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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Penelope! Penelope! Wo steckst du? Was bildest du dir eigentlich ein? Willst du mich wie einen Landstreicher herumrennen lassen?«, brüllte Ruppert Theurer. Es war halb acht Uhr morgens. Ruppert stand vor dem großen Spiegel in der Diele und war mit seiner Erscheinung offensichtlich unzufrieden, obwohl er eigentlich ein recht gut aussehender Mann war. Seine dunklen Haare lichteten sich allerdings bereits, was für einen Zweiunddreißigjährigen ein wenig bitter sein mochte. Auch hatte er in den letzten Jahren zugenommen, aber da er sehr groß war, fielen die überzähligen Kilos nicht besonders auf. »Penelope! Nun komm gefälligst, wenn ich mit dir rede!«, schrie Ruppert, ohne sich selbst von der Stelle zu bewegen. »Pst! Schrei nicht so! Sophie wacht sonst auf. Sie ist gerade wieder eingeschlafen. Wieso bist du noch hier? Ich dachte, du wolltest heute früher weggehen.« Penelope Theurer sagte es mit leiser ruhiger Stimme.
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Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2020
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»Penelope! Penelope! Wo steckst du? Was bildest du dir eigentlich ein? Willst du mich wie einen Landstreicher herumrennen lassen?«, brüllte Ruppert Theurer.
Es war halb acht Uhr morgens. Ruppert stand vor dem großen Spiegel in der Diele und war mit seiner Erscheinung offensichtlich unzufrieden, obwohl er eigentlich ein recht gut aussehender Mann war. Seine dunklen Haare lichteten sich allerdings bereits, was für einen Zweiunddreißigjährigen ein wenig bitter sein mochte. Auch hatte er in den letzten Jahren zugenommen, aber da er sehr groß war, fielen die überzähligen Kilos nicht besonders auf.
»Penelope! Nun komm gefälligst, wenn ich mit dir rede!«, schrie Ruppert, ohne sich selbst von der Stelle zu bewegen.
»Pst! Schrei nicht so! Sophie wacht sonst auf. Sie ist gerade wieder eingeschlafen. Wieso bist du noch hier? Ich dachte, du wolltest heute früher weggehen.« Penelope Theurer sagte es mit leiser ruhiger Stimme. Sie war wesentlich kleiner als ihr Mann, besaß eine hübsche, wohlproportionierte Figur und ein rundes Gesicht mit großen schwarzen Augen und einer zierlichen Stupsnase, das dazu geschaffen schien, stets zu lachen und eine gute Laune widerzuspiegeln. Im Moment war Penelopes Gesichtsausdruck jedoch eher besorgt. Sie ahnte, was kommen würde. Rupperts braune Augen sprühten vor Zorn. Sicher war wieder irgendetwas, was sie getan oder nicht getan hatte, der Anlass dafür.
Penelope brauchte nicht lange herumzurätseln, was für eine Sünde sie begangen hatte, denn Ruppert fuhr sie an: »Selbstverständlich wollte ich früher weggehen. Eine wichtige Besprechung mit dem Chef steht heute auf dem Programm. Da der alte Haslauer demnächst in Pension geht, habe ich die besten Chancen, Leiter der Buchhaltung zu werden. Ich habe dich gestern extra gebeten, meinen blauen Anzug auszubürsten und aufzubügeln. Kannst du nicht begreifen, wie ungeheuer wichtig es für mich ist, dass ich heute einen guten Eindruck mache?«
»O ja, ich begreife es«, erwiderte Penelope leise.
