Nebel über Neuschwarz - Johann Schaettler - E-Book

Nebel über Neuschwarz E-Book

Johann Schaettler

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Beschreibung

Nebel ueber Neuschwarz "Psychologischer Thriller" Ella Jansen kehrt nach Jahren in ihre Heimat zurueck und verliert den Boden unter den Fuessen. Ihre beste Freundin ist tot, offiziell ein Suizid. Doch Ella zweifelt. Als Journalistin beginnt sie nachzuforschen und stoesst auf ein Geflecht aus Schweigen, Schuld und Abhaengigkeit, das weit ueber den vermeintlichen Selbstmord hinausgeht. Bald verschwimmen die Grenzen zwischen Wahrheit und Wahn. Stimmen in den Waenden, Spiegel, die antworten, Nachbarn, die ihre Saetze wiederholen - ist Ella Opfer einer perfiden Manipulation? Oder schreibt sie sich ihre eigene Realitaet? Gefangen zwischen Klinikakten, der Macht oeffentlicher Worte und dem Echo der Stadt kaempft Ella um das Kostbarste, was ihr bleibt: ihre eigene Stimme. Duester, intensiv und beklemmend realistisch - ein Thriller ueber Identitaet, Kontrolle und den gefaehrlichen Preis der Wahrheit.

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Seitenzahl: 410

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Heimkehr im Nebel

Kapitel 2 – Stimmen im Holz

Kapitel 3 – Unter der Haut

Kapitel 4 – Das Echo der Namen

Kapitel 5 - Schattenlinien

Kapitel 6 – Der Schlüssel

Kapitel 7 – Kreisverkehr

Kapitel 8 – Unter der Stadt

Kapitel 9 – Offene Wunden

Kapitel 10 – Die Tür

Kapitel 11 – Der Preis der Stille

Kapitel 12 – Funken im Dunkel

Kapitel 13: Der erste Rückfall

Kapitel 14: Nicht allein

Kapitel 15: Duven wird direkter

Kapitel 16: Spur aus kaltem Licht

Kapitel 17: Türtester

Kapitel 18: Gegenprobe

Kapitel 19: Blaues Zifferblatt

Kapitel 20: Namen auf der Schwelle

Kapitel 21: Das Knistern im Draht

Kapitel 22: Die Wohnung als Sender

Kapitel 23: Der Mann im Regenmantel

Kapitel 24: Die Nachricht im Wasser

Kapitel 25: Die Stimmen der Geräte

Kapitel 26: Die Nacht des Stromausfalls

Kapitel 27: Das Gesicht im Fenster

Kapitel 28: Die Stimmen im Schlaf

Kapitel 29: Der Schatten auf der Brücke

Kapitel 30: Das Haus im Nebel

Kapitel 31: Das Protokoll

Kapitel 32: Die Presse

Kapitel 33: Der Besuch

Kapitel 30: Das Haus im Nebel.

Kapitel 34: Das Gutachten

Kapitel 35: Die Vorladung

Kapitel 36: Die Station

Kapitel 37: Die Akte

Kapitel 38: Die Medikamente

Kapitel 39: Der Besuch der Mutter

Kapitel 40: Der Entzug

Kapitel 41: Die Entlassung

Kapitel 42: Das zweite Heft

Kapitel 43: Die Nachbarn

Kapitel 44: Die Stadt spricht

Kapitel 45: Die Menge

Kapitel 46: Der Zusammenbruch

Kapitel 47: Das Interview

Kapitel 48: Die Reaktionen

Kapitel 49: Die Rückkehr ins Leben

Kapitel 50: Das Ende

Kapitel 1 – Heimkehr im Nebel

Der Zug glitt in den Bahnhof wie ein Tier, das gelernt hatte, leise zu sein. Ella Jansen stand im Übergang zwischen den Waggons und spürte die Vibrationen in den Fußsohlen, das unterschwellige Surren der Bremsen, den feuchten Film aus Herbstluft und Metall. Als die Türen aufsprangen, kroch der Nebel herein wie eine Erinnerung.

Neuschwarz roch nach nassem Holz und nach der Art von Kälte, die in Kleidung kriecht und dort bleibt. Ella trat auf den Bahnsteig, die Reisetasche schulternd, und erlebte für einen Augenblick das vertraute Echo: die Uhr mit dem abblätternden Lack, das knarrende Hallendach, der Kiosk, in dem sie früher Zigaretten gekauft hatte, obwohl sie nie geraucht hatte. Es war eine Art Mutprobe gewesen, eine stillschweigende Zugehörigkeit zu den Unruhigen.

„Du bist zu früh“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zur Uhr.

Sie hatte den Morgen genommen, weil die Mittagszüge zu voll waren und die Abende in Neuschwarz zu schnell dunkel wurden. Vielleicht war es auch nur ein Versuch, dem Gefühl zuvorzukommen, dass sie zurückkam, um etwas zu begraben, das sich nicht begraben ließ.

Der Taxistand war leer. Auf dem Parkplatz stand ein einziger Wagen, der Motor lief, der Auspuff atmete kleine, weiße Wolken. Als Ella näher kam, erkannte sie den Fahrer. Tobias Krämer. Früher zwei Klassen über ihr, Torwart im Fußballverein, die Art von Junge, der in jedem Klassenfoto mittig stand und trotzdem nie ganz scharf abgebildet war.

„Ella?“ Er blinzelte, als müsse er das Gesicht durch den Nebel fokussieren. „Bist du das?“

„Scheint so.“ Sie zwang ein Lächeln. „Fährst du Taxi?“

„Wenn die Schreinerei ruht, fahre ich. Und wenn’s regnet. Oder wenn es jemand braucht, den man kennt.“ Er deutete auf den Kofferraum. „Wohin?“

„In die Lindenstraße. Nummer 7.“

„Zu deiner Mutter.“

Ella nickte. Das Wort „Mutter“ lag schwer in der Luft, als wäre es mit Wasser vollgesogen. Tobias öffnete den Kofferraum, und sie legte die Tasche hinein. Als sie sich umdrehte, hielt er ihr die hintere Tür auf, ein Reflex aus einem anderen Jahrzehnt.

Im Wagen roch es nach Leder und dem Hauch eines herben Aftershaves. Tobias’ Hände lagen locker am Lenkrad, und doch bewegten sich seine Finger, als bereiteten sie sich auf etwas vor. Das Radio war leise, ein unaufdringliches Summen.

„Ich hab’s gehört“, sagte er, als sie den Bahnhof hinter sich ließen, den Kreisverkehr, die Bäckerei mit dem gelben Schild. „Mit Lena. Es tut mir leid.“

Ellas Bauch zog sich zusammen, als habe jemand plötzlich die Temperatur im Wagen gesenkt. „Danke.“

„Die Leute reden viel.“

„Das taten sie schon immer.“

„Jetzt reden sie anders.“

Sie wandte den Blick zum Fenster. Die Häuser am Stadtrand lagen wie zusammengekauert. Gärten, in denen rostige Schaukeln standen. Ein Hund, der durch nasses Gras stapfte. Die Lindenstraße lag näher am Zentrum, in einer Ecke, in der die Stadt so tat, als sei sie größer, als sie war – mit breiteren Bürgersteigen, mit Läden, die Boutique hießen, obwohl sie Pullover auf Kleiderständern draußen trocknen ließen.

„Bist du deswegen hier?“, fragte Tobias. „Wegen Lena?“

„Ja.“

„Und wegen deiner Mutter.“

„Die beiden Dinge lassen sich hier nie trennen.“

Er nickte, als verstünde er mehr, als sie gesagt hatte. Vor dem kleinen Kreisverkehr vor der Apotheke stockte er, ließ einen Lieferwagen vor. Sein Blick huschte zu ihr. „Man sagt, sie ist gesprungen.“

„Man sagt vieles.“ Ella spürte den Druck im Hals, hinter der Zunge, wie vor dem Niesen, nur ohne Erlösung. „Die Polizei hat’s abgeschlossen.“

„Zu schnell“, sagte Tobias. Es klang weder wie eine Frage noch wie eine Behauptung. Eher wie die Langeweile eines Mannes, der gelernt hatte, dass Dinge kommen und gehen und man sie nicht festhalten kann.

