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Im Schwarzwald, wo Nebel und Schweigen dichter sind als die Tannen, wird ein externer Gutachter tot im Moor gefunden. Kommissarin Mara Kienzle kehrt nach Tannenried zurück – in ein Dorf, das sie kennt und das sie plötzlich nicht mehr wiedererkennt. Was als Routine beginnt, kippt, als Spuren zu einem Vermisstenfall aus dem Jahr 1999 führen: Leonie Auer, das Mädchen, das einfach verschwand. Ein abgelegener Stollen, ein verbrannter Schuppen und eine Tonaufnahme reißen alte Wunden auf – und bringen Mara einer Wahrheit näher, die jemand seit Jahrzehnten „sauber“ hält. Je mehr sie findet, desto klarer wird: Hier geht es nicht um einen Täter, sondern um ein System. Und wer zu viel sieht, wird selbst zum Risiko. Moorlicht ist Band 1 der Reihe Die Schwarzwald-Akten – ein düsterer Ermittler-Krimi voller Waldatmosphäre, Tempo und Wendungen.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Der Schwarzwald sah am Abend immer aus, als würde er gleich etwas sagen und es sich im letzten Moment doch verkneifen.
Dr. Erik Voss merkte das, als er von der Bundesstraße abbog und die Schilder kleiner wurden. Die Orte auch. Erst noch ein Supermarkt, dann nur noch ein Bäcker, dann Wald. Tannenried stand auf dem Schild. Darunter: Herzlich willkommen.
Er fuhr langsamer, nicht aus Angst, sondern das tat er Automatisch. Die Straße war schmal, feucht, die Kurven kamen schnell. Links Fichten, rechts Fichten, dazwischen vereinzelt Häuser, dunkel und dicht an die Hänge gebaut, als würden sie sich festklammern. Aus manchen Schornsteinen stieg Rauch. Es roch nach Holz und nasser Erde, selbst durch die Lüftung im Auto.
Er stellte das Radio leiser. Das Gerät knisterte hier oben sowieso nur noch.
Auf dem Beifahrersitz lag sein Laptop-Rucksack, ordentlich geschlossen, daneben eine
Mappe mit Ausdrucken, Fotos, Laborwerte. Obendrauf: sein Notizbuch. Seine Handschrift war geschniegelt, fast schon peinlich. Er war so einer, der auch im Stress gerade Linien schrieb.
Er zog einmal den Kragen seines Mantels hoch, obwohl er im Auto saß. Es war nicht kalt. Es war nur… dieses Gefühl. Als würde der Ort ihn anschauen.
„Es ist nur ein Auftrag“, murmelte er zu sich. „Drei Tage. Dann bist du wieder weg.“
Das stimmte sogar. Der Kunde hatte es klar gesagt: Bodenproben, Wasserproben, kurze Einschätzung. Projektverträglichkeit. Nichts Dramatisches. So ein Standard ding. So etwas machte er ständig.
Nur war er selten in Dörfern, in denen die Leute einen beim ersten Blick so taxierten, als hätten sie eine Waage in den Augen. Bist du von hier? Nein. Was wollen sie hier?
Er rollte über Kopfsteinpflaster in den Ortskern. Ein kleiner Platz, ein Brunnen, ein
Gasthof, eine Bankfiliale, ein paar parkende Autos. Der Gasthof hatte ein Schild: Zur Linde. Warmes Licht in den Fenstern, als würde dort drinnen die Welt noch in Ordnung sein.
Er parkte, stieg aus, und sofort setzte sich die Luft auf ihn. Feucht. Schwer. Als würde sie etwas halten.
Er nahm nur den Rucksack und die Mappe. Keine Lust, zweimal zu laufen. Der Himmel war bereits dunkelblau, irgendwo dahinter noch ein Streifen hell. Über den Dächern hing Dunst.
Im Gasthof roch es nach Braten und Bier und diesem süßen Holzrauch, der an Jacken klebt. Stimmen. Gläserklirren. Ein paar Köpfe drehten sich zu ihm. Kurz. Nicht auffällig. Aber er spürte es.
Die Wirtin war Mitte fünfzig, blond gefärbt, kräftige Arme, schneller Blick. Sie lächelte professionell.
„Grüß Gott. Sie sind…?“
„Voss. Erik Voss.“ Er hielt den Ausweis nicht hin, sagte nur den Namen. „Ich habe ein Zimmer. Auf Voss reserviert.“
Das Lächeln blieb, aber es wurde dünner. „Ah. Ja. Zimmer drei. Frühstück ab sieben. Wenn’s früher sein soll, sagen Sie Bescheid.“
„Danke.“
Er bekam den Schlüssel, ging die Treppe hoch, hörte unten ein kurzes Schweigen, dann wieder Stimmen. Als wäre er ein Stein, der in einen Teich gefallen war und jetzt musste das Wasser erst wieder glatt werden.
Oben war der Flur niedrig, Teppich, alles ein bisschen alt, aber sauber. Zimmer drei: Bett, Schrank, kleines Bad, Fenster zum Parkplatz. Er stellte den Rucksack ab, setzte sich kurz auf die Bettkante und starrte auf seine Hände.
Er hatte nicht das Gefühl, gefährlich zu leben. Wirklich nicht. Er war Wissenschaftler, kein Held. Aber manchmal, wenn es um Boden ging, um Wasser, um Zahlen, wurde es plötzlich persönlich für Leute. Weil Zahlen plötzlich Geld bedeuteten. Oder Schuld. Oder beides.
Er schaltete das Handy ein. Kein Empfang. Dann, nach ein paar Sekunden, ein Balken. Zwei Balken. Eine Nachricht kam rein, als hätte das Telefon sie die ganze Zeit festgehalten.
Unbekannte Nummer:
22:30. Stollen. Komm allein. Wenn du wissen willst, was hier wirklich im Boden ist.
Er starrte darauf, als wäre es ein schlechter Witz.
Stollen.
Er kannte das Wort aus dem Vorgespräch. „Da gibt’s alte Anlagen, stillgelegt, da brauchen Sie nicht hin“, hatte der Mann am Telefon gesagt. Der Mann hatte dabei gelacht, aber nicht freundlich. Eher so, als würde man über etwas lachen, das man nicht aussprechen will.
Erik legte das Handy aufs Bett. Stand wieder auf. Ging zum Fenster. Draußen war sein Auto. Dahinter Wald.
Er atmete aus.
Das konnte ein Blödsinn sein. Ein Dorfkind, das sich wichtig machen wollte. Oder ein Aktivist, der ihn benutzen wollte. Oder jemand, der ihn testen wollte.
Oder jemand, der wirklich Angst hatte.
Er nahm das Handy wieder, tippte die Nummer an, wollte zurückrufen. Es klingelte nicht. Es kam sofort „nicht erreichbar“.
Er fluchte leise. Setzte sich an den kleinen Tisch, klappte den Laptop auf, öffnete seine
Unterlagen. Er hatte heute schon Proben genommen, grob. Morgen würde er an den Bach, an die Wiesen, an den Randbereich, wo das Projekt geplant war. Er konnte das alles ohne Drama machen. Ganz sachlich. Und dann wieder weg.
Nur: Die Nachricht blieb in seinem Kopf hängen wie ein Haken.
Er öffnete sein Notizbuch und schrieb:
Unbekannte Nummer. Stollen. 22:30. Könnte Hinweis sein. Vorsicht.
Dann schob er das Notizbuch weg und lachte kurz. Nicht weil es lustig war. Sondern weil es lächerlich war, dass er überhaupt darüber nachdachte. Er war nicht zwölf.
Er ging runter in den Gastraum, bestellte ein Wasser, setzte sich an einen Tisch am Rand. Er wollte nicht auffallen und tat genau das. Allein am Rand, mit Mantel und Laptop-Rucksack. Fremder geht es kaum.
Am Nachbartisch saßen drei Männer, um die sechzig, alle in Arbeitskleidung, die nach Holz und Öl roch. Sie redeten laut, bis sie ihn bemerkten, dann etwas leiser. Er hörte trotzdem Brocken.
„…wieder so einer…“
„…die nehmen uns alles weg…“
„…Bürgermeisterin sagt, wird gut…“
Er tat so, als würde er es nicht hören. Trank sein Wasser. Sah auf die Speisekarte, obwohl er keinen Hunger hatte.
Die Wirtin kam.
„Sie essen nix?“
„Später vielleicht. Ich bin noch müde von der Fahrt.“
„Aha“ Sie blieb kurz stehen, als würde sie sich etwas überlegen. Dann beugte sie sich ein wenig näher. „Sie sind wegen… den Proben hier, ja?“
Er hielt den Blick. „Ja. Umweltgutachten.“
„Mhm.“ Sie nickte, als hätte sie das erwartet. „Dann… passen Sie auf, wo Sie rumlaufen. Hier draußen ist es schnell dunkel. Und glatt. Und… man kann sich verlaufen.“
„Ich verlauf mich nicht so leicht.“
Das war nicht überheblich gemeint. Nur eine Feststellung.
Die Wirtin lächelte wieder, aber dieses Lächeln hatte jetzt Kanten. „Sagen alle.“ Sie ging.
Erik blieb sitzen. Er fühlte, wie sein Nacken warm wurde. Diese Art Warnung war schwer. Man wusste nie, ob sie nett gemeint war oder nicht.
Er bezahlte, ging hoch, zog sich um. Jeans, feste Schuhe, dunkler Pullover. Keine Jacke, nur eine leichte. Taschenlampe. Powerbank. Er war nicht dumm. Er war nur… neugierig.
Um zehn nach zehn schrieb er eine Nachricht an Anika, seine Ex. Nicht weil er dachte, sie könnte helfen. Nur weil er das tat, wenn ihm etwas komisch vorkam.
Ich bin in Tannenried. Hab eine komische Nachricht bekommen. Treffpunkt 22:30 am „Stollen“. Vermutlich Quatsch. Meld mich später.
Er starrte kurz auf den Text, dann schickte er ihn ab.
