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Ein geheimnisvolles Buch. Ein alter Indianer. Ein junger Wolf. Mit nichts davon hatten Sara und Tom gerechnet, als sie heute Morgen zur Schule gingen! Und jetzt befinden sie sich mitten in der Wildnis und ein Abenteuer jagt das andere. Ein Vorlesebuch zum Thema Naturschutz, für Kinder zwischen 5 und 12 Jahren. Mit spannenden Ideen zum Selbermachen!
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Seitenzahl: 105
Veröffentlichungsjahr: 2017
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„Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen.“
Indianische Weisheit
Diese Geschichte ist für
Kyra, Nora, Elio, Lina, Noe, Ephraem, Ephrata, Edna, Tara, Mia, Liun, Iljana, Elli, Mira, Melina, Hanna, Timea, Joachim, Isaiah, Elice, Mina, Noëllia, Robyn, Anja, Aron, Flurina, Manuel, Jachym, Gabriel, Florian, Emma, Jaël, Aurélie, Camillo, Mila, Joel, Noé, Manuel, Benjamin,, Elon, Anaël, Vivienne, Leandra, Joana, Lea, Lisa, Rebecca, Jamin, Elina, Tobiasund alle anderen Kinder!
Ein lustiger Morgen
Das geheimnisvolle Buch
Sig-Sag-Sug
Akawi
Spuren verwischen
Das erste Feuer
Das Tipi-Feuer
Das Camp
Mit dem Messer Schnitzen lernen
Der Wolf
Mokassins nähen
Spurensuche
Tierspuren
Tokojawe
Die Insel
Ein Kanu steuern
Der Unfall
Heilmittel aus der Natur
Heimweh
Die Befreiung
Tipps für eine bessere Welt!
Der Überfall
Wie fessle ich jemanden-nützliche Knoten
Freunde
Das Wolfsrudel
Zu Hause
Einen Samen pflanzen
Es war Mittwoch, Tom wusste es ganz genau. Heute war nämlich kein Turnunterricht in der Schule, sondern Lesestunde. Er freute sich. Nicht, dass er den Turnunterricht nicht mochte, nein, er war ganz gut im Turnen. Aber lesen machte ihm einfach viel mehr Spass! Am liebsten las er Geschichten über Tiere, vergangene Welten, geheimnisvolle Wälder und natürlich über Indianer! Er hüpfte aus dem Bett, nahm seine Brille vom Nachttisch und öffnete die Vorhänge. Es regnete. „Pfui, nicht schon wieder!“, schrie er und schaute enttäuscht dem roten Auto hinterher, welches gerade um die Ecke verschwand. Da hörte er seine Mutter rufen: „Tom, das Frühstück ist fertig.“ Schnell zog er sich an und lief die Treppe hinunter. Nach einem hastig heruntergeschlürften Müsli war es auch schon Zeit! Seit einem halben Jahr ging er nun in die vierte Klasse. Er rannte mit seinen gelben Gummistiefeln und dem roten Rucksack durch den kleinen Garten bis zum Tor und dann den Trottoir entlang zum Fussgängerstreifen. Dort wartete seine beste Freundin Sara ganz ungeduldig auf ihn. „Weisst du, wie viele Autos schon angehalten haben, um mich hinüberzulassen?“, fragte sie. Tom sah sie an. Die langen kastanienbraunen Haare klebten unordentlich und tropfnass an ihrem Kopf. Die braunen Augen blitzten aber immer noch vergnügt, und obwohl ihre grünen Gummistiefel zu gross waren, hüpfte sie von einem Bein aufs andere. „Keine Ahnung“, antwortete er. „Sieben!“, rief sie triumphierend, als ob das eine ausserordentliche Leistung sei. „Ich habe sie aber alle mit einer Verbeugung zum Weiterfahren gebracht.“ „Mit einer Verbeugung!?“ Tom war verwirrt. „Zeig einmal.“ Gerade näherte sich ein graues Auto. Im Regen war es fast nicht zu sehen. Der Fahrer fuhr langsamer, als er die beiden Kinder sah, und stoppte vor dem Fussgängerstreifen. Doch anstatt über die Strasse zu gehen, sprang Sara hoch in die Luft, drehte sich um sich selbst und machte, als sie landete, eine elegante Verbeugung, wobei sie mit dem rechten Arm ausholte und dann mit dem Zeigefinger wie ein Wegweiser die Strasse entlangfuhr. Schliesslich blieb sie bewegungslos stehen, die Hand mit dem Zeigefinger immer noch in Fahrtrichtung ausgestreckt. Der Autofahrer gestikulierte genervt mit den Händen, drückte dann aber aufs Gaspedal, und das Auto brauste davon. Tom krümmte sich vor Lachen. „Das hast du mit sieben Autos gemacht?“ Er schnappte nach Luft. „Du bist ja komplett verrückt!“ Sara grinste: „Wieso? Die Erwachsenen sind immer so ernst, denen tut ein bisschen Spass am Morgen doch ganz gut.“ Tom hackte sich bei Sara ein, und nachdem sie nach links und rechts geschaut hatten und sicher waren, dass kein Auto kam, überquerten sie die Strasse.
