My Christmas Wish - Sarah Saxx - E-Book + Hörbuch

My Christmas Wish E-Book und Hörbuch

Sarah Saxx

3,0

Der Titel, der als Synchrobook® erhältlich ist, ermöglicht es Ihnen, jederzeit zwischen den Formaten E-Book und Hörbuch zu wechseln.
Beschreibung

Die Begegnung mit einer einsamen alten Dame lässt die Psychologiestudentin Lydia an Thanksgiving aufgewühlt zurück. In ihr reift der Wunsch, Menschen zu helfen, die die Feiertage allein verbringen müssen. Wieder auf dem College stürzt sie sich in die Arbeit und startet mit Hilfe ihrer Kommilitonen ein Charity-Projekt: Sie will Alleinlebende für ein gemeinsames Weihnachtsfest mit Familien zusammenbringen, die noch einen Platz an ihrem Tisch frei haben. Besondere Unterstützung erhält sie dabei von ihrem Studienkollegen Shawn. Der empathische Mann scheint einen speziellen Draht zu einsamen Menschen zu haben und begeistert Lydia mit seinem Engagement. Doch da gibt es eine Sache, die Lydia nicht über Shawn weiß – und die dafür sorgt, dass sie ihre wachsenden Gefühle für ihn vollkommen infrage stellt. Eine bezaubernde Feel-good-Romance für die kalten Tage, die jedes Herz erwärmt.

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Seitenzahl: 432

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Zeit:10 Std. 10 min

Sprecher:Dagmar Bittner
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SARAH SAXX

My Christmas Wish

SARAH SAXX

My Christmas Wish

LAGO

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Originalausgabe

1. Auflage 2021

© 2021 by LAGO Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Jil-Aimée Bayer

Umschlaggestaltung: Manuela Amode

Umschlagabbildung: Shutterstock.com/Anastasia Panfilova, Mnsty studioX, jottaonni

Layout und Satz: inpunkt[w]o, Haiger | www.inpunktwo.de

Druck: CPI books GmbH, Leck

eBook by tool-e-byte

ISBN Print 978-3-95761-208-3

ISBN E-Book (PDF) 978-3-95762-298-3

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95762-299-0

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.lago-verlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Playlist

Holy – Justin Bieber feat. Chance The Rapper

Loneliest Time Of Year – Mabel

I’ll Be Home For Christmas – From The Kacey Musgraves Christmas Show – Kacey Musgraves, Lana Del Rey

Jingle Bells – Bethany Joy

Angels We Have Heard On High – Lindsey Stirling

Driving Home For Christmas – Chris Rea

Oh Holy Night – Recorded at Metropolis Studios, London – Nina Nesbitt

Grown-Up Christmas List – Jordan Smith Snow – Bethany Joy

Amazing Grace (My Chains Are Gone) – Pentatonix

I’ll Be Home – Meghan Trainor

O Come, All Ye Faithful – Mat and Savanna Shaw

My Only Wish (This Year) – Britney Spears

My Christmas With You – Bethany Joy, Anthony Evans

I Need You Christmas – Jonas Brothers

Merry Christmas, Darling – Timi Dakolo, Emeli Sandé

Let It Snow! Let It Snow! Let It Snow! – Rod Stewart, Dave Koz

Listen – Bethany Joy, Maria Rose

Hallelujah – Mat and Savanna Shaw, Stephen Nelson

Auch zu finden auf Spotify unter My Christmas Wish – by Sarah Saxx

Für meine Omi – ich vermisse dich so sehr, jeden Tag. Du wirst immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen haben.

Inhalt

Kapitel 1 – Lydia

Kapitel 2 – Lydia

Kapitel 3 – Shawn

Kapitel 4 – Lydia

Kapitel 5 – Lydia

Kapitel 6 – Shawn

Kapitel 7 – Lydia

Kapitel 8 – Shawn

Kapitel 9 – Lydia

Kapitel 10 – Lydia

Kapitel 11 – Lydia

Kapitel 12 – Shawn

Kapitel 13 – Lydia

Kapitel 14 – Lydia

Kapitel 15 – Shawn

Kapitel 16 – Lydia

Kapitel 17 – Lydia

Kapitel 18 – Shawn

Kapitel 19 – Lydia

Kapitel 20 – Lydia

Kapitel 21 – Lydia

Kapitel 22 – Shawn

Kapitel 23 – Lydia

Kapitel 24 – Shawn

Kapitel 25 – Lydia

Kapitel 26 – Lydia

Kapitel 27 – Shawn

Kapitel 28 – Lydia

Kapitel 29 – Shawn

Kapitel 30 – Lydia

Kapitel 31 – Shawn

Danke

Schokoladencreme-Plätzchen

Kapitel 1 - Lydia

»Setzt euch! Wir können gleich mit dem Essen anfangen.« Mom eilte mit der letzten Schüssel aus der Küche, an den Bildern vorbei, die sie extra für Thanksgiving aufgehängt hatte. Tim und ich hatten sie im Laufe der Jahre in der Schule gebastelt, und Mom dekorierte mit ihnen seitdem einmal im Jahr unser Zuhause. Noch heute musste ich schmunzeln, wenn ich die Handabdrücke sah, die wir zu Truthähnen umgestaltet hatten, und die gepressten bunten Blätter, die in Folien verschweißt als Mobiles von der Decke baumelten und mich an lustige Schulstunden erinnerten.

»Schon wieder gerösteten Rosenkohl?« Mein kleiner Bruder rümpfte die Nase, als sie das Gemüse vor uns abstellte.

»Heute ist Thanksgiving, Timothy. Deine Mutter ist für dieses Essen stundenlang in der Küche gestanden. Zudem verbiete ich mir Beschwerden über die Speisen, für die wir am heutigen Tag dankbar sind.« Dad schaute ihn streng an.

»Ich bin ja auch dankbar – für den Truthahn mit Preiselbeersoße und für den Kürbiskuchen. Aber Rosenkohl müsste eigentlich vom Speiseplan verbannt werden. Sorry, Mom.«

Sie hob eine Augenbraue. »Du wirst ihn trotzdem essen.« Damit war die Diskussion beendet, das wusste er so gut wie ich.

Ich goss Rotwein in drei Gläser, während Tim leise vor sich hin brummte und uns Wasser einschenkte.

Dad griff nach dem Tranchiermesser und begann damit, den Truthahn aufzuschneiden, als wir schon mal unsere Teller mit den Beilagen beluden. Keine Ahnung, wer das alles essen sollte. Ich sah mich bereits mit mehreren Reste-Portionen das Haus verlassen, was keineswegs von Nachteil war, da ich in den nächsten beiden Tagen kaum Zeit haben würde, mir was zu kochen, geschweige denn einzukaufen. Morgen und übermorgen würde ich im Spielzeugladen arbeiten müssen – und das war am Black-Friday-Wochenende jedes Jahr die Hölle.

»Lydia, möchtest du heute als Erste sagen, wofür du dankbar bist?« Mom schaute mich abwartend an, nachdem wir unsere Teller gefüllt hatten – Timothy hatte den vollsten, wenn auch nur mit einer Kugel Rosenkohl. Er wusste schon, wie er alle austricksen konnte. Ich hatte ihn bereits öfter dabei ertappt, wie er das Gemüse wieder unbemerkt in die Schüssel zurückwandern ließ, und ich war gespannt, wann es heute so weit sein würde.

Mein Blick huschte zu Dad, der normalerweise immer die ersten Dankesworte sprach. Doch er schmunzelte nur und nickte mir ermutigend zu.

»Okay, gut. Also … ich bin dankbar, dass ich heute hier sein kann, obwohl ich morgen arbeiten muss.«

Timothy schnaubte auf, als würde er sich ein Lachen verkneifen.

Idiot. Der sollte erst mal die Highschool beenden und dann schauen, wie er neben einem Studium Geld verdiente und alles unter einen Hut brachte.

»Und ich bin dankbar, dass wir alle gesund sind und es Tante Carol wieder besser geht«, fuhr ich fort. Sie wurde vor wenigen Tagen an der Bandscheibe operiert und befand sich zum Glück auf dem Weg der Besserung. Mom nickte mir lächelnd zu und wandte sich an Timothy.

