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Es handelt sich um eine Sammlung von zehn Kurzgeschichten aus der Justiz. Staatsanwalt Carl Meder ist mit verschiedenen Fällen der Kriminalität befasst, außer mit Mord. Dafür ist die Kapitalabteilung zuständig. Er leitet die Ermittlungen und entscheidet nach Aktenlage über die Anklageerhebung. Anders als die Verteidiger, mit denen er sich vor Gericht auseinandersetzt, entscheidet Meder objektiv. Die zehn fiktiven Geschichten sind durch echte Fälle aus der staatsanwaltschaftlichen Praxis inspiriert sind. So hat es zum Beispiel die Observation im Fall "Wadim" tatsächlich gegeben. Auch wurde "Hatice" von ihrem Partner in der beschriebenen Weise überwacht. Die Rentnerin, die in dem Fall "Justin" auf ihren blutigen Stümpfen weiterlief und der später die Unterschenkel amputiert werden mussten, hat es ebenfalls gegeben, um nur einige Beispiele zu nennen.
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Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die Handlung ist in Teilen durch wahre Begebenheiten inspiriert. Alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.
Während meiner zwölfjährigen Marinedienstzeit studierte ich in Hamburg Pädagogik und im Fernstudium Wirtschaft, danach Rechtspflege in Niedersachsen. Nach Einsätzen im Justizministerium in Kiel und beim Oberlandesgericht in Schleswig studierte ich Strafrecht als Postgraduiertenstudium beim Ausbildungszentrum der Justiz in Nordrhein-Westfalen.
Als Oberamtsanwalt bin ich mit meinen etwa fünfzig Kolleginnen und Kollegen in Schleswig-Holstein, etwa zwanzig von ihnen in Kiel, für die Bearbeitung von Ermittlungsverfahren der kleinen und mittleren Kriminalität, somit der Masse unseres Geschäfts zuständig. Über dreizehn Jahre war ich im Sonderdezernat "GF" - Gewalt in der Familie tätig. Anders als Staatsanwältinnen und Staatsanwälte treten wir nur am Amtsgericht auf.
Ich bin verheiratet und lebe mit meiner Frau in einer kleinen Gemeinde im Naturpark Westensee. Wir haben drei tolle erwachsene Töchter und wundervolle Enkelkinder.
Zum Schreiben kam ich erst jetzt, vermutlich auch durch meinen Vater Hermann Neuber, der insbesondere über seine Zeit als Marinerettungsflieger zahlreiche Bücher geschrieben hat und nicht müde wurde, mir zu sagen, ich solle meine Geschichten doch auch einmal aufschreiben.
Kai Neuber
Schon in der Überlegung liegt die böse Tat, selbst wenn sie nicht zur Ausführung gelangt. Man muss mithin so etwas, an dem schon die bloße Überlegung unsittlich ist, überhaupt gar nicht überlegen.
Cicero
Wer sündigt, versündigt sich an sich selbst; denn durch die unrechte Handlung macht er sich schlecht und schadet also sich selbst.
Mark Aurel
CARL
WADIM
PATRICK
HATICE
DJAWED UND SHAFIQ
JUSTIN
DR. CMOK
ANGELIKA
FRIEDHELM
NADJA
4 Wochen später
3 Monate später
HARDY
Der Schlagbaum schimmerte voraus im seichten Schein der Laterne durch den Nebel des frühen Morgens. Der Wachmann, ein ziviler Mitarbeiter des Sicherheitsdiensts, der sich im Rentenalter allem Anschein nach noch etwas dazu verdienen wollte oder nach vierzig Ehejahren vielleicht auch einfach etwas Abstand von seiner Frau brauchte, hatte sich an dem feuchtkalten Morgen in sein Wachhäuschen zurückgezogen und erhob sich nun gemächlich, nachdem er durch mein Scheinwerferlicht aufgeweckt wurde. Er begab sich zur Fahrerseite meines grauen Mittelklasse-SUV, während ich die Seitenscheibe herunterließ und ihm meinen Truppenausweis entgegenhielt. Der Wachmann warf einen flüchtigen Blick auf das Papier und ließ mich passieren. Ich folgte der Straße durch den um diese Uhrzeit noch menschenleeren Stützpunkt zum Parkplatz der Zerstörerflottille direkt an der Mole. Der schlanke, hochaufragende Bug des Schiffes begrüßte mich und machte mich auch immer wieder ein bisschen stolz, hier Artillerieoffizier sein zu