Neustart - Sönke Würdemann - E-Book

Neustart E-Book

Sönke Würdemann

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Beschreibung

Jedem Neuanfang wohnt ein Zauber inne - was aber, wenn dieser zu einem Albtraum wird? Nach ihrer Versetzung nach Oldenburg plant Kriminalkommissarin Anna Kramer zunächst die Kollegen und die Stadt näher kennenzulernen. Doch schnell stellt sich heraus, dass ihre Ankunft in Oldenburg bereits sehnsüchtig erwartet wurde. Bereits an ihrem ersten Tag wird eine Leiche entdeckt, die eine Nachricht an Anna persönlich enthält. Ehe sie sich versehen, finden sich Anna Kramer und ihre neuen Kollegen in einer Schnitzeljagd durch Oldenburg wieder, bei der ihnen der Täter scheinbar immer einen Schritt voraus ist. Sein Ziel ist klar: Anna Kramer soll zu Fall gebracht werden. Mit allem, was dafür nötig ist.

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Alle in diesem Buch vorkommenden Personen, Handlungen und Namen sind frei erfunden. Übereinstimmungen mit real existierenden Personen sind zufällig und stehen in keiner Verbindung zu ihnen.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Epilog

Prolog

„Wo bin ich hier?“, fragte sich Manfred Kühnert. Er sah sich um, erkannte allerdings nicht viel. Lediglich eine einzelne Glühbirne spendete ein wenig Licht. Wie lange der Glühfaden aber noch aushielt, war schwer abzuschätzen. Es sah danach aus, als ob die Birne ihre besten Zeiten lange hinter sich hatte.

Er konnte dadurch immerhin erkennen, dass er in einer Halle war, in der ein deckenhoher Käfig verbaut war, in welchem er sich wiederfand. Dem Zustand des Gebäudes nach zu urteilen, handelte es sich um eine Industriehalle, die seit einiger Zeit verlassen war. Durch die Tür zog es, wodurch Kühnert immer wieder anfing zu frieren. Warum auch nicht? Er hatte ja keine Kleidung zum Wechseln oder eine Decke hier, um sich irgendwie zu wärmen.

Aus welchem Grund war er nur hier? Wer hätte ein Interesse daran, ihn zu entführen? Kühnert hatte sich als Fleischfabrikant einen Namen gemacht und auch ein vernünftiges Vermögen erzielt. Aber wahre Feinde hatte er keine, auch wenn er nicht immer fair mit seiner Konkurrenz umgegangen war. Zumal es für den oder die Entführer auch lediglich einen wirtschaftlichen Reiz hatte, aber keinen logistischen. Mit einer Körpergröße von 1,65 Meter brachte er immerhin 150 Kilo auf die Waage. Da war es im wahrsten Sinne keine leichte Aufgabe, ihn zu entführen.

Das Letzte woran Kühnert sich erinnern konnte war, dass er auf dem Weg zum Firmensitz auf dem Parkplatz einen Schlag bekommen hatte und ihm schwarz vor Augen wurde. Danach fand er sich hier wieder und wartete gefühlt seit Tagen darauf, dass jemand kam und zumindest etwas zu Essen brachte. In seiner Zelle war Wasser das Einzige, was er hatte. Damit konnte er zumindest ein wenig das Hungergefühl unterdrücken, es war jedoch ständig da. Sobald sich jemand zeigte konnte Kühnert vielleicht daran arbeiten, zu entkommen. So wie er es kannte, wollte sich entweder jemand an ihm rächen oder Geld erpressen. Allerdings waren andere Neider bisher immer auf seine Fabrik gegangen, wenn sie ein Stück von seinem Kuchen abhaben oder ihn in Misskredit bringen wollten.

Meistens waren es Anschuldigungen, die sich um die schlechten Wohn- und Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter in seinen Betrieben drehten. In seltenen Fällen waren es auch ehemalige Arbeiter, die sich mit Geschichten und Enthüllungen über sein Geschäftsgebaren bei ihm revanchieren wollten.

Durch ein gutes und großes Netzwerk war es Kühnert bisher immer gelungen, vor den Veröffentlichungen Kontakt zu den Personen aufzunehmen. Dabei war es in der Regel so, dass die Vorwürfe mit einer Geldzahlung aus der Welt geschafft werden konnten. Dabei verfolgte Kühnert den Ansatz, dass ein verhältnismäßig kleiner Geldbetrag besser zu verkraften war, als die finanziellen Auswirkungen von etwaigen Enthüllungen. Allerdings wurde Kühnert das Gefühl nicht los, dass sich diese Sache nicht allein mit Geld aus der Welt schaffen ließ.

Wie lange war er schon hier? Gefühlt waren es schon Wochen, aber dafür hätten die zehn Liter in dem Wassereimer nicht gereicht. Vielleicht waren es nur drei Tage, maximal fünf, wenn man bedachte, dass er seinen Wasserverbrauch in der letzten Zeit stark reduziert hatte. Durch die fehlenden Fenster konnte er sich nicht mithilfe der Sonne orientieren und abschätzen, wie viel Zeit inzwischen vergangen war.

