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Ein düsterer Kriminalfall – so undurchdringlich wie der Nebel im winterlichen Warschau
Die junge Zofia Wagner wird ermordet in ihrer Warschauer Wohnung aufgefunden. Für Freunde und Nachbarn ist die Tat völlig unerklärlich, führte Zofia doch ein unauffälliges Leben. Auf den zweiten Blick tun sich jedoch ungeahnte Abgründe auf – und fast jeder aus Zofias Umfeld gerät unter Verdacht: ihr Ex-Freund, ihre tschetschenische Putzfrau, ihr ehemaliger Verlobter. Kommissar Marcin Sawicki, ein Macho alter Schule, und seine ehrgeizige neue Kollegin Ada Rochniewicz übernehmen die Ermittlung. Doch Doch sämtliche Spuren verlieren sich im Nebel …
»Ein hervorragender Kriminalroman, maßgefertigt für die heutige Zeit.« Olga Tokarczuk, Literaturnobelpreisträgerin
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Seitenzahl: 802
Veröffentlichungsjahr: 2021
Buch
Die junge Zofia Wagner wird ermordet in ihrer Warschauer Wohnung aufgefunden. Für Freunde und Nachbarn ist die Tat völlig unerklärlich, führte Zofia doch ein unauffälliges Leben. Auf den zweiten Blick tun sich jedoch ungeahnte Abgründe auf – und fast jeder aus Zofias Umfeld gerät unter Verdacht: ihr Ex-Freund, ihre tschetschenische Putzfrau, ihr ehemaliger Verlobter. Kommissar Marcin Sawicki, ein Macho alter Schule, und seine ehrgeizige neue Kollegin Ada Rochniewicz übernehmen die Ermittlung. Doch der Fall ist so undurchdringlich wie der Nebel im winterlichen Warschau …
Autorin
Kaja Malanowska, Jahrgang 1974, ist Schriftstellerin und promovierte Biologin. Sie hat bereits zahlreiche Romane verfasst und war für zwei der renommiertesten polnischen Literaturpreise nominiert. Ihr Krimidebüt »Nebeltage« wurde in mehrere Sprachen übersetzt.
Kaja Malanowska
Nebeltage
Kriminalroman
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes
Die polnische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »Mgła« (englischer Titel: »Fog«) bei Znak.
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Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2021
Copyright © der Originalausgabe 2014 by Kaja Malanowska
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur GmbH
Umschlagmotiv: halbe U1 (Nebel): FinePic®, München; halbe U1 (Altstadt): gettyimages/Antagain
Redaktion: Ann-Catherine Geuder
LS · Herstellung: ik
Satz- und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN: 978-3-641-25805-4V001
www.goldmann-verlag.de
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Heute Abend würde er sie wiedersehen. Zofia. Er hatte nicht mehr daran geglaubt, dass das noch passieren würde. Aber jetzt hatte sie doch wieder angerufen. Ob er heute Abend um acht zu ihr kommen könnte? Nein, hatte er gedacht. Und gesagt: »Okay.« Um es gleich darauf zu bereuen, doch da war es zu spät. Aufgewühlt hatte Zofia geklungen. Atemlos.
»Ich muss mit dir reden. Dringend … Glaub mir, ich … ich hätte dich nicht angerufen, wenn es nicht wirklich wichtig wäre.«
Ihre leise, dunkle Stimme machte ihn schwach, wie immer. Die sorgfältig akzentuierten Silben, die überbetonten Vokale – Zofias Aussprache klang stets etwas heiser, als säße ein kleines, flauschiges Tier in ihrem Hals und kitzelte mit seinem buschigen Schweif ihren Kehlkopf. Er spürte, wie er weich wurde … Dann fiel ihm wieder ein, dass all diese wohlgerundeten Laute nicht mehr ihm galten. Die zarte, sanfte, immer so perfekte Zofia mit ihrer süßen Art zu sprechen – sie gehörte nicht mehr ihm. Sie nahm ihn gar nicht mehr wahr. Als wäre er Luft. Doch heute hatte sie wieder angerufen … Warum? Was wollte sie von ihm? War etwas passiert? Wieder stieg eine kribbelnde Nervosität in ihm auf. Zofia hatte schon immer eine merkwürdig geheimnisvolle Aura umgeben. Schwer zu durchschauen. Und genau das machte sie für ihn so anziehend. Seit ihrer ersten Begegnung.
Zu den Donnerstagstreffen war sie immer als Letzte gekommen, hatte sich etwas abseits hingesetzt. An den Gesprächen beteiligte sie sich kaum und ging ohne ein Wort hinaus, ohne sich von jemandem zu verabschieden. Zuerst hatte das für Unruhe gesorgt, aber irgendwann gewöhnten sich alle an ihre stumme Anwesenheit. Manchmal stellte der Gruppenleiter ihr Fragen, auf die sie kurz und knapp Antwort gab. Bald interessierte sich keiner mehr für sie. Keiner außer ihm. Er hatte jeden Donnerstag nur auf sie gewartet. Sie verstohlen betrachtet, ihre weißen Hände, die hellbraunen, immer etwas feucht wirkenden Augen, das kastanienbraune Haar, das ihr ins Gesicht fiel. Nach einem Monat wechselte er einfach seinen Platz im Kreis, setzte sich neben sie an die Wand. Das war derselbe Tag, an dem er sich endlich traute, sie auf einen Kaffee einzuladen. Zwei Wochen später rief der Leiter sie beide zu sich. Private Kontakte untereinander seien nicht erlaubt, das wüssten sie doch. Sie sollten sich wieder getrennte Plätze suchen. Seine Stimme klang ernst, schneidend. Alle Gruppenmitglieder müssten sich streng an die Regeln halten. Dabei wandte er sich vor allem an Zofia.
»Dich beobachte ich schon seit einiger Zeit. Ich verstehe nicht, warum du überhaupt herkommst. Du solltest dir ernsthaft Gedanken machen, ob unsere Treffen einen Sinn für dich haben«, sagte er. »Sonst störst du nur die Dynamik der ganzen Gruppe.«
Zofia ließ ihn ausreden, dann holte sie Mantel und Tasche.
»Alles klar.« Sie drehte sich in der Tür noch einmal um. »Ich werde nicht mehr kommen.«
Er rannte ihr nach. Nun würde wohl auch er nicht mehr herkommen können, aber das war ihm egal.
Und so begannen die schönsten drei Monate seines Lebens.
Er ließ den Kopf sinken und zuckte zusammen, als hätte der Anblick seiner eigenen Hand ihn erschreckt. Die alten Gefühle schlugen in einer gewaltigen Woge über ihm zusammen. Drei Monate. Drei kurze, glückliche Monate, in denen er geglaubt hatte, es gäbe einen Menschen, dem er wirklich wichtig sei. Doch so plötzlich, wie es begonnen hatte, war es auch schon wieder vorbei gewesen. Nicht einmal richtig kennengelernt hatten sie sich. Er wusste so wenig über sie … Doch er hatte sie auch nichts gefragt. Ihre Liebe sollte sich langsam entfalten, fand er, sie sollte mit der Zeit an Kraft und Schwung gewinnen. Er wollte sie nicht bedrängen, nichts beschleunigen. Erst würden sie gemeinsam in Urlaub fahren. Später würde sie ihn ihren Eltern vorstellen, dann würde er bei ihr einziehen. Sie würden die Wohnung herrichten, ein Doppelbett aufstellen … Irgendwann eine größere Wohnung kaufen, für die Kinder … Drei Monate lang hatte er immer größere Zukunftspläne geschmiedet, sich ruhig und zuversichtlich gefühlt. Und plötzlich war alles aus und vorbei. Zofia ging nicht mehr ans Telefon. Er fuhr hin, um zu sehen, was los war. Klopfte. Sie machte nicht auf, doch er war sich ganz sicher – sie war da, und jemand war bei ihr. Er saß auf der Treppe, hörte gedämpfte Stimmen, Schritte, der Fußboden knarrte. Da dachte er zum ersten Mal seit drei Monaten wieder an die Donnerstagstreffen, und ein Schrecken durchfuhr ihn. Er kehrte nach Hause zurück. Fuhr am nächsten Tag wieder zu ihr. Diesmal machte sie auf, ließ ihn aber nicht hinein, versperrte ihm den Weg. Jemand versteckt sich hinter ihr, fuhr es ihm durch den Kopf. Ein anderer Mann? Verzweiflung ergriff ihn, seine Knie wurden schwach, er musste sich an die Wand lehnen. Zofia sah ihn ernst an.
»Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich weiß, ich sollte das nicht auf diese Weise machen … Aber …«
Vor Entsetzen blieb ihm die Luft weg. Alles um ihn herum schien sich zu drehen.
»Es ist etwas passiert«, fuhr sie mit fester Stimme fort. »Wir können uns nicht mehr treffen.«
Das war alles. Zack. Abgehackt. Wie mit dem Fallbeil. Keine Erklärungen, nichts. Einmal willigte sie noch ein, sich mit ihm zu treffen. Doch sie sagte nichts anderes als vorher: Ihr Leben habe sich verändert. Sie könnten sich nicht mehr treffen. Nun blickten ihre Augen nicht mehr sanft, sondern starrten ihn kalt an, hart. Etwas hat sich verändert – das konnte nur bedeuten, dass es einen anderen gab. Kein Zweifel.
