Myriad High - Was Chloe entdeckt - Carly Wilson - E-Book

Myriad High - Was Chloe entdeckt E-Book

Carly Wilson

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein düsteres Geheimnis, Spannung und ganz viel Liebe an der Myriad High. Eigentlich sollte Hannah im Siebten Himmel schweben, ist sie doch endlich fest mit Ryan zusammen. Doch dessen Ex erträgt ihr Glück nicht und macht ihnen das Leben zur Hölle. Außerdem macht sich Hannah Sorgen um Sophie. Die ist nach der Sache mit Evan total verstört. Chloe beißt sich derweil an Connor die Zähne aus: Immer wenn Connor seine wahren Gefühle zulässt, zieht er sich kurz danach in sein Schneckenhaus zurück. Erst als Dylan sich immer stärker für Chloe interessiert, wacht Connor auf. Aber das alles gerät völlig zur Nebensächlichkeit, als sich die Hinweise verdichten, dass die Myriad-Mitbegründerin und Adoptivmutter von Matt in den Tod von Hannahs Vater verwickelt ist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Carly Wilson

Myriad High

Was Chloe entdeckt

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

1 Myriad High    2 Aquarium    3 Internat    4 Eishalle    5 Kino    6 Tor zum Highway    7 Botanischer Garten    8 See    9 Park    10 Kletterfelsen    11 Geschäfte & Restaurants    12 Footballfeld    13 BüroS & Forschungslabore    14 Krankenhaus    15 Strand, Klippen & Meer    16 Wohnviertel der Angestellten (Connors Villa etc.)    17 Golfplatz

Sophie

»Wollt ihr von unserem Orakel wissen, was euch das neue Jahr bringen wird?« Ein Mädchen aus der Elften stand mit einem Tablet in der Hand vor Sophie, Hannah und Chloe. Sie warteten gerade mit einigen anderen im Atrium des Internats auf den Shuttle-Bus, der sie zur Silvester-Lasershow in den Campus-Park bringen sollte. Überall im Atrium flogen Drohnen herum und warfen ab und zu Knallerbsen in die wartende Menge hinunter, ein Gag, der definitiv von Kyle Larson und seinen Freunden stammte, denn die krümmten sich bei jedem Knall vor Lachen. MISSI, der Internatscomputer, lächelte unter einem »Happy New Year«-Banner von ihrem Screen herunter und blies alle fünf Minuten in eine Silvestertröte.

»Das Myriad-Orakel lässt euch für nur zwei Dollar in die Zukunft blicken.« Das Mädchen schwenkte ihr Tablet. »Haben wir in der Arbeitsgruppe Hologramme entwickelt. Ihr presst euren Finger auf meinen Screen hier, bekommt von mir anschließend einen Barcode auf die Hand gestempelt, und wenn ihr den mit eurem Handy scannt, erscheint auf eurem Handrücken dann ein Hologramm mit eurer ganz persönlichen Zukunftsprognose. Der Erlös geht an das Tierheim in San Francisco.«

Will ich wirklich wissen, was die Zukunft bringt?, dachte Sophie. Das letzte Jahr war an Scheußlichkeit nicht zu überbieten gewesen und hatte seinen deprimierenden Höhepunkt ein paar Wochen vor Weihnachten gefunden, als Ben so schmählich mit ihr Schluss gemacht und Sophie daraufhin aus Verzweiflung etwas ganz Schreckliches getan hatte. Sie wollte Bens neuer Freundin eins auswischen, hatte aber versehentlich die völlig unschuldige Roxie erwischt. Die Arme lag immer noch im Krankenhaus und hatte nicht die leiseste Ahnung, wer Schuld an ihrer Gehirnerschütterung, den gebrochenen Rippen und dem fiesen Bänderriss im Knöchel hatte. Kurz danach war Evan dann in der Game Arena durchgedreht und hatte – aus Gründen, die Sophie immer noch nicht kapierte – versucht, einen dieser Hilfsarbeiter aus der Hausmeister-Crew zu erschießen, so einen jungen Typen namens Dave. Sophie fröstelte bei der Erinnerung an das grauenhafte Chaos, die Panikschreie und Evans glasig-irren Blick. Wie durch ein Wunder war es Mr Howard mithilfe des Schuldirektors Mr Mallory gelungen, Evan die Waffe abzunehmen. Aber dennoch – konnte das Jahr schrecklicher enden?

»Nein danke«, sagte sie deshalb zu dem Mädchen. Ihr reichte die Gegenwart völlig aus. Am liebsten hätte sie sowieso das gesamte nächste Jahr im Bett verbracht.

»Warum denn nicht?«, ließ sich Chloe da zu ihrer Überraschung vernehmen. »Das klingt doch witzig. Was prophezeit es denn so? Die Noten in der Schule oder Lottogewinne oder … äh … also Liebesdinge?«

Sophie wechselte einen kurzen und amüsierten Blick mit Hannah. Aha, daher wehte der Wind. Chloe wollte wissen, ob das mit ihr und Connor im neuen Jahr nun endlich was Festes wurde.

»Es prophezeit alles«, erwiderte das Mädchen mit geheimnisvoller Stimme. »Es sieht dir mitten ins Herz und ins Gehirn und dann in die Zukunft. Wir haben die am weitesten entwickelte AI aus den Myriad-Laboren dafür nutzen können.«

»AI?« Sophie verstand nur Bahnhof.