Der Empfang war wieder schlecht. Die Nachricht blieb erst bei „Senden…“, dann ging sie raus. Oder auch nicht. Keine Ahnung.
Er steckte das Handy ein, nahm die Taschenlampe, ging runter, raus.
Draußen war es jetzt richtig dunkel. Der Ort war stiller. Kein Wind. Nur irgendwo ein Hund, der einmal bellte und dann wieder schwieg.
Er ging zum Auto, öffnete es, nahm aus dem Kofferraum noch seine kleine Kamera. Nicht die große Ausrüstung, nur die kleine, schnelle. Und Handschuhe. Latex.
Als er die Autotür schloss, hallte es kurz, und die Stille danach war noch größer.
Er fuhr aus dem Ort raus, langsam, suchte eine Stelle, wo er parken konnte, ohne direkt vor einem Haus zu stehen. Nach ein paar Minuten fand er einen kleinen Feldweg, eine Art Ausbuchtung. Da stand schon ein anderes Auto. Alt. Dunkel. Er sah niemanden darin.
Er parkte ein Stück dahinter, schaltete den Motor aus.
Das Handy zeigte wieder nur einen Balken. Keine neue Nachricht.
Er wartete kurz. Lauschte. Nichts.
Dann stieg er aus.
Die Luft roch hier stärker nach Wald. Nicht nach Gasthof und Rauch, sondern nach Moos, Pilz, feuchtem Holz. Der Boden unter seinen Schuhen war weich, federte leicht. Wenn er die Taschenlampe anmachte, sah er Dampf aus seinem Atem.
Er ging los, folgte dem Weg, der mehr eine Spur war. Links und rechts Fichten, und das ziemlich dicht bewachsen. Der Lichtkegel seiner Lampe schluckte den Nebel, machte ihn milchig. Weiter vorne war alles schwarz.
Er musste an die Männer im Gasthof denken. An die Wirtin. An den Satz: Sagen alle.
Er grinste kurz in die Dunkelheit. „Okay, Mama“, murmelte er, „ich pass auf.“
Nach ein paar Minuten sah er ein Schild, halb schief, auf dem in verblassten Buchstaben stand:
BETRETEN VERBOTENEINSTURZGEFAHR
Darunter eine alte Kette, die quer über einen breiteren Waldweg hing.
Der Stollen war also kein Mythos. Er war echt. Und jemand hatte sich die Mühe gemacht, das hier zu markieren.
Er ging näher, leuchtete rechts in die Böschung. Da war ein dunkles Loch, halb zugewachsen, wie ein Mund, der seit Jahren nicht mehr gesprochen hatte. Davor ein Gitter, rostig, und ein Vorhängeschloss. Das Schloss sah neuer aus als das Gitter. Als hätte es jemand erst vor kurzem angebracht.
Seine Uhr zeigte 22:27.
„Na dann“, sagte er leise.
Er wartete. Eine Minute. Zwei.
Er hörte Schritte, ganz leicht, auf Laub. Nicht weit. Er drehte sich, hielt die Lampe tiefer, um nicht zu blenden.
Aus dem Dunkel kam eine Gestalt. Ein Mann. Durchschnittlich groß. Mütze. Jacke. Er hatte eine Stirnlampe, die er erst spät einschaltete, als er nah genug war.
„Du bist pünktlich“, sagte der Mann.
Seine Stimme war ruhig. Nicht aggressiv. Aber auch nicht freundlich.
Erik hielt den Blick. „Du hast mir geschrieben?“
Der Mann nickte. „Ja.“
„Warum anonym?“
„Weil ich hier lebe.“
Erik zog die Schultern hoch. „Und ich nicht.“
Der Mann verzog kurz den Mund. Das hätte ein Lächeln sein können, wenn er es gewollt hätte.
„Nenn mich Sven“, sagte er.
„Sven was?“
„Reicht.“
Erik merkte, wie in ihm etwas protestierte. Er wollte Namen. Fakten. Sicherheiten. Das war sein Ding.
Trotzdem fragte er: „Warum triffst du dich mit mir?“
Sven schaute zum Stollen, dann zurück. „Weil du sonst nur Proben nimmst, wo sie dich hinlassen. Und da findest du nix.“
„Und du willst, dass ich was finde?“
„Ich will, dass du siehst. Dann kannst du entscheiden.“
„Sie?“
Sven schnaubte leise. „Die, die hier reden, als wäre das Dorf ihre Firma.“
Erik nickte langsam. „Okay. Was genau soll ich sehen?“
Sven ging zum Gitter, kniete sich hin, leuchtete auf das Schloss. „Das hier ist neu.“
„Das seh ich.“
„War vorher offen.“
Erik stellte sich neben ihn. „Und jetzt?“
Sven griff in seine Jackentasche, holte einen Schlüsselbund raus. Metall klirrte leise. Er suchte nicht lange, als wüsste er genau, welcher Schlüssel es ist.
Erik spürte, wie sich sein Bauch zusammenzog. „Moment. Du hast einen Schlüssel?“
Sven sah ihn kurz an. „Ich habe Zugang. Zu mehr als du denkst.“
Das Schloss klickte. Die Kette löste sich.
Erik schluckte. „Ist das nicht… illegal?“
„Was hier drin ist, ist illegal“, sagte Sven und stand auf. „Das Schloss ist das kleinste Problem.“
Erik zögerte noch, weil sein Kopf ihm sagte: Das ist dumm.
Aber sein Bauch sagte: Wenn du jetzt umdrehst, denkst du den Rest der Nacht drüber nach.
Sven schob das Gitter ein Stück zur Seite. Es quietschte. Es klang, als hätte er hier drin geschlafen.
„Du gehst vor“, sagte Erik.
Sven nickte. „Logisch.“
Sie gingen rein.
Der Eingang war breiter, als Erik gedacht hatte. Der Boden war fest, Kies und Erde, nicht nur Schlamm. Es war kälter hier drin, aber nicht eisig. Der Geruch änderte sich sofort.
Nicht nach Höhle, nicht nach Stein sondern nach etwas Chemischem. Wie alte Farbe. Wie Lösungsmittel. Wie Werkstatt.
Erik hielt die Luft an und atmete dann flach.
„Riechst du’s?“ fragte Sven.
„Ja.“
„Das riechst du nicht, wenn du am Bach unten bist.“
Erik machte ein Foto. Dann noch eins. Ohne Blitz, nur mit Lampe. Er wollte sich nicht verraten, falls irgendwo Kameras waren, aber das war wahrscheinlich paranoid. Trotzdem.
Sie gingen tiefer. Der Gang machte nach wenigen Metern einen Knick. Sven blieb kurz stehen und schaltete die Stirnlampe aus. Nur seine Handlampe blieb, gedimmt.
„Warum?“ flüsterte Erik, automatisch.
„Weil Licht hier auffällt“, sagte Sven. „Man sieht es draußen.“
„In einem Stollen?“
Sven nickte. „Es gibt Schächte. Ritzen. Und Leute, die wissen, wohin sie gucken.“
Erik merkte, wie sein Herz schneller schlug. Nicht wie bei Panik. Mehr wie bei Arbeit. Wie kurz bevor man etwas Wichtiges findet.
Sie gingen weiter.
Dann sah Erik es.
Erst nur Konturen.
Als Sven die Lampe kurz stärker machte, sah er die Metallfässer. Eine Reihe. Dann noch eine. Mindestens zwanzig. Einige lagen, andere standen. Auf manchen waren Aufkleber, halb abgerissen. Auf einem erkannte Erik einen Warnhinweis. Er konnte nicht alles lesen, aber das Symbol reichte: ein Totenkopf.
Erik blieb stehen. Seine Kehle wurde trocken.
„Scheiße“, sagte er leise.
Sven antwortete nicht. Er stand nur da, als würde er das jeden Tag sehen.
Erik machte Fotos. Viele. Nah. Dann weit. Er ging ein Stück näher, leuchtete auf die Aufkleber. Lösemittel, dachte er. Altöl? Irgendwas Industrielles. Er war kein Chemiker, aber er kannte die Kategorien. Und er wusste: Das gehört nicht hierhin.
„Wie lange?“ fragte er.
Sven hob die Schultern. „Jahre. Vielleicht länger.“
„Wer?“
Sven schaute ihn an. „Du willst Namen. Ich kann dir nicht alle geben. Aber…“ Er deutete in eine Ecke. Dort war ein Palettenstapel, darauf Plastik, darunter Kartons. Einer war offen. Darin lagen viele Kabelbinder.
Erik starrte auf die Kabelbinder, dann wieder zu Sven. „Warum Kabelbinder?“
Sven antwortete nicht sofort. Sein Blick wanderte kurz weg. Als hätte er etwas gesehen, das nicht da war.
„Zum Fixieren“, sagte er schließlich. „Von Zeug. Von Planen. Von… allem.“
Erik sagte nichts. Er machte ein Foto davon. Seine Finger zitterten leicht, und er hasste das.
„Du hast gesagt, ich kann entscheiden“, sagte Erik. „Was heißt das?“
Sven ging ein paar Schritte weiter, zeigte auf eine Stelle im Boden. Da war etwas Dunkles, wie ein Fleck, der nicht wegwollte. Und daneben eine Rille, als hätte man schwere Sachen geschleift.
„Die machen das nicht, weil sie dumm sind“, sagte Sven. „Die machen das, weil sie glauben, sie kommen durch.“
Erik kniete sich hin, wollte den Fleck anschauen, aber Sven packte ihn am Arm.
„Nicht anfassen.“
Erik sah hoch. „Warum?“
„Weil du dann mit drin bist“, sagte Sven ruhig. „Mit deinen Handschuhen, deinen Spuren.“
Erik nickte, auch wenn es ihm gegen den Instinkt ging. Er stand wieder auf.
