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Als der Fotograf Jonas Reber im Schwarzwald spurlos verschwindet, übernimmt Ermittlerin Gabriela Steindamm den Fall. Was zunächst wie ein gewöhnlicher Vermisstenfall wirkt, führt sie in das abgelegene Dorf Falkenrain – einen Ort voller Schweigen, Misstrauen und alter Geschichten, die niemand mehr aussprechen will. Tief unter dem Wald stößt Gabriela auf ein verborgenes System aus unterirdischen Gängen, geheimen Räumen und einer grausamen Ordnung, die seit Jahren unentdeckt existiert. Je tiefer die Ermittlungen reichen, desto deutlicher wird, dass der Täter nicht allein handelt – und dass das wahre Grauen nicht nur unter der Erde lauert, sondern mitten unter den Menschen. Während die Zeit gegen sie läuft, muss Gabriela herausfinden, wem sie noch trauen kann, bevor ein weiterer Mensch verschwindet. Ein düsterer, atmosphärischer Schwarzwald-Krimi über Angst, Schweigen und das Böse hinter vertrauten Gesichtern.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
© 2026 Wilhelm Schmidt
Autor und verantwortlich für den Inhalt:
Wilhelm Schmidt
Putlitzstraße 11A
76137 Karlsruhe
Deutschland
Alle Rechte vorbehalten. Jede Nutzung, Vervielfältigung oder Verbreitung ohne Zustimmung ist unzulässig.
Dieses Werk ist Fiktion. Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Ereignissen sind rein zufällig.
Hinweis: Bei der Erstellung wurden teilweise KI-Tools genutzt. (ChatGPT)
Inhalte geprüft und überarbeitet.
Sowohl die Cover als auch die Inhalte
Der Schwarzwald war nachts kein Ort mehr, sondern ein Zustand.
Etwas, das sich um dich legte, sobald die letzten Lichter der Dörfer verschwunden waren. Nicht einfach Dunkelheit und schon gar nicht nur Wald. Eher eine Art schweres Schweigen, das zwischen den Bäumen hing und jeden Laut sofort verschluckte, als dürfte hier nichts zu lange leben.
Jonas Reber merkte das, als sein Auto den Geist aufgab.
Er fluchte nicht sofort nein... er starrte erst nur auf das Armaturenbrett, auf die gelbe
Warnleuchte, auf die langsam absinkende Drehzahl und dann auf die schmale
Straße vor ihm, die sich wie ein nasser, schwarzer Streifen durch die Fichten zog. Regen perlte über die Windschutzscheibe, nicht wirklich stark, mehr dieses feine, beständige Wasser, das sich im Schwarzwald überall festsetzt. In den Ästen, auf den Wegen, in den Kleidern.
Der Motor starb endgültig.
Stille.
Nur der Regen.
Und das leise Knacken von Metall, das abkühlte.
Jonas lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze und schloss für einen Moment die Augen. Er war seit halb sieben unterwegs. Freiburg hinter sich gelassen, dann die kleineren Straßen, die Ortsdurchfahrten, die immer schmaler wurden, bis nur noch Wald geblieben war. Er hatte einen Auftrag angenommen, der auf dem Papier einfacher klang, als er sich jetzt anfühlte: Fotos von einem abgelegenen Grundstück, ein paar Aufnahmen für eine spätere Bewertung, nichts Großes. Ein alter Hof, seit Jahren ungenutzt, möglicherweise verkauft, möglicherweise für den Abriss freigegeben. Der Eigentümer hatte sich seltsam ausgedrückt, aber Jonas hatte schon mit schlimmeren Leuten gearbeitet.
Er war freier Fotograf und Kein Künstler, zumindest nicht in dem Sinn, wie er sich früher einmal gesehen hatte. Heute machte er, was Geld brachte. Immobilien, Werbebilder, Veranstaltungen, Dokumentationen, alles, was eine Kamera man brauchte und einigermaßen pünktlich bezahlt wurde.
Nur war der heutige Termin aus dem Ruder gelaufen.
Der Hof hatte weiter draußen gelegen als gedacht. Das Licht war schneller weg gewesen. Und auf dem Rückweg hatte er dann eine Abzweigung genommen, von der sein Navi behauptet hatte, sie spare Zeit.
Jetzt saß er hier.
„Perfekt“, murmelte er.
Er nahm das Handy vom Beifahrersitz. Kein Netz. Nicht mal ein Balken. Nur diese kalte, sachliche Anzeige, die in solchen Momenten fast spöttisch wirkte.
Er öffnete die Tür.
Sofort schlug ihm die Luft entgegen. Eine Duft Symphonie aus kalten, feuchten und nach Erde und Harz riechendem altem Holz. Nicht unangenehm, sondern eher schwer. Als würde man mitten in etwas hineinsteigen, das längst da war und keinen Wert darauflegte, dass du nun auch da bist.
Er zog die Jacke enger, stieg aus und ging um den Wagen herum. Die Straße war schmal, einspurig, an den Rändern ausgefranst. Dahinter begann sofort der Wald. Kein Zaun, kein Graben, nichts, was trennte. Nur Bäume. Dunkle Stämme mit nassen Ästen und schwarzen Boden.
Jonas hob die Motorhaube an, obwohl er von Motoren kaum mehr verstand als ein
Kind von Steuerrecht. Ein Blick in das Halbdunkel unter dem Blech, mehr fürs Gewissen als aus Hoffnung. Irgendetwas dampfte nicht. Nichts roch verbrannt. Kein offensichtlicher Defekt. Nur die nutzlose Erkenntnis, dass ihn dieses Wissen keinen Meter weiterbringen würde.
Er sah die Straße entlang aber er sah kein Licht, Keine Scheinwerfer, Keine Häuser. Dann hörte er etwas.
Nicht hinter sich und nicht direkt aus dem Wald. Eher weiter vorn, irgendwo dort, wo die Straße in einer Kurve verschwand.
Ein metallisches Schlagen.
Er hielt still.
Wieder. Ein kurzes, hohles Geräusch. Als würde irgendwo eine lose Blechplatte gegen etwas stoßen. Dann war es wieder weg.
Jonas lauschte. Der Regen rieselte über die Baumwipfel. Wasser tropfte von Ästen. Sonst nichts.
Er zog das Handy noch einmal hervor, hob es hoch, als könne man Empfang aus der Luft pflücken. Nichts. Er drehte sich einmal langsam um sich selbst, sah in die schwarzen Umrisse und Schatten des Waldes und spürte dieses erste, kleine Unbehagen. Noch keine Angst. Nur ein leises Ziehen im Bauch, weil man plötzlich begriff, wie allein man war.
Er öffnete den Kofferraum, nahm seine Kameratasche und die Taschenlampe heraus. Die Lampe war gut, robust, hell, und sogar wasserdicht. Jonas liebte gutes Werkzeug. Es war das Einzige, dass ihn in seinem Leben nie enttäuschte.
Er schloss den Wagen ab. Vielleicht sinnlos, aber der Mensch hält sich gern an kleine Routinen, wenn ringsum nichts verlässlich ist.
Dann marschierte er los.
Der Plan war einfach: der Straße folgen, bis entweder Empfang kam oder ein Haus auftauchte. Vielleicht ein Forsthaus, ein Hof, eine Scheune, irgendein Zeichen von Zivilisation. Im schlimmsten Fall ein Ort, an dem er bis zum Morgen warten konnte.
Die Lampe schnitt einen schmalen Kegel durchs Dunkel. Nasse Fahrbahn, glänzende Pfützen, moosige Ränder. Die Bäume standen dicht. So dicht, dass die Nacht nicht zwischen ihnen lag, sondern von ihnen produziert wurde.
Nach vielleicht acht Minuten kam die Kurve und dahinter bog rechts ein schmaler Forstweg ab, halb überwuchert, mit einem schiefen Schild, das einmal weiß gewesen war. Jonas leuchtete darauf.
DURCHFAHRT VERBOTENFORSTBETRIEB
Darunter, kaum noch lesbar, etwas mit „Gefahr“ und „unbefugtes Betreten“.
Er wollte schon weitergehen, als er wieder dieses Geräusch hörte.
Etwas metallisches und diesmal viel näher.
Er leuchtete den Forstweg hinunter. Erst sah er nur schlammigen Boden, tiefe
Fahrspuren, Farn und Fichten. Dann, weiter hinten, ganz schwach, ein matter Lichtschein. Nicht gelb eher ein kaltes, milchiges Flimmern.
Jonas blieb stehen.
Ein Generator? Ein Fahrzeug? Irgendjemand war da. Und wo Menschen waren, gab es vielleicht auch ein Telefon, einen Funk, Hilfe, Wärme, irgendetwas.
Er wusste, dass es dumm war, nachts in einen gesperrten Waldweg zu gehen. Aber dumm war relativ, wenn man auf einer toten Straße ohne Netz stand.
Also bog er ab.
Der Boden war weich. Die Lampe tanzte über Pfützen, Wurzeln, Schotter. Der Wald schloss sich sofort enger um ihn. Die Straße hinter ihm verschwand schnell, als wäre sie nie da gewesen. Nur noch dieser Weg, der anstieg, dann wieder abfiel, zwischen dichten Fichten hindurch, die im Licht seiner Lampe wie nasse Pfeiler wirkten.
Der Lichtschein blieb. Mal stärker, mal schwächer, je nachdem, wie sich der Weg wand. Und dann war da noch etwas anderes.
Ein Geruch.
Nicht nur Regen und Erde. Etwas Kaltes, Chemisches mischte sich in die Geruches Kulisse. Ganzminimal. Möglich wäre etwas Diesel oder auch Öl. Vielleicht alte Feuchtigkeit im Steinboden.
Jonas verlangsamte seine Schritte.
„Hallo?“, rief er.
Seine Stimme kam seltsam zurück. Nicht als Echo, sondern eher gedämpft, zerlegt vom Wald.
Keine Antwort.
Er ging weiter.
Nach einer weiteren Biegung sah er es.
Kein Haus. Kein Fahrzeug. Im Hang auf der linken Seite öffnete sich zwischen Brombeeren und jungen Fichten ein dunkler Einschnitt, halb zugewachsen, halb freigeräumt. Davor stand ein rostiges Gittertor, das offenstand. Neben dem Tor hing ein altes Warnschild, verbogen, mit verblasster Schrift. Jonas leuchtete näher.
SPERRBEREICH
EINSTURZGEFAHR
BETRETEN VERBOTEN
Hinter dem Tor führte ein kurzer, schräger Gang in den Berg.