»Tatsächlich? Warum erfüllst du dann deine Pflichten nicht so, wie es sich für eine ordentliche Hausfrau gehört? Schau dir den Anzug an! Er ist schmutzig, und die Bügelfalten stimmen nicht!«
»Mein Gott, auf diesem dunklen Stoff sieht man eben jedes Stäubchen! Da kann ich noch so lange bürsten und putzen. Und die Bügelfalten …« Penelope verstummte. Sie sah, Ruppert hatte recht. Die Bügelfalten saßen nicht richtig. Gestern Abend, als sie endlich zum Bügeln gekommen war, war es schon spät gewesen. Sie hatte kaum noch die Augen offenhalten können. Jetzt, im hellen Licht der Deckenlampe, war die Bescherung deutlich zu sehen. Zwei knapp nebeneinanderliegende Bügelfalten zierten die Hose. Eine alte verschwommene und eine scharfe, frisch eingebügelte.
»Nimm den gestreiften Anzug«, sagte Penelope kleinlaut und fügte entschuldigend hinzu: »Es tut mir leid. Ich war gestern so müde, dass es mir nicht aufgefallen ist.«
»Ich möchte wissen, wovon du so müde warst«, grollte Ruppert. »Du bist den ganzen Tag zu Hause, kannst dir die Arbeit einteilen, und niemand hetzt dich.«
»Sophie …«, begann Penelope, unterbrach sich jedoch und eilte ins Schlafzimmer, um den gestreiften Anzug zu holen. Es war sinnlos, Ruppert klarmachen zu wollen, dass einen ein Baby von sechs Monaten pausenlos in Atem halten konnte.
Ruppert wechselte mürrisch den Anzug und forderte seine Frau in barschem Ton auf, ihm eine passende Krawatte zu bringen. Penelope fand, dass er die Krawatte ruhig selbst hätte heraussuchen können, aber sie schwieg. Als ihr Mann endlich ging – natürlich, ohne sie mit einem Abschiedskuss oder auch nur mit einem freundlichen Wort zu bedenken –, atmete sie auf und stürzte sich in den täglichen Arbeitstrott. Das Badezimmer musste gereinigt werden. Ruppert legte allergrößten Wert darauf, dass es blitzte und blinkte. Es fehlt nur noch, dass er mit dem Mikroskop auf Bakteriensuche geht, dachte Penelope, während sie die Wanne auswischte. Die eintönige Arbeit ließ ihren Gedanken freien Spielraum. Und diese Gedanken waren leider sehr unerfreulicher Natur.
Der Auftritt vorhin war nur einer in einer langen Reihe gewesen. Seit Sophie auf der Welt war, gab es in der Ehe ihrer Eltern immer größere Diskrepanzen. Ruppert machte seiner Frau das Leben zur Hölle, und Penelope wusste nicht, wie sie sich wehren sollte. Sie hatte schon mit neunzehn Jahren geheiratet und sich sieben Jahre lang eingebildet, eine glückliche Ehe zu führen. Da sie keine Kämpfernatur war, hatte sie sich ihrem Mann völlig untergeordnet. Ruppert hatte von Anfang an das Kommando an sich gerissen, und Penelope hatte es zugelassen. Nach dem Abitur hatte sie ein paar Monate im Büro einer Versicherungsgesellschaft gearbeitet, doch mit ihrem Hochzeitstag war diese Tätigkeit beendet gewesen. Ruppert war der Ansicht gewesen, dass er genug verdiene und dass die Frau ins Haus gehöre. Penelope hatte sich widerspruchslos gefügt. Es war ja auch bequem gewesen. Sie hatte den Haushalt schnell in den Griff bekommen, und es hatte, obwohl Ruppert pingelig und anspruchsvoll war, nie Reibereien gegeben.
Doch mit Sophies Geburt hatte sich alles geändert. Penelope hatte den Tag ihrer Niederkunft kaum erwarten können. Sie hatte sich unbändig auf das Kind gefreut. Endlich sollte ihr langweiliges Leben, das bis dahin hauptsächlich aus Kochen und Putzen bestanden hatte, einen Sinn erhalten. Der erste Schrei des Kindes war für sie ein wunderbares Erlebnis gewesen. Sie hatte in ihrem Glück geschwelgt, der Säugling war zum Zentrum ihres Daseins geworden. Die kleine Sophie musste geliebt und umsorgt werden. Alles andere war daneben unwichtig geworden.