dürfen. Die Flaggenparade würde erst zum Sonnenaufgang stattfinden. Vorher wird für mich auch keine „Seite“ gepfiffen, eine Ehrerbietung, die mir als Offizier zustand. Ich ging an Bord, vorbei an dem Maat der Wache, für den es zu dieser frühen Morgenstunde nicht ungewöhnlich war, dass ich aussah, als wäre ich gerade erst dem Bett entstiegen. Ich drehte an dem Handrad des achteren Schotts, um die Verrieglung zu öffnen und trat über den kniehohen Süllrand ins Schiffsinnere. Es empfing mich der typische Geruch einer Melange aus in der Kombüse frischgebackenen Brötchen, Diesel und Bilgenöl. Ich werde meine Sachen auf die Kammer bringen, die ich mir mit dem Flugkörperoffizier teile, dann unter die Dusche springen, die Arbeitsuniform für den Seebetrieb anziehen, mir in der Offiziermesse ein paar Eier braten lassen, mit den Kameraden ein paar Worte über das Wochenende wechseln und über den bevorstehenden Einsatz sprechen. Soviel Zeit hatte ich noch bis zum Dienstbeginn um 06:00 Uhr. Dann seeklarmachen und auslaufen um Punkt 07:00 Uhr. Sechs Wochen Standing-Naval-Forces-Atlantic oder kurz StaNavForlant. Hoffentlich kommen wir dieses Mal weiter als bis Kiel-Lighthouse, wo beim letzten Einsatz einer der vier Dampfkessel dicke Backen machte. Gerade als ich die Hand auf den amerikanischen Drehknauf der Tür zu meiner Kammer legte, hörte ich über die Schiffslautsprechanlage … Musik?
„Dim-dim - da-da-da-dim“ …?
„Won’t forget these days“ von Fury in the Slaughterhouse. Was soll das? Die SLA unterliegt doch eigentlich strengen Regeln. Da kann nicht jeder einfach machen, was er will. - Mein Nacken schmerzte. Ich streckte mich. Hörte ich nun Vogelgezwitscher. Es wurde hell.
Ich öffnete die müden Augen, griff nach meinem Handy auf dem Nachtschrank und stellte den Wecker ab. Seit dem letzten Fury-Konzert hatte ich den Titel als Weckmusik abgespeichert. Ich war immer noch ein großer Fan. In letzter Zeit waren die beiden Köpfe der Band häufiger als Wingenfelder & Wingenfelder unterwegs, aber die alten Fury-Klassiker wurden vom Publikum regelmäßig eingefordert.
Heute werde ich jedenfalls nicht mehr zu einer Übung auslaufen. Diese Zeit lag hinter mir und mein Schiff schon lange als Museum in Wilhelmshaven. Dennoch ließ die Zeit mich scheinbar nie ganz los.
§
Im Büro erwarteten mich zwei Stapel Akten, jeder so hoch, dass er im Freizeitpark Eintritt zahlen müsste. Darunter etwa zwanzig neue Verfahren, der Rest erledigte Ermittlungsaufträge als Rückläufer von der Polizei, Stellungnahmen der Verteidigung, Sachverständigengutachten oder einfache Fristvorlagen. Die elektronische Akte ließ noch etwas auf sich warten, in der Justiz dauerte wohl alles etwas länger. Aber schon bald sollte es kein Papier mehr geben. Es würde wieder einmal ein längerer Tag im Büro werden. Ohne Kaffee geht da gar nichts.
Martina Koslowski klopfte und trat durch meine, wie immer, halb geöffnete Bürotür. Meine junge Vizsla-Dame Wilma richtete sich in ihrem Körbchen neugierig auf und freute sich, Tina zu sehen. Mittlerweile hatte sie gelernt, nicht jeden vor Begeisterung anzuspringen. Das dachte ich jedenfalls gerade noch bevor Tina meiner Hundedame über den Kopf streichelte und Wilma mir das Gegenteil bewies. Vizslas haben eben ein sehr freundliches Gemüt. „Na meine Süße … Moin Carl, Elena hat sich gerade gemeldet. Hatte einen Reitunfall und ist jetzt erstmal drei Wochen krankgeschrieben.“
„Moin Tina. Oh je, hoffentlich ist es nicht so schlimm“, begrüßte ich meine Büronachbarin. „Hat sich wohl das Kreuzbein angebrochen“, erklärte Tina. „Eine genaue Diagnose steht aber noch aus.“
Ich öffnete in meinem Handy unsere WhatsApp-Gruppe. Auch hier hatte Elena sich bereits gemeldet. Ich tippte „Gute Besserung, Elena. Erhol Dich gut. Wir kümmern uns um Deine Sachen.“ Dann regelte ich die Vertretung. Und machte mich an die Arbeit.