Am darauffolgenden Donnerstag wollte er in den Gruppenkreis zurückkehren, doch sie nahmen ihn nicht wieder auf. Stattdessen bot ihm der Leiter Einzelsitzungen an. Er habe sich große Sorgen um ihn gemacht. Diese Beziehung und die Trennung seien ein Schock gewesen, der noch ernste Folgen haben könnte. Das Ganze habe nicht nur ihn selbst zurückgeworfen, sondern würde, wenn er jetzt zurückkäme, die Entwicklung der ganzen Gruppe beeinträchtigen. Das könne er nicht zulassen. Dann folgte eine lange Standpauke über Verantwortung, Pflichten, Verhaltensregeln, denen er am Anfang zugestimmt habe. Zum Schluss fragte der Leiter ihn über die Beziehung aus: Was hatten sie in den drei Monaten gemacht, wo hatten sie sich getroffen, worüber gesprochen? Das kam ihm merkwürdig vor, übertrieben neugierig, sogar aufdringlich – dennoch versuchte er zu antworten, so gut es ging. Viel konnte er nicht sagen. Es war, als hätte ihn ein seltsamer Gedächtnisverlust befallen. Nichts war ihm in Erinnerung geblieben außer dem Schrecken und der Verzweiflung. Einer Verzweiflung, die sich mit der Zeit in Wut verwandelte. Wenn Zofia nicht mit ihm zusammen sein wollte oder konnte, dann sollte sie auch mit niemand anderem zusammen sein!
Aber heute hatte sie sich doch wieder gemeldet. Vielleicht wollte sie sich versöhnen? Sein Herz begann heftiger zu pochen. Zurückkommen wollte sie, wieder mit ihm zusammen sein – nachdem sie ihn erst benutzt und dann weggestoßen hatte! Was stellte sie sich eigentlich vor? Wenn er an die letzten Wochen zurückdachte, krümmte er sich fast vor Scham – sein Gebettel, die jämmerlichen Anrufe bei ihr, die verzweifelten Briefe, die durchwachten Nächte. Immer wieder hatte er versucht, an sie heranzukommen, die Nähe von vorher wiederherzustellen, die doch nicht einfach verschwunden sein konnte, wie weggeblasen … Immer hatte er geglaubt, die rechten Worte noch zu finden, sie zu überzeugen, sie zurückzugewinnen, bis sie vor ihm stehen würde wie früher, die alte, zarte, sanfte Zofia, seine Zofia! Doch es hatte alles nichts genützt, sie war und blieb gleichgültig und fremd …
Heftig stand er vom Stuhl auf und begann, unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen, rang die Hände, riss sich an den Haaren. Ging zum Fenster und starrte hinaus auf die nasse, hässliche Stadt: die von Matsch und schmelzendem Schnee bedeckten Plätze, die grauen Gehsteige, die farblosen Fassaden der Wohnblocks gegenüber. Vor dem Mini-Supermarkt duckten sich ein paar Leute unter ihre Regenschirme, stampften in der Kälte mit den Füßen. Wie ein Ding hatte sie ihn behandelt, wie einen leblosen Gegenstand, den man benutzen und nachher auf den Müll schmeißen konnte! Nicht wie ein lebendiges, fühlendes Wesen. Wie einen Menschen. Einen Mann, verbesserte er sich. Wieder durchquerte er das Zimmer, drehte sich an der Tür abrupt um, kehrte zum Fenster zurück. War ihr überhaupt klar, was sie ihm angetan hatte?
Den ganzen Tag über war er zappelig und nervös. Er surfte ein bisschen im Internet, schaute zwei Folgen Brigada, eine russische Mafiaserie. Nachmittags joggte er im Fitnessstudio eine Stunde auf dem Laufband, machte Hanteltraining und Bauchmuskelübungen. Versuchte, an nichts anderes zu denken als an Sascha, Kosmos, Ptschela und Fil, die eiskalten, stets ungerührten Serienhelden. So wie sie wollte er auch sein, mit allen Wassern gewaschen. Wieder zu Hause, holte er sich ein Tetrapack Milch aus dem Kühlschrank, setzte sich an den Küchentisch, trank mit langen Zügen direkt aus der Packung. Seine Nervosität verwandelte sich in Wut. Noch einmal rief er sich das kurze Telefongespräch ins Gedächtnis und kam zu dem Schluss, dass Zofia nicht angerufen hatte, um sich mit ihm zu versöhnen. Unsicher hatte ihre Stimme geklungen, das ja, aber nicht so, als täte ihr irgendetwas leid. Kurze, sachliche Sätze, kein »Du hast mir gefehlt« oder »Ich freue mich auf dich«. Nur ein banales »Bis dann« zum Abschied. Was für ein eiskaltes Miststück.
Sein Blick folgte einem aufsteigenden Flugzeug. Durch die dichten grauen Wolken zog sich ein fransiger Kondensstreifen.
Was konnte sie bloß von ihm wollen, fragte er sich wohl zum hundertsten Mal an diesem Tag. Egal. Jetzt war sein Moment gekommen. Jetzt war er an der Reihe. Sie hatte ihn eingeladen, nun würde sie sich schön brav anhören, was er zu sagen hatte. Er malte sich aus, wie er ihre Wohnung betrat, wie er ihr befahl, sich zu setzen, und in knappen Worten mit fester Stimme erklärte, was Sache war. Dann würde sie wohl endlich verstehen … Und wenn sie sich weigerte, ihm zuzuhören? Dann könnte er sie schlagen. Oder sogar fesseln. Ihr den Mund mit Klebeband zukleben und zusehen, wie sie stumm weinte, hilflos, auf seine Gnade angewiesen.
Das Flugzeug stieg höher und verschwand in den Wolken.
Fast halb sieben. Er schlüpfte in seine Jacke, band sich die Turnschuhe zu, griff nach seinen Handschuhen. Zog sich die Kapuze über den Kopf. Draußen wehte ein starker, schneidender Wind. Wässriger Schnee pappte an seinen Schuhen, die sofort durchnässten. Trotzdem schlug er nicht den Weg zur Metro ein, sondern marschierte eisern die breite vierspurige Straße entlang, ohne innezuhalten oder jemandem auszuweichen – immer Zofias Gesicht vor Augen, ihren breiten Mund, die gerade Nase, den kleinen Leberfleck im Augenwinkel und ihren Blick, der ihm auswich, als sie diese Worte sagte. »Versteh doch endlich – ich will nichts mehr mit dir zu tun haben.« Noch immer spürte er das brennende Gefühl der Zurückweisung. Wie hatte er sich erniedrigt. Wie lächerlich hatte er sich gemacht! Er lief immer schneller, bis er schließlich rannte, getrieben von Kummer und hilfloser Wut. »Job tvoju mat’! Srat’ tebe v rot!«, fluchte er vor sich hin wie die harten Jungs aus Brigada. »Fick deine Mutter! Scheiß dir in die Schnauze!«
Erst in der Dąbrowski-Straße verlangsamte er seine Schritte. Bog hinter dem Schulhof in die Einfahrt, prallte gegen einen älteren Herrn in dickem Wollmantel und Fellmütze. »Idi na chuj! – Verpiss dich, du alter Wichser!«, knurrte er und bahnte sich brutal den Weg, drückte den Mann gegen die Wand. Sein Atem flog, mit Mühe schnappte er nach Luft. Ihm schwirrte der Kopf. Schweißtropfen rannen in seine Augen.
Zofia kam kurz vor fünf nach Hause. Sie stellte ihre Einkaufstasche auf dem Küchentisch ab, zog die durchnässten Schuhe aus und ging, feuchte Fußabdrücke hinterlassend, ins Badezimmer. Als sie in der Wanne lag, dachte sie darüber nach, wie kompliziert ihr Leben in den letzten drei Monaten geworden war. Und wer war schuld daran, fragte sie sich, während sie den Schwamm auswrang. »Ja, wessen Schuld ist das wohl?«, wiederholte sie laut. Ich ziehe eben das Pech an wie ein Magnet. Je mehr ich jemanden mag, desto durchgeknallter ist der Typ am Ende. Aber gefalle ich aus irgendwelchen Gründen nur irren Idioten – oder suche ich sie mir selbst aus? Sie duschte sich den Schaum ab, stieg aus der Wanne und betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. »Was soll ich jetzt tun?«, fragte sie sich. »Was soll ich jetzt bloß tun?«
Trotz aller Sorgen sah ihr Gegenüber im Spiegel weder müde noch ungepflegt aus. Zofia legte ihre Fingerspitzen an die Wangen und zog die Haut leicht nach oben Richtung Schläfen. Hob die Brauen, griff nach Puder und Wimperntusche. Kurz darauf verließ sie erfrischt das Bad. In der Küche setzte sie Tee auf, stellte zwei Tassen und einen Teller mit französischem Blätterteiggebäck auf den Tisch. Plötzlich hielt sie inne, stand einen Moment nur da und starrte auf den gedeckten Tisch, als wollte sie ein kniffliges Problem lösen. Seufzend nahm sie ihr Handy, wählte eine Nummer. Niemand hob ab. Sie versuchte es noch einmal. Wieder nichts. Beim dritten Mal sprach sie auf die Mailbox.
»Ich muss unser Treffen absagen.« Sie bemühte sich um eine tiefe Stimmlage, um entschlossener zu klingen. »Mir ist etwas Wichtiges dazwischengekommen. Tut mir sehr leid. Ich melde mich morgen.«
Unschlüssig betrachtete sie das Telefon. Ob er die Nachricht noch rechtzeitig abhören würde? Kurz stand sie da, trommelte nervös mit den Fingerspitzen auf die Fensterbank. Schließlich zuckte sie mit den Schultern und setzte sich in die Fensternische. Schon fast sieben. Sie schaute hinunter auf den kleinen Platz vor dem Haus und die von einem Holzzaun umgebene Baustelle an der Straße. Nebel hing schwer in der Luft. Auf dem dunklen Ast eines Ahornbaums hockte einsam und aufgeplustert eine Krähe. Sie musste eine klare Entscheidung treffen, die Konsequenzen genau kalkulieren. Doch es wollte ihr einfach nichts einfallen. Keine Lösung schien wirklich gut zu sein. Sie saß in der Falle, es gab keinen Ausweg. Die Krähe schüttelte den Kopf, sträubte ihr Gefieder und hüpfte seitwärts näher zum Stamm. Unten trieb der Wind einen leeren Plastikbecher durch die dunkle Straße.