Die Schule war nicht gross. Sara und Tom waren in der vierten Klasse, ihr Lehrer hiess Herr Zank, und manchmal zankte er tatsächlich gern. Meistens nicht mit den Kindern, sondern mit den verschiedensten Erwachsenen, die seinen Unterricht besuchten und gelegentlich sogar bemängelten. Die Kinder mochten Herrn Zank gerne, denn er konnte ganz wunderbar Geschichten erzählen ‒ und das ist das Wichtigste für einen Lehrer. Die Achtklässler machten sich manchmal heimlich lustig über Herrn Zank, denn er hatte, obwohl er noch nicht sehr alt war, bereits eine halbe Glatze, und aus irgendeinem Grund, den niemand kannte, eine bucklige Gestalt. Herr Zank pflegte dann zu sagen, die Achtklässler befänden sich gerade in einer schwierigen Phase und er würde ihnen schon noch helfen, zu lernen, die Menschen nicht nur nach ihrem Äusseren zu beurteilen.
Heute hatten sie zuerst Rechnen und dann Geografie. Tom und Sara sassen nebeneinander, vor ihnen sassen Asif und Kurt und hinter ihnen Mael und Chanakan. In der Pause spielten sie wie immer alle zusammen „Sig Sag Sug“.
Alle Kinder stehen im Kreis und halten einen Fuss in die Mitte.
Man schreit „Sig – Sag - Sug“ und zieht dann den Fuss zurück oder lässt ihn stehen, natürlich alle
gleichzeitig. Bleibt jemand alleine im Kreis oder zieht jemand alleine zurück, so scheidet er aus und muss bis zur nächsten Runde warten.
Bleiben nur noch zwei Gegner übrig, wird ein „Schere, Stein, Papier“ gemacht, um den Gewinner zu
bestimmen. Bei „Schere, Stein, Papier“ werden beide Hände hinter den Rücken gehalten. Dann schreit man „Schere, Stein Papier“, nimmt eine Hand nach vorne und macht entweder das Zeichen der Schere, des Steins oder des Papiers.
Schere schlägt Papier.
Papier schlägt Stein.
Stein schlägt Schere.
Meistens spielt man es drei Mal.
Dann endlich kam die Lesestunde. Herr Zank marschierte mit grossen, wichtigen Schritten voran zur Bibliothek, die Kinder in Zweierreihe hinter ihm her. Für Herrn Zank war die Bibliothek sehr wichtig. Ähnlich wichtig wie die Pommes-frites-Maschine im McDonald’s, wie Kurt einmal treffend feststellte. Zwischendurch drehte sich Herr Zank um, damit er sehen konnte, ob ja auch alle Kinder mit feierlicher Miene hinter ihm herliefen, und wehe denen, die das nicht taten ‒ obwohl es natürlich längst ein Wettbewerb geworden war, wer die tollsten Grimassen schneiden konnte, während Herr Zank nicht nach hinten schaute. Heute war Sara bester Laune, und sobald Herr Zank sich umgedreht hatte, verdrehte sie die Augen, streckte die Zunge heraus und machte mit den Fingern Hasenohren. Tom musste sich alle Mühe geben, nicht laut loszulachen. Aber er hatte eine noch bessere Idee und nahm sich einen Kaugummi. Sara wollte natürlich mitmachen, obwohl sie wusste, dass sie keine so schönen Kaugummiblasen wie Tom hinkriegen würde. Tom hatte gerade eine riesige Blase gemacht, die ihm besonders gut gelungen war, als Asif nieste. Herr Zank drehte sich um. Stille. Zwanzig vor Schreck offene Kindermäuler schauten ihn an, und nur aus zwei davon hing eine Kaugummiblase, natürlich sah er sie. „Gesundheit“, sagte er zu Asif. Dann schaute er Tom und Sara an und sagte: „Ihr beide werdet als Strafe nicht mit in die Bibliothek kommen, um zu lesen, sondern in der Abstellkammer die alten Bücher putzen.“ Tom hätte weinen können. Schon den ganzen Tag freute er sich aufs Lesen, und jetzt sollten sie Bücher putzen?! Aber gegen Herrn Zank gab es kein „Wenn und Aber“, das war klar. Und so befanden sich Sara und Tom zehn Minuten später in der Abstellkammer. Dort war es sehr staubig und trocken. Bewaffnet mit feuchten Lappen, machten sie sich ans Werk. Sara streckte sich, um aus dem obersten Regal ein grosses Buch zu holen. Es war voller Staub. Sie legte es auf den Tisch. „Schau mal, Tom, das ist ja ein riesen Ding!“, rief sie. „Stimmt“, Tom beugte sich über das Buch. „Was es wohl für einen Titel hat?“ „Keine Ahnung“, antwortete Sara, komm, wir putzen es, dann werden wir es sehen.“ Gemeinsam machten sie sich daran, den Buchdeckel zu schrubben, aber plötzlich war es, als würden sich ihre Hände immer tiefer in das Buch hineingraben, und nicht nur ihre Hände, der ganze Körper rutschte nach. Es war, als würde man eine Rutsche Kopf voran auf dem Bauch hinunterrutschen, aber die Wände der Rutsche wären aus Glas und es ginge vorbei an Strassen, Parks, Wiesen, dann Wäldern, Bächen mit Wasserfällen und Bergen. Sara und Tom wussten nicht, was geschah, aber nach einem Sturz über einen Wasserfall landeten sie plötzlich Kopf voran in einem kleinen See, den sie noch nie zuvor gesehen hatten. Sara war starr vor Schreck. Mit weit aufgerissenen Augen schaute sie sich um. Sie sass klatschnass in der Mitte des Sees, ringsum den See sah sie nichts anderes als Wald, Wald und nochmals Wald.