Der Hunger war lähmend und die mittlerweile unzureichende Wasserversorgung machte ihn müde. Als er zum ersten Mal zu sich kam, tobte er und rüttelte an dem Käfig. Kühnert rief nach irgendjemandem bis er einsehen musste, dass er alleine in dieser Halle war, die sich wo auch immer befand. Er konzentrierte sich darauf, den stechenden Schmerz in seinem Magen zu ignorieren. Solange er Wasser hatte, konnte er es aushalten. Genügend Fettreserven hatte er ja. Aber würde er noch frisches Wasser bekommen? Was war, wenn sein Entführer nicht wiederkommen würde? Wie lange hatte er dann noch? Wann würde man ihn finden? Gab es irgendwelche Anhaltspunkte, die auf seinen Aufenthaltsort hinwiesen? Kühnert begann in seinem Käfig auf und ab zu laufen, um der aufkommenden Panik entgegenzuwirken.

In dem Moment hörte er ein sich öffnendes Tor. Irgendjemand war hier. Er sah sich um, ob er irgendwie auf sich aufmerksam machen konnte. Er sah den Wassereimer, der noch einen Rest Wasser beinhaltete und nahm diesen in die Hand. „Soll ich mich hiermit bemerkbar machen?“, dachte Kühnert laut nach. Er entschied sich dagegen und zog stattdessen seinen Schuh aus. Er konnte besser damit gegen den Käfig hämmern, als den Rest seines Wassers zu verschwenden. Wer weiß wie lange es dauert bis hier jemand auftaucht, der ihn befreien kann? Mit dem Schuh schlug gegen die Stäbe. Gleichzeitig erhob er die Stimme und rief um Hilfe, obwohl die Stimmbänder belegt waren und er keinen lauten Ton hervorbrachte.

„Hilfe! Hört mich jemand? Ich bin hier hinten.“ Kühnert rief so laut er konnte, war sich aber nicht sicher, ob er gehört wurde. Als sich die Tür in den Raum öffnete, lief es ihm eiskalt den Rücken runter. In dem Schein der durch die Tür kam stand ein Schatten, der von hinten angestrahlt wurde. Durch das Dämmerlicht in dem Raum in dem sein Käfig stand, war Kühnert von dem plötzlich einstrahlenden Licht geblendet und erkannte lediglich die Silhouette der Person, die gerade zu seinem Gefängnis kam.

Seine Augen gewöhnten sich nur langsam an das grelle Licht, was von draußen kam und es dauerte, bis Kühnert den Schatten näher betrachten konnte. Erst als der Schatten an dem Käfig ankam erkannte er, dass dieser eine Maske trug, die das Gesicht komplett verdeckte. Soweit er das beurteilen konnte, war es eine Maske aus dem asiatischen Raum, auf der keine Emotionen gemalt waren. Es handelte sich einfach um eine weiße Maske mit einem geschlossenen Mund, der aufgemalt war.

„Was wollen Sie von mir?“, begann Kühnert. „Ist es Geld? Das können Sie haben, sagen Sie mir, wie viel und wo Sie es übergeben haben wollen. Es soll Ihnen gehören. Hauptsache, ich komme hier wieder heraus“, erklärte Kühnert, während er seine Hände um zwei Stangen des Käfigs legte. Der Schatten verharrte ganz ruhig und regte sich nicht.

„Hören Sie, wenn Sie Geld wollen, kann ich alles veranlassen. Ich muss nur meinen Assistenten anrufen, der wird alles in die Wege leiten, bitte“, versuchte Kühnert es erneut, aber weiterhin gab es keine Regung.

Kühnert spürte, wie in ihm der Zorn hochkam. Er wusste, dass er keine Forderungen stellen konnte, dennoch konnte er sich nicht gegen einen aufbrausenden Befehlston wehren: „Was glaubst du eigentlich, mit wem du es hier zu tun hast? Du bist an den falschen geraten! Man entführt nicht einfach so Manfred Kühnert! Selbst wenn du mich hier noch drei Wochen einsperrst, man wird mich finden und dann kannst du dich warm anziehen! Also sieh zu, dass du mich hier herausbekommst und du kannst dir einen anderen als Opfer aussuchen.“

Während dieser Schimpftirade sammelte sich der Speichel in seinen Mundwinkel und der Schatten legte den Kopf schief und sah ihn durch die Maske an. Kühnert wollte gerade erneut ansetzen, als er erneut einen stechenden Schmerz spürte und krampfend zu Boden ging. Kühnert konnte nur sehen, dass der Schatten den Kopf auf die andere Seite legte und erkannte, was ihn da niedergestreckt hatte: In der behandschuhten Hand hielt der Schatten einen Elektrotaser. Kühnert hörte, wie sich der Käfig öffnete und der Wassereimer getauscht wurde. Selbst wenn er an Flucht gedacht hätte, abgesehen davon, dass seine Bewegungen nicht sehr schnell gewesen wären, konnte er nichts unternehmen. Die Muskeln krampften nach wie vor unter der elektrischen Ladung die ihm verpasst wurde, wohl um ihn genau daran zu hindern.

Während er in seiner Zelle lag die wieder verschlossen wurde, ging der Schatten mit dem leeren Eimer in das Licht und drehte sich noch einmal um und sah zu Kühnert herüber. Danach schloss sich die Tür und Kühnert war wieder mit der altersschwachen Glühbirne alleine.

-1-

Anna Kramer sah auf die Uhr. Jetzt stand der IC hier schon zwanzig Minuten. Warum ging es denn nicht weiter?

„Sehr geehrte Damen und Herren, unsere Weiterfahrt verzögert sich noch um ein paar Minuten. Die vor uns liegende Klappbrücke hat einen Defekt, der eine Weiterfahrt derzeit ausschließt. Es wird mit Hochdruck daran gearbeitet, dass wir unsere Fahrt so schnell wie möglich fortsetzen können. Wir bitten um Ihr Verständnis“, ertönte es aus dem Lautsprecher.