Um Viertel nach sieben klingelte es an der Tür. Zofia seufzte und drückte, ohne nachzufragen, den Knopf auf der Gegensprechanlage. Dann hob sie in einem plötzlichen Impuls ihre Handtasche auf, die vor der Garderobe auf dem Boden stand, holte den Zettel mit dem Befund heraus, riss ihn auf dem Weg zum Badezimmer in kleine Fetzen und warf die Schnipsel in die Toilette.
»Ich bin im Bad!«, rief sie, als sie die Tür zuschlagen hörte. »Komme gleich!« Sie betätigte die Spülung.
Ein heftiger Schlag auf den Kopf. Noch ein Schlag und noch einer. Es tat nicht weh. Sie verspürte keine Angst. Nur eine unendliche Müdigkeit. »Wer ist da?«, wollte sie noch fragen, bevor sie wegdämmerte. Statt der Worte drang Blut aus ihrem Mund. Sie versuchte, sich umzudrehen und ihren Angreifer anzusehen, doch nur ein Ächzen kam über ihre Lippen. Dann war alles dunkel.
Um acht wehte ein scharfer Wind vom eisigen Fluss herüber. Um halb neun ließ ein Stromausfall die Laternen am Ufer erlöschen. Es wurde gänzlich finster. Nur in der Mitte der tiefdunklen Weichsel, wo die Strömung am stärksten ist, schimmerte heller der Umriss einer Eisscholle. Um neun huschten die Lichtstrahlen von Autoscheinwerfern über die Wasseroberfläche und versickerten im Nebel. Im Uferdickicht krächzte ein aufgescheuchter Vogel. Hinter der Böschung erhob sich die Stadt mit ihren Tausenden Lichtern. Über ihr wölbte sich der Nachthimmel, breit und dunkel wie ein zweiter Fluss. Vor seine samtene Schwärze schob sich langsam ein glatter, polierter Mond: Flink glitt er zwischen den Wolken hindurch.
Wie aus einem tiefen Brunnen hievte sie sich aus ihrem Traum empor. Schlug mühsam die Augen auf und sah, dass sie neben einem Eisbären lag. Er war nicht groß. Doch Ada wusste, dass Eisbären, wie klein sie auch sein mochten, zu den gefährlichsten Tieren der Welt gehörten. Vorsichtig drehte sie sich auf die linke Seite und stellte voller Ekel fest, dass das Laken von Kackhaufen übersät war. Offenbar hatte der Bär die ganze Nacht in ihr Bett gemacht. Sie würde sich irgendetwas einfallen lassen müssen, ein Bärenklo für ihn kaufen, im Zoohandel vielleicht … Der Bär erhob sich schwerfällig, ließ sich vom Bett auf den Boden gleiten und begann, zwischen den Schneewehen im Zimmer herumzuschnüffeln.
»Aufstehen, Zeit fürs Frühstück!« Eine blasse Frau mit zerzaustem Haar ließ sich auf der Bettkante nieder. Sie nahm ihr Baby von der Brust und legte es zwischen die Kissen. »Meinst du, ich kann die Kleine hierlassen?«, fragte sie.
»Klar.« Ada war froh, dass Kasia die Bärenkacke auf dem Bett nicht bemerkt hatte, andernfalls hätte sie wohl kaum ihr Kind dort abgelegt. »Klar«, wiederholte sie. »Er ist sanft wie ein Lämmchen, er liebt Babys.«
In diesem Moment glaubte sie selbst, was sie sagte.
Sie schlüpften in ihre Hausschuhe, schlossen die Zimmertür hinter sich und gingen durch den schwach beleuchteten Flur. Die Küche war schmal, dunkel und mit tomatenroten Kacheln gefliest. Ein kleines vergittertes Fenster ging auf einen umzäunten Platz hinaus. Es roch nach angebranntem Essen und muffigen Spüllappen. Kasia goss Tee in Tassen und strich Brote. Erst als sie zum Zimmer zurückgingen, fiel Ada wieder ein, dass der Bär erst gestern zwei Welpen und die Nachbarskatze verschlungen hatte. Sie ging schneller, stieß die Tür auf … Zu spät. Der Bär lag auf dem Bett und leckte sich die Schnauze. Kein Baby zu sehen. Nur ein blutiger Fleck auf einem Kissen.
»Kasia«, flüsterte sie und packte ihre Schwester am Arm. »O mein Gott, Kasia …«
Ihr eigener gellender Schrei riss sie aus dem Schlaf. Doch nur Filip-Oleńka saß auf ihrem Bett und maunzte. O Gott, zum Glück hat Kasia gar kein Baby, war ihr erster erleichterter Gedanke. Sie setzte sich auf, fuhr sich mit den Fingern durch das wirre Haar und streichelte Filip-Oleńka beruhigend. Dann schwang sie ihre Beine aus dem Bett und ging in die Küche, begleitet von dem Kater, der ihr dauernd vor die Füße lief. Auf der Fensterbank zeigten sich die ersten Schimmer kühlen Morgenlichts. Vor dem Haus fuhr der Müllwagen vor, hoch oben am grauen Himmel krächzten Seeschwalben. Ihre Küche sah völlig anders aus als die Küche aus dem Traum. Ein heller, sauberer, weiß gestrichener Dielenboden, hölzerne Küchenschränke, alles praktisch und platzsparend, wie aus dem IKEA-Katalog. Ada nahm zwei Eiswürfel aus dem Tiefkühlfach und rieb sie sich ausgiebig übers Gesicht. Fünf Minuten später stand sie vor dem offenen Kleiderschrank. Sorgfältig gebügelte Blusen und Hosen hingen farblich sortiert nebeneinander: beige, grau, dunkelblau, grün, wie in einer Luxusboutique. Sogar die Unterwäsche lag Kante auf Kante, bildete einen exakten weißen Stapel. Ada wählte eine eng geschnittene Jeans, ein orangefarbenes T-Shirt und einen braunen Pullover mit breitem Kragen. Rasch zog sie sich an und setzte sich vor den antik aufgemachten Frisiertisch.
Sie ging bereits auf die vierzig zu, hatte sich aber ihre schmale Figur bewahrt und bewegte sich auf eine mädchenhafte Art. Sie war daran gewöhnt, für eine Studentin gehalten zu werden – obwohl ihr Studentinnenleben jetzt schon zehn Jahre zurücklag. Und allem Anschein zum Trotz rannte die Zeit unerbittlich, hinterließ gnadenlos ihre Zeichen auf Adas hellem, zartem Gesicht, auch wenn sie trotzig darüber hinwegsah. An den Wangen wurde die Haut allmählich weicher und um das Kinn herum ein wenig schlaff. Das Strahlen der dunklen, wachen Augen hatte einem sachlich taxierenden Blick Platz gemacht, während der breite Mund, der mit seinen abwärts weisenden Winkeln eine eigentümliche, wie umgedrehte Form aufwies, zu beiden Seiten von zaghaften ersten Fältchen eingerahmt wurde. Ada holte Puder, Rouge und Wimperntusche aus der Schublade und verwandelte sich mit Hilfe einiger kurzer, energischer Pinselstriche in eine alterslose Person. Ihren dunklen, fransig geschnittenen Pony kämmte sie zur Seite, strich sich die Haare hinter die Ohren. Dann nickte sie ihrem Spiegelbild zu, als grüße sie eine entfernte Bekannte, kühl und reserviert zwar, aber doch mit dem gebotenen Respekt.
Zurück in der Küche, goss sie sich Milch in den Kaffee und setzte sich vor den dampfenden Becher. Eine Weile starrte sie auf das heller werdende Quadrat des Küchenfensters. Der Traum ließ sie nur langsam los. Immer noch war sie von einer unbestimmten Unruhe erfüllt, und gereizt versuchte sie, das Gefühl beiseitezuschieben. Der Kater maunzte in einem fort.
»Jetzt nicht!«, sagte sie laut, bemüht um einen entschiedenen Tonfall, konnte aber zugleich ein Lächeln nicht unterdrücken, als sie sah, wie das Tier von einer Pfote auf die andere trat, den Rücken bog und schmeichelnde Posen einnahm.
»Du darfst nicht so viel fressen, sonst wirst du zu dick, und das wollen wir doch nicht, oder?«, fuhr sie mit sanfterer Stimme fort und ging in den Flur.
Filip-Oleńka strich weich, aber hartnäckig um ihre Beine und versuchte, ihr den Weg abzuschneiden. Sie schob ihn beiseite und schloss energisch die Wohnungstür hinter sich. Dann eilte sie die menschenleere Filarecka-Straße hinunter.
Kriminalkommissar Marcin Sawicki zwang seinen altersschwachen, röhrenden Opel zu einer so abrupten Kehrtwende, dass die Reifen quietschten.
»Polizei, du Wichser!«, brüllte er den hupenden Nissan-Fahrer an, dem er in die Quere gekommen war, und bremste auf dem Gehsteig, direkt vor einem Parkverbotsschild.
»Eine Frau«, knurrte er, während er sich vom Anschnallgurt befreite. »Eine Frau!«, und schlug eine Richtung ein, die er eigentlich unter keinen Umständen einschlagen sollte – um kurz darauf die Tür von Starbucks aufzuziehen. Nach einem Moment des Zögerns warf er seine hehren Vorsätze über Bord, bestellte einen doppelten Espresso und einen Bagel mit Hähnchenbrust. Achtzehn Złoty. Sofort befielen ihn Gewissensbisse. Fast ein ganzer Zwanziger, dachte er mit Schrecken, während er auf seinen Kaffee wartete. Geld, das nun für immer weg war. Er versuchte zu überschlagen, wie viel er pro Monat für Snacks außer Haus ausgab, ließ es aber gleich wieder bleiben, weil ihm einfiel, dass dazu auch Zigaretten und Bier gehörten. Und an seine Schokoriegelsucht mochte er schon gar nicht denken.