Er wollte gerade das Handy rausziehen, um eine Sprachnotiz zu machen, da sagte Sven: „Kein Handy.“
Erik blieb stehen. „Was?“
„Kein Handy hier drin“, wiederholte Sven. „Signal. Ortung. Und wenn du Pech hast, hörst du noch jemandem zu, der mithört.“
Erik schluckte. „Wer soll denn hier mithören?“
Sven sah ihn an, und jetzt war da kein Hauch von Humor mehr. „Leute, die nicht wollen, dass du morgen mit einem Bericht in der Hand aufkreuzt.“
Erik steckte das Handy wieder weg. Sein Herz pochte. Er sagte sich: Du machst Fotos. Und dann gehst du gleich wieder raus. Dass reicht.
„Okay“, sagte er. „Ich hab genug.“
Sven nickte. „Dann komm.“
Sie drehten um.
Und da merkte Erik, dass der Stollen auf dem Rückweg anders klang.
Nicht weil er sich verändert hatte. Sondern weil Erik jetzt jeden kleinen Ton hörte. Das Tropfen von Wasser irgendwo. Das Schaben ihrer Schuhe. Das Atmen.
Und etwas, das nicht zu ihnen passte.
Ein leises Klicken. Ein metallisches, kurzes Geräusch.
Erik blieb stehen. „Hast du das gehört?“
Sven blieb auch stehen. Seine Schultern spannten sich. Er leuchtete nach vorne, dann nach hinten.
„Weiter“ sagte Sven knapp.
„War da jemand?“
„Weiter“, wiederholte Sven, härter.
Erik gehorchte, weil in Svens Stimme etwas war, das er nicht diskutieren wollte. So eine Stimme, die nicht bittet.
Sie erreichten den Knick. Sven machte die Lampe wieder dunkler. Erik fühlte, wie Schweiß kalt in seinem Nacken stand. „Sven“, flüsterte er. „Wenn hier jemand ist...“
„Halt die Klappe“, sagte Sven.
Erik hielt wirklich die Klappe. Sofort.
Sie waren fast am Eingang, da blieb Sven abrupt stehen. So abrupt, dass Erik beinahe gegen ihn lief.
Vor dem Gitter stand jemand.
Nicht direkt davor, aber im Eingang, als Schatten. Ein zweiter Lichtkegel. Ein zweites Paar Schritte. Nicht schnell. Ruhig. Als hätte derjenige Zeit.
Erik spürte, wie sein Magen nach unten fiel.
„Wer ist das?“ flüsterte er.
Sven antwortete nicht.
Der Schatten hob die Lampe ein wenig, und Erik sah ein Gesicht. Nicht gut. Nur grob.
Mann. Breit. Bart. Oder Schmutz im Gesicht. Er konnte es nicht sagen.
„Na“, sagte die Stimme. Tief. „So spät noch unterwegs?“
Sven sagte: „Geh zur Seite.“
Der Mann lachte leise. „Ich glaub nicht.“
Erik merkte, wie seine Knie weich wurden. Er hasste das Gefühl. Er war nicht gemacht für Situationen, in denen man nicht einfach „Stop“ sagen konnte.
„Ich bin nur Gutachter“, sagte Erik, und er klang dabei zu hoch. „Ich… ich war nur...“
„Nur was?“ fragte der Mann. „Nur schauen?“
Sven machte einen Schritt nach vorne. „Mach keinen Scheiß.“
Der Mann blieb stehen. „Du hast ihn hergebracht, Sven. War das klug?“
Erik starrte Sven an. „Ihr kennt euch.“
Sven sagte nichts.
Der Mann drehte den Kopf ein wenig, als würde er Erik mustern. „Du glaubst, du gehst da raus, machst deinen Bericht und dann geht’s weiter wie vorher?“
Erik sagte: „Ich melde das. Das ist… das ist gefährlich. Das ist...“
„Gefährlich“ wiederholte der Mann und lachte noch einmal. „Ja. Für wen wohl.“
Erik spürte, wie sein Puls in den Ohren hämmerte. Er dachte an Anika. An seine Nachricht. Hoffentlich war sie angekommen. Hoffentlich.
Sven sagte leise: „Lass ihn gehen.“
„Warum?“ fragte der Mann. „Damit er uns morgen die Bude einreißt?“
Sven stand plötzlich still. Und in dieser Stille war eine Entscheidung.
Erik sah es in seinem Gesicht. Nur einen Moment. Wie ein Schatten, der übers Auge läuft.
„Sven“, sagte Erik, sehr leise. „Was ist das hier?“
Sven sah ihn an. Und in diesem Blick war etwas, das Erik nicht wollte. Kein Hass. Nicht mal Wut. Eher… etwas Kaltes. Etwas, das sich schon entschieden hat, bevor du überhaupt fragst.
„Gib mir die Kamera“, sagte Sven.
Erik blinzelte. „Was? Nein.“
„Gib sie mir“, wiederholte Sven. Ruhig. „Und das Handy.“
Erik schüttelte den Kopf. Er hörte sich selbst atmen, schnell und flach.
„Sven, hör zu“
Sven machte einen Schritt auf ihn zu.
Erik wich zurück. „Du willst das doch auch, dass es rauskommt. Du hast mich hergebracht.“
Sven sagte: „Ich habe dich hergebracht, damit du siehst, wie es ist. Nicht damit du’s rausbrüllst.“
„Was redest du da?“
Der Mann am Eingang sagte: „Er ist schlau. Endlich.“
Erik spürte Panik. Richtig. Nicht dieses nervöse Kribbeln. Echte Panik. Er machte instinktiv den Fehler, den viele machen: Er rannte.
Nicht nach draußen, weil da stand der andere, sondern nach hinten, tiefer in den Stollen, in die Dunkelheit.
Er hörte Schritte hinter sich. Schnell. Schwer.
„Bleib stehen!“ rief Sven.
Erik rannte weiter.
Der Boden war uneben. Er stolperte, fing sich wieder. Er leuchtete mit der Lampe, aber sein Lichtkegel tanzte, zeigte ihm nur Bruchstücke.
Er spürte eine Hand an seiner Jacke. Stark. Er wurde zurückgerissen. Die Luft verließ seine Lunge, als hätte jemand sie rausgeschlagen.
Er drehte sich, schlug wild um sich. Traf nichts. Oder traf Schulter. Er wusste es nicht.
Dann ein harter Schlag gegen seinen Kopf. Nicht wie im Film. Kein Sternchen. Nur plötzlich Schmerz und ein dumpfes Rauschen.
Erik ging in die Knie.
Er hörte Stimmen. Nah. Zu nah.
„Mach’s sauber“, sagte der tiefe Mann. „Kein Drama.“
Sven antwortete etwas, aber Erik verstand es nicht. Sein Ohr pfiff.
Er spürte, wie jemand seine Arme packte, nach hinten zog. Ein Kabelbinder, kalt auf der Haut, dann das festziehende Gefühl. Zu eng. So eng, dass ihm die Finger sofort taub wurden.
„Bitte“, keuchte Erik. Das Wort kam raus, bevor er es stoppen konnte. Er hasste sich dafür.
Er hob den Kopf. Sah Sven. Nur Sven.
„Du kannst das nicht machen“, flüsterte Erik. „Du hast mich hergebracht. Du...“
Sven kniete sich hin, ganz nah. Seine Augen waren im Licht der Lampe klar. Fast traurig. Fast menschlich. Und trotzdem nicht weich.
„Du hättest nicht kommen sollen“, sagte Sven.
Erik schüttelte den Kopf, langsam, weil ihm schwindelig war. „Du hast mich eingeladen.“
Sven atmete aus. „Ich hab gedacht…“ Er brach ab.
„Was?“ Erik klammerte sich an dieses Wort, als wäre es ein Seil. „Was hast du gedacht?“
Sven sagte: „Dass du klüger bist.“
„Klüger? Ich...“
Der tiefe Mann stand jetzt hinter Sven. Er legte eine Hand auf Svens Schulter, wie ein Chef. Wie jemand, der Besitz zeigt.
„Reicht“, sagte der Mann. „Raus hier.“
Sie zogen Erik hoch. Er versuchte, sich zu wehren, aber seine Beine waren weich, sein Kopf schwer. Alles in ihm war plötzlich langsam.
Sie zerrten ihn Richtung Ausgang. Er merkte, wie die Kamera ihm aus der Tasche gezogen wurde. Das Handy auch. Jemand fluchte leise, als hätte es zu wenig Empfang.
Erik wollte schreien. Aber die Luft kam nicht.
Als sie den Stollen verließen, schlug ihm die kalte Nacht ins Gesicht. Er hätte nie gedacht, dass frische Luft so gut riechen kann. Wald. Moos. Freiheit. Und jetzt wurde es ihm genommen.
Draußen war der Nebel dichter. Der Wald stand still. Und irgendwo, ganz weit weg, hörte er ein Tier. Oder Einbildung.
Sie schleppten ihn über den Weg, weg vom Eingang. Nicht Richtung Dorf. Tiefer in den Wald.
„Wohin?“ keuchte Erik.
Keiner antwortete.
Er sah zwischen den Bäumen ein schwaches Licht flackern. Ganz kurz. Wie ein Irrlicht. Wie das, was die Leute „Moorlicht“ nannten, wenn sie Geschichten erzählten.
Erik dachte plötzlich an die Wirtin. Passen Sie auf, wo Sie rumlaufen.
Er wollte lachen, aber es kam nur ein heiseres Geräusch.
„Sven“, brachte er raus. „Wenn du… wenn du nur einmal…“
Sven ging neben ihm. Sah geradeaus. Sagte nichts.
Erik merkte, wie seine Hoffnung, die eben noch da war, in kleinen Stücken abbrach. Nicht auf einmal. Stück für Stück. Wie morsches Holz.
Sie kamen an eine Stelle, wo der Boden weicher wurde. Er spürte es sofort. Seine Schuhe sanken leicht ein. Der Geruch änderte sich. Mehr Wasser. Mehr fauliges Grün.
Moor.
Erik blieb stehen, weil sein Körper es wollte. Weil irgendwo in ihm ein Instinkt schrie: Hier nicht.
Der tiefe Mann stieß ihn weiter. „Los.“
Erik stolperte, fing sich und riss an den Kabelbindern. Keine Chance.