„Zu sauber“, verbesserte Ella.

Er schwieg. Sie hörte die Reifen über nassen Asphalt, sah die Tropfen, die von den Telefonleitungen hingen wie verirrte Perlen. In der Apotheke bewegte sich eine Gestalt, die Hände auf dem Tresen. Alles war so deutlich, dass es wieder unwirklich wurde.

„Ich hab dich mal in einem Artikel gelesen“, sagte er, als sie die Lindenstraße einbogen. „Über irgendeinen Baulöwen in der Stadt. Du hast ihn… wie sagt man… auseinandergenommen.“

„Ich habe Fragen gestellt.“

„Fragen sind auch eine Art Messer.“

Ella nickte, und zum ersten Mal an diesem Morgen spürte sie so etwas wie Wärme. „Manchmal schärfen sich Messer, indem sie stumpfe Stellen finden.“

„Und jetzt?“ Tobias parkte. Das Haus ihrer Mutter stand da wie früher. Der Putz war abgerieben, aber nicht abgefallen. Die Vorhänge im Erdgeschoss waren neu, eine andere Farbe, ein anderer Faltenwurf. „Hast du Fragen?“

Sie griff nach der Tür. „Ich habe zu viele.“

Als Tobias den Kofferraum schloss, legte er, wie zufällig, eine Hand auf den Rand, ließ die Finger entlanggleiten. „Wenn du was brauchst… ich wohne noch am Mühlweg. Gleich hinter der Brücke.“

„Danke.“ Ella nahm die Tasche und sah ihm nach, wie er einstieg, einen Gruß hob und dann in den Nebel davonfuhr, als hätte ihn jemand auf leise gestellt.

Die Haustür klemmte. Das hatte sie schon als Kind getan. Ella drückte mit der Schulter, und das Holz gab nach wie eine alte Bekannte. Drinnen roch es nach Kaffee und Eukalyptus, nach Wollpullover, die zu nah an Heizkörpern getrocknet waren. Schritte auf dem Linoleum, dann stand ihre Mutter da, kleiner als in Ellas Erinnerung, aber wach in den Augen.

„Ella.“ Keine Frage, kein Ausruf. Ein konstatiertes Wunder.

Sie stellten die Tasche in den Flur, eine kurze, tastende Umarmung, die wieder auseinanderfiel, weil beide Hände zu viel zu tun hatten. Der Tisch in der Küche war gedeckt, zwei Tassen, ein Teller mit Pflaumenkuchen, den niemand essen würde.

„Du hättest nicht kommen müssen.“ Die Mutter setzte sich, und das Licht von draußen machte ihr Gesicht weicher, als es war. „Aber ich bin froh.“

Ella goss Kaffee ein. „Ich musste kommen.“

„Wegen Lena.“

„Wegen mir.“

Die Mutter nickte. „Du hast diesen Blick.“ Sie öffnete den Zuckertopf, schob ihn zu Ella, obwohl Ella nie Zucker nahm. „Diesen… du weißt schon. Wenn du was nicht glaubst.“

Ella rührte im leeren Kaffee, nur um die Bewegung zu haben. „Sie war nicht die, die springt.“

„Menschen sind selten die, die sie am Ende sind.“ Ihre Mutter schob ihr den Pflaumenkuchen zu. „Es gibt Dinge, die man nicht trägt und dann doch trägt.“

„Hast du mit jemandem gesprochen?“

„Mit allen und mit niemandem.“ Die Mutter stützte die Hände an die Tasse, als wärmte sie sich an einem Argument. „Klara von der Apotheke sagt, die Polizei war ordentlich. Jonas vom Rathaus sagt, es sei besser so – kein langes Verfahren, kein…“ Ihre Hand machte eine vage Bewegung, als führe sie eine Schere durch Luft. „Aber ich kenne dich. Du wirst nicht bleiben, bis du eine Antwort hast.“

„Ich werde bleiben, bis ich eine Wunde habe, die ich kenne“, sagte Ella leiser, als sie gedacht hatte.

Sie tranken Kaffee. Das Schweigen war nicht leer. Es enthielt Namen, die niemand sprach, Daten, die auf Kalendern standen, die es nicht mehr gab. Nach einer

Weile stand Ella auf, ging zum Fenster. Draußen schob sich ein Fahrradfahrer durch die graue Luft, der Reifen sumpfte in einer Pfütze. Über den Dächern hing der Nebel wie eine Decke, die man nicht abwerfen konnte.

„Weißt du, wo es passiert ist?“, fragte ihre Mutter.

„Am Steinbruch“, antwortete Ella. „Am oberen Rand. Da, wo die Geländer locker sind.“

„Sie haben die Geländer vor zwei Jahren erneuert.“

„Dann sind sie seit zwei Jahren locker.“

Ihre Mutter lächelte nicht. „Du klingst wie dein Vater.“

„Ich klinge wie jemand, der dort groß geworden ist.“

„Du warst immer…“ Die Mutter suchte ein Wort und fand keines. „Du warst immer du.“

„Das ist nicht nur Kompliment.“

„Ich weiß.“ Die Mutter stand auf, legte eine Hand auf Ellas Unterarm, leicht, als könnte man Zuneigung dosieren. „Du kannst in deinem alten Zimmer schlafen. Ich hab's…“ Sie zuckte die Schultern. „Es ist anders. Aber nicht zu sehr.“

„Ich werde später hinfahren.“ Ella sah auf die Uhr, als würde die Zeit ihr eine Lösung anbieten. „Zum Steinbruch.“

„Geh nicht allein.“

„Ich war immer allein dort.“

„Und trotzdem sag ich: Geh nicht allein.“

Ella nickte, und etwas in der Art, wie die Mutter die Worte sagte, blieb an ihr haften. Eine Spur, die man erst später im Gras sieht.

Das alte Zimmer roch nach Kartons und nach dem, was bleibt, wenn man Erinnerungen ordentlich verpackt. Das Bett stand noch an derselben Stelle, aber die Bettwäsche war neu, die Farbe neutral, als hätte jemand versucht, Schuld farblich zu löschen. An der Wand hingen keine Poster mehr, nur ein helldunkler Rechteckschatten, wo einmal Fotos gewesen waren.

Ella öffnete die oberste Schublade des Schreibtischs. Ein Füller, der nicht mehr schrieb. Ein Armband aus Leder, dessen Schnalle verrostet war. Ein Notizbuch, in das sie mit siebzehn „Nicht vergessen“ geschrieben hatte und dann leere Seiten gelassen. Sie strich mit dem Daumen über den Einband, und unter der Haut zog etwas, als wäre dort ein Faden gespannt.

Ihr Handy vibrierte. Eine Nummer ohne Namen. Sie nahm ab.

„Ella?“

Die Stimme war tief, ruhig, und doch hörte man darin eine Unruhe, die sorgfältig verpackt war. Es dauerte einen Moment, bis das Bild zur Stimme passte. Sebastian Falk. Früher Praktikant im Rathaus, inzwischen – wenn sie die Artikel richtig in Erinnerung hatte – Leiter des städtischen Kulturamtes. Und: Lenas ehemaliger Freund.

„Sebastian.“

„Ich habe gehört, du bist in der Stadt.“

„Neuschwarz erfährt alles, bevor es passiert.“

„Man sagt, du willst Fragen stellen.“

„Man sagt, ich höre erst auf, wenn Antworten wehtun.“

Ein Atemzug. „Kannst du dich heute treffen? Nicht im Café. Nicht dort, wo man uns sieht.“

Ella ging zum Fenster. Der Nebel hatte die Straße geschluckt, nur die Konturen der Linden standen da wie Tinte in Wasser. „Wo?“

„Am Fluss. Hinter der alten Mühle. Eine Stunde.“

„Ich komme.“

Als sie auflegte, spürte sie, wie ihr Körper sich anspannte, bereit für eine Bewegung, die er noch nicht kannte. Sie legte das Notizbuch in ihre Tasche, nahm die Jacke, die für eine Stadt gedacht war, in der es weniger feucht, weniger alt war.