Der Lichtschein kam von dort.
Jonas stand im Regen und starrte auf den Zugang. Der Hang wirkte, als hätte jemand ihm einmal den Mund aufgerissen und ihn dann halb wieder verschlossen. Über dem Eingang hingen Wurzeln, feuchte Erde, Gestein. Wasser rann in dünnen Fäden über den Beton.
Das metallische Geräusch kam erneut. Jetzt eindeutig von drinnen.
Irgendetwas lockerte sich in ihm. Nicht der Film, den er sich langsam ausmalte, sondern eher die nüchterne Vorstellung und Hoffnung, dass drinnen vielleicht jemand einfach nur arbeitete. Möglich wäre ein Forstbetrieb. Vielleicht alte Lagerhallen. Vielleicht irgendwas Offizielles. Es musste nicht bedrohlich sein, nur weil es schlecht aussah.
Er trat näher.
„Hallo?“, rief er noch einmal. „Ist da jemand? Mein Auto ist liegen geblieben.“ Wieder keine Antwort.
Jonas blieb am Tor stehen und leuchtete in den Gang. Betonboden. Wasserlachen. Alte Kabel an der Wand. Weiter hinten eine zweite Tür, offen. Dahinter dieses kalte Flimmern.
Er hörte ein Tropfen. Ein fernes Summen. Und sonst nichts.
Für einen Moment dachte er daran umzudrehen. Zur Straße zurück, das Auto abschließen und drinnen sitzen bleiben, bis morgens jemand vorbeikam. Aber derselbe Gedanke hatte zwei Schwächen: Er wusste nicht, ob überhaupt jemand vorbeikam. Und der Regen wurde stärker.
Also ging er hinein.
Sofort änderte sich die Luft. Kälter und schwerer. Sie schmeckte nach altem Stein, Staub, Metall und etwas Muffigem, das man aus Kellern kannte, die zu lange verschlossen gewesen waren.
Seine Schritte hallten leise.
Der kurze Eingangsgang endete an einer Stahltür, die offenstand. Dahinter lag ein größerer Raum. Jonas blieb auf der Schwelle stehen.
Es war eine alte Anlage. Kein Bergwerk, jedenfalls nicht nur. Eher eine Mischung aus Höhle und technischem Bauwerk. Betonwände, nackte Lampen, von denen nur jede dritte brannte, Kabelkanäle an der Decke, ein alter Sicherungskasten, rostige
Rohrleitungen. In einer Ecke tuckerte tatsächlich ein kleiner Generator, der das kalte Licht speiste. Auf dem Boden lagen Kanister, Werkzeug, Holzpaletten, zusammengerollte Kabel.
Jemand war hier.
Nur nicht im Raum.
Jonas spürte, wie sich das Unbehagen wieder meldete und diesmal präsenter.
„Hallo?“, sagte er, nicht mehr laut, eher vorsichtig. „Ich brauche nur kurz Hilfe. Mein Wagen...“
Ein Geräusch unterbrach ihn.
Nicht vor ihm.
Hinter ihm.
Ein kurzes metallisches Schaben. Dann ein dumpfer Schlag.
Jonas fuhr herum. Der Eingangsgang lag hinter ihm, leer. Für einen Moment verstand er nicht, was anders war. Dann sah er es.
Das Gittertor draußen war zu.
Nicht nur angelehnt.
Zu.
Er stand sofort ganz still.
Die Lampe in seiner Hand wurde plötzlich schwer. „Hallo?“, sagte er wieder, diesmal schärfer. „Wer ist da?“
Keine Antwort.
Nur der Generator.
Er ging zurück in den Gang, schneller jetzt, der Puls plötzlich laut in seinen Ohren.
Als er das Tor erreichte, sah er, dass eine neue Kette darum lag. Nicht alt und rostig wie der Rest. Frisches Metall ja, schon fast glänzend poliert. Und ein neues Vorhängeschloss glänzte im Licht.
Jonas starrte darauf.
Das Herz schlug ihm jetzt bis in den Hals.
„He!“, rief er und packte das Gitter. „Was soll der Scheiß?“
Das Tor rührte sich kaum es war schwer, massiv und im Boden verankert.
Er leuchtete hinaus. Regen. Wald. Weg. Niemand.
„Mach auf!“, rief er. „Hörst du mich?“
Nichts.
Nur dann, ganz leise, irgendwo tiefer in der Anlage, ein Geräusch wie ein Schritt auf Beton.
Jonas drehte sich langsam um.
Die offene Stahltür zum größeren Raum stand noch da, schief im Rahmen, das Licht kalt dahinter. Der Gang darüber hinaus verlor sich in Dunkelheit. Rechts zweigte ein weiterer Korridor ab, links einer ebenfalls. Die Anlage war größer, als es von außen gewirkt hatte.
Er zwang sich zum Atmen.
Das konnte ein Scherz sein. Ein krankes Dorfkind. Ein besoffener Forstarbeiter. Irgendwer, der ihn erschrecken wollte. Man schloss keine Fremden in einem Bunker ein. Nur in der Realität.
„Okay“, sagte er laut, mehr zu sich selbst. „Ganz ruhig.“
Er ging zurück in den Hauptraum.
Die Taschenlampe leuchtete über Werkzeug, Kisten, Regale. Nichts direkt
Gefährliches. Nur Ordnung. Zu viel Ordnung. Die Kanister standen in Reihen.
Werkzeuge hingen sortiert an einer Wand. An einem Brett lagen Handschuhe,
Kabelbinder, alte Lappen. Auf einer Palette stand eine Reihe sauberer
Kunststoffboxen, alle mit Deckel, alle beschriftet, aber die Etiketten waren von hier aus nicht lesbar.
Jonas merkte erst jetzt, dass ihn nicht die Unordnung störte, sondern das Gegenteil. Jemand lebte hier unten. Oder arbeitete hier regelmäßig. Nicht wie ein Penner in einer Ruine. Eher wie jemand, der einen Plan hatte.
Wieder ein Geräusch.
Diesmal klarer.
Ein Türscharnier irgendwo in der Tiefe gefolgt von Schritten. Langsam und schon gar nicht versteckt.
Jemand kam.
Jonas drehte sich zur dunklen Öffnung am hinteren Ende des Raums.
Der Mann, der da stand, war groß. Nicht massig, aber breit genug, dass seine
Schultern im Licht zuerst auffielen. Dunkle Regenjacke, Stiefel, Mütze tief ins
Gesicht gezogen und starrende Augen. In der einen Hand hielt er eine längliche
Taschenlampe, in der anderen etwas, das Jonas erst auf den zweiten Blick als Gewehr erkannte. Kein Jagdgewehr im dramatischen Sinn, eher alt, funktional, mit Gurt.
Fotograf aus Freiburg weiter vermisst
Falkenrain / Schwarzwald. Seit der Nacht auf Mittwoch wird der 43-jährige Fotograf Jonas
Reber vermisst. Sein Fahrzeug wurde auf einer abgelegenen Forststraße unweit von
Falkenrain aufgefunden. Nach Angaben der Polizei gibt es bislang keine Hinweise auf ein
Gewaltverbrechen. Die Ermittlungen dauern an. Zeugen, die in der fraglichen Nacht Beobachtungen im Bereich der alten Forstwege gemacht haben, werden gebeten, sich zu melden.
Der Artikel stand unten rechts auf Seite drei, eingeklemmt zwischen einem Bericht über eine gesperrte Landstraße und einer Anzeige für Gartenmöbel. Nicht groß genug, um wichtig zu wirken. Nicht klein genug, um übersehen zu werden.
Gabriela Steindamm las ihn zweimal.
Nicht, weil er viel hergab. Gerade weil er so wenig sagte.
Sie saß im Aufenthaltsraum des Reviers, den Kaffeebecher zwischen beiden Händen, obwohl der Kaffee längst zu heiß und zu bitter war. Das Neonlicht an der Decke summte leise. Irgendwo draußen fiel eine Tür ins Schloss. Ein Telefon klingelte zweimal und verstummte. Es war kurz nach sieben, und das Gebäude hatte diese morgendliche Mischung aus Müdigkeit und Pflicht, die in Dienststellen immer in der Luft hing. Jemand war schon genervt, jemand noch nicht ganz wach, jemand tat so, als hätte er alles im Griff.
Gabriela legte die Zeitung flach auf den Tisch und strich mit dem Daumen über die Kante, bis sich das Papier leicht bog.
„Du liest die Regionalteile immer noch wie andere Leute Horoskope.“
Die Stimme kam aus der Tür. Rau, trocken, und mit diesem halben Spott, an dem man sofort hörte, dass der Mann schon zu lange Polizist war, um an gute Überraschungen zu glauben.
Gabriela sah auf. Thomas Bernauer stand mit einer Mappe unterm Arm im Türrahmen. Ende fünfzig, drahtig, mit leicht nach vorne gezogenen Schultern, graues Haar, das zu kurz war, um geschniegelt zu sein, und zu ordentlich, um zufällig so auszusehen. Sein Gesicht trug die Art von Falten, die nicht von Sonne allein kamen.
„Horoskope sind optimistischer“, sagte sie.
Er kam näher, stellte die Mappe vor ihr ab und sah auf den Zeitungsartikel. „Der?“ „Der.“
„Wagen gefunden aber der Fahrer ist weg. Vielleicht betrunken durch den Wald geirrt. Vielleicht bei einer Freundin untergekrochen. Vielleicht ist es ihm peinlich und jetzt wartet er, bis ihn keiner mehr fragt.“
Gabriela hob den Blick. „Glaubst du das?“
Bernauer zog einen Stuhl heran und setzte sich schwer genug, dass das Metall kurz auf dem Boden kratzte. „Nein. Sonst würde ich nicht hier sitzen.“
Sie nickte einmal. Das genügte.
Bernauer war nicht ihr Chef. Offiziell jedenfalls nicht. Er leitete die Kripo-Einheit in
Freudenstadt kommissarisch, bis man in Stuttgart entschied, ob jemand Besseres die Stelle bekam oder ob man ihn mit der Aufgabe einfach alt werden ließ. In der Praxis bedeutete das, dass er die Fälle verteilte, die Leute zusammenhielt und sich jeden Tag erneut darüber wunderte, wie viele Probleme ein Landstrich mit zu vielen Bäumen und zu wenigen Menschen erzeugen konnte.
„Fundort?“, fragte Gabriela.