Marcin Sawicki war fast einen Meter neunzig groß, aber wie er so dastand, auf die Theke gestützt, einen Ellenbogen eingeklemmt zwischen Gläsern mit braunem und weißem Zucker, und nervös eine Papierserviette mit der Aufschrift Have a nice day zerrupfte, wirkte er wie geschrumpft. Seine Schultern waren nach vorn gesackt, der Bauch wölbte sich, und das breite, gutmütige Gesicht trug den unglücklichen Ausdruck eines gekränkten kleinen Jungen. Er spürte, wie seine Mundwinkel zu zittern begannen.
»Esspressobagelbittesehr!«, rief die hübsche dunkelhaarige Thekenkraft im Starbucks-Kittel. Müden Schrittes trottete er zu einem Tisch. In der vergangenen Nacht hatte er kein Auge zugetan, sondern stundenlang vor dem Rechner gehockt und Folge um Folge einer amerikanischen Serie geguckt, sich bei den unzensierten Sexszenen einen runtergeholt und dabei der sinnlosen Hoffnung hingegeben, dass die Dunkelheit vor dem Fenster nie mehr von der Morgenröte erhellt werden würde. Trotzdem dämmerte der Morgen gnadenlos herauf, nicht rosenrot, sondern leichenbleich – und Marcin Sawicki musste sich der Wirklichkeit des Tages stellen.
Das kann ja heiter werden, dachte er und schluckte den letzten Bissen seines Bagels herunter, aus dem er vorher sorgsam den Rucola herausgezupft hatte. Er hatte nichts gegen Frauen bei der Polizei – Gott bewahre! –, als Sekretärinnen zum Beispiel, ja seinetwegen sogar als Verkehrspolitessen. Aber eine Frau als Kriminalbeamter? Als Ermittler? Vielleicht noch bei der Terrorbekämpfung …? Er lachte bitter und trank seinen Kaffee aus. Jetzt würde er die Kleine wohl oder übel die nächsten Monate ans Händchen nehmen müssen, bis die da oben wieder aus ihrer geistigen Umnachtung auftauchten und sie woandershin versetzten. Denn dass das kein Dauerzustand werden konnte, stand ja wohl fest. Keiner, der noch alle fünf Sinne beisammenhatte, konnte eine Frau bei der Kripo einsetzen! Klar, er hatte schon von solchen Fällen gehört, Frauen als Kriminaler, einsame, frustrierte Mannweiber ohne Familie, ohne Freunde, ohne Privatleben, besessen von der Jagd auf die bösen großen Jungs, haha … Na ja, wie man hörte, machten sie ihre Sache nicht mal so schlecht. Aber wo kämen wir da hin? Allein die Umstände, die das machen würde! Man wusste ja gar nicht mehr, wie man sich ausdrücken durfte – KripobeamtInnen, Kripobeamt*innen, ja, wie hätten es die werten Damen denn gern? Sollte es am Ende vielleicht noch »StreifenwagInnen« heißen, damit sich keiner auf den Schlips – pardon, keine auf den Seidenschal – getreten fühlte? Im Warschauer Hauptpräsidium, dem Mostowski-Palast, hatte es jedenfalls schon seit Jahren keinen weiblichen Ermittler mehr gegeben. Und das fanden auch alle gut so.
Schon neun vorbei. Er brachte seine Tasse weg. Wischte sich den Mund mit einer Serviette ab – Wonderful coffee, wonderful life –, erhob sich ächzend und ging. Es war der letzte Tag im Februar. Ganz Warschau erwartete gespannt den Frühling, der aber hatte es gar nicht so eilig. Eine blasse Wintersonne erhob sich über den Dächern, ließ den Schnee mit tausend Strahlen funkeln, spitz wie tausend Nadelstiche. Über den Bankowy-Platz wälzte sich ein Menschenzug in Daunenjacken und Wollmützen, die in dieser Saison auf unsagbar idiotische Weise getragen wurden, nämlich weit nach hinten gezogen bis zur Mitte des Kopfes. Marcin Sawicki kniff die Augen zusammen, seufzte leise, wünschte allen Modefreaks herzlich eine saftige Stirnhöhlenentzündung und machte sich auf zum Präsidium.
Er durchquerte die Empfangshalle, öffnete mit seiner Magnetkarte die hintere Tür, schlurfte über den Innenhof und stapfte hinauf in den zweiten Stock. Die Tür zum Sekretariat stand offen.
»Guten Morgen!« Dagmara, die Sekretärin, erwachte kurz aus ihrer Lethargie und schüttelte hinter Schreibtisch und Topffarn ihre blonde, auftoupierte Mähne. »Ist das eine Lausekälte heute, was?«, flötete sie.
»Wohl wahr«, stimmte Marcin ihr zu und rieb sich die halb erfrorenen Hände.
Sie strahlte ihn freundlich, doch bereits wieder leicht abwesend an. Er warf einen Blick auf die blaue, elefantenförmige Uhr hinter ihr an der Wand. Fast zwanzig Minuten zu spät, die Frau musste schon auf ihn warten. Vielleicht ist sie am Ende gar nicht erschienen, dachte er hoffnungsvoll. Vielleicht wollte sie doch nicht hier anfangen, oder sie war spontan anderswohin versetzt worden, zum Beispiel nach Krakau oder Olsztyn oder Białystok? Wer wusste schon, was im letzten Moment noch alles passiert war?
»Irgendwelche Nachrichten für mich?«, fragte er.
»Neeeiiiin«, antwortete Dagmara gedehnt und mit versonnenem Lächeln.
»Irgendetwas, das vielleicht wichtig sein könnte … von heute?«, bohrte er nach.
»Neeeiiiin …«, wiederholte sie aufreizend langsam. »Nichts.«
Aus unerfindlichen Gründen reizten ihr perfekt geschminktes Gesicht und die baumelnden, klirrenden Glasperlenohrringe Marcin heute noch mehr als sonst. Jäher Ärger stieg in ihm auf.
»Hat irgendwer nach mir gefragt? Ein bisschen Konzentration, Dagmara, wenn ich bitten darf!«, herrschte er die Sekretärin an.
Dagmara fuhr zusammen und riss in theatralischem Schrecken die Augen auf.
»Ach ja, richtig … Der stellvertretende Direktor wartet im Besprechungssaal auf Sie. Mit irgendeiner Frau. In dem neuen Saal, weil der alte renoviert wird«, setzte sie eifrig hinzu. »Seit einem Monat.«
»Ach tatsächlich?«, zischte er durch zusammengebissene Zähne. »Das habe ich ja gar nicht mitgekriegt.«
»Ja, tatsächlich«, stimmte sie ihm heiter zu. »Oben hat es einen Rohrbruch gegeben und …«
»Das weiß ich, Dagmara, ich weiß es! Ich arbeite auch in diesem Haus. Und es wäre mir lieber, wenn ich die wirklich wichtigen Informationen bekäme! Dafür sind Sie schließlich hier!«
»Aber es gab doch gar keine Informationen …«, protestierte sie schwach. »Nur diese Frau war hier, zusammen mit Direktor Rogowski. Sie warten im Besprechungssaal … In dem neuen …«
Marcin seufzte und trottete den Flur hinunter.
Noch bevor er die Tür des neuen Besprechungssaals erreichte, tat ihm sein Ausbruch leid. Nachher werde ich mich bei Dagmara entschuldigen, nahm er sich vor und drückte die Klinke herunter.
Im Zimmer warteten zwei Personen auf ihn: eine zierliche dunkelhaarige Frau, deren Gesicht er im Augenblick nicht genau sehen konnte, und der stellvertretende Direktor der Abteilung Terrorbekämpfung und Tötungsdelikte, Artur Rogowski.
»Du bist zwanzig Minuten zu spät«, knurrte Letzterer, konnte aber dennoch seine Erleichterung nicht verbergen. Anscheinend hatte er mit der Möglichkeit gerechnet, sein Kollege würde gar nicht auftauchen. »Das hier ist Adela Rochniewicz … Frau Rochniewicz, das ist Kriminalkommissar Marcin Sawicki.« Mit erhitztem Gesicht stand Rogowski da, in seiner fleckigen Uniformjacke, kniff die wie immer leicht geröteten Augen zusammen, räusperte sich und schnaubte laut in ein Stofftaschentuch. Offensichtlich hatte er nicht die geringste Ahnung, wie er sich verhalten sollte. So trat er nur unentschlossen von einem Fuß auf den anderen, und als die Stille im Raum peinlich zu werden drohte, brummte er: »Na, dann will ich euch jetzt mal allein lassen«, zog seine rutschende Hose höher und eilte hinaus, hustend und schniefend, was Marcin heute noch abstoßender fand als sonst.
Adela Rochniewicz saß neben der Tür. Schräge Sonnenstrahlen fielen durchs Fenster und erhellten das enge Kämmerchen mit der stolzen Bezeichnung »neuer Besprechungssaal«. An der Wand und auf dem grauen Teppichboden zitterten kleine Sonnenflecken. Leuchtende Staubkörnchen tanzten in der Luft. Doch die Frau saß im Schatten. Marcin sah nur die zarte, zerbrechlich wirkende Linie ihres Rückens und des leicht geneigten Kopfes, und dieser Anblick gab ihm für den Moment sein seelisches Gleichgewicht zurück. Festen Schrittes trat er an ihren Tisch. Teuer gekleidet war diese Frau Rochniewicz, modern, aber dezent, so als wäre das hier ein Date in einem feinen Restaurant und kein Antrittstermin im Präsidium. Sie mochte höchstens dreißig sein, hatte einen kurzen Pony und volle Lippen, die ihrem Gesicht durch ihre seltsame Form einen leicht weinerlichen Ausdruck gaben. Dennoch hatte er das vage Gefühl, dass sich hinter dieser unschuldigen, mädchenhaften Fassade noch etwas anderes verbarg. Etwas, das er auf keinen Fall unterschätzen sollte.
