New Year's Kiss - Lee Matthews - E-Book
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Lee Matthews

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Beschreibung

Ein luftig-leichter Winterschmöker für kuschelige Lesestunden O du fröhliche? Von wegen! Die 16-jährige Tess muss die Tage nach Weihnachten im Hotel ihrer Großmutter verbringen. Und die will ihrer Enkelin genau vorschreiben, wie sie die Ferien verbringen soll. Doch Tess hat andere Pläne: endlich die Dinge zu tun, die sie schon immer machen wollte. Karaoke singen, Sushi essen, knutschen – insgesamt zehn Punkte bis zum Jahresende. Ermutigt wird sie dabei von Christopher, ihrer Urlaubsbekanntschaft mit den strahlend grünen Augen. Er führt Tess sachte aus der Komfortzone und verdreht ihr dabei zunehmend den Kopf. Bis ein Geheimnis das Happy End in der Silvesternacht zu verhindern droht … Ein romantischer Jugendroman mit einer Heldin, die über sich hinauswächst - perfekt für kalte Winterabende!

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Lee Matthews: New Year's Kiss

O du fröhliche? Von wegen! Die 16-jährige Tess muss die Tage nach Weihnachten im Hotel ihrer Großmutter verbringen. Und die will ihrer Enkelin genau vorschreiben, wie sie die Ferien verbringen soll. Doch Tess hat andere Pläne: endlich die Dinge zu tun, die sie schon immer machen wollte. Karaoke singen, Sushi essen, knutschen – insgesamt zehn Punkte bis zum Jahresende. Ermutigt wird sie dabei von Christopher, ihrer Urlaubsbekanntschaft mit den strahlend grünen Augen. Er führt Tess sachte aus der Komfortzone und verdreht ihr dabei zunehmend den Kopf. Bis ein Geheimnis das Happy End in der Silvesternacht zu verhindern droht …

Wohin soll es gehen?

Buch lesen

Viten

 

Für meine Jungs

Kapitel 1

26. Dezember

»Sieht aus, als hätte ein besoffener Elf hier reingekotzt.«

Ich lachte schnaubend und sah zu meiner Schwester Lauren hinüber, während wir durch die automatischen Glasschiebetüren der Evergreen Lodge traten. Lauren hatte nicht ganz unrecht. Die riesige, dreigeschossige Lobby mit ihren massiven Säulen, freiliegenden Holzbalken und den gigantischen Kronleuchtern (allesamt aus unechtem Hirschgeweih) war immer noch weihnachtlich geschmückt und sorgte für eine absolute Reizüberflutung. Jeder Holzbalken war mit Tannengirlanden und weißen, funkelnden Lichtern behängt. Die Kronleuchter waren mit rot-grün karierten Bändern dekoriert und große Glaskugeln hingen von der Decke. Auf sämtlichen Sofas und Stühlen lagen Kissen mit Weihnachtsmotiven, und überall standen Weihnachtsbäume in allen Größen. In den Ecken, auf den Tresen und auf den niedrigen Beistelltischen. Neben der Empfangstheke ragte sogar ein lebensgroßer Weihnachtsmann auf, der mit einer Hand winkte und in der anderen ein Tablett voller Kekse hielt, während der Soundtrack zu »Der Nussknacker« in zurückhaltender Lautstärke aus verborgenen Surround-Lautsprechern drang.

»Warum muss der Elf besoffen gewesen sein?«, fragte ich.

Lauren verdrehte genervt die Augen. Woran ich mich – seien wir mal ehrlich – inzwischen gewöhnt haben sollte. Aber meine Wangen fingen trotzdem an zu glühen. Lauren war im Grunde ständig von mir genervt. Ich wusste selber nicht, warum ich mir überhaupt immer wieder die Mühe machte. Wenn es auf dieser Welt etwas gab, das mit Sicherheit feststand, dann, dass meine große Schwester und ich nicht den gleichen Sinn für Humor hatten. Oder den gleichen Stil. Von der gleichen Lebenseinstellung ganz zu schweigen. Dennoch …

»Nein, im Ernst«, sagte ich. »Könnte der Elf nicht einfach die Grippe haben? Oder einen Magen-Darm-Virus?«

»Igitt!« Lauren rümpfte ihr perfektes Näschen. »Das ist so widerlich.«

»Wieso ist Kotzen, wenn man die Grippe hat, widerlicher als Kotzen, wenn man besoffen ist? Kotze ist Kotze.«

»Warum tust du das immer?«, fragte Lauren.

Ich habe keine Ahnung, dachte ich.

»Was tun?«, sagte ich.

»Alles bis ins Kleinste auszuwalzen. Das war nur ein blöder Spruch. Meine Güte, Tess. Entspann dich einfach.«

Lauren stieß einen tiefen, weltmüden Seufzer aus und blickte auf ihr Telefon. Dann tippte sie mit den Daumen eine Nachricht ein und schob es zurück in die Tasche ihrer knallengen Jeans. Als sie wieder hochsah, rief sie »Loretta!« und reckte den Arm in die Luft. Ihr Lächeln sah sogar echt aus, was ziemlich beeindruckend war. Schließlich hatte Lauren während der ganzen Fahrt von dem kleinen Regionalflughafen bis hierher darüber gemeckert, dass unsere Großmutter – die, seit wir sprechen konnten, darauf bestand, dass wir sie »Loretta« nennen – uns keinen Wagen geschickt hatte. Stattdessen hatte man uns hinten in den zwölfsitzigen Evergreen-Lodge-Minibus gepfercht, zusammen mit zehn anderen skibegeisterten Vermont-Urlaubern, die allesamt lauter, vergnügter und sangesfreudiger gewesen waren als wir. »Twelve Days of Christmas« würde jetzt vermutlich bis ans Ende aller Tage in Dauerschleife in meinem Kopf dudeln.