Bernauer schlug die Mappe auf. „Forststraße südlich von Falkenrain. Abzweig Richtung Lenzhäusle, dann noch knapp zwei Kilometer weiter. Schmale Strecke und kaum Verkehr. Der Wagen stand ordentlich am Rand mit geschlossenen Türen. Nichts eingeschlagen. Kein Schlüssel im Schloss, kein Handy im Fahrzeug.“
„Spuren?“
„Bisher wenig, denn es hat geregnet. Der Wagen ist gestern Morgen entdeckt worden von einem Holzrücker, der da eigentlich gar nicht hätte langfahren sollen, aber das ist eine andere Geschichte.“ Er blätterte eine Seite um. „Im Auto: Kameratasche leer, Stativ im Kofferraum, eine Jacke auf dem Beifahrersitz, eine Quittung vom Gasthof ‚Tanneck‘ in Falkenrain. Dienstagabend, 18:43 Uhr. Er muss also im Ort gewesen sein.“
„Hotel?“
„Eher Gasthof mit vier Zimmern und schlechtem Kaffee. Die Besitzerin sagt, er sei nicht eingecheckt. Hat nur was gegessen und ist wieder gefahren.“
Gabriela nahm den Kaffeebecher, trank einen Schluck, bereute es sofort und stellte ihn wieder ab. „Warum wir?“
Bernauer sah sie an, als prüfe er, ob sie die Frage ernst meinte. „Weil mir
Vermisstenfälle egal sind, solange sie sich in zwei Tagen selbst erledigen. Dieser hier fühlt sich nicht so an.“
„Wegen?“
Er tippte mit dem Finger auf die Mappe. „Weil Männer Anfang vierzig mit Beruf, Wohnung und Auftrag ihr Auto nicht auf einer Forststraße stehen lassen und dann verdunsten. Weil die Besitzerin vom Gasthof sagt, er habe nach alten Wegen und gesperrten Waldstücken gefragt. Und weil gestern Nacht ein Jäger aus Falkenrain angerufen hat, anonym natürlich, und gesagt hat, wir sollten ‘den Wald dort lieber in Ruhe lassen’.“
Gabriela hielt kurz inne.
„Wortlaut?“
„Nicht ganz. Aber nah dran.“
Sie lehnte sich zurück. Draußen fuhr ein Wagen über den Hof, Reifen auf nassem Asphalt. In den Fenstern hing das matte Grau eines regnerischen Morgens. Der Schwarzwald war an Tagen wie diesem kein Panorama. Eher eine Wand.
„Wer fährt?“, fragte sie.
„Du und Lenz.“
„Lenz?“
„Ja. Nicht die Lenz. Unser Lenz.“
Gabriela nickte. Martin Lenz. Mitte dreißig. Kriminaloberkommissar, zu schnell beim Denken und manchmal auch beim Reden. Gute Nase für Leute, schlechte Geduld für Papier. Er kam mit Zeugen oft schneller voran als andere, weil er gleichzeitig harmlos und aufmerksam wirkte. Ein Gesicht, dem man eher den Sportlehrer zutraute als den Kriminaler.
„Und du?“, fragte sie.
„Ich bleibe hier und telefoniere mit Leuten, die mir erzählen, dass Vermisste auch freiwillig verschwinden können.“ Bernauer schloss die Mappe wieder. „Gabriela.“ Sie sah ihn an.
„Mach nicht zu früh was Großes draus. Aber mach auch nicht den Fehler, es kleinzureden.“
„Wann hab ich das zuletzt gemacht?“
„Vor drei Jahren in Baiersbronn.“
„Da war’s kein kleines Ding.“
„Sag ich ja.“
Er stand auf, nahm seinen Becher vom Fensterbrett, stellte fest, dass er leer war, und verzog keine Miene. „Lenz wartet draußen. Fahrt erst zum Wagen.
Dann zum Gasthof.
Dann sehen wir weiter. ‘’
Als er weg war, blieb Gabriela noch einen Moment sitzen.
Sie mochte Vermisstenfälle nicht. Mord war hart, aber klar. Ein Toter war eine Tatsache. Ein Vermisster war ein Raum, in dem alles möglich war, und sie hatte in ihrem Beruf gelernt, dass das Mögliche fast immer unerquicklich wurde.
Sie zog die Zeitung näher heran und las den kleinen Artikel ein drittes Mal. Die
Formulierungen waren geschniegelt, die Lücken dazwischen umso größer. Keine Hinweise auf Gewaltverbrechen. Das hieß gar nichts. Ermittlungen dauern an. Das hieß noch weniger.
Sie faltete die Seite zusammen, nahm ihre Jacke vom Haken und ging hinaus.
Der Hof hinter dem Revier lag nass und grau da. Die Luft roch nach Regen, Diesel und feuchtem Beton. Martin Lenz stand am Wagen und telefonierte noch, die freie Hand in der Jackentasche, der Kopf leicht eingezogen, als würde er sich gegen den Nieselregen kleiner machen. Als er Gabriela sah, hob er zwei Finger, murmelte noch etwas ins Telefon und legte auf.
„Morgen.“
„Ist es das?“
„Kommt drauf an, für wen.“ Er öffnete ihr die Beifahrertür mit einer kleinen, ironischen Verbeugung. „Unsere Vermisstenakte mit Sondergefühl?“
„So ungefähr.“
Er ging um den Wagen herum, stieg ein und ließ den Motor an. Für ein paar Sekunden saßen sie im Geräusch von Heizung und Scheibenwischern, bevor er losfuhr.
„Was wissen wir?“, fragte er.
Gabriela legte die Mappe zwischen sich auf den Sitz. „Jonas Reber, 43, Fotograf aus Freiburg. Dienstag in Falkenrain gewesen. Auto später auf einer Forststraße gefunden. Keine Spur von ihm. Tatsächlich ein anonymer Anruf von einem Jäger, wir sollten doch lieber den Wald in Ruhe lassen.“
Lenz zog kurz die Augenbrauen hoch. „Na herrlich. Das klingt direkt nach vernünftigen Menschen.“
„Tut es nie.“
„Gasthof zuerst oder Wagen?“
„Wagen. Ich will sehen, wo er zuletzt sicher war.“
Lenz nickte. „Gut. Ich hab den Namen schon mal gegoogelt. Nichts Spektakuläres.
Website mit Hochzeitsfotos, Architektur, ein bisschen Reportage. Wirkt normal.“
„Normale Menschen verschwinden auch.“
„Leider.“
Die Straße aus der Stadt hinaus wurde schnell schmaler. Häuser standen weiter auseinander, Felder wurden zu Hängen, Hänge zu Fichten. Der Regen hing fein in der Luft und legte sich auf die Windschutzscheibe wie eine zweite Haut. Je höher sie kamen, desto dichter schloss sich der Wald um die Straße.
Gabriela mochte die ersten Kilometer auf solchen Fahrten nie. Da, wo man noch glaubt, man sei unterwegs zu einem Ort. Irgendwann war man nicht mehr unterwegs, sondern schon drin.
Lenz fuhr konzentriert, ohne Radio, ohne unnötige Gespräche. Er war in seinem Job am besten, wenn er etwas zu tun hatte, das aus Bewegung bestand. Reden konnte später kommen.
Nach einer halben Stunde tauchte das Schild auf.
FALKENRAIN
Darunter ein verblasstes Wappen, das im Regen stumpf wirkte.
Der Ort duckte sich an einen Hang, nicht groß, nicht hübsch im touristischen Sinn, eher zusammengehalten von Schieferdächern, Fachwerk, einer Kirche, einem Gasthof, zwei Bushaltestellen und der stillen Behauptung, dass man hier schon immer gewesen war und auch nicht vorhatte, woanders hinzugehen.
„Sieht freundlich aus, wenn man friert“, sagte Lenz.
Gabriela sah aus dem Fenster. „Es sieht so aus, als würde es jeder merken, wenn du hier auch nur falsch parkst.“
„Also wirklich Schwarzwald.“
Sie fuhren durch den Ortskern, vorbei an einer Metzgerei, einem Friseur, einem Schaufenster mit Jagdbedarf und Gummistiefeln, dann wieder hinaus. Hinter den letzten Häusern wurde die Straße eng. Der Wald begann fast direkt am Asphalt, und das Grau des Vormittags verlor sich zwischen den Stämmen.
Am Abzweig stand bereits ein Streifenwagen.
Ein uniformierter Beamter, jung, schmal, bleiches Gesicht, zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch, als sie anhielten. Auf dem Namensschild stand Keller.
„Frau Steindamm. Herr Lenz.“
„Morgen“, sagte Gabriela und stieg aus.
Die Luft hier draußen war anders als in Freudenstadt. Kälter und schwerer. Es roch nach nasser Erde und harzigem Holz. Hinter dem Streifenwagen führte die Forststraße zwischen Fichten hindurch, matschig an den Rändern, in der Mitte von Wasser glänzend und spiegelnd.
„Der Wagen steht noch hundertfünfzig Meter weiter“, sagte Keller. „Wir haben seit gestern abgesperrt. Keiner war dran außer Spurensicherung, und die auch nur oberflächlich.“
„Gut“ sagte Gabriela. „Zeig’s uns.“
Sie gingen zu Fuß. Der Weg war still, abgesehen vom Tropfen des Wassers aus den Kronen. Es war diese Art von Stille, in der ein menschlicher Laut sofort zu groß wirkte. Gabriela sah links und rechts in den Wald, nicht aus Misstrauen, eher aus Gewohnheit. Irgendwo musste der Mensch, der einen Wagen hier stehen ließ, eine Entscheidung getroffen haben.
Dann stand er vor ihnen.
Ein dunkler Kombi, sauber genug, dass der Dreck an den unteren Türen auffiel. Kein Schrotthaufen, kein aufgebrochener Kasten, sondern ein gepflegter Wagen, der hier wirkte, als hätte man einen Konferenzraum auf einen Waldweg gestellt.
Die Fahrerseite zeigte zur Böschung, die Beifahrerseite zur tiefer abfallenden Waldseite. Der Wagen stand ordentlich. Nicht quer, nicht schräg, nicht hektisch. Jemand hatte ihn bewusst dort hingestellt.
Lenz ging einmal langsam um das Auto herum. Gabriela blieb einen Moment stehen und nahm das Bild als Ganzes auf.
„Er wollte nicht auffallen“, sagte sie.