»Artificial Intelligence«, übersetze Chloe. »Okay, ich bin dabei. Kommt, macht auch mit. Dann öffnen wir sie um Mitternacht und haben alle was zu lachen.«

»Oder auch nicht.« Das Mädchen lächelte mysteriös und irgendwie lief Sophie bei diesen Worten ein kleiner Schauer über den Rücken. Trotzdem streckte sie wie ferngesteuert ihre Hand aus, presste ihren Finger auf das Tablet und ließ sich einen Barcode stempeln, weil es irgendwie lächerlich und kompliziert gewesen wäre zu erklären, warum sie das nicht wollte. Sie würde sich das bescheuerte Hologramm einfach nicht ansehen. So, basta.

»Es gibt übrigens auch eine virtuelle Wand auf der Myriad-Website, wo ihr eure guten Vorsätze fürs neue Jahr posten könnt«, fuhr das Mädchen fort. »Der originellste Eintrag gewinnt einen My-Coach, um fit zu werden oder abzunehmen oder was immer halt eure Ziele im neuen Jahr sind.«

»Was ich mir fürs neue Jahr vornehme, schreibe ich garantiert nicht öffentlich irgendwohin«, murmelte Chloe, als das Mädchen weg war.

Hannah sagte nichts, nickte aber zustimmend. Und was waren eigentlich ihre, Sophies Vorsätze für das neue Jahr? Noch vor zwei Wochen hätte sie sofort erwidert: »Ben zurückerobern.« Aber das war vorbei. Er war ihr egal, wirklich egal. Also – was dann? Ich will einfach nur wieder ein guter Mensch werden, dachte sie. Aber auch das würde sie selbstredend nicht öffentlich verkünden, denn dann hätte sie ja erst einmal erklären müssen, warum genau sie kein guter Mensch mehr war.

Eine Gruppe kleiner Squishbots tippelte in das Atrium, ferngesteuert von ein paar Jungs, die sich vor Vorfreude auf das, was gleich kommen würde, dauernd anrempelten und blöd grinsten. Ein Schwall kichernder Mädchen folgte, hauptsächlich aus dem Tanz– und Cheerteam und alle aufgestylt wie Vegas-Show-Girls, weil sie nach der Lasershow noch auf Connors Party gehen wollten. Sophie erkannte Maddie, Bens Neue, in einem engen schwarzen Top, einem Minirock aus glitzerndem Material und hochhackigen Stiefeln, die bis über das Knie gingen. Ein Squishbot hielt jetzt vor ihr an und feuerte herzförmiges Konfetti auf sie ab, etwas weiter weg grinsten ein paar Jungs stolz. Maddie lachte übertrieben laut und schleuderte ihre Haare herum und Sophie wandte sich rasch ab.

»Los, wir gucken uns unsere Prognosen jetzt schon an«, schlug Chloe rasch vor – offenbar hatte sie Sophies Blick bemerkt. »Das ist doch witzig.« Sie zog ihr Handy heraus und scannte den Barcode. Das Hologramm eines Umschlags entfaltete sich auf ihrem Handrücken, öffnete sich wie von Geisterhand und gab einen auf antik getrimmten Briefbogen frei.

Du hast nicht umsonst einen hohen IQ. Benutze ihn! Eine grausame Tat führt zur Lösung einer anderen, genau wie ein sehnsuchtsvolles Herz zur Öffnung eines anderen führen wird.

»Hä?«, machte Hannah.

»Irgendwie …« Gruselig, wollte Sophie sagen, unterdrückte es aber in letzter Sekunde. Eine grausame Tat?

Chloe schwieg und starrte auf die Schrift.

»Immerhin steht sehnsuchtsvolles Herz drin«, brach Hannah endlich das Schweigen. »Bei mir hoffentlich auch.« Sie scannte ihren Code.

Du hast ein gutes Herz, lass dich davon leiten! Die Schatten der Vergangenheit treten ins Licht und ändern dein Leben. Freundschaft siegt.

»Also irgendwie …«, murmelte Hannah hilflos. »Was soll man denn davon halten? Na ja, Herz steht wenigstens auch drin.«

»Nie im Leben haben sie die am weitesten entwickelte AI dafür benutzt«, scherzte Chloe, aber es klang gekünstelt. »Los, jetzt du, Sophie.«

Sophie wollte nicht. Die Prophezeiungen hatten einen seltsamen Beiklang. Aber die Freundinnen hatten es schließlich auch gewagt, sie zu öffnen. »Okay.« Sie scannte ihren Barcode, wobei ihre Hand ein wenig zitterte.

Du warst immer ehrlich, bleibe es auch! Die Weichen deines Lebens werden neu gestellt und dich erwartet die größte Freiheit, die ein Mensch haben kann.

Sophies Puls raste. Du warst immer ehrlich. Woher wusste dieses verdammte Ding das?

»Kein Herz für Sophie«, bemerkte Chloe trocken, und obwohl es ein lahmer Witz war, lachte Sophie dankbar auf. »Eine Zukunftsprognose hätte ich übrigens auch für jemanden«, sagte Hannah leise. Sie grinste und nickte unauffällig mit dem Kopf in Maddies Richtung. »Du wirst in deinen sexy Stelzen genau um Mitternacht stolpern und vor versammelter Mannschaft die Treppe runterfliegen. Happy New Year.«

Chloe prustete los und Sophie fiel mit ein.

Wenigstens hatte sie noch ihre besten Freundinnen. Die konnte ihr niemand nehmen.

 

Der Bus ließ noch eine Weile auf sich warten und so waren sie gezwungen, den immer lauter werdenden Gesprächen der Leute um sie herum zu lauschen.