»Mädels!«, rief Loretta, als sie in High Heels und Bleistiftrock auf uns zukam. Ihr eleganter stahlgrauer Bob reflektierte schimmernd das Licht, und ihr Make-up war wie immer absolut makellos – die Wangenknochen betont, die Lippen umrandet, die Wimpern lang und geschwungen. Sie hauchte zuerst Lauren einen Luftkuss zu, danach mir – und hüllte uns dabei in eine Wolke ihres nach Rosen duftenden Parfüms –, dann trat sie einen Schritt zurück, um uns zu betrachten.

Loretta trug eine weiße Seidenbluse, eine Perlenkette und geschmackvolle Diamantohrringe. Sie sah umwerfend aus, wie immer. Ich zupfte an den ausgefransten Bündchen meines Sweatshirts und fragte mich, ob sich meine Freundinnen neben ihren Großmüttern auch so schrecklich altbacken und stillos vorkamen. Sollte es nicht eigentlich umgekehrt sein? Meine andere Großmutter – Nana, die Mutter meiner Mom – war zehn Kilo schwerer als Loretta, trug nie etwas anderes als bunte Baumwollpullis und Jeans und roch nach Apfelkuchen und Arnikasalbe. Sie gab mir das Gefühl, eine Modeikone zu sein.

Ehrlicherweise hatte ich mir heute Morgen auch nicht sonderlich viel Mühe gegeben. Gerade mal einen Tag nach dem schlimmsten Weihnachtsfest aller Zeiten war ich zusammen mit meiner Schwester ins Flugzeug gestiegen, um eine Woche Urlaub im Exil zu verbringen. Wenn je ein Tag nach »Wohlfühlklamotten« geschrien hatte, dann dieser.

»Oh, es ist so schön, euch beide zu sehen«, sagte Loretta. »Wie war eure Reise?«

»Ganz okay«, sagte ich im gleichen Moment, als Lauren »lang« sagte. Das stimmte. Wir waren von Philadelphia nach Boston geflogen, hatten dort über eine Stunde auf dem Flughafen rumgehangen und waren dann in einer winzigen Maschine zum Stowe Airport gelangt, wo uns der musikalische Shuttlebus aufgesammelt hatte. Aber ich war noch nie jemand gewesen, der sich groß beschwerte.

»Na ja, jetzt seid ihr ja hier. Wartet nur, bis ihr all die unglaublichen Events seht, die meine Leute für diese Woche geplant haben. Ihr Mädels werdet eine fabelhafte Zeit haben.«

Lauren sah mich aus dem Augenwinkel an, und ich musste wegschauen, um nicht wieder zu lachen. Es gab immer eine endlose Reihe von »unglaublichen Events«, die in der Evergreen Lodge stattfanden. Die Familie meines Vaters betrieb das Hotel schon seit Generationen, inzwischen mit Loretta als Chefin. Die Lodge war eher ein ganzer Komplex, bestehend aus dem Hauptgebäude samt riesiger Lobby, Veranstaltungsräumen, Restaurants und Coffee Bars, einem Hallenschwimmbad, einem voll ausgestatteten Fitnessstudio und hundert Hotelzimmern. Aber das war noch nicht alles. Zahlreiche Außengebäude beherbergten ein Spa, ein Gewächshaus, ein Bootshaus, eine Hochzeitskapelle, einen Tanzsaal, zwei Dutzend Privathütten und die Little Green Lodge an der Spitze des Skilifts, wo die Leute sich zwischen den Abfahrten ausruhen und heiße Schokolade und Snacks zu sich nehmen konnten. Außerdem gab es Hunderte von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, von denen alle ihr eigenes Spezialgebiet hatten, sei es Rettungsschwimmen, Linedancing oder Lagerfeuergeschichtenerfinden. Loretta kannte sämtliche Mitglieder des Personals mit Namen und behandelte sie, als gehörten sie zur Familie. Das heißt, sie schenkte ihnen gelegentlich ein Lächeln.

Die Evergreen Lodge erinnerte mich an den Film »Dirty Dancing«, den Lauren und ich mit Mom sehen mussten, kaum dass wir zwölf waren. Es war ihr Lieblingsfilm als Kind, und manchmal fragte ich mich, ob er womöglich der Grund dafür gewesen war, warum meine Mutter sich in meinen Vater verliebt hatte. Damals, als sie zum ersten Mal in die Evergreen Lodge gekommen war, hatte sie sich bestimmt ausgemalt, wie Baby und Johnny hier in der Lobby ihre ikonische Hebefigur vollführten, und sich gedacht Das ist es! Das wird mein Happy End! Leider ist die Liebesbeziehung von Mom und Dad nicht ganz so gut verlaufen wie die im Film. Meine Eltern waren gerade dabei, ihre Scheidung über die Bühne zu bringen. Das war auch der Grund, warum Lauren und ich hier waren. Normalerweise kamen wir im Sommer her, weil meine Mutter lieber wanderte als Ski fuhr, aber wir waren auch schon ein paarmal im Februar hier gewesen, damit Lauren und ich Skifahren lernten, was zu den Lieblingsbeschäftigungen meines Vaters zählte. Aber es war das erste Mal, dass ich die Lodge in vollem Festtagsstaat erlebte. Normalerweise liebte ich Weihnachten und hätte dieses gemütliche, fröhliche Ambiente bestimmt genossen. Aber so wie die Dinge gerade standen, war ich einfach nicht in Stimmung.

Die Feiertage waren vorbei, und ich wünschte, das Personal hätte den ganzen Laden bereits entweihnachtet.

Eine vierköpfige Familie mit Skibrettern und Snowboards kam hinter uns durch die Tür, die Eltern lachten und hielten Händchen, mit rot glühenden Gesichtern und vom Wind zerzausten Haaren. Ich verspürte einen Stich ins Herz. Wie konnten Leute glücklich und sorglos herumlaufen, wenn alles zusammenbrach?

