Neusiedler Tod - Bernadette Németh - E-Book

Neusiedler Tod E-Book

Bernadette Németh

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Beschreibung

Eigentlich will sich Journalistin Laura nur eine Auszeit nehmen und am Neusiedler See ihrer Berufung nachgehen: dem Schreiben eines Reiseführers über den idyllischen Steppensee. Bei den Recherchen für das Buch rechnet sie mit allem - nur nicht mit dem Fund von Leichenteilen, noch dazu genau an der Staatsgrenze zwischen Österreich und Ungarn. Ihre Nachforschungen zur Austrocknung des Sees verschwimmen bald mit der Polizeiarbeit und führen sie in die Abgründe beider Länder. Sie entdeckt, dass fast jeder am See ein Geheimnis hat - nur, wie sehr sie selbst in Gefahr schwebt, merkt sie zu spät …

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Seitenzahl: 294

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Bernadette Németh

Neusiedler Tod

Kriminalroman

Zum Buch

Eine Leiche in der Idylle Eigentlich ist es ein Glück, dass Medizinjournalistin Laura ihren Job verloren hat. Denn so kann sie sich endlich ihrem Herzensprojekt widmen und einen Reiseführer über den geliebten Neusiedler See schreiben – zumindest ist das ihr Plan. Bis sie beim Recherchieren auf Leichenteile stößt und das Gefühl nicht loswird, dass die Polizei etwas Entscheidendes übersieht. Ihre Nachforschungen führen sie tief in beide Länder am See und zu dessen Problemen wie dem Klimawandel und einer drohenden Austrocknung, die in Österreich und Ungarn Thema ist. Bei mehreren originellen Persönlichkeiten entdeckt sie finstere Machenschaften, seien es zwielichtige Kunstprojekte oder ein heimliches Ableiten von Seewasser. Doch warum musste eine junge Frau sterben? Gibt es vielleicht noch andere Gründe, die in der Vergangenheit liegen? Viel zu spät erkennt Laura, dass sie selbst in Gefahr schwebt …

Bernadette Németh wurde 1979 in Wien geboren, wuchs zweisprachig mit Deutsch und Ungarisch auf und schreibt seit ihrer Kindheit. Neben ihrer Tätigkeit als Ärztin und Ausflügen in den Journalismus erfolgten Platzierungen bei Literaturwettbewerben. Nach einem Kurzgeschichtenband, einem Kinderbuch und Lyrik erschien 2017 ihr Debütroman. 2019 schrieb sie ihren ersten Reiseführer über Wien mit Kindern und aus Liebe zum Burgenland ein Jahr später einen Reiseführer rund um den Neusiedler See. Inzwischen lebt und arbeitet sie in einem Dorf am Neusiedler See, der im Mittelpunkt ihres literarischen Schaffens steht.

Impressum

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Bernadette Németh

ISBN 978-3-8392-7912-0

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Sie dreht sich. Sie würde sich immer drehen, hatte sie gesagt. Sie hatte es versprochen. Bis sie weggegangen, ihre eigenen Kinder verlassen hatte.

Die Gestalt stand im knöcheltiefen Wasser und fluchte. Mit einem scharrenden Geräusch glitt das Boot über die Kieselsteine. Das Scharren dauerte lange, weil der Strand lang war. Er war länger, als er sein sollte. Er war, verdammt noch mal, viel zu lang. Das Boot schwamm nicht. Es saß auf dem Untergrund auf.

Die Gestalt ließ die Bootsschnur fallen und sackte auf den Kieseln zusammen. Jetzt war ein Schluchzen zu hören neben dem leisen, kaum wahrnehmbaren Schnappen der winzigen Wellen. Das Wasser stand beinahe. Es war Flachwasser. Und es wurde immer seichter. Doch es war falsch. Nicht die Mutter hatte ihre Kinder verlassen. Die eigenen Kinder hatten sie zerstört. Schande über die Kinder.

Aber er hatte noch eine andere Idee. Es gab ja nicht nur das Boot.

1

Sarród, Juli 2019

Es war heiß, außerordentliche 35 Grad Celsius, und windig. Wüstengleich knatterte der glühende Wind durch das Schilfrohr und erzeugte gemeinsam mit dem Vogelgeschrei einen ohrenbetäubenden Lärm. Genügte es anderenorts, die Wetterlage in »wenig windig« und »stark windig« einzuteilen, hatte die Kraft des Windes hier am Neusiedler See etwas Bestimmendes. Der Wind hatte die Landschaft geformt, Bäume verkrümmt, regelmäßig Wellen aufgetürmt und am Rand des Schilfes, das aus dem Wasser ragte, schmale Sandbänke geformt. In der ungarischen Sprache, die Laura mittlerweile so vertraut war, war der Name des Sees gleichbedeutend mit »infektiös«; eine Ansicht, die viele Unkundige teilten, wenn sie das schlammig-braune Wasser des Neusiedler Sees zum ersten Mal sahen. Nichtsdestotrotz brüteten im kilometerweiten Schilf Kolonien an Vögeln, die es nirgends sonst in Europa gab oder die Jahr für Jahr für die Brutplätze hier eine beschwerliche Reise auf sich nahmen.

Normalerweise war Nordwind schuld am zeitweisen Schwefelgeruch, den der verblasene Seeboden erzeugte, doch in diesem Fall hatte der stechende Geruch einen anderen Ursprung. Er kam von dem schmalen Sandstreifen hinter den letzten Schilfhalmen, auf dem nun rot-weiß-rotes Absperrband im Wind flatterte. Der Gestank zog konzentrische Kreise, breitete sich vom Holzsteg, den sie in der Ferne sehen konnte, ringförmig aus und hätte von einem unvoreingenommenen Beobachter zu dem üblichen Fäulnisgeruch gezählt werden können, der an heißen Tagen aus den Stellen am Rande des Neusiedler Sees aufstieg, wo der schwefelhaltige Seeschlamm in der Sonne trocknete. Nur dass er süßlicher war und jetzt, wo Laura wusste, woher er stammte, deutliche Spuren von Tod und Verwesung enthielt. Er wurde mit dem Wind verweht und presste sich Laura ins Gesicht, sodass sie dankbar ein Taschentuch entgegennahm, das der blasse Polizist ihr reichte. Er lehnte neben ihr an einem krummen Baum, der wie eine Ölweide aussah.