»Ich bin dankbar, dass ich es dieses Jahr ins Basketballteam geschafft habe. Und dass ich beim letzten Englischtest nicht der Schlechteste in der Klasse war.«

»Das ist nichts, wofür man dankbar sein muss. Das hast du wie immer selbst in der Hand«, brachte sich Dad mit mahnendem Blick ein, doch mein Bruder ließ sich davon nicht beeindrucken. »Oh, und ich bin froh, dass das neue Assassin’s Creed schon am Erscheinungstag angekommen ist. Alfie musste ganze zwei Wochen länger warten.«

Mom runzelte die Stirn, ging aber nicht näher darauf ein. »Ich bin dankbar, dass ihr alle hier seid. Dass wir letztes Jahr Weihnachten noch gemeinsam mit Grandma feiern konnten und dass wir alle gesund sind.«

»Das hat Lydia schon gesagt«, warf Tim ein.

Dad schüttelte den Kopf. »Deshalb darf deine Mutter doch auch dafür dankbar sein.«

»Ich dachte, man muss sich immer was Neues ausdenken …«, brummte mein Bruder frustriert. Als ob er irgendwas von dem, was ich gesagt hätte, ebenfalls hätte ansprechen wollen.

»Man soll sich nichts ausdenken, sondern sich darauf besinnen, was einem wichtig ist und war. Aber das scheinst du mit deinen sechzehn Jahren immer noch nicht verstanden zu haben«, stichelte ich.

»Kinder, nicht streiten. Nicht heute«, bat Mom streng. »John, du bist dran.«

Dad schaute uns der Reihe nach an. »Ich bin dankbar, dass ich mit euch heute dieses Fest feiern kann.«

»Wieso? Hatten Mom und du Streit? Hat sie dich rausgeschmissen und wir wissen noch nichts davon?«

»Halt die Klappe, du Idiot«, zischte ich in Tims Richtung und trat unter dem Tisch mit dem Fuß gegen sein Schienbein.

»Nein, aber wie du dich vielleicht erinnern kannst, hat meine Firma in diesem Jahr mehrere Arbeitsplätze abgebaut. Meine Stelle war ebenfalls im Gespräch und es hat einige im Einkauf getroffen. Aber ich hatte Glück und darf weiterhin für Meyer’s & Co. arbeiten.«

Tim senkte betreten den Blick. »Ah ja, da war was …«

Viele von Dads ehemaligen Kollegen aus dem Chemiekonzern hatten Schwierigkeiten, einen neuen Job zu finden, und einige waren heute noch auf Arbeitssuche oder mussten einen gewaltigen finanziellen Rückschritt machen.

»Ich bin dankbar, dass du mich nach fast dreißig Jahren immer noch liebst«, fuhr Dad fort und schenkte Mom ein zärtliches Lächeln, das sie erwiderte. »Und ich bin dankbar, dass Misses Coles dieses Jahr auf ihre penetrante Weihnachtsbeleuchtung vor Thanksgiving verzichtet.«

Als hätte unsere Nachbarin diese Worte gehört, gingen genau in diesem Moment im Nachbarsgarten unzählige Lichter an und hüllten das Haus in einen hellen Schein. Ein riesiger Weihnachtsmann mit seinem Schlitten stand auf dem Dach, Frosty winkte fröhlich im Garten und jeder Strauch, jeder Baum, ja gefühlt sogar jede einzelne Zaunlatte hatte ihre eigene Lichterkette bekommen und machte die Nacht zum Tag.

Dad stieß einen überraschten Laut aus und stand auf, während Timothy lautstark zu lachen anfing. Auch Mom und ich konnten uns nicht länger zurückhalten und prusteten los, als mein Vater zum Fenster ging, weil er nicht fassen konnte, dass das wirklich passiert war.

»Wie habt ihr das gemacht? Timothy, hast du Misses Coles das Kommando dafür gegeben? Wo ist dein Handy?«

»Ehrlich, Dad, ich bin ausnahmsweise unschuldig«, brachte er atemlos hervor, während er sich Lachtränen von den Wangen wischte.

»Das muss wirklich ein unglaublicher Zufall sein, Schatz. Ignoriere es einfach. Soll ich die Vorhänge zumachen?« Mom stand bereits auf und wollte den Stoff vorziehen, doch mein Vater hielt sie grummelnd davon ab. »Lass es. Ich werde es schon überleben.«

»Setzt euch, ich hab Hunger und das Essen wird kalt!« Timothys Wangen glühten, als er sich, ohne auf unsere Eltern zu warten, ein großes Stück Süßkartoffel in den Mund schob.

Mom küsste Dad auf die Wange, dann setzten sie sich wieder zu uns und wir machten uns endlich über das wirklich leckere Essen her. Moms Mühen hatten sich wirklich gelohnt.

Zweieinhalb Stunden später lümmelten wir alle gemütlich im Wohnzimmer. Mom und ich hatten es uns auf der Couch bequem gemacht, während Dad und Tim auf den Sesseln uns gegenüber saßen. Auf dem Tisch vor uns stand ausgebreitet ein nicht zu Ende gespieltes Monopoly, das Tim abgebrochen hatte, weil er davon überzeugt gewesen war, ich würde schummeln. Er war ein schlechter Verlierer, immer schon gewesen.

»Bevor ich es vergesse: Ich will wie immer am Sonntag alles weihnachtlich dekorieren. Timothy, du bleibst bitte zu Hause und hilfst deinem Dad draußen mit der Beleuchtung.«

Er grummelte, doch Mom ließ sich dadurch nicht beirren. »Und du kommst hoffentlich auch, Lydia?«

»Natürlich! Darauf freue ich mich seit Wochen!«

»Solange du nicht schon vor Wochen damit angefangen hast, ist das völlig legitim«, meinte Dad und schenkte sich von der zweiten Weinflasche etwas nach.

Timothy kicherte grunzend. »Nicht alle sind wie Misses Coles.«

»Ich verstehe nicht, wieso manche Leute es gar nicht erwarten können, alles zu dekorieren. Ich meine, es dauert schließlich noch mehrere Wochen bis Weihnachten. Es bleibt genug Zeit, um sich darauf zu freuen und alles festlich zu gestalten.«

»Ärgere dich nicht, Schatz.« Mom hielt ihm ihr Glas hin, in das er ebenfalls nachgoss. »Du auch, Lydia?«

Ich warf einen kurzen Blick auf das Display meines Smartphones. »Nein, danke. Ich muss jetzt dann los, sonst verpasse ich meinen Bus.«

»Ach, warte, ich packe dir noch Essen ein.« Mom sprang auf und ich folgte ihr in die Küche. Wie erwartet war viel zu viel übrig geblieben. Es war völlig egal, ob Tante Carol mit ihrem Mann Henry zu Besuch war oder ob meine Eltern an Thanksgiving ihre Freunde eingeladen hatten, sie kochte immer zu viel.

Ich half ihr, drei Boxen zu befüllen, die ich mit einem Deckel verschloss und anschließend in die Tragetasche packte, die sie mir dafür reichte.

»Thanksgiving ist seltsam ohne Grandma. Sie fehlt«, stellte ich leise fest. Auch ihr hatte Mom immer die Reste eingepackt, bevor sie ihre Mutter am Tag danach zurück nach Hause gefahren hatte.

Grandpa war schon vor Jahren gestorben und an die Eltern meines Dads konnte ich mich kaum erinnern. Nun jedoch gar keine Großeltern mehr zu haben schmerzte.

»Sehr. Aber … in gewisser Weise war sie heute trotzdem dabei. Mit dem Wein, auf den sie jedes Mal bestanden hatte. Mit dem Rezept der Preiselbeersoße und mit der Honigmarinade, die sonst immer sie auf den Truthahn gepinselt hat.«

Mir wurde schwer ums Herz bei den Erinnerungen an meine Großmutter. Sie war dieses Jahr im Februar nach einer Lungenentzündung gestorben und fehlte immer noch so schrecklich.