Er sah den Bohlenweg. Die Holzplanken waren feucht, glitschig. Wie eine schmale Brücke durch die Dunkelheit.
„Nein“, flüsterte er. „Bitte nicht.“
Sven blieb kurz stehen. Nur einen halben Schritt. Sein Kopf drehte sich minimal zu Erik, als würde er etwas sagen wollen.
Dann kam ein Geräusch.
Ein kurzes, trockenes Knacken. Wie ein Ast. Oder etwas anderes.
Erik spürte einen stechenden Schmerz in Form von druck, was sich in schmerz umwandelt, bis es brannte. Dann wurde ihm warm. Zu warm.
Er wollte etwas sagen, aber seine Stimme war weg.
Er fühlte, wie seine Knie nachgaben. Wie er nach vorne kippte. Wie Holz unter seinen Händen rutschig wurde, weil es nass war. Wie sein Gesicht den Nebel berührte.
Er hörte noch Wasser. Ganz nah. Das leise Schmatzen von Moor, das Dinge nimmt. Und irgendwo, ganz weit weg, ein Handy, das nicht mehr piepte.
Dann wurde alles schwarz. Nur der Wald blieb still. Als hätte er nichts gesehen. Als hätte er geschwiegen, wie immer.
Der Anruf kam um 06:12 Uhr, und Mara Kienzle war schon wach, obwohl sie es nicht sein wollte.
Sie lag im Bett ihrer kleinen Dienstwohnung, starrte an die Decke und hörte, wie irgendwo im Haus eine Heizung klackte. Dieses Geräusch kannte sie von früher. Als Kind hatte es sie beruhigt. Heute klang es nach: Du bist wieder hier.
Das Handy vibrierte auf dem Nachttisch. Kein Klingeln, nur dieses kurze, nervige Brummen. Mara griff hin, ohne hinzuschauen. Auf dem Display stand „Bühler“.
Natürlich.
„Kienzle“, sagte sie, noch mit dieser rauen Schlafstimme.
Am anderen Ende atmete jemand kurz aus, so als hätte er schon dreimal angesetzt. „Morgen, Ralf Sorry, dass ich dich so früh raushole.“
„Du holst mich nicht raus“, meinte Mara. „Ich war wach.“
„Dann passt’s.“ Man hörte ein Rascheln, Papier oder Jacke. „Wir haben ’nen Fund. Moorgebiet, Bohlenweg, draußen am alten Forstweg. Jogger hat’s gemeldet. Sieht nicht gut aus.“
Mara setzte sich auf. Der Kopf war sofort klar, als würde ihr Körper das Abrufen, wofür er trainiert war. Die Wärme vom Bett war weg, die Realität war da.
„Leiche?“
„Ja.“
„Identität?“
„Noch nicht. Aber…“ Ralf stockte kurz. „Ich sag’s dir gleich: Das wird hier rumgehen wie Feuer. Also mach dich drauf gefasst.“
„Bin ich.“ Mara schob die Decke weg, stellte die Füße auf den Boden. Kalt. „Wo bist du?“
„Schon auf dem Weg. Ich sammel dich nicht ein, du kennst die Strecke. Treffpunkt ist beim Gasthofparkplatz, dann fahren wir gemeinsam raus. Wir wollen da nicht einzeln, wie die Hühner anrollen. Verstehst du.“
Mara verstand. In Tannenried war alles eine Bühne, und jeder Auftritt hatte Bedeutung. „Ich bin in zehn Minuten da“, sagte sie.
„Okay. Und Mara…“
Sie hielt kurz inne. Wenn jemand „und“ sagte, kam danach meistens etwas, das wehtat.
„Ja?“
„Nicht allein laufen. Der Boden ist heimtückisch dort.“
„Ich weiß.“
„Gut.“
Er legte auf.
Mara blieb einen Moment sitzen. Der Raum war still. Draußen war es noch dunkelblau. Der Schwarzwald schlief nicht wirklich, er tat nur so. Sie zog sich an, schnell, ohne nachzudenken. Jeans, Stiefel, Pullover, Jacke. Dienstwaffe. Handschuhe. Notizbuch. Schlüssel.
Im Flur roch es nach frischer Farbe und nach altem Holz. Neue Wohnung, altes Haus. Wie ihr Leben gerade.
Als sie die Haustür hinter sich schloss, schlug ihr die Luft entgegen. Feucht, kalt, so eine Kälte, die nicht beißt, sondern sich langsam in dich setzt. Der Nebel hing über der Straße wie eine zweite Haut.
Sie ging zum Auto, stieg ein und startete den Motor. Das Radio sprang an, aber sie machte es sofort aus. Sie wollte heute keine Stimmen außer den echten.
Die Straßen waren leer, als sie durch den Ort fuhr. Nur bei der Bäckerei brannte Licht. Ein Lieferwagen stand schief vor der Tür, der Fahrer rauchte, sah kurz zu ihr rüber und wieder weg. Der Gasthof „Zur Linde“ lag am Platz ziemlich dunkel, nur ein Fenster im Erdgeschoss glomm schwach, als wäre dort jemand früh dran oder nie schlafen gegangen.
Ralf stand schon da. Neben ihm ein Streifenwagen, Motor lief. Er lehnte an der Motorhaube, die Jacke halb offen, die Haare noch nicht richtig geschniegelt. In der Dämmerung sah er älter aus, als Mara ihn in Erinnerung hatte.
Als sie anhielt und ausstieg, hob er kurz die Hand.
„Morgen“, sagte er.
„Morgen.“ Mara zog die Jacke enger. „Wer ist schon draußen?“
„Zwei Streifen. Und Hartmann kommt direkt zur Stelle. Kripo aus Freiburg ist informiert, aber bis die hier sind, dauert’s. Wir sichern, so gut wir können.“
„Okay.“ Mara sah ihn an. „Und?“
Ralf verzog den Mund. „Der Jogger sagte gleich: Ein Mann mit dem Gesicht im Wasser, Körper halb auf dem Bohlenweg. Er hat sofort umgedreht und angerufen. Kein Held, aber wenigstens nicht rumgefummelt.“
„Gut.“ Mara nickte. „Wir fahren.“
Sie stiegen in den Streifenwagen. Ralf am Steuer und Mara neben ihm. Innen roch es nach Kaffee und nach diesem Kunststoffgeruch neuerer Dienstfahrzeuge. Der Scheibenwischer lief einmal über das Glas, obwohl es kaum regnete. Nebel setzte sich wie Staub.
Als sie aus dem Dorf rausfuhren, wurde es sofort dunkler. Der Wald schluckte Licht. Die Straße wand sich, die Bäume standen dicht, und irgendwo zwischen den Stämmen hing Dunst wie Rauch.
„Du warst gestern noch im Revier?“ fragte Mara.
„Ja kurz. Papierkram...“ Ralf schaute geradeaus. „Und ich hab gehört, du warst im Gasthof.“
Mara zog eine Augenbraue hoch. „Ich war nicht im Gasthof.“
Ralf grinste kurz, ohne Humor. „Du musst nicht so tun. In Tannenried warst du schon im Gasthof, bevor du eingeparkt hast.“
Mara atmete aus. „Dann hab ich wohl einen Geist.“
„Nenn’s, wie du willst.“
Sie fuhren noch ein paar Minuten. Dann bog Ralf auf einen Forstweg ab, der nicht mehr wirklich Straße war, eher ein fester Weg. Der Schotter knirschte. Der Streifenwagen wackelte leicht.
„Da vorne“, sagte Ralf.
Lichter. Blaulicht, gedämpft durch Nebel. Zwei Streifenwagen standen quer, als würde man eine Grenze ziehen. Dahinter: Dunkelheit und Wald.
Mara stieg aus. Sofort waren da Geräusche: leise Stimmen, ein Funkgerät, das knisterte, das Tropfen von Wasser irgendwo. Und dieser Geruch feuchte Erde, Moos, und noch etwas anderes, das man nicht greifen konnte.
Ein junger Beamter kam ihnen entgegen. „Herr Bühler. Frau Kienzle.“
Er war höflich, aber seine Augen waren groß. Nicht panisch, eher… angespannt.
„Wo ist der Finder?“ fragte Mara.
„Im Wagen. Zittert wie Espenlaub. Aber er hat nichts angefasst, sagt er.“
„Gut.“ Mara sah an ihm vorbei. „Wie nah sind wir dran?“
„Fünfzig Meter, dann links auf den Bohlenweg. Wir haben Flatterband gezogen.“
Ralf nickte. „Okay. Bleib hier. Und sag den Leuten, sie sollen die Schnauze halten. Keine Fotos, keine Handys.“
Der Beamte schluckte, sagte „Jawohl“ und ging.
Mara zog ihre Handschuhe an. Nicht aus Hygiene, sondern aus Gewohnheit. Es war, als würde man damit die Grenze ziehen: Hier ist Arbeit. Hier ist nichts mehr privat.
Sie gingen los. Der Weg war schmal, feucht. Der Nebel lag zwischen den Bäumen, und das Licht der Taschenlampen wurde darin weich, als würde es sich schämen.
Dann kam das Flatterband. Rot-weiß, gespannt zwischen zwei Stämmen. Dahinter begann der Bohlenweg: Holzplanken abgedunkelt vom Wasser, glänzend. Links und rechts: Moor, schwarzes Wasser, Grasbüschel, die aussahen wie kleine Inseln.
Und da lag er.
Mara blieb stehen. Nur einen halben Schritt, nicht mehr. Sie zwang sich, nicht zu starren, aber man starrt immer. Es ist der erste Reflex.
Der Mann lag halb auf dem Bohlenweg, halb daneben. Das Gesicht war zur Seite gedreht, eine Wange im Wasser. Die Haare klebten. Ein Arm war ausgestreckt, als hätte er im Fallen noch nach Halt gesucht. Die Jacke war dunkel, der Stoff schwer, als wäre er vollgesogen.
Ralf ging ein Stück vor, blieb aber auf den Planken.
„Scheiße“, murmelte er, leise. Nicht für Drama, eher wie ein Punkt am Satzende.