»Drücken Sie das in Gesicht«, sagte der Polizist. »Hoffentlich kommen die Österreicher bald.«

Der Blasse sprach ausreichend gut Deutsch wie die meisten Ungarn in der Grenzregion, und er sah mit seinen hellen Haaren und der dünnen Statur aus wie ein Skispringer, der aus Versehen in die falsche Landschaft verweht worden war. Gerade schraubte er die dritte Flasche Mineralwasser, beschriftet mit einem unleserlich langen Wort, auf, und reichte sie Laura, die dankbar trank.

Wenige Meter neben dem Pfad, in dessen Mitte der Weidenbaum stand, erstreckte sich das braune vertrocknete Schilf wie ein undurchdringlicher Wall bis nach vorne zur Wasserkante, die mit dem Himmel zu verschmelzen schien. Der Pfad war eine mehrere 100 Meter lang, in den Schilfgürtel geschnittene Schneise, die von der Landstraße bei Sarród zum Seeufer führte und die fast niemand kannte, offenbar auch nicht die österreichischen Polizisten, die sich gerade verspäteten und dies durch regelmäßiges verärgertes Schnurren im Funkgerät des Skispringers bemerkbar machten. Die Ungarn waren schneller gewesen; die Spurensicherung hatte in Windeseile den Bereich um den morschen Stegrest, der vor dem Schilfgürtel ins niedrige Wasser führte, abgesteckt, und Laura zum Blassen geschickt, dem solche Anblicke offenbar ebenso nahegingen wie ihr. Sein Einwand, der Steg stehe genau auf dem Grenzgebiet zwischen Österreich und Ungarn, hatte einen dicken rotgesichtigen Polizisten zum Ausruf gebracht: »Jetzt müssen wir sogar schon den Dreck der Nachbarn wegräumen!«, und zu einem wütenden Seitenblick auf Laura, die als Anruferin der Polizei den ganzen Schlamassel verursacht zu haben schien.

»László mag nicht arbeiten, wenn es heiß ist«, sagte der Skispringer mit einem Kopfnicken zum Dicken, dessen roter Kopf trotz der Entfernung gut sichtbar war.

»Noch Wasser?« Er streckte Laura eine weitere Flasche hin. »Ich würde Ihnen ja lieber eine Marille anbieten«, fügte er entschuldigend hinzu, verschluckte aber den zweiten Teil des Satzes, sodass Laura erst im Nachhinein verstand, dass der Ungar damit einen Marillenschnaps gemeint haben musste.

Sie lehnte am Weidenbaum und bemühte sich, das Gesehene in die Kategorie der Dinge einzuordnen, für die sich bestimmt bald eine Erklärung finden ließ, wenn es einmal in den Händen der Fachleute war.

Die Klumpen am Seeufer waren hell-dunkel marmoriert gewesen, und hätte in dem größten nicht eine Lücke geklafft, hätte Laura vermutlich dem Gestank nach an verwesenden Müll gedacht. Einer war sanft auf dem Wasser auf und ab geschaukelt, die anderen waren mit einer Art grobem Seil unter den Brettern des morschen Steges befestigt gewesen. Den Steg kannten nur wenige Menschen, vermutlich nur einige ungarische Fischer und eine Handvoll Jugendliche des Dorfes Sarród, die hier baden gingen und ab und zu eine Flasche Bier im Schilfgürtel vergaßen. Er war bereits teilweise verrottet und befand sich haarscharf auf ungarischem Staatsgebiet, dem Landkreis Sarród. Direkt daneben verlief die Landesgrenze, sodass die kleine Sandbank ihre Existenz wohl der Tatsache verdankte, dass zu Zeiten des Eisernen Vorhangs ein Überwachungsturm hier gestanden haben musste. Genau dieser Umstand hatte diesen Ort für Laura interessant gemacht.

Der Geruch hatte sie abgeschreckt. Zwar kannte sie mittlerweile die Odeurs des Neusiedler Sees, vom fruchtigen Wind aus dem Süden, der vor allem im Herbst wie die Trauben roch, über die er entlanggestrichen war, über den pestilenzartigen Gestank eines toten Fisches, wenn er im Flachwasser trieb, bis hin zu der friedlichen Modrigkeit des Flachwassers, doch der an diesem Tag hatte alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt. Dennoch war sie Stück für Stück nähergetreten, angezogen von den seltsamen braun-weißen Klumpen im See, die sie für algenbewachsene Bojen gehalten hatte, bis sie die Lücke sah, die im größten Klumpen klaffte. Die gummiartig weiße, an einigen Stellen vom Seeschlamm braun gefärbte Hülle war an dieser Stelle vom Seewind regelrecht aufgeklappt worden. Darunter klaffte ein Loch. Überbrückt von drei eindeutig erkennbaren Rippen.

Laura hörte die Polizisten, bevor sie sie sah. Mit raschelnden Schritten brachen sie sich einen Weg durch den Schilfpfad.

»Herbert Wasser«, sagte ein Polizist, als er vor Laura und dem Skispringer stand. »Bin ich hier richtig bei den Kollegen aus Fertöd?«

Der Skispringer nickte.

»Leichenfund?«, fragte Kommissar Wasser. »Das ist übrigens mein Kollege, Kommissar Riedl.«

Ein zweiter Polizist drückte sich durchs Schilf. Er trug eine rote Kappe und wirkte im Gegensatz zum etwas steifen Wasser angenehm zwanglos; alles an ihm erinnerte Laura an den Volleyballtrainer ihres Ex-Freundes, den sie einmal kennengelernt hatte.