»Das hast du schön gesagt.« Meine Stimme klang erstickt.

Selbst Mom war mit einem Mal sehr melancholisch, was ich so von ihr nur selten kannte, und ich sah die Tränen in ihren Augen schimmern. Sie lächelte mich tapfer an und ich musste sie unbedingt fest drücken.

»Komm gut nach Hause, hörst du? Melde dich, wenn du angekommen bist.«

»Aber natürlich. Mach dir keine Sorgen um mich.« Ich küsste sie auf die Wange. »Wenn überhaupt, dann werde ich nur überfallen, weil es aus der Tasche so lecker nach deinem Essen duftet«, scherzte ich.

Sie bedachte mich mit einem warnenden Blick und begleitete mich schließlich zur Haustür.

»Musst du wirklich schon los?« Dad kam auf mich zu und Tim folgte ihm, die Augen auf das Smartphone in seinen Händen gerichtet.

»Ja, aber wir sehen uns ja bald wieder.«

Er nickte und zog mich in eine feste Umarmung. »Ich kann dich immer noch fahren, wenn du willst.«

»Dad! Ich fahre öfter mit dem Bus, du musst dir wirklich keine Sorgen machen.«

Seufzend ließ er mich los. »Du bist mir einfach zu schnell erwachsen geworden.«

»Dafür habt ihr ja Tim noch ein paar Jahre an der Backe.«

Für diesen Kommentar verstrubbelte mir mein Bruder wild meine Frisur.

»Danke, du Pfeife.« Ich versuchte, meine braunen Haare vor dem Spiegel wieder halbwegs zu bändigen, und setzte mir schließlich meine wollene Mütze auf. In den letzten Tagen war es empfindlich kalt geworden. »Also … bis Sonntag!«

»Bis später!«, ermahnte mich Mom und erinnerte mich damit daran, dass ich mich noch bei ihr melden sollte, sobald ich im Wohnheim angekommen war. Dann öffnete ich die Tür – und staunte nicht schlecht: Die ersten vereinzelten Schneeflocken für dieses Jahr fielen vom Himmel.

»Es schneit!«, rief ich begeistert meiner Familie zu.

»Wie schön! So ein herrlicher Abschluss für diesen Thanksgiving-Abend«, meinte Mom und beugte sich so weit vor die Tür, dass sie mit ausgestreckter Hand ein paar der tanzenden Flocken erwischen konnte.

Tim grunzte. »Yeah, hoffentlich wird es über Nacht noch mehr und er bleibt liegen, dann gibts morgen schon die erste Schneeballschlacht.«

»Freu dich nicht zu früh, beim ersten Schnee ist’s nicht immer gesagt, dass er auch bleibt«, dämpfte Dad gleich mal seine Euphorie.

Schmunzelnd winkte ich ein letztes Mal und machte mich endlich auf den Weg. Das Haus der Coles war nicht das Einzige, das schon dekoriert war. Bis ich in die Straße einbiegen konnte, in der sich auch die Bushaltestelle befand, musste ich mehrere weihnachtliche Vorgärten passieren. Gut, niemand hatte so dermaßen übertrieben wie unsere Nachbarn, aber ich mochte es, dass jetzt, wo es so winterlich war, bereits hie und da geschmückt wurde. Auch wenn ich Dads Einstellung verstand, dass er erst Thanksgiving mit all seiner Tradition und Bedeutung genießen wollte, ohne schon alles mit Elfen und Rentieren vermischt zu haben.

Ich war ebenfalls der Meinung, dass jedem der Feste gebührend Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte, aber ich störte mich nicht daran, wenn es jemand anders sah als wir.

Als ich die Bushaltestelle endlich erreichte, hatte der Schneefall tatsächlich ein wenig zugenommen. Nur leicht, aber ich freute mich über den ersten Schnee in diesem Jahr. Ich hob den Kopf, schloss die Augen und ließ die kalten Flocken auf meinem Gesicht landen. Kurz war ich versucht, die Zunge herauszustecken, hielt mich dann jedoch zurück, da in diesem Moment ein Auto an mir vorbeifuhr.

Ich holte mein Smartphone aus der Tasche, um nachzusehen, wie viele Minuten ich noch in der Kälte ausharren musste – es waren sieben, sofern der Bus pünktlich kam –, und entdeckte eine Nachricht von meiner Freundin und Mitbewohnerin im Studentenheim.

ELLEN: ICH HOFFE, DU HAST FÜR SAMSTAGABEND NICHTS VOR. HAB EBEN ERFAHREN, DASS SHAWN FRANCIS AUCH AUF DER PARTY IM WOHNHEIM SEIN WIRD. ;)

Augenblicklich machte mein Herz einen Satz.

Ich war ihm vor ein paar Wochen im Café neben der Mensa über den Weg gelaufen und völlig fasziniert gewesen von seinen strahlend blauen Augen und seinem sympathischen Lächeln. Ellen war das natürlich nicht entgangen und daher hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, schnellstens herauszufinden, wer er war, was er studierte und was ihm sonst noch alles wichtig war.

Inzwischen wusste ich, dass er zwanzig und im Schwimmteam war und Kommunikationswissenschaften studierte. Angeblich war er Single, kam aus Warwick/Rhode Island und hatte im Nachbarswohnheim ein Zimmer, auch wenn ich ihn bisher noch nie gesehen hatte. Doch das hieß nichts – schließlich hatte ich immer einen ziemlich vollen Tagesplan mit meinem Psychologie-Studium, dem Arbeiten nebenbei und meinem ehrenamtlichen Engagement. Außerdem waren die Wohnheime auf dem Campus in Danbury allesamt ziemlich groß. Zum Glück lag meines sehr zentral und ich war schnell bei meinen Vorlesungen und Kursen.

Die Aussicht, ihm auf einer Feier wieder über den Weg zu laufen, hob meine Laune weiter an. Ich würde ihn auf jeden Fall ansprechen, diese Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen.

LYDIA: ICH BIN DABEI! OMG, DU MUSST MIR HELFEN, WAS PASSENDES ZUM ANZIEHEN ZU FINDEN!

Eine Antwort würde vermutlich dauern. Ellen war ebenfalls bei ihren Eltern, und da sie morgen nicht arbeiten musste, wollte sie dort übernachten. Genau wie ihre drei Schwestern. Bestimmt ging es gerade lustig zu bei ihnen. Also verstaute ich das Telefon wieder in meiner Handtasche und schaute die Straße hinab in die Richtung, aus der der Bus kommen musste.

Zunächst war ich so auf die Straße fokussiert, dass ich nichts um mich herum wahrnahm. Bis ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung an meiner Seite bemerkte. Einem Impuls folgend drehte ich mich um und sah zu der Frau, die sich neben mich gestellt hatte. Mein Herz setzte für einen Schlag aus … Kräftig blinzelte ich gegen den kalten Wind, die Dunkelheit und die immer dichter fallenden Schneeflocken an, bis ich erkannte, dass nicht Grandma in diesem dicken Wintermantel unter der flauschigen Pelzmütze steckte, sondern eine mir völlig fremde alte Dame. Ihr Gesicht war jedoch genauso faltig wie das meiner Granny, sie ging an einem Stock und wirkte ebenso gebrechlich.

Sie schien allein unterwegs zu sein, was mich traurig stimmte. Hatte diese Frau niemanden, der sie begleitete? Und das bei dem Wetter? Mir schauderte. Was, wenn sie stürzte oder ihr sonst was zustieß? Die Straßen waren dunkel und zum Teil schon eisig.

Aber was mich noch mehr traf als die Tatsache, dass sie allein unterwegs war, waren die Tränen, die ich auf ihrem Gesicht erkannte, als ich genauer hinsah.