»Dann wollen wir euch zwei jetzt mal einquartieren«, sagte Loretta und faltete die Hände. Sie drehte sich auf dem Absatz um und führte uns durch die Eingangshalle. »Ich habe euch eins der größeren Zimmer im dritten Stock reservieren lassen. Es hat einen fantastischen Ausblick auf die Berge und den See – obwohl ich bei all dem, was hier im Resort los ist, nicht damit rechne, dass ihr viel Zeit in eurem Zimmer verbringen werdet.«

»Moment mal. Unser Zimmer?«, sagte Lauren. »Im Sinne von: ein Zimmer?«

»Ja, ich habe diesmal nur eins reserviert«, sagte Loretta und warf uns über die Schulter einen Blick zu, der deutlich machte, dass sie keinen Widerspruch dulden würde. »Eure Eltern fanden, es würde euch guttun, wenn ihr Zeit zusammen verbringt. Ihr wisst schon, Familienzeit.«

Hitze schoss durch meinen Körper. Unsere Eltern waren solche Heuchler! Genau jetzt, in diesem Moment, waren sie buchstäblich dabei, unsere Familie auseinanderzureißen. Sie hatten uns einen Tag nach Weihnachten weggeschickt, in der ausdrücklichen Absicht, ihre Sachen aufzuteilen, den Kram meines Vaters in Kisten zu verpacken und ihn auszuquartieren. Ihretwegen würde es nie wieder »Familienzeit« geben. Warum also mussten Lauren und ich das Ganze ausbaden?

»Du machst Witze.« Lauren lachte spöttisch. »Weißt du eigentlich, wie scheinheilig das ist?«

»Lauren«, schimpfte ich leise, obwohl ich mich mehr darüber ärgerte, dass meine Schwester den Mumm hatte, das laut auszusprechen, was ich nicht sagte.

»Wieso? Du weißt, dass ich recht habe«, sagte Lauren, als wir in den Fahrstuhl einstiegen. An der hinteren Kabinenwand hing ein riesiger Kranz voller glitzernder Beeren und unechter knallroter Kardinalsvögel. Eine Instrumentalversion von »It’s Beginning to Look a Lot Like Christmas« rieselte aus den Deckenlautsprechern.

Loretta drückte auf den Knopf für den dritten Stock und schniefte. »Mädels, was immer ihr über die derzeitige Situation eurer Eltern denkt, für sie ist es auch nicht leicht. Sie tun beide ihr Bestes.«

Wenn ihr Bestes tun heißt, dass sie uns rauswerfen und dazu verdonnern, eine Woche lang dasselbe Zimmer zu teilen, dann haben wir ein ernstes Problem, dachte ich.

Ich schaute zu Loretta. Vielleicht konnte ich meine Großmutter fragen, ob ich bei ihr einziehen könnte. Vielleicht würde ich, wenn ich in meinen letzten anderthalb Highschooljahren bei Loretta wohnen würde, mittels Osmose souverän und weltgewandt werden. Und eines Tages könnte ich die Evergreen Lodge übernehmen und jeden Januar die Eislaufwettbewerbe sowie die Grusel-Lagerfeuernächte zu Halloween und an den Sommerwochenenden die Kinonächte unterm Sternenhimmel veranstalten.

Loretta schaute zu mir zurück. »Wir sollten dir einen Friseurtermin buchen, während du hier bist, Tess. Ich weiß wirklich nicht, was mit deinen Haaren los ist.«

Lauren lachte.

Oder vielleicht doch nicht.

Ich hätte ja gar nichts dagegen, mehr wie meine Schwester zu sein. Zumindest in gewisser Hinsicht. Ich hätte einen Mord für ihre scheinbar mühelose Schönheit begangen – dieses frische, hübsche Gesicht und Haare, bei denen nie auch nur eine einzige Strähne aus der Reihe tanzte –, aber für mich war das einfach unerreichbar. Lauren kam nach unserer Mutter und hatte ihren fantastischen olivfarbenen Teint, ihr glänzendes dunkles Haar und ihre natürlichen Kurven geerbt. Ich hingegen sah aus wie unser irischer Vater, mit einer Haut, die so weiß war, dass sie im Dunkeln praktisch leuchtete, und straßenköterblonden Haaren. Selbst an den seltenen Tagen, an denen es mir gelang, dass meine aalglatten Strähnen glänzend und gesund aussahen, bevor ich das Haus verließ, hingen sie nach der letzten Unterrichtsstunde schon wieder struppig und schlapp herunter. Während Lauren so aussah, als wäre sie gerade von Bord irgendeiner vor den griechischen Inseln liegenden Yacht gegangen, sah ich eher so aus, als käme ich nach einem Tag harter Arbeit von den Kartoffelfeldern.

So war nun mal das genetische Roulette. Wir hatten Anfang des Jahres alles darüber in Bio gelernt. Ich wusste, dass niemand daran schuld war. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass ich es beschissen fand. Und noch beschissener fand ich, dass meine liebe alte Großmutter das Bedürfnis hatte, mir meine Makel unter die Nase zu reiben. Vor allem, wo diese Makel von ihrer Seite der Familie herrührten, vielen herzlichen Dank auch.

»Ihr zwei richtet euch jetzt erst mal in eurem Zimmer ein, und wir sehen uns dann gleich in der Antilope zum Abendessen.«

»Danke, Loretta«, sagte ich tapfer, als unsere Großmutter leise die Tür hinter sich schloss.

Lauren warf ihren Koffer auf das Doppelbett neben dem Badezimmer und stöhnte. »Ich fasse es nicht, dass wir uns eine Woche lang ein Zimmer teilen müssen.« Sie holte ihr Telefon hervor und begann, eine Nachricht zu tippen. »Nichts für ungut.«

Ich verdrehte die Augen, rollte meinen Koffer zur Kommode hinüber und machte mich daran, meine Sachen auszupacken. Selbst im Urlaub hatte ich es gern ordentlich und aufgeräumt, während Lauren lieber aus dem Koffer lebte, als wäre sie bereits mitten in ihrem geplanten Gap Year in Europa. Dort wollte sie in Airbnb-Unterkünften oder bei Freunden wohnen, die das Glück hatten, ein Studienjahr im Ausland zu verbringen und »das Leben endlich so zu leben, wie es gelebt werden sollte«. Was auch immer das bedeutete. Ich konnte mir nicht vorstellen, allein in ein fremdes Land zu fliegen, geschweige denn, dort auf eigene Faust herumzureisen und nebenbei Möglichkeiten zum Geldverdienen aufzutun.