»Er sitzt in Einzelhaft wegen Mordversuchs«, erklärte ein Junge gerade kategorisch. »In Alcatraz oder so. Wartet auf die Todesstrafe, garantiert.«

»Alcatraz hat vor über fünfzig Jahren zugemacht, du Depp«, wies ihn eine Mädchenstimme zurecht und jemand lachte. »Wenn überhaupt, dann sitzt Evan im Jugendstrafvollzug, er ist ja noch minderjährig. Und Todesstrafe kriegt er schon mal gar nicht, weil er ja niemanden umgebracht hat und die Todesstrafe in Kalifornien seit über zehn Jahren nicht mehr praktiziert wird und außerdem eine barbarisch-archaische Scheiße ist, gegen die man protestieren und Petitionen unterschreiben sollte.«

Sophie reckte den Hals. Es war Yella, wer sonst. Langsam fing sie aber an, Yella zu bewundern. Dieses Selbstbewusstsein war beneidenswert. Yella hätte sich niemals so von Maddie mobben lassen, das stand schon mal fest.

»Evan ist auch nicht im Jugendstrafvollzug«, widersprach ein Junge mit Brille. »Er ist in der Klapsmühle. Gummizelle und so.«

»Blödsinn, woher willst du denn das wissen?« Die Umherstehenden redeten jetzt alle durcheinander.

»Ich weiß es eben. Hab da so meine Quellen. Greenford Mental Ward, High-Security-Abteilung. Bei den ganzen verrückten Serienkillern sitzt er.«

Sophies Magen zog sich zusammen. Greenford Mental Ward. Vor Jahren war sie mit ihren Eltern mal dort vorbeigefahren. Ein Gebäude wie aus einem Horrorfilm mit meterhohen Mauern und Gittern vor den Fenstern. Die Vorstellung, wie Evan dort in einem kahlen Zimmer saß, dauernd die kehligen Schreie der ganzen Verrückten im Hintergrund hörte, und wie er ekliges Essen mit einem Plastiklöffel zu sich nahm, trieb ihr die Tränen in die Augen. Warum nur hatte er das getan? Was hatte er mit diesem Typen namens Dave zu schaffen gehabt, dass er so eine Wut auf ihn hatte? Evan hatte nach dem Vorfall geschwiegen und absolut nichts über seine Motive verlauten lassen, weshalb die generelle Meinung vorherrschte, dass er komplett einen an der Waffel hatte und nicht zurechnungsfähig war. Aber das stimmte nicht, da war Sophie sich ganz sicher. Immer wieder hatte sie sein Gesicht an diesem Tag vor Augen. Am Anfang, noch draußen vor der Tür zur Game Arena, da hatte pure Verzweiflung in seinem Blick gestanden. Und Angst. Angst vor diesem Hilfsarbeiter Dave? Aber warum nur? Später dann, als Evan sich seinen Weg durch die Menge gebahnt und seine Waffe gezogen hatte, war sein Blick völlig leer gewesen. Ergeben. Weggetreten, so als ob ihm alles egal war.

»In Greenford ist er nicht«, hörte Sophie eine leise Stimme an ihrem Ohr. Sie gehörte Chloe. »Glaub den Mist nicht. Er ist im Campus-Krankenhaus. In der Abteilung für Psychiatrie.«

»Geschlossene Abteilung?« Sophie schluckte.

»Ja, aber erzähl es nicht weiter. Ich weiß es von meinen Eltern.«

»Wie … wie lange?«

Chloe zog die Schultern hoch. »Keine Ahnung. Ich weiß nicht, was mit ihm wird.«

»Sophie, er ist krank im Kopf. Denk daran, was er alles getan hat«, mischte Hannah sich ein. »Er war unglaublich fies zu allen.«

»Zu mir nicht.« Es kam nur als Flüstern heraus, aber es stimmte. Neben Chloe und Hannah war Evan der einzige Mensch gewesen, der ihr in dieser schrecklichen Zeit vor ein paar Wochen beigestanden hatte. Wie auf Kommando tauchten sie jetzt alle neben ihr auf, die ganzen Mädchen aus dem Cheerteam, die so gemein zu ihr gewesen waren.

»Bus kommt«, rief jemand.

»Entschuldige bitte, Sophie, dürfte ich mal vorbei?« Maddie wandte sich übertrieben höflich an Sophie und klapperte mit ihren Puppenaugen. Seit Neuestem hatte sie die Taktik geändert und gebärdete sich Sophie gegenüber jetzt immer mit klebrig süßer falscher Freundlichkeit. Sophie trat wortlos zur Seite.

»Mensch, Maddie, du hast ja einen riesigen Fettfleck auf deinem Rock«, sagte in diesem Moment jemand. Sophie drehte sich um. Es war Allyssa Snyder, die unbemerkt zu ihnen getreten war.

»Was?«, quiekte Maddie erschrocken.

»Na ja, sieht man im Dunkeln kaum. Höchstens nachher auf der Party. Aber jetzt ist es leider zu spät zum Umziehen.« Allyssa zwinkerte Sophie unmerklich zu. Was war das denn jetzt? Warum half Allyssa ihr? Maddies Rock war im Übrigen völlig in Ordnung. Sophie verstand die Welt nicht mehr. Waren sie jetzt irgendwie mit Allyssa befreundet? Hatte sie da was verpasst? Chloe schien sich jedenfalls überhaupt nicht zu wundern, dass Allyssa sich zu ihnen gesellt hatte. Hannah hingegen verzog unmerklich das Gesicht.

»Die arme Roxie«, sagte Ariana aus dem Cheerteam jetzt beim Einsteigen. »Die Lasershow verpasst sie und die Party auch. Die ganze Zeit im Krankenhaus liegen, voll öde. Sie freut sich immer so sehr, wenn wir sie besuchen, aber heute passt es echt nicht.« Zustimmendes, leicht betretenes Gemurmel erklang. Sophie, die gerade im Begriff war, die kleine Treppe zum Bus hochzusteigen, trat einen Schritt zurück. Blitzartig wusste sie, wie sie das neue Jahr beginnen würde – aufrecht und ehrlich und ohne den ganzen alten Ballast mitzuschleppen. Du warst immer ehrlich, bleibe es auch!