Niemand sollte an einem Feiertag weinen müssen …

Für einen Moment rang ich mit mir, ob ich mich in das Leben einer Fremden einmischen sollte, dann jedoch entschied ich, sie einfach zu fragen, was passiert war. »Alles in Ordnung?«

Sie zitterte, ich war mir jedoch nicht sicher, ob vor Kälte oder weil sie so alt war. »Sie wollen mir mein Haus wegnehmen.«

Geschockt schaute ich sie an. »Wer?«

Sie redete weiter, als hätte sie mich nicht gehört, während immer mehr Tränen über ihre Wangen strömten. »Sie lassen mich an Thanksgiving allein und an Weihnachten auch. Und wenn sie mir auch noch mein Haus nehmen, hab ich gar nichts mehr.«

In meiner Brust breitete sich unglaubliche Traurigkeit aus. »Wie meinen Sie das? Wo werden Sie denn wohnen, wenn nicht in Ihrem Haus?«

»Meine Tochter und mein Schwiegersohn wollen es haben. Für meinen Enkelsohn. Das Haus, das Charles und ich gemeinsam gekauft haben, als wir jung waren. Sie wollen es haben, aber ohne mich. Deshalb stecken die mich in ein Altenheim, damit ich ihnen nicht länger im Weg bin.« Sie sagte es mit so trauriger, ja hilfloser Stimme, dass ich das Bedürfnis verspürte, sie in die Arme zu nehmen und zu trösten. Aber ich hielt mich zurück, da ich die Frau nicht kannte und nicht wusste, ob es für sie okay wäre.

»Und dann kommen sie mich gar nicht mehr besuchen. Ich sehe sie ja jetzt schon so selten. Vielleicht zweimal im Jahr … Die restliche Zeit bin ich allein.«

Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Wie konnte man nur eine so liebe alte Frau alleinlassen? Wir hätten Grandma nie so egoistisch und gefühllos von uns gestoßen. Wir hatten sie regelmäßig besucht oder sie zu uns geholt, um viele Familienfeste mit ihr zu feiern oder einfach gemeinsam die Wochenenden zu verbringen, selbst dann noch, als sie im Altersheim gewesen war.

Dass diese Frau heute allein sein musste, war schlimm, und dass sie selbst an Weihnachten niemanden hatte, der mit ihr feierte, verstärkte den Knoten in meinem Hals. »Feiern Sie mit mir und meiner Familie. Bitte. Ich möchte nicht, dass Sie allein sein müssen, und würde Sie gern am Weihnachtsabend zu uns einladen«, sagte ich, ohne groß darüber nachzudenken. Zwar hätte ich erst meine Eltern fragen sollen, aber ich hoffte einfach, dass sie nichts dagegen hätten, wenn ich ihnen von der unfassbaren Geschichte ihrer Familie erzählte.

Der Gedanke daran, dass Grandma sich so gefühlt hätte wie diese Frau, war für mich richtig schlimm. Unvorstellbar, was das für eine Tochter war, die ihrer Mutter das Haus wegnehmen wollte, nur damit der eigene Sohn dort wohnen konnte. Und was war der Enkel für ein Mensch, dass ihm seine Großmutter so egal war?

»Bei Ihnen?«, fragte die alte Frau irritiert, und zum ersten Mal sah sie mich direkt an. In ihrem Blick konnte ich ganz deutlich den Kummer sehen.

»Ja. Bitte, feiern Sie mit uns. Bei uns sind Sie herzlich willkommen. Meine Familie ist bekannt für ihr leckeres Weihnachtsessen. Geben Sie mir Ihren Namen und Ihre Telefonnummer, dann melde ich mich bei Ihnen und wir holen Sie an Heiligabend zu uns.«

Die alte Frau wirkte überrumpelt. Aber nicht im negativen Sinn. Ihre Mundwinkel zuckten zu einem dankbaren Lächeln nach oben. »Das ist ein so liebes Angebot, das kann ich nicht annehmen.«

»Doch, bitte. Wir kochen einen Braten und singen Weihnachtslieder. Wir spielen Monopoly und lesen uns Weihnachtsgeschichten vor. Es ist gemütlich bei meinen Eltern und meinem Bruder. Es wird Spaß machen, Sie werden sehen.«

»Wie heißen Sie, Miss?«

»Lydia Carrington. Ich studiere an der WCSU in Danbury/Conneticut, meine Eltern wohnen jedoch hier in Richmond, nur wenige Straßen weiter.« Ich zeigte in die Richtung, aus der ich gekommen war.

»Lydia. Ein schöner Name.« Die Frau zog ein zerknülltes Taschentuch aus ihrer Manteltasche und trocknete sich damit die Wangen. »Ich heiße Grace Schneider.« Sie nannte mir ihre Telefonnummer, die ich in mein Handy speicherte. Dann kam auch schon mein Bus und ich wollte der Frau beim Einsteigen behilflich sein.

»Nein, das ist nicht meiner, ich warte auf die nächste Linie. Aber Ihnen vielen Dank. Sie sind ein guter Mensch. Happy Thanksgiving, Lydia.«

»Happy Thanksgiving«, murmelte ich, bevor ich in den Bus stieg. Die Türen schlossen sich hinter mir und ich hielt den Blick so lange auf die alte Frau gerichtet, bis sie aus meinem Blickfeld verschwunden war. Nur diese schwere Traurigkeit blieb, genau wie das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, indem ich sie eingeladen hatte, Weihnachten mit uns zu feiern.

Kapitel 2 - Lydia

Kaum dass ich durch die große Eingangstür ins Studentenwohnheim ging, rief ich meine Mom an. Nicht nur, um ihr zu sagen, dass ich gut zu Hause angekommen war, sondern auch, um ihr von der alten Frau und meinem spontanen Entschluss zu erzählen, sie zu Weihnachten einzuladen.

Meine Mütze war voller Schnee, als ich sie abnahm. Die weiße Pracht ist während der Busfahrt noch mehr geworden und inzwischen tanzten richtig dicke Flocken vom Himmel, die auf den Straßen, Gehwegen und Wiesen liegen blieben. Tim vollführte bestimmt schon einen Freudentanz.

»Ich hoffe, es ist okay für euch, dass ich sie eingeladen habe. Sicher, ich hätte euch vorher fragen sollen, aber es war eine spontane Idee. Wenn es ungünstig ist, dann …«

»Lydia, natürlich ist das in Ordnung, Schätzchen. Du bist eine so gutherzige Frau, so empathisch. Ich bin stolz auf dich und finde es wirklich eine schöne Idee und Geste, dass du sie eingeladen hast. Was sind das bloß für Leute, die ihre Grandma einfach so alleine lassen und abschieben? Die sie loswerden wollen, nur weil sie jetzt alt und gebrechlich und auf Hilfe angewiesen ist?« Mom klang richtiggehend bestürzt – und damit genau so, wie ich mich gefühlt hatte, als Grace mir von ihrem Schicksal erzählte.

Während ich meinen Mantel aufknöpfte, ging ich die Treppen hinauf. »Sagst du es auch noch Dad? Nicht, dass er ebenfalls wen einlädt, und dann sind wir zu viele …«

»Komm schon, hör auf, Lydia. Das ist völlig in Ordnung. Einen Platz mehr haben wir auf jeden Fall frei. Sonst müssen wir halt den Gartentisch aus der Garage holen. Mach dir darüber keinen Kopf.«

»Mom?«, sagte ich leise und konnte dabei nicht verhindern, dass meine Stimme zitterte.

»Ja, Liebes?«

»Die Frau heute Abend … Im ersten Moment dachte ich, es sei Grandma, die da neben mir steht.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung, dann hörte ich ein tiefes Seufzen. »Ach, Lydia …« Mom klang genauso traurig, wie ich mich fühlte. »Ist das der Grund, weshalb du sie eingeladen hast? Um noch einmal dieses schöne Gefühl der Zufriedenheit zu empfinden, für das Grandma immer verantwortlich war?«

Auf meiner Etage angekommen schüttelte ich erst den Kopf, ehe mir bewusst wurde, dass sie das nicht sehen konnte. »Nein, ich hätte es so oder so getan. Die Frau war so … Sie tat mir so leid. Aber … hast du auch schon mal gedacht, dass du Grandma siehst? Also … seit sie nicht mehr bei uns ist, meine ich.«

Wieder dauerte es, bis sie mir eine Antwort gab. »Ja, im Sommer. Ich war einkaufen und völlig vertieft ins Suchen der Lebensmittel, die ich aufgeschrieben hatte.«

»Dachtest du, sie sei auch im Supermarkt?«, fragte ich mit belegter Stimme, als ich die Tür zu meinem Zimmer aufschloss. Im Wohnheim war es total ruhig, vom üblichen Tumult war nichts zu sehen, weil die meisten bestimmt noch bei ihren Familien waren.