Ich hatte angefangen, als Babysitterin zu arbeiten, sobald ich alt genug dafür war, und legte seither zwanzig Prozent meines Verdienstes zur Seite, um für die Collegelehrbücher zu sparen. Meine Eltern jammerten ständig, dass die Collegeausgaben nicht nur die Gebühren umfassten, sondern auch sonst alles, was ich zum Leben und Studieren brauchte – vor allem die Bücher. So wie sie redeten, hätte man glauben können, dass die Lehrbücher alle aus Diamanten und Gold waren. Ich hatte keine Ahnung, ob sich die Scheidung meiner Eltern auf unsere finanzielle Situation und die Collegerücklagen für Lauren und mich auswirken würde, aber es kam absolut nicht infrage, dass ich zum Studieren nicht weggehen würde. Ich würde alles in meiner Macht Stehende tun, damit es klappte. Die Welt zu bereisen war ja schön und gut für Lauren, aber bei mir drehte sich nun mal alles um Stundenpläne, Lernziele und Leistungspunkte. Ich konnte es kaum erwarten, an einen Ort zu kommen, wo sich alle aufs Lernen konzentrierten.

Nachdem ich alles ordentlich in der Kommode verstaut hatte, zog ich den Reißverschluss meines Koffers zu, bugsierte ihn in eine Ecke und drehte mich zu dem riesigen Panoramafenster um, das aufs Gelände hinausblickte. Die Sonne ging gerade über den Bergen unter und tauchte den Winterhimmel in ein intensives Rosa. Unten liefen Dutzende von Menschen auf dem gefrorenen See Schlittschuh, kleine Kinder, die sich an den Beinen ihrer Eltern festklammerten, ältere Kinder, die einander jagten und sich dabei spektakulär langmachten. Ein Pärchen in der Mitte der Eisfläche hielt sich an den Händen und drehte sich dank Fliehkraft schier endlos im Kreis. Es war eine hübsche Szenerie, also holte ich tief Luft und versuchte zu lächeln. Leider wollte es mir nicht recht gelingen.

Genervt zog ich die schweren Vorhänge zu. In dem Moment entdeckte ich das Blatt Papier auf dem polierten Eichenschreibtisch, ein Möbelstück, das in jedem der Zimmer stand, vermutlich wegen der vielen Geschäftsveranstaltungen, die in der Lodge stattfanden. Mit einem Blick sah ich, dass es der Terminplan mit sämtlichen Veranstaltungen war, auf die Loretta vorhin angespielt hatte. Vom Schneemannwettbauen bis zum Schneeschuhrennen war alles dabei. Manche Zeilen waren grün hervorgehoben, mit einem kleinen »o« daneben in Lorettas steifer Handschrift. Der Plan war hübsch übersichtlich gestaltet – jedes Event war nach Altersgruppe farblich gekennzeichnet und mit der jeweiligen Anfangs- und Endzeit versehen. Genau mein Ding also.

»Was, glaubst du, bedeutet das?«, fragte ich, als ich zu Laurens Bett hinüberging. Meine Schwester saß in die Kissen gelehnt da und sah sich auf YouTube Musikvideos an.

»Was?«, fragte Lauren, ohne den Blick vom Display zu nehmen.

Ich schnappte mir ihr Telefon – »Hey!«, rief sie – und hielt ihr den Veranstaltungsplan unter die Nase.

»Das hier. Was, glaubst du, bedeutet ›o‹?«

Lauren riss mir das Blatt Papier aus der Hand und überflog es mit zusammengekniffenen Augen. »Internationales Buffet, Silvester-Teen-Party, Lagerfeuer-Bingo, alles mit ›o‹ gekennzeichnet.« Sie klatschte das Papier theatralisch auf die Matratze und sah mich an. »Du glaubst doch nicht, dass das ›obligatorisch‹ heißt?«

»O nein. Ausgeschlossen«, sagte ich. »Ich habe vor, die nächsten sechs Tage in diesem Zimmer zu bleiben, um zu lesen und fernzusehen.«

»Das schockiert mich jetzt aber«, sagte Lauren sarkastisch.

»Du hast doch gerade YouTube geguckt!«, gab ich giftig zurück.

»Ich habe gerade fünf Minuten entspannt und mich nicht tagelang vor der ganzen Welt verkrochen.« Lauren stand auf, zog ihren Pulli aus und ließ ihn einfach auf den Boden fallen. »Ich werde so schnell wie möglich aus diesem Zimmer verschwinden. Aber falls Loretta denkt, dass ich dann irgendwelche ›Lebkuchenhäuschen baue‹«, las sie von dem Plan ab und verzog angewidert das Gesicht, »dann hat sie echt den Verstand verloren.«

Lebkuchenhäuser bauen klang eigentlich ganz lustig. Als ich klein war, haben mein Dad und ich jedes Jahr zu Weihnachten eins gemacht – zwar aus vorgefertigten Teilen, aber trotzdem. Ich fand es toll, unser Haus zu verzieren und mit Zuckerguss aus einem Spritzbeutel Süßigkeiten darauf zu kleben (also die, die ich nicht vorher schon gegessen hatte). Plötzlich vermisste ich meinen Vater so sehr, dass mir die Brust wehtat.

Warum schickte meine Mutter ihn weg? Warum konnte sie sich nicht einfach ein bisschen mehr bemühen?

»Ich verstehe nicht, wo dein Problem ist«, sagte Lauren und warf noch einen Blick auf den Veranstaltungsplan. »Du liebst es doch, wenn jede Sekunde deines Lebens verplant ist.«

Zugegeben, sie hatte nicht ganz unrecht. Wäre mir nach weihnachtlichen Vergnügungen zumute, würde ich mich voller Elan darauf stürzen, vor allem auf die obligatorischen Teile. Ehrlich gesagt, sogar während ich so dastand, fand ich zunehmend Gefallen an der Vorstellung. Wenn meine Großmutter wollte, dass wir an diesen Sachen teilnahmen, sollten wir hingehen. Sie hatte bestimmt ihre Gründe.