»Was ist denn?«, fragte Hannah. »Hast du was vergessen?«

»Ich komme nicht mit.«

»Wieso denn nicht?« Hannah sah sie verwundert an. »Hey, Sophie, du wirst dir doch von diesen Zicken nicht dein Silvester verderben lassen. Ignoriere die einfach.«

»Das ist es nicht.« Sophie lächelte. Auf einmal fühlte sie sich unglaublich ruhig. »Die sind mir egal. Ich komme später nach. Aber es gibt da etwas, was ich erledigen muss. Ich fahre ins Krankenhaus.«

»Etwa zu Evan?«, fragte Hannah entsetzt.

»Nein«, antwortete Sophie, obwohl sie genau in diesem Moment den Entschluss fasste, irgendwann in nächster Zeit auch Evan zu besuchen. »Zu Roxie.«

»Hat das nicht Zeit?«

»Hat es nicht.« Sophie streifte den Bus mit einem letzten Blick. »Ich habe schon viel zu lange gewartet.«

Matt

»Das ist jetzt nicht dein Ernst?« Matt glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Was hatte Dylan da gerade gesagt? »Du willst da einfach mitmachen? Mann, wir müssen zur Polizei!«

Dylan wandte störrisch den Blick ab. Er saß auf Deborah Steiners hellgrauer Wildledercouch und hatte, nach allem, was er gerade von sich gegeben hatte, offenbar vor, sich hier häuslich einzurichten.

»Dylan hat völlig recht«, ließ Deborah Steiner sich vernehmen. »Er denkt mit. Kluger Junge.«

»Wie bitte?« Wut schäumte in Matt hoch, brodelte, kochte und suchte sich einen explosionsartigen Weg nach außen. In wenigen Sekunden würde er hier irgendwas zertrümmern, eine von den blöden Vasen seiner Adoptivmutter oder den hässlichen künstlichen Weihnachtsbaum, unter dem sie seit Dylans Entdeckung durch Deborah gezwungenermaßen heile Familie gespielt hatten. Addams Family wohl eher.

Deborah räusperte sich. »Matt, ich verstehe ja, dass du verwirrt bist. Enttäuscht, aufgeregt, wütend und alles zusammen. Und es tut mir alles ganz schrecklich leid, was ich getan habe, wirklich. Ich konnte damals …« Sie rang nach Worten. »Es war alles sehr, sehr schwierig. Ich weiß, was ich getan habe, war unrecht, aber ich hatte meine Gründe. Und dennoch – jetzt, wo ich weiß, aus welchen Verhältnissen ihr kommt, da denke ich – ich habe irgendwie doch ein gutes Werk an dir vollbracht. Und das würde ich jetzt auch gern für Dylan tun.«

»Gutes Werk? Du hast mich geklaut! Meine Mutter hat sich vor Sehnsucht nach mir verzehrt und es war dir scheißegal!« Matt konnte in diesem Moment gar nicht glauben, dass er Deborah als kleiner Junge jemals umarmt und mit »Mommy« angeredet hatte. Sie war immer schon kühl und ein bisschen seltsam zu ihm gewesen, aber in letzter Zeit fragte er sich immer öfter, ob sie nicht noch etwas anderes war. Gestört. Schizophren. Verrückt, so wie Evan.

»Und wo ist deine Mutter dann?«, gab Deborah zurück. »Wo war sie all die Jahre lang? Dich hat nie jemand gesucht.«

»Dad war immer viel zu besoffen«, steuerte Dylan bei.

Ja – wo war Matts leibliche Mutter? Das war das größte Mysterium in der ganzen Angelegenheit, und er musste zugeben, dass das Verhalten seiner echten Mutter ebenfalls komplett unverständlich war. Wieso hatte sie nie nach ihm gesucht? Das Fernsehen und das Internet waren voll von verzweifelten Müttern, die ihre verschwundenen Kinder suchten und die Öffentlichkeit um Mithilfe baten. Warum gab es niemanden, der ihn suchte? Die schreckliche Antwort auf diese Frage lauerte tief in seinem Herzen, aber er wollte sie nicht wahrhaben. Er wollte der Realität nicht ins Auge blicken. Dass nämlich seine Mutter mit allergrößter Wahrscheinlichkeit genau wie sein Vater nicht mehr am Leben war. Dann war er Vollwaise. Minderjährig und mittellos.

»Alter, ich geh nicht ins Reservat zurück.« Dylan redete jetzt leise weiter und Matt konnte sehen, dass sein Zwillingsbruder seine Hände so fest in die Wildledercouch krallte, dass das Leder bald platzte. »Du hast ja keine Ahnung davon, wie beschissen das Leben sein kann, wenn du keine Kohle hast. Immer nur billiges Fast Food und keine Chance darauf, je aufs College zu gehen, weil du ja noch nicht mal die blöden Gebühren für die Bewerbungen auftreiben kannst. Keine Chance, jemals einen vernünftigen Job draußen in der Welt zu finden, weil du dir nicht mal einen vergammelten Pick-up-Truck leisten kannst, mit dem du aus dem Reservat fahren könntest. Wusstest du, dass die Selbstmordrate unter Teenagern in den Reservaten in South Dakota die höchste in ganz Amerika ist? Und wenn man dann das hier alles sieht …« Dylan brach ab, er vollführte nur eine verzweifelte Geste, die alles mit einschloss, was er meinte: Deborahs stilvolles Haus, den Campus, das glitzernde Meer im Hintergrund, die Schale mit lokalem Bio-Obst auf dem Designertisch, das Fünftausend-Dollar-Laufband mit integrierten virtuellen Laufstrecken durch die schönsten Strände und Wälder der Welt, die achtlos hingeschmissenen Markenturnschuhe in der Ecke. »Du hast keine Ahnung«, wiederholte er. »Ich geh nicht zurück. Ich bleibe hier. Ich nehme Deborahs Angebot an.«

