamahose zu schaffen. Mit einem Schlag war Franziska hellwach. Sie blieb stocksteif liegen.

„Franziskachen…“ säuselte er und knabberte an ihrem Ohrläppchen. Voller Widerwillen spürte Franziska, dass es sie erregte. Was würde er tun, wenn sie jetzt standhaft blieb? Sie hatte noch einige Körperteile, die noch nicht schmerzten. Aber vielleicht wollte er sich wirklich nur entschuldigen, damit alles wieder so werden konnte wie früher? Und – hatte sie nicht auch ihren Teil dazu beigetragen, dass er so ausrastete? Wenn sie seine Entschuldigung nicht annahm, machte sie das alles vielleicht noch viel schlimmer? Noch bevor sie ihren Gedanken zu Ende dachte, spürte sie ihn fest in sich. Sie schnappte nach Luft und ließ ihn gewähren. Als er mit einem langen Grunzlaut kam, fühlte sie sich dreckig und missbraucht.

Dienstag, 03. April 2012

Es war pure Erholung, in der kleinen Detektei von Manfred Keller zu arbeiten. Jeden Tag, den sie in das Büro kommen durfte, erwartete sie voller Vorfreude. Es war besser, als zu Hause zu hocken. Viel besser. Hier bei Herrn Keller wurde sie geschätzt. Nicht nur ihre Arbeit, sondern sie als Person, als Mensch. Franziska schaltete die Kaffeemaschine ein und holte Tassen und Teller aus dem Schrank. Manfred Keller beschäftigte Franziska Lausitz schon, als sie Mario noch gar nicht kannte. Sie hieß Franziska Aschinger, war damals 22 und hatte sich als Buchhalterin beworben. Mittlerweile war sie fast 30 und fester Bestandteil des kleinen Ermittlerteams bei Manfred Keller. Sie erledigte schon lange nicht nur die Buchhaltung und Verwaltungsaufgaben, sondern wurde von Keller zu den Ermittlungen immer dann eingesetzt, wenn er weibliche Unterstützung brauchte. So hatte Franziska schon in der Damenumkleidekabine eines Fitnessstudios ermittelt, eine diebische Verkäuferin in der Miederwarenabteilung überführt und in einem Nagelstudio Kunden ausgehorcht. Es war die Abwechslung, die diesen Job so spannend machte und es war die gelassene Art Kellers, die für die notwendige Entspannung sorgte. Sie waren nach wie vor per Sie, auch wenn er sie hin und wieder beim Vornamen nannte. Franziska wollte nichts tun, um das zu ändern. Wozu hätte sie diese angenehme Arbeitsbeziehung durch ein ‚Du‘ gefährden sollen? Manfred Keller war der Chef und sie war jemand, der Hierarchien erkannte und akzeptierte. Sie wünschte sich nur, dass der lästige Praktikant dies auch so sah. Im Augenblick behinderte er sie mehr, als dass er sie unterstützte. Gut, Keller brauchte einen Fahrer, weil er bei einer Verfolgungsjagd über eine rote Ampel gefahren war, weshalb er den Führerschein abgeben musste. Aber warum stellte er ihn gleich bis zum Ende des Sommers ein und nicht nur für die drei Monate, bis er wieder fahren durfte? Darauf gab Keller ihr keine befriedigende Antwort. Überhaupt hielt er sich was Tim anbelangte, sehr bedeckt. Es musste irgendetwas geben, was er ihr nicht verriet. Irgendeinen Grund, weshalb er Tim Fuchs als Praktikanten haben wollte.

„Na, Fuchs? Der Dirt-Look ist wohl wieder in, wie? Sie sind ja klatschnass im Gesicht! Beim Fahrradfahren ins Schwitzen gekommen?“ Es war klar, dass Franziska seine Erscheinung nicht unkommentiert lassen konnte. Tim war von oben bis unten nass – erwischt von einem rücksichtslosen Autofahrer, der durch eine dreckige Pfütze gefahren war.