»Ja«, sagte sie leise und schluchzte erstickt. »Ich habe mich umgedreht und da war plötzlich diese Frau … Im ersten Moment wollte ich zu ihr gehen und fragen: ›Mom, was machst du denn hier?‹«

»O Gott …« Ich hängte den Mantel mit einer Hand an den Haken hinter der Tür und streifte die Stiefel ab. Mütze und Schal legte ich auf den Heizkörper, damit sie trocknen konnten.

»Als mir klar wurde, dass sie es nicht sein kann, hab ich den Einkaufswagen einfach stehen lassen und bin völlig aufgelöst aus dem Laden gestürzt«, gestand sie leise. »Bisher hab ich das niemandem erzählt, weil ich dachte, ihr würdet mich für verrückt halten. Ich meine, erst hab ich monatelang um meine Mutter getrauert und dann vergesse ich, dass sie tot ist.«

So, wie sie gerade klang, machte sie sich noch immer Vorwürfe deswegen.

»Ach, Mom, das ist doch völlig verständlich! Sie war fünfundvierzig Jahre lang Teil deines Lebens. Und du vermisst sie. Niemand verlangt von dir, einfach so von einem Tag auf den anderen damit abzuschließen, dass sie nicht mehr hier ist. Dass du sie nie wieder zufällig beim Einkaufen treffen wirst.«

»Aber nach einem guten halben Jahr hätte ich mich schon damit abfinden müssen, denkst du nicht?«

»Da fragst du definitiv die Falsche.« Erschöpft setzte ich mich auf mein Bett, das knarzend unter mir ächzte. Das Bettgestell hatte seine besten Tage bereits vor Jahrzehnten hinter sich gehabt, aber das sah man ihm auf den ersten Blick nicht an, da ich meine goldfarbene Tagesdecke darauf ausgebreitet und es mit dunkelgrünen Kissen verziert hatte, um ihm zumindest optisch mehr Gemütlichkeit zu verleihen.

Mom lachte schnaubend auf. »Dann ist es doppelt so schön, dass du diese Frau zu uns eingeladen hast. So muss sie an Weihnachten nicht allein sein … und wir beide haben einen Abend, der uns deine Grandma ein letztes Mal näherbringen wird.«

Als ich am nächsten Tag müde und mit leichten Kopfschmerzen von der Arbeit im Spielzeugladen nach Hause kam, war Ellen bereits zurück von ihrer Familie. Sie lag auf dem Bett unter den Girlanden aus Fotos und getrockneten Blumen, zwischen denen sie goldene Engel, Sterne und Schneemänner aufgehängt hatte, und hatte ihre Kopfhörer auf, aus denen, wie ich sie kannte, lautstark Musik dröhnte. Auf der Nase trug sie ihre Brille, die sie nur zum Lesen brauchte und die sie wie eine Wissenschaftlerin aussehen ließ. Den Kopf hatte sie in eines ihrer Management-Bücher gesteckt, und sie war so darin vertieft, dass sie mich erst bemerkte, als ich mich auf ihre Matratze setzte und sie an der Fußsohle kitzelte.

»Mein Gott, Lydia, hast du mich erschreckt. Irgendwann sorgst du noch dafür, dass ich einen Herzinfarkt bekomme!« Dabei standen ihr Belustigung und Schock gleichermaßen ins Gesicht geschrieben.

»Sorry!« Ich schmunzelte entschuldigend. »Wie war es bei deiner Family?« Nachdem sie sich aufgesetzt hatte, machte ich es mir im Schneidersitz bequem.

»Stell dir vor, ich werde Tante! Briana ist schwanger!« Ihre Augen leuchteten vor Begeisterung. »Sie ist in der vierzehnten Woche und man sieht schon ein ganz kleines Bäuchlein.«

»Awww, wie aufregend, ich freu mich für sie und Simon. Und natürlich auch für dich, Tante Ellen.«

»Du kannst dich also schon mal drauf einstellen, dass ich dich morgen im Laden besuche. Ich brauche unbedingt ein Willkommensgeschenk für meine Nichte oder meinen Neffen.«

»Du weißt aber, dass es noch ungefähr sechsundzwanzig Wochen dauert, bis du es dem oder der Kleinen überreichen kannst?«

»Das macht doch nichts. Bis es so weit ist, werde ich bestimmt noch ein paarmal eskalieren. Ich meine, was wäre ich für eine Tante, wenn ich das Herzchen nicht verwöhne.«

»Mhm, nur dass das Baby drei Tanten hat, die vermutlich alle ähnlich reagieren werden.«

Sie grinste und zuckte mit den Schultern. »Hey, Briana ist die Erste von uns, die schwanger ist. Mit der Eskalation müssen sie und Simon leben. Bei den nächsten Kindern werden wir uns bestimmt etwas beruhigt haben. Und außerdem kann man zu Beginn gar nicht genug an Babyausstattung geschenkt bekommen. Das Zeug ist ja so unglaublich teuer!« Sie stand auf und holte sich ihre Wasserflasche vom Schreibtisch, dann setzte sie sich wieder zu mir. »Wie war es bei dir?«

»Die Nachbarn meiner Eltern haben ihre Weihnachtsbeleuchtung pünktlich in dem Moment eingeschaltet, als Dad sich darüber gefreut hat, dass sie dieses Mal nicht an Thanksgiving die Nacht zum Tag machen.«

Sie kicherte.

»Und auch sonst war es schön.« Den Kopf leicht zur Seite geneigt fragte ich: »Bin ich alt, wenn ich sage, dass es irre ist, wie sehr mein Bruder gerade wächst? Ich glaube, inzwischen überragt er sogar Dad.«

»Nein, du bist nicht alt. Melinda hat mich mit ihren fünfzehn Jahren ebenfalls überholt. Jetzt bin ich offiziell die Kleinste in unserer Familie.« Sie schob ihre Unterlippe vor, was mich zum Lachen brachte.

»Gut, das ist bei deinen eins siebenundfünfzig auch nicht schwer.«

»Hey! Ich bin einen Meter achtundfünfzig groß. Mach mich nicht kürzer, als ich bin!« Sie warf ein Kissen nach mir, das ich abfing, bevor es mir ins Gesicht fiel.

»Tut mir leid, wird nicht mehr vorkommen.«

»Das will ich auch hoffen!«, meinte sie mit weit aufgerissenen Augen. »Ach, übrigens! Hast du schon eine Idee, was du morgen anziehen willst? Ich bin ja für das rote Wollkleid, das steht dir wirklich gut. Wenn Shawn dich darin sieht, ist er bestimmt völlig von dir bezaubert.«

Schmunzelnd schüttelte ich den Kopf. »Puh, also … keine Ahnung. Aber wenn du das sagst.«

»Auf jeden Fall! Und lass die Haare wild. Du weißt, ich liebe deine Naturwellen. Sollte ich doch mal weg von meinen kürzeren Haaren wollen, wünsche ich mir auch so schöne große Wellen, wie du sie hast.«

Seit ich Ellen kannte, hatte sie einen frechen blonden Bob. Sie behauptete, ihre Haare hätten noch nie ihre Schultern berührt. Für mich unvorstellbar, da meine immer schon zumindest bis zur Mitte der Oberarme reichten.

»Dieses Jahr an Weihnachten werden wir eine alte Frau zu Gast bei uns haben. Also zu Hause, bei meinen Eltern«, schwenkte ich schließlich auf das Thema, das mich auch heute beschäftigt hatte. Dann erzählte ich Ellen von der Unterhaltung an der Bushaltestelle.