Auf dem Flur wartete die Mutter. „Du gehst.“

„Ich komme zurück.“

Die Mutter legte Ella den Schal um, ein langsamer, vertrauter Handgriff, bei dem ihre Finger knapp an Ellas

Hals vorbeistrichen. Wärmer, als nötig war. Ein Streifen Haut reagierte, ohne dass Ella es wollte, als hätte Zärtlichkeit einen Muskel, der von allein funktioniert.

„Pass auf“, sagte die Mutter. „Der Nebel lügt.“

„Ich lüge besser“, sagte Ella und lächelte – und wäre beinahe geblieben, nur wegen dieses Lächelns, das etwas altes, weiches in ihr lockerte. Aber draußen wartete der Fluss, und dort warteten Fragen.

Der Weg zur Mühle führte am Fluss entlang, ein schmaler Pfad, der an manchen Stellen von Brennnesseln gesäumt war. Die Luft schmeckte nach Eisen. Ella mochte das, dieses metallische Versprechen, das etwas ankündigte, ohne zu sagen, was.

Sebastian stand bereits dort, die Hände in den Manteltaschen, die Schultern ein wenig angehoben, als sei er zu groß für den Ort. Sein Profil war schärfer geworden, die Haare kürzer, das Lächeln seltener.

„Du siehst aus, als hättest du die Stadt verlassen“, sagte Ella zur Begrüßung.

„Und du, als hättest du sie nie getan.“ Er deutete auf das Holzgeländer, das den Fluss begrenzte. „Hier ist es still.“

„Still ist nicht leer.“

Er nickte. Ein paar Sekunden standen sie nebeneinander und sahen auf das Wasser, das sich dunkel zwischen den Steinen schob. Ihre Arme berührten sich nicht, aber die Luft zwischen ihren Jacken war schmal.

„Ich hab sie nicht verstanden“, begann er. „In den letzten Wochen.“

„Lena?“

„Sie war… anders. Nicht traurig, nur… fern.“ Er fuhr mit dem Finger über das Geländer, als könnte er dort eine Linie nachzeichnen, die nur er sah. „Wenn du jetzt fragst, wer ihr wehgetan hat – ich war’s nicht.“

„Vielleicht war es niemand. Vielleicht war es etwas.“

„Was?“

„Ein Druck. Eine Forderung. Eine Wahrheit.“

Sebastian lachte kurz, ohne Freude. „Du redest wie in deinen Artikeln.“

„Ich rede wie jemand, der nicht mehr gerne überrascht wird.“

Er sah sie an, und etwas in seinem Blick war nicht nur Erinnerung. „Du warst immer gefährlich.“

„Weil ich Fragen stelle?“

„Weil du Antworten erzwingst.“

Für einen Moment stand die Zeit enger um sie herum. Ein Windstoß hob eine Strähne von Ellas Haar an, und sie spürte, wie Sebastian ihm folgte – nicht mit der Hand, nur mit den Augen, aber es reichte, damit Wärme unter ihrer Haut aufflackerte, schnell, kontrollierbar. Erotik war oft nichts weiter als ein Kontakt zwischen Blick und Möglichkeit.

„Sag mir, was du weißt“, sagte Ella, leise, als würde das Flusswasser zuhören.

„Ich weiß, dass sie nachts Mails bekommen hat.“ Er holte sein Handy hervor, entsperrte es, zeigte ihr eine Adresse. „Kein Name. Nur: ‚Neuschwarz ist nicht, was es scheint.‘“

„Hat sie’s dir gezeigt?“

„Einmal. Dann nicht mehr. Sie wurde… vorsichtig.“

„Hast du die Mails?“

Er schüttelte den Kopf. „Sie hat sie gelöscht. Oder jemand.“

Ella fühlte, wie das alte Kribbeln einsetzte, das sie früher bei jeder Spur begleitet hatte. „Jemand?“

„Ihr Laptop war offen, als ich einmal spät bei ihr war. Ich habe den Bildschirm gesehen. Da war ein Ordner, verschlüsselt, mit einem Namen, der wie ein Witz aussah: ‚Himmel‘.“

„Und?“

„Als ich sie fragte, hat sie den Deckel zugeklappt. So, als wäre der Raum zu klein für beide – den Laptop und mich.“

„Himmel.“ Ella wiederholte das Wort und hörte, wie unschuldig es klang. „Hast du sonst etwas gesehen?“

„Nur…“ Sebastian zögerte. „Es gibt jemanden, den du sprechen solltest. Lukas Lahn. Er und Lena… sie hatten ein… Projekt.“

„Welches?“

„Kulturförderung. Aber nicht offiziell. Eher…“ Er suchte nach einem Wort. „Eher wie ein Schatten unter einer Brücke.“

„Und wo finde ich ihn?“

„In der Brauerei. Er macht jetzt was mit Events.“ Sebastian steckte das Handy weg. „Ella…“

„Ja?“

„Wenn du irgendwo gegenstößt, zieh die Hand zurück. Manchmal frisst das Holz.“

Sie nickte. „Und manchmal findet man einen Hohlraum, in dem etwas versteckt ist.“

Sie standen noch einen Moment nebeneinander, näher, als es notwendig war. Als sie ging, streifte ihr Ellbogen seinen. Kein Zufall. Kein Versprechen. Nur der Beweis, dass es unter der Oberfläche Temperatur gab.

Der Steinbruch lag am Rand des Stadtwaldes, eine Wunde, die nie ganz verheilt war. Der Weg dorthin war matschig, die Bäume standen wie Wachen. Als Ella den Rand erreichte, sah sie das neue Geländer, das blanker war als die Steine darunter. Ein Strauß verwelkter Blumen lehnte am Pfosten, ein Band flatterte träge.

Sie trat näher, maß mit den Augen die Distanz zwischen Geländer und Abgrund. Achtzig Zentimeter. Hoch genug, um zu halten. Niedrig genug, um die Möglichkeit zu lassen.

Sie beugte sich vor, sah das Wasser unten, dunkel und reglos, als wartete es auf eine Entscheidung. An der Außenseite des Geländers erkannte sie eine zweite Schraube, die fehlte. Und eine Spur im Moos, als wäre dort ein Fuß gewesen, der rutschte, aber nicht aus Versehen.

Ella legte die Fingerspitzen an das Holz. Es war feucht, kalt, glitt unter der Haut. Sie fühlte den Drang, die Hand zu schütteln, als könne sie so die Kälte abwerfen. Stattdessen holte sie das Notizbuch aus der Tasche, schrieb: „Schraube fehlt. Moosspur außen. Himmel.“

Als sie den Stift wieder einsteckte, hörte sie Schritte. Nicht direkt hinter ihr, sondern weiter rechts, wo der Pfad eine Biegung machte. Sie drehte sich um. Eine Gestalt, Kapuze, dunkler Mantel. Die Bewegung war unauffällig, zu unauffällig. Die Person blieb stehen, gerade so außerhalb der Entfernung, in der man Gesichter erkennt.

„Sie hätten nicht herkommen sollen“, sagte eine Stimme. Keine Drohung. Eine Feststellung.

„Und doch bin ich hier.“ Ella spürte, wie die Nerven sich ordneten, wie der Körper die Kommandos ausgab: Herz ruhig, Blick klar, Beine bereit.

„Sie suchen etwas, das sich nicht finden lassen will.“

„Ich suche, was sich versteckt, weil es gesehen werden will.“

Die Gestalt machte eine kleine, fast höfliche Kopfbewegung, dann drehte sie sich um und ging den Pfad hinab, nicht hastig, nicht langsam. Ella hätte folgen können. Sie tat es nicht. Es gab Momente, in denen man eine Spur liegen ließ, um zu sehen, ob sie ins Haus zurückkam.

Der Nebel zog an ihr vorbei, als hätte er es eilig. Ella stand am Rand des Abgrunds, das Geländer unter der Hand, und wusste, dass sie angekommen war. Nicht in der Stadt. In der Geschichte. Und diese Geschichte hatte bereits begonnen, bevor sie aus dem Zug gestiegen war.