»Mom lässt dich grüßen und wünscht uns viel Spaß«, sagte Lauren, gab mir den Zettel zurück und hielt ihr Telefon in die Höhe. »Und sie sagt, du sollst auf ihre Nachrichten reagieren.«

Ich hatte mein Telefon ausgeschaltet, sobald wir heute Morgen unser Haus in Philadelphia verlassen hatten, und es seitdem nicht wieder angemacht. Ich wollte nicht mit meiner Mutter sprechen. Ich wollte eigentlich mit gar niemandem sprechen. Außer ganz plötzlich mit meinem Dad. Ich kramte in meinem Rucksack nach meinem Telefon und schaltete es ein. Es gab ein paar Textnachrichten von Freundinnen, die mir eine gute Reise wünschten und fragten, was ich zu Weihnachten bekommen hatte. Dann noch fünf Messages von meiner Mutter, in denen sie sich danach erkundigte, wie es uns ging – und eine von meinem Vater. Er hatte mir ein Foto geschickt von einem Herzen, das jemand in den Schnee auf einem Briefkasten gemalt hatte.

Ich schrieb ihm zurück.

Sehr schön. Zwanzig Punkte.

Er schickte mir postwendend ein Daumen-hoch- sowie ein Kuss-Emoji. Seit ich in der Mittelstufe mein erstes Smartphone bekommen hatte, schickten mein Vater und ich einander Fotos von Herzen, die wir zufällig irgendwo fanden. Mein Vater war beruflich viel unterwegs – er war Rechtsberater für eine mittelgroße Boutique-Hotel-Kette namens Galileo Properties, die Standorte auf der ganzen Welt unterhielt – und es war schön, auf diese Weise in Verbindung zu bleiben, selbst wenn er auf Bali oder in Belgien oder irgendwo in Kanada war. Das Punktesystem hatten wir erst eingeführt, nachdem wir in einen scherzhaften Streit geraten waren, ob das gelbe herzförmige Blatt, das ich im Garten entdeckt hatte, oder das Herz mit den Worten »Liebe ist chaotisch« auf der verstaubten Haube eines Jeeps, der auf einem Hotelparkplatz in Australien stand, cooler gewesen war. Die höchste Punktzahl, die ein Herz erzielen konnte, war fünfundzwanzig. Beim Schneeherzen war ich recht großzügig gewesen, aber ich war in einer großzügigen Stimmung. Zumindest, was meinen Dad anging.

Ich legte mein Telefon zur Seite, ohne meiner Mutter zu schreiben, und sah auf den Veranstaltungsplan. »Also, unser obligatorisches internationales Abendbuffet fängt in fünfzehn Minuten an.«

»Da gehe ich auf keinen Fall hin«, erwiderte Lauren, die schon wieder mit ihrem Telefon beschäftigt war. »Ich frage mich, ob es hier irgendwo einen Laden gibt, wo sie gute Tapas haben.« Sie öffnete Yelp und begann zu tippen.

Es klopfte energisch an der Tür. Lauren und ich wechselten einen fragenden Blick, dann hievte sie sich vom Bett hoch und öffnete die Tür, ohne vorher durch den Spion zu sehen. Sie war schuld, wenn wir eines Tages noch zu Mordopfern wurden.

»Hallo. Ich bin Tarek. Du musst Tess sein.«

Der Typ, der da im Flur stand, sah nicht aus wie ein Serienmörder. Er sah aus wie der Hauptdarsteller einer Weihnachtsromanze auf Netflix. Nur jünger. Er hatte breite Schultern, dichtes braunes Haar und Augen, die so blau waren, dass ich sogar vom anderen Ende des Raums aus sehen konnte, wie blau sie waren. Er trug ein waldgrünes Evergreen-Lodge-Poloshirt und eine schwarze Jeans, die verdammt gut an ihm aussahen.

Lauren lachte. »Ähm, nein. Das da ist Tess. Ich bin Lauren. Die hübsche.«

Im Ernst? Aber Tarek lächelte nur. Und es war ein Wahnsinnslächeln. Oje. Lauren war bestimmt schon voll hin und weg. Sie verknallte sich mindestens einmal am Tag.

»Dein Selbstbewusstsein gefällt mir«, sagte er. »Schön, dich kennenzulernen, Lauren.« Er warf mir einen Blick zu. »Dann bist du wohl Tess.«

»Auf Anhieb richtig«, entgegnete ich.

»Es freut mich, euch beide kennenzulernen«, sagte er höflich. »Mrs Sachs hat mich geschickt, um euch nach unten zu begleiten, zu unserem berühmten internationalen Abendbuffet.«

»Spitze«, sagte ich. »Ich bin so weit. Viel Spaß mit deinen Tapas, Lauren.«

Ich machte einen Schritt auf die Tür zu, aber Lauren schob sich zwischen mich und Tarek. »Ich habe es mir anders überlegt. Ich hatte keine Ahnung, dass dieses Buffet so berühmt ist. Das kann ich mir ja wohl schlecht entgehen lassen.«

Was für eine Überraschung. Jetzt, wo ein heißer Typ im Spiel war, war Lauren natürlich sofort mit von der Partie.

»Gib mir fünf Minuten«, sagte sie zu Tarek. Dann legte sie ihm eine Hand auf die Brust und schob ihn hinaus in den Flur. Tarek lachte.

»Alles klar. Dann werde ich mal hier draußen warten.«

»Ja, das wirst du!« Lauren winkte ihm mit einem Finger und schloss die Tür. Dann drehte sie sich um und starrte mich mit offenem Mund an. »O mein Gott«, flüsterte sie. »Hast du den Typen gesehen?«

»Ich habe die ganze Zeit hier gestanden«, erwiderte ich.

Aber Lauren war bereits im Badezimmer, wo sie das Wasser aufdrehte und sich das Gesicht schrubbte, als ob es mich gar nicht gäbe.