„Nein, ich komme gerade vom Schlammcatchen. Sollten Sie auch mal versuchen“, konterte Tim. Franziska zog gelangweilt eine Augenbraue nach oben. Tim gab sich alle Mühe, sie zu ignorieren. Er zog seine Jacke aus. In der Herrentoilette wusch er sich Gesicht und Hände und atmete tief durch. Gegen die braunen Matschflecken auf der Hose konnte er jetzt nichts machen. Genauso wenig, wie er gegen Franziska Lausitz etwas machen konnte. Erfahrungsgemäß wurde es in Manfred Kellers Gegenwart besser. Tim seufzte. Er brauchte dringend etwas, was ihm den Tag erhellte. Und plötzlich fiel es Tim wieder ein. Er sah auf die Uhr, dann grinste er sich selbst im Spiegel über dem Waschbecken zu. In einer Stunde würde Franziska Lausitz das erste Mal auf Nuray Yilmaz treffen.

Es war 8:37 Uhr, als die Türglocke bimmelte. Weil Nurays Finger in den Abdruckscanner nicht eingelesen war, musste sie an der Tür klingeln. Franziska Lausitz öffnete ihr unbedarft.

„Sie wünschen?“ fragte sie freundlich.

„Ey, ist schon okay, wenn Sie ‚du‘ zu mir sagen. Das würde ich an Ihrer Stelle auch tun! Bin ja erst vierzehn.“ Nuray blies eine kleine Blase mit ihrem Kaugummi auf, die mit leisem Plopp platzte.

„Bitte?“ fragte Franziska Lausitz und machte ein Gesicht wie ein Pinguin vor einem Busfahrplan. Plötzlich sprang Nuray hinter die Empfangstheke.

„Das ist mein Platz!“

Sie zeigte auf den Stuhl, über dessen Lehne Franziskas Strickjacke hing.

Belustigt beobachtete Tim, wie es in Franziskas hübschem Kopf zu rattern begann. Es dauerte fast zehn Sekunden, bis sie wieder etwas sagte:

„Sie sind die Praktikantin?“ sagte sie mit einem hörbaren Fragezeichen.

„Nuray Yilmaz!“ antwortete Nuray und nickte. Dann setzte sie sich mit einem „Hops“ auf den nachfedernden Bürostuhl.

„Ich dachte, der Sohn von Herrn Keller würde hier…“

„Nee, der macht sein Praktikum bei BMW.“

„Ah ja?“ Franziska Lausitz blinzelte kurz. Nuray ging nicht weiter darauf ein. „Darf ich jetzt mit meinem Arsch hier sitzen bleiben oder nicht?“

„Ich sitze dort, bereits seit acht Jahren.“

„Stimmt ja gar nicht! Gestern nicht. Und jetzt auch nicht. Sie sitzen ja gar nicht, Sie haben ja nur ihre Jacke drüber gehängt. Das ist so typisch deutsch! Jeder blöde Tourist hängt sein Handtuch über eine Liege, damit er sie den ganzen Tag blockieren kann, obwohl er sie gar nicht braucht, sondern irgendwo irgendwas saufen geht!“ Mit einem „Popp“ platzte die nächste Kaugummiblase.

Tim stellte begeistert fest, dass sich bei Franziska der seltene Zustand der Sprachlosigkeit einstellte. Nur ihre Augenbrauen zogen beide nach oben. Ob dies an Nurays Unfähigkeit, ihre Antwort als „nein“ zu deuten oder an ihrer Ausdrucksweise lag, konnte er nicht festmachen. Die Hände locker in den Hosentaschen stand Tim an seine Bürotür gelehnt und konnte nicht verhindern, dass seine Mundwinkel belustigt zuckten. Einen Augenblick wollte er sich das Possenspiel noch ansehen, bevor er Franziska Lausitz aus der Klemme half.

Doch sie fing sich erstaunlich schnell. „Ich werde Ihnen einen zweiten Stuhl holen, Frau Yilmaz.“

„Frau Yilmaz? Das klingt, als würden Sie meine Mutter sprechen wollen. Nuray. Nuray reicht.“

Franziska holte einen Stuhl aus dem Besprechungszimmer und kam dabei direkt an Tim vorbei.

„Sie machen das großartig, Frau Lausitz!“ kommentierte er grinsend.