Es hatte eine Weile gedauert, bis Penelope begriffen hatte, dass Ruppert nicht so fühlte wie sie. Er sah in seiner Tochter kein einmaliges Wunderwesen, sondern ein lästiges kleines Wesen, das seine Bequemlichkeit störte und ihm die Nachtruhe sowie die Liebe seiner Frau raubte.
»Aber ich liebe euch doch alle beide«, hatte Penelope ein Mal zu Rupperts Vorwürfen verwundert gemeint.
Jetzt fragte sie sich, ob seine Vorwürfe nicht doch berechtigt gewesen waren. Im Augenblick empfand sie nämlich keinerlei Liebe für ihren Mann, sondern eher eine Art ohnmächtigen Groll. »Es ist mir vollkommen egal, ob er Leiter der Buchhaltung wird oder nicht«, teilte sie dem geduldigen Waschbecken mit. »Mir wäre es sogar lieber, er würde es nicht werden. Sonst platzt er demnächst noch vor Eitelkeit.«
Das Waschbecken blieb stumm, und Penelope presste die Lippen fest zusammen. Jetzt rede ich schon mit mir selbst und mit den Gegenständen rund um mich, dachte sie. Das kommt davon, dass ich niemanden habe, mit dem ich mich aussprechen kann. Meine Freundinnen wohnen alle in Maibach. Hier in Stuttgart kenne ich so gut wie niemanden. Irgendwie hat mich Ruppert stets daran gehindert, neue Freundinnen zu finden. Er war dagegen, dass ich Sprachkurse in der Volkshochschule besuchte, er hat so lange über den Schneiderkurs gespottet, bis ich ihn aufgegeben habe, und er hat mir nie erlaubt, eine Arbeit anzunehmen. Aber seine eigenen Freunde und Bekannten hat er angeschleppt, und ich musste meine Kochkünste unter Beweis stellen und die perfekte Gastgeberin spielen. Wieso habe ich mir das alles gefallen lassen?
Glucksende Laute aus dem Kinderzimmer unterbrachen Penelopes Gedankengang. Geschäftig stellte die junge Mutter die Kinderbadewanne auf den Einsatz, füllte sie mit Wasser und einem milden Babyschaumbad, prüfte mit einem Thermometer gewissenhaft die Temperatur und legte einige Handtücher, frische Windeln und Babykleidung sowie Sophies kleinen Bademantel zurecht. Dann eilte sie in das Kinderzimmer. »Na, mein Püppchen, schon munter?«
»Dada. Dadadada«, erwiderte Sophie fröhlich und wippte kniend, beide Händchen auf die Matratze gestützt, mit dem Hinterteil vor und zurück.
»Komm, mein Püppchen, das Bad ist fertig. Nehmen wir den Ball mit? Wo ist denn dein Ball? Zeig mir den Ball!«
Sophie lachte. Ihre dunklen Augen blitzten, aber sie begriff natürlich nicht, was ihre Mutter von ihr wollte.
Penelope lachte ebenfalls. Sie holte den Ball unter dem Kissen hervor und reichte ihn ihrer Tochter.
Sophie griff eifrig danach und wollte den Ball in den Mund stecken. Er war natürlich zu groß und widerstand auch ihren Versuchen, hineinzubeißen.
»Was machen denn deine Zähnchen? Sieht man schon etwas?«, fragte Penelope. Sie nahm Sophie den Ball wieder weg und versuchte, in den kleinen Mund zu sehen. Sophie protestierte, wollte ihren Ball zurückhaben, und Penelope erfüllte ihr den Wunsch.