Aber ich nicht, tobte es in Matt. Deborah hatte ihnen einen Deal vorgeschlagen. Sie erzählten niemandem, was Matt herausgefunden hatte und was vor zwölf Jahren passiert war. Das bedeutete: keine Polizei, kein gar nichts. Im Gegenzug durfte Dylan hierbleiben und bekam alles, was Matt auch hatte. Sie würden einfach so weitermachen wie bisher, nur dass Dylan dann mit im goldenen Käfig saß, sozusagen. Dylan würde einen Highschool-Abschluss bei Myriad machen und danach selbstverständlich ein Studium antreten können – Harvard, Yale, Princeton, was immer er wollte. Wer von Myriad High kam, dem standen alle Türen offen und Geld spielte ohnehin keine Rolle.

»Du kannst gern an meiner Stelle zurück ins Reservat gehen«, fuhr Dylan jetzt fort. »Viel Spaß. Ich habe nichts dagegen.«

»Okay«, schnappte Matt. »Dann mache ich das doch glatt. Aber vorher gehe ich noch zur Polizei.« Er stürmte hinaus und knallte die Tür hinter sich zu, aber nicht ohne vorher noch im Spiegel das entsetzte Gesicht von Deborah zu sehen. Gut so.

 

In seinem Zimmer versuchte er, zum gefühlt hundertsten Mal in den letzten Tagen, Hannah anzurufen, aber sie ging einfach nicht dran. Er schickte ihr eine Nachricht, aber sie ignorierte diese genauso wie seine unzähligen Nachrichten zuvor. Matt hielt es nicht mehr aus. Er schmiss sich auf sein Bett und fing an zu heulen. Da hatte er nun seinen Zwillingsbruder gefunden und trotzdem fühlte er sich einsamer als je zuvor.

»Hannah«, schluchzte er dumpf in sein Kissen hinein. »Hannah, warum?« Warum konnte sie ihm nur nicht verzeihen? Warum hatte sie mit ihm Schluss machen müssen? An seinen Gefühlen für sie hatte sich doch nichts geändert. Mit Hannah an seiner Seite hätte er dieses ganze Dilemma leichter ertragen. Wenn sie wenigstens noch sein Kumpel wäre, so wie früher. Sie hätte gewusst, welches die richtige Entscheidung war. Matt setzte sich auf und schmiss das Kissen in die Ecke.

»Verdammte Scheiße«, sagte er laut, denn ihm war eben eins klar geworden: Er konnte gar nicht hier weg. Nie im Leben konnte er Tausende von Meilen weit weg irgendwo leben, ohne Handy und Internet, während Hannah hierblieb und mit Ryan Händchen hielt. Schon allein der Gedanke daran machte ihn ganz fertig. Während Hannah mit Ryan schmuste und durch den Campus-Park schlenderte, würde er in einem staubigen Laden im Reservat Dylans öden Job weitermachen und sechs Dollar die Stunde verdienen, umgeben von lauter Fremden. Auf gar keinen Fall. Er war nun einmal nicht Dowan Ross – er war Matt Steiner, sosehr ihn das auch fuchste, aber er konnte die letzten zwölf Jahre seines Lebens nicht einfach ausradieren. Und darum würde er hierbleiben und verdammt noch mal um Hannah kämpfen. Er stand auf, zog die Nase hoch und wischte sich über das Gesicht. Deborah sollte nicht wissen, dass er geheult hatte.

Er begab sich zurück ins Wohnzimmer, wo Dylan und Deborah noch genauso dasaßen wie vorhin und sich leise unterhielten.

»Okay«, unterbrach er sie. »Ich mach’s. Aber wie soll das mit Dylan überhaupt gehen, habt ihr darüber mal nachgedacht? Man wird ihn mit Sicherheit jetzt schon vermissen.«

Warum fragte er das? Er wusste die Antwort doch ohnehin. Ganz offensichtlich war genau das nämlich nicht der Fall – Matt hatte ja bei seiner Abreise Dylans Onkel einen Zettel hingelegt, dass er mit Schulfreunden ein paar Tage in eine Holzhütte in den Bergen gefahren war und dass der Onkel ihn unter dieser Handynummer erreichen konnte. Bislang hatte Onkel Hank sich aber nicht gemeldet, was nahelegte, dass es ihm völlig egal war, wo Dylan sich momentan aufhielt. »Soll er sich die Haare blond färben?«, forschte Matt daher rasch weiter, um einen sarkastischen Ton bemüht. »Oder einen Bart stehen lassen? Denn wie sollen wir sonst den Leuten hier erklären, dass auf einmal mein Zwillingsbruder auf dem Campus herumläuft, hm?«

Deborah schwieg eine Weile. Na bitte – da war sie doch, die Schwachstelle in ihrem schönen Plan.

»Gar nicht«, antwortete sie schließlich. »Indem ihr gar nichts erklärt. Das ist die einfachste Strategie und auch die sicherste, denn dann verplappert ihr euch nicht. Es geht schließlich niemanden etwas an. Dein Zwillingsbruder hat dich kontaktiert und wird von nun an mit hier leben. Über die näheren Umstände wollt ihr mit niemandem reden, weil sie zu persönlich sind. Fertig.«

Matt schluckte, dann nickte er, wenn auch ohne sie anzusehen. Er hasste es, wenn sie recht hatte.