Auf dem Rückweg vibrierte ihr Handy erneut. Diesmal war es eine Nachricht. Absender unbekannt. Nur ein Satz:

„Neuschwarz ist nicht, was es scheint.“

Darunter ein Anhang: Ein Foto. Unscharf, bei Nacht, ein Schild vor einem Gebäude. Ella zoomte. Die Buchstaben zeichneten sich ab, als wollten sie nicht erkannt werden.

„HIMMEL.“

Sie blieb stehen, mitten auf dem Pfad, und spürte, wie die Kälte sich veränderte. Nicht hart, nicht stumpf. Eine andere Temperatur. Die Sorte, die man unter Kleidung tragen konnte. Die Sorte, die blieb.

Als sie wieder an der Mühle vorbeikam, wusste sie zwei Dinge: dass sie nicht früher gehen würde als nötig – und dass der Nebel in Neuschwarz nicht nur von der Jahreszeit kam.

Kapitel 2 – Stimmen im Holz

Die Nacht kam wie eine Decke, die zu schwer war, um sie abzuschütteln. Ella lag im alten Zimmer, hörte den Regen gegen die Scheibe trommeln und das leise Knacken des Hauses, als würde es mit ihr reden wollen.

Über dem Heizkörper hing der Schal, den ihre Mutter ihr umgelegt hatte; er roch nach Waschmittel und nach etwas, das sie nicht benennen wollte, ohne weich zu werden.

Schlaf kam in Stößen. Bilder, die an der Innenseite der Lider flackerten: Lenas Lachen in einer Küche, die nach Basilikum roch; der Rand des Steinbruchs, dunkel und glatt wie eine klaffende Pupille; ein Wort, das sich wiederholte, bis es keinen Sinn mehr ergab: Himmel.

Dazwischen ein anderes Bild—ein Raum, dessen Wände zu nah waren, ein Bildschirm, der kurz aufglühte, eine E-Mail mit keinem Absender und einem Satz, der an ihrer Haut vorbeistrich wie kalter Atem.

Sie wachte gegen vier Uhr auf, die Stirn feucht, die Zunge trocken. Im Haus war es still, aber nicht leer.

Wenn sie die Hand über die Bettdecke legte, fühlte sie die Spannung in ihren Unterarmen, die sie seit Jahren begleitete—die Wachsamkeit, die sie früher „Berufsreflex“ genannt hatte und die sich hier anfühlte wie ein vertrauter Fehler.

Sie stand auf, ging barfuß zum Fenster. Der Nebel stand dicht, das Straßenlicht davor machte aus ihm ein milchiges Leuchten. Irgendwo klapperte eine Mülltonne, als hätte jemand sie halbherzig bewegt. Ella beobachtete die Straße, bis das Geräusch endete, und erst als sie den Blick abwandte, fiel ihr auf, dass zwei Finger an der Fensterscheibe Spuren gelassen hatten.

Ihre eigenen, oder die eines anderen. Sie wischte sie weg, ohne zu prüfen.

Im Bad lief sie kaltes Wasser über die Handgelenke, wartete, bis der Puls dort wieder normal schlug. Als sie zurück ins Bett kroch, blieb sie an der Bettkante sitzen, die Füße noch auf dem Boden. Der Körper wollte schlafen, der Kopf wollte anfangen.

Gegen sechs Uhr legte die Welt ihre Formen wieder an.

Die Heizung knackte, die Vögel probierten Laute, die sich unter dem Nebel verloren. Ihre Mutter bewegte sich in der Küche, Teller klirrten, die Kaffeemaschine blubberte, und als Ella den Flur entlangging, roch sie Toast und den Hauch von Eukalyptus.

„Du warst wach“, sagte die Mutter, ohne sich umzudrehen.

„Du auch.“

„Ich bin das Haus.“ Die Mutter stellte eine Tasse hin, die an der Kante einen feinen Sprung hatte. „Wie hast du geschlafen?“

„Wie jemand, der zu viel weiß und zu wenig versteht.“

Die Mutter nickte, als würde sie das Gewicht des Satzes aus Erfahrung kennen. „Ich hab die Zeitung da. Über Lena steht nichts Neues. Aber es gibt…“ Sie hob die Augenbrauen. „…einen Artikel über den Kulturfonds. Du kennst den Mann.“

„Sebastian.“ Ella nahm die Tasse, ließ sie gegen ihre Handflächen wärmen. „Ich treffe heute Lukas Lahn. Er ist… verbunden.“

„Mit wem?“

„Mit dem Teil der Stadt, der nachts wach ist.“ Ella trank, fühlte die Bitterkeit des Kaffees wie eine ordnende Hand in ihrem Mund. „Ich gehe später zur Brauerei.“

„Nimm eine Mütze. Es zieht dort.“ Die Mutter steckte ihr ein kleines, altes Portemonnaie rüber. „Für den Bus. Ich weiß, du wirst laufen. Aber manchmal ist Eigensinn nur eine andere Form von Müdigkeit.“

Ella lächelte, und für einen Moment war da eine Bewegung in ihrem Bauch, die nichts mit Angst zu tun hatte. Zuneigung war gefährlich, wenn sie einen weich machte, aber sie war auch das, was blieb, wenn nichts anderes hielt.

Auf dem Weg in die Stadt fiel ihr auf, wie sehr Neuschwarz seine Gesichter bewahrte: die Bäckerin mit dem Knoten im Nacken, der Metzger, der vor seinem Laden stand und die Luft prüfte, als könnte er das Wetter abwiegen. Menschen sahen sie an, nicht lange, eher wie ein Reflex, der sich an Namen erinnert, bevor das Bewusstsein hinterherkommt. Zwei junge Frauen an einer Bushaltestelle tuschelten, die Köpfe nah aneinander, der Nebel machte ihre Haare feucht. Ein Mann auf einem Fahrrad fuhr vorbei, die Kette knirschte einmal, dann lief sie wieder. Neuschwarz tat, was es immer getan hatte: Es merkte sich, wer zurückkam.

Vor der Apotheke blieb sie stehen. Klara, die Besitzerin, wischte die Scheibe von innen, sah auf, erst durch sie hindurch, dann direkt. Sie machte eine kleine Geste mit der Hand. Kein Winken, eher ein vom Körper losgelöster Gruß, der nicht öffentlich sein wollte. Ella trat einen Schritt näher, dann ließ sie es. Heute nicht. Sie hatte ein Ziel.

Die Brauerei lag am Ende der alten Fabrikstraße, ein rotes Ziegelgebäude mit hohen Fenstern, die innen zu liegen schienen. Das alte Logo über dem Tor war halb überstrichen, halb geblieben—ein Tier mit Hörnern, das sich nicht entscheiden konnte, ob es Kunst war oder Tradition. Innen roch es nach Malz und Holz und einer Ahnung von Schweiß, der nachts hier hängen geblieben war.

Lukas Lahn stand an der Theke, obwohl es noch zu früh war für Gäste. Er war ein Mann, dessen Körper in die Richtung funktionierte, in die er ihn stellte: Kompakt, Schultern, die breiter aussahen, wenn er schwieg. Die Haare kurz, der Bart akkurat, die Augen ruhig wie Wasser im Schatten. Er wischte ein Glas aus, obwohl es sauber war, und als er sie sah, legte er das Tuch so hin, als gehörte auch das zur Choreographie.

„Ella Jansen“, sagte er. Er sprach ihren Namen, als hätte er ihn geübt.

„Lukas Lahn.“ Sie setzte sich nicht. „Danke, dass du mich so früh triffst.“

„Früh ist, wenn die Nacht keine Lust mehr hat.“ Er deutete auf einen hohen Tisch am Fenster. „Setzen wir uns. Kaffee? Oder etwas Ehrliches?“

„Kaffee ist ehrlich genug.“

Er brachte zwei Tassen, stellte Zucker hin, ohne zu fragen. Seine Hände hatten die Bewegungen einer Gewohnheit, die sich nicht erklären musste.