„Na toll, und wie lange dauert es jetzt?“, fragte Anna sich selbst.

„Das kommt ganz darauf an, woran es dieses Mal liegt“, begann ein Mann in der Reihe hinter ihr. „In der Regel ist es so, dass nur ein Mitarbeiter der Bahn die Scharniere einmal mit WD-40 bearbeiten muss, damit die Brücke wieder herunterfährt.“

„Ah, okay. Dann hat sich das Problem ja hoffentlich gleich erledigt“, antwortete Anna, auch wenn sie zugegeben nicht wusste, was der Herr mit WD-40 meinte. Sie strich sich eine Strähne ihrer braunen Haare aus dem Gesicht und nahm ihr Smartphone noch einmal heraus und teilte die Verzögerung ihrer Freundin Kathrin Reinders mit, die am Bahnhof bereits auf sie warten musste.

Im Anschluss ging sie noch einmal die E-Mail durch, in der ihr mitgeteilt wurde, wo sie sich morgen melden sollte. Anna wurde als Kriminalkommissarin von Hannover nach Oldenburg versetzt und sollte am nächsten Tag ihren Dienst in der Polizeiinspektion OldenburgStadt/Ammerland beginnen.

Nun war es also tatsächlich so weit gekommen, dass die Umsetzung durchgeführt wurde. Eigentlich hatte sich Anna auf dem Revier in HannoverMitte sehr wohl gefühlt. Aber aufgrund ihres letzten Tages in Hannover war es das Beste, an einem neuen Ort einen Neustart zu absolvieren. Außerdem war es deutlich besser in einer Großstadt zu arbeiten, als in irgendeinem Dorf als Polizistin zu versauern und gefühlt nur kleinere Delikte aufzuklären oder zu Ruhestörungen gerufen zu werden. Wenn man in Hannover gelebt und gearbeitet hatte, wäre das mit Abstand die größte Niederlage, die man hätte hinnehmen müssen. Nein, da war das Angebot nach Oldenburg zu kommen, deutlich angenehmer.

Glücklicherweise konnte sie schnell eine Wohnung finden, in die sie einziehen konnte. Das kam durch Kathrin, die ebenfalls seit ein paar Monaten in Oldenburg lebte und in ihrer Wohnung genügend Platz hatte, sodass Anna ebenfalls einziehen konnte. Kathrin hatte ihr im Vorfeld schon vorgeschwärmt, wie toll doch alles passen würde: Die Wohnung liegt in einer der alten Oldenburger Hundehütten im Dobbenviertel, wodurch es für Anna auch nicht so weit zur Dienststelle wäre. Gleichzeitig würden die Wohnung und die Umgebung einen unglaublichen Charme versprühen, den man sonst nur selten findet. Was solche Angaben anging, machte Kathrin gerne mal die eine oder andere Übertreibung, aber Anna war froh, dass sie verhältnismäßig reibungslos eine Unterkunft in Oldenburg gefunden hatte, nachdem sie überraschend eine neue Wohnung finden musste. Die Stadt kennenlernen konnte sie dann auch noch an ihren freien Tagen. Außerdem kannte sie Kathrin bereits von Kindesbeinen an, was die erste Eingewöhnung einfacher machte.

Kathrin kam wie Anna gebürtig aus Hannover. Beide waren dort gemeinsam zur Schule gegangen. Während dieser Zeit sind Anna und Kathrin durch dick und dünn gegangen und es hatte sich eine Freundschaft entwickelt, die auch nach der Schule noch anhielt, auch wenn man sich aus den Augen verloren hatte. Auch wenn es wie in jeder Freundschaft, die so lange bestand, immer mal wieder Verstimmungen und auch längeren Streit gab, zum Beispiel wegen eines Jungen, hatten Anna und Kathrin immer wieder zueinandergefunden. Nach dem Abitur hatten sich die Wege der beiden Frauen zwar getrennt, aber ein regelmäßiger Kontakt war bestehen geblieben: Anna hatte ein Studium an der Polizeihochschule begonnen und Kathrin war Anfang der 2000erJahre als eine der ersten freiwilligen Frauen zur Bundeswehr gegangen, um dort ein Studium beim Heer zu absolvieren.

In dieser Zeit hatten sich Anna und Kathrin regelmäßig gesehen, bis Kathrin 2010 mit nach Afghanistan einberufen wurde und bis zum Abzug der Truppen dort auch stationiert war. Es vergingen elf Jahre, in denen sich Anna und Kathrin nur äußerst selten gesehen hatten. Allerdings war es nach Kathrins Rückkehr so, als wäre sie nie weg gewesen. Anna hatte zunächst ihre Bedenken, wie sehr sie sich wohl in der Zeit verändert hatten, aber Kathrin hatte es mit ihrer bloßen Anwesenheit geschafft wieder da anzuknüpfen, wo sie 2010 aufgehört hatten.

Als Anna dann vor zwei Monaten ihren letzten Tag in Hannover hatte, konnte sie sich zum Glück auf Kathrin verlassen, die ihr sofort anbot, sie in der Wohnung mit aufzunehmen. Eine Arbeit würde sich in Oldenburg schon finden, zunächst sollte Anna aus Hannover raus, um einmal Abstand zu haben. Zum Glück musste Anna sich keinen neuen Beruf suchen, sondern lediglich den Arbeitsplatz wechseln. Durch die Freizeit die sich Anna verschafft hatte, konnte sie sich bereits die Wohnung ansehen und die größeren Möbel für ihr Zimmer besorgen und aufbauen. Kathrin hatte, was die Wohnung und die Umgebung anging, nicht übertrieben. Durch die hohen Decken waren die Räume eine schöne Abwechslung zu den klassischen Mietwohnungen, die in den letzten Jahrzehnten gebaut wurden. Außerdem war die Natur nur einen Katzensprung von der Wohnung entfernt, sodass Anna den einen oder anderen Spaziergang nach Feierabend oder an freien Tagen machen konnte.