»Gott, die arme Frau. Was sind das für eine Tochter und für ein Enkelsohn, die sie so kaltherzig behandeln?«

»Ja, oder? Ich bin nach wie vor geschockt. Vor allem … hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, wie viele Leute an Weihnachten allein sind? Die niemanden mehr haben und ohne Familie einsam zu Hause sitzen?« Diese Vorstellung sorgte bereits den ganzen Tag dafür, dass sich in meiner Brust ein unangenehmes Ziehen ausbreitete.

»Hm, bestimmt sind es viele. Zu viele. Denk nur mal an die alten Leute, die sich mit ihrer Familie zerstritten haben. An die Außenseiter der Gesellschaft, an frisch Geschiedene, an jene, die niemanden mehr haben …«

»Ja«, sagte ich traurig. »Schwer vorstellbar, wie schlimm das sein muss. Bei uns ist Weihnachten schon immer ein harmonisches Familienfest. Überhaupt bin ich ja regelmäßig bei meinen Eltern zu Besuch. Da bin ich echt froh, dass ich nicht allzu weit von ihnen entfernt einen Studienplatz gefunden habe. Aber selbst wenn ich am anderen Ende des Landes oder … keine Ahnung, in Europa studieren würde, würde ich entweder an Thanksgiving oder über die Weihnachtsfeiertage nach Hause kommen. Das versteht sich doch von selbst.«

Ellen nickte. »Auch wenn mich meine Schwestern manchmal nerven, wäre es schlimm, ohne sie feiern zu müssen. Keine Ahnung, vermutlich ist dieses Jahr Weihnachten das letzte Mal so, wie ich es bei uns kenne. Sobald Briana und Simon ihr Baby haben, liegen die Prioritäten bei den beiden sicher woanders.«

»Irgendwie will ich helfen. Nicht nur dieser Frau, sondern … allen«, sagte ich und lenkte wieder auf das Kernthema zurück.

Ellens Gesichtszüge wurden weich. »Ach, Lydia. Du hast so ein gutes Herz, aber … du kannst nicht allen helfen. Du tust doch schon so viel mit deiner ehrenamtlichen Arbeit im Krankenhaus.«

Zu diesem Job war ich eher zufällig gekommen, als Tim sich vor drei Jahren eine Gehirnerschütterung beim Skateboarden zugezogen hatte. Bei meinem Besuch hatte ich ein Buch dabei, das für Elias, einem unserer Nachbarskinder, zum Geburtstag vorgesehen war. Ich hatte es auf dem Weg zum Krankenhaus gekauft und wollte Elias danach noch gratulieren. Weil mein Bruder jedoch geschlafen hatte, als ich reinkam, hab ich mich einfach ans Nachbarbett gesetzt und der kleinen Louisa vorgelesen. Eine der Schwestern hatte das mitbekommen und mich gefragt, ob ich nicht im Aufenthaltsraum fortfahren wollte. Dort wären einige weitere Kinder, denen die Geschichte bestimmt gefallen würde. Und so hatte es sich ergeben, dass ich seitdem alle ein bis drei Wochen – je nachdem, wie ich Zeit hatte – ins Krankenhaus fuhr, mit den Kindern spielte und aus einem neuen Buch aus der Bücherei vorlas.

»Ich weiß. Trotzdem lässt es mir keine Ruhe. Mir tun die Menschen einfach leid und ich fühle mich so … hilflos.«

Ellen lächelte mich wohlwollend an. »Du sammelst doch bereits so viele Karmapunkte, indem du diese Frau zu euch eingeladen hast und mit den Kindern spielst. Langsam bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil meine soziale Ader bei Weitem nicht so ausgeprägt ist wie bei dir.«

»Ach, komm, hör auf. Wer bringt mir denn immer Brötchen von der morgendlichen Joggingrunde mit? Und wer leiht mir Socken, wenn ich keine mehr finde? Oder gibt mir sein letztes Twinkies ab, wenn ich plötzlich mitten in der Nacht Heißhunger auf Süßes bekomme?«

»Na gut, du hast recht. Und ich hab außerdem für dich rausgefunden, dass Shawn Francis morgen auf der Party ist.« Grinsend reckte sie ihr Kinn in die Höhe.

»Genau! O Gott, hoffentlich traue ich mich, ihn anzusprechen.« Aufgeregt legte ich mir beide Hände an die Wangen.

»Ganz sicher. Sonst helfe ich nach.«

»Bitte nicht. Wie ich dich kenne, schubst du mich in seine Richtung, bis ich stolpernd an seiner Brust lande und ihm dabei mein Getränk über das Shirt kippe.«

Sie lachte auf. »Könnte tatsächlich passieren.«

»Siehst du! Und das wäre fatal! Womöglich ist er danach total genervt von mir und ich bin auf ewig die mit den Gleichgewichtsproblemen oder plumpen Anmachversuchen. Oder die, die sich auf Partys die Kante gibt und sich nicht mehr unter Kontrolle hat. Nein, ich werde all meinen Mut zusammennehmen und ihn selbst ansprechen. Damit du nicht in Versuchung gerätst.«

Sichtlich zufrieden nickte sie. »Hat ja gut funktioniert, meine kleine Drohung.«

Augenrollend schleuderte ich das Kissen zu ihr zurück und kicherte, als etwas Wasser aus der Flasche schwappte, kaum dass es sie traf.

Mit Ellen war es immer leicht und locker. Sie verstand mich durch und durch. Und doch blieb diese Aufregung in mir, wenn ich an morgen und an Shawn dachte …

Als ich am nächsten Tag in den Spielzeugladen kam, hatte ich keine Zeit, an die Party am Abend zu denken. War hier gestern schon viel los gewesen, so war es heute, als würden wir was verschenken – und dabei war es der Tag nach Black Friday! Wir mussten alle fünf Kassen öffnen, und trotzdem standen die Leute bis in die Gänge Schlange. Mit dem Auffüllen der Ware kamen wir kaum hinterher.

Es war verrückt und ich hoffte einfach nur, dass der Tag bald vorüber war. Doch in den nächsten Wochen würde es nicht viel anders sein. Das Weihnachtsgeschäft stand uns bevor und erfahrungsgemäß war das mit Abstand die anstrengendste Zeit.

Irgendwann am Nachmittag war Ellen aufgetaucht. Sie kam zu mir, als ich gerade die Puppen aus dem Lager holte, die dieses Jahr besonders gefragt waren und die die Leute kauften, als hätten sie noch nie so ein Spielzeug gesehen.

»Hey! Echt irre, was hier los ist«, begrüßte sie mich und drückte mich kurz an sich. »Kann ich irgendwas für dich tun? Brauchst du was zu essen oder zu trinken, das ich für dich besorgen kann?«

Ich parkte den Hubwagen neben dem Regal mit den Puppen, und begann bereits, die Rückstände aufzufüllen. Allein auf dem Weg hierher sind zwei Leute zu mir gekommen, die genau dieses Modell kaufen wollten und denen ich die Kartons direkt vom Wagen gereicht hatte.

»Danke, lieb von dir, aber fürs Essen werde ich wohl keine Zeit haben. Zumindest nicht in den nächsten zwei Stunden. Ich hoffe einfach, dass es gegen Abend ruhiger wird, bevor wir hier dekorieren müssen.«

Ellen sah mich bestürzt an. »Oje, stimmt, daran hab ich gar nicht mehr gedacht. Schaffst du es dann überhaupt zur Party? Oder wie lange wird das dauern, bis der ganze Laden weihnachtlich geschmückt ist?«

»Das klappt schon. Wir sind ein eingespieltes Team und heute sind so viele hier, dass wir bestimmt in einer Stunde mit allem fertig sind.«

»Okay, dann bin ich beruhigt.«

»Gerade eben ist es wirklich ungünstig, privat zu plaudern, wenn der Laden kurz vorm Platzen ist«, raunte mir meine Chefin zu, die in dem Moment an uns vorbeihuschte, beide Hände voller Spielsachen.

Ich hatte nicht einmal die Zeit, darauf zu reagieren, schon war sie weitergeeilt.

»Nun gut, ich muss …«, sagte ich an Ellen gewandt. »Kuscheltiere, Spielebögen und Knisterbüchlein aus Stoff für die ganz Kleinen sind drei Gänge weiter. Einfach rechts halten, die Babyabteilung ist kaum zu übersehen.«

»Danke, keine Sorge, ich finde mich schon zurecht.« Sie schenkte mir einen mitfühlenden Blick.