„Sebastian hat dich geschickt“, sagte er, als sie den ersten Schluck nahm.

„Er hat deinen Namen erwähnt.“

„Er ist ein guter Mann mit einem schlechten Timing.“

Lukas lehnte sich zurück, legte die Hände auf die Tischkante. „Was willst du wissen?“

„Was ihr gemacht habt.“

„Wer ist ‚ihr‘?“

„Du und Lena.“

Er sah aus dem Fenster, als würde die Antwort dort entlanggehen. „Wir haben versucht, etwas zu bauen, das in dieser Stadt nicht vorgesehen ist.“

„Klingt nach einer guten Idee.“

„Gute Ideen sind hier wie Fische im Fluss. Sie schwimmen unter der Oberfläche, und wenn man sie fangen will, zieht man die Hand blutig und hat am Ende einen Handschuh voller Wasser.“

„Kulturfonds? Events?“

„Worte sind Verpackung.“ Lukas sah sie an, und zum ersten Mal war da etwas wie ein Zucken an seinem Mund. „Wir haben Räume gemietet, die offiziell niemand bezahlen wollte. Wir haben Bühnen gebaut, die auf keinem Plan standen. Und wir haben Leuten zugehört, denen man normalerweise nur in Sätzen antwortet, die mit ‚leider‘ anfangen.“

„Und wer hat euch dafür bezahlt?“

„Niemand. Und alle.“ Er nahm einen Schluck, als würde er damit Zeit trinken. „Es gab Leute, die verstanden haben, dass eine Stadt ohne Schatten keine ist. Und es gab Leute, die das Gegenteil wollten.“

„Der Name ‚Himmel‘.“

„Ist eine Zumutung.“ Lukas lächelte kurz, diesmal wirklich. „Wenn man in Neuschwarz ein Projekt so nennt, tut es zwei Dinge: Es zieht die Richtigen an. Und es ruft die Falschen.“

„Was ist ‚Himmel‘?“

Er ließ sich Zeit. „Ein Raum. Eine Idee. Ein Archiv. Alles davon, nichts davon.“

„Ein Raum wo?“

„In Bewegung.“ Er sah auf ihre Hände, die Tasse, die leicht an die Untertasse stieß. „Ella, du weißt, wie sowas funktioniert. Man baut eine Geschichte, bis sie trägt.

Dann setzt man Gewicht drauf. Wenn sie knackt, ist es zu früh.“

„Lena hatte Mails bekommen.“

„Viele Leute bekommen Mails.“

„Diese hatten keinen Namen.“

„Die meisten, die Wahrheit schreiben, haben keinen Namen.“

„Sie hatte einen Ordner. Verschlüsselt. ‚Himmel‘.“

„Das klingt nach ihr.“

„Kannst du ihn öffnen?“

„Ich habe kein Passwort für tote Menschen.“

Sie hielt seinen Blick. „Also weißt du nichts.“

„Ich weiß genug, um zu wissen, dass du nicht allein gehen solltest, wenn du an die Ränder dieser Stadt willst.“ Er neigte den Kopf. „Und ich weiß, dass sie nicht gefallen ist, weil die Schraube locker war.“

„Ich war dort.“

„Dann hast du es gesehen.“ Seine Stimme wurde eine Spur tiefer, nicht lauter. „Leute, die fallen, sind nicht dieselben wie Leute, die gestoßen werden. Der Unterschied liegt in der Art, wie sie vorher stehen.“

Ella merkte, wie ihr Nacken sich anspannte, eine bekannte, sachliche Wut, die immer dann kam, wenn jemand zu nahe an einem Umriss vorbeiredete. „Wer hat Interesse, dass Himmel verschwindet?“

„Diejenigen, die glauben, dass eine Stadt so sauber sein muss, dass niemand sich erinnert, wo Schmutz hingehört.“

„Namen.“

„Würden dir jetzt nichts nützen.“ Er beugte sich vor, seine Arme auf dem Tisch, die Hände gefaltet. „Du willst eine Liste. Aber was du brauchst, ist eine Karte.“

„Zeichne sie.“

„Am Fluss, nach Sonnenuntergang.“ Lukas’ Stimme war nun leiser, sie musste sich hinüberbeugen, um jedes Wort aufzufangen. „Da, wo der Betonsteg abbricht. Geh dort nicht geradeaus. Geh zwei Schritte links, drei rechts, bis du das Holz unter den Füßen hörst. Dann klopf.“

„Klopf?“

„Zweimal. Dann einmal. Warte. Und hör zu. Wenn du Glück hast, antwortet dir das Holz.“

Ella atmete aus. „Du machst es gern dramatisch.“

„Ich mache es gern richtig.“ Er stand auf. „Und ich mache es kurz, bevor wir Publikum bekommen.“

Gerade in dem Moment ging die Tür auf. Zwei Männer traten ein, beide in Arbeitsjacken mit Neonstreifen, die Kapuzen noch im Nacken feucht. Sie sprachen nicht laut, aber ihr Schweigen legte sich zwischen Ella und Lukas wie eine dritte Person. Einer von ihnen sah zu lange in ihre Richtung, nicht neugierig, sondern prüfend.

Lukas wechselte den Blick, als hätte er sich entschieden, den Rest des Gesprächs an die Luft zu übergeben.

„Komm heute Abend“, sagte er, diesmal ohne Verschnörkelung. „Allein.“

„Das war doch genau das, wovor du eben gewarnt hast.“

„Ich habe gesagt, geh nicht allein an die Ränder. Dies hier ist ein Mittelpunkt, der so tut, als wäre er Rand.“

Als sie hinausging, spürte sie die Blicke im Rücken.

Nicht brennend, eher wie das Gefühl einer leichten Hand auf der Schulter, die fragt, ob sie mitgehen darf.

Draußen hatte der Nebel gerade so viel nachgegeben, dass die Konturen der Straße schärfer waren. Sie ging die Fabrikstraße entlang und merkte erst auf halber Strecke, dass sie nicht die einzige war, die den Rückweg gewählt hatte.

Der Schatten hinter ihr blieb immer gleich weit entfernt.

Wenn sie blickte, sah sie nichts als das Alltägliche: eine Frau mit Kinderwagen, die die Haube tiefer zog; ein Lieferwagen, der den Motor laufen ließ; eine Katze, die unter einem Auto verschwand. Der Schatten war kein Mensch, oder er war zu viele.

Ella bog in eine Seitenstraße und tat so, als wäre sie orientierungslos. Sie blieb vor einem Schaufenster stehen, das zur Hälfte leer war, zur Hälfte mit Dingen gefüllt, die niemand brauchte: künstliche Pflanzen, Tassen mit lustigen Sprüchen, ein Bilderrahmen ohne Bild. In der Scheibe sah sie hinter sich eine Verzerrung, die sich bewegte, als sie sich bewegte. Sie drehte sich nicht um, setzte sich wieder in Bewegung, querte die Straße, als hätte sie es eilig, verlor an Tempo, als hätte sie vergessen, wohin.

An der Ecke zur Hauptstraße blieb sie stehen, zog ihr Handy aus der Tasche, als wäre sie ein Mensch, der eine Nachricht las. Sie tippte etwas, tippte dann noch einmal, ohne zu senden. Und als sie hochsah, war da ein Mann an einem Zigarettenautomaten, der keine Zigarette zog, nur die Knöpfe betastete. Seine Kapuze war nicht tief genug, um sein Gesicht zu verbergen, und doch konnte sie es nicht wirklich sehen. Er drehte sich ein wenig zur Seite, so, dass sie den Ansatz eines Profils erhaschte—ein Kinn, das sich anspannte, als hätte es Zähne, die zu stark waren. Dann war er weg, im Strom der Menschen, die nichts von einem Strom hatten.

Zu Hause war die Küche warm. Ihre Mutter hatte eine Suppe auf dem Herd, deren Duft sich wie ein nützliches Argument im Raum ausbreitete. Ella erzählte nicht alles, aber genug, dass die Mutter mitkam bis zu dem Punkt, an dem Worte zu schmal wurden.