Mit dem was sie bisher gesehen hatte, konnte Anna sich gut vorstellen, dass sie die letzten Wochen schnell vergessen konnte. Zumindest in dem Maß, dass sie ihr kein allzu schlechtes Gefühl mehr vermitteln sollten. Vielleicht würde sie sich auch noch einmal bei Tim melden.

Anna schüttelte sich, um die Gedanken daran zu beenden. Nein, dafür war nun wirklich nicht die Zeit, ausgerechnet daran zu denken. Tim hatte mit der ganzen Sache nichts zu tun. Die Versetzung nach Oldenburg war angesichts ihres Ziels beim LKA in Hannover als Fallanalytikerin anzufangen, zwar ein Dämpfer, aber schließlich wusste man ja nie, was noch auf einen zukommt. Immerhin konnte sie sich in Oldenburg auch einen Namen machen. Solange sie sich mit den neuen Kollegen versteht, sollten ihre Qualifikation und Motivation für sie sprechen.

Als sich der Zug wieder in Bewegung setzte und an dem Schrottplatz, an einer Straße und einen Fahrradweg vorbeiführte, sah Anna gelangweilt aus dem Fenster. Der Zug rumpelte über die Eisenbahnbrücke, welche für die Verzögerung verantwortlich war und Anna packte ihre Sachen zusammen, nachdem der Zugführer mitteilte, dass sie nun endlich in den Bahnhof einfuhren. Am Bahnsteig musste Anna sich umschauen und es dauerte einen Moment, bis sie Kathrin entdeckte. Wobei Kathrin eigentlich nicht schwer zu erkennen war. Mit ihren pechschwarzen, schulterlangen Haaren konnte man Kathrin leicht in der Menge ausmachen. Die Tatsache, dass sie ein wenig größer als Anna war, machte es Anna ebenfalls leicht, nach Kathrin Ausschau zu halten.

„Ah, da bist du ja!“, rief Kathrin, während sie auf Anna zulief.

„Hallo! Ja, es hat zwar etwas länger gedauert, aber irgendwann hatten sie das Problem an der Brücke im Griff“, entgegnete Anna, während sie Kathrin in den Arm nahm.

„Diese Brücke, ich glaube, es wird nur besser, wenn sie irgendwann getauscht wird. Aber das wird wohl noch einige Zeit dauern. Hattest du sonst eine schöne Reise?“

„Ja, die hatte ich, danke. Bis auf dass wir eine halbe Stunde warten mussten, bis die Fahrt weitergeht, war der Rest ziemlich unspektakulär.“

„Das freut mich. Genauso sehr wie die Tatsache, dass du endlich hier bist. Komm, ich bring dich zum Auto und dann zur Wohnung“, strahlte Kathrin und ging voraus in den Tunnel des Bahnhofs hinaus zum ZOB, wo die Kurzzeitparkplätze waren.

„Jetzt geht es ja erst mal los, dass ich mich hier zurechtfinden muss“, stöhnte Anna, als sie den Koffer in Kathrins hellblauen Opel Corsa legte.

„Ach, das wird ganz schnell gehen. Steig ein, dann erkläre ich dir schon einmal den Weg vom Bahnhof zu deinem neuen Zuhause“, sagte Kathrin, während sie Anna die Beifahrertür aufhielt.

Kathrin stieg auf der Fahrerseite ein und startete das Auto. Während sie fuhr, erklärte sie Anna, was der schnellste Weg vom Bahnhof zur Wohnung war. Sie fuhren vom ZOB in Richtung Pferdemarkt.

„Ist das hier der Pferdemarkt, von dem du mir schon mal erzählt hast? Der sieht schwierig aus“, fragte Anna, während sie sich die Gegend ansah.

„Ja, wenn man ihn das erste Mal sieht, ist er scheinbar schwierig zu fahren, aber viel schlimmer als in Hannover ist er auch nicht. Eigentlich ist das nur ein großer Kreisverkehr, der mehrere Spuren hat. Das hast du schnell drauf“, erklärte Kathrin. „Und da musst du hin, wenn du dich hier anmelden willst. In das große gelbe Gebäude.“

„In das da?“, fragte Anna nach, während sie am großen Parkplatz vorbeifuhren.

„Nein das nicht, da ist das Standesamt drin. Außer du hast schon jemanden, mit dem du hinmöchtest?“ Kathrin warf Anna einen zweideutigen Blick zu. Sie zeigte auf das Gebäude daneben.

„Hier musst du hin“, setzte Kathrin an und zeigte auf das Gebäude an der anderen Stirnseite des Platzes.

„Ach so, ja stimmt, das Gebäude ist auch wirklich größer. Das passt ja, dass ich den großen Bau geflissentlich übersehe“, antwortete Anna und wurde rot.

Es kam immer mal wieder vor, dass sie in ungewohnten Situationen die offensichtlichen Dinge nicht direkt sah. Das geschah auch bei ihrer Arbeit. Anna konnte sich auf die kleinsten Details konzentrieren, was bei der ersten Fallanalyse helfen konnte. Aber das Offensichtliche blendete Anna in solchen Fällen ganz gerne aus. In solchen Fällen war es gut, wenn ihre Kollegen sich auf diese Eigenart einstellen konnten und die offensichtlichen Punkte zusammenfassten.