Tom hockte nicht weit von ihr ebenfalls im Wasser und sah nicht besser aus. Auch er hatte Angst. „Tom, wo sind wir?“, fragte Sara leise. „Ich weiss es nicht“, flüsterte Tom zurück. „Aber vielleicht kann ich auf meinem Handy nachschauen.“ Tom hatte tatsächlich schon ein Handy. Er kramte in der Tasche. Schliesslich förderte er ein nasses, verbeultes Ding zutage, das mehr Ähnlichkeit mit einem verschrumpelten Apfel als mit einem Handy hatte. „Kaputt“, stiess Tom betroffen hervor. „Wir sind verloren.“ Sara begann zu weinen, und auch Tom kullerte eine Träne die Wange herunter. Es begann schon langsam dunkel zu werden. Plötzlich hörten sie ein Geräusch. Ein Knacken in den Zweigen, wie wenn jemand durch den Wald kommen würde. Sara hielt Toms Arm umklammert. Es kam immer näher, dieses Geräusch. Schliesslich sahen sie einen Schatten, der aus dem dunklen Wald kam, sich am Ufer des Sees hinstellte und rief: „Habt keine Angst, ich habe auf euch gewartet!“ Tom und Sara starrten die Gestalt an. Es war ein Mann, vielleicht so alt wie ihre Grossväter, mit langen, grauen Haaren, die durch ein ledernes Stirnband nach hinten gebunden waren. Seine ganze Kleidung bestand aus Leder, auch die Schuhe, die, wie Sara jetzt sah, genau gleich aussahen wie die Mokassins der Indianer in ihren Büchern. Gespannt hielten die Kinder die Luft an. Was sollten sie tun? War dieser Mann wirklich ein Freund, wie er behauptet hatte, oder war er womöglich gefährlich? Tom sah genauer hin. Aber gegen den dunklen Wald im Hintergrund war von dem Mann jetzt nicht mehr als eine Silhouette zu sehen. Sara zitterte, langsam wurde ihr kalt. „Was tun wir?“, raunte sie Tom zu. „Ich weiss es auch nicht. Meinst du, man kann ihm trauen?“ In diesem Moment flackerte am Ufer ein kleines Licht auf, das schnell grösser wurde. „Ein Feuer“, stiess Sara betroffen hervor. „Er will uns grillieren.“ „Blödsinn“, erwiderte Tom. „Hast du einmal in einem Indianerbuch gelesen, dass Indianer Kinder grillieren?“ „Nein“, hauchte Sara, „aber bist du sicher, dass er ein Indianer ist?“ „Also wie ein Astronaut sieht er jedenfalls nicht aus.“ Jetzt mussten beide ein bisschen lachen. „Okay, Tom, ich gehe hin“, sagte Sara. „Nach Hause können wir ja nicht.“ Tom stand auf, das Wasser reichte ihm bis an die Knie. „Du hast recht“, erwiderte er. „Gehen wir.“ Es war still geworden, nur das Plätschern des Wassers war zu hören, als die Kinder dem Ufer entgegenstampften, und als sie näherkamen, das Knistern des Feuers. „Willkommen“, begrüsste sie der Fremde. „Setzt euch zu mir ans Feuer, damit eure Kleider trocknen, das Essen ist auch bald fertig.“ Im Feuerschein konnten sie den Fremden genauer betrachten, er hatte Falten im Gesicht und eine schmale, gerade Nase. Seine Augen waren ganz dunkelbraun und schauten die Kinder so liebevoll an, dass sie jegliche Angst verloren. Ausserdem duftete es mittlerweile herrlich nach gebratenem Fleisch, Tom und Sara merkten erst jetzt, wie hungrig sie waren. „Mmm, riecht das gut“, sagte Tom. „Ist das Bratwurst?“ „Oder Hamburger?“, fragte Sara begeistert. Der Fremde sah sie verwirrt an. „Bratwurst? Hamburger? Was ist das?“ „Naja“, erwiderten die Kinder unsicher, „Wurst und Hamburger eben, man kann es im Supermarkt kaufen.“ Jetzt schaute der Fremde regelrecht ratlos zu ihnen hinüber. „Das“, erklärte er, indem er aufs Feuer wies, „ist gebratene Rehkeule.