Madita Strobel und Wadim Golecki waren seit einem knappen Jahr ein Paar. Kennengelernt haben sie sich in der Endstation, einer Eckkneipe von der Sorte, die ihre Gäste rund um die Uhr begrüßte, wo Gestrauchelte, Alkoholiker und Gestalten, von denen die meisten keinen Wecker brauchten, zusammentrafen. Madita war insoweit eine Ausnahme, hatte sie doch jedenfalls ein kleines eigenes Einkommen aus ihrem Teilzeitjob im Sonnenstudio. Die Endstation besuchte sie meistens nur am Wochenende, wenn sie Lust auf einen Vodka-Red-Bull hatte. Meistens wurden es dann zwei oder drei, dann fand sich oft auch noch jemand, der einen Averna ausgab und bei Janin anschreiben ließ. Neben der Tatsache, dass die Endstation nur zwei Häuserblocks von Maditas Wohnung entfernt lag, war es auch Janin selbst, die für Madita oft ein Grund war, am Abend nochmal rüber zu gehen. Sie hatte für Madita immer ein offenes Ohr und kannte deren Leben inzwischen besser als Maditas Mutter, zu der der Kontakt sich auf ein kurzes Telefonat alle paar Monate beschränkte.
In dieser Nacht vor nicht ganz einem Jahr wurde es wieder einmal spät in der „Endstation“. Am Tresen hingen neben Madita drei Männer Mitte bis Ende zwanzig herum, die schon angetrunken zusammen gekommen waren, und außer ihnen noch ein Paar, das Madita hier noch nie gesehen hatte. Madita schätzte ihn auf Mitte fünfzig, sie etwas jünger. Am Ecktisch saß eine gemischte Gruppe von sechs oder sieben Personen, die laut lachten und grölten und offensichtlich viel Spaß hatten, unter ihnen auch Wadim, wie sie später feststellte. An dem Stehtisch neben dem grünen Vorhang hinter dem sich die Eingangstür verbarg ein einsamer Trinker, der mit glasigen Augen stur vor sich hin stierte, dabei sein wer-weiß-wievieltes Bier in sich hineinlaufen ließ. Auf dem Tisch ein voller Aschenbecher, zwischen den gelben Fingern einen kaum noch auszumachenden Zigarettenstummel. Der Jeansjackenträger mit den schulterlangen Haaren aus der Dreiergruppe blickte schon seit einiger Zeit immer wieder zu Madita herüber, die in ihrem enganliegenden Shirt, ihrem kurzen schwarzen Rock, darunter eine Seidenstrumpfhose, und den roten Stiefeletten scheinbar dessen Aufmerksamkeit erregte. Anschließend steckten die drei die Köpfe zusammen und feixten. Madita versuchte sie zu ignorieren und war sich sicher, dass sie gerade dreckige Witze auf ihre Kosten machten. Dann rückte der Jeansjackenträger zu ihr herüber.
„Na, willst‘ was trinken?“ „Nein danke, bin bestens versorgt“, versuchte Madita, ein Gespräch im Keim zu ersticken.