»Nein, von deinen Zähnchen ist noch nichts zu sehen«, erzählte Penelope ihrer Tochter, die aufmerksam, aber verständnislos lauschte. »Nur das Zahnfleisch ist etwas geschwollen. Wir werden etwas zum Einreiben aus der Apotheke holen, damit mein kleiner Goldschatz in der Nacht gut schlafen kann.«
Nach dem Bad bekam Sophie ihr Vormittagsfläschchen, und danach spielte Penelope eine Weile mit ihr. Darüber vergaß sie ihren Verdruss mit Ruppert. Sie erinnerte sich erst wieder daran, als sie das Mittagessen für sich und Sophie zubereitete. Der Einfachheit halber begnügte sie sich mit einem Brei, der vorwiegend aus geriebenen Karotten, Kindergries und Milch bestand. Sie hatte keine Lust und keine Zeit, extra für sich eine Mahlzeit zu kochen. Daher hatte sie sich angewöhnt, zu Mittag ein Babymenü zu verzehren.
Während Penelope die kleine Sophie fütterte und gleichzeitig selbst aß, ging ihr plötzlich die Überlegung durch den Sinn, was wohl Ruppert sagen würde, wenn sie ihm zum Nachtmahl ebenfalls einen Karottenbrei vorsetzen würde. Der Gedanke war so absurd, dass sie wider Willen lachen musste. Sophie stimmte krähend und vor Wonne strampelnd in ihr Lachen ein.
»Mein kleiner Goldschatz«, murmelte Penelope und drückte dem Kind einen Kuss auf den dichten schwarzen Haarschopf. »Was sollen wir am Nachmittag unternehmen? Draußen scheint die Sonne. Ich möchte das schöne Wetter ausnützen. Wir werden in den Park gehen und auf dem Rückweg in der Apotheke vorbeischauen.«
»Gagada«, sagte Sophie, und Penelope nahm diese Antwort als ein Zeichen der Zustimmung für ihre Programm. Nur kurz streiften ihre Gedanken den Umstand, dass Ruppert sich für diesen Abend ein kompliziertes Nachtmahl bestellt hatte.
»Die gefüllte Ente in Orangensoße kann Papa vergessen«, vertraute sie der aufmerksam lauschenden Sophie an. »Bei dem schönen Wetter wäre es Wahnsinn, den ganzen Nachmittag in der Küche zuzubringen. Er bekommt ein Paar Bratwürste mit Senf und Brot. Unzufrieden mit mir ist er auf alle Fälle. Auf einen Streit mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an.«
Es war Penelope klar, dass Sophie den Sinn ihrer Worte nicht verstand. Trotzdem tat es ihr gut, die Kümmernisse, unter denen sie seit Wochen litt, laut auszusprechen.
»Vielleicht meint dein Papa es gar nicht böse«, fuhr sie im Plauderton fort. »Er kann sich eben nicht so leicht daran gewöhnen, dass er jetzt nicht mehr die Hauptperson ist, um die sich alles dreht. Wahrscheinlich habe ich ihn zu sehr verwöhnt, aber damit muss nun Schluss sein. Schließlich wollen wir uns keinen Haustyrannen heranzüchten, nicht wahr, mein Goldschätzchen?«
Die gleichmäßige Stimme der Mutter, in der nichts von den Sorgen und Nöten, die Penelope bedrückten, durchklang, zauberte ein Lächeln in Sophies schwarze Augen. So klein das Baby noch war, fühlte es doch, dass die Mutter mit ihm sprechen wollte. »Dada«, erwiderte es und fügte dieser Aussage noch ein bekräftigendes »Mammamam« hinzu.
»Mein Schätzchen sagt Mama!«, rief Penelope selig und drückte das Kind fest an sich.
*
Obwohl sich der Sommer schon seinem Ende zuneigte, war die Luft erstaunlich mild und klar. Das warme Wetter hatte nicht nur Penelope, sondern auch eine Menge anderer Leute zu einem Spaziergang veranlasst. Penelope schlenderte über die breiten Kieswege des Parks und schob den Kinderwagen mit Sophie vor sich her. Sitzen konnte Sophie noch nicht, aber sie hatte trotzdem einen guten Ausblick. Sie kniete im Wagen und plapperte unentwegt vor sich hin.