Kathrin fing an zu lachen. „So warst du schon immer. Für Menschen wie dich sind Navigationsgeräte entwickelt worden.“

Anna musste grinsen. Es stimmte, dass sie einen schlechten Orientierungssinn hatte. Keine Orientierung und das Offensichtliche sah sie immer erst auf dem zweiten Blick. Manchmal fragte sie sich, wie sie es überhaupt zur Polizei geschafft hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie in schwierigen Fällen die entscheidenden Details erfasste und diese anbringen konnte, wenn es darauf ankam. Aus diesem Grund war sie in Hannover auch in der Kriminalpolizei eine geschätzte Kollegin.

Der Corsa bog in die nächste Straße ab.

„Das hier“, erklärte Kathrin, während sie nach rechts zeigte, „ist das PFL. Das PeterFriedrichLudwigsHospital. Das ist heute aber ein Kulturzentrum. Hier sind zum Beispiel eine Bücherei untergebracht und Veranstaltungssäle.“

„Hmhm. Entschuldige bitte, ich glaube die Tour durch Oldenburg müssen wir auf einen anderen Tag verlegen. Ich merke, dass ich versuche dir zuzuhören, aber die Worte bleiben nicht hängen.“

„Ach, das ist kein Problem. Dann laden wir gleich deine Sachen aus und machen uns einen gemütlichen Abend.“

„Danke. Die Stadt erkundigen wir dann in den nächsten Tagen gemeinsam, okay?“, bot Anna an.

„Klar. Wir nehmen uns die nächsten Tage immer etwas anderes vor.“

Es dauerte nicht lange, bis Anna und Kathrin an der Wohnung ankamen. Diese lag im Dobbenviertel und war im Obergeschoss einer Oldenburger Hundehütte untergebracht. Anna kannte Kathrins Wohnung bereits, war aber immer wieder von dem Charme begeistert, den das alte Gebäude versprühte. Die Wohnung hatte bis auf die Schrägen immer noch vergleichsweise hohe Decken und war von Kathrin, wie Anna befand, sehr gemütlich eingerichtet worden. Aber auch die Schrägen wurden in der Wohnung gut genutzt. Auf der einen Seite war die Küche untergebracht und auf der anderen Seite hatte man das Duschbad eingebaut. Die anderen Räume sahen ein großzügiges Wohnzimmer vor, sowie drei weitere kleinere Zimmer von denen zwei Schlafzimmer waren und ein weiteres als Büro diente.

Als Anna damals von ihrer Versetzung nach Oldenburg berichtete, hatte Kathrin ihr ohne zu zögern angeboten, dass sie bei ihrer Vermieterin nachfragte, ob Anna mit einziehen konnte. Da die Nebenkosten über die Mieter liefen, war die Anzahl der Personen kein Problem. Zumal die Vermieterin sich freute, dass eine Polizistin ebenfalls in ihrem Haus leben würde. Diese Tatsache ließ ihre Entscheidung rasch positiv ausfallen.

„Danke Kathrin, ich freue mich, dass ich hier wohnen kann. Die Wohnung ist herrlich.“

„Das ist schön, ich freue mich auch über deine Gesellschaft.“

Anna ging in ihr Zimmer und stellte ihren Koffer mit den nötigsten Utensilien ab. Ihren eigentlichen Umzug hatten die beiden vor zwei Wochen bereits hinter sich gebracht. Allerdings hatte Anna in Hannover noch etwas zu erledigen gehabt, weshalb sie zwei Wochen aus dem Koffer lebte, ehe sie sich ganz nach Oldenburg begab.

„Wann musst du bei der Polizei in Oldenburg anfangen?“, fragte Kathrin, während sie in die Küchen gingen, um ein Abendessen zuzubereiten.

„Ich muss morgen schon anfangen. Wie sagt man so schön, es gibt einen nahtlosen Übergang.“

„Oh, dann schon? Dann bin ich ja mal gespannt, was du abends erzählen wirst. Bist du wieder bei der Kriminalpolizei eingesetzt?“

„Ja genau, ich wurde lediglich in eine andere Dienststelle versetzt. Ich schätze, dass es nicht sehr viel zu berichten gibt, da ich erst mal die Dienststelle kennenlernen werde. Dann geht es darum, meinen Arbeitsplatz einzurichten und mich den Kolleginnen und Kollegen vorzustellen. Es wird wohl eher ein ruhiger Tag.“ „Es sei dir auch gegönnt, dass du nach den letzten Monaten auch mal etwas Ruhe bekommst. Es reicht vollkommen, wenn du die ersten Tage gemächlich einsteigst“, erklärte Kathrin. „Was waren denn die genauen Konsequenzen aus Hannover, dass du gerade hierher versetzt wurdest?“

„Das ist eine längere Geschichte für einen anderen Abend. Kurz gesagt: Ich habe mich im wörtlichen Sinne mit dem falschen Kollegen angelegt. Da war die Versetzung nach Oldenburg eine für beide Seiten akzeptable Lösung. Dass ich ausgerechnet hierher versetzt wurde, war wohl auch Glück“, antwortete Anna und zuckte mit den Schultern.