»Sawicki«, stellte er sich knapp vor.
»Guten Tag«, erwiderte sie.
»Entschuldigen Sie meine Verspätung«, murmelte er. »Der Stau … Sie wissen schon.« Er räusperte sich. »Soso, Sie möchten also bei uns arbeiten«, begann er dann behäbig und zog ein paar Blätter aus seiner Aktentasche. Es war die Kopie seines Kabelanschlussvertrags, den er vor einigen Monaten unterzeichnet hatte, doch er fühlte sich besser, wenn er irgendwelche Dokumente vor sich liegen hatte. »Gibt es außer den Informationen hier« – er tippte mit dem Finger auf das Blatt und verdeckte zugleich mit dem Ellenbogen das bunte Logo des Kabelanbieters – »noch etwas, das ich wissen sollte?«
Da sah sie ihm zum ersten Mal direkt in die Augen. Zwar lächelte sie nicht, doch ihre Mundwinkel zuckten leicht, als müsse sie ihre Erheiterung verbergen. Er biss die Zähne zusammen.
»Welche Berufserfahrungen haben Sie? Würden Sie sagen, Sie sind sofort einsatzbereit?«, fuhr er fort, obwohl sie sich noch mit keinem Wort geäußert hatte.
Sein Verhalten war mindestens lächerlich, dessen war er sich bewusst. Jetzt spielte er vor dieser fremden Frau den künftigen Vorgesetzten, obwohl sie beide haargenau wussten, dass er keinerlei Einfluss auf die Entscheidung zu ihrer Versetzung gehabt hatte. Plötzlich schien es ihm jedoch, als könnte er diese Entscheidung mit reiner Willenskraft ungeschehen machen. Als könnte er in diesem letzten Gefecht doch noch den Sieg davontragen, der Frau ihre Unterlagen wieder aushändigen, bedauernd sagen: »Tut mir sehr leid, wir haben einen besseren Kandidaten für diesen Posten gefunden. Bewerben Sie sich aber gern später noch einmal.«
»Ich bin hierher versetzt worden«, sagte sie ruhig.
»Soso, ja … Sie suchen also Arbeit bei der Polizei. Bei der Polizei«, betonte er, um zu demonstrieren, wer hier am längeren Hebel saß.
»Ich suche keine Arbeit.« Adelas Tonfall war unverändert. »Ich bin dieser Abteilung zugewiesen worden.«
Sie musste doch älter als dreißig sein. Im ersten Moment hatte er sich durch ihre schlanke, mädchenhafte Figur täuschen lassen. Jetzt aber sah er deutlich die kleinen Fältchen in ihren Augenwinkeln, und auch über die Stirn zogen sich feine Linien.
»Die Arbeit bei der Polizei ist mit zahlreichen Unannehmlichkeiten verbunden«, hob er wieder an. »Besonders für Frauen. Denn sehen Sie, Frau Rochniewicz, wir arbeiten hier unter Gegebenheiten, die selbst für einen Mann im Vollbesitz seiner Kräfte äußerst schwierig sind. Es lässt sich nie vorhersagen, wann wir zum Einsatz müssen. Und ein junges Mädchen wie Sie … Wie wollen Sie Ihre familiären Pflichten, Ehemann, Kinder, mit …«
»Ich habe keine Kinder«, fiel sie ihm ins Wort. »Und es sind auch keine geplant.«
In ihren Worten schwang, wie er meinte, eine leise Ungeduld mit.
»Und ich mache kein Geheimnis daraus – auch wenn ich weiß, dass Sie mir diese Fragen gar nicht stellen dürften«, fuhr sie mit ruhiger Stimme fort. Ihre dunklen Augen blieben ungerührt und wach wie die eines Chirurgen. »Ich bin nicht zum Bewerbungsgespräch hier, und auch das wissen Sie ganz genau. Sie sind nicht mein Vorgesetzter, sondern mein neuer Kollege. Deswegen schlage ich vor, dass wir diese Komödie nun beenden.«
Marcins Standhaftigkeit begann zu schwinden wie Eis in der Sonne.
»Kommt ganz drauf an, wie wir uns verstehen …«, nuschelte er.
»Das ist natürlich wahr.« Adela Rochniewicz lächelte freundlich. »Und ich hoffe, dass wir uns gut verstehen werden. Dürfte ich jetzt wohl das Präsidium sehen und den Rest unseres Teams kennenlernen?«
»Morgen.« Fast hätte er es laut ausgerufen. »Ja, morgen. Morgen ist der Erste … Sie fangen doch erst morgen an …«
Er wollte sich wenigstens die flüchtige Ahnung eines Sieges bewahren.
»Ada«, unterbrach sie ihn. »Ich heiße Ada.«
»Ach, natürlich … Ada. Und ich bin Marcin«, krächzte er. »Heute wird hier renoviert, ein fürchterliches Chaos. Ein paar Jungs sind auf Einsatz … Wir fangen also morgen an. Um acht.«
»Gut. Dann also bis morgen.« Sie stand auf, nahm ihre Tasche – und bevor er ihren Gruß erwidern konnte, war sie schon verschwunden.
Mit stumpfem Blick starrte Marcin an die Wand. Das war es schon gewesen? Alles entschieden? Sein Schicksal besiegelt? Das Gespräch hatte kaum fünf Minuten gedauert! Er war erledigt, besiegt mit einem einzigen Streich! Und das von einer winzigen, zerbrechlichen Frau, die mit ihrer schmächtigen Figur wirkte wie ein alternder Teenager. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
Ada Rochniewicz hatte acht Jahre bei der Polizei in Wrocław gearbeitet. Das war Marcin vor gut einem Monat knapp mitgeteilt worden, zusammen mit der Ankündigung, dass sie ihm ab Anfang März zur Seite gestellt werden würde – eine PolizistIn, KripoermittlerIn, ha! –, und er hatte keine Chance, diese Entscheidung irgendwie rückgängig zu machen. Viel mehr als das wusste er nicht.
Anfang Februar war Rogowski nach einem Termin beim Chef zurück in ihr gemeinsames Büro gekommen und hatte sich, schnaufend und schniefend wie immer, schwer in seinen Schreibtischsessel plumpsen lassen.
»’ne Frau? Bist du dir sicher?«
»Ganz sicher. Der Alte da oben will unser Image aufpolieren. Politisch korrekt heißt das dann wohl.«
Marcin spürte, dass Rogowski ihm nervöse Blicke zuwarf, trotzdem tippte er beharrlich weiter. Er hatte viel zu tun, er wollte sich jetzt nicht unterhalten.
»Und?«, fragte er endlich – worauf er prompt Delete statt Tab drückte und das ganze mühevoll ausgefüllte Protokollfeld wieder löschte.
»Und … und du sollst dich um sie kümmern«, sagte Rogowski etwas zu schnell.
Marcin erstarrte. Kurz saß er reglos da, den Blick auf den Bildschirm geheftet, dann haute er mit der offenen Hand auf den Tisch.
»Haben sie dir ins Hirn geschissen? Seh ich aus, als hätte ich nichts zu tun, dass ich hier den Babysitter spielen soll? Das war deine Idee, stimmt’s? Schlag dir das mal schön wieder aus deinem Glatzkopf!«
Er schäumte vor Wut. Rogowski war zwar nur der stellvertretende Direktor, aber alle wussten, dass er inoffiziell die Funktion des Chefs innehatte. Er traf den Großteil der Entscheidungen. Marcin stand abrupt auf und verließ das Zimmer.
Am nächsten Tag, als seine Wut etwas abgekühlt war, unterhielten sie sich in Ruhe.
»Wird schon nicht so schlimm«, sagte Rogowski tröstend. »Ich habe ihre Papiere gesehen: Sie hat sich für den gehobenen Polizeidienst qualifiziert, davor hatte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester abgeschlossen … Soll ein guter Ermittler sein. Hat wohl ein paar wichtige Fälle gelöst. Wird dir sicher gefallen, mit ihr zu arbeiten.«
Marcin zuckte mit den Schultern.
»Acht Jahre bei der Kripo Wrocław«, fuhr Rogowski ungerührt fort. »Überschwängliche Empfehlungsschreiben. Auszeichnung für den professionellen Einsatz bei der Zerschlagung der BAF-Gruppe.«
Von dem Fall hatte er schon gehört, erinnerte Marcin sich dunkel. Sieben Leute waren festgenommen worden und vierzig Kilo Kokain beschlagnahmt. Das Koks hatte über die deutsche Grenze geschmuggelt werden sollen.
»Allerdings …« Jetzt klang Rogowskis Stimme schon etwas weniger überzeugt. »Nun, sie ist 2010 schon mal versetzt worden, in die Abteilung Untersuchung und Ermittlung, reine Büroarbeit …«
Marcin hob verwundert die Brauen. Eine Tippse? Und warum schickte man sie ausgerechnet jetzt wieder zur Kripo? Wer ging denn nach zwei Jahren Sesselfurzerei zurück in den Einsatzdienst?
»Das passt nicht zusammen.«
»Ich weiß. Es sei denn …«
»Es sei denn, irgendein hohes Tier wollte Adela Rochniewicz, die Krankenschwesterpolitesse, unbedingt hier in Warschau haben und hat die entsprechenden Strippen gezogen«, beendete er gehässig den Satz. »Hat sie einen Mann? Kinder?«
»Das Feld ›Familienstand‹ war leer.«
»Warum wundert mich das nicht?«, konterte er bissig.
Weiter hatten sie nicht darüber gesprochen, bis gestern, als Rogowski ihm gesagt hatte, er möge sich heute um neun im Präsidium einfinden und die neue Frau Kommissarin unter seine Fittiche nehmen.