Keller sah sie an. „Bitte?“
„Oder der, der ihn hingestellt hat.“ Sie trat näher. „Wenn jemand in Panik an den
Rand fährt, steht ein Auto anders.“
Lenz nickte leicht. „Türen abgeschlossen, sagtest du?“
„Ja.“ Keller deutete mit dem Kinn auf die Fahrerseite. „Kein Aufbruch. Keine eingeschlagene Scheibe. Wir haben nichts geöffnet.“
Gabriela zog Handschuhe an. „Schlüssel?“
„Nicht gefunden.“
Sie leuchtete durch die Scheibe. Auf dem Beifahrersitz lag tatsächlich eine Jacke.
Hinten eine leere Wasserflasche, ein Kabel, ein Stadtplan vom nördlichen
Schwarzwald. Im Fußraum lag Papier. Kein Chaos, aber Spuren von Benutzung.
Lenz beugte sich zur Fahrerseite. „Keine offensichtlichen Kampfspuren.“
„Das Wetter hat auch geholfen“, sagte Gabriela.
Der Boden um den Wagen war feucht, an manchen Stellen weich. Reifenabdrücke waren noch zu sehen, aber verwischt. Schuhspuren gab es, viele davon inzwischen von Beamten, Spurensicherung und neugierigen Stiefeln zerdrückt, bevor jemand klug genug gewesen war, alles abzusperren.
Gabriela ging ein Stück weiter die Straße entlang. Regen tropfte von den Nadeln auf ihre Jacke. Rechts fiel das Gelände ab, erst sanft, dann steiler, voller Farn, Brombeeren, abgestorbener Äste. Links ging es in den Hang, dicht mit Fichten und jungen Buchen.
„Hier“ sagte Keller hinter ihr.
Sie drehte sich. Er stand ein paar Meter vom Wagen entfernt am Rand der Straße und zeigte auf eine Stelle, an der der Matsch dunkler und aufgerissen war.
„Was?“
„Die Spurensicherung meinte, da hätte vielleicht jemand gestanden. Oder was Schweres abgesetzt.“
Gabriela ging hin und kniete sich nicht direkt hinein, sondern betrachtete die Stelle aus der Hocke. Zwei tiefere Eindrücke nebeneinander, nicht ganz klar, dazu eine Schramme, als wäre etwas Hartes über den Boden geschrammt. Nichts Sauberes. Aber genug, dass ein Auge daran hängen blieb.
Lenz kam dazu und blieb über ihr stehen. „Koffer? Stativ?“
„Kann sein.“ Sie sah in den Wald. „Kann auch etwas anderes sein.“
„Das Problem mit etwas anderem ist, dass es alles sein kann.“
„Ja.“
Sie stand wieder auf und ging zurück zum Wagen. „Öffnen.“
Keller reichte ihr die Bewegtüte mit dem Reserveschlüssel aus dem Revier, den man über den Halter des Fahrzeugs und ein paar bürokratische Verrenkungen bekommen hatte. Gabriela öffnete zuerst die Fahrertür.
Innen roch es nach feuchter Kleidung, Kunststoff und einem Hauch Kaffee. Kein Blutgeruch. Kein Alkohol. Das Lenkrad war trocken, die Sitze ebenfalls. Er war also nicht im strömenden Regen eingestiegen und dann wieder ausgestiegen. Die Schlüssel fehlten weiterhin.
Sie sah sich systematisch um. Handschuhfach: Unterlagen, Taschenlampe, Warnweste. Mittelkonsole: Kaugummis, Münzen, ein Parkschein aus Freiburg, alt. In der Seitentasche der Tür: nichts außer einer zerknickten Quittung.
„Was hast du?“, fragte Lenz.
Sie zog das Papier heraus, faltete es auseinander. Tinte leicht verwischt, aber lesbar.
Gasthof Tanneck, Falkenrain
1x Rindergulasch
1x Mineralwasser 18:43
Darunter mit Kugelschreiber eine Notiz. Nur zwei Worte.
alter Zugang?
Gabriela sah auf.
Lenz hatte sich so über sie gebeugt, dass seine Schulter fast an der Tür lehnte. „Nicht schlecht.“
„Für einen Mann, der vielleicht nur bei einer Freundin hockt.“
„Ja, gut. Ich nehme den Punkt zurück.“
Sie sah weiter. Auf dem Beifahrersitz lag die Jacke. In der Innentasche steckte ein Prospekt, offenbar aus dem Gasthof: Wanderwege, Mühlen, Aussichtspunkte, typische Tourismusware. Auf der Rückseite war eine Stelle mit einem Kreis markiert. Kein Name dabei. Nur ein X am Waldrand südlich des Orts.
„Hat jemand das Gasthofpersonal nach sowas gefragt?“, fragte Gabriela.
Keller schüttelte den Kopf. „Nur oberflächlich.“
„Dann ändern wir das.“
Im Kofferraum fand Lenz das Stativ, einen Werkzeugkoffer, Gummistiefel und einen zusammengefalteten Regenschutz. Keine Kamera. Keine Kameratasche. Keine Speicherkarten. Nichts, was ein Fotograf nicht freiwillig irgendwo herumliegen ließ. Gerade das fiel ins Gewicht.
„Wenn er nur spazieren gehen wollte“, sagte Lenz, „nimmt er die Kamera mit. Wenn er zurückkommt, ist sie wieder hier. Wenn sie nicht hier ist, hat entweder jemand sie mitgenommen oder er ist nie zurück zum Wagen gekommen.“
Gabriela sah noch einmal die Straße entlang. Regen und Wald. Nichts weiter. Sie hatte oft erlebt, dass sich Ermittlungen anfangs nach zu viel Phantasie anfühlten. Aber dieses Bild hier war seltsam durchorganisiert. Zu viele kleine Dinge griffen ineinander. Gasthof, Notiz, markierter Punkt, fehlende Kamera, anonymer Anruf.
„Wir fahren zum Tanneck“, sagte sie.
„Und dann?“, fragte Lenz.
„Dann hören wir Leuten zu, die behaupten werden, sie hätten nichts Besonderes bemerkt.“
Keller blieb beim Fahrzeug, als sie zurückgingen. Bevor Gabriela einstieg, drehte sie sich noch einmal um. Die Forststraße lag da, als gehöre sie niemandem. Gerade das machte sie verdächtig. Wege im Schwarzwald gehörten immer jemandem. Dem Forst, den Jägern, den Leuten, die dort Pilze suchten, den Leuten, die wussten, wann man besser nicht dort war.
Das Tanneck lag am Rand von Falkenrain, etwas erhöht, mit dunklem Holz an der Fassade und Blumenkästen, in denen im März noch nichts blühte. Der Parkplatz war halb voll. Lieferwagen, zwei Kleinwagen, ein rostiger Geländewagen mit
Hundedecke auf der Rückbank. Über dem Eingang hing ein hölzernes Schild, das im Regen glänzte.
Drinnen war es warm.
Sofort. Diese kompakte, klebrige Wärme von Gasthäusern, die tagsüber Kaffee und mittags Soße kochen. Es roch nach Bratfett, nassem Holz, Spülmittel und einer Süße, die aus Kuchen oder altem Teppich kommen konnte.
Die Frau hinter dem Tresen sah auf, bevor die Glocke über der Tür überhaupt ausgeschwungen hatte.
Mitte fünfzig, kräftige Unterarme, blond gefärbtes Haar, aufrechter Blick. Nicht unfreundlich. Aber einer von denen, die Menschen schon in dem Moment taxieren, in dem sie die Tür öffnen.
„Guten Morgen“, sagte sie.
Gabriela zog den Ausweis. „Kriminalpolizei. Gabriela Steindamm. Das ist mein Kollege Martin Lenz.“
Für einen Augenblick rutschte etwas über das Gesicht der Frau. Nicht Angst. Eher Ärger darüber, dass etwas, das man gehofft hatte, kleingehalten zu haben, jetzt mit Abzeichen im Gastraum stand.
„Worum geht’s?“
„Um Jonas Reber“, sagte Gabriela. „War er Dienstag hier?“
Die Frau trocknete die Hände an einem Tuch, obwohl sie trocken waren. „mh ja er hat gegessen und ist dann wieder gefahren.“
„Woher wissen Sie das so genau?“
„Weil bei uns nicht jeden Abend jemand aus Freiburg reinkommt und nach alten Wegen fragt.“
Lenz zog leicht die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts.
Gabriela nahm die Quittung aus der Hülle und legte sie auf den Tresen. „Hat er die bekommen?“
„Ja.“
„Und diese Notiz?“
Die Frau sah hin. Ein halber Atemzug zu lange.
„Weiß ich nicht.“
„Hat er geschrieben? Oder Sie?“
„Vielleicht er.“
„Vielleicht?“
Die Frau hob den Blick. „Hören Sie, ich hab Gäste bedient. Ich hab keinen Roman mit ihm geführt.“
Gabriela nickte langsam. „Dann fangen wir klein an. Wie lange war er hier?“
„Eine knappe Stunde vielleicht.“
„Allein?“
„Ja.“
„Hat er telefoniert?“
„Nicht dass ich wüsste.“
„War er nervös?“
„Wieso sollte er?“
„Deshalb frage ich.“
Die Frau presste die Lippen zusammen. „Er war… aufmerksam. Hat aus dem Fenster geschaut. Hat ein paarmal nachgefragt, wie man zu bestimmten Wegen kommt. Mehr nicht.“
„Zu welchen Wegen?“
„Alte Forstwege. Irgendwas mit einem stillgelegten Zugang. Er hatte ein Foto auf dem Handy von einem Hang, glaub ich. Hat gefragt, ob ich wüsste, wo das ist.“
„Und wussten Sie’s?“
Jetzt kam das erste echte Zögern. Klein, aber merkbar.
„Nicht genau.“
Lenz lehnte sich locker an den Tresen, als hätte er Zeit. „Nicht genau heißt meistens doch ein bisschen.“
Die Frau sah ihn an, dann wieder Gabriela. „Im Wald gibt’s alte Sachen. Gesperrte Wege und ein paar Bunkeranlagen aus dem Kalten Krieg, sagt man. Manches ist zu, manches eingestürzt, manches nur Gerede. Wer von draußen kommt, hält sowas sofort für spannend.“
„Und Sie?“, fragte Gabriela.
„Ich halte es für gefährlich.“
„Haben Sie ihm gesagt, wo er suchen soll?“
„Ich hab gesagt, er soll’s lassen.“
„Und die Markierung auf dem Prospekt?“
Diesmal zögerte sie nicht. Diesmal log sie direkt. „Davon weiß ich nichts.“
Gabriela hielt ihren Blick. Nicht aggressiv. Einfach lange genug, dass die Stille unbequem wurde.