Wobei mit dem falschen Kollegen angelegt etwas untertrieben war. Anna musste feststellen, dass der Unterschied zwischen Recht haben und Recht bekommen, auch bei ihrem Dienstherrn der Polizei, vorkommt. Zumindest, wenn derjenige mit dem man sich anlegt, der stellvertretende Dienststellenleiter ist und dieser seit beinahe 30 Jahren bei der Polizei arbeitet und ein großes Netzwerk bis in die höchsten polizeilichen und auch politischen Kreise aufgebaut hat. Dann ist man, wie Anna herausfand, vor fast jeglichen Strafen sicher. Da konnte Anna mit ihrer Berufserfahrung von knapp zehn Jahren noch so sehr im Recht sein. Wenn man die richtigen Freunde und Bekannten hat, hat man auch einen guten Schutz vor Repressionen. Immerhin war Anna nicht die Einzige, die in diesem Verfahren eine Versetzung hinnehmen musste. Ihr Vorgesetzter war in dem Anhörungsverfahren als nicht mehr tragbar in der Führungsebene eingeschätzt und entsprechend innerhalb der Dienststelle in Hannover versetzt worden.

Anna schüttelte den Kopf. „Ich wurde hierher versetzt, weil es für den Dienstbetrieb besser war. Ich hoffe, dass die Versetzung nicht allzu großen Wellen in Oldenburg schlägt.“

„Das wünsche ich dir. Aber ich gehe mal davon aus, dass man dir hier mit nicht allzu großen Vorurteilen begegnen wird.“

Das hoffte Anna auch. Eine solche Versetzung war immer mit Klatsch und Tratsch in der Dienststelle verbunden. Für Anna bedeutete das, dass sie sich in ihrer neuen Dienststelle erst mal beweisen und sich ihren Stand erst erarbeiten musste. Je nachdem, wie ihre neuen Vorgesetzten gestellt waren und welche Aufgaben sie bekommen würde, könnte dies eine Weile dauern. Aber Anna war bereit sich zu beweisen. Sie hatte sich in Hannover durchsetzen können, dann würde sie es überall in Niedersachsen schaffen, als Kriminalkommissarin zu arbeiten.

„Wir schauen mal, wie sich alles entwickelt. Ich glaube, für heute reicht es. Ich gehe ins Bett. Ich hoffe, du bist nicht böse, weil ich jetzt schon ins Bett gehe?“, fragte Anna zögerlich, nachdem sie gegessen hatten.

„Quatsch, du bist den ganzen Nachmittag über gereist und musst morgen wieder früh raus. Hau dich hin und schlaf gut.“

„Danke, du nachher auch.“

Anna ging in ihr Zimmer und dachte an den nächsten Tag. Wie würde es wohl werden? Wie waren ihre Kollegen? Wie lange war die Versetzung Thema in der Dienststelle? Anna bereitete ihre Sachen für den kommenden Tag vor und fiel ins Bett. „Im Endeffekt bringt es jetzt auch nichts, sich den Kopf zu zerbrechen“, dachte sich Anna, um sich selbst Mut zuzusprechen. „Es kommt ja doch so, wie es kommt.“

Mit diesem Gedanken beruhigte sie sich und schlief nach kurzer Zeit ein.

-2-

Der Regen der eingesetzt hatte, wurde immer stärker und die Sicht auf die Fahrbahn entsprechend schwieriger. Allerdings war das auch egal, da mitten in der Nacht sowieso kaum Fahrzeuge auf der Autobahn unterwegs waren. Lediglich ein Transporter mit einer ganz besonderen Fracht, wie der Schatten fand. Ein Lächeln zeichnete sich auf dem Gesicht ab, während er daran dachte, was die nächsten Tage bringen würden. Seine persönlichen Festspiele würden in Kürze beginnen. Bei dem Gedanken an das was bevorstand, wurde der Transporter immer schneller. Der Schatten musste sich zügeln, dass er nicht zu schnell über die menschenleere A27 in Richtung Bremen fuhr. Auch wenn niemand da war hieß das nicht, dass er ungezügelt fahren konnte. Eine plötzliche Kontrolle wäre das Letzte, was er gebrauchen konnte. Wobei, dann wären es eben zwei weitere Opfer, die er mitnehmen würde. Die endgültige Anzahl würde sich in dem Fall zwar noch erhöhen, was allerdings nichts ändern würde. Auf der anderen Seite würde diese Abweichung vom Plan zu viel Aufsehen erregen und Ermittlungen einleiten, wenn er sie nicht gebrauchen konnte. Nein, das galt es zu vermeiden.

Schließlich waren die kommenden Tage nur einer Person vorbehalten: Anna Kramer. Sie sollte einen gebührenden Einstand in Oldenburg bekommen. Nachdem er endlich herausgefunden hatte wohin sie versetzt wurde, konnten die Vorbereitungen in die entscheidende Phase gehen. Wobei es auch egal gewesen war, da die grundlegenden Entscheidungen bereits getroffen wurden und die Dienststelle lediglich Kür war. Die Pflicht hatte er bereits erledigt. Hoffentlich wurde er nicht enttäuscht und die von ihm vorbereitete Schnitzeljagd würde erfolgreich sein. Am Ende stand für ihn der ultimative Preis: eine gebrochene Kriminalkommissarin, die niemanden mehr mit ihrer hochnäsigen Art verprellen konnte. Der Gedanke an Anna Kramer ließ in ihm die Wut aufsteigen. Er fasste kräftiger um das Lenkrad, bis die Knöchel weiß hervortraten. Der Schatten mahnte sich zur Ruhe und atmete laut aus. Seine Rache würde kommen, das wusste er. Die kommenden Tage würde er in aller Ruhe auskosten. Auch wenn er noch einige Arbeiten zu erledigen hatte, freute er sich auf das Ergebnis.