Mara kniete nicht. Sie blieb stehen, musterte erst das Umfeld. Das war ihr Ding. Nicht sofort am Körper rumgucken, sondern die Bühne anschauen.
Bohlenweg. Links ein Stück Grasinsel, rechts dichteres Schilf. Ein Ast lag quer, als wäre er abgebrochen. Im Wasser schwamm etwas Kleines, vielleicht ein Blatt, vielleicht Müll.
„Hartmann?“ fragte sie.
„Kommt gleich“, sagte Ralf. „Ist zehn Minuten hinter uns.“
Mara nickte. „Okay.“
Sie ging langsam näher, Schritt für Schritt, ohne die Planken zu verlassen. Der Boden daneben war nicht Boden, sondern eine Einladung zum Versinken. Sie leuchtete mit der Lampe, aber das Tageslicht wurde bereits heller. Grau, noch ohne Farbe.
„Kannst du mir sagen, ob ihr irgendwas bewegt habt?“ fragte sie den Streifenbeamten, der ein paar Meter hinter ihnen stand.
„Nein, Frau Kienzle. Wir haben nur abgesperrt. Der Finder hat uns gezeigt, wo er stand.“ „Gut.“
Mara schaute auf die Hände des Toten. Die Finger waren leicht gekrümmt. An einem Handgelenk sah sie etwas, das nicht passte. Ein heller Ring, fast wie eine Druckstelle. Sie atmete einmal langsam ein.
„Ralf“, sagte sie.
„Ja?“
„Siehst du das am Handgelenk?“
Ralf beugte sich minimal vor. „Ja. Könnte vom Ärmel sein.“
„Könnte.“ Mara ließ den Blick weiterwandern. „Oder nicht.“
Sie leuchtete auf die Schuhe. Wanderschuhe, robust. Nicht die typischen Jogger schuhe. Einer der Schuhe war mit Schlamm verschmiert, aber der Schlamm sah… anders aus. Nicht dieser schwarze Moorbrei, eher heller, lehmig.
Mara stand wieder aufrecht. „Das ist kein klassischer Unfall.“
Ralf nickte langsam, als hätte er das schon geahnt, aber nicht aussprechen wollen.
„Sag das mal den Leuten gleich.“
„Die Leute sollen die Klappe halten“, sagte Mara. „Was sagt der Finder?“
Ralf deutete zurück. „Im Wagen. Wir holen ihn gleich.“
Mara blieb noch einen Moment da, sah auf den Mann, dann wieder ins Moor.
Es gab Orte, an denen Leichen wie Fremdkörper wirkten. Und es gab Orte, die sie schluckten, als gehörten sie dazu. Das hier war eher Letzteres. Der Wald war still und Vögel, keine Bewegung. Nur Wasser und Nebel.
Sie hörte Schritte hinter sich. Schnell, aber kontrolliert.
„Morgen“, kam eine Stimme. Jung, leicht zu hoch, wie jemand, der zu viel Kaffee und zu wenig Schlaf hatte. „Bitte sag mir, ihr seid nicht über die Planken gelatscht wie auf ’nem Volksfest.“
Timo Hartmann tauchte im Lichtkegel auf. Kapuze, Brille, die leicht beschlug, ein Koffer in der Hand. Forensik-Set. Er sah Mara an, dann Ralf, dann den Toten.
„Ah“, sagte er. „Super.“
„Morgen, Hartmann“, sagte Ralf.
„Morgen, Chef.“
Mara nickte nur. „Was brauchst du?“
Timo stellte den Koffer ab, schaute sich um. „Erst mal Ruhe, und zweitens brauch ich, dass keiner in meiner Nähe niest. Und drittens…“ Er sah auf den Körper. „Ich brauch Licht.“
„Kommt“, sagte Mara. „Wir machen’s kurz.“
Timo kniete sich an den Rand der Planken, ohne sie zu verlassen, und holte eine kleine Lampe raus, die heller war als alles, was Mara hatte. Er leuchtete auf den Toten, machte ein paar Fotos. Nah und dann weit aufnahmen. Er bewegte nichts, aber seine Augen nahmen viel auf.
„Spuren am Handgelenk“, murmelte er.
„Hab ich auch gesehen“, sagte Mara.
„Und der Schlamm“, sagte Timo. „Nicht Moor. Interessant.“
Ralf schaute zu Mara. „Du hast’s gesagt.“
Mara fragte: „Kannst du was zur Todesursache sagen?“
Timo verzog das Gesicht. „Hier? Im Nebel? Ohne ihn zu bewegen? Ich kann dir sagen: Er ist tot, und er war im Wasser. Ob er ertrunken ist oder nur reingeworfen wurde, ist die Frage. Und ich kann dir sagen: Das hier“ er deutete auf die Wange im Wasser „macht schnell komische Effekte. Aber…“ Er leuchtete kurz auf den Hinterkopf. „Da ist was.“
Mara trat minimal näher. „Was?“
„Eine wunde, kein Blutbad, aber… als wäre da ein Einschlag. Kann auch vom Sturz sein.“ Timo schaute sie an. „Oder nicht.“
Mara nickte. „Okay. Wir behandeln’s wie Tatort.“
Ralf seufzte, als würde ihm das Gewicht jetzt erst richtig auf die Schultern fallen. „Dann ruf ich nochmal Freiburg an. Und den Staatsanwalt.“
„Mach das“, sagte Mara.
Sie ging zurück zum Streifenwagen, in dem der Finder saß. Der Mann war Anfang dreißig, sportlich, blass, die Hände um einen Pappbecher geklammert. Die Knie wippten. Als Mara die Tür öffnete, sah er sie an, als wäre sie Rettung und Gefahr gleichzeitig.
„Guten Morgen“, sagte Mara ruhig. „Ich bin Kommissarin Kienzle. Sie haben den Mann gefunden?“
Er nickte hektisch. „Ja. Ich… ich jogg hier immer. Jeden zweiten Tag. Und heute war…“ Er schluckte. „Heute lag der da.“
„Sie haben nichts angefasst?“
„Nein! Ich schwör. Ich hab nur… ich hab nur geguckt, ob… ob er lebt.“ Er rieb sich übers Gesicht. „Aber… da war nichts. Der war…“
Mara nickte. „Okay. Ich brauch von Ihnen, dass Sie’s mir einmal in Ruhe erzählen. Von Anfang an. Wo sind Sie gestartet, welche Strecke, was haben Sie gesehen, was haben Sie gehört.“
Der Mann atmete einmal tief ein, so als würde er sich an einem Geländer festhalten.
„Ich bin um kurz nach fünf los. Von meinem Haus aus, am Ortsrand. Dann über die Feldwege, so wie immer. Es war nebelig und Wirklich schlimm heute. Dann bin ich hier rein, weil… naja, ich geh gern in den Wald, da ist’s ruhig. Und dann…“ Er schaute kurz runter, die Stimme wurde leiser. „Dann hab ich auf dem Bohlenweg was Dunkles gesehen. Erst dachte ich, da liegt ein Rucksack oder so. Dann bin ich näher, und dann sah ich da was größeres liegen.“
Er brach ab.
Mara ließ ihm zwei Sekunden. Nicht zu lange, sonst rutscht jemand ins Dramatische. „Dann?“ fragte sie.
„Dann hab ich gesehen, dass das ein Mensch ist. Und dass der… der Kopf im Wasser liegt. Ich hab ‘Hallo’ gesagt. Dumm, ich weiß, es kahm Keine Antwort. Dann bin ich umgedreht und hab den Notruf gewählt. Mehr nicht.“
„Haben Sie jemanden gesehen? Irgendwo Licht? Auto? Geräusche?“
Er schüttelte den Kopf. „Nichts. Nur Nebel.“
„Haben Sie frische Spuren gesehen? Fußabdrücke?“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich hab auf den Boden geguckt, ja, aber… da ist doch alles nass. Ich weiß nicht.“
Mara nickte. „Okay. Danke. Wir brauchen gleich Ihre Daten. Dann können Sie gehen.“
Der Mann wirkte, als hätte er Schuld, obwohl er nichts getan hatte. Mara kannte das. Man steht zufällig am falschen Ort und fühlt sich plötzlich verantwortlich.
Als sie die Tür schloss, hörte sie, wie Ralf am Funkgerät sprach. Kurz und knapp. Er klang wie jemand, der versuchte nicht zu zeigen, dass er innerlich flucht.
Mara ging zurück Richtung Bohlenweg, blieb aber diesmal am Rand stehen und schaute in die Umgebung.
Sie dachte an das, was Timo gesagt hatte. Einschlag am Hinterkopf. Druckstelle am Handgelenk. Fremder Schlamm. Das war kein Mann, der einfach beim Spazierengehen ausgerutscht war. Und wenn es Mord war, dann war es jemand, der den Ort kannte. Weil Moor nicht wie Asphalt ist. Moor verzeiht dir nicht, wenn du falsche Schritte machst.
„Mara“, sagte Ralf und kam zu ihr, das Handy noch am Ohr. Er beendete das Gespräch, steckte das handy weg. „Kripo ist unterwegs und den Staatsanwalt ist informiert. Und…“ Er zögerte kurz. „Du solltest wissen: Der Tote könnte der Gutachter sein.“
Mara sah ihn an. „Welcher Gutachter?“
„Gestern ist einer angereist wegen eines Umwelt Projekts. Man hat’s im Ort erzählt.“
Mara spürte, wie sich etwas in ihr festsetzte. Ein Puzzleteil, das plötzlich Gewicht hatte. „Name?“
„Weiß ich noch nicht. Aber ich kann’s rausfinden.“
„Mach das“, sagte Mara.
Sie ging ein paar Schritte, um einen besseren Blick über das Moor zu bekommen. Und da sah sie es. Nicht direkt am Tatort, sondern etwas weiter hinten, dort, wo das Schilf dichter war.
Ein kleines Licht. Kein echtes Licht, eher ein Reflex. Etwas Metallisches, das im Grau kurz aufblitzte.
Mara leuchtete hin. Der Winkel war schlecht. Sie kniff die Augen zusammen.