Der Skispringer nickte erneut.

»In Ungarn oder Österreich?«

Endlich schien der Skispringer seine Sprache wiederzufinden. »Halb, halb«, sagte er. Und, als Kommissar Wasser seine Brauen hob:

»Der Kopf war auf österreichischem Teil.«

Wasser wurde einen Hauch blasser, was auch der Hitze angelastet werden konnte.

»Wer hat Sie angerufen?«

Der Skispringer deutete auf Laura.

»Die Tante hier.«

»Dame«, korrigierte Riedl. Der Skispringer wurde zum ersten Mal rot.

»Dame, natürlich«, wiederholte er.

Laura schüttelte entschuldigend den Kopf.

»Kein Problem«, sagte sie. Sie wusste, dass in Ungarn Menschen, die ungefähr das 16. Lebensjahr überschritten hatten, prinzipiell als »Tante« oder »Onkel« bezeichnet wurden, ganz ohne Berücksichtigung des Verwandtschaftsgrades. Wenn der Skispringer so gut Deutsch konnte wie sie Ungarisch, waren solche sprachlichen Ungeschliffenheiten verzeihbar. Wenngleich Wasser, wie ihr jetzt bewusst wurde, sie anstarrte. Es kam nicht oft vor, dass sich Frauen im undurchdringlichsten Teil des Schilfgürtels herumtrieben und dabei auf Leichenteile stießen, die noch dazu über Staatsgrenzen verstreut waren.

»Was haben Sie hier gesucht?«, fragte er Laura.

Der Skispringer seufzte. Das hatte er auch schon zu fragen versucht, aber die Antwort nicht verstanden.

»Um ganz ehrlich zu sein – eine Arena des Kampfläufers«, sagte Laura. Während Riedl grinste, färbte sich Wassers Gesichtsfarbe zart rötlich. Frauen, die mit Kämpfern zu tun hatten und dabei auf Leichenteile stießen, waren noch seltener.

»Sie kommen mit uns, nicht wahr«, sagte er in scharfem Ton. »Da können Sie uns alles erklären.«

»Selbstverständlich«, antwortete Laura.

Sie war es gewohnt. Die meisten Menschen stiegen nach den vier, fünf Worten, wenn sie ihr Projekt vorstellte, aus, hörten nur »Neusiedler See« und dachten je nach Branche in Segelknoten oder Weinfässern weiter. Frauen waren willkommen, wenn sie sich auf der Seeterrasse Aperitif in die Gläser füllen ließen, der farblich zu ihren Tuniken passte, oder sich in neonfarbenen Acrylanzügen über ihre Fahrradsättel erhoben. Im Schilfgürtel sah man sie weniger.

»Geht Ihnen noch gut?«, fragte der Skispringer. »Sie fahren gleich zum Polizerei. Mein Kollega hat noch Spuren gesehen. Von Reifen.«

Offenbar mangelte es ihm an Fachvokabular, das hatte er mit Laura gemeinsam, nur umgekehrt. Während sie regelmäßig nach ungarischen Worten suchte, sich aber behalf, indem sie das deutsche Wort nahm und das ungarische für »machen« dranhing, deutschte er ungarische Nomina ein. Hauptsache, sie verstanden einander.

Aus der Richtung des Absperrbandes näherte sich ein Kollege, klein, untersetzt und mit knallrotem Gesicht. »Reifenspuren«, sagte er zum Ungarn. »Haben wir gesichert.« Er hielt sich ein Taschentuch vor die Nase, das er erst jetzt, in sicherer Entfernung, abnahm.

»Wir warten auf den Arzt. Der Fatzke kommt nicht so schnell«, sagte er auf Ungarisch zum Skispringer. Lauras Gehirn übersetzte mühelos.

»Sie spricht bissl Ungarisch«, erwiderte dieser warnend mit einem Seitenblick auf Laura.

»Spricht pici Ungarisch, soso«, antwortete der Rotgesichtige. »Was hat sie hier denn überhaupt gesucht?«

»Wir besprechen das im Polizeikommissariat«, erwiderte Robert Riedl streng.

»Wir fahren gleich.«

Der Rotgesichtige ließ sein Taschentuch sinken und stopfte es in seine Hosentasche.

»Puh«, sagte er. »Der Gestank. Nicht auszuhalten.«

»Sind Sie sicher, dass Sie keinen Arzt brauchen? Oder einen Beistand?«, fragte Kommissar Riedl mitfühlend.

Laura schüttelte den Kopf.

Vor Kurzem hätte sie noch beides gehabt, Arzt und Beistand in Personalunion, doch diese Zeiten waren vorbei.

»Man findet nicht jeden Tag …«, der Polizist verstummte.

Laura beendete den Satz für ihn. »Leichenteile«, flüsterte sie.

2

Apetlon, Juli 2019

Die Straße von Illmitz nach Apetlon führte durch einen dichten Wald aus übermannshohem Schilf, über dem die blutrote Sonne nur wenig von ihrer Strahlkraft einbüßte. Als Laura die Augen schloss, leuchtete die Sonne weiter. Ein Krächzen aus dem Funkgerät des Polizisten, der am Steuer saß, ließ sie ihre Augen wieder öffnen.

»Robert«, hörte sie. »Du hast die Zeugin bei dir, nicht wahr.«

»Ganz genau«, antwortete der Polizist mit einem besorgten Seitenblick auf Laura. Diese bemerkte, wie ein dünnes Rinnsal Schweiß ihren Rücken hinunterrann, doch es war jetzt nicht vorgesehen, sich frisch zu machen.

Der schmucke Ort Illmitz wirkte in der Nachmittagshitze wie ausgestorben. Sie fuhren an einem blumengeschmückten Hauptplatz vorbei und an einem Gebäude, das wie eine Scheune aussah und auf dem »Kino« stand. Dann wieder Felder, so weit das Auge reichte. In der Ferne versprühten landwirtschaftliche Pumpen Wasserfontänen auf das Gemüse, das hier wuchs. Sie sahen aus wie Wasser speiende Dinosaurier.