Ein Poltern im Laderaum riss ihn aus seinen Gedanken. Wie kam der Versager denn so schnell wieder zu Bewusstsein? Scheinbar war dieser Tim widerstandsfähiger, als er dachte. Es konnte aber auch sein, dass er einfach nur versucht auf sich aufmerksam zu machen. Wieder ein Poltern. Es schien, als ob Tim mit ihm kommunizieren wollte. Ob er eine neue Abreibung haben möchte? Die Fahrt wäre auf alle Fälle ruhiger. Allerdings würde es keine Probleme während der Fahrt geben. Schwieriger wäre es, wenn dieses Poltern an einer Ampel von irgendeinem zu aufmerksamen Bürger mit Schlafstörungen bei seinem nächtlichen Kontrollspaziergang durch die Nachbarschaft gehört werden würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall eintritt war sehr gering. Allerdings tippen immer wieder Spieler die richtigen Lottozahlen, obwohl die Wahrscheinlichkeitsrechnung jedem davon abrät zu spielen.

Sein Blick fiel auf den Beifahrersitz: Dort lagen eine GuyFawkesMaske und ein Taser. Sollte er Tim noch einen Besuch im Lagerraum abstatten und ihn erneut betäuben? Bevor er in Oldenburg ankam, wäre es wohl die richtige Entscheidung um Ruhe zu haben. Aber noch war es zu früh. Er fuhr gerade an dem Bremer Kreuz auf die A1 an Vitakraft vorbei. Das bedeutete, sein Ziel war schon in greifbarer Nähe. Trotzdem brauchte er noch mindestens eine Stunde, bis er angekommen war. Nein, noch war es nicht an der Zeit, Tim eine Pause zu geben. Sollte er sich doch ruhig ein wenig austoben, so wurde er zumindest müde. Viel bewegen konnte er sich mit den gefesselten Armen und Beinen sowieso nicht. Sein Schicksal war besiegelt. In dem Moment, in dem Tim das erste Mal betäubt wurde und in den Transporter geladen wurde, konnte es keine andere Wendung mehr geben, als dass er als Ouvertüre in dem eigens von dem Schatten komponierten Orchester auftrat. Einem Orchester, um Anna Kramer dazu zu bringen, an ihren Grundsätzen, ihrem Glauben und ihrer Existenz zu zweifeln. Auch wenn dieser Auftritt sein Letzter sein würde. Der Schatten sinnierte über Tims Einsatz in den kommenden Tagen. Tim war grundsätzlich das richtige Opfer, um die Aufmerksamkeit auf das Bevorstehende zu lenken. Es hatte sogar etwas von einer Verschwendung, dass Tim nur das erste Opfer sein sollte, aber der erste Schlag war in diesem Fall besonders treffend. Und genau das sollte er sein. Jeder andere Auftakt würde sie nicht ausreichend erschüttern. Es musste eine persönliche Ebene getroffen werden.

Wie lange die Kramer doch um ihn herumgetanzt war. Für jeden war es lange ersichtlich, dass sich die beiden näherstanden als normale Kollegen. Dann sollte dies der Beginn einer besonderen Reise für Anna Kramer sein. Auch oder gerade weil sie ihn nicht mehr wie gewohnt sehen würde. Bei dem Gedanken musst der Schatten grinsen. Die Vorfreude hatte nun die Führung übernommen. Es stellte sich aber die Frage, wie lange sie durchhalten würde. Wie langweilig wäre es, wenn sie bereits nach der Ouvertüre sagen würde, dass es reicht und sie den Verstand verliert?

Nein, das wäre nicht in seinem Sinne. Sie sollte leiden, ja, aber sie sollte ihm und allen zeigen, wie toll sie doch war und schlussendlich dabei versagen. Wenn sie auch nur im Ansatz das draufhat, was sie immer vorgab, dann wäre der Schatten schnell am Ende. Wahrscheinlich würde sie dann bereits in Oldenburg auf ihn warten und ihn direkt verhaften. Allerdings wusste der Schatten, dass Anna Kramer nicht so toll war wie sie dachte und er würde dafür sorgen, dass jeder andere das ebenfalls sehen würde.

Das Poltern im Laderaum ging unverändert weiter und mittlerweile näherte sich der Transporter auf der A28 Oldenburg. Beim nächsten Rastplatz, der nicht bewirtschaftet wurde, würde er sich um seinen Gast kümmern müssen. Der Transporter fuhr noch ein ganzes Stück, bis hinter der Ausfahrt Altmoorhausen der Rastplatz Hemmelsberg auftauchte. Dieser Platz sollte es dann wohl sein, entschied der Schatten und fuhr von der Autobahn ab. Er verlangsamte den Transporter und suchte mit den Scheinwerfern den Parkplatz ab, um zu überprüfen, ob er wirklich alleine war. Einen Zeugen brauchte er nicht. Das würde nur mehr Arbeit für ihn bedeuten.

Nachdem er sich vergewisserte, dass er mit Tim alleine war, stellte er den Transporter ab, zog seine Handschuhe an, setzte sich die Maske auf und nahm den Taser in die Hand. Langsam stieg er aus und ging nach hinten an die Tür zum Laderaum. Wieso war es auf einmal so ruhig? Hatte Tim sich so verausgabt? Gerade da sie nicht mehr fuhren, könnte man seinen Krach jetzt besonders gut hören. Er stand vor der Tür und öffnete diese vorsichtig. Er sah Tim, diesen hünenhaften Mann in dem Laderaum liegen. Es sah aus, als ob er apathisch vor sich hinsah. Den Taser im Anschlag öffnete der Schatten die zweite Tür und war im Begriff, in den Laderaum zu steigen.