Aus der Küche klapperte Geschirr. Im Nebenzimmer lachte jemand zu laut und hörte sofort wieder auf, als wüsste er, dass die Geräusche im Gastraum eine andere Qualität bekommen hatten.
„Wie heißen Sie?“, fragte Gabriela.
„Rita Kopp.“
„Frau Kopp, Herr Reber ist verschwunden. Sein Wagen steht im Wald. Seine
Kamera fehlt. Jemand ruft anonym an und sagt uns, wir sollen dort nicht suchen.
Das ist der Moment, an dem ‘weiß ich nicht’ eine sehr schlechte Antwort wird.“
Rita Kopp senkte den Blick auf das Tuch in ihrer Hand und knetete es einmal. „Ich hab ihm nichts Böses gewollt.“
„Dann erzählen Sie’s richtig.“
Die Frau atmete aus. „Er hat gefragt, ob es südlich vom Seelengraben noch alte Anlagen gibt. Ich habe gesagt, da war früher mal irgendwas Militärisches.
Lagerräume, Notunterstände, was weiß ich. Mein Vater hat früher davon erzählt. Dass man da als Kinder nicht hingehen durfte. Ich habe ihm gesagt, der Bereich ist gesperrt. Er hat gelächelt und gesagt, gesperrt heiße meistens interessant.“
Lenz schnaubte leise. „Sympathisch.“
„Ich habe ihm dann noch gesagt, dass er am besten auf den Straßen bleibt.“ Sie sah wieder auf. „Mehr nicht.“
„Wirklich nicht?“
Rita zögerte. „Er hat gefragt, ob es einen alten Zugang gäbe, der nicht im
Kartenmaterial steht.“ Gabriela schwieg.
„Und?“, fragte Lenz.
„Und ich habe gesagt, manche sagen, hinter der Forststraße Richtung Lenzhäusle gäbe es einen alten Hangzugang. Mehr habe ich nicht gesagt.“
„Und den Punkt auf dem Prospekt?“, fragte Gabriela.
Diesmal nickte Rita kaum sichtbar. „Ich habe ungefähr gezeigt, wo. Damit er’s sein lässt. Klingt blöd, ich weiß.“
„Hat irgendwer zugehört?“
Die Frau dachte nach. „Hinten saßen zwei vom Jagdverein. Und Willi Brenner. Der hört immer alles, auch wenn man glaubt, er schläft.“
„Namen.“
Rita nannte sie. Gabriela schrieb mit.
„Sonst noch jemand?“
„Ein Mann kam später rein. Große Jacke, Mütze. Ich habe sein Gesicht nicht richtig gesehen. Er hat nichts bestellt, nur gefragt, ob wir noch offen haben, und ist wieder raus.“
Gabriela sah auf. „Wann?“
„Kurz bevor der Fotograf gegangen ist. Vielleicht zehn Minuten vorher.“
„Kannten Sie ihn?“
Rita schüttelte den Kopf, aber nicht mit der Überzeugung eines echten Neins. „Nicht direkt.“
„Nicht direkt ist was?“
„Hier laufen Männer mit Jacken und Mützen rum, Frau Steindamm.“
„Ja. Aber manche erkennt man trotzdem.“
Wieder dieses kleine Reiben des Tuchs in ihren Händen. „Er kam mir bekannt vor. Mehr nicht.“
Lenz sah an Gabriela vorbei in den Gastraum. Zwei Männer in Arbeitskleidung taten auffällig unauffällig so, als interessiere sie das Gespräch nicht. Einer von ihnen hatte den Kopf etwas zu steif gesenkt. Leute, die mithörten, machten oft denselben Fehler: Sie spielten Gleichgültigkeit zu angespannt.
„Der Jagdverein sitzt da hinten?“, fragte er.
Rita folgte seinem Blick. „Heute nicht.“
„Schade.“
Gabriela steckte das Notizbuch ein. „Wir brauchen die Gäste von Dienstagabend. So genau wie möglich.“
„Datenschutz“, sagte Rita reflexhaft.
„Straftatverdacht“, sagte Gabriela.
Das Tuch in Ritas Händen gab auf. Sie legte es weg und griff nach einem
Reservierungsbuch hinter dem Tresen. Handschriftliche Einträge, Namen,
Uhrzeiten, manchmal nur zwei Buchstaben und eine Personenzahl. Dorfrealismus statt digitaler Hygiene.
Während Lenz die Seiten fotografierte, ging Gabriela ein Stück in den Gastraum. Die
Tische waren sauber, die Fenster beschlagen, draußen hing der Regen wie ein Vorhang über dem Hang. An einem Tisch stand noch ein leerer Kaffeebecher mit Lippenstift am Rand. Am Fenster dahinter blieb sie kurz stehen.
Von hier aus sah man den Wald.
Nicht alles. Nur den dunklen Rücken des Hangs, der hinter dem Ort aufstieg. Aber genug, dass man verstand, wie nah alles beieinanderlag. Gasthof, Straße, Wege, Jagdpfade, verbotene Zugänge, Geschichten.
Sie spürte einen Blick auf sich und drehte sich um.
Am Tisch in der Ecke saß ein Mann Anfang sechzig, breite Hände, wetterhartes Gesicht, Lodenjacke trotz Gasthauswärme. Er hatte den Löffel in der Kaffeetasse, rührte nicht, und sah sie so an, als wolle er sich einprägen, wie sie aussah.
Gabriela trat zu ihm.
„Stört Sie der Kaffee?“
Der Mann lächelte mit dem Mund, aber nicht mit den Augen. „Nur wenn er kalt wird.“
„Kriminalpolizei. Gabriela Steindamm.“
„Dann hoffe ich, der Kaffee bleibt warm.“
„Waren Sie Dienstagabend hier?“
„Ich bin oft hier.“
„Das war nicht die Frage.“
Er legte den Löffel hin. „Ja. War ich.“
„Haben Sie Jonas Reber gesehen? Ein Fotograf aus Freiburg.“
„Kann sein.“
„Kann auch nicht?“
„Frau Kommissarin, bei uns gehen Leute ein und aus.“
„In Falkenrain?“
Jetzt blitzte in seinem Gesicht kurz etwas auf. Keine Freude. Eher Respekt für den
Treffer. „Sie sind nicht von hier.“
„Das ändert nichts an der Frage.“
„Willi Brenner“, sagte er schließlich. „Und ja, ich hab den Mann gesehen. Zu geschniegelt für den Wald. Hat geguckt, als würde er überall was suchen.“
„Hat er mit jemandem gesprochen?“
„Mit Rita. Später mit sich selbst, glaub ich.“
„Hat ihn jemand beobachtet?“
Brenner zuckte mit den Schultern. „Hier beobachtet jeder jeden. Nennen Sie’s Dorf.“
„Hat jemand Interesse daran gehabt, wo er hinwollte?“
„Interesse haben hier alle an allem.“
„Herr Brenner.“
Er hob die Hände, nur wenige Zentimeter. „Hinten saßen zwei Jäger. Hannes Volk und Uli Markgraf. Die haben’s mitbekommen. Und einer kam rein, den ich nicht mochte.“
„Wieso nicht?“
„Weil er nichts gegessen hat.“
Gabriela hätte beinahe gelächelt. „Sonst noch was?“
Brenner sah zur Tür, als sei die Antwort dort draußen im Regen. „Der Fotograf hat beim Rausgehen gefragt, ob man die alte Strecke zum Seelengraben auch ohne Auto laufen kann. Einer von den Jägern hat gesagt: ‘Kann man. Muss man aber nicht.’“
„Und?“
„Der Fotograf hat gelacht. Die Jäger nicht.“
Gabriela nickte. „Danke.“
Als sie zurück zum Tresen kam, war Lenz fertig. Rita Kopp stand da, die Hände nun flach auf dem Holz, als müsse sie sich abstützen.
„Noch was?“, fragte Gabriela.
Die Frau zögerte. „Nur…“
„Ja?“
„Seit der Junge weg ist, fährt nachts wieder jemand da oben.“
„Da oben?“
„Südlich. Alte Wege. Ich hör’s vom Schlafzimmer aus manchmal. Motoren. Nicht lang. Nicht kurz.“
„Haben Sie es gemeldet?“
Rita lachte „Und was hätte ich sagen sollen? Grüß Gott, die Nacht ist dunkel?“
Draußen war es inzwischen etwas heller geworden. Nicht sonnig. Nur ein anderes Grau. Als Gabriela und Lenz wieder im Wagen saßen, blieb er noch einen Moment im Stand stehen und sah sie an.
„Also“ sagte er. „Ein Fotograf mit Forscherdrang, ein markierter Punkt, ein alter
Zugang, Jäger mit schlechten Tischmanieren und nachts Motorengeräusche.“ „Ja.“
„Wie sehr freust du dich auf Falkenrain von eins bis zehn?“
„Ungefähr minus drei.“
Er nickte. „Gut. Dann passen wir ja zusammen.“
Der Wald begann nicht dort, wo die Bäume standen.
Er begann schon vorher.
Auf der Fahrt hinaus aus Falkenrain, als die letzten Häuser hinter ihnen kleiner wurden und die Straße nur noch aus nassem Asphalt, Kurven und grauem Himmel bestand. Als die Leitpfosten seltener wurden. Als das Radio im Wagen nur noch ein dünnes Rauschen zustande brachte und Martin Lenz es endgültig ausschaltete, weil man gegen solche Stille ohnehin nicht ankam.
Gabriela saß neben ihm und hielt den Prospekt aus dem Gasthof auf dem Schoß, diesen billigen Faltzettel mit Wandertipps, Aussichtspunkten, Mühlen und zwei schlecht gedruckten Fotos von Tannen im Morgenlicht. Hinten, auf der Karte, war der Punkt, den Rita Kopp mit Kugelschreiber markiert hatte. Nicht ganz genau aber schonmal eine Gegend. Ein Fleck südlich vom Ort, dort, wo der Druck des Waldes dichter wurde und selbst touristische Karten so taten, als gäbe es nur noch Wege und keine Geschichten.
„Wenn sie ihn wirklich da hochgeschickt hat“, sagte Lenz, ohne den Blick von der
Straße zu nehmen, „dann wusste sie mehr, als sie gesagt hat.“
„Ja.“
„Und wenn sie weniger wusste, war sie leichtsinnig.“
„Auch ja.“
Er nickte. Mehr brauchte es zwischen ihnen gerade nicht.