„Stell dich nich‘ so an. Ich geb‘ ein‘ aus.“
„Ich sagte nein danke, und jetzt lass‘ mich bitte in Ruhe.“
Aus Richtung der anderen beiden hörte sie „Na los Ralle, mach‘ sie klar!“ Der Jeansjackenträger hieß also Ralle, konnte ihr aber auch egal sein. Ralle streichelte Madita über den Oberschenkel und fing sich umgehend eine schallende Ohrfeige ein, was auch am Ecktisch nicht unbemerkt blieb. Der Alte neben dem Eingang stierte weiter geradeaus. Das Pärchen schien mit sich selbst beschäftigt zu sein. Ralle schlug zurück, mit der Faust in das Gesicht. Madita versuchte, sich am Tresen festzuhalten, riss dabei ihren Vodka-Mix und ein leeres Glas um, aus dem Janin zuvor mit ihr getrunken hatte, und fiel schließlich zu Boden. Sie ertastete ihr Gesicht und verteilte das Blut zitternd über ihre Hände auf dem weißen Top. Das Jochbein schwoll augenblicklich stark an. Bald würde das linke Auge zu sein und Madita mindestens für die nächsten zwei Wochen eine Sonnenbrille tragen. Danach sollte es vielleicht mit Makeup gehen. Ralle stand breitbeinig vor ihr und begutachtete sein Werk als er, wie in einer eingeübten Bewegung, von hinten gepackt mit der Brust an den Tresen gedrückt und sein Kopf auf den Tresen geschlagen wurde. Eine Blutlache breitete sich auf dem Tresen aus. Ralle fasste sich mit beiden Händen ins Gesicht und jammerte, kaum zu verstehen, „meine Nase, das Schwein hat mir die Nase gebrochen.“ Wadim, etwa einen halben Kopf größer, spuckte demonstrativ vor ihm aus, zog Madita am Arm hoch, und beide verschwanden durch den grünen Vorhang.
Ralle hat keine Anzeige erstattet, Madita auch nicht. Mit der Polizei wollte man nichts zu tun haben. Die Gäste der Endstation hätten im Falle eines Ermittlungsverfahrens nichts gesehen oder wären zu betrunken gewesen. Janin hätte gerade weggesehen, weil sie ein frisches Fass angeschlossen hätte, das Paar wurde nie wieder gesehen, und der Alte, naja …
§
Eine Woche später zog Wadim bei ihr ein. Viel Platz gab es in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung nicht, aber mehr hatte Wadim auch nicht zu bieten. Er brachte seinen südkoreanischen 55-Zoll-Fernseher und seine japanische Spielkonsole mit. Seine Couch mit dem dunkelgrauen Cordbezug hatte er erst vor kurzem günstig erstanden, so dass sie auch Maditas deutlich in die Jahre gekommenes Sofa gegen Wadims besseres Möbelstück austauschten. Dann waren da noch Wadims gesammelte Motorradzeitschriften, von denen er sich nicht trennen wollte und schließlich ein viel zu viel Raum einnehmender Sitzsack, der insbesondere Madita gefiel, in dem kleinen Wohnzimmer aber nicht sinnvoll zu platzieren war und daher, in eine Ecke gequetscht, zunächst als Ablage für die Motorradzeitungen diente.
Zwei Monate später war Madita schwanger. Geplant war die Schwangerschaft nicht. Die beiden gingen einfach ein wenig sorglos mit dem Thema Verhütung um. Sie wussten nicht, ob Wadims Gehalt als Eisenflechter und das Kinder- und Elterngeld für die kleine Familie reichen würde. Ansonsten würde man aufstocken müssen, dachte Madita. Wadim machte auf Madita den Eindruck, als hätte er noch gar nicht richtig realisiert, Vater zu werden. Madita hatte ein wenig Angst vor den Herausforderungen, die ihr bevorstanden, auch war sie sich noch nicht sicher, ob Wadim einen guten Vater abgeben würde, aber die Freude auf eine kleine Tochter oder einen Sohn, das war ihr ziemlich egal, überwog dann doch. Sie würde es besser machen als ihre Eltern. Nein, sie beide würden es besser machen. Die Vorstellung einer Familie mit Wadim als Vater war ihr immer noch etwas fremd. Es brauchte eben noch etwas Zeit. Beide müssten sich erst noch an ihre Schwangerschaft gewöhnen und dann würden sie eine ganz normale Familie werden. Madita wollte eigentlich auch immer mindestens zwei Kinder und würde dafür sorgen, dass diese jederzeit füreinander da wären, so wie auch sie für die beiden da sein werde. Zu ihrem älteren Bruder hatte Madita seit Jahren keinen Kontakt mehr. Zuletzt hatte er irgendwo in Duisburg gewohnt, hatte sie gehört. Ihr Vater war vor zweieinhalb Jahren an Krebs verstorben.
Madita genoss die gemeinsamen Abende an ihren freien Tagen mit Wadim vor dem Fernseher. Gerne sahen sie dann gemeinsam Reality-Shows, am liebsten Dating-Formate, wenn sie sich nach der Arbeit beeilte und nicht, wie so häufig, zu Sonderschichten eingeteilt wurde. Es war schön, nicht mehr allein zu sein. Nur redeten sie nicht viel miteinander. Madita wusste auch nichts von Wadims Vorstrafen. Wadim sah keine Veranlassung, ihr davon zu erzählen, und sie hatte natürlich nicht danach gefragt. Welche Musik hörst du gerne? Wohin fährst du gerne in den Urlaub? Bist du vorbestraft und falls ja, weswegen? Warst du schon im Knast?