Als er den ersten Fuß auf die Laderaumkante setzte, schoss ihm einer der Kartons die vor Tim lagen, damit dieser nicht beim ersten Blick in den Laderaum entdeckt wurde, entgegen. Er traf ihn an den Beinen, woraufhin der Schatten nach draußen taumelte. Im nächsten Moment wurde er aus dem Transporter heraus auf den Boden gerissen: Tim hatte es irgendwie geschafft, seine Fesseln zu lösen und ihn frontal angegriffen. Nun saß Tim auf dem Schatten und legte seine Hände um dessen Hals.

Ohne zu zögern rammte der Schatten den Taser in Tims Seite und verpasste ihm den ersten Schlag. Hierdurch konnte er sich Tim entledigen und stand nun über ihm, während Tim versuchte, zu sich zu kommen. Drohend hielt er den Taser über ihn und verpasste ihm weitere Elektroschocks. Bereits nach dem nächsten Stromstoß verlor Tim das Bewusstsein.

„Du darfst dich hier jetzt nicht verlieren“, mahnte sich der Schatten flüsternd und verstaute den Taser, damit er Tim erneut in den Transporter laden konnte. Dieser Mistkerl wird seine Quittung für diese Aktion schon noch bekommen. Allerdings konnte der Schatten Tim verstehen, der wohl ahnte, was ihn erwartete. Da wäre er auch nicht nett und regungslos liegen geblieben. Schade, es war wirklich eine Verschwendung, dass er sterben musste. Wo er sich doch eigentlich zu wehren wusste. Dieser Wille imponierte dem Schatten, auch wenn es nichts an seinem Schicksal änderte. Er wuchtete Tim zurück in den Transporter und fesselte ihn erneut. Dieses Mal verstärkte er die Fesseln allerdings und durchsuchte den bewusstlosen Tim nach allem, was die Fesseln durchtrennen konnte.

In einer seiner Taschen fand der Schatten ein kleines Taschenmesser, welches er an sich nahm. Es sollte ja schließlich nicht noch einmal zu so einem Zwischenfall kommen. Hier hatte er die Möglichkeit, darauf zu reagieren. In Oldenburg hätte das wieder ganz anders ausgehen können. Er rieb sich den Hals und staunte, dass Tim in einer solchen Situation in der Lage war, so zu reagieren. Allerdings war Tim Polizist und für solche Fälle trainiert worden.

Der Schatten stieg wieder in den Transporter und startete den letzten Abschnitt seiner Tour von Hannover nach Oldenburg. Schließlich hatte er ja noch mehr mit Tim vor. Er sollte seine dunkle Seite aus nächster Nähe kennenlernen. Durch Tims kleinen Ausbruch war der Jähzorn des Schattens geweckt worden. Er würde Tim zeigen, was es bedeutete, sich mit ihm anzulegen.

Der Transporter fuhr weiter über die A28 nach Oldenburg und verließ die am Autobahnkreuz OldenburgOst ab, um in das Gewerbegebiet Tweelbäke zu fahren. Hier hatte der Schatten eine Lagerhalle gemietet, die ihm nahezu freies Handeln ermöglichte. Gerade nachts war hier so gut wie nichts los, sodass er ungestört war. Er fuhr auf das Gelände der abgelegenen Halle und stieg erneut maskiert in den Laderaum des Transporters.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Tim nach wie vor bewusstlos war, verpackte er Tim in einen großen, stabilen Karton. Auch wenn die Tarnung nicht die beste war reichte sie aus, um eventuell vorbeikommenden Passanten zu begegnen, ohne dass diese direkt einen Verdacht schöpften. Mit der Aussage, dass die Ware nicht ordentlich gesichert war und deshalb im Karton umherflog, ließen sich die meisten Fragesteller schon wieder abwimmeln.

Der Schatten vergewisserte sich trotz der Tarnung, dass ihn niemand sah, als er den im Karton liegenden Tim mithilfe einer Sackkarre in die Lagerhalle schaffte und hinter sich den Zugang verriegelte. Hier war er in seinem eigenen Reich angekommen. Es hatte einige Zeit gedauert, die verschiedenen Räume zu bauen und schalldicht zu isolieren, sodass man selbst ein startendes Flugzeug nicht mehr hörte. Aber das war die Mühe wert. All das, um ein Ziel zu verfolgen: Anna Kramer. Der Schatten musste sich immer wieder vor Augen halten, wie viel Leid er Anna Kramer zufügen würde.

Die Lagerhalle war in drei Teile aufgeteilt. Die erste Hälfte, in der auch der Eingang war, sah wie eine ganz normale Lagerfläche aus. Erst im hinteren Teil wurde die Halle durch eine durchgängige Wand getrennt. Hinter dieser Wand lagen zwei Räume. In dem einen hatte er in mühevoller Kleinarbeit einen Käfig errichtet, in welchem der Fettsack Kühnert sein Dasein fristete. Der zweite Teil war für andere Zwecke vorgesehen. In diesem Abschnitt hatte der Schatten einen voll funktionsfähigen Operationssaal eingebaut. Hierfür hatte er über die verschiedensten ausländischen Firmen das Interieur bestellt. Das allein hatte ihn ein kleines Vermögen gekostet. Aber um sein Ziel zu erreichen, war ihm diese Investition ganz recht.

Dieser OP diente allerdings nicht dazu, Menschen zu retten. Er diente eher dazu, dem Leben der Opfer ein Ende zu bereiten und das auf unterschiedlichste Weisen.