»Sorry, dass ich nicht mehr helfen kann gerade.«

»Alles gut.« Sie warf mir noch eine Kusshand zu, als ich mich von ihr verabschiedete und mit dem leeren Hubwagen zurück ins Lager fuhr.

Stunden später brannten meine Füße, mein Kopf fühlte sich schwer und müde an und der Rücken schmerzte. Zudem hatte ich das Gefühl, völlig durchgeschwitzt zu sein. Doch so gern ich auch nach Hause wollte, es mussten erst die Plakate vom Black-Friday-Weekend abgeräumt und die Weihnachtsdeko hervorgeholt werden.

Schon am Morgen, bevor der Laden aufgesperrt wurde, hatte unsere Chefin uns in Dekorationsgruppen eingeteilt, damit jetzt alles schnell und reibungslos verlief. Um auch gleich in die richtige Stimmung zu kommen, hatte sie Weihnachtsmusik eingeschaltet. Sofort war meine Müdigkeit wie weggewischt und ich summte vergnügt bei der Arbeit mit. Gemeinsam mit drei anderen war ich dafür verantwortlich, überall Tannengirlanden mit Lichterketten an den oberen Regalenden anzubringen. Als wir fertig waren, steckten wir Weihnachtskugeln darin fest. Die anderen Teams brachten mithilfe von hohen Stehleitern Weihnachtssterne an der Decke an und ummantelten die mit den Namen der einzelnen Abteilungen bedruckten Schilder mit kleinen Glitzergirlanden. Als wir damit fertig waren, taten mir die Arme weh, aber ich liebte es, wie hier alles weihnachtlich wurde.

Zum Schluss wartete noch das Highlight auf uns: Im vorderen Eingangsbereich stellten wir alle gemeinsam den großen Weihnachtsbaum auf und behängten ihn mit Kugeln in allen möglichen Farben und Formen. Darunter platzierten wir leere Kartons, die in Geschenkpapier gewickelt und mit schönen Schleifen verziert wie echte Weihnachtsgeschenke aussahen. Diese hatten wir im Laufe der letzten Woche in unseren Pausen gepackt. Jedes Jahr wurden mehr als die Hälfte davon während der Vorweihnachtszeit von Kunden geklaut. Wirklich verrückt, wenn man bedachte, dass die Schachteln völlig leer waren und man das auch anhand des Gewichts erahnen konnte.

Als wir endlich fertig waren, sackte ich müde zu Boden. Der Gedanke an eine Party war mir gerade so fremd wie Sommer, Sonne, Strand und Meer.

»Großartig, ich danke euch für eure Hilfe«, begann unsere Chefin, die sich auf den Verkaufstresen gesetzt hatte und ihre Beine baumeln ließ. »Ab morgen herrscht hier Weihnachten – für diejenigen, die es noch nicht mitbekommen haben.«

Wir alle mussten lachen, was nach dem harten Tag echt guttat.

»Eure Kostüme habt ihr in eurem Spind, richtig?«

Einheitlich zustimmendes Gemurmel machte sich breit.

»Gut. Dann sehen wir uns ab Montag in alter Frische und als Weihnachtselfen verkleidet wieder. Gibt es noch Fragen?«

Ich schielte zu Harmony, meiner Kollegin, die von diesem ganzen Weinachtstrubel nicht so begeistert ward. Doch sie presste die Lippen aufeinander und schwieg – vermutlich, weil ihr klar war, dass ihretwegen keine Ausnahme gemacht wurde. Sie wusste genau wie alle anderen, dass unserer Chefin die weihnachtliche Stimmung im Laden, die Deko und infolgedessen auch die Kostüme unglaublich wichtig waren. Sie war der Meinung, dass das alles dazu beitrug, noch mehr Umsatz zu machen. Sich dagegen aufzulehnen kam mit Sicherheit einer Kündigung gleich …

Keine Ahnung, was Harmony an dem ganzen Christmas-Spirit störte. Ich liebte diese Zeit. Ja, es war unfassbar stressig hier im Laden, aber ich war froh, diesen Job ergattert zu haben, und konnte es kaum erwarten, bei meinem nächsten Dienst die strahlenden Kinderaugen zu sehen. Denn das war für mich der Bonus in der Weihnachtszeit.

Kapitel 3 - Shawn

»Okay, Jungs, das wars!«

Ich war gerade aufgetaucht, als ich unseren Coach diese erlösenden Worte sagen hörte. Erleichtert ließ ich mich auf den Rücken gleiten und streckte beide Arme von mir. Das Brennen der Muskeln in den Armen, Beinen und Schultern hallte noch in mir nach, während ich die Augen schloss und … gleich darauf einen Schwall Wasser schluckte.

Prustend tauchte ich auf und sah mich nach dem Übeltäter um. »Gottverdammt, Julien, du bist ein verdammter Arsch!« Lachend versuchte ich, meinen Teamkollegen zu erreichen, doch der Mistkerl war schneller als ich und schon aus dem Wasser, bevor ich den Beckenrand erreicht hatte.

»Hey, hey! Beruhigt euch!« Unser Coach schenkte uns einen strengen Blick, der uns sagte, dass wir unser Temperament zügeln sollten. Diejenigen, die in der Schwimmhalle Rangeleien angefangen hatten, waren danach fast immer verletzungsbedingt ausgefallen. Die Fliesen hier waren fies rutschig und hart und ein Sturz war nicht nur verdammt schmerzhaft, sondern auch gefährlich.

Wobei zwischen Julien und mir keine Gefahr bestand, dass wir uns solche Aktionen übel nahmen. Wir verstanden uns gut und wussten beide, dass es nur eine auflockernde Rangelei nach dem harten Training war.

Ich hievte mich aus dem Wasser und ging zu meiner Tasche, aus der ich ein Handtuch zog, das ich mir um die Schultern hängte.

»Euch allen ein schönes Wochenende«, sagte der Coach, als wir uns zum abschließenden Gespräch wie jedes Mal um ihn versammelt hatten. »Und nicht vergessen: Auch wenn wir uns Weihnachten immer mehr nähern, bedeutet das nicht, dass ihr das Training oder eure Ernährung schleifen lassen könnt. Ich weiß, die Versuchung ist gerade jetzt groß, sich Cheat-Days zu gönnen und den Körper für ein paar Tage zu vernachlässigen. Aber glaubt mir, das macht sich schnell bezahlt.«

Durchgängiges Brummen machte sich breit. Er war wirklich streng und wir wussten, er würde uns unbarmherzig mit zusätzlichen Trainingsstunden quälen, wenn er den Eindruck hatte, wir würden das Schwimmen auf die leichte Schulter nehmen.

»Außerdem weiß ich ja, wie ehrgeizig ihr seid. Bei den nächsten Wettbewerben wollt ihr immerhin wieder ganz vorne mitmischen, hab ich recht?«

Diesmal konnten wir ihm nur enthusiastisch zustimmen. Denn ja, es gab kein besseres Gefühl, als zu gewinnen.

Endlich wurden wir entlassen. Als ich kurz darauf fertig geduscht in der Umkleide stand und Julien in seine Jeans schlüpfte, nutzte ich die Gelegenheit, um ihm das von vorhin heimzuzahlen, und rempelte ihn an. Natürlich nicht ohne ihn gleich am Unterarm zu packen und einen Sturz zu verhindern.

»Idiot«, schimpfte er belustigt.

»Hey, jetzt sind wir wieder quitt.«

Statt einer Antwort zeigte er mir den Mittelfinger und zog sich dann seinen Pullover über den Kopf.

»Hör mal, ich bin später auf einer Party im Studentenwohnheim nebenan. Hast du Bock?«

Scharf zog er die Luft zwischen den Zähnen ein. »Uh … Heiße Studenten, Bier und Partystimmung. Das klingt alles sehr verlockend. Aber leider kann ich nicht. Ich hab meinem kleinen Bruder versprochen, später mit ihm ins Kino zu gehen. Wenn du jedoch Bock hast, können wir noch Pizza essen gehen«, raunte er mir zu und vergewisserte sich, dass der Coach nicht in der Nähe stand und Wind davon bekam. Wir aßen immer wieder mal Fastfood, ließen ihn aber besser im Glauben, wir würden uns ausschließlich von Haferflocken, Magerquark und Hähnchenfilet ernähren.