„Abends an den Fluss“, wiederholte die Mutter, als würde sie den Vorschlag eines Arztes abwägen. „Allein.“

„Ich kann aufpassen.“

„Das können die meisten. Es hilft nur nicht immer.“

„Ich nehme den großen Schlüsselbund. Der macht Lärm.“

„Nimm die Taschenlampe aus der Schublade.“ Die Mutter öffnete sie, zog eine kleine, schwere Lampe heraus, die aussah, als könnte sie auch Nägel einschlagen. „Und iss etwas. Mut auf nüchternen Magen ist schlecht verdaulich.“

Ella aß, mehr, als sie geplant hatte. Die Suppe hatte die Art von Wärme, die nicht in der Küche blieb. Als sie sich anzog—stabile Schuhe, die dunkle Jacke, in deren Innentasche das Notizbuch passte—legte die Mutter ihr wieder den Schal um. Diesmal hielt Ella die Hand der Mutter einen Moment fest, so, dass die Finger ineinander passten. Es war kein Versprechen, aber es war mehr als Höflichkeit.

Der Fluss war abends ein anderes Tier. Er rauschte nicht, er lief. Das Wasser war dunkler, das Ufer hatte Kanten, die es tagsüber nicht gehabt hatte. Der Betonsteg lag wie ein kurzer Finger in den Fluss, stumpf abgeschnitten. Ella ging bis zum Ende, dann zwei Schritte links, drei rechts. Unter ihren Füßen veränderten sich die Geräusche. Beton, Kies, Holz. Sie blieb stehen.

Holz ließ anders nach, wenn man stand. Es antwortete mit einer Federung, die man im Schienbein spürte.

Sie kniete, legte die Hand an die Kante des Stegs. Da war ein schmaler Spalt, kaum mehr als eine Fuge, die man für schlechtes Handwerk halten konnte. Sie klopfte.

Zweimal. Dann einmal. Der Klang war dumpf, nicht hohl, eher wie von innen gedämpft.

Sie wartete. Atmete flach, nicht aus Angst, eher, um die Luftgeräusche zu verkleinern. Als das Geräusch kam, war es so leise, dass sie nicht wusste, ob sie es hörte oder nur erwartete: ein Gegentippen, ungeduldig, als hätte jemand hinter Holz wenig Zeit.

Eine schmale, verdeckte Klappe sprang auf, nicht genug, um gesehen zu werden, gerade so viel, dass eine Hand hindurchpasste. Eine Hand erschien, legte etwas ab—flach, in braunes Papier gewickelt, zusammengehalten von Kordel—und verschwand. Die Klappe schloss sich, als hätte der Fluss mit den Zähnen geschnappt.

Ella sah sich um. Der Nebel war hier dünner, aber die Dunkelheit bewegte sich nicht. Sie streckte den Arm aus, tastete nach dem Paket, zog es hervor. Es war kalt, als hätte es in Wasser gelegen, aber trocken. Der Knoten war fest, ohne Eindruck von neuer Hand. Sie steckte es in die Tasche, so weit es ging, und machte einen Schritt zurück. Da war wieder ein Geräusch. Diesmal deutlicher.

Schritte am Ufer, nicht auf dem Steg. Jemand atmete.

Die Art von Atem, die man hat, wenn man lange gewartet hat und sich entschieden hat, nicht zu gehen.

„Du hättest fünf Minuten früher kommen sollen“, sagte eine Stimme. Sie war rau, aber nicht alt, die Art Stimme, die man sich auf einem dunklen Parkplatz vorstellen konnte, wenn die Tür einen Spalt offensteht. „Oder zehn später.“

„Und doch bin ich genau jetzt da“, sagte Ella. Sie hörte, wie ruhig sie klang, und war froh darüber.

„Das Problem mit ‚genau jetzt‘ ist, dass es den Leuten eine Gelegenheit gibt, die Geduld haben.“

„Die Geduld der Leute hier ist legendär.“ Ella drehte den Kopf nicht. „Was wollen Sie?“

„Himmel ist zu groß für dich.“

„Ich entscheide selbst, was zu groß ist.“ Ihr Herz schlug nicht schneller. Es schlug bewusster.

„Man hat dir schon gesagt, du sollst nicht allein gehen.“

„Und trotzdem bin ich hier.“

Die Schritte kamen näher, dann wieder nicht. Ein Zögern. Ein Kalkulieren. In den Sekunden dazwischen machte Ella eine Sache, die sie seit Jahren getan hatte, ohne darüber nachzudenken: Sie gab dem Gegenüber die Möglichkeit, sich klüger zu fühlen. Sie schwieg.

„Du wirst mich wiedersehen“, sagte die Stimme schließlich, mit einer Entschlossenheit, die aus einer Liste gestrichen klang. „Wenn du nicht lernst, wegzusehen.“

„Ich sehe nur weg, wenn mir langweilig ist.“

Ein kurzer Laut, kein Lachen. Dann entfernten sich die Schritte. Nicht hastig. Keine Drohung, keine Hast—die Art Bewegung, die sagt: Ich kenne den Weg. Ella blieb noch einen Moment stehen, bis die Nacht wieder homogen war.

Zuhause wartete die Lampe im Flur wie ein stiller Zeuge.

In ihrem Zimmer legte sie das Paket auf den Schreibtisch und zog die Kordel auf. Darin lag ein dünner Ordner, nicht mehr als eine Schulmappe.

Obenauf ein Foto, ausgedruckt auf gewöhnlichem Papier, grob gerastert: ein Schild mit der Aufschrift „HIMMEL“, dahinter eine Wand, die zu nah für den Fokus war. Auf der Rückseite des Fotos stand mit blauer Tinte: „Nicht suchen. Hören.“

Darunter lagen drei Blätter. Das erste: eine Liste von Namen ohne Überschrift. Keine Überschriften, keine Funktionen—nur Namen, die in Neuschwarz Bedeutungen hatten wie Straßennamen. Klara Beck, Tobias Krämer, Sebastian Falk, Jonas Kappel, Lukas Lahn—und weiter Namen, die Ella nur am Rand kannte.

Sie spürte einen Moment lang, wie die Luft um sie herum dichter wurde. Ihre Mutter. Tobias. Sebastian. Lukas.

Das war keine Zuschauerliste. Es war eine Karte, skizziert in Alphabete.

Das zweite Blatt: ein Grundriss. Kein offizieller Plan, eher eine Handzeichnung, sauber und knapp. Ein Raum unter einem Raum, die Fläche schraffiert, eine Markierung: „Hölzerner Boden. Scharnier unter Balken 3.“ Daneben: „Kein Strom. Licht mitbringen.“ Ein Pfeil zeigte einen Weg durch einen Korridor, der aussah, als gehöre er zu einem Haus, das Ella kannte, ohne es zu erkennen.

Das dritte Blatt: ein Ausdruck einer E-Mail, oder der Versuch eines Ausdrucks. Oben, wo „Von:“ stehen sollte, war nichts. „An:“ fehlte. Nur der Inhalt war gedruckt, als hätte jemand das Wesentliche herausgerissen: „Neuschwarz ist nicht, was es scheint.

Himmel ist kein Ort, sondern ein Zustand. Wenn du ihn betrittst, wird die Stadt mitkommen. Sei leiser als die, die flüstern.“

Ella saß auf der Bettkante, die Papiere in der Hand, die Lampe an, der Rest des Zimmers dunkel. Sie hörte ihre Mutter im Wohnzimmer den Fernseher leise stellen, ein lautes Atmen, das kein Seufzen war. Sie stand auf, ging hinaus, blieb im Türrahmen stehen.

„Alles gut?“, fragte die Mutter, ohne hinzusehen.