Kapitel 2

»Du willst mich verarschen, oder?«, sagte Lauren, als ich mich an dem langen Tisch, den wir uns mit Tarek und einem Haufen Fremder teilten, auf den Stuhl neben ihr setzte. »Die Antilope« war ein zwangloses Buffet-Restaurant im hinteren Teil der Lodge, mit Blick auf den preisgekrönten Garten. Ein Garten, der jetzt kahl war, abgesehen von den kunstvollen Eisskulpturen, die die leeren Blumenbeete zierten, jeweils angestrahlt von einem Scheinwerfer. Es sah so aus, als würden sie von innen heraus leuchten. Die Bildhauer hatten alle möglichen Figuren erschaffen, von Ski fahrenden Schneemännern über ausgelassene Rentiere bis hin zu – ja – einer gigantischen Antilope, und zwei Dutzend Kinder drängten sich um die Fenster und starrten nach draußen.

»Ist das alles, was du isst?«, fragte Lauren mich. Genauer gesagt, sie klagte mich an.

»Ja, Tess, du solltest wirklich mehr Sachen probieren«, sagte Tarek mit halb vollem Mund. »Sie haben monatelang an diesem Menü gefeilt.«

Das war offensichtlich. Jede der Buffet-Stationen im hinteren Teil des Raums war einem bestimmten Land gewidmet und mit Flaggen und Postern und irgendwelchen Accessoires geschmückt, um die jeweilige Kultur zu repräsentieren. Das war alles sehr beeindruckend, würde mich aber trotzdem nicht plötzlich in eine experimentierfreudige Esserin verwandeln. Anscheinend war Tarek nicht mehr im Dienst, denn er war eifrig damit beschäftigt, sich über die bunt zusammengewürfelte Speisenauswahl auf seinem Teller herzumachen. Das Mädchen, das uns gegenübersaß, hob den Kopf, blickte auf meinen Teller – ihrer war bereits leer geputzt – und schaute dann wieder in ihren Schoß. Sie war etwa in meinem Alter, mit hellbrauner Haut und lockigem schwarzem Haar, und trug eine bunt gestreifte Skimütze. Drinnen.

»Was denn?«, entgegnete ich Lauren mit gedämpfter Stimme. »Du weißt, dass ich scharfes Essen nicht mag.«

»Okay, aber nicht alles hier ist scharf. Es gibt ungefähr hundert Gerichte aus Dutzenden von Ländern und du nimmst das langweiligste, das du finden kannst.« Seit Lauren vor zehn Minuten beschlossen hatte, am internationalen Buffet teilzunehmen, war sie zum glühenden Fan des Konzeptes mutiert. Sie benutzte Stäbchen, um sich ein orange-braunes Stück Fleisch zu nehmen, als wäre ihr das Essen mit Stäbchen bereits in die Wiege gelegt worden. »Du könntest wenigstens hin und wieder etwas Neues probieren.«

»Ich bin gerade dabei, etwas Neues zu probieren. Ich habe noch nie Hühnchen mit Ananas gegessen.«

»Uhhh. Was wirst du als Nächstes tun? Eine Pizza bestellen, auf der mehr als Tomatensoße drauf ist?«

Lauren verdrehte die Augen und schob sich das Fleischstück in den Mund. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Tarek, der auf ihrer anderen Seite saß, und begann ihr Flirtritual, zu dem jede Menge Haareschütteln und lautes Lachen gehörte. Ich blickte auf das gegrillte Hühnchen mit Ananas und weißem Reis auf meinem Teller und kam mir plötzlich wahnsinnig langweilig vor. Ich spießte ein Stück Ananas auf meine Gabel und aß es mürrisch. Wo zum Teufel blieb Loretta? Würde sie noch zu diesem obligatorischen Abendessen mit uns kommen, oder was? Und wenn nicht, wie käme ich an meine Punkte fürs erfolgreiche Mitmachen?

Ich schnitt ein Stück vom Hühnchen ab und sah mich am Tisch um. Die »Antilope« war ungefähr halb so groß wie die Cafeteria in meiner Highschool, mit langen, schmalen Tischen in der Mitte des Raums, die dazu dienen sollten, die Gespräche unter den Gästen und das gegenseitige Kennenlernen anzukurbeln. Es gab auch kleinere Tische und Sitznischen am Rand für Leute, die etwas mehr Privatsphäre haben wollten. Genau wie die Lobby war auch die Antilope weihnachtlich geschmückt, mit rot-grünen Tischläufern und Schalen voller Tannenzapfen und Deko-Objekte. Mit an unserem Tisch saß eine Familie mit drei kleinen Kindern sowie eine Gruppe von Freunden, die sich gegenseitig Videos auf ihren Smartphones zeigten, und das Mädchen mit der Mütze mir gegenüber – die offenbar ein Buch las, das auf ihrem Schoß lag. Auf der anderen Seite von Tarek gab es noch ein paar leere Stühle. Ich wünschte, ich hätte auch daran gedacht, mein Buch mitzunehmen. Ich wollte über die Ferien »Sinn und Sinnlichkeit« lesen für ein paar Extrapunkte in Englisch, aber ich war vor Weihnachten nicht sehr weit gekommen. Darum hatte ich mir das Ziel gesetzt, in der kommenden Woche fünfundsiebzig Seiten pro Tag zu lesen. Die heutigen fünfundsiebzig Seiten hatte ich während der Flugzeit erledigt, aber hätte ich das Buch mit zum Essen genommen, hätte ich mir einen Vorsprung auf das morgige Pensum verschaffen können, was gut gewesen wäre, denn A) wer wusste schon, wie viele Unternehmungen Loretta morgen für uns geplant hatte, und B) war Lauren offenbar fest entschlossen, mich zu gunsten von Mr Breitschulter zu ignorieren.

Seltsam war, dass das Mädchen mit dem Buch offenbar nicht zu der Familie gehörte, und sie hatte auch kein einziges Mal zu Tarek herübergesehen. Was machte sie also an unserem Tisch? Mit wem war sie hier?