Sie wusste nicht, dass er wegen Drogenhandels verurteilt wurde, dass er auf dem Bahnhof einen Jugendlichen zu Boden geschlagen hatte, weil der ihn angeblich angerempelt hatte und dass er erwischt worden war, wie er zusammen mit einem nie ermittelten Mittäter die Glastür auf der Rückseite der Goetheschule eingeschlagen und drei mitgebrachte Sporttaschen mit Laptops vollgepackt hatte.
Auch Madita hat bereits Erfahrungen mit der Justiz, allerdings weniger strafwürdig als Wadim. Als Jugendliche fiel sie einem Ladendetektiv auf, wie sie sich zusammen mit einer Freundin im Drogeriemarkt einige Kajalstifte und Eyeliner in die Jackentasche steckte. Dafür gab es im vorgelagerten Diversionsverfahren, also in direkter Veranlassung durch die Polizei, zehn Stunden gemeinnützige Arbeit. Später, mit etwa Mitte zwanzig verkaufte sie über Ebay einen Thermomix zum Schnäppchenpreis von vierhundertdreißig Euro und ließ sich den Betrag über Paypal-Friends auf ihren Account überweisen. Überflüssig zu erwähnen, dass Madita nie einen Thermomix besessen hat. Vielleicht sollte man sich seine Freunde doch besser nicht über Paypal suchen. Die Handyschulden und eine Tierarztrechnung für ihr Kaninchen, welches am Ende doch eingeschläfert werden musste, hätten sie dazu gezwungen. Dafür gab es eine Geldstrafe von dreißig Tagessätzen, die sie über zwei Jahre abstotterte. Sie hatte erst später verstanden, warum Geldstrafen in Tagessätzen bemessen werden. Ein Tagessatz errechnet sich aus dem Monatseinkommen abzüglich möglicher Unterhaltspflichten durch dreißig. Für jeweils zwei Tagessätze gibt es einen Tag Ersatzfreiheitsstrafe, wenn sie ihrer Ratenzahlungspflicht nicht nachkommt, erklärte ihr die Rechtspflegerin der Staatsanwaltschaft am Telefon.
Nur widerwillig stimmte Maditas Chef einer Änderung ihrer Schichten im Sonnenstudio zu. An ein paar Tagen der Woche konnte sie nun vormittags arbeiten. Da hatte sie dann auch etwas weniger zu tun. Vor allem aber hatte sie so mehr gemeinsame Zeit mit Wad, wie sie ihn inzwischen nannte. Wad ging jeden Tag früh aus dem Haus und wurde von Kollegen mit dem Firmenbus abgeholt. Die Männer fuhren dann zu wechselnden Baustellen. Gegen vier am Nachmittag war er zurück. Zu dieser Zeit hatte Madita vor ihrem Tausch, gerade eine Stunde ihrer Schicht hinter sich. Es hatte also kaum gemeinsame Zeit gegeben. Das war jetzt besser.
Zu ihrem Geburtstag überraschte er sie mit einer Übernachtung im Tropical Islands. Abenteuer-Lodge inclusive Frühstück und Eintritt ins Spaßbad für zweihundertfünfundneunzig Euro. Mit so etwas hatte sie nicht gerechnet. Ein so tolles Geschenk hatte sie noch nie bekommen. Wadim war sonst eher phantasielos. Aber war sie selbst eigentlich besser? Wenn sie mal raus wollten, gingen sie meistens doch wieder in die Endstation.