„Gut wie möglich.“

„Du sprichst, als würdest du dir selbst antworten.“

„Ich übe.“ Ella trat einen Schritt in den Raum. „Kennst du jemanden, der Scharniere unter Holzböden versteckt?“

Die Mutter drehte den Kopf, langsam, wie man es tut, wenn man nicht erschrecken will. „In dieser Stadt verbergen Menschen das Nötige, damit das Unnötige wachsen kann.“ Sie legte den Kopf schief. „Warum?“

„Nur so.“

„Ella.“ Die Mutter nahm die Fernbedienung, drückte auf Stumm. „Wenn du mich brauchst, sag es vorher. Nicht hinterher.“

„Ich versuche es vorher.“

„Das wäre neu.“

Ella lächelte, klein, kurz. „Ich mag neu.“

„Nicht alles, was neu ist, ist besser.“ Die Mutter wandte sich wieder dem Bildschirm zu, legte eine Hand an den Hals, genau an die Stelle, an der der Schal sonst lag.

„Manchmal ist neu nur anders.“

Im Zimmer packte Ella die Papiere wieder zusammen, legte sie in das braune Papier, band die Kordel nicht. Sie ließ die Mappe offen, als müsste Luft daran. Sie öffnete das Fenster einen Spalt, ließ die feuchte Kälte herein, die sich wie eine freundliche Warnung an ihre Haut legte.

Ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht. Dieselbe unbekannte Nummer. „Du hast es bekommen.“ Kein Fragezeichen.

Ein Punkt.

Ella tippte: „Wer bist du?“ Sie schickte es nicht.

Stattdessen schrieb sie: „Ich höre.“ Dann schickte sie es.

Die Antwort kam so schnell, dass sie wusste, die Person hatte gewartet. „Dann komm morgen, wenn die Kirchturmuhr dreimal schlägt. Nicht früher. Nicht später.

Nimm niemanden mit. Himmel ist dort, wo Holz Antworten gibt.“

Sie legte das Handy hin und merkte, wie ihr Körper die Information in Muskelspannung übersetzte. Morgen. Drei Schläge. Sie dachte an Lukas, an den Betonsteg, an die Hand, die etwas durch eine Klappe schob. Sie dachte an die Liste der Namen und daran, wie nah manche von ihnen waren.

Sie stand auf, ging zum Spiegel, sah ihr Gesicht an, das ruhiger wirkte, als sie sich fühlte. Sie zog die Jacke aus, langsam, als würde eine Beobachtung zuschauen, und blieb im T-Shirt stehen, das am Rücken an einer Stelle feucht war—Schweiß, der keine Angst war, nur Aufmerksamkeit. Ihre Haut war empfindlich, als hätte sie eine Nachricht gelesen, die nicht für sie war. Sie strich mit der Hand über den Bauch, spürte, wie die Muskeln darunter reagierten, nicht wegen der Kälte, sondern wegen der Art, wie ihr Körper Spannung als Möglichkeit deutete.

Ihre Gedanken glitten kurz zu Sebastian, zu der Art, wie sein Blick bei der Mühle an ihr verweilt hatte. Dann zu Lukas, dessen Stimme dicht an ihrem Ohr gehangen hatte, obwohl sie am Tisch gesessen hatten. Und schließlich, unwillkürlich, zu dem Moment am Morgen, als die Hand ihrer Mutter den Schal geordnet hatte—ein Handgriff, der so intim war, dass er an etwas rührte, das man sonst vor sich selbst verbarg. Erotik lebte oft in Gesten, die man für harmlos hielt.

Ella legte sich hin, nicht um zu schlafen, sondern um den Körper zu beruhigen. Die Decke lag schwer auf ihr, der Nebel hinter dem Fenster atmete leise. Sie schloss die Augen, und der Tag bewegte sich in ihr weiter wie eine Maschine, die man nicht abschalten konnte. Irgendwann, zwischen einer Überlegung und einer anderen, wurde die Maschine leiser.

Bevor der Schlaf sie ganz fand, wusste sie drei Dinge: dass die Stadt ihr jetzt zuhörte; dass das Holz tatsächlich Antworten gab; und dass jemand in Neuschwarz genau zählte, wie oft die Kirchturmuhr schlug.

Kapitel 3 – Unter der Haut

Der Morgen kroch durch die Gardinen, als sei er selbst unsicher, ob er willkommen war. Ella wachte nicht von einem Geräusch auf, sondern von der Art Stille, die sich anders anfühlte – zu dicht, zu lauernd. Der Kaffee vom Vortag stand noch neben dem Bett, kalt, bitter im Geruch. Ihre Mutter hatte sich bereits in die Küche zurückgezogen, das verrieten die Geräusche von Geschirr und der süßliche Hauch von Marmelade, der bis ins Zimmer drang.

Ella setzte sich auf, rieb sich die Schläfen. Die Nacht hatte ihr Bilder gebracht, die keine Träume waren. Lenas Gesicht, aufgerissen vom Wind am Steinbruch. Eine Hand, die sie nicht sehen konnte, nur fühlen. Und dazwischen die E-Mail: „Neuschwarz ist nicht, was es scheint.“ Das Echo brannte noch auf ihrer Haut.

Sie zog sich an, Schritt für Schritt, mechanisch. Jeans, Pullover, Mantel. Ihre Finger blieben einen Augenblick zu lange an dem Schal hängen, den ihre Mutter gestern umgelegt hatte. Er war warm, roch nach Waschmittel und etwas Unbestimmtem – Fürsorge, vielleicht. Doch sie legte ihn zurück. Heute wollte sie den Nebel ohne Filter spüren.

In der Küche stand ihre Mutter mit dem Rücken zum Fenster. „Du gehst wieder raus“, sagte sie, ohne aufzuschauen.

Ella nickte. „Drei Schläge.“

„Drei Schläge wovon?“

„Die Kirchturmuhr. Jemand will, dass ich dann dort bin.“

Die Mutter stellte den Löffel ab, den sie in der Hand hielt. „Und du gehst hin.“

„Ich muss.“

„Du musst gar nichts, Ella.“ Die Stimme war nicht laut, aber fest. „Du bist hergekommen, weil deine Freundin gestorben ist. Nicht, um selbst in etwas hineingezogen zu werden, das du nicht verstehst.“

Ella trat einen Schritt näher, legte beide Hände um die Kaffeetasse, die dampfend auf dem Tisch stand.

„Vielleicht verstehe ich es besser, als du glaubst.“

Die Mutter sah sie an, lange, fast prüfend. „Du bist wie dein Vater. Immer zu nah am Feuer.“

Ella antwortete nicht. Das Schweigen hing einen Moment zu schwer zwischen ihnen, dann stellte sie die Tasse zurück. „Ich gehe jetzt. Und ich komme zurück.“

Auf dem Marktplatz war Trubel. Ein Markttag in Neuschwarz roch nach Äpfeln, nach Käse, nach dem leicht modrigen Unterton von Gemüse, das zu lange gelegen hatte. Menschen schoben sich zwischen den Ständen, die Stimmen summten durcheinander, als hielten alle gleichzeitig etwas zurück.

Ella ging langsam, sah Gesichter, die sie kannte. Das Tuscheln war da, leise, aber spürbar. Zwei Frauen an einem Stand für Kräuter lehnten die Köpfe zusammen, warfen ihr einen Seitenblick, als sei sie selbst ein Gerücht. Sie hörte Bruchstücke: „Zurückgekommen…“, „wegen Lena…“, „immer die Neugierige…“

Die Kirchturmuhr schlug. Ein Schlag, metallisch, durchdringend. Ein zweiter. Ein dritter. Ella blieb stehen.

Ihr Herz schlug im Rhythmus mit, nicht schneller, aber bewusster.

Da war er: ein Mann, mittleren Alters, unscheinbar in seiner grauen Jacke, als wolle er verschwinden. Er stand vor dem Süßwarenstand, tat so, als prüfe er Bonbons, doch kaufte nichts. Dann kratzte er sich dreimal hinter dem Ohr.

Ein Signal.

Ella wartete, bis er sich vom Stand entfernte, und folgte ihm durch die Gassen hinter der Kirche.

Kopfsteinpflaster, feuchte Wände, der Geruch von Abfällen. Der Mann bog ab, verschwand. Zurück blieb nur eine schmale Tür im Schatten.

Sie drückte sie auf. Kein Schloss. Dahinter ein Gang, eng, roch nach altem Holz. Ihre Schritte hallten dumpf.