Die Polizeiinspektion Apetlon war ein cremefarbener Bau zwischen zweistöckigen Häusern mit breiten Hoftüren und Geranien vor den Fenstern. Die ziegelgedeckten, grob verputzten Mäuerchen zwischen den Häusern sprachen eindeutig von der pannonischen Umgebung, auch wenn sich das Polizeigebäude mit seinen Fahnen des Burgenlandes, Österreichs und der EU redlich abmühte, einen urbanen Eindruck zu machen.

»Kaffee?«, fragte Kommissar Riedl.

Laura schüttelte den Kopf. Ihr Herz schlug bereits viel zu schnell. Der Polizist stellte ihr ein Glas Wasser hin.

»Kekse?«, fragte er. »Wir haben welche im Kühlschrank. Hier macht man auch Hochzeitsbäckerei, wenn niemand heiratet.«

Herbert Wasser, der daneben stand, runzelte missbilligend die Stirn. Ein Minuspunkt für Riedl. Die Zeugen kamen schließlich nicht zum Jausnen hierher.

Riedl schien es zu bemerken und wandte sich eilig den Papieren auf seinem Schreibtisch zu.

»Sie sind also Frau Reiter, Laura Reiter, nicht wahr«, sagte er.

»Ja«, sagte Laura.

»Haben Sie einen Ausweis?«

Laura schüttelte den Kopf.

»Leider führe ich auf meinen Touren keinen Ausweis bei mir. Ich kann ihn aber gerne nachbringen.« Sie dachte an die Busreise in Costa Rica vor zehn Jahren, als sie für einen schlecht bezahlten Artikel in einem Reisemagazin den Vulkan El Arenal besucht hatte. Als sich der Bus die schlechten Straßen bis hinauf in die Wolken geschraubt hatte, war ihr eingefallen, dass sie nicht einmal eine Kopie ihres Reisepasses bei sich geführt hatte. Wäre der Bus in eine Schlucht gestürzt, was gar nicht so selten geschah, hätte niemand gewusst, wer sie war. Schön langsam musste sie sich angewöhnen, immer irgendeinen Ausweis dabeizuhaben.

Sie kramte in ihrem Gedächtnis. Irgendwo im Durcheinander des Seehauses ihrer Freundin musste ihr Reisepass liegen, möglicherweise unter der Kiste mit den Marillen, die Ariane gestern gekauft hatte und die schon leicht faulig waren.

Ariane. Sie würde sie vermutlich bereits vermissen.

»Frau Reiter«, sagte der Polizist. »Bitte erzählen Sie uns noch einmal, wie Sie heute Nachmittag zum Fundort am Seedamm gekommen sind.«

Laura schloss kurz die Augen. Jetzt kam der Teil, den sie eigentlich hatte weglassen wollen.

»Was haben Sie genau am Seedamm gemacht?«

Laura überlegte, wie sie es formulieren sollte. Gewiss, es war irrational, dass ihr die Frage unangenehm war. Tatsächlich schienen viele Zuhörer irgendwie abzuschalten, wenn sie von ihrem Buchprojekt erzählte.

»Ich bin Journalistin bei einer medizinischen Fachzeitschrift« sagte sich leichter als: »Ich schreibe ein Buch, das heißt Die schönsten Orte am soundso.« Spätestens hier stiegen 99 Prozent der Zuhörer geistig bereits aus.

»Die Arena des Kampfläufers gesucht«, sagte sie also schlicht.

Laura wusste aus eigener Erfahrung, wie sehr man Menschen ärgern kann, wenn man ihnen Wissen in nur schwer verdaulichen Brocken hinwirft. Sie hatte das in ihrem Beruf nur zu oft erlebt.

»Das ist ein Vogel«, präzisierte sie daher.

»Männliche Vögel dieser Art treffen sich auf möglichst unberührten Sandbänken neben Gewässern, um ihr Revier zu erkämpfen. Ich wollte das gerne einmal aus der Nähe sehen.«

»Aus der Nähe sehen«, wiederholte der Polizist. »Und – wozu, wenn ich fragen darf? Wollten Sie sie fotografieren?«

»Für ein Buch«, sagte Laura betreten. »Dafür habe ich auch ein wenig gegen das Wegegebot verstoßen. Ich weiß, dass man im Naturschutzgebiet die markierten Wege nicht verlassen soll, zumindest im österreichischen Teil. Kann ich dafür eine Anzeige bekommen?«

Der Polizist lächelte zum ersten Mal.

»In erster Linie haben Sie sich damit selbst gefährdet und keine anderen Menschen und auch keine Tiere«, sagte er. »Ich denke also, dass wir diesen Umstand jetzt einmal beiseitelassen können.«

Laura atmete auf.

»Und als Sie zum – Fundort kamen, wie nahe sind Sie da rangegangen?« Er schwieg kurz und präzisierte dann:

»An die Leichenteile.«

Er fixierte sie.

»Haben Sie irgendetwas dort verändert, im Sinne von bewegt oder angefasst?«

Laura schüttelte den Kopf.

»Angefasst nicht. In die Nähe gegangen, ja. Ich wollte wissen, was da so stinkt.«

»Ist Ihnen sonst irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen? Irgendetwas, das noch dort herumlag, Spuren in der Erde, so etwas?«

Laura dachte an die brütende Hitze, in der nur das Singen der Zikaden wahrnehmbar war. Sie schüttelte den Kopf.

»Um ganz ehrlich zu sein, ich hatte zuerst an … Schlachtabfälle gedacht«, sagte sie. »Die Erde war dort auch ganz trocken, also Spuren habe ich keine gesehen.«

Robert nickte. »Das ist sehr verständlich«, sagte er. »Dem Zustand der Leiche nach zu schließen, liegt sie schon eine Zeit lang dort. Rein theoretisch konnte in dieser Einöde auch ein Mensch eines natürlichen Todes gestorben sein. Aber warum dann so zerteilt …«

Er überlegte kurz.