Sie wandte sich nicht um, um ihn anzusehen, sondern schleppte den Stuhl an ihm vorbei und murmelte:

„Wenn es nicht von Ihnen käme, würde ich darin ein Kompliment sehen.“

„Na, Herr Keller wird Sie wahrscheinlich zum ersten Praktikantenbetreuer der Firma befördern! Und das, obwohl Sie nur in Teilzeit arbeiten. Wenn das kein Aufstieg ist.“

Nuray machte keine Anstalten aufzustehen. Mit spitzen Fingern reichte sie Franziska ihre Jacke, als handle es sich dabei um etwas Unanständiges.

„Ich bleib auf dem hier!“ zwitscherte Nuray und plinkerte mit den Augen. „Die Rollen machen mich echt an!“

Die Eingangstür wurde aufgedrückt. Herr Keller kam, ein paar winzige Schweißperlen sammelten sich auf seiner hohen Stirn. „Verfluchter Ferienfahrplan!“ brummte er und alle sahen ihn an.

„Guten Morgen. Nuray, du bist ja auch schon da. Das ist gut. Ich hab mir gedacht, du könntest heute mitkommen und bei C & A arbeiten.“

„Ey geil, Alter! Als Testdieb? Sollen wir prüfen, wie man die beklauen kann?“

Keller stutzte nur kurz, ließ sich aber durch Nurays Ausdrucksweise nicht aus der Ruhe bringen. Vielleicht war er es durch seinen Sohn gewöhnt.

„Nicht direkt. Wir haben einen Mysteryshopping-Job. Das heißt, wir überprüfen die Servicestandards dort. Ich habe eine Liste bekommen, auf der genau steht, was einzukaufen ist. Da sind auch Sachen in der Damenabteilung dabei. Deshalb will ich dich gerne mitnehmen.“

„Cool!“ sagte Nuray und poppte eine Kaugummiblase. Franziska Lausitz Gesicht wurde immer länger. Die Aufträge, bei denen ausdrücklich nach Frauen gefragt wurden, übernahm normalerweise sie. Sie wölbte ihre Lippen schmollend hervor. Aber sie sagte nichts. Keller bemerkte nichts oder er ignorierte es geschickt.

„Du bekommst ein winziges Mikrophon und einen Miniempfänger ins Ohr. Damit gebe ich dir genaue Anweisungen, was du zu sagen hast, verstanden? Tim fährt uns nachher hin.“

In Tim machte sich ein angenehm kribbelndes Gefühl der Vorfreude breit. Sie fuhren zu dritt, was bedeutete, dass heute nicht der Smart zum Einsatz kam. Immerhin hatte Manfred Keller einen ansehnlichen Fuhrpark zur Auswahl. Den BMW war er mit Frau Hänggi schon gefahren. Für eine unauffällige Observierung erschien Tim der Wagen fast zu schick, nicht aber um eben zu einem Kaufhausauftrag zu fahren. Doch seine Hoffnung war eine andere. Schon als er auf den Hof kam, fiel sein Blick auf den argonsilberfarbenen Opel Astra, der ungeduldig zwischen Nissan, Smart und BMW auf dem Hof in Startposition stand und nur darauf wartete, gefahren zu werden. Auf der hochglanzschwarzen Oberfläche der 18 Zoll Leichtmetallräder mit Doppelspeichen spiegelte sich das Sonnenlicht. Das Dach und die Außenspiegelgehäuse waren in Wagenfarbe lackiert. Das flache Profil des Wagens wirkte schnittig und Tim stellte sich vor, wie gut er beschleunigen würde.