Stimmen, gedämpft, kamen von irgendwo unten.

Am Ende des Gangs gaben die Dielen leicht nach. Sie klopfte, zweimal, dann einmal. Sekunden vergingen. Ein Knarren. Eine Falltür öffnete sich, gerade breit genug, dass ein Gesicht erschien – jung, blass, mit Augen, die zu groß wirkten.

„Du bist zu früh“, sagte die Stimme. Aber die Tür öffnete sich weiter.

Ella stieg die schmale Treppe hinab.

Der Raum war niedrig, feucht. Kerzen brannten in alten Bierkästen, warfen unruhige Schatten an die Wände.

Sechs Menschen saßen um einen improvisierten Tisch: ein Mädchen mit rasiertem Kopf, das mit den Fingern auf Holz trommelte; zwei Jugendliche, die versuchten, älter auszusehen, als sie waren; ein Mann im Anzug, die Krawatte fehlte, aber die Schuhe waren teuer; eine Frau mit blassem Gesicht, die kaum blinzelte. Und an der Stirnseite: Lukas Lahn.

„Ich wusste, dass du kommst“, sagte er.

Ella blieb stehen. „Was ist das hier?“

„Ein Treffen.“ Lukas’ Stimme war ruhig, aber mit einem Unterton, der vibrierte. „Himmel ist kein Ort. Aber manchmal braucht ein Zustand einen Raum.“

„Ihr seid Himmel.“

„Ein Teil davon.“

Sie ließ den Blick über die anderen schweifen. Fremd, aber nicht zufällig. Jeder wirkte, als sei er gleichzeitig zugehörig und ersetzbar. „Und Lena?“

Stille. Das Trommeln der Finger verstummte. Die Jugendlichen sahen weg.

Der Mann im Anzug sprach schließlich. „Sie wusste zu viel. Oder sie war zu laut.“

„Worüber?“

„Über die Liste.“

Lukas schob ein Blatt über den Tisch. Namen. Ella erkannte einige sofort: Sebastian Falk. Klara Beck von der Apotheke. Tobias Krämer. Lukas selbst. Und weiter Namen, die sie nur am Rand kannte: Geschäftsleute, ein Kommissar, ein Pfarrer.

„Das ist Neuschwarz“, sagte Lukas. „Die, die lenken, was sichtbar ist und was verschwindet.“

Ella hielt das Papier mit beiden Händen. Ihr Atem stockte, als ihr bewusst wurde, wie nah manche dieser Namen waren. „Und ihr glaubt, sie ist…“

„Gestürzt worden“, antwortete Lukas hart. „Nicht gefallen. Nicht gesprungen.“

Ella schluckte. Die Bestätigung lag schwer in ihrem Magen, aber zugleich brannte sie wie ein Funke.

„Warum zeigt ihr mir das?“

„Weil du schreiben kannst“, sagte das Mädchen mit den Piercings. „Weil du nicht in deren Taschen steckst.“

Ella lachte kurz, bitter. „Oder weil ihr jemanden braucht, den man opfern kann.“

„Vielleicht.“ Lukas zuckte mit den Schultern. „Aber du bist hier. Das heißt, du hast dich entschieden.“

Ein Geräusch unterbrach die Spannung. Schritte, schwer, direkt über ihnen. Alle erstarrten. Die Kerzenflammen flackerten, als würden sie hören.

Jemand ging über die Dielen, langsam, prüfend. Direkt über der Falltür hielt er inne. Ein Schatten ohne Körper.

Ein Knacken – als hätte jemand eine Zigarette ausgedrückt. Stille.

Ella hörte ihren eigenen Herzschlag im Hals. Niemand bewegte sich.

Dann entfernten sich die Schritte. Gleichmäßig, nicht hastig. Erst als sie verklungen waren, atmete die Gruppe wieder.

Lukas beugte sich vor, seine Stimme ein Flüstern. „Das hier ist größer, als du denkst. Himmel ist eine Antwort auf eine Stadt, die keine Fragen erträgt.“

Ella ließ den Blick über die Gesichter wandern. Sie sah Furcht, Zorn, Misstrauen. Aber auch etwas anderes:

Entschlossenheit.

Sie legte die Hand auf den Tisch, über die Liste. „Dann fangt an. Ich höre.“

Kapitel 4 – Das Echo der Namen

Der Nebel hing noch über den Dächern, als Ella den Morgen damit verbrachte, die Liste immer wieder aus der Tasche zu ziehen, sie auf dem Schreibtisch auszubreiten, und sie wieder zu verstauen, als könnte allein das Sehen gefährlich sein. Es war ein einfaches Blatt Papier, billiges Druckerpapier, die Buchstaben in einer neutralen Schrift, keine Überschrift, kein Absender.

Doch das Gewicht war schwerer als alles, was sie seit Langem in der Hand gehalten hatte.

Klara Beck. Tobias Krämer. Lukas Lahn. Sebastian Falk. Jonas Kappel.

Und noch mehr Namen, manche vertraut, manche nur vage, wie Straßenschilder, die sie aus Kindertagen kannte. Aber es waren keine zufälligen Namen. Jeder von ihnen hatte eine Verbindung. Jeder von ihnen stand in Neuschwarz für eine Funktion, eine Position, eine Möglichkeit, Fäden zu ziehen.

Sie starrte auf die Reihe von Buchstaben, als könnte sich aus ihnen ein Muster ergeben. Doch stattdessen entstand in ihrem Kopf ein Echo: die Gesichter dieser Menschen, so, wie sie ihnen zuletzt begegnet war. Klara mit den behutsamen Händen, die in der Apotheke Tabletten abgezählt hatten. Tobias, der sich noch immer am Taxistand den Rücken krumm stand, die Zigarette im Mundwinkel. Sebastian, dessen Blick gestern an der Mühle zu lange auf ihr verweilt hatte. Und Lukas, der ihr die Liste selbst hingelegt hatte.

Sie fühlte sich, als säße sie in einem Kreis, in dem sie jeden anstarren konnte, aber niemand sich zu bewegen wagte.

„Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.“

Die Stimme ihrer Mutter riss sie aus den Gedanken. Sie stand in der Küchentür, die Haare hochgesteckt, die Hände noch feucht vom Abwasch. Ihr Blick war ruhig, zu ruhig.

„Vielleicht habe ich.“ Ella faltete das Blatt zusammen, schob es zurück in die Tasche, als sei es nur eine Notiz aus einem Interview.

„Dann solltest du nicht in den Spiegel schauen.“ Die Mutter kam näher, stellte eine Schüssel Suppe auf den Tisch. Dampf stieg auf, der Geruch von Gemüse und Majoran breitete sich aus, eine Wärme, die nicht wirklich in Ella hineinreichte.

Ella griff nach dem Löffel, ohne Hunger zu haben.

„Kennst du Lukas Lahn?“

Die Mutter blieb stehen, als hätte sie nicht mit dieser Frage gerechnet. Der Löffel in ihrer Hand zitterte kaum merklich, dann stellte sie ihn leise auf die Arbeitsfläche zurück. „Warum?“

„Er hat mit Lena gearbeitet. Kulturprojekte. Er war gestern bei dem Treffen, von dem ich dir nichts hätte erzählen sollen.“

Die Mutter zog die Brauen zusammen, presste die Lippen aufeinander. „Lukas ist einer von denen, die glauben, man könnte Neuschwarz neu erfinden. Solche Leute holen sich irgendwann eine blutige Nase. Oder Schlimmeres.“

„Du kennst ihn also.“

„Man kennt hier jeden, Ella.“

„Und Lena hat mit ihm zusammengearbeitet.“

„Lena…“ Die Mutter brach ab, als habe sie sich verbrannt. Dann sah sie Ella direkt an. „Lass Lena ruhen. Sie ist weg. Wenn du weitermachst, machst du dich selbst kaputt.“

Ella starrte auf die dampfende Suppe, die an der Oberfläche kleine Blasen schlug. „Oder ich finde heraus, wer sie kaputtgemacht hat.“