»Wo wohnen Sie eigentlich?«, fragte er dann.

Laura atmete tief durch. »Bei meiner Freundin Ariane Breyer in ihrer Seehütte in Fertőrákos. Temporär.«

Robert klopfte mit dem Kugelschreiber auf den Tisch.

»Temporär? Was heißt das?«, fragte er dann. »Wo ist Ihr Hauptwohnsitz?«, fragte er. »Beruf?«

Laura seufzte.

»Es ist etwas kompliziert«, sagte sie.

Robert lehnte sich zurück.

»Ob Sie es glauben, Frau Reiter, oder nicht … so etwas hören wir jeden Tag. Also bitte erzählen Sie.«

Laura holte tief Luft. Sie hatte es vermeiden wollen. Aber sie hatte keine Wahl.

»Ich bin eigentlich Journalistin. Aber ich habe erst kürzlich meinen Arbeitsplatz bei einem medizinischen Journal verloren und bin bei einer Freundin untergekommen. Jetzt möchte ich ein Buch schreiben. Besser gesagt, einen Reiseführer.«

»Medizinisches Journal worüber genau?«, fragte Robert.

»Ästhetische Medizin«, sagte Laura. »Medizin«, sagte sie dabei lauter als »ästhetische«. Sie wollte intellektueller klingen, die Zeiten der Ästhetik schienen ihr mittlerweile Lichtjahre entfernt zu sein.

Sie dachte an das Gespräch zurück, mit dem alles begonnen hatte, an einem klaren Märztag vor nur drei Monaten im Büro ihres ehemaligen Chefs Axel Schweiger.

Wien, März 2019

»Wie stellst du dir eigentlich deine Zukunft bei uns vor?«, fragte Axel Schweiger und drehte seinen teuren Parker-Kuli zwischen seinen Fingern. »Also bei Aesthetics. Wir sind nicht nur einfach eine Redaktion. Wir sind ein Dienstleistungsunternehmen.«

Es klang wie eine Drohung.

Laura reagierte eine Sekunde zu spät. Zu fasziniert war sie von den zwei milchig weißen Haarschuppen, die an einem seiner letzten schütteren Haare hingen. Axel war, wie man so schön sagte, ein Mann im besten Alter. Gleichaltrige Frauen waren das für ihn nicht. Jetzt musterte er Laura mit seinen Huskyaugen.

»Du warst immer recht … kreativ«, sagte er. »Kommst du schon besser zurecht? Wie ist deine eigene Einschätzung?«

Laura stutzte. War dies ein Verhör?

»Sehr gut«, bemühte sie sich zu sagen. Vorteile aufzählen, hämmerte in ihrem Kopf, zähle die Vorteile auf, Laura, wie immer in den Frauenzeitschriften geraten, und erwähne auf gar keinen Fall, dass du den Artikel über diese lächerliche Creme nicht schreiben willst …

»Also, ich habe den Artikel über diese … Nervenkrankheit fertig«, sagte Laura. »Und meinen Vortrag. Ich bin mir sicher, dass der sehr gut ankommen wird. Ich finde, ich habe mich sehr verbessert, denn …«

»Soso«, unterbrach Axel sie und legte eine dramaturgische Pause ein.

»Tja … das finden wir leider nicht.«

Laura sah ihn verblüfft an. Eine düstere Vorahnung, kürzlich noch wie undefinierter Nebel über ihrem Kopf, drückte nun als schwarze Wolke auf ihre Schultern. Immerhin handelte es sich um ein Mitarbeiterorientierungsgespräch, noch dazu um ihr erstes, da konnte er ihr ja sagen, was sie nicht so gut machte, damit sie es beim nächsten Mal besser machen konnte. Das war schließlich der Sinn eines solchen, oder etwa nicht?

»Mir ist zugetragen worden …«, nachdenklich drückte Axel die grüne Mine des mehrfarbigen Kugelschreibers, den er vorhin in einer Hand herumgedreht hatte, nach vorne, bis sie mit einem leisen »Plopp« einrastete.

»… mir ist zugetragen worden, dass du immer noch nicht weißt, wie man sich bei Pressekonferenzen verhält.«

Laura schüttelte verwirrt den Kopf. In ihrem Gedächtnis kramte sie nach Anhaltspunkten, selbst wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, hatte sie keine Ahnung, wovon ihr Chef sprach.

»Tanja hat mir erzählt …«, seine faltigen Lider senkten sich über die Augen, als wolle er den Moment noch weiter hinauszögern.

»Tanja hat mir erzählt, was sich beim Stylofix-Meeting zugetragen hat.«

Laura versuchte immer noch, sich zu erinnern.

Ach du meine Güte. Die Erinnerung flutete sie siedend heiß. Die Pressekonferenz – wie lächerlich, eine eigene Konferenz dazu! – zu diesem Cellulitegel, von dem Tanja, die Sekretärin, so schwärmte. Ihr blieb auch nichts erspart. Dennoch, sie hatte gehofft, ihre Skepsis so gut verborgen zu haben wie ihr Unbehagen, wenn sie Axel gegenübersaß. Leider musste sie befürchten, dass ihr dies offenbar nicht so gut gelungen war.

»Ich denke, ich hatte die Fragen sehr gut vorbereitet …«, stotterte sie.

Laura hatte den Pharmavertreter von Stylofix fragen müssen, was dieses Gel von den Hunderttausenden, die bereits am Markt waren, unterschied. Der Pharmavertreter war ein hagerer Mann, es war unwahrscheinlich, dass er so etwas Unwichtiges wie Orangenhaut jemals auch nur von Ferne gesehen hatte. Er hatte etwas von einer besonders guten Pharmavigilanz geschwafelt – sie hatte ihm kein Wort geglaubt. Jeder, der auch nur irgendeine Ahnung von Stoffwechsel und Aufbau der Haut hatte, wusste, dass die Inhaltsstoffe eines solchen Gels diese niemals bis in die relevanten Schichten durchdringen konnten. Sie gelangten maximal bis in die Hornschicht und wurden dort täglich abgehobelt. Indem der Pressetext so formuliert war, dass das Zeug »in die Haut gelangt«, glaubten sämtliche Hoffnungsvollen, es würde etwas an ihrem Unterhautfettgewebe ändern. Vor allem die, die eigentlich ohnehin nicht viel davon brauchten.