Als Wadim eines Abends die letzte schon kalt gewordene Pizzaecke, die Madita übriggelassen hatte, aus der Pappschachtel nahm, war Madita im Bad unter der Dusche. Ihr Smartphone lag auf dem Wohnzimmertisch. Sonst hatte sie es immer bei sich. Das Entsperrmuster hatte Wadim einmal gesehen als Madita ihr Handy freigab. Es war sehr einfach, daher hatte er es sich merken können. Er griff ohne Nachzudenken nach dem Handy, betrachtete es für einen Augenblick und legte es wieder zurück. Das Rauschen des Duschwassers brach ab, Madita huschte mit einem um den Körper gewickelten Handtuch und einem Turban auf dem Kopf über den Flur ins Schlafzimmer. Wadim griff wieder nach dem Handy. Warum, wusste er selbst nicht. Es war eher ein Impuls. Er zeichnete das kleine „u“ und erweckte das I-Phone zum Leben. Tinder! Er glaubte es nicht. Sie war tatsächlich hinter seinem Rücken auf Tinder unterwegs. Wadim sprang auf und hastete in Richtung Flur. Bestimmt betrog sie ihn schon länger. Die Sonderschichten im Solarium …
„Hvorka!“ rief er ihr entgegen als er sie, immer noch in ein Handtuch eingewickelt, wieder im Bad antraf und ihr das Handy vor das Gesicht hielt. „Du Hure betrügst mich!“
„Du spionierst mir nach? Was machst du mit meinem Handy? Gib das her.“
Wadim schleuderte ihr Handy auf den Badezimmerboden und holte mit der Faust aus. „Du bist ja gestört“, rief sie und schlug mit dem nassen Handtuch, welches sie gerade noch auf dem Kopf getragen hatte, nach Wadim. Der entriss ihr das Handtuch, wodurch sie ins Straucheln kam und trat ihr in die Seite. Madita stürzte in der Dusche zuerst mit dem Kopf gegen die Wand und dann, nachdem sie das Handtuch verloren hatte, nackt zu Boden. Das Blut ihrer Kopfplatzwunde hinterließ rote Schlieren an den Wandfliesen und in der Duschwanne. Wadim ging ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein, während Madita sich langsam aufrappelte, das Blut an ihrem Kopf abtupfte und sich den geprellten Ellenbogen hielt.
Zwanzig Minuten später klingelte es an der Tür. Dann ein Klopfen. „Polizei, bitte aufmachen!“ Madita hatte sich inzwischen soweit wieder hergerichtet. Ihr Kopf schmerzte noch, blutete aber nicht mehr. Die linke Seite tat ihr auch weh, dort wo Wadim sie getreten hatte. Sie öffnete und rieb sich immer noch den Ellenbogen.
„Es wurde gemeldet, dass es hier einen Streit gegeben hat. Dürfen wir mal reinkommen?“
Die Alte von nebenan musste sich wieder einmischen, dachte Madita. Eigentlich wollte sie mit der Polizei nichts zu tun haben, beantwortete nun aber doch die Fragen des jungen Polizisten, schilderte ihm, was vorgefallen war. Der etwas ältere und leicht untersetzte Kollege begab sich währenddessen ins Wohnzimmer und befragte Wadim.
„Nichts war hier los, Scheiß-Bulle“, empörte der sich. „Die ist in der Dusche ausgerutscht, und jetzt gehe ich.“ Vermutlich wollte er den Abend lieber in der Endstation verbringen als sich weitere Vorhaltungen und Fragen der Polizei anzuhören.
„Sie gehen erstmal nirgendwo hin“, bekam er zu hören.
Wadim versuchte, sich im Wohnungsflur an dem Polizeibeamten vorbei zu drängen, wurde von diesem aber mit ausgestrecktem Arm auf Abstand gehalten. Es war wieder einmal die Balance zwischen Durchsetzung und Deeskalation gefragt. Bei einem weiteren Versuch brachte Wadim die Ellenbogen zum Einsatz und trat seinem Gegenüber gegen das Knie.
§
Schließlich hatte ich über den Vorgang zu entscheiden. Madita Strobel hatte sich entschieden, keinen Strafantrag zu stellen. Ich hielt es für eine gute Idee, in diesem Fall dennoch, oder auch gerade darum, zuerst einmal die Gerichtshilfe zu beauftragen, einen Opferbericht zu erstellen. Die Mitarbeiterinnen haben allesamt Sozialpädagogik oder Soziale Arbeit studiert und erledigen derartige Aufträge mit viel Sachverstand und Einfühlungsvermögen.
Schnell kam die Akte zurück. Laut Opferbericht gab Madita Strobel sich und Wadim noch eine Chance. Auch wäre es ja irgendwie ihre eigene Schuld gewesen, wegen Tinder. Wadim habe sie erklärt, dass sie sich nur so zum Spaß mal auf der Kontaktbörse umgesehen hatte. Das hätte nichts zu bedeuten. Dann habe sie ja auch mit dem Handtuch geschlagen und sei dabei hingefallen, erklärte sie der Gerichtshelferin. Wenn die Polizeibeamten etwas anderes in ihren Bericht geschrieben haben, dann hätten sie wohl etwas falsch verstanden.