Hannah

Endlich. Endlich konnte Hannah hier mit Ryan im Innenhof von Myriad High sitzen, sich an ihn schmiegen, seine Hand halten und ihn küssen, wann immer sie wollte und so lange sie wollte. Es kam ihr immer noch vor wie ein Traum, aber seit Ryan an Silvester offiziell mit Allyssa Schluss gemacht hatte, waren sie beide frei und niemand konnte sie mehr auseinanderbringen. Nicht Allyssa, nicht Matt, nicht Deborah Steiner. Jedenfalls vorläufig nicht. Ryans Mutter konnte bislang nur auf Krücken laufen, und Hannah hoffte inständig, dass sie noch recht lange reiseunfähig blieb, denn so lange würde Ryan definitiv hierbleiben. Gleichzeitig schämte sie sich furchtbar für diese gemeinen Gedanken. Vielleicht gab es ja auch noch eine andere Lösung, vielleicht fiel Ryans Dad etwas ein, wie er sich Deborah für immer entziehen und hierbleiben konnte, vielleicht …

»Ähm, Ryan? Wo ist denn Allyssa?« Ein paar Mädchen aus dem Tanzteam sahen verdutzt zu ihnen hin, wahrscheinlich waren sie über die Ferien verreist gewesen und hatten noch nicht mitbekommen, dass Ryan und Hannah jetzt zusammen waren.

»Keine Ahnung.« Ryan legte sofort demonstrativ den Arm um Hannah. Die Mädchen flüsterten verwirrt miteinander, doch dann wurde ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt. Caitlin Barlow joggte in einem neongrünen Running-Outfit über den Innenhof und neben ihr lief ein muskulöser, schlanker Typ, der aussah wie eine jüngere Version von David Beckham. »Dein Puls ist prima, Baby!«, rief er Caitlin zu. »Keep it up, girl. Run, run, run!«

Caitlin war bereits krebsrot im Gesicht und schnaufte und torkelte entkräftet, aber sie lächelte dennoch stolz.

»Wer zum Geier ist denn das?«, fragte jemand neben ihnen. Es war Kyle.

»Ihr My-Coach. Sie hat ihn gewonnen, für ihren Neujahrsvorsatz«, erklärte ein Mädchen.

»Im Ernst? Sie hat einen Typen gewonnen? Hammer. Gibt es noch mehr zu gewinnen? Girls zum Beispiel?«

»Der ist doch nicht echt«, erklärte das Mädchen Kyle belustigt. »Er ist ein Hologramm.«

Hannah wechselte einen amüsierten Blick mit Ryan, dann sahen sie alle gebannt zu, wie Mr Muskel Caitlin jetzt zwang, zehnmal hochzuspringen. Beim letzten Sprung strauchelte sie so sehr, dass sie beinahe in einen der Büsche im Innenhof fiel.

»Hologramm? Echt?« Ohne Vorwarnung warf Kyle seinen leeren Kaffeebecher auf den My-Coach-Typen. Der Becher segelte durch ihn hindurch und landete auf der anderen Seite in einem Papierkorb. »Geil.«

»Hey, was soll das?«, rief Caitlin wütend. »Lass Percy in Ruhe.«

»Weitermachen, Baby«, rief Percy. »Burn that butt!«

»Percy!« Kyle klatschte sich wiehernd mit seinem Kumpel ab. »Percy der Perverse!«

»Er begleitet sie vierundzwanzig Stunden am Tag und treibt sie an und zählt ihre Kalorien und misst ihren Puls«, erzählte das Mädchen munter weiter. »Er sitzt sogar im Unterricht neben ihr, damit sie nicht naschen kann. Sie hat schon zwei Pfund abgenommen.«

»Mein Gott, wie nervig«, rutschte es Hannah heraus. »Ich könnte mir nichts Schrecklicheres vorstellen.« Ryan fing glucksend an zu lachen und Hannah fiel mit ein, doch dann blieb ihr das Lachen im Hals stecken. Dort drüben, auf der anderen Seite der Fontäne, stand Allyssa und sah zu ihnen hinüber. Ryan hatte Hannah erzählt, dass Allyssa angefangen hatte zu weinen, als er mit ihr Schluss gemacht hatte. Ehrlich gesagt konnte sich Hannah überhaupt nicht vorstellen, dass Allyssa jemals weinte, aber Ryan würde das sicher nicht einfach so behaupten und außerdem bestand Chloe neuerdings auch darauf, dass Allyssa eine weiche Seite hätte. Ein leises Mitgefühl überkam Hannah, schließlich wusste sie ja selbst am besten, wie quälend es gewesen war, Ryan mit Allyssa zusammen zu sehen, aber dann regte sich auch Trotz in ihr. Gegen seine Gefühle war man eben machtlos. Und außerdem schoss Allyssa ihr jetzt einen so dermaßen hasserfüllten Blick zu, dass Hannah beinahe die Luft wegblieb. Das kleine Quäntchen Mitleid, das sie eben noch für Allyssa verspürt hatte, verschwand sofort. In deren Blick war nichts Weiches und nichts Bemitleidenswertes. Es war der Blick einer Löwin, die bei nächster Gelegenheit im Überlebenskampf das Weibchen eines anderen Löwen zu Tode beißen würde. Hannah wandte sich ab. Wo waren Caitlin und ihr alberner My-Coach namens Percy? Hannah musste sich jetzt dringend ablenken. Ach, da hinten. Percy schimpfte offenbar gerade mit ihr, denn Caitlin kippte mit betretenem Gesicht eine Cola in die Büsche und holte stattdessen eine Wasserflasche aus einem der Automaten im Innenhof.

»Hi, Hannah«, erklang es da hinter ihr. Allyssas Stimme.

Hannah fuhr herum. »Hi«, grüßte sie automatisch zurück, wenn auch leicht krächzend.