Laura erinnerte sich, die Fragen absichtlich so formuliert zu haben, dass dies nicht herauskam und sie daraus später einen schnellen PR-Artikel würde schreiben können, um sich danach wieder wichtigeren Themen zuzuwenden, wie dem Artikel über Botulismus. Sie erinnerte sich, den spitzbärtigen Stylofix-Pharmavertreter gesehen zu haben, der jeder anwesenden Frau ein kiloschweres »Starterset« mit dem Mittel, das wie der Teufel brannte, sowie eine Kiste mit damit getränktem Moorschlamm in die Hand gedrückt hatte und weitere Lieferungen versprach, sollte man das Zeug auf der Homepage rezensieren. Sie erinnerte sich, dass er aus dem Mund gerochen hatte wie ein lebendiges Magengeschwür und sie daher elegant einen Bogen um ihn gemacht und kein Starterset bekommen hatte, was ihr herzlich egal gewesen war. Und sie erinnerte sich …

Oje. Die Erinnerung kam zurück.

Nein. Nein, sie hatte nichts gegen Stylofix gesagt. Ganz bestimmt nicht, das hätte sie niemals gewagt, solang sie alle fünf Sinne beisammen hatte, und sie hatte an dem Abend nichts getrunken. Sie hatte lediglich Tanja irgendwann in einem stillen Moment zugeflüstert, dass sie an die Wirkung dieses Unfugs nicht glaubte … aber bestimmt nicht, während irgendjemand von den Stylofix-Typen im Raum gewesen war. Oder?

»Tanja hat mir gesagt, du ›glaubest nicht, dass das Präparat wirke‹«, sagte Axel, den Konjunktiv absichtlich in die Länge ziehend, während der helle Kranz um seine Pupillen sie fixierte.

»Du hast dabei leider offenbar übersehen, dass am selben Tisch, gegenüber von euch, die Tochter von Doktor Pock, dem Stylofix-Gründer, saß.«

Laura erinnerte sich dunkel. Die blonde Frau gegenüber; alles an ihr war aufgespritzt gewesen, von der gebogenen Oberlippe, die den Anschein erweckte, als habe ihr jemand mit der Faust auf den Mund geschlagen, bis hin zur glatten Tränenrinne, die das Gesicht ab einem gewissen Alter zum ausdruckslosen Kürbisface macht und die sie mit Axel teilte. Sie hatte sie kaum beachtet, weil sie sie für eine Praktikantin gehalten hatte. Das sollte die Pock-Tochter gewesen sein? Auf einmal sauste das Ausmaß ihres Vergehens wie ein Schwall kaltes Wasser auf Laura herab. Und wenn sie doch etwas gesagt hatte? Das Blöde war, dass sie so ein schlechtes Gedächtnis hatte, wenn es sich um Menschen handelte, die sie in ihrem tiefsten Herzen nicht interessierten. Sie schloss die Augen.

»Du solltest inzwischen gelernt haben, wie man sich auf Pressekonferenzen benimmt.« Axel schien es zu genießen, diesen Satz auszusprechen.

»Wir leben von den Stakeholdern. Wenn so etwas noch mal passiert, sind wir alle weg.« Seine Stimme schraubte sich in die Höhe. »Wir alle. ALLE! Hast du verstanden?«

In Lauras linkem Ohr begann etwas zu klingeln.

»Ich habe ganz gewiss nicht … also nicht an diesem Abend …«

»Weißt du ganz einfach was?«, stieß Axel hervor. »Wenn du nicht weißt, was du reden sollst, dann halte einfach deinen Mund! Kapiert? Es gibt da eine Schranke zwischen …«, er deutete auf seinen Kopf. »deinen Gedanken – und«, er deutete auf seinen Mund, »deiner Pappen. Verstehst? Du bist ja ganz liab, aber …«

Lauras ganzer Kopf hallte vom Klingeln wider. Sie spürte, dass sie kurz davor war, die Fassung zu verlieren. Sie wusste, dass sie recht hatte, dass Stylofix nicht wirkte, niemals wirken konnte, und dass auch Axel das wusste. Dass es nur ein willkommener Seitenfüller in ihrer Zeitschrift war, die viel beschäftigten Chefärzten auf den Schreibtisch gelegt wurde und sie dazu bringen sollte, bereitwillig die wirklich interessanten Artikel für ihr Blatt zu schreiben. Sie wusste, dass er es als willkommenen Anlass sah, in baldiger Zukunft statt ihr einen Mann einzustellen, weil ihm ihre weibliche Sprunghaftigkeit auf die Nerven ging. Sie wusste, dass sie sich schleunigst überlegen musste, wohin sie innerhalb der Abteilung …«

»Wir müssen uns leider von dir trennen. Mit sofortiger Wirkung.«

Axels Worte drangen nicht ganz zu Laura durch.

»Also, ich habe ja den Vertrag bis …«

»Der Vertrag ist egal«, unterbrach Axel Schweiger sie harsch. »Du bist gefeuert. Sofort.«

Die Worte tropften langsam in Lauras Gehirnwindungen. Gefeuert, weil sie an ein idiotisches Produkt nicht glaubte. Ohne jede Vorwarnung. Bei ihrem ersten Mitarbeiterorientierungsgespräch. Sie musste die größte Versagerin dieser Erde sein. Nur langsam wurde ihr bewusst, was das für sie bedeutete.

Sie würde ihren Job verlieren. Sie würde ihr Geld verlieren. Ihre Lebensgrundlage. Aber mehr noch: Sie hatte diesen Job wirklich gern gemocht. Sie war Journalistin geworden, weil sie sich dafür interessierte, was rund um sie vorging; sich für Sachverhalte interessierte und ganz besonders für Sprache. Für Medizin.