Dass sie am nächsten Tag das Kind verloren hat, würde ihr aber noch sehr zu schaffen machen.
Wadim hatte die Vorwürfe der tateinheitlich begangenen vorsätzlichen Körperverletzung, des Schwangerschaftsabbruchs und der Sachbeschädigung bestritten. Ich entschied, die Taten nicht anzuklagen. Würde ich Madita Strobel widerwillig als Zeugin vor Gericht bringen lassen, würde sie sich vermutlich wegen Falschaussage strafbar machen.
Ein Schwangerschaftsabbruch gegen den Willen der Schwangeren ist nach § 218 des Strafgesetzbuches mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bedroht. Nach dem vorliegenden ärztlichen Gutachten ließ sich eine Kausalität zwischen der Tat und dem Verlust des Kindes nicht mit der erforderlichen Sicherheit feststellen. Vielmehr habe es sich ohnehin um eine Risikoschwangerschaft gehandelt, wie ich in der abschließenden Bewertung erfuhr. Ob die vielen Abende in der Endstation damit zu tun hatten, hatte ich nicht zu beurteilen.
Wegen des Vorwurfs eines tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte in Tateinheit mit Körperverletzung und Beleidigung beantragte ich den Erlass eines Strafbefehls über einhundertfünfzig Tagessätze zu je fünfzig Euro, orientiert an Wadim Goleckis Einkommensverhältnissen. Glücklicherweise hat der Polizeibeamte außer Schmerzen keine Schäden erlitten, so dass eine kurze Freiheitsstrafe, die das Gesetz hierfür eigentlich vorsieht, in eine Geldstrafe umgewandelt werden konnte. Das Gericht erließ den Strafbefehl antragsgemäß. Wadim legte keinen Einspruch ein. Die Sache wurde rechtskräftig.
§
Nach diesem Abend war es zwischen Madita und Wadim nicht mehr wie zuvor. Sie stritten häufig, oft über Belanglosigkeiten. An einem Samstagabend, sie waren zuvor im Kino, kam es, kaum dass sie die Wohnung betreten hatten, erneut zu einem heftigen Streit. Was den Streit auslöste wurde nie bekannt.
Der Rettungswagen wurde von der Einsatzleitstelle in die Mühlenstraße 43, zweites Obergeschoss rechts geschickt. Ein anonymer Anrufer hatte eine schwer verletzte Person gemeldet. Der Rettungswagen war bereits vor Ort, die Hausfassade wurde rhythmisch wiederkehrend blau erleuchtet. Aus dem Inneren des Rettungswagens schien durch die geöffneten Hecktüren hell gleißendes Neonlicht auf den breiten Gehweg. Trotz der späten Stunde versammelten sich bereits einige Schaulustige um das Geschehen. An den Fenstern wurden Vorhänge beiseitegeschoben. Nachbarn drückten neugierig ihre Nasen an die Fenster. Dann trafen fast zeitgleich ein Funkstreifenwagen und ein ziviles Polizeifahrzeug ein, sicherten den Rettungswagen ab. Zwei Kripobeamte nahmen durch die offenstehende Haustür die Treppe zur Wohnung Strobel. Zwei Beamte aus dem Einsatzwagen sperrten den Bereich vor dem Hauseingang mit Trassierband ab und drängten die Gaffer zurück. Auf so etwas reagierten die Ordnungshüter inzwischen sehr sensibel. „Handys weg, aber ganz schnell. Sonst kassier‘ ich die ein, und euch gleich mit.“ Polizeihauptmeisterin Özgür wollte keine Videos vom Einsatz, von sich und erst recht nicht von der verletzten Person bei Facebook sehen.
Hauptkommissar Cordes sah noch vor Betreten der Wohnung die große Blutlache im Flur. Er streifte seine Gummihandschuhe über, als er von den Sanitätern beiseitegeschoben wurde, und diese Madita, auf der Trage festgegurtet, zügig und routiniert an ihm vorbei trugen. „Stich in den Bauch. Dürfte wohl ein Küchenmesser gewesen sein. Es ist ernst, aber ich glaube, sie kommt durch“, informierte die Notärztin ihn im Vorbeigehen knapp und deutlich.