Ein normaler Mensch hätte einfach gefragt, aber ich war kein normaler Mensch. Ich hatte ernsthafte Probleme, wenn es darum ging, mit Fremden zu reden – konnte es schlichtweg nicht. Jedes Mal, wenn ich es versuchte, machte meine Kehle dicht. Was, wenn die Person nicht gestört werden wollte? Oder wenn sie mich völlig uninteressant und nervig fand? Dieses Mädchen zum Beispiel schien völlig in seine Lektüre versunken. Wenn ich sie anspräche, würde sie mir vermutlich eine knappe Antwort geben und sich wegdrehen, und dann würde ich mich für die restliche Mahlzeit total unwohl fühlen und jeden Blickkontakt vermeiden.

Tja, so funktionierte mein Kopf nun mal. Es gefiel mir nicht, aber ich konnte anscheinend nichts tun, um es zu ändern.

Dann bewegte sich das Mädchen in seinem Stuhl, nahm das Buch vom Schoß und legte es auf den Tisch. Ich schnappte beinahe laut nach Luft. Es war »Die sieben Sirenensterne«, eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Ich hatte gerade erst die Fortsetzung mit meinem Buchklub gelesen.

Das war ein Zeichen. Ich musste etwas sagen. Da Loretta verschollen und Lauren anderweitig beschäftigt war, gab es ohnehin niemanden, mit dem ich sonst hätte reden können. Ich wollte gerade einen Versuch wagen, als meine Schwester vom Tisch aufstand.

»Wir sehen uns später, Loser«, raunte Lauren mir zu.

Dann folgte sie Tarek Richtung Tür.

»Was? Wohin gehst du?«, fragte ich und ließ meine Gabel klappernd fallen.

Lauren antwortete nicht. Sie ergriff einfach Tareks Hand und zusammen gingen sie im Eilschritt und kichernd davon.

Etwas in mir zerriss. Weiß glühende Hitze hüllte mich ein. Lauren konnte mich doch nicht einfach so sitzen lassen. Wir sollten Familienzeit zusammen verbringen. Diese Sache war obligatorisch! Wusste Lauren nicht, was das Wort bedeutete? In Anbetracht der Tatsache, wie oft sie immer den Unterricht schwänzte, vermutlich nicht. Ich stieß mich vom Tisch ab und folgte meiner Schwester, Adrenalin trieb jeden meiner Schritte an.

»He!«, rief ich, sowie ich draußen in der Halle war. »Lauren. Stopp!«

Endlich blieb Lauren stehen und reckte ihr Gesicht frustriert der hohen Lobby-Decke entgegen. Sie ließ Tarek los, der einfach weiterging, und schenkte mir einen säuerlichen Blick, den ich nur allzu gut kannte. Es war ihre Leg dich nicht mit mir an kleine Schwester-Miene. »Was?«, schnauzte sie.

»Wo gehst du hin?«, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen und schaute mich um, ob uns irgendwer beobachtete. Ich sah nur Familien, Grüppchen und Paare, die lachend von einem Event zum nächsten zockelten und die letzten Ferien des Jahres genossen. Oh, wie sehr wünschte ich mir, eine von ihnen zu sein.

»Tareks Freunde treffen sich in der Stadt«, teilte Lauren mir mit und deutete dabei auf Tarek, der an der Tür stand und auf seinem Telefon herumtippte. »Er ruft uns gerade ein Uber, um hinzufahren.«

»Du kannst nicht einfach abhauen. Loretta wird ausflippen.«

Lauren drehte die Handflächen nach oben. »Siehst du hier irgendwo Loretta? Sie hat sich nicht mal die Mühe gemacht, zum Essen zu erscheinen, warum also sollte ich dann noch länger hierbleiben?«

Dem konnte ich nichts entgegensetzen. Es war schon erstaunlich, wie ähnlich Lauren und ich dachten, wo wir doch so verschieden waren. Als hätten wir dieselben Gedanken, die wir jedoch in gegensätzlicher Weise umsetzten. »Außerdem müsstest du mich allmählich etwas besser kennen«, fügte Lauren hinzu. »Denn mir ist es scheißegal, ob sie ausflippt.«

»Der Wagen ist in fünf Minuten hier«, rief Tarek herüber und schob sein Telefon in die Hosentasche.

Lauren drehte sich zum Gehen um, aber ich war immer noch wütend. Der Gedanke, dass meine Schwester tun und lassen würde, was sie wollte, während ich wie immer brav alle Pflichten erfüllte, machte mich stinksauer. Ich packte Laurens Hand, gerade als wir an der Sitzgruppe vor dem flackernden Kamin in der Mitte der Lobby vorbeigingen.

Jetzt war Lauren ebenfalls stinksauer. »Lass das! Du blamierst mich. Und dich selbst auch. Nicht dass das etwas Neues wäre.«

Mein Gesicht brannte. Warum musste Lauren immer so gemein zu mir sein? Wir waren nur zwei Jahre auseinander, aber manchmal behandelte meine Schwester mich, als wäre ich noch zehn und wollte mit Barbies spielen.

»Wir sollten doch zusammenbleiben«, erinnerte ich sie.

Lauren verschränkte die Arme vor der Brust und verzog die Lippen langsam zu einem gerissenen Lächeln. »Schön«, sagte sie und machte eine kleine Pause. »Dann komm mit.«

Meine Eingeweide erstarrten zu Eis. Mit ihr mitkommen? Um Fremde zu treffen und wer weiß was zu tun? Mitten im Nirgendwo? Ich spürte, wie ich bleich wurde. Lauren lachte. »Siehst du? Du bist immer so ein schrecklich braves Mädchen! Du traust dich rein gar nichts. Und ich habe dir schon gesagt, dass ich nicht meine gesamten Ferien in diesem Zimmer versauern werde.«

Tarek rief von der Tür aus: »Lauren, kommst du?«

»Ich werde es Mom und Dad erzählen«, hörte ich mich selbst drohen. Okay. Vielleicht war ich ja doch zehn Jahre alt.