„Hartmann!“ rief sie.
Timo drehte sich um. „Was ist?“
„Da hinten im Schilf. Siehst du das?“
Timo folgte ihrem Blick, fluchte leise. „Ja. Könnte Müll sein. Oder…“ Er ging vorsichtig am Rand entlang, immer auf den Planken, und leuchtete. Dann blieb er stehen. „Das ist kein Müll.“
„Was ist es?“
Timo zog eine Pinzette aus seiner Tasche, wie ein Zauberer den Hasen aus dem Hut. „Sieht aus wie…“ Er beugte sich, dann schnaubte er. „Reste von Kabelbinder. Abgeschnitten.“
Mara spürte, wie ihr Nacken warm wurde. Nicht vor Kälte. Vor Ärger.
„Also war da was“, sagte sie.
Timo nickte. „Ja.“
Ralf kam näher. „Was habt ihr?“
„Kabelbinder Rest“, sagte Mara. „Abgeschnitten. Und Druckstellen am Handgelenk.
Das ist kein Unfall, Ralf.“
Ralf sah kurz zum Toten, dann ins Moor. Man merkte, wie sein Kopf arbeitete und gleichzeitig versuchte, sich nicht vom Dorf verschlucken zu lassen.
„Okay“, sagte er. „Dann wird’s ernst.“
Mara antwortete: „War’s schon die ganze Zeit.“
Als die Kripo aus Freiburg ankam, wurde es plötzlich voller. Mehr Autos, mehr Leute in dunklen Jacken, mehr Kisten, mehr Geräte. Der Tatort bekam diese professionelle Kälte, die für Mara seltsam beruhigend war. Man wusste dann: Jetzt wird es gemacht, wie es gemacht werden muss.
Die Leiterin aus Freiburg stellte sich vor. „Kriminalhauptkommissarin Lenz.“ Kurzer Händedruck, sachlicher Blick. „Sie sind Kienzle?“
„Ja.“
„Sie sind neu hier?“
„ich komme Zurück“, sagte Mara.
Lenz nickte, als hätte sie verstanden, ohne nachzufragen. „Gut. Dann sind Sie unser Ortskompass.“
Mara mochte den Satz nicht, aber sie wusste, was gemeint war.
Sie gingen die ersten Schritte gemeinsam durch. Lenz sah sich den Toten an, hörte Timo zu, stellte zwei, drei Fragen. Dann nickte sie.
„Wir nehmen ihn raus“, sagte Lenz. „Und wir machen das sauber. Wenn das Dorf schon wach ist, wird es eh jeder wissen. Aber wir geben ihnen nichts Fütterbares.“
Mara verstand genau. In solchen Orten war ein Gerücht ein lebendes Tier. Wenn du es fütterst, wächst es.
Während die Kollegen arbeiteten, ging Mara mit Ralf zurück Richtung Autos.
„Du musst mir was erklären“, sagte Mara. „Dieses Projekt. Was genau ist das?“
Ralf kratzte sich am Kinn. „Offiziell: Erneuerbare Energien. Windräder oben am Hang, plus ein kleines Besucherzentrum. Es gibt auch Gerede von einem Hotel, aber das ist noch nicht offiziell. Bürgermeisterin Rombach drückt’s durch, weil sie meint, das Dorf braucht Geld.“
„Und die Leute?“
Ralf lachte kurz. „Die Hälfte findet’s super, wegen den Jobs. Die andere Hälfte findet’s Horror, wegen dem gruseligem Wald. Und die dritte Hälfte…“ Er schaute sie an. „…die dritte Hälfte will einfach ihre Ruhe und wird am Ende trotzdem schreien.“
„Wie immer“, sagte Mara.
Ralf nickte. „Wie immer.“
Mara sah über die Straße zurück Richtung Tatort. Der Nebel wurde dünner. Der Wald wurde sichtbar. Und mit Sicht kam auch die Welt wieder rein.
Ein Auto fuhr langsam vorbei. Zu langsam. Jemand glotzte.
„Da haben wir’s“, murmelte Ralf.
Mara spürte, wie sich in ihr dieses alte Gefühl meldete. Dieses Hier kennt jeder jeden. Sie hatte es gehasst und manchmal auch geliebt. Aber als Polizistin war es vor allem eins: gefährlich.
„Ralf“, sagte sie.
„Ja?“
„Wir müssen rausfinden, wer der Tote ist. Und wir müssen wissen, wo er gestern Abend war.“
Ralf nickte. „Ich fahr gleich zum Gasthof. Wenn er da war, hatte er ein Zimmer.“
„Ich komm mit“, sagte Mara.
„Okay.“
Sie stiegen in ihren Wagen. Ralf fuhr. Mara sah aus dem Fenster und merkte, wie der Wald vorbeizog wie ein alter Film.
Im Ort war inzwischen Leben. Der Bäcker hatte geöffnet. Ein paar Leute standen vor der Tür, kauften Brötchen, tuschelten. Als der Streifenwagen vorbeifuhr, drehten sich Köpfe. Manche sahen schnell weg, manche nicht.
Ralf parkte vor der „Linde“. Als sie ausstiegen, ging die Tür gerade auf, und die Wirtin trat raus, ein Tablett in der Hand, als würde sie Kaffee nach draußen bringen.
Sie erstarrte kurz, als sie Mara sah. Dann setzte sie dieses professionelle Gesicht auf. „Morgen“, sagte sie.
„Morgen“, sagte Ralf. „Wir haben eine Frage. Hatten Sie einen Herrn…“ Er schaute kurz in sein Handy. „…Voss bei Ihnen? Erik Voss?“
Die Wirtin wurde minimal blasser. Nur ein Hauch, aber Mara sah es.
„Ja“, sagte sie nach einem Moment. „Der war hier. Gestern eingecheckt.“
„Ist er noch im Zimmer?“
Die Wirtin schluckte. „Der ist nicht runtergekommen. Ich dachte, der schläft noch.“
Mara hielt den Blick auf ihr. „Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?“
Die Wirtin sah kurz weg. „Gestern Abend. Er hat Wasser bestellt. Hat nicht gegessen. War… ruhig.“
„Hat er Besuch gehabt?“ fragte Mara.
Die Wirtin schüttelte den Kopf zu schnell. „Nein.“
Mara ließ es nicht stehen. „Sicher?“
Die Wirtin atmete aus. „Ich hab keinen gesehen. Aber…“ Sie zögerte. „Er ist spät nochmal raus. Ich hab’s gehört, Tür. Um… keine Ahnung, kurz vor elf vielleicht.“
Ralf sah Mara an. Mara nickte minimal.
„Wir müssen in sein Zimmer“, sagte Ralf.
Die Wirtin schaute ihn an, als würde sie lieber etwas anderes hören. „Dürfen Sie das einfach so?“
„Wenn er tot ist, ja“, sagte Mara ruhig. „Und wenn er nicht tot ist, dann ist er vermisst, und dann auch.“
Das war hart formuliert, aber es war die Wahrheit.
Die Wirtin gab ihnen den Schlüssel. Ihre Hand zitterte leicht. „Zimmer drei.“
Mara nahm den Schlüssel, drehte ihn zwischen den Fingern. „Hat er irgendwas erwähnt? Irgendwelche Sorgen?“
Die Wirtin sah sie an. Für einen Moment war das professionelle Gesicht weg. Nur eine Frau, die in einem kleinen Ort lebt und genau spürt, dass gleich etwas kaputt geht.
„Er hat gefragt, ob es hier… gefährlich ist“, sagte sie leise. „So in die Richtung. Und ich hab gesagt, er soll aufpassen, wo er rumläuft. Mehr nicht.“
Mara nickte. „Danke.“
Sie gingen hoch. Der Flur roch nach Teppich und Kaffee. Zimmer drei war am Ende. Mara steckte den Schlüssel rein, drehte, öffnete.
Der Raum war ordentlich. Bett gemacht? Nicht ganz. Die Decke lag halb zurückgeschlagen, als hätte jemand kurz drauf gesessen. Auf dem Tisch stand ein geöffnetes Laptop-Netzteil, aber kein Laptop. Der Rucksack fehlte. Die Mappe fehlte.
Mara ging langsam rein, ohne Dinge zu berühren. Ralf blieb an der Tür, wie man es macht, um nicht alles zu kontaminieren.
„Sieht aus, als wäre er gegangen“, sagte Ralf.
Mara schaute sich um. „Ja. Aber nicht mit allem.“
Sie sah auf den Nachttisch. Da lag ein Notizbuch. Oder besser: Da lag die Stelle, wo eins gelegen haben könnte. Ein heller Abdruck im Staub, als wäre dort etwas oft gewesen. Aber das Buch selbst war weg.
„Hartmann meinte, ihm fehlt vielleicht das Handy“, sagte Ralf.
Mara ging zum Fenster, schaute raus. Parkplatz. Ihr eigenes Auto. Nichts Auffälliges.
Sie drehte sich um, sah in den Schrank: halb offen. Ein Hemd hing da. Ein Paar Schuhe. Als hätte er nicht geplant, alles mitzunehmen. Als hätte er gedacht, er kommt wieder.
„Ralf“, sagte Mara.
„Ja?“
„Das hier ist nicht: Er ist morgens spazieren gegangen und ertrunken.“
Ralf nickte. „Ich weiß.“
Mara spürte dieses alte Gefühl in der Brust, dass sie schon als junge Polizistin kannte: Die erste klare Linie in einem Fall. Du siehst sie noch nicht, aber du fühlst, dass es eine gibt.
Sie ging zurück zur Tür, blieb stehen, schaute die Wirtin an, die unten im Gastraum schon wieder Tassen klappern ließ, als würde sie versuchen, Normalität zu bauen. „Wir brauchen seine Daten“, sagte Mara. „Und wir müssen wissen, ob er gestern Abend einen Anruf bekommen hat. Oder eine Nachricht. Irgendwas.“
Ralf nickte. „Das kriegen wir.“
Mara drehte sich nochmal zum Zimmer um. Leer. Still. Trotzdem schwer.
„Und Ralf“, sagte sie.