Der Scheibenwischer arbeitete in ruhigem Takt über das Glas. Kein starker Regen mehr, nur feine Nässe, die sich überall festsetzte. Auf den Hängen stand Nebel zwischen den Stämmen, als würde der Wald seine eigene Luft ausatmen. Links fiel das Gelände weg, rechts stieg es direkt an, dicht mit Fichten, unter denen es schon am Vormittag dunkel blieb.
Lenz fuhr langsamer, als die Straße schmaler wurde. Seine Hände lagen locker am Lenkrad, aber Gabriela sah an seinem Kiefer, dass er konzentriert war. Er war keiner, der Fahrten im Schweigen mochte, weil sein Kopf dann zu viel Raum bekam. Normalerweise füllte er ihn mit Kommentaren, kleinen Spitzen, halb ironischen Beobachtungen. Heute war er stiller.
„Alles okay?“, fragte sie.
Er sah kurz zu ihr. „Mit dem Auto ja.“
„Und sonst?“
„Jetzt kommen wir in den Teil, wo du fragst, ob ich schlecht geschlafen habe?“
„Nur wenn du schlecht geschlafen hast.“
Er zog den Mund schief. „Kaum. Aber das ist kein Alleinstellungsmerkmal in unserem Beruf.“
Gabriela sagte nichts mehr dazu. Er wirkte müde, ja. Vielleicht auch blasser als am Morgen. Aber nicht so, dass es sofort herausstach. Eher diese Müdigkeit, die jeder gute Polizist mit Kaffee, Bewegung und Trotz eine Weile überspielen konnte.
Am Rand eines Forstwegs hielt er an.
„Hier?“
Gabriela verglich den Prospekt, die Straße, den Hangverlauf. „Ja. Das müsste passen.“
Sie stiegen aus. Sofort schlug ihnen die Luft entgegen: kalt, feucht, nach Harz, Moder, dunkler Erde. Kein Wind. Nur dieses langsame Tropfen aus den Baumkronen, das im Wald immer wie ein zweiter Regen klang.
Lenz zog die Jacke höher. „Also. Vermisster Fotograf, gesperrte Wege,
Dorfgeheimnisse und altes Militärgerümpel. Wird bestimmt harmlos.“
Gabriela steckte den Prospekt in die Jackentasche. „Du darfst gern im Wagen warten.“
„Sicher. Ich lasse mir die schönen Stellen doch nicht entgehen.“
Sie gingen den Forstweg hinauf. Der Boden war weich, der Schotter an manchen Stellen vom Wasser blankgewaschen. Rechts und links standen die Fichten so dicht, dass zwischen ihnen kaum Tiefe zu erkennen war. Alles dahinter war schwarzgrün und still.
Nach ein paar Minuten blieb Gabriela stehen. Vor ihnen bog der Weg leicht ab. Dahinter fiel der Hang anders als zuvor. Nicht natürlich, denn Irgendetwas darin war zu gerade.
„Da“ sagte sie.
Lenz trat neben sie und kniff die Augen zusammen. „Beton?“
„Sieht so aus.“
Sie verließen den Weg und stiegen den Hang hinauf. Schon nach den ersten
Schritten zog sich nasse Erde an ihre Sohlen. Farne strichen gegen die Hosenbeine,
Brombeeren zerrten an den Jackenärmeln, irgendwo knackte ein Ast unter Gabriela Schuh. Der Hang war nicht steil genug, um gefährlich zu sein, aber rutschig genug, dass man jeden Schritt mitdenken musste.
Dann lag der Eingang vor ihnen.
Halb im Hang, halb von der Zeit gefressen. Ein altes Gittertor, rostig, schwer, dahinter ein kurzer, dunkler Gang aus Beton. Darüber ein verbogenes Schild, dessen Schrift nur noch in Fetzen zu lesen war: Sperrbereich, Einsturzgefahr, Betreten verboten. Alles wirkte stillgelegt.
Lenz blieb einen halben Schritt hinter Gabriela. „Na großartig.“
Sie trat näher, aber nicht direkt an das Gitter. Erst sah sie den Boden an. Nasses Laub, Matsch, Fichtennadeln. Doch darunter waren Störungen. Niedergetretene Pflanzen. Eine frische Schramme im Metallrahmen. Kratzer am Schloss.
„Frisch“, sagte sie.
„Ja.“
„Nicht nur alte Neugierige.“
Er leuchtete mit der Taschenlampe durchs Gitter. Der Betonboden dahinter verlief leicht abwärts. Nach wenigen Metern verschluckte die Dunkelheit alles. Kein Licht und kein Geräusch. Nicht einmal Tropfen.
Gabriela hasste an solchen Orten genau das: dass sie sich nicht entscheiden konnten, ob die Situation nach tot riecht oder eher nicht.
„Wenn ich jetzt was Dummes sage“, meinte Lenz leise, „dann nur, um es einmal gesagt zu haben: Wir gehen da nicht zu zweit ohne Absicherung rein.“
„Das war auch ohne dich der Plan.“
„Gut. Ich wollte nur ungern später als mahnendes Beispiel in einer Fortbildung auftauchen.“
Sie ging in die Hocke, ohne etwas anzufassen. Rechts vom Gitter verlief am Hang eine schmale Spur, als hätten sich Leute seitlich daran vorbeigedrückt. Farne waren flach. Ein Ast frisch gebrochen. Nichts Großes aber zu viel für bloße Witterung.
Lenz trat ein paar Schritte nach rechts. „Hier ist noch was.“
Sie kam zu ihm, denn zwischen Brombeerzweigen hing ein Stück schwarzer Stoff. Kein großer Fetzen. Etwas weiter unten, fast im Matsch verschwunden, lag ein schmaler Gurt mit Metallschnalle.
Gabriela blieb stehen und sah darauf hinunter.
„Kameragurt“, sagte Lenz.
„Ja.“
Er atmete einmal durch die Nase aus. Kein theatralisches Geräusch, eher ein stilles Anerkennen, dass eine Möglichkeit soeben gestorben war. Vermisstenfälle konnten peinlich enden, banal, unerquicklich, aber manchmal auch erleichternd. Ein abgerissener Kameragurt an einem verbotenen Bunkereingang machte aus Erleichterung etwas anderes.
Gabriela hob das Handy und sah sieh hatte hier kein Netz.
Natürlich.
Lenz nahm seines heraus, hob es höher, drehte sich paarmal, trat zwei Schritte links und rechts, blieb stehen. „Ein Balken. Wenn ich aufhöre zu atmen.“
„Dann versuch’s.“
Er rief Bernauer an, kommunizierte knapp und sachlich. Gabriela hörte nur einzelne Worte wie: ,,Alter Zugang, Spuren, Kameragurt, Absicherung. ’’ Als er auflegte, steckte er das Handy weg und rieb sich kurz mit Daumen und Zeigefinger über den Nasenrücken, als wollte er einen Gedanken wegdrücken.
„Vierzig Minuten“, sagte er. „Die Streifen kommt schneller. Spurensicherung hinterher. Bernauer klingt begeistert.“
„Bestimmt.“
Sie warteten nicht untätig, aber sie gingen auch nicht weiter. Gabriela umrundete den Bereich so weit, wie es der Hang zuließ, und suchte nach zusätzlichen Spuren.
Ein paar undeutliche Sohlenabdrücke, vom Regen fast totgedrückt. Ein alter Reifenabdruck tiefer am Weg, aber nicht eindeutig frisch. Nichts, was sie ohne Sicherung antasten wollte.
Lenz blieb in der Nähe des Eingangs und leuchtete immer wieder hinein, als erwarte er, dass die Dunkelheit irgendwann zurückleuchtete.
„Was glaubst du?“, fragte er schließlich.
„Ich glaube, Jonas Reber wollte genau das finden.“
„Und hat es gefunden.“
„Ja.“
„Frage ist nur, ob ihn dann jemand gefunden hat.“
Gabriela sah ihn an. Sein Gesicht war unter dem grauen Licht fahl. Nicht krank. Nur angestrengt. Seine Stirn glänzte leicht, obwohl die Luft kühl war.
„Setz dich kurz“, sagte sie.
Er schaute irritiert. „Warum?“
„Weil du aussiehst, als hättest du seit gestern nichts Vernünftiges gegessen.“
Ein kurzer Zug um seinen Mund. „Das ist unfair.“
„Ist es falsch?“
„Nicht dramatisch falsch.“ Er trat einen Schritt zurück, lehnte sich kurz an einen
Baum und fuhr mit der Hand in die Jackentasche. „Hab nur seit morgens zu viel
Kaffee, zu wenig Wasser und diesen wunderbaren Hang zur
Selbstvernachlässigung.“
Er zog einen kleinen Müsliriegel heraus, sah ihn an, als sei er persönlich beleidigt, und biss trotzdem hinein.
Gabriela sagte nichts. Nur eine kleine Beobachtung, dachte sie. Nicht mehr und nicht weniger. Jeder hatte seine schlechten Tage. Trotzdem merkte sie sich die Szene.
Der erste Streifenwagen kam nach zwanzig Minuten. Keller stieg aus, dazu eine Kollegin von der Schutzpolizei, dunkelhaarig, Mitte dreißig, wachsam. Bernauer folgte kurz darauf selbst, obwohl niemand ihn gerufen hatte. Das war sein Stil: so zu tun, als sei er gar nicht der Typ, der zu heiklen Stellen persönlich auftauchte, und dann doch jedes Mal dazustehen.
Er sah den Eingang, den Gurt, den Stofffetzen und sagte nur: „Natürlich.“ „Schöne Gegend“, meinte Lenz.
Bernauer ignorierte ihn. „Niemand geht da rein, bis alles fotografiert und aufgenommen ist. Verstanden?“
„Ja“, sagte Gabriela.
Spurensicherung kam eine halbe Stunde später, zwei Leute in weißen Overalls unter Regenjacken, die sofort fluchten, weil jeder Hang im Nassen doppelt so kompliziert war als Trockengebiet. Gabriela und Lenz traten zurück. Sie konnten jetzt nur noch zusehen, wie der Ort offiziell wurde. Messstäbe, Fotos, Tütchen, Nummernmarker, die im nassen Grün fast lächerlich wirkten.