»Solltest du das nicht besser mit deinem Bruder machen?«

Julien schüttelte den Kopf. »Der ist zum Abendessen bei seiner Freundin. Und eine gute Unterlage schadet nie, wenn man auf eine Party geht. Win-win für beide, würde ich sagen.«

Dagegen hatte ich natürlich nichts einzuwenden.

Wir hatten vereinbart, uns eine halbe Stunde später in der Pizzeria zu treffen. Aber erst wollte ich meine Schwimmsachen aufs Zimmer bringen, weil ich im Anschluss ans Essen gleich weiter zur Party wollte.

Chase und Will, meine beiden Zimmerkollegen, lieferten sich gerade ein Battle an der Playstation und reagierten nur beiläufig auf mein »Hi«, als ich eintrat. Die zwei verband nicht nur ihre Liebe zum Zocken, sondern sie studierten auch beide Cybersecurity und waren irgendwie schräg drauf – was aber dazu beitrug, dass es bei uns auf dem Zimmer nie langweilig wurde.

Meine Tasche warf ich mit der Winterjacke aufs Bett und holte das nasse Handtuch und die Badeshorts raus, die ich beide über den Handtuchheizkörper im Bad hängte. Die Badekappe hängte ich gemeinsam mit der Schwimmbrille über die Lehne meines Schreibtischstuhls und putzte mir die Zähne – auch wenn ich gleich Pizza essen würde.

»Kommt ihr später auch auf die Party nebenan?«

Chase stöhnte auf, als Will den Fight gewann, und legte den Controller beiseite. »Ich denke eher nicht. Hier riecht es nach Revanche.«

Will lachte lauthals auf und holte sich eine Cola aus dem Kühlschrank. »Er hofft immer noch.« Mit dem Daumen deutete er über die Schulter zu Chase, der ihm als Antwort den Mittelfinger zeigte. »Aber gut, ich hab Zeit. Und eine Party klingt zwar verlockend, aber Chase verlieren zu sehen, macht definitiv mehr Spaß.«

Chase brummte etwas, das nicht sehr nett klang. »Heute bin ich gut in Form. Das war nur das Aufwärmen«, meinte er zu Will, dann raunte er mir zu: »Er weiß nicht, dass ich bei den Chemie-Jungs über uns trainiert habe. Aber hey, wir haben überlegt, später Burger essen zu gehen. Wir könnten das auch vorverlegen, wenn du vor der Party was essen und mit uns mitgehen willst.«

Dass sie meinetwegen ihre Pläne ändern würden, zeigte mir wieder einmal, dass sie trotz ihrer Verbundenheit und ihres Knalls schwer in Ordnung waren.

»Danke, aber ich bin gleich zum Pizzaessen verabredet. Das nächste Mal jedoch gerne.«

»Verabredet?« Will wackelte mit den Augenbrauen.

»Ja, mit Julien. Also, viel Spaß, ihr Säcke. Wir sehen uns …«

»Ja, bis später. Lass es krachen!«, rief Will noch, bevor ich die Tür hinter mir schloss.

Als Julien und ich kurz darauf in der Pizzeria saßen und unsere Pizzen vor uns stehen hatten, sprachen wir über den neuen Film mit Vin Diesel, den er sich mit seinem Bruder anschauen wollte, bis wir wieder bei unserem Trainer landeten, der uns immer so viel abverlangte, als würden wir für die Olympischen Spiele trainieren.

»Er könnte echt mal etwas weniger streng sein«, maulte Julien, als er sich ein Stück Pizza nahm. »Ist ja alles recht und schön, aber wir sind keine Hochleistungssportler.«

»Vielleicht hätte er das gerne«, wandte ich schmunzelnd ein.

»Vielleicht wollen wir das aber nicht?«

Ich legte meinen Kopf schräg. »Na ja, bei einigen im Team könnte ich mir schon vorstellen, dass sie nichts dagegen hätten. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber …«

Julien nickte schnaubend. »Schon klar. Aber Michael ist auch ein Extrembeispiel. Den kann man nicht mit uns Normalsterblichen vergleichen.«

»Er legt die Messlatte zumindest ziemlich hoch«, erklärte ich schulterzuckend.

Seufzend nahm sich Julien ein Stück Pizza von meinem Teller – ein Deal zwischen uns, wir teilten immer zumindest zwei Pizzaecken miteinander. »Lass uns über was anderes reden. Triffst du dich heute mit wem auf der Party oder gehst du allein hin?«

»Ich bin mit ein paar Kumpels verabredet. Also kein Date oder so.«

»Wer weiß, vielleicht ergibt sich ja was auf der Party. Ich hab gehört, dass in dem Wohnheim neben deinem die heißesten Studentinnen wohnen.«

»Wer weiß. Hauptsächlich gehe ich hin, um Spaß zu haben und abzuschalten. Die Woche war anstrengend.«

Er nickte, während ich sofort wieder an die Frau dachte, die mich vor Kurzem im Café beobachtet hatte. Denn sie war einer der Hauptgründe, warum ich auf die Party ging. Dabei wusste ich nicht einmal, ob sie ebenfalls hier studierte. Ich war keiner der klassischen Partytiger, ich mochte es lieber, mich mit meinen Kumpels gemütlich zusammenzusetzen, statt auf die überfüllten Studentenpartys zu gehen. Kein Wunder also, dass ich sie noch nie gesehen hatte – auch wenn sie hier auf dem Campus studierte oder womöglich sogar wohnte. Vielleicht war sie auch nur zu Besuch hier. Falls ich ihr jedoch über den Weg laufen würde, hatte ich mir vorgenommen, das herauszufinden. Ihr offenes Lächeln und das Strahlen in ihren graugrünen Augen konnte ich nicht vergessen. Und ich hatte sowieso eine Schwäche für Frauen mit brünettem langen Haar.

Juliens Hand, die vor meinem Gesicht auf- und abwedelte, riss mich aus meinen Gedanken. Er grinste blöd und sah mich fragend an.

»Wie bitte?«

»Da ist wohl doch eine Frau im Spiel, was?«

Amüsiert schüttelte ich den Kopf. »Wie kommst du darauf?«

»Keine Ahnung, nur so ein Gefühl.«

Nun langte ich nach einem Stück auf seinem Teller. »Nur weil ich gerade etwas abgelenkt war …«

»Du hattest diesen Blick.«

»Wie bitte?« Er war schon ein echter Kindskopf.

»Diesen hier.« Schmachtend sah er an einen fernen Punkt.

»Ich kann dir garantieren, dass ich nicht so ausgesehen habe.« Mal davon abgesehen, dass er voll ins Schwarze getroffen hatte und ich womöglich wirklich so ein blödes Grinsen aufgesetzt gehabt hatte … Aber das brauchte er nicht wissen. Immerhin wusste ich nach wie vor nicht, ob ich sie je wiedersehen würde.

»Na, wie du meinst …« Er zog eine Grimasse. »Aber egal, was du heute noch vorhast, du solltest den Abend auf jeden Fall genießen und nichts anbrennen lassen.«

Julien war ein ziemlicher Aufreißer. Ich wusste, dass er Kerle einfach abschleppte, wenn ihm der Sinn nach Sex stand. Dafür war ich nicht der Typ, aber ich gönnte ihm natürlich seinen Lebensstil. Soweit ich wusste, sorgte er immer für klare Verhältnisse und schützte sich. Und wenn er jemanden kennenlernte, der mit ihm auf einer Wellenlänge war – warum nicht?

»Danke für deine weisen Ratschläge, o großer Julien«, zog ich ihn trotzdem auf. »Ich werde sie auf jeden Fall beherzigen.« Wenn auch vermutlich nicht so, wie er dachte.

Kapitel 4 - Lydia