„Hm?“
„Wenn das Dorf das schon weiß…“
Ralf sah sie an und verstand sofort. „Dann weiß es auch jemand, der das getan hat.“
Mara nickte. „Genau.“
Sie gingen runter, und noch bevor sie die Treppe ganz unten waren, hörte Mara draußen Stimmen. Mehr als eben. Eine Frau lachte nervös. Ein Mann sprach zu laut.
Als Mara die Tür aufstieß und raustrat, stand am Rand des Platzes eine junge Frau mit Kamera um den Hals. Dunkle Jacke, wacher Blick. Sie tat so, als würde sie nur zufällig da stehen, aber ihr Gesicht sagte: Ich bin genau wegen euch hier.
Die Frau lächelte, als Mara sie ansah. Zu freundlich. Zu geübt.
„Kommissarin Kienzle?“, fragte sie.
Mara blieb stehen. „Wer sind Sie?“
„Lina Schmid“, sagte die Frau. „Freie Reporterin. Regional. Ich wollte nur sagen: Wenn Sie was Offizielles sagen wollen, bevor hier die Gerüchte alles übernehmen… ich bin da.“
Ralf seufzte hörbar. Mara musste sich zusammenreißen, nicht die Augen zu verdrehen.
„Kein Kommentar“, sagte Mara.
Lina lächelte weiter. „Natürlich. Aber… ist es wahr, dass ein Mann im Moor gefunden wurde?“
Mara trat einen Schritt näher, aber nicht aggressiv. „Kein Kommentar.“
„Okay“, sagte Lina. „Dann anders: Was hat der Mann mit dem Bauprojekt zu tun?“
Mara hielt kurz inne. Das war kein Zufallstreffer. Das war Wissen.
Ralf schaute Mara an. Mara schaute Lina an.
„Woher wissen Sie vom Bauprojekt?“ fragte Mara.
Lina zuckte mit den Schultern. „Tannenried ist klein.“
Mara nickte. „Eben. Dann wissen Sie auch: Wenn Sie Scheiße schreiben, wissen wir, wo Sie wohnen.“
Das war nicht nett, aber menschlich und ehrlich.
Lina hob beide Hände. „Alles gut. Ich schreib nichts, was ich nicht belegen kann.“
Mara musterte sie. „Dann belegen Sie’s nicht. Schönen Tag.“
Sie ging vorbei, Richtung Auto, und spürte Linas Blick im Rücken wie eine Hand.
Als Mara einstieg, sagte Ralf: „Du hast Charme.“ „Ich hab keine Zeit“, sagte Mara.
Ralf startete den Motor. „Willkommen zurück.“
Mara sah aus dem Fenster, wie der Nebel sich langsam hob.
Und irgendwo da draußen im Wald war jemand, der heute Morgen auch wach war. Vielleicht seit Stunden. Vielleicht seit der Nacht.
Jemand, der jetzt wusste, dass sie da war.
Und dass sie nicht einfach wieder gehen würde.
Im Revier roch es morgens immer nach drei Dingen: Kaffee, nasser Jacke und diesem leicht metallischen Duft von Papier, das zu lange in Aktenordnern steckt.
Mara mochte es nicht aber die Leute waren ehrlich. Hier tat keiner so, als wäre das Leben hübsch.
Sie stellte ihren Becher auf den Tisch, ohne zu trinken, und sah zu, wie Ralf Bühler mit zwei Fingern eine Karte auf dem Tisch glattstrich. Als hätte die Karte Falten gemacht, nur um ihn zu ärgern.
„Also“ sagte er und tippte mit dem Kugelschreiber auf einen Punkt. „Hier Bohlenweg. Hier Parkplatz-Ausweichstelle. Da stand sein Wagen.“
Mara schaute auf die Karte. Dann auf Ralf. „Sein Wagen steht noch dort?“
„Ja. Streife hat ihn gesichert. Der Schlüssel steckte nicht aber die Türen waren zu.“
„Und innen?“
„Noch nicht aufgemacht. Lenz wollte warten, bis du da bist. Wegen Fingerabdrücken, und weil…“ Er zuckte leicht mit den Schultern. „…du ihn als Erste hier identifiziert hast über das Hotel.“
Mara nickte. Dr. Erik Voss. Der Name klebte ihr immer noch im Kopf, weil er in diesem Ort eigentlich nicht hingehörte. Er ist zu glatt und zu großstadtmäßig.
Timo Hartmann kam rein, die Brille halb beschlagen, Haare wie nach einem kurzen Kampf mit dem Kopfkissen. Er hatte eine Mappe unterm Arm und den Blick von jemandem, der gerade zwischen „spannend“ und „beschissen“ hin und herpendelte.
„Ich hoffe, ihr habt Kaffee“, sagte er.
„Da vorne“, meinte Ralf.
Timo schenkte sich ein, trank sofort einen großen Schluck und verzog das Gesicht. „Kochst du den immer mit Hass?“
Ralf grinste nicht. „Sag’s oder lass es.“
Timo stellte den Becher ab, klappte die Mappe auf. „Wir haben erste Sichtung vom Tatort, bevor das Team aus Freiburg ihn komplett auseinandernimmt. Druckstellen am linken Handgelenk sind eindeutig. Nicht vom Ärmel. Eher… festgehalten oder fixiert.“ Mara atmete einmal durch die Nase aus. „Also doch.“
„Und“, Timo blätterte, „am Hinterkopf eine stumpfe Gewalteinwirkung. Kann theoretisch ein Sturz gewesen sein, aber…“ Er hob den Blick. „…im Moor? Auf den Planken? Da schlägst du dir eher Knie und Hände auf. Nicht den Hinterkopf so.“
Ralf rieb sich übers Gesicht. „Zeitpunkt?“
„Noch nicht final. Aber Lenz meinte, grob zwischen zehn und eins. Je nachdem, wie lange er im Wasser lag. Moor ist…“ Timo suchte nach einem Wort. „Moor ist schwierig.“
Mara nickte. „Was ist mit dem Handy?“
Timo schüttelte den Kopf. „Kein Handy am Körper. Keine Uhr. Kein Portemonnaie. Also entweder hat er’s verloren oder jemand wollte es.“
Ralf tippte mit dem Stift auf die Karte. „Dann gehen wir jetzt zum Wagen. Und dann zum Stollen.“
Bei dem Wort „Stollen“ veränderte sich Ralfs Gesicht minimal. Nicht viel. Aber Mara kannte ihn lang genug, um es zu sehen. Ein kleines Festwerden im Kiefer, so ein Reflex, als würde man an eine alte Narbe fassen.
Mara ließ es kurz wirken.
„Okay“, sagte sie nur. „Zum Wagen.’’
Der Parkplatz-Ausweichstreifen lag im Wald wie eine vergessene Idee. Ein Stück breiterer Schotter, ein Schild, das halb schief stand, und Nebel, der immer noch zwischen den Bäumen hing, als hätte er sich dort eingenistet.
Ein Streifenwagen stand davor, ein Beamter daneben. Er grüßte knapp, wirkte erleichtert, dass jetzt „die Richtigen“ da waren.
„Morgen“, sagte Mara.
„Morgen. Wagen ist da hinten. Nichts angefasst.“
„Gut.“
Sie gingen zu dem Auto. Ein dunkler Kombi, sauber, als hätte ihn jemand gerade erst aus der Waschanlage geholt. Kein typisches Dorf Auto. Kennzeichen aus einer größeren Stadt. Nicht aus Tannenried.
Ralf stand einen Moment daneben und sah einfach nur drauf, als müsste er sich kurz daran erinnern, dass da drinnen ein Leben war, das jetzt vorbei ist.
„Handschuhe“, sagte Mara.
Sie zogen Handschuhe an. Ralf öffnete vorsichtig die Tür mit einem Tuch, so wie man es macht, wenn man nicht zu viel kaputt machen will.
Innen roch es nach neutralem Auto Duft. Und darunter ein Hauch von etwas Süßlichem vielleicht ein Kaugummi, vielleicht ein billiger Lufterfrischer.
Auf dem Beifahrersitz lag nichts. Kein Rucksack. Keine Mappe. Der Fußraum war leer. In der Mittelkonsole ein Ladekabel, aber kein Handy. In der Ablage ein Parkticket vom Gasthof. Und eine Quittung des Bäckers, Uhrzeit 17:43.
„Er war also gestern noch normal unterwegs“, murmelte Ralf.
Mara beugte sich vor, ohne reinzusteigen, und leuchtete in den Türrahmen. Keine Spuren, die sofort schrien. Aber sie achtete auf Kleinigkeiten: Schlamm am Teppich, Abrieb am Sitz, ein Kratzer, den man sich erklärt.
„Kofferraum?“ fragte sie.
Ralf ging rum, öffnete auch dort vorsichtig.
Im Kofferraum lag eine kleine Sporttasche. Ein Hemd und ein Kulturbeutel. Nichts Wildes. Aber es fiel Mara sofort auf: Die Tasche war halb offen, als hätte jemand schnell reingeschaut.
„Jemand hat gesucht“, sagte sie leise.
Ralf blickte zu ihr. „Oder er selbst. Vielleicht hat er was gesucht, bevor er los ist.“
Mara nickte. Beides möglich.
Sie leuchtete in die Tasche. Kein Laptop. Kein Notizbuch. Kein Fotoapparat.
„Das fehlt“, sagte Mara.
Ralf seufzte. „Dann war er nicht nur spazieren.“
Mara sah am Boden neben dem Auto etwas Helles. Ganz klein. Wie ein abgeschnittenes Stück Plastik.
„Moment.“ Sie kniete sich hin, nahm eine Pinzette aus ihrer Jackentasche, hob das Teil an. Ein kleines Stück Kabelbinder.
Sie hielt es hoch. „Noch eins.“
Ralf fluchte leise.
Der Beamte, der sie begleitet hatte, schluckte. „Heißt das…?“
„Heißt“, sagte Mara, „dass wir hier nichts mehr von einem Unfall sprechen können.“
Sie fuhren zurück Richtung Ort, aber nicht ganz rein. Ralf bog vorher ab zum Forsthaus, weil er „noch was klären“ wollte.