Bernauer stand neben Gabriela, die Hände in den Manteltaschen. „Erstes Gefühl?“
„Er war hier.“
„Mehr?“
„Nicht freiwillig zurück zum Auto.“
„Gut.“ Bernauer sah zum Eingang. „Altregistratur sucht schon nach Plänen. Falls das da unten größer ist als ein Raum, will ich es wissen, bevor wir wie Idioten in ein Labyrinth laufen.“
„Wer kennt sich mit den Anlagen aus?“
„Noch keiner.“
Sie nickte in Richtung Ort. „Wir haben Namen. Förster Kern. Rita Kopp. Hannes
Volk. Uli Markgraf. Und einen Reiner Bächtle.“
Bernauer wiederholte den letzten Namen leise. „Bächtle.“
„Ex-Forst. Einzelgänger. Könnte die Gegend kennen.“
„Könnte auch einfach nur im Dorf den besten Ruf als Sonderling haben.“ „Ja.“
Er sah sie an. „Das heißt bei dir immer: Aber trotzdem gehst du da morgen hin.“ „Ja.“
„Gut.“
Die Spurensicherung brauchte länger, als gut war. Als sie schließlich alles eingetütet, markiert und dokumentiert hatten, war es schon früher Nachmittag. Der Wald hatte sein Grau kaum verändert. Nur die Kälte kroch inzwischen deutlicher durch die Jacken.
Bernauer gab Anweisungen an die Kollegen und fuhr dann zurück, weil im Revier noch immer so getan wurde, als könnten normale Dinge neben solchen Fällen weiterlaufen. Gabriela und Lenz stiegen wieder in den Wagen.
Diesmal sagte lange keiner etwas.
Erst als Falkenrain wieder zwischen den Bäumen auftauchte, lehnte Lenz den Kopf kurz gegen die Kopfstütze und schloss für eine Sekunde die Augen.
„Müde?“, fragte Gabriela.
Er öffnete sie wieder sofort. „Nur begeistert vom Arbeitsumfeld.“
„Du siehst schlecht aus.“
„Danke.“
„War kein Kompliment.“
„Hab ich gemerkt.“ Er bog in den Ort ein, langsam, wegen des schmalen Pflasters und weil zwei alte Frauen mitten auf der Straße stehenblieben, um dem
Polizeiwagen beim Vorbeifahren zuzusehen. „Ich hab manchmal Tage, an denen mir der Kreislauf ein bisschen Theater macht. Nichts, was deine kriminalistische Seele beunruhigen müsste.“
„Aha.“
„Ehrlich.“
Gabriela nickte, aber sie glaubte Menschen nie ganz, wenn sie ein „ehrlich“ hinter einen Satz setzen mussten.
Sie hielten zunächst am Forstamt. Matthias Kern ließ sie diesmal ohne Überraschung hinein. Als hätte er schon damit gerechnet, dass sie zurückkamen.
„Sie waren dort“, sagte er, bevor sich einer von ihnen gesetzt hatte.
„Ja“, sagte Gabriela. „Der Zugang ist benutzt worden und das kürzlich.“
Kern sah zwischen ihnen hin und her. „Und?“ „Ein Stoff fetzen. Ein abgerissener Kameragurt.“
Er schwieg.
„Herr Kern“, sagte Gabriela, „ich brauche jetzt keine Formulierungen mehr wie ‘alte
Betonreste’. Ich brauche Namen und Wege.“
Der Förster atmete langsam aus. „Es gibt mehrere stillgelegte Bereiche im südlichen Forst. Die meisten sind bekannt, zumindest den Älteren. Aber keiner geht da gern hin. Nicht nur wegen Einsturz, sondern manche Zugänge wurden im Lauf der Jahre wieder zugeschüttet, andere tauchen plötzlich wieder auf, weil Wurzeln Erde wegziehen oder der Hang arbeitet.“
„Wer kontrolliert das?“, fragte Lenz.
Kern lachte kurz, müde. „Kontrolliert? Das hier ist kein Flughafen. Wir dokumentieren, was wir sehen. Wenn ein Schild fehlt, kommt irgendwann ein neues hin. Wenn jemand eine Kette knackt, merkst du es meist erst, wenn wieder einer so blöd ist wie euer Fotograf.“
„Wer wäre in der Lage, die Anlagen regelmäßig zu nutzen?“, fragte Gabriela.
„Regelmäßig? Kaum jemand. Du brauchst Ortskenntnis. Manche Eingänge sind schwer zu finden. Manche Gänge brechen weg. Wenn einer da unten unterwegs ist und keine Ahnung hat, kommt er im schlimmsten Fall nicht mehr raus.“
„Und jemand mit Ahnung?“
Kern sah auf seine Hände. „Alte Forstleute. Früher vielleicht bestimmte Jäger. Leute, die in den achtziger, neunziger Jahren als Jugendliche jeden verbotenen Scheiß gesucht haben. Und Reiner Bächtle.“ Da war der Name wieder.
„Wieso Reiner Bächtle?“, fragte Lenz.
„Weil er damals überall drin war“, sagte Kern. „Jeden Stollen, jeden alten Bunker, jede verbotene Hütte. Manche Leute werden erwachsen. Reiner eher nicht.“
„Wo finden wir ihn?“
Kern nannte ihnen die Adresse: ein Haus am Waldrand hinter den letzten Höfen, alleinstehend, alte Forststraße Richtung Höllbuckel. Als er fertig war, zögerte er kurz.
„Und?“, fragte Gabriela.
„Nehmt ihn ernst.“
„Tun wir das nicht bei jedem?“
„Nicht so.“ Kern hob den Blick. „Reiner ist keiner, der viel redet. Aber wenn er euch anlacht, ohne die Augen zu bewegen, passt auf.“
Lenz sah zu Gabriela. „Das klingt doch direkt einladend.“
Draußen war der Regen ganz aufgehört, aber der Ort blieb nass. Wasser stand in den Rinnen, Dachtraufen tropften, irgendwo bellte ein Hund zweimal und schwieg wieder. Sie gingen zurück zum Wagen.
„Ernst nehmen, wenn er anlächelt“, murmelte Lenz. „Ich liebe ländliche Präzision.“
„Du musst nicht mitkommen.“
„Doch. Allein schon, damit du dich nicht mit einem Ex-Forstmann um Wege prügelst.“
Das Haus von Reiner Bächtle lag wirklich so, wie man sich Alleinstehende im Schwarzwald vorstellte: ein Stück außerhalb, am Rand zwischen letztem Hof und erstem wirklichen Wald. Dunkles Holz, niedriger Bau, Wellblechschuppen daneben, auf dem Hof ein alter Pickup, dessen Farbe man unter Schlamm und Rost nur raten konnte. Kein Zaun und kein Schild. Nur diese Art von Grundstück, die sagte: Wer hier hochkommt, weiß meistens, warum.
Lenz parkte nicht direkt vor dem Haus, sondern seitlich, mit Blick zur Zufahrt. Reine Gewohnheit. Gabriela bemerkte es und sagte nichts.
Sie stiegen aus. Kein Geräusch außer dem Tropfen aus der Dachrinne.
Gabriela klopfte.
Nichts.
Noch einmal.
Im Haus bewegte sich etwas aber kein Licht ging an. Nur präsente Schritte waren zu hören. Langsam. Dann öffnete sich die Tür.
Reiner Bächtle war älter, als Gabriela erwartet hatte. Nicht alt. Aber älter als die Art von wildem Einzelgänger, die sich im Dorf als Legende hielt. Ende fünfzig vielleicht. Groß, schmal, drahtig. Gesicht eingefallen, Bart grau und ungepflegt, die Augen auffallend hell. Eine Strickjacke über einem dunklen Hemd, keine Schuhe, nur Strümpfe auf den Holzdielen.
Er sah erst Gabriela an, dann Lenz, dann den Wagen hinter ihnen.
„Polizei“, sagte Gabriela und zeigte den Ausweis.
„Seh ich.“
Seine Stimme war leise, aber nicht freundlich. Kein Alkohol, kein Zittern. Eher kontrollierte Gereiztheit. „Reiner Bächtle?“
„Wenn Sie’s schon wissen.“
„Wir würden gern ein paar Fragen stellen.“
„Dann stellen Sie sie.“
„Drinnen wäre besser.“
Er stand im Türrahmen, ohne Platz zu machen. „Für wen?“
Lenz lächelte leicht. Nicht provozierend. Nur so, als gäbe es noch Varianten dieses
Gesprächs. „Für alle Beteiligten. Ist trockener. Sie verstehen?“
Bächtle sah ihn an. Einen Moment zu lang. Dann trat er beiseite.
Drinnen roch es nach Holzofen, kaltem Kaffee und etwas Metallischem, das man nicht sofort zuordnen konnte. Das Haus war überraschend ordentlich. Kein Chaos eines Verwahrlosten, kein schmutziges Männerloch, sondern eine strenge, beinahe angespannte Ordnung. Schuhe in einer Reihe. Jacken am Haken. Werkzeuge sauber im Regal. Auf dem Küchentisch ein Messer, ein Brot, eine Tasse mit einem dummen Spruch.
Gabriela bemerkte so etwas immer. Ordnung konnte vieles bedeuten. Aber selten gar nichts.
Bächtle blieb im Raum stehen. Er bot keinen Stuhl an. Also blieb auch sie stehen.
„Jonas Reber“, sagte sie. „Fotograf aus Freiburg. Dienstag in Falkenrain. Seitdem verschwunden.“ „Traurig.“
„Kannten Sie ihn?“
„Nein.“
„Haben Sie ihn gesehen?“
„Nein.“
„Waren Sie Dienstagabend im Gasthof Tanneck?“
Sein Gesicht änderte sich kaum. Aber nicht gar nicht. Ein winziger Stillstand, bevor die Antwort kam.
„Nein.“
Lenz trat nicht näher, blieb aber so, dass er Bächtle frontal sah. „Mehrere Leute haben erzählt, dass ein Mann mit Mütze und dunkler Jacke kurz im Gasthof war und wieder verschwand.“
„Im Schwarzwald? Verrückt.“
„Stimmt“, sagte Lenz trocken. „Fast exotisch.“
Bächtles Blick glitt zu ihm, kurz und scharf. „Wenn Sie auf Spott aus sind, können Sie wieder gehen.“
„Wenn wir auf Wahrheiten aus sind nicht?“
Gabriela nahm den Faden wieder auf. „Sie kennen die alten Anlagen südlich vom Seelengraben.“
Diesmal gar kein Zögern. „Ja.“
„Waren Sie in letzter Zeit dort?“
„Nein.“
„Sicher?“
„Ja.“
„Wir haben heute an einem Zugang frische Spuren gefunden.“
„Dann fragen Sie die, die sie hinterlassen haben.“
„Tun wir.“
Bächtle verschränkte die Arme. Seine Hände waren schmal, aber kräftig. An den Knöcheln kleine alte Narben. Kein Schmuck. Keine Uhr.