Tanja. Die falsche Schlange musste die Stylofix-Geschichte Schweiger erzählt haben, ohne sie vorzuwarnen. Doch warum? Am Vorabend hatte sie sie noch gefragt, ob sie sich später einmal Kinder vorstellen könne, und Laura hätte am liebsten laut lachen wollen ob der Absurdität. Kinder. Sie war Anfang 30, und es war, abgesehen von ein paar Kandidaten für die eine oder andere Nacht zur Beruhigung ihrer Nerven, niemand in Sicht. Dennoch hatte sie sich für ein ehrliches »ja« entschieden, das sie sofort bereut hatte. Doch wieso hatte Tanja solch ein Interesse gehabt, das zu erfahren? Und was den Kongress betraf … Laura war sich nicht sicher, ob die Blondine die Pock-Tochter gewesen war. Und Tanja hatte das Gespräch als Erste in die Richtung gelenkt, in der sie geahnt haben musste, dass Laura ihre Ehrlichkeit zu Fall bringen würde. Warum nur?

Sie spürte Tränen hinter ihren Augen hochsteigen, die sie nur mit Mühe unterdrückte.

»Ist … ist das fix?«, stotterte sie. »Kann ich nicht noch irgendetwas … ich meine, quasi wiedergutmachen …« Welch eine Demütigung. Schweiger schüttelte geradezu genussvoll seinen Kopf.

»Und mein Vortrag?«, fragte sie wie ein Schwimmer, der verzweifelt nach dem letzten Holzstückchen greift. »Der über diese Vergiftungen …«

»Ach der.« Schweiger winkte ab. »Der ist für uns nicht mehr interessant. Tanja wird etwas über Low-Carb-Diäten erzählen.«

Low-Carb-Diäten! Laura zuckte zusammen.

»Etwas dagegen?«, fragte Schweiger süffisant.

»Nun, ich … ich meine …« War die Lage noch zu retten? Sollte sie etwas sagen? Laura hätte ihm sagen können, dass sie es für unmedizinischen Schwachsinn hielt, doch womöglich stand das dann in ihrem Abschlusszeugnis, oder ihr nächster Dienstgeber … wenn sie denn überhaupt einen finden würde.

Eine Träne tropfte auf ihr sorgfältig zusammengeschriebenes Memo-Paper. Ihr Wissen über Botulinumtoxin hatte sie sich offenbar völlig umsonst angeeignet.

»Weißt du«, wiederholte Schweiger seufzend, »genau das ist das Problem.«

Wie betäubt kramte Lara nach einem Taschentuch. Sie fühlte sich, als habe ihr jemand eine Keule über den Schädel gezogen. Was sollte sie nun ihren Freunden sagen, ihrer Mutter, der strengen Internistin? Dass sie schon wieder eine Fixanstellung versemmelt hatte? Ihre einzige Chance, jemals erwachsen zu werden?

Hätte sie doch bloß nie die Hybris gehabt, irgendetwas mit Medizin machen zu wollen.

»Du solltest wissen, wie man sich bei Pressekonferenzen zu verhalten hat.« Dieser Idiot. Mit einem leisen Stöhnen lehnte Laura ihren schmerzenden Kopf an die Nackenlehne des Regionalzuges und sehnte sich danach, dass er abfuhr. Draußen brummten die nimmermüden Baustellen des neuen Hauptbahnhofs wie ein Ameisenhaufen. Fleißige Menschen zogen einen Wohnturm neben dem anderen hoch – Menschen, die einer sinnvollen Beschäftigung nachgingen. Im Gegensatz zu ihr. Drinnen herrschte Stille, und es war eiskalt, weil die Klimaanlage überkompensierte.

Kältereize können Trigeminusneuralgie auslösen, peitschende Schmerzen in einer Gesichtshälfte. Sätze einer Kollegin aus der letzten Redaktionskonferenzsickerten durch Lauras schmerzendes Gedächtnis; ein Thema, das sie tausendmal interessanter gefunden hätte als den Stuss mit der Nagelpflege für Aesthetics – würde die Kollegin ihn auch so gut fertigstellen? Weiß der Geier.

Sie schloss die Augen.

»Du solltest eigentlich wissen, wie man sich bei Pressekonferenzen zu verhalten hat.« Was hatte sie eigentlich geritten, ihre Meinung zu sagen? Warum hatte sie, verdammt noch mal, nicht einfach den Mund gehalten? In diesem affig dekorierten Saal mit all den gelackten Pressefritzen aus der Welt der ästhetischen Medizin, vielleicht hatte sie ihr Blazer gedrückt, dieses verdammte Kleidungsstück, das sie, ebenso wie die obligatorischen Blusen, nur äußerst ungern trug, weil sie obenherum spannten und zwickten, ebenso wie die knabenhaften Anzughosen, weil sie eben kein Knabe war, sondern eine Frau. Was Schweiger vermutlich im Affekt dazu gebracht hatte, sie einzustellen, er hatte ihr beim Bewerbungsgespräch kaum in die Augen gesehen, sein Blick war die obligatorischen 40 Zentimeter darunter haften geblieben. Ein Verhalten, das Laura zu sehr gewöhnt war, als dass es sie ärgern würde. Es ärgerte sie erst jetzt. Erschöpft dachte sie all die Szenen durch, in denen Tanja – die immer freundliche Tanja – sie ausgefragt hatte.

»Soso, du bist Journalistin. Du suchst eine Stelle. Deine Mutter ist Ärztin? (Nicht ausgesprochen: Warum bist du keine geworden?) Du schreibst gerne? Liest du Zeitschriften? Interessierst du dich für Ästhetik?«

Laura hätte gar nicht erst lügen sollen.