Mit Stolz registrierte Penelope die freundlichen und bewundernden Blicke, die vorübergehende Passanten dem niedlichen Baby schenkten. Es ist dumm von Ruppert, dass er sich so wenig um Sophie kümmert, dachte sie dabei. Er ahnt nicht, was ihm dadurch entgeht.
»Frau Theurer! Hallo, Frau Theurer!«
Penelope drehte sich um und entdeckte eine junge Frau, die auf einer der weißgestrichenen Bänke saß und ihr eifrig zuwinkte.
»Frau Theurer! Erkennen Sie mich nicht? Ich bin Ilse Horneck. Wir lagen zur gleichen Zeit im Krankenhaus.«
»Ach ja! Natürlich – ich erinnere mich genau«, sagte Penelope. Sie reichte der jungen Frau die Hand und setzte sich neben sie auf die Bank.»Hui, Ihre Tochter hat viele Haare!«, rief Frau Horneck aus, wobei in ihrem Tonfall ein wenig Neid lag. »Mein Thomas ist leider zur Zeit ein Glatzkopf. Er ist völlig kahl.« Sie deutete auf den eleganten dunkelblauen Kinderwagen, der neben ihr stand und in dem ein rosiger pausbäckiger Säugling schlief.
»Und wie lebhaft Ihre Kleine ist«, fuhr Ilse Horneck fort. »Mein Thomas ist eher ein kleiner Faulpelz. Am liebsten schläft er. Hat Ihre Kleine schon ihre ersten Zähnchen bekommen? Mein Thomas hat bereits zwei. Und er kann sich schon ganz allein, ohne Hilfe, aufsetzen.«
Penelope musste gestehen, dass Sophie weder über Zähne verfügte noch sitzen konnte. »Aber sie hat heute zum ersten Mal Mama gesagt«, erklärte sie stolz.
»Doch, da hat sie wahrscheinlich so vor sich hin geplaudert«, meinte Frau Horneck, die unmöglich dulden konnte, dass ihr Thomas von Sophie in den Schatten gestellt wurde. Um jedoch ihrer Bemerkung die Schärfe zu nehmen, fügte sie eilig hinzu: »Wir Mütter bilden uns ja meistens viel zu viel auf die Fähigkeiten unserer Kinder ein. Jede von uns hält ihren eigenen Sprössling für ein wahres Wunder an Klugheit und Begabung. Übrigens denken nicht nur die Mütter so. Auch die frischgebackenen Väter platzen beinahe vor Stolz, weil sie sich einbilden, etwas Besonderes hervorgebracht zu haben.« Sie lachte fröhlich, ohne auf den Seufzer, den Penelope unwillkürlich ausstieß, zu achten.
»Ihr Mann ist sicher von seiner kleinen Tochter begeistert«, sprach Frau Horneck unbekümmert weiter. »Es heißt ja, dass Väter im allgemeinen Töchter vorziehen. Mein Mann bildet da eine Ausnahme. Er ist wahnsinnig eingenommen von unserem Stammhalter. Stellen Sie sich vor: Am Anfang, als Thomas noch jede Nacht gefüttert werden wollte, stand mein Mann regelmäßig auf, wärmte das Fläschchen, gab es Thomas und wechselte danach sogar die Windeln. Ich konnte jede Nacht durchschlafen. Das war viel wert. Die Entbindung hatte mich ziemlich mitgenommen. Aber mein Mann hat uns beide, Thomas und mich, richtiggehend verwöhnt.«
Penelope starrte die Sprecherin argwöhnisch an.
Sie hatte den Verdacht, dass Frau Horneck prahlte, aber diese erwiderte ihren forschenden Blick mit einem freundlichen Lächeln.