„Warum interessieren Sie sich für die Anlagen?“, fragte er.
„Weil ein Vermisster offenbar dorthin wollte.“
„Dann wollte er dahin. Nicht ich.“
Gabriela sah durch den Raum. An einer Wand hing eine alte topografische Karte des Forstgebiets. Nicht dekorativ, sondern benutzt. Eselsohren, Markierungen mit Bleistift, an manchen Stellen kleine Kreuze.
Bächtle bemerkte ihren Blick.
„Wandern Sie viel?“, fragte sie.
„Manchmal.“
„Auch nachts?“
„Wenn ich nicht schlafen kann.“ „Und können Sie oft nicht schlafen?“
Zum ersten Mal lächelte er.
Gabriela hätte ihn gern weitergedrückt, aber da bewegte sich etwas neben ihr. Klein. Erst nur am Rand des Blicks. Lenz hatte die Hand kurz an die Schläfe gelegt und starrte einen Moment zu lange auf denselben Punkt an der Wand. Nicht dramatisch. Kein Schwanken. Nur diese Art von winziger Abwesenheit, die einem auffällt, wenn man sie sieht.
„Martin“, sagte sie.
Er blinzelte, sah zu ihr. „Alles gut.“
Bächtle beobachtete das genau. Zu genau.
„Kaffee?“, fragte er plötzlich.
Es war kein Angebot. Mehr ein Test.
„Nein“, sagte Gabriela.
„Für Ihren Kollegen vielleicht.“
„Nein“, sagte Lenz diesmal selbst, und seine Stimme war einen Tick rauer als zuvor.
„Wir sind nicht zum Trinken hier.“
Für einen Moment war der Raum voller Dinge, die keiner aussprach. Dann sah Gabriela wieder zu Bächtle.
„Dienstagabend“, sagte sie. „Wo waren Sie zwischen acht und Mitternacht?“
„Hier.“
„Allein?“
„Ja.“
„Kann das jemand bestätigen?“
„Muss das jemand?“
„Wenn ein Mann verschwindet, der genau das sucht, was Sie kennen, ja.“
Bächtles Lächeln war weg. „Dann nein.“
„Sie fahren einen Pickup.“
„Steht draußen.“
„Waren Sie damit im südlichen Forst?“
„Nein.“
„Man hört nachts Motoren dort.“
„Im Schwarzwald? Verrückt.“
Diesmal wiederholte er seinen eigenen Spott fast wortgleich. Absichtlich. Gabriela hasste solche Manöver, nicht weil sie clever waren, sondern weil Leute sie für clever hielten.
„Haben Sie die alten Gänge jemals allein genutzt?“
„Früher.“
„Wofür?“
„Neugier.“
„Und heute?“
„Heute bin ich zu alt für Blödsinn.“
Gabriela glaubte ihm den Satz nicht. Nicht ganz. Aber sie bekam jetzt aus ihm nichts Sauberes mehr heraus. Dafür war er zu still, zu geübt im Weglassen.
Sie wechselte die Richtung.
„Wissen Sie, wer die Anlagen heute noch kennt?“
Bächtle schwieg.
„Herr Bächtle.“
„Leute sterben dort unten“, sagte er leise. „Nicht dauernd. Aber schnell genug, wenn sie unvorsichtig sind.“
„Das war keine Antwort.“
„Doch. Die beste, die Sie kriegen.“
„Dann anders. Gibt es jemanden, der dort unten nicht nur reingeht, sondern sich auskennt? Richtig auskennt.“
Wieder dieser Blick. Kurz zur Wandkarte, dann zurück.
„Vielleicht.“
„Name.“
„Nein.“
„Wieso?“
Er hob die Schultern. „Weil Sie jetzt schon glauben, Sie hätten eine Linie. Vermisster Mann. Alter Zugang. Sonderlinge aus dem Dorf. Wenn ich Ihnen einen Namen gebe, machen Sie aus dem Nächsten sofort den Schuldigen.“
„Und wenn er einer ist?“
„Dann finden Sie’s auch ohne mich.“
Lenz atmete einmal sichtbar durch. Gabriela sah ihn aus dem Augenwinkel. Er war wieder da, ganz. Nur angespannter.
„Wir kommen wieder“, sagte sie.
„Tun Sie das.“
„Und falls Ihnen heute Nacht einfällt, dass Schweigen manchmal dümmer ist als Reden, rufen Sie an.“
Bächtle ging nicht auf den Satz ein. Er hielt ihnen nur die Tür auf.
Draußen atmete die Luft leichter als drinnen.
Lenz blieb kurz auf der Veranda stehen und sah hinunter zum Hof. „Netter Mann.“
„Wie geht’s dir?“
Er drehte sich halb zu ihr. „Du kannst das auch subtile fragen.“
„Ich wollte es gerade nicht subtil.“
Er fuhr sich mit den Fingern über das Auge, dann über den Nacken. „Manchmal habe ich kurze Aussetzer, wenn ich zu wenig Schlaf und zu viel Reize kombiniere. Mehr nicht.“
„Aussetzer?“
„Nicht so, wie du jetzt guckst.“
„Wie gucke ich?“
„Als würdest du innerlich schon einen Rettungswagen bestellen.“ Er lehnte sich ans Geländer, nur einen Moment. „Ich habe Epilepsie. Gut eingestellt. Medikamente.
Meistens gar kein Thema. Und nein, bevor du fragst: Die Dienststelle weiß es.“
Gabriela sagte nichts.
„Es ist wirklich kein Drama“, setzte er nach. „Nur etwas, das ich im Auge behalten muss. Schlechter Schlaf, flackerndes Licht, Stress, zu viel Koffein, solche Sachen. Ich hab’s im Griff.“
Sie musterte ihn. Er sah nicht so aus, als wolle er bemitleidet werden. Eher so, als verabscheue er schon den Gedanken daran.
„Warum hast du es nicht früher gesagt?“
„Weil wir bisher keinen Anlass hatten, einen Gesundheitsfragebogen im Auto durchzugehen.“
„Das hier ist Anlass genug.“
„Ja“, sagte er ruhig. „Deshalb weißt du es jetzt.“
Gabriela nickte langsam. „Gut.“
Er schaute sie an, als warte er auf das Übliche. Zweifel. Rückzug. Dienstliches Absichern.
„Gut?“
„Ja. Aber wenn du merkst, dass es kippt, sagst du’s. Bevor ich es an deinem Gesicht lesen muss.“
Ein kurzer Zug um seinen Mund. Fast Erleichterung. Fast Ärger darüber, dass Erleichterung nötig war.
„Abgemacht.“
Sie stiegen in den Wagen. Für die ersten Minuten sprach keiner. Nicht aus Verlegenheit. Eher weil die Information einen Platz finden musste, ohne gleich zum Zentrum zu werden. Genau das wollte Gabriela auch nicht. Der Fall war der Fall. Martin Lenz war nicht plötzlich aus Glas.
Trotzdem dachte sie an den Hang, an das flackernde Licht im Bunker, an enge Gänge und zu wenig Schlaf. Sie legte den Gedanken erst einmal in eine Ecke ihres Kopfes, wo wichtige Dinge landeten, die man noch nicht anschauen musste.
Im Revier war es später Nachmittag. Das Licht im Flur summte, draußen wurde der Himmel schon dunkler, als wäre der Tag früher müde geworden als nötig. Bernauer stand in seinem Büro und telefonierte. Als er die beiden sah, legte er auf.
„Na?“
„Bächtle weiß mehr“, sagte Gabriela.
„Natürlich.“
„Er gibt nichts Freiwilliges. Aber er kennt die Anlagen. Und er will keinen Namen nennen.“
Bernauer nickte. „Passt zu seinem Ruf.“
„Und?“, fragte Lenz.
Bernauer hob einen Umschlag vom Schreibtisch. „Spurensicherung hat das Blut vorläufig als menschlich bestätigt. Nicht genug für mehr. Und die Speicherkarte lebt.“
Gabriela spürte, wie sich etwas in ihr straffte. „Was ist drauf?“
„Noch nicht vollständig ausgewertet. Aber genug.“ Er zog einige Ausdrucke hervor.
„Reber hat am Dienstag Bilder gemacht. Erst vom Hof, den er fotografieren sollte. Dann Waldstücke. Dann den Zugang im Hang.“
Er legte die Bilder auf den Tisch.
Unscharfe, regennasse Aufnahmen. Fichten. Hang. Beton im Grün. Das Gitter. Ein näherer Ausschnitt des Schlosses. Dann ein Foto aus einem Winkel, der Gabriela sofort auffiel: weiter unten, seitlich versetzt, als hätte Reber jemanden oder etwas durch Pflanzen hindurch erwischen wollen.
Auf dem Bild stand zwischen den Bäumen ein Fahrzeug.
Dunkel. Unscharf. Aber deutlich ein Pickup.
Lenz trat näher. „Scheiße.“
Bernauer legte ein weiteres Bild daneben. Diesmal stärker verwackelt. Ein Ausschnitt vom Hang, rechts das Gitter, links ein dunkler Schatten, kaum mehr als eine menschliche Form.
„Das ist alles?“, fragte Gabriela.
„Bisher. Zwei Dateien danach sind beschädigt. Die IT versucht noch was.“
Sie sah auf den Pickup. Nicht scharf genug für Kennzeichen. Nicht scharf genug für eine Marke. Aber scharf genug, um eine Richtung vorzugeben.
„Bächtle“, sagte Lenz.
„Vielleicht“, sagte Bernauer. „Oder einer von hundert anderen Männern mit dunklem Pickup im Schwarzwald.“
„Wie viele von denen parken nachts an alten Bunkern?“
„Zu viele für saubere Schlussfolgerungen, zu wenige für einen guten Schlaf.“
Gabriela nahm das Bild in die Hand. Rebers letzter Blick, eingefroren in Regen und Pixeln. Ein Fahrzeug im Wald. Jemand beim Eingang. Ein abgerissener Kameragurt. Blut am Hang.
Sie dachte an Bächtles ordentliche Küche, seine Karte an der Wand, das Lächeln ohne Augen.