Lauren sah mich entnervt an. »Es gibt kein ›Mom und Dad‹ mehr. Und das Letzte, was sie zurzeit kümmert, ist, ob ich auf irgendeine Party gehe. Also hör auf, dich wie ein Baby zu benehmen, und häng einfach weiter allein rum.« Meine Schwester wandte sich von mir ab und ich hätte heulen können. Und trotzdem tat mein Herz einen erbärmlichen Sprung, als sie sich wieder zu mir umdrehte. »Und wehe, du petzt es Loretta.«

Dann war sie weg. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, aber ich wollte auf gar keinen Fall weinen. Lauren war so fies. Wie konnte sie mich hier einfach im Stich lassen? Sollten große Schwestern sich nicht um ihre jüngeren Geschwister kümmern, statt sie hängen zu lassen, so wie der Rest der Familie es gerade tat? Vielleicht sollte ich einfach zurück auf mein Zimmer gehen, meine Sachen packen und verschwinden, dachte ich. Es würde sowieso niemandem auffallen.

»Wow.« Eine weiche, tiefe Stimme unterbrach meine emotionale Talfahrt. »Das ging unter die Gürtellinie.«

Der Junge war süß. Nein, das traf es nicht ganz. Er sah aus wie ein YouTube-Star. Aber nicht einfach wie einer von den Ich habe dieses Video in meinem Garten gedreht und mir beinahe das Genick gebrochen, darum habe ich eine Million Likes gekriegt-Typen, sondern süß à la Ich habe meinen eigenen Kanal und meine eigene Produktlinie und meine riesige Fangemeinde. In Anbetracht all dieser Dinge konnte ich nicht glauben, dass er tatsächlich mit mir sprach. Ich wurde rot. Und dann gab ich ihm eine unvergesslich brillante und schlagfertige Antwort: »Ähm … ja.«

Ich senkte den Kopf, strich mir die Haare hinter die Ohren und wandte mich zum Gehen um. Nach allem, was ich heute durchgemacht hatte, wollte ich nicht, dass mich dieser viel zu gut aussehende Fremde in Tränen ausbrechen sah.

»War das deine Schwester?«

Mit dem Rücken zu ihm holte ich tief Luft. Ich konnte so tun, als hätte ich ihn nicht gehört, weggehen und diesen elendigen Abend einfach ziehen lassen, oder ich konnte das Gegenteil tun. Ich könnte mich umdrehen und ihm eine Antwort geben. Aus irgendeinem Grund, vielleicht weil ich von meinem Streit mit Lauren immer noch so aufgebracht war, entschied ich mich für Letzteres.

»Ja, das war meine Schwester.«

»Du wirst doch nicht, na ja, das tun, was sie gesagt hat, oder?«, fragte er und strich sich die langen blonden Ponysträhnen aus der Stirn, worauf mich ein Paar grüner Augen anblickten, wie sie mir noch nie zuvor untergekommen waren. »Denn das scheint mir nicht der beste Weg zu sein, um sich zu rächen.«

Ich musste grinsen. »Wer sagt, dass ich mich rächen will?«

»Dein Gesicht. Es steht klar und deutlich darin geschrieben.«

»Und du kennst mein Gesicht so gut?«, scherzte ich.

Moment mal, machte ich Scherze? Mit einem Jungen?

»Ich denke schon«, gab er zurück. »Wir sind gute alte Bekannte.«

Jetzt lächelte ich richtig. Ich näherte mich der Couch, auf der er saß, und erst jetzt bemerkte ich, dass sein rechtes Bein, das ausgestreckt auf roten Weihnachtskissen lag, vom Knie abwärts in einem Gips steckte. Ein iPad, ein Smartphone und ein Stapel Bücher lagen auf dem Tisch neben ihm.

»Was ist passiert?«, fragte ich.

Er hob eine Hand und klopfte gegen seinen Gips. »Hast du’s etwa nicht gehört? Es war heute Morgen überall in den Nachrichten.«

»Was?«, fragte ich und setzte mich in den Sessel, der der Couch am nächsten stand. Vielleicht war er ja wirklich eine Internet-Berühmtheit.

»Gestern auf der Piste war da dieses Kind, vielleicht sieben Jahre alt, und es ist einfach aus dem Sessellift gerutscht«, sagte er und richtete sich ein Stück auf, um sich bequemer anlehnen zu können. »Sein Vater saß direkt neben ihm, und er sagte, in dem einen Moment war sein Sohn noch da und im nächsten – nichts als Luft.«

»O mein Gott!« Ich schlug beide Hände vor den Mund. »Er ist runtergefallen?«

»Nein. Das ist ja das Verrückte. Er schaffte es, im letzten Moment den Fußbügel zu packen zu kriegen. Da hing er also, baumelte etwa acht Meter über dem Boden. Meine Freunde und ich waren auf unseren Snowboards unterwegs und sahen ihn. Wir haben ein paar Leute dazu gebracht, ihre Jacken auszuziehen, die wir zu einer Art Decke zusammengeknotet und dann unter den Sessellift gehalten haben, genau in dem Moment, als das Kind abstürzte.«

»Ist nicht wahr!«

»O doch!«

»Und … habt ihr ihn aufgefangen? Geht es ihm gut? Und wie hast du dir das Bein gebrochen?«

»Ihm gehts gut. Aber wir hatten uns völlig falsch positioniert, und er ist irgendwie auf mich draufgefallen. So habe ich mir das Bein gebrochen.«

»Das ist ja eine irre Geschichte.«

»Ja, allerdings.« Er hielt inne und lächelte mich breit an. »Sie ist ja auch komplett erfunden.«

Mir fiel die Kinnlade herunter. Ich wusste nicht, ob ich schreien, lachen oder diesen Kerl schlagen sollte. »Du hast dir das Ganze ausgedacht?«

Er zuckte mit einer Schulter. »Ist besser als die wahre Geschichte.«

»Und die wäre?«

»Ich bin am Weihnachtsmorgen auf einem vereisten Stück von der Piste abgekommen, gegen einen Baum gekracht und im Krankenhaus gelandet.«

Ich boxte gegen seinen Arm.

»Aua! He!« Er bedeckte die Stelle, die ich getroffen hatte, mit einer Hand, als hätte ich ihm tatsächlich wehgetan. »Du kannst doch nicht auf einen Verletzten einschlagen.«

Ende der Leseprobe