Allyssa stand da und lächelte. »Hi, Ryan.« Sie reichte Ryan etwas. »Ich hab hier noch was für dich. Dein Weihnachtsgeschenk. Ich weiß – Weihnachten ist vorbei, aber ich möchte es dir trotzdem noch geben.«

»Allyssa, das musst du nicht, ehrlich.« Ryan wand sich verlegen hin und her. »Ich hatte auch nichts für dich und …«

»Ist schon okay. Ist nur ein T-Shirt. Was soll ich sonst damit anfangen?« Allyssa lächelte immer noch.

»Danke.« Ryan streckte seine Hand ergeben nach dem kleinen Päckchen aus. Dann blickte er demonstrativ auf seine Uhr. »Uh, ich muss ja los. Muss Mr Howard noch vor Stundenbeginn abfangen, weil ich ein Referat über Kultprodukte in den Achtzigerjahren halten soll. Zauberwürfel und BMX-Rad und Walkman und … egal. Also bis später dann, Hannah. Und Allyssa.« Er winkte lahm und rannte sichtlich erleichtert davon. Hannah war im Begriff, es ihm gleichzutun, als eine kleine Stimme in ihrem Kopf flüsterte: »Frag sie. Frag sie jetzt. Die Gelegenheit kommt nie wieder. Frag sie nach dem Erdnusskonzentrat, das ihre Eltern an Deborah geschickt haben.«

»Allyssa, ich wollte dich etwas fragen«, setzte sie an, bevor ihre eigene Courage sie verließ.

»Ja?« Immer noch das Lächeln. Als wären sie dickste Freundinnen. Hatte Hannah sich den Blick vorhin nur eingebildet?

»Ich wollte dich fragen, ob …« Sie brachte es nicht fertig. Wie sollte sie so etwas Großes und Ungeheuerliches fragen – mitten auf dem Schulhof zwischen lärmenden Schülern, zwischen all dem Gekicher, Geflirte, der Musik, die von irgendwoher erschallte, und dem Plätschern der Fontäne?

»Ich hoffe, es ist kein Problem für dich, wegen Ryan«, stotterte Hannah schließlich heraus. »Also wegen Ryan und mir«, verbesserte sie noch, obwohl das völlig unnötig war.

»Aber natürlich nicht. Kein Problem.«

»Ach so. Na, dann ist ja gut.« Hannah inspizierte ihre Fingernägel. Gott, warum ging Allyssa nicht weg?

»Hey, Leute.« Chloe kam auf sie beide zu. »Guckt mal.« Sie hielt ein Lederarmband mit einer kleinen Perle daran hoch. »Hat mir Connor aus Hawaii mitgebracht.«

»Oh, wie cool«, rief Allyssa aus, noch bevor Hannah irgendetwas sagen konnte. Warum ging die nicht? Und wieso bezog Chloe sie überhaupt mit ein?

»Wir müssen jetzt leider zu Mathe«, wandte Hannah sich entschuldigend an Allyssa. Ein Wink mit dem Zaunpfahl.

»Ich weiß«, sagte die nur. »Ich auch. Ich komme mit, ich habe den Kurs gewechselt und bin jetzt mit bei euch.«

 

»Du könntest ruhig etwas zu ihr sagen«, raunte Chloe Hannah zu, als sie im Matheraum ihre Laptops aufklappten.

»Zu wem?«, fragte sie verblüfft.

»Na, zu Allyssa.« Chloe sah kurz über die Schulter nach hinten, denn direkt in der Reihe hinter ihnen hatte Allyssa sich hingesetzt.

»Wieso? Was?« Hannah verstand nicht, worauf Chloe hinauswollte.

»Na, irgendeine Entschuldigung, finde ich. Schließlich hast du ihr den Freund ausgespannt.«

»Wie bitte?« Hannah lachte ungläubig auf. »Ähm – sie hat vielleicht mal damit angefangen? Sie hat mir Ryan zuerst weggenommen.«

»Nein, hat sie nicht«, korrigierte Chloe mit der ihr eigenen mathematischen Logik. »Du warst nie mit ihm zusammen. Du wolltest es gern und konntest dich nicht entscheiden, und sie wollte ihn auch und dann hast du Matt gewählt und sie und Ryan sind daraufhin zusammengekommen.«

»Haarspalterei«, murmelte Hannah, obwohl ein Teil von ihr realisierte, dass Chloe recht hatte. »Und überhaupt, hast du vergessen, was sie alles Gemeines gemacht und gesagt hat?«

»Hab ich nicht. Aber willst du jetzt genauso sein wie sie früher? Zweimal Unrecht ergibt noch kein Recht.«

»Also …« Mr Rupert betrat jetzt das Klassenzimmer und Hannah verschluckte den Rest ihres Satzes. Sie wusste eigentlich auch gar nicht, was sie sagen wollte. So hatte sie das alles überhaupt noch nicht gesehen. Sie hatte in keinster Weise in Betracht gezogen, dass man Allyssa irgendwie wehtun konnte, weil Allyssa so unendlich tough war und selber so fies sein konnte, dass man gar nicht auf die Idee kam, sie könnte über irgendetwas ernsthaft traurig sein.

»Also …«, wiederholte Hannah daher nur hilflos.

Mr Rupert ging zum Fenster und reckte sich, um die Jalousien gegen das Sonnenlicht hinunterzuziehen. Hannah stutzte. Normalerweise wurde jede seiner Bewegungen von den schmachtenden Augen der meisten Mädchen im Mathekurs verfolgt, heute hingegen starrten alle stumpfsinnig auf ihre Laptops, jemand putzte sich geräuschvoll die Nase, ein Mädchen holte ungeniert ihre Zahnspange aus dem Mund und packte sie in eine kleine Dose.

»Ähm, hab ich was verpasst mit Mr Rupert?«, flüsterte Hannah Chloe zu.