»Es ist ein wahres Glück, dass die Männer heutzutage zu einem partnerschaftlichen Verhalten erzogen werden«, fuhr Frau Horneck fort. »Mein Vater war in dieser Hinsicht noch einigermaßen rückständig, aber über meinen Mann kann ich mich wirklich nicht beklagen. Höchstens im Hinblick auf seine berufliche Karriere ist mein Mann etwas nachlässig und gleichgültig …«
»Das dürfen Sie ihm nie zum Vorwurf machen«, entfuhr es Penelope. »Ich meine …« Sie stockte, fühlte, dass sie rot wurde, und sagte unsicher: »Ich finde, eine berufliche Karriere ist nicht das Wichtigste im Leben.«
»So? Finden Sie?«, fragte Frau Horneck ein bisschen unwillig.
»Mein Mann ist sehr ehrgeizig«, antwortete Penelope leise. »Er will unbedingt eine Sprosse höher klettern. Das ist im Moment sein einziges Sinnen und Trachten. Es würde ihm nicht im Traum einfallen, Sophie zu füttern oder neu zu wickeln. Er beschäftigt sich nie mit ihr. Er betrachtet sie als Eindringling. Sophies Vorhandensein stört ihn in seinen liebgewordenen Gewohnheiten.«
»Oh!«, Frau Horneck sah ihre frühere Bettnachbarin erstaunt und bestürzt an.
Penelope schämte sich. Wie kam sie dazu, einer Fremden die Schwierigkeiten ihrer Ehe anzuvertrauen?
»Jeder Mensch hat eben seine Fehler«, murmelte Penelope abschwächend.
»Ja, so ist es«, stimmte Frau Horneck ihr zu. »Wahrscheinlich ist Ihr Mann auf das Kind eifersüchtig. Man hört doch oft, dass junge Männer sich anfangs schwer mit ihrer Vaterrolle abfinden. Die plötzliche Verantwortung macht ihnen angst.«
Penelope unterließ es, ihre Gesprächspartnerin darauf hinzuweisen, dass Ruppert mit seinen zweiunddreißig Jahren nicht mehr gar so jung war. Er war alt genug, um die Verantwortung für seine Familie zu tragen. Und schließlich war diese Verantwortung auch nicht plötzlich über ihn gekommen. Sophie war ein Wunschkind, dessen Erscheinen auch Ruppert befürwortet hatte.
Eine unbehagliche Pause trat ein, bis Frau Horneck fragte, womit und in welchen Mengen Sophie ernährt werde.
Auf dieses Thema ging Penelope begeistert ein. Die beiden jungen Frauen tauschten angeregt ihre diesbezüglichen Erfahrungen aus, bis die immer länger werdenden Schatten der Bäume die Bank erreichten.
Thomas erwachte und bewies, dass er über eine kräftige Stimme verfügte.
»Er ist schon wieder hungrig. Dieser Vielfraß«, bemerkte Frau Horneck lachend. »Ich muss nach Hause. Vielleicht sehen wir uns bald wieder? Ich komme beinahe jeden Tag in den Park. Mich wundert, dass wir uns nicht schon früher getroffen haben.«
»Ich – habe selten Zeit«, erwiderte Penelope leicht stotternd. »Im Sommer war ich beinahe jeden Nachmittag bei meiner Schwiegermutter. Sie besitzt ein Häuschen mit einem Garten am Stadtrand und bestand darauf, dass ich sie besuchte. Weil die Luft für Sophie dort draußen so gut ist.«
»Ach so! Hm, meine Schwiegermutter mischt sich zum Glück in nichts ein. Sie freut sich, wenn ich sie besuche, aber sie besteht nicht darauf.« Ilse Horneck verabschiedete sich und enteilte mit ihrem brüllenden Söhnchen.
Penelope blieb nachdenklich und leicht verwirrt auf der Bank sitzen. Sie hatte sich stets um ein gutes Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter bemüht. Jetzt allerdings drängte sich ihr die Einsicht auf, dass Selma Theurer fleißig mitgeholfen hatte, sie zu bevormunden. Ruppert besaß zwei Brüder, aber die lebten nicht in Stuttgart. Selma Theurer hatte ihre Aufmerksamkeit daher fast gänzlich auf ihren ältesten Sohn Ruppert und dessen Frau konzentriert.