Am Freitagmorgen wachte Marcin beinahe erholt auf. Sieben Stunden hatte er geschlafen, ohne ein einziges Mal aufzuwachen. Nun war es kurz nach sechs. Leise zog er sich an und beschränkte seine Morgentoilette auf ein rasches Zähneputzen. Er wollte allein und in Ruhe seinen Kaffee trinken.
Das Thermometer außen am Küchenfenster zeigte null Grad. Der Himmel war wolkenverhangen, schwere, nasse Schneeflocken taumelten herab. Um sieben weckte Marcin seine Frau und die beiden Töchter. Kurz vor acht war er schon im Präsidium. Während er den Flur entlangging, fragte er sich, ob Kriminalkommissarin Adela Rochniewicz wohl schon auf ihn wartete. Überpünktlichkeit war garantiert eine ihrer hervorstechenden Eigenschaften. Überpünktlichkeit, Ordnungsfimmel, Stock im Arsch. Marcin zog seine Jacke aus und sah sich unsicher im Zimmer um. Auf beiden Schreibtischen türmten sich Papiere. Im Schrank lag ein Haufen Klamotten unbekannter Herkunft, im unteren Fach ruhten ausgelatschte Schuhe. Auf der Fensterbank kümmerte ein Topfpflänzchen vor sich hin, in der dazugehörigen Gießkanne siedelten Algen. Marcin wischte mit seinem Ärmel den Staub von der Fensterbank, sammelte die Papiere von dem Schreibtisch ein, der bis gestern Rogowski gehört hatte, und warf einen vorsichtigen Blick in die Schublade: vergammeltes Butterbrot in Plastiktüte, leere Wodkaflasche.
Ada kam um drei nach acht. Kurz und fest drückte sie ihm die Hand – fast nach Männerart, schoss es Marcin durch den Kopf –, schlüpfte aus ihrer Marinejacke, zog sich die Mütze vom Kopf, eine extravagante Filzkappe mit bunter, farblich harmonierender Borte. Von welcher Kohle leistete die sich solche Klamotten? Flauschige Pullover, Röcke aus Schurwolle, elegante Lederstiefel? Die trug ja zwei volle Monatsgehälter am Leib! Während er die neue Kommissarin aus dem Augenwinkel beobachtete, dachte Marcin voller Bedauern an die grellen Billigklamotten seiner Frau.
»Komm, ich stell dich den Jungs vor.« Er zwang sich zu einem Lächeln.
Diesen Rundgang wollte er so schnell wie möglich hinter sich bringen. Voller Unbehagen führte er sie über den Flur, von einer Tür zur anderen: »Das ist Adela Rochniewicz, sie arbeitet ab heute bei uns.« Ada grüßte knapp, zurückhaltend. Ihr Gesicht trug einen kühlen, offiziellen Ausdruck. Sie wirkte vollkommen gelassen. Reagierte mit keiner Miene auf die leisen Pfiffe und verhaltenen Lacher hinter ihrem Rücken. Als sie das Großraumbüro im zweiten Stock erreichten, hoben einige Polizisten überrascht die Köpfe. Fast erschrocken sahen sie aus. Ada wirkte in dieser Umgebung so fehl am Platz wie die Queen in der Umkleide von Manchester United.
»Da hat er sich ja ’ne schöne Mimose geangelt«, brummte Kapusta, ein hellblonder Hüne mit pickligem Gesicht und geröteter Stirn. Leise sagte er es, wie zu sich selbst, trotzdem konnten ihn alle hören. Marcin biss die Zähne zusammen. Mimose! Jetzt wurde diese Flachzange glatt erfinderisch! Wer hätte gedacht, dass der Hohlschädel solche Ausdrücke überhaupt zu seinem Wortschatz zählte.
»Ein Mi-möschen!«
Unterdrücktes Prusten folgte ihnen, als sie den Raum verließen. Adas Miene blieb ungerührt.
Im Sekretariat holte Dagmara ungewohnt geschäftig einen Teller mit frischen Berlinern aus dem Kühlschrank.
»Ich wusste, dass du heute kommst, also habe ich uns das hier mitgebracht!«, zwitscherte sie. »Komm, setz dich, wir trinken erst mal einen Kaffee, ja? Wir Frauen müssen doch zusammenhalten. Sawicki und die ganzen anderen Kerle hier …« Sie schnaubte verächtlich, als wäre er gar nicht da. »Aber du weißt ja bestimmt, wie das ist.«
Ihre dicke schwarze Wimperntusche krümelte. Unter der rosa Bluse wogten üppige Brüste. Noch bevor sie zwei Kaffeebecher auf den Tisch stellen konnte, erschien Rogowskis kahler, runder Schädel in der Tür.
»Mordfall in Mokotów. Wurde eben durchgegeben. Junges Mädel mit zerdeppertem Schädel. Ihr zwei fahrt hin. Kapusta und der Alk verhören die Jungs vom Autoschmuggel. Pawlak und ich nehmen den Alten mit nach Praga.«
»Aber sie fängt doch heute erst …«, wagte Marcin einzuwenden.
»Umso besser, dann geht’s gleich in die Vollen. Ich weiß ja nicht, wie es in Wrocław ist, aber wir hier starten nicht mit Kaffee und Kuchen in den Tag.«
»Mord in Mokotów?«, versuchte Marcin es noch einmal. »Können sich da nicht die Jungs vor Ort drum kümmern? Wir haben hier genug Eigenes am Hacken.«
»Sind schon da.« Rogowski hustete rasselnd. »Die Männer von der Wache Mokotów und ein Rettungswagen. Und Modzelewski«, setzte er hinzu, schnappte sich rasch einen Berliner und verschwand.
Ada hob die Brauen.
»Modzelewski ist der Staatsanwalt«, beeilte sich Dagmara zu erklären. »Der holt sich immer die Leute vom Hauptpräsidium. Bei jedem Mordfall. Das heißt also, er hat heute Dienst.«
»Und das heißt, wir haben Pech«, fügte Marcin hinzu.
Um kurz vor neun verließen sie das Präsidium. Es hatte aufgehört zu schneien, durch die Wolken schien eine blasse, ferne Sonne. Der Innenhof war überzogen von einer dünnen Eisschicht, auf der sich Pfützen bräunlichen Wassers gebildet hatten. Schlitternd erreichten sie Marcins alten Opel und fuhren schweigend Richtung Mokotów. Die morgendlichen Staus hatten sich aufgelöst; Blaulicht und Sirene waren nicht nötig. Vor einem vierstöckigen Altbau parkte Marcin, und durch einen schmalen Hauseingang gelangten sie in den Hinterhof. Ada spürte, wie ihre Haut im Nacken zu kribbeln begann. Sie würde in einem Mordfall ermitteln! Endlich wieder im Einsatz! Zwei Jahre war es jetzt her, dass der Unfall passiert war und ihr ganzes Leben in Wrocław auf den Kopf gestellt hatte. Zwei Jahre, die sie ausgeschlossen und von allen gemieden hinter dem Schreibtisch gehockt hatte. Jetzt ging es zurück an die Arbeit! Jetzt konnte sie endlich wieder das tun, worin sie am besten war! Das fast vergessene Gefühl elektrisierender Spannung kehrte zurück, ihre Sinne schärften sich, neue Energie durchströmte ihren Körper. Ada holte tief Luft, drängte sich an Marcin vorbei und lief als Erste die Treppe hinauf.
Auf dem Treppenabsatz zwischen zweitem und drittem Stock warteten zwei Männer, die einander ähnelten wie ein Ei dem anderen. Sie trugen identische Lederjacken, identische Hosen mit Bügelfalte. Beide rauchten, hoben die Zigarette mit der gleichen hektischen Bewegung an die Lippen.
»Das ist das berühmt-berüchtigte Duo von Mokotów«, sagte Marcin lachend, als er Adas Erstaunen bemerkte. »Und das ist Kommissar Rochniewicz«, stellte er Ada vor.
»Hi«, sagten beide gleichzeitig.
Ada nickte knapp.
»Jetzt übernehmt also ihr.« Der linke Zwilling rieb sich zufrieden die Hände.
»Modzelewski hat schon die Biege gemacht. Ihr sollt ihm die Papiere heute Abend ins Büro bringen«, sagte der rechte. »Die Rettung war auch eben da. Nix mehr zu machen, die Kleine ist mausetot. In vierzig Minuten kommen die Rechtsmediziner. Sagen sie jedenfalls.«
»Die Leichenschlepper haben wir noch nicht gerufen«, ergänzten beide synchron und begannen, ihre Jacken zuzuknöpfen.
Von oben ertönte ein Schluchzen. Ada und Marcin schauten auf. Vor einer Wohnungstür im dritten Stock saß eine junge Frau mit zerwühltem Haar und offenem Mantel. Neben ihr lehnte ein Polizist in Uniform an der Wand und blätterte ungerührt in einem Boulevardblättchen.
»Ähm … und das da ist Monika Lewicka. Eine Freundin der Toten«, erläuterte der rechte Zwilling.
»Sie hat den Mord gemeldet«, fügte der linke hinzu.
»Wir hauen ab«, verkündete das Duo unisono. »Frohes Schaffen!«
Wie auf Kommando drehten die beiden sich um, liefen die Treppe hinunter. Der Polizist in Uniform wollte es ihnen nachtun.
»Einen Moment noch«, hielt Ada ihn zurück. »Würden Sie der Frau bitte einen Tee holen?« Sie wies mit dem Kinn auf die schluchzende Monika Lewicka. »Unten aus der Bäckerei.«
Überrascht starrte der Mann sie an.
»Haben Sie irgendein Problem?« Ada hob die Stimme.
»Ein Problem?«
»Ein Problem«, wiederholte sie scharf. »Sie stehen hier seit einer Stunde rum und lesen Zeitung. Während diese Zeugin uns gleich umkippt. Finden Sie das normal?«
Der Polizist lief rot an.