Das Mädchen in der Reihe vor ihnen drehte sich um. »Er hat sich verlobt«, teilte sie ihnen mit betrübtem Gesichtsausdruck mit. »Mit einem irischen Model. Die hier.« Das Mädchen rückte ein wenig zur Seite und gab den Blick auf ihren Bildschirm frei, auf dem sich eine atemberaubend schöne Rothaarige vor einer Steilküste in Irland den Wind durch die Haare wirbeln ließ. Das Mädchen seufzte. »Unsere Chancen sind um neunzig Prozent gesunken.«

»Eure Chancen waren noch nie höher als 0,001 Prozent«, gab Chloe zurück. Hannah kicherte und sie grinsten sich an. Gott sei Dank hatte Chloe das Thema Allyssa fallen gelassen.

Hannahs Handy vibrierte. Eine Nachricht von Matt. Eine Sekunde lang zögerte sie, dann löschte sie das Ding genau wie alle anderen aus den letzten Tagen. Wochen. Das Handy vibrierte wieder. Sie schielte fast gegen ihren Willen darauf. Eine Nachricht von … Dylan? Er war noch da? Und hatte jetzt sein eigenes Handy? Hannah öffnete die Nachricht.

Hannah, ich bleibe hier auf Myriad High. Ich wollte, dass du es direkt und als Erstes von mir erfährst. Es tut mir immer noch alles sehr leid, aber vielleicht können wir ja Freunde sein?

Dylan blieb hier? Wie sollte das gehen? Nach dieser verblüffenden Neuigkeit konnte sie sich überhaupt nicht mehr auf Mathe konzentrieren, und während der süße und leider ja nun vergebene Mr Rupert da vorn etwas von Sinus und Cosinus erzählte, irrten Hannahs Gedanken wild hin und her und flatterten zu Ryan und dann zu Matt, dann zu Dylan, zurück zu Matt und wieder zu Ryan.

» … sucht euch einen Partner, ihr habt zehn Minuten Zeit, dann bitte abgeben«, drang Mr Ruperts Stimme wieder zu ihr vor.

Was? Ach du Schreck. Sie hatte seine Erklärungen verpasst und wusste überhaupt nicht, was sie machen sollten.

»Chloe?«, flüsterte sie und schielte nach links zu ihrer Freundin. »Hilf mir, was sollen wir …?« Der Rest des Satzes kam nicht mehr heraus.

Chloe saß nämlich gar nicht mehr da. Sie hatte sich eine Reihe weiter hinten neben Allyssa gesetzt und half bereits ihr.

Chloe

Chloe stand im Vorraum der Cafeteria und las sich auf den Bildschirmen überall die neuesten Angebote für das Wintersemester durch. Skiausflug in das Dodge Ski Resort jeden Freitagnachmittag im Januar. Snowboarder bitte bei Bus B eintragen und bitte pünktlich zur Abfahrt erscheinen.

Na, da bestand keine Gefahr, dass sie den Bus verpasste. Mit Wintersport hatte Chloe absolut nichts am Hut. Was gab es noch Neues? Der LGBT-Club traf sich ab jetzt jede Woche im Kunstraum, um einen Umzugswagen für die Gay Pride Parade in San Francisco im Sommer zu bauen, der Debattierclub suchte händeringend nach neuen Mitgliedern und der Theaterclub studierte unter der Regie von einigen Zwölftklässlern und Mrs Burlingers Aufsicht Romeo und Julia in Space ein und informierte auf einem Screen über Termine zum Vorsprechen. Romeo und Julia in Space? Die mit Raketen aneinander vorbeiflogen und sich Kusshände zuwarfen? Wer dachte sich denn so was aus? Und warum las Chloe sich das eigentlich durch? Es interessierte sie doch kein bisschen, sie war außerdem völlig eingedeckt mit Kursen und Hausaufgaben, nicht zu vergessen die endlosen Stunden, die sie in Hackerforen verbrachte. Der einzige Club, an dem sie noch teilnahm, war die Forschungsgruppe iBaby, aber leider war sie mittlerweile mit Chucky das einzige Mitglied. Sie musste unbedingt gleich mit Professor Crawford darüber reden, wie es mit Chucky weitergehen sollte. Nein, Chloe stand hier bei den Bildschirmen nur in der Hoffnung herum, dass sie Connor treffen würde. Nach dem wunderbaren Kuss zwischen ihnen vor Weihnachten war Connor ja leider nach Hawaii geflogen. Er war nicht gerade der größte Nachrichtenschreiber, genau genommen hatte er ihr so gut wie überhaupt nicht aus Hawaii geschrieben. Außer vier verwackelten Videos, die ihn auf einem Surfbrett zeigten, hatte sie in dieser Zeit nichts von ihm gehört oder gesehen. Und auf der Silvesterparty war Connor permanent von anderen Leuten belagert gewesen und hatte es gerade mal geschafft, ihr mit einem Zwinkern ein kleines Päckchen zu geben – das niedliche Armband mit der Perle aus Hawaii. Seitdem trug sie es unentwegt und hoffte, dass sie ihn irgendwo abfangen konnte. Heute hatte er in der dritten Stunde Kultprodukte, das wusste sie zufällig genau, und deshalb musste er in wenigen Minuten hier langkommen. Da! Dort vorn war sein blonder Strubbelkopf zu sehen, die Haare ausgebleicht von Salzwasser und Sonne, die Haut gebräunt. Er trug ein Surfer-Shirt und sah aus, als käme er geradewegs vom Strand. Jetzt entdeckte er sie und winkte ihr zu. Chloe wurde es ganz warm ums Herz. Würde er sie umarmen? Sie zur Begrüßung küssen? Hand in Hand mit ihr durch das Schulgebäude schlendern wie alle anderen verliebten Paare?