Wohin, verdammt, sollte sie nun fahren? Sie hatte ihre kleine Wohnung im sechsten Bezirk mit der Vorstellung angemietet, Starjournalistin zu werden. Dort wartete Markus, der Doktor, auf sie und ihre Beförderung – vermutlich mit einer Flasche Champagner, von ihm finanziert. Vorübergehend. Denn eigentlich gab man sich in seiner Familie nur mit Universitätsprofessorinnen ab. Sie war eine Ausnahme gewesen, denn sie hatte mit solchen zu tun, beruflich quasi. Und er war wirklich nett. Eine regelmäßige Nacht mit ihm beruhigte ihr überaktives Hirn, rein physiologisch, das war eine Sache des Hirnstoffwechsels, Ängste und ein Orgasmus schließen einander aus. Dass er ihr keinen bescheren würde, wenn sie gerade ihren Job verloren hatte, war ihr klar.

In welchen Zug war sie eigentlich gestiegen? Es war ihr so egal gewesen. Stöhnend blickte sie auf die Anzeige. Egal, nur weg – einfach weg. Noch ein bisschen spazieren gehen. Markus konnte sie eine Nachricht schicken, dass sie bei der After-Work-Party war. Er würde bestimmt stolz auf sie sein. Vielleicht wollte er den Champagner zu ihrer Mutter bringen und mit ihr auf sie anstoßen. Bei dieser Vorstellung musste sie zum allerersten Mal an diesem Tag lachen.

Wie dunkel es hier draußen war. Es schien, als sei sie, sobald der Zug den Wiener Hauptbahnhof verlassen hatte, der aufgrund des Größenwahnsinns seiner Erbauer bereits so hieß, obwohl er noch nicht fertig war, immer tiefer in eine undurchdringliche Schwärze hineingefahren, wie man in eine dunkle Wasserrutsche gleitet. Draußen mussten weite Felder sein, die an ihr vorbeiglitten. Nur in der Ferne leuchtete der Himmel schwach, als sei seine Wolkenplatte von einer fernen, unsichtbaren Sonne beleuchtet.

Dieser Zug wurde irgendwo geteilt, sie erinnerte sich schwach. Offenbar war sie in das Zugteil gestiegen, das sie so weit weg von Wien brachte wie nur möglich. Am besten gleich in ein anderes Land.

Fertőrákos, März 2019

Mit einem leisen Scharren glitt der Pinsel über die Leinwand und schälte eine Figur aus dem Nichts. Die dünne blaue Linie entfaltete sich zu einem Halbprofil, zeichnete einen langen Hals, wölbte die Ansätze einer Brust, um bei einer Art Taille wieder zusammenzulaufen.

Ariane Breyer trat einen Schritt von der Staffelei zurück und runzelte die Stirn. Irgendetwas stimmte nicht. Man erkannte zwar die Frau auf dem Bild, aber die Proportionen waren nicht exakt. Sie sah aus wie eine halb sitzende Sphinx oder ein Dackel mit zu kurzen Beinen und einem weiblichen Oberkörper.

Ariane seufzte. Sie hatte es sich leichter vorgestellt. Im Mal-Retreat von vor drei Jahren war sie eine der Besten gewesen, allerdings hatten sie dort eher experimentelle Bilder hergestellt. Gefühle in Farben umgewandelt, großzügig auf die Leinwand geschüttet – darin war sie richtig gut gewesen. Mit den Akten war das jetzt schon ein wenig schwieriger.

Sie seufzte und blickte aus dem Fenster. Hinter der ungeputzten Glasscheibe wogte Schilf, dahinter erkannte man den Neusiedler See. Zu dieser Jahreszeit wirkte das Wasser schmutzig-grau. Es gab Momente, da war sie sich nicht sicher, ob er jemals so blau war, wie sie ihn früher wahrgenommen hatte.

Vielleicht war er das auf der österreichischen Seite. In Neusiedl oder Mörbisch, wohin die Wiener Bobos aus ihren schicken Stadtwohnungen kamen, um einen überteuerten Cappuccino direkt am Wasser zu trinken und danach solange ins flache Wasser zu waten, bis es ihnen an die Oberschenkel reichte. Viele lachten dabei und ließen sich fotografieren. Die Durchschnittstouristen hatten keine Ahnung, dass sich der See trotz seiner geringen Tiefe in ein wildes Ungeheuer verwandeln konnte, das regelmäßig Boote aufs Wasser hinauszog und Surfern mit seiner Sandkante das Genick brechen konnte. Sie spürten mit wohligem Schauer die spitzen Wurzeln des Schilfs im kühlen Schlamm unter den Zehen. Der Schlamm mit seinen im Wasser gelösten Schwebstoffen war der Grund, weshalb das Wasser nie klar war. Trotzdem war es ihr immer blau erschienen, und der leicht muffige Geruch hatte sich mit dem Geschmack von Pizza und Eis immer zu einer speziellen Urlaubsbrise auf ihrer Zunge gemischt, die sie sonst nirgends wahrnahm.

Sie hatte ihr Seehaus in Fertőrákos, auf der ungarischen Seeseite, von ihrer Tante Csilla geerbt, die nicht umsonst in der Familie als etwas verrückt gegolten hatte. Hier war es ruhiger als drüben auf der österreichischen Seite, und das nicht erst seit der neuen Baustelle im ehemaligen Seebad, das die Einwohner liebevoll »Strand« nannten. Es lag direkt neben den Seehütten und war das, was man als »retro« bezeichnen konnte – Liegewiese, Bäume, ein paar Pommesbuden. Schon immer war ihr die Zeit hier um mindestens zehn bis 20 Jahre zurückgeworfen erschienen. Dies konnte auch daran liegen, dass die Straße, auf der man den Strand von Fertőrákos erreichte, so unverkennbar kommunistisch aussah, mit ihren durchlöcherten Betonstrommasten, zwischen denen die Drähte wie Rastplätze für die Stare hingen, und ihrem rumpeligen, zusammengeflickten Asphalt. Mit ihrer Tante Csilla hatte sie öfter das Haus im See