»Also, wenn Sie jetzt bitte einen Tee holen würden …«
»Tee? Soll ich den selbst bezahlen, oder was?«
Ada öffnete ihr Portemonnaie, hielt ihm zehn Złoty hin.
»Bitte sehr.«
Empört wich er zurück und öffnete den Mund, um zu protestieren, schloss ihn aber sofort wieder, als er ihre streng zusammengezogenen Brauen sah. Widerstrebend nahm er den Geldschein entgegen.
»Bitte bringen Sie den Tee erst in zwanzig Minuten, nicht früher. Und heiß muss er sein. Mit viel Zucker!«
Er nickte fügsam, sah auf seine Uhr und machte sich auf den Weg.
Marcin musste sich auf die Lippe beißen, um nicht laut aufzulachen, als er den schnauzbärtigen, breitschultrigen Schutzmann mit hochrotem Kopf abziehen sah.
»Monika Lewicka?«, wandte Ada sich an die weinende Frau. »Sie waren es, die die Polizei gerufen hat?«
»Ja«, brachte sie unter Schluchzen heraus. »Sie ist da drin … im Badezimmer«, fügte sie mit erstickter Stimme hinzu und strich sich die feuchten Haarsträhnen aus dem verquollenen Gesicht.
Marcin stieß die angelehnte Wohnungstür auf.
»Vorsicht!«, rief Monika Lewicka. Fast wäre Marcin in eine Lache Erbrochenes getreten.
»Tut mir leid«, murmelte sie beschämt.
Ada schob Marcin sanft beiseite und machte einen großen Schritt über die Lache. Er folgte ihr. In der Badezimmertür blieb sie stehen. Er sah ihr über die Schulter, zuckte kaum merklich zurück und berührte leicht mit der Hand ihren Rücken.
Sie wandte den Kopf, ihre Blicke trafen sich. Auf dem gekachelten Fußboden lag bäuchlings eine Frau. Arme und Beine waren schlaff ausgebreitet, als wäre sie aus großer Höhe gestürzt. In ihren langen Haaren klebte Blut. Ada hockte sich neben die Tote. Ihre Miene war unergründlich, die Bewegungen geübt, stellte Marcin fest. Nicht das kleinste Zögern.
Sie streifte sich Silikonhandschuhe über. Hatte sie die etwa immer in der Jackentasche dabei, schoss es ihm durch den Kopf. In weiser Voraussicht? Vorsichtig strich Ada die verklebten Haare beiseite und betastete den Hinterkopf der Toten. Der Anblick der beiden Frauen war seltsam und irgendwie unwirklich: die eine tot, die andere lebendig, beide gleichermaßen ungerührt. Marcin untersuchte nicht zum ersten Mal einen Tatort, er war es gewohnt, übel zugerichtete Leichen zu sehen. Dennoch hätte er von seiner neuen Kollegin eine weniger routinierte Reaktion erwartet. Aber was? Weinen? Händeringen? Er wusste doch, dass sie eine erfahrene Kommissarin war …
Langsam richtete Ada sich auf.
»Ich glaube, wir sollten die Kollegen von der Spurensicherung holen«, sagte sie ruhig.
Sofort spürte sie, wie Marcin sich verkrampfte, und einen Moment lang war ihr dieser große, kräftige Mann, der sich offenbar ein wenig vor ihr fürchtete, beinahe sympathisch.
Sie kniete sich wieder neben den Leichnam. Eine junge Frau, vielleicht Mitte zwanzig. Schlank, sportlich. Ada fielen die muskulösen Waden auf. Blut war eigentlich nur wenig zu sehen, es stammte aus einer Wunde an der Schläfe. An dieser Stelle war der Schädel zertrümmert und eingedrückt. Wer auch immer ihr diesen Schlag versetzt hatte – er hatte kräftig zugehauen. Ada betrachtete das Gesicht der Toten. Die aufgerissenen Augen waren trüb und von einem gelblichen Film überzogen, Lippen und Nasenflügel bräunlich violett angelaufen. Sie hob die Bluse etwas an, um die Totenflecke zu beurteilen.
Dann stand sie auf.
»Sie ist seit mindestens vier Stunden tot«, stellte sie fest und wollte sich flink an Marcin vorbeidrücken, doch der hielt sie zurück und zeigte auf den Boden. Dicht neben der Toilette lag ein Gegenstand.
»Das muss die Tatwaffe sein …«
»Ja.« Ada nickte nachdenklich. »Der Täter hat sie wohl einfach liegen lassen.«
Eine Zeitlang starrten sie ratlos auf den blutigen Hammer. Auf seinem Holzgriff prangte deutlich sichtbar ein Stempel: AM-NATMetallwaren.
»Wie eigenartig«, sagte Ada schließlich.
Marcin riss seinen Blick von der Tatwaffe los und holte sein Handy aus der Tasche.
Während er mit den Kollegen von der Spurensicherung telefonierte, besah Ada sich das schöne, große Schlafzimmer: ein sorgfältig gemachtes Bett, ein Sessel, darauf eine zusammengefaltete karierte Decke. Unwillkürlich lächelte Ada. Sie mochte Ordnung. Mit mechanischer Handbewegung rückte sie einen schwarz-weißen Kunstdruck zurecht, der etwas schief an der Wand hing. Dann ging sie weiter in die Küche: weiße, glatte Kacheln, breiter Teakholztisch, Spüle mit abnehmbarem Wasserhahn, Spülmaschine, elektrischer Backofen … Alles wirkte auf eine unaufdringliche Weise elegant. Erst vor Kurzem hatte Ada einen Artikel über reiche Warschauer gelesen, die sich Wohnungen in verfallenen Altbauten aus der Vorkriegszeit zulegten. Praga und Stary Mokotów wurden allmählich zu Modevierteln.
Auf dem Küchentisch stand eine Teekanne aus Porzellan mit einem handgemalten Muster aus blauen Vergissmeinnicht, daneben zwei Tassen und ein Teller mit Gebäck.
Ada kehrte ins Vorzimmer zurück. Durch die offene Wohnungstür sah sie, wie Marcin die junge Frau befragte.
»Polizei«, sagte er zu ein paar Nachbarn, die neugierig die Treppe herunterkamen. »Gehen Sie bitte in Ihre Wohnungen zurück, Sie behindern die Ermittlungen. Wenn wir Ihre Hilfe benötigen, kommen wir auf Sie zu«, fügte er in scharfem Tonfall hinzu, und sofort leerte sich das Treppenhaus.
Ada ging ins nächste Zimmer.
»Marcin!«, rief sie plötzlich. »Komm her! Ich glaube, das möchtest du sehen.«
Die einzigen Möbel in dem kleinen Raum waren ein Schreibtisch mit Laptop und großem Bildschirm, ein Sessel und eine alte Kommode. Alle Schubladen am Schreibtisch waren herausgezogen. Blätter, Schnellhefter und Pappmappen lagen verstreut auf dem Fußboden. Marcins Augen weiteten sich überrascht.
»Das kann kein normaler Einbruch gewesen sein«, sagte er. »Keine Einbruchsspuren. Computer und Tablet sind noch da. Zusammen sind die bestimmt mehrere Tausend Złoty wert.«
»In den anderen Zimmern herrscht vollkommene Ordnung«, ergänzte Ada.
»Sieht ganz danach aus, als hätte jemand etwas Bestimmtes gesucht und gewusst, wo er es finden kann … Offenbar hatte derjenige seinen eigenen Schlüssel und hat das Opfer im Badezimmer überrascht.«
»Glaube ich nicht. Ich denke, sie hat ihn selbst reingelassen. Auf jeden Fall muss sie jemanden erwartet haben. In der Küche stehen zwei leere Tassen und ein Teller mit Gebäck.«
Bald trafen die Techniker von der Spurensicherung ein. Zwei ernste Männer in Schutzanzügen wickelten Absperrband ab und betraten die Wohnung. Sie stellten Kärtchen mit Nummern neben der Leiche, dem Hammer und den Blutspuren an der Badewanne auf und machten sich daran, den Tatort zu sichern. Das Blitzlicht der Kamera flammte auf. Ada stand regungslos in der Schlafzimmertür.
»Du musst jetzt hier raus«, sagte einer der beiden zu Ada. Er hatte ein pausbäckiges Gesicht. »Wir sind in einer Stunde fertig.«
Unten fiel die Haustür zu. Man hörte, wie Schritte sich näherten. Die Treppe herauf kam ein kleiner Mann, unter seiner kurzen Daunenjacke schaute ein weißer Kittel hervor. Er wirkte eigenartig und etwas unheimlich. Kopf und Hände waren überproportional groß im Verhältnis zum Rest seines Körpers, der höchstens einen Meter fünfzig messen konnte. Ada roch Formalin und scharfen Männerschweiß. Angewidert wich sie einen Schritt zurück. Der Mann betrat die Wohnung, warf einen Blick in die Küche und ging dann, ohne ein Wort an irgendjemanden zu verschwenden, raschen Schrittes geradewegs zum Badezimmer.
»Das ist Nekro aus der Rechtsmedizin«, flüsterte Marcin. »Dem kommt man besser nicht in die Quere, ziemlich unangenehmer Typ …«
Nach fünf Minuten war der seltsame Zwerg zurück im Treppenhaus.
»Der hat einer den Schädel eingeschlagen, ganz klar«, sagte er. »Das kann sie nicht selbst so hingekriegt haben. Unfall war das keiner.« Er lachte mit unangenehmer Fistelstimme. »Ist mindestens vier Stunden her. So viel kann ich euch sagen. Hab jetzt keine Zeit für weitere Spielchen«, setzte er hinzu und schnaufte schwer. »Auf mich warten in der Oczko noch drei Pellen, die untersucht werden wollen. Ruft das Leichentaxi und meldet euch Montag bei mir.«
Dann ging er, ohne sich zu verabschieden. Eine beklommene Stille blieb zurück.