Manfred Keller sagte kein Wort. Stumm steuerte er den Mercedes an, das einzige Taxi unter den Autos. Mit dem war Tim schon so oft gefahren, dass es ihn nicht mehr reizte und er schluckte seine Enttäuschung herunter. Aber was machte Keller? Er wischte ein paar Pollen von der Frontscheibe und wandte sich dann einem anderen Wagen zu. Er zog den Schlüssel aus der Tasche und bediente die Zentralverriegelung. Keller nahm auf dem Beifahrersitz Platz und Nuray schob ihren schmalen Po direkt hinter ihn auf die Rückbank. Ein kleines Lächeln huschte über Tims Gesicht, als er die Fahrertür des Opels öffnete. Den Geruch hatte Tim schon dutzende Male in seiner Nase gehabt und er nahm ihn auch hier in diesem Fahrzeug wahr: Der Wagen war neu. Der Duft stieg von der Nase bis ins Gehirn. Sein Hippocampus ließ sofort ein Feuerwerk an Erinnerungen explodieren: Tim, das erste Mal hinter dem Steuer eines neuen Mercedes E-Klasse 320 CDI sitzend, als sein Vater ihm erlaubte, damit eine Runde über den Parkplatz zu fahren, obwohl er erst 13 Jahre alt war. Wie er sein Taschengeld aufbesserte, in dem er den Fuhrpark pflegte und jedes Staubkorn und jeden Fusel entdeckte. Dabei ging es ihm nicht vorrangig ums Geld. Er wollte ihn stolz machen, den Mann, den er als Vater kannte.

Die Anzeigen am Armaturenbrett leuchteten rot auf, als Tim den Schlüssel ins Schloss gleiten ließ. Der Blick auf die Mittelkonsole des Wagens veranlasste Tim zu einer Frage, die er nicht laut auszusprechen wagte. Auch dieses Fahrzeug war ein Automatik. Durfte Manfred Keller möglicherweise keine Fahrzeuge mit Gangschaltung mehr fahren?

Das dünne Kabel hinter ihrem Ohr verband den Kopfhörer mit dem kleinen Sende- und Empfangsgerät, an dem auch ein Mikrophon steckte. Wenn jetzt noch die kleine Knopf-Kamera an Nurays Jacke in Gang gesetzt werden konnte, könnte Kellers Praktikantin eine der ersten Kunden sein – so wie es der Auftraggeber wünschte. Doch die Kamera funktionierte nicht. Der Hausdetektiv entschuldigte sich dafür und erklärte, die Überwachungskameras im Verkaufsraum seien ausreichend. Es war kurz vor zehn. Arglos räumten die Verkäufer im Hause noch Regale ein, hängten Ware an die Kleiderrondells und fuhren das Warenwirtschaftssystem an der Kasse hoch. Niemand außer dem Hausdetektiv war eingeweiht.

Das Geschäft öffnete in drei Minuten. Manfred Keller fluchte leise. Die Luft im zugewiesenen Überwachungsraum wurde bei vier Personen und zahlreichen Monitoren dick. Ungeduldig nestelte der Detektiv an Nurays Ausrüstung. Das Mikrophon, das wie eine Brosche aussah, krachte beim Funktionstest leise in dem Wiedergabegerät. Mit einer Kopfbewegung befahl Keller Tim zu sich, damit er ihm buchstäblich zur Hand gehen konnte.

Es krachte erneut.

„Gibt es noch ein Mikrophon?“ fragte Keller brummig und rüttelte am Kabel. Die Reue, seine eigene Ausrüstung nicht mitgebracht zu haben, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Doch der Auftraggeber wollte alles selbst stellen. Für einen Profi war es unbefriedigend, mit schlechter Qualität zu arbeiten. Der Hausdetektiv suchte hilflos kurz in einem Koffer mit einem Sammelsurium an technischer Ausstattung, welche mindestens schon zehn Jahre alt war. Er zuckte verlegen mit den Schultern und sagte:

„Man hört ja was. Dann werden wir über das Rauschen hinweghören.“

Tim warf einen Blick auf den Arbeitsauftrag. Er war kurz. Nuray sollte eine Kurzarmbluse und einen passenden Rock kaufen und sich vom Servicepersonal beraten lassen. Um 10:04 Uhr betrat Nuray die Verkaufsfläche.

Wie die Herren durch die Überwachungskameras beobachteten, machte Nuray ihre Sache zunächst sehr gut. Sie stand vor den frisch eingeräumten Regalen und schaute sich um. Die in der Nähe stehende Verkäuferin nahm keine Notiz von ihr. Über den Knopf im Ohr wies Herr Keller sie an, die Verkäuferin direkt anzusprechen und um Hilfe zu bitten.