Nestor - Michael Köhlmeier - E-Book

Nestor E-Book

Michael Köhlmeier

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Beschreibung

Nestor, der König von Pylos, empfängt Telemach, den Sohn des Odysseus. Der Krieg um Troja ist zehn Jahre her, die Helden sind entweder gefallen oder nach Hause zurückgelehrt. Nur Odysseus ist verschollen. Telemach besucht Nestor, um Nachricht über seinen Vater zu bekommen. Nestor ist alt. Er ist desillusioniert. Er ist ein zynischer Opportunist. Dass ein Krieg zu einem guten Ziel und einem guten Zweck geführt werden kann, das glaubt er nicht, das hat er nie geglaubt. Telemach hat seinen Vater nicht gekannt, er war ein Säugling, als dieser in den Krieg zog. Er ist aufgewachsen in der tiefen Empfindung, sein Vater sei ein Held. Nestor berichtet von Taten, die alles andere sind als heldenhaft. Krieg ist schlecht, er produziert keine Helden, er produziert Mörder, im besten Fall Opportunisten wie ihn, belehrt ihn Nestor. Es gibt im Krieg nur eine Heldentat: zu überleben. Wer etwas anderes predigt, der lügt.

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Seitenzahl: 43

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Michael Köhlmeier

Nestor

Inhalt

NESTOR

KURZBIOGRAFIE

IMPRESSUM

NESTOR

NESTOR IST SO ALT,

DASS ER KEIN ALTER HAT

BARFUSS

AUFGEKNÖPFTE, AUSGEBLICHENE UNIFORMJACKE ÜBER DER NACKTEN BRUST

BLICKT AUS DEM FENSTER

Ich und dein Vater …

Stört dich etwas an dieser Formulierung, Telemach?

Nein?

Dann ist es ja gut.

Ich und dein Vater …

Du meinst, ich solle mich als zweiten nennen. Weil Odysseus größer ist als Nestor, dessen Verdienst hauptsächlich darin besteht, alt zu sein? Weil dein Vater ruhmreicher ist als ich, weithin strahlender?

Du suchst deinen Vater, meine Söhne suchen mich nicht. Telemach sucht Odysseus. Deshalb ist Telemach hier. Das sind Tatsachen.

Vielleicht nenne ich deinen Vater als zweiten, weil er nicht mehr lebt? Hast du dir das nicht überlegt? Die Lebenden sind auf alle Fälle und immer und, wie ich meine, zu Recht den Toten vorzuziehen. Wo kämen wir denn sonst hin.

Warum schaust du zum Fenster hinaus? Treibt sich dort draußen eine meiner Töchter herum?

Du bist nach Pylos gekommen, um etwas über deinen Vater zu erfahren, also hör mir gefälligst zu. Um meine Töchter kannst du dich hinterher kümmern. Ich will nicht nur dein Ohr, ich will auch dein Auge. Also, schau mich an, kleiner Idiot!

Kleiner Idiot …

Das sag ich zu allen, die jünger sind als ich. Das braucht dich nicht zu beunruhigen. Das sind alles kleine Idioten.

Ein Sohn, der seinen Vater sucht … Wie beneide ich das Leben, das solche Geschichten erfindet!

Ich und der hehre Odysseus …

Ist das besser?

Es ist als Kompromiss gedacht. Mich selbst nenne ich an erster Stelle, weil bewiesen ist, dass ich lebe, dafür lasse ich mich ohne Schmuck, und deinen Vater nenne ich an zweiter Stelle, weil nicht bewiesen ist, dass er noch lebt, dafür gebe ich ihm ein Abzeichen, einen kleinen adjektivischen Orden sozusagen. Ich weiß, dass er große Orden verdiente, ich weiß, ich weiß. Aber es ist niemand mehr da, der noch solche verleiht, Telemach, kleiner Idiot.

Das hörst du nicht gern? Ich sag’s aber gern.

Also!

Ich und der hehre Odysseus, wir haben uns in den langen Jahren des Krieges niemals im Rat und bei der Versammlung gestritten. Ich hätte mich auch gehütet. Nie wollte sich da einer beim Planen offen mit ihm vergleichen. Immer wurde ja doch getan, was der hehre Odysseus mit seinen tausend Listen sich zurechtgelegt hat.

Ich weiß, das klingt besser. Das muss einem Sohn wie Öl hinuntergehen! Einem Sohn, der seinen Vater sucht!

Dein Vater, Telemach!

Was für einen wunderbaren Krieg hat er uns beschert! Ich sage das ohne jeden Spott und ohne jede Bitterkeit.

Schau mich nicht so an!

Schau mich an, aber schau mich nicht so an!

Ein wunderbarer Krieg!

Es gäbe nur einen, der heute mit Bitterkeit oder Spott sagen könnte, der Krieg sei wunderbar gewesen. Und das wäre Odysseus selbst – wenn er noch lebte. Die anderen sind nämlich entweder tot, die können gar nichts mehr sagen, oder sie sind glücklich zu Hause, dann werden sie an nichts lieber denken als an diesen Krieg, und sie werden ganz gewiss nicht mit Bitterkeit und ganz gewiss nicht mit Spott davon reden. Aber dein Vater, Telemach, er ist ein armes Schwein – wenn er noch lebt. Denn weder der Heldentod wäre ihm vergönnt noch eine glückliche Heimkehr.

Ein armes Schwein …

Wir hoffen dennoch alle, dass er lebt …

Ja, ja, ja, ja …

Nein, Telemach, niemand wagte es, sich mit deinem Vater anzulegen. Jedenfalls nicht, wenn es um einen Wettstreit im Ausdenken von Wegen und Umwegen, von Dennoch und Trotzdem, von Irgendwie-schon und Wollen-sehen-wie ging.

Dein Vater war der Klügste von allen.

Ich behaupte das.

Obwohl ich ja weiß … dass es einige gibt und noch mehr gab, die da anderer Meinung waren … und sind … immer noch sind … Stell dir vor, Telemach, stell dir vor …

Aber lassen wir das.

Ich sagte, lassen wir das!

Schauen wir lieber gemeinsam zum Fenster hinaus! Was für ein Tag! Es ist mir völlig egal, was für ein Tag draußen ist. Das ist Polykaste, meine Jüngste. Tochter, nicht Frau. Meine jüngste Frau ist jünger als sie.

Warum schaust du nicht gemeinsam mit mir zum Fenster hinaus? Erst schaust du zum Fenster hinaus, und dann schaust du nicht zum Fenster hinaus. Ist das nötig, sich mir gegenüber so renitent zu zeigen?

Also gut. Warum soll ich seinen Namen nicht nennen? Warum soll ich die alte Geschichte nicht erzählen?

Aaaaaaaaah …

Bist du sicher, dass du die Kriegsgeschichten verträgst, kleiner Idiot? Unterbrich mich nicht, gefälligst!

Kein Mensch in meinem Alter kann den Buchstaben A so lange ausdehnen. Auch Jüngere können das nicht. Fast niemand kann das! Höchstens geschulte Trompeter! Und hast du die anheimstellende Geste bemerkt, mit der ich das lange A unterlegt habe?

Wie ein etwas schwermütiger Schwadroneur siehst du aus. Sei mir nicht böse, dass mein zweiter Gedanke war: Er weiß es nicht, aber wahrscheinlich, wahrscheinlich ist Odysseus nicht sein Vater.

Willst du Polykaste haben? Ich sage ihr, sie soll dich baden. Dann findet sich alles weitere wie von selbst …

Ich weiß gar nicht, ob sie wirklich meine Tochter ist. Mir geht es nicht viel anders als dir – nur umgekehrt …