Monika Lewicka saß noch immer auf der Treppe. Sie weinte nicht mehr, war aber sehr bleich und zitterte, als hätte sie Schüttelfrost. Marcin berührte ihre Schulter.
»Tut mir leid, aber wir müssen Ihnen noch ein paar Fragen stellen.« Ada fiel auf, dass seine Stimme nun etwas sanfter klang. »Die ersten Stunden nach einem Mord sind die wichtigsten.«
»Okay.« Sie fing wieder an zu weinen.
»Tief durchatmen«, mischte Ada sich streng ein. »Tränen können Ihrer Freundin auch nicht mehr helfen. Aber wenn Sie sich zusammenreißen, helfen Sie uns, den Mörder zu finden.«
Monika sah sie erschrocken an, holte tief Luft und erzählte. Die ermordete junge Frau hieß Zofia Wagner. Sie war siebenundzwanzig Jahre alt, arbeitete als Grafikerin in einem Verlag. Erst vor wenigen Monaten war sie in die neue Wohnung in Mokotów gezogen.
»Sie ist meine Freundin, wir kennen uns noch aus der Grundschule«, schluchzte Monika.
In diesem Moment kam der Polizist mit dem Tee zurück.
»Zucker?«, fragte Ada, und schüttete, ohne die Antwort abzuwarten, vier Beutelchen in den Tee. »Trinken Sie das, dann kommen Sie wieder auf die Beine.«
Dankbar nahm Monika Lewicka das heiße Getränk entgegen.
»Sie hat mich gestern noch angerufen. Am frühen Nachmittag«, sprach sie stockend weiter. »Um zwei … oder nein, vielleicht doch schon halb zwei …«
»Schon gut, das können wir nachprüfen«, beruhigte Ada sie.
»Sie hatte schlechte Laune. Es reicht ihr jetzt, hat sie gesagt. Und dass sie sich nicht immer um andere kümmern kann, wenn sie schon mit ihrem eigenen Leben nicht klarkommt …«
Marcin schrieb etwas in ein kleines Notizbuch, das er aus seiner Hosentasche geholt hatte.
»Ja, das hat sie gesagt: Sie kann sich nicht immer nur um andere kümmern … Wahrscheinlich meinte sie diese Tschetscheninnen aus dem Kurs … Oder die Putzfrau. Mit der gab es auch irgendwelche Probleme. Zofia wollte ihr kündigen. Vielleicht war sie deswegen so sauer, ich weiß es nicht …«
»Tschetscheninnen?«
»Zofia hat bei einem Flüchtlingsverein Sprachkurse gegeben. Ehrenamtlich. Sicherer Hort heißt die Organisation, glaube ich. Oder nein: Sicherer Hafen.«
»Und was hat das mit der Putzfrau zu tun?«
»Ein Mädchen von dort muss für die ganze Familie mitverdienen. Ich glaube, sie hat noch vier Geschwister. Zofia wollte ihr nicht einfach so Geld schenken, also kam sie auf die Idee, dass sie zweimal pro Woche bei ihr putzen könnte. Auch wenn das eigentlich gar nicht nötig war.«
»Wie heißt dieses Mädchen?«
»Keine Ahnung. Vielleicht wissen das die Leute vom Verein …«
»Hatte sie einen Schlüssel zur Wohnung?«
»Weiß ich auch nicht.«
»Na gut.« Marcin blätterte um. »Zofia hat Sie also gestern gegen zwei angerufen. Was war denn der eigentliche Grund für den Anruf?«
»Sie wollte sich mit mir treffen und reden. Wahrscheinlich über all diese Probleme. Aber ich hatte den ganzen Tag zu tun. Bei der Arbeit gab es ein wichtiges Projekt, das fertig werden musste. Also haben wir uns für heute Vormittag verabredet. Und jetzt das …« Ihre Stimme zitterte.
»An einem normalen Werktag?«
»Ich habe keine festen Arbeitszeiten. Das Projekt habe ich ja gestern abgeschlossen. Und Zofia ist … war … freie Grafikerin.«
»Wann sind Sie gestern von der Arbeit gekommen?«
»Um elf Uhr abends.«
»Kann das jemand bestätigen?«
»Ja … zwei Kollegen waren auch so lange da. Und der Pförtner natürlich. Ich bin dann gleich nach Hause gefahren. Ich wohne mit meinem Freund zusammen, den können Sie gerne fragen«, setzte sie leicht beleidigt hinzu.
»Gut. Und weiter?«
»Dann war ich heute Morgen um kurz vor acht hier. Wir wollten eigentlich joggen gehen, im Park, und danach zusammen frühstücken. Um zwölf muss ich zur Arbeit.« Sie warf reflexartig einen Blick auf die Uhr und steckte dann schnell die Hand in die Tasche. »Ich kenne den Code für den Türöffner unten, deswegen bin ich allein reingekommen. Und hier oben habe ich dann geklopft und geklopft, aber es hat keiner aufgemacht. Ich dachte, sie hätte verschlafen, deswegen habe ich versucht, sie anzurufen. Sie ging aber nicht ran. Dann schien es mir auf einmal, als ob ihr Handy drinnen klingelte. Und da habe ich … ich habe am Türknauf gedreht, und … und es war gar nicht abgeschlossen …«
Monika begann wieder zu beben und brach in verzweifeltes Weinen aus. Urplötzlich schlug sie ihren Kopf gegen die Wand.
»Monika!« Diesmal war es Marcin, der scharf reagierte. »Monika, schauen Sie mich an! Ruhig atmen, hören Sie? Atmen Sie ruhig weiter … und hören Sie auf zu flennen!«
Er fasste ihren Arm. Sie sah ihn erbost an und versuchte, sich loszureißen.
»Okay, okay. Wir sind schon fertig und lassen Sie für heute in Ruhe. Gleich können Sie nach Hause gehen. Dauert nicht mehr lange.«
»Sagen Sie uns nur noch eins: Hatte Zofia private Probleme?«
»Na ja …« Monika wischte sich mit dem Jackenärmel die Nase. »Im Moment eigentlich nicht. Aber vor einem Jahr hat ihr Freund sich von ihr getrennt. Karol Zalewski. Das war echt schlimm. Die beiden waren seit dem Gymnasium zusammen. Sie wollten sogar heiraten, der Termin stand schon fest, da hat er plötzlich gekniffen und ist ins Priesterseminar abgehauen. Zofia ist ewig nicht darüber hinweggekommen. Hat sogar eine Therapie gemacht … Danach ging es aber wieder. Glaube ich jedenfalls, denn vor ein paar Monaten hatte sie eine neue Beziehung. Mit so einem Hooligan … Na ja, kein echter Hooligan natürlich, Zofia hat ihn bloß so genannt, weil er meistens in Jogginghose rumlief und ein totaler Fußballfan war. Jedenfalls hat sie ziemlich schnell wieder mit ihm Schluss gemacht. Ich habe ihn nicht mal kennengelernt. Ich weiß nur, dass er sie danach dauernd anrief, ihr nachrannte und Szenen machte. Aber jetzt hatte ich schon länger nichts mehr von ihm gehört.«
»Wo hatte sie ihn kennengelernt?«
»Weiß ich nicht. Sie hat wenig von ihm gesprochen. Sie redete nicht gern über persönliche Dinge.«
»Und wie hieß er?«
»Jurek … Den Nachnamen weiß ich nicht.«
»Gut.« Marcin klappte sein Notizbuch zu. »Sie haben uns sehr geholfen. Den Eltern sagen wir am Nachmittag Bescheid«, wandte er sich mit gesenkter Stimme an Ada.
Monika nickte, stand auf und ging, begleitet von Ada und Marcin, mit wackligen Schritten die Treppe hinunter.
Jetzt stand ihnen noch die Befragung der Nachbarn bevor. Doch erst brauchten sie eine kurze Verschnaufpause. Im Bistro an der Ecke bestellten sie sich Kaffee in Pappbechern und gingen damit nach draußen, um etwas kühle Luft zu schnappen.
Ada setzte sich auf eine niedrige Mauer, schlug die Beine übereinander und starrte vor sich hin. Marcin lehnte neben ihr an einem Zaun. Er kramte einen Schokoriegel und eine Packung Chesterfields aus der Jackentasche. Es war kurz nach Mittag. Nebel waberte dick und schwerfällig über den Asphalt, kroch durch undichte Kellerfenster, hing wie ein schmuddeliger Schleier über den Rasenflächen. Der Schnee war fast weggetaut. Er hatte kleine, rußgeschwärzte Hügel zurückgelassen, die an den Gehsteigkanten pappten. Empfindliche Kälte drang unter die Jacken und zwickte in die Fußknöchel. Die wenigen Fußgänger beeilten sich und wichen den Hundehaufen aus, die in allen Schattierungen von Braun unter dem Schneematsch zum Vorschein kamen. Der Anblick der menschenleeren Straße deprimierte Marcin. In dieser trostlosen Steinwüste gab es rein gar nichts, was ihn auch nur für einen Moment auf andere Gedanken gebracht hätte. Er sah Zofias bläuliches, aufgequollenes Gesicht vor sich, ihre leeren, erstaunt geweiteten Augen, das trockene Blut im langen Haar. Wer trug so viel Hass mit sich herum, dass er mit derartig brutaler Gewalt zuschlug? Und warum? Seine Gedanken wanderten zu ihren Eltern … Da stieß Ada ihn an.
»Wir müssen der Familie Bescheid sagen«, erinnerte sie ihn. Als könnte sie Gedanken gelesen.
»Ich weiß«, seufzte er. »Vielleicht schicken wir jetzt gleich jemanden hin?«
Sie schüttelte schweigend den Kopf. Er fluchte innerlich und drückte wütend seine Zigarette aus, wagte aber nicht, mit ihr zu diskutieren.