Das Forsthaus war ein massiver Bau, Holz und Stein, alt, ordentlich, ein bisschen wie eine Postkarte. Und trotzdem wirkte es im Nebel wie etwas, das eher zuschaut als einlädt.
Ein Mann kam ihnen entgegen, bevor sie überhaupt geklingelt hatten. Ende dreißig, sportlich, kurze Haare, Mütze in der Hand. Sein Blick war ruhig. Zu ruhig für jemanden, der in einem Dorf lebt, in dem gerade ein Toter im Moor lag.
„Bühler“, sagte der Mann. „Kienzle.“
Mara spürte, wie ihr Körper kurz aufmerksam wurde. Als hätte sie einen Ton gehört, den andere nicht hören.
„Sie kennen mich?“ fragte sie.
„Jeder kennt Sie“, sagte er einfach. „Sie sind zurück.“
Ralf räusperte sich. „Sven Adler. Stellvertretender Förster. War schon früh draußen, hat die Streife unterstützt.“
Mara nickte. „Herr Adler.“
Sven lächelte nicht. Er sah eher aus wie jemand, der selten lächelt, weil es sich nie gelohnt hat zu lächeln.
„Sie kommen wegen dem Stollen“, sagte Sven.
Ralf blieb stehen. „Woher wissen Sie das?“
Sven zuckte mit den Schultern. „Weil jeder darüber redet, seit Jahren, obwohl keiner drüber reden will. Und weil ein Fremder tot im Moor liegt. Da passt eins zum anderen.“ Mara schaute ihn an. „Wir wollen nur wissen, ob jemand gestern Nacht dort war. Oder ob jemand Zugang hat.“
Sven senkte kurz den Blick, als würde er überlegen, wie viel Wahrheit jetzt schlau währe.
„Zugang haben wenige“, sagte er. „Und offiziell keiner.“
„Offiziell“, wiederholte Mara.
Sven sah sie wieder an. „Inoffiziell gibt es immer Leute, die Schlüssel haben. Oder Wege.“
Ralf hob eine Hand, als wollte er die Richtung bestimmen. „Dann gehen Sie mit uns hin.“
Sven nickte sofort. „Kann ich machen. Aber nicht jetzt. Der Boden ist weich. Und wenn ihr ohne Ortskenntnis da rumturnt, hol ich euch nachher aus dem Moor.“
„Wir sind nicht auf ’nem Schulausflug“, sagte Ralf, schärfer als nötig.
Sven nahm das, ohne zu blinzeln. „Schon klar. Ich sag’s trotzdem.“
Mara merkte, wie Ralf sich zusammenriss. Und sie merkte auch: Sven Adler hatte keine Angst vor Ralf Bühler. Das war interessant.
„Wir gehen jetzt“, sagte Mara ruhig. „Sie führen und wir laufen.“
Sven nickte wieder. „Okay.“
Er ging rein, holte eine Jacke, eine Taschenlampe, ohne Hektik. Dann zog er die Tür zu und lief los, als würde er diesen Weg täglich gehen.
Mara und Ralf folgten.
Der Weg zum Stollen war nicht weit, aber er fühlte sich an, als würde man in etwas hineinlaufen, das nicht will, dass man kommt.
Der Wald war dichter, der Nebel schwebte tiefer, und das Licht war grau, ohne Richtung.
Sven ging vorne. Er sprach wenig. Wenn er sprach, dann sachlich.
„Hier rechts geht’s nicht, da ist es tückisch. Bleibt auf der Spur.“
Mara fragte unterwegs: „Sie waren heute Morgen am Tatort?“
„Ja. Kurz. Ich habe geholfen abzusperren.“
„Haben Sie den Toten gekannt?“ fragte Ralf.
Sven schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Aber Sie wissen, wer er war?“
Sven zögerte. „Man hat’s erzählt. Ein Gutachter für das Projekt.“
„Was halten Sie vom Projekt?“ fragte Mara.
Sven antwortete nicht sofort. Dann: „Ich halte davon, dass es Streit bringt.“
„Und Sie?“ fragte Ralf.
Sven zuckte mit den Schultern. „Ich bin Förster. Ich halte den Wald am Leben. Alles andere ist Politik.“
Ralf grunzte, als wäre ihm die Antwort zu glatt.
Nach ein paar Minuten tauchte das Schild auf: BETRETEN VERBOTEN. EINSTURZGEFAHR.
Sven blieb stehen.
„Da“ sagte er.
Das Gitter war zu. Die Kette hing. Das Schloss sah tatsächlich neu aus.
Mara leuchtete es an. „Wer hat das Schloss angebracht?“
Sven schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. War irgendwann da.“
„Und vorher?“
„Vorher war’s auch zu. Nur mehr… improvisiert.“
Ralf sah sich um. „Hier war jemand. Schau dir den Boden an.“
Mara folgte seinem Blick. Im weichen Erdreich waren Spuren. Nicht superklar, aber vorhanden. Da waren definitiv mehrere Schuhabdrücke. Und eine Stelle, wo der Boden wie abgeschliffen wirkte, als hätte man etwas Schweres gezogen.
Mara spürte, wie sie innerlich still wurde. So dieses konzentrierte Still, in dem man nicht mehr viel fühlt, außer dass was man sieht.
„Hier haben sie gearbeitet“, sagte sie.
„Oder gespielt“, meinte Ralf.
Sven sah auf die Spuren. Sein Gesicht blieb ruhig. Vielleicht zu ruhig.
„Das passiert manchmal“, sagte Sven.
Mara drehte langsam den Kopf zu ihm. „Manchmal?“
Sven hielt ihren Blick aus. „Teenager. Mutprobe. Dummes Zeug.“
Ralf lachte kurz, hart. „Teenager ziehen keine Leichen.“
Sven zuckte nicht. „Ich hab nicht gesagt, dass es Teenager waren.“
Stille.
Mara leuchtete wieder auf den Boden. Da war noch etwas. Ein kleines Stück Plastik. Wieder Kabelbinder.
Sie nahm es nicht auf. Sie ließ es liegen, markierte es nur.
„Wir lassen Freiburg das sichern“, sagte sie.
Ralf trat einen Schritt näher ans Gitter. „Kann man hier rein?“
Sven schüttelte den Kopf. „Nicht ohne Schlüssel oder Bolzenschneider.“
„Oder jemand, der einen hat“, sagte Mara.
Sven sah sie an. „Ja.“
„Haben Sie einen?“ fragte Mara geradeaus.
Sven lächelte jetzt zum ersten Mal. Ganz kurz. Und es war kein warmes Lächeln.
„Nein“, sagte er.
Mara glaubte ihm nicht automatisch. Aber sie hatte auch nichts, um ihn festzunageln.
Sie ging ein paar Schritte links, leuchtete in den Wald. „Gibt’s einen zweiten Zugang?“
Sven antwortete sofort: „Nicht offiziell.“
Ralf atmete hörbar aus. „Dieses Wort wieder.“
Sven schaute ihn an. „Wollen Sie die Wahrheit oder wollen Sie’s offiziell?“
Ralf öffnete den Mund, sagte aber nichts. Dann schloss er ihn wieder.
Mara ließ ihren Blick weiter über den Boden wandern. Sie sah an einer Wurzel einen dunklen Fleck, wie eine alte Feuchtigkeit. Und daneben eine Rille. Nicht frisch-frisch, aber auch nicht alt. Eher: letzte Nacht oder vor ein paar Tagen.
Sie richtete sich auf. „Wir brauchen die Handydaten vom Toten. Letzte Funkzelle, letzte Kontakte.“
Ralf nickte. „Ich bin dran. Provider ist informiert.“
Mara schaute Sven an. „Wer war gestern Nacht hier unterwegs? Irgendjemand, den Sie gesehen haben?“
Sven schüttelte den Kopf. „Ich war nicht hier.“
„Wo waren Sie?“ fragte Ralf.
Mara spürte, wie Ralf es nicht als normale Frage stellte, sondern als Test.
Sven blieb ruhig. „Zu Hause.“ „Allein?“ fragte Ralf.
Sven sah ihn kurz an. „Ja.“
„Kann das jemand bestätigen?“
Sven antwortete: „Nein.“
Ralf atmete wieder aus, diesmal leiser. Mara sah kurz zu ihm. Er wollte den Mann erdrücken. Sie sah’s. Aber sie wusste auch: Man drückt nicht zu früh. Sonst rutscht es einem durch die Finger.
„Okay“, sagte Mara. „Danke für den Weg. Wir melden uns.“
Sven nickte. „Macht das.“
Sie drehten um.
Und Mara hatte das Gefühl, dass Sven ihnen nachschaute, auch wenn sie es nicht sah.
Wie jemand, der abwägt, ob etwas gefährlich wird. Oder ob es schon gefährlich ist.
Zurück im Ort war der Nebel fast weg, und mit dem Nebel kamen die Menschen.
Vor der Bäckerei standen jetzt mehr Leute. Sicher nicht, weil sie alle Brötchen brauchten, sondern eher, weil sie dort stehen und schauen konnten, ohne zuzugeben, dass sie schauen.
Als Mara und Ralf am Gasthof vorbeifuhren, sah Mara Lina Schmid schon wieder. Sie stand diesmal nicht ganz so offen da, aber sie war da. Kamera um den Hals, Handy in der Hand, und dieses Gesicht: Ich weiß mehr als du.
Ralf fluchte. „Die hat ’nen Sieb im Hirn. Alles, was sie sieht, tropft direkt ins Internet.“ „Dann geben wir ihr nichts“, sagte Mara.
Sie hielten trotzdem kurz an, weil Mara noch einmal mit der Wirtin sprechen wollte. Nicht über den Toten das war erledigt. Sondern über den Abend.
Die Wirtin stand hinter dem Tresen, rührte in einem Topf, als würde Kochen die Welt reparieren. Als sie Mara sah, wurde ihre Bewegung langsamer.
„Schon wieder“, sagte sie.
