Nicht Chicago. Nicht hier. - Kirsten Boie - E-Book + Hörbuch

Nicht Chicago. Nicht hier. E-Book

Kirsten Boie

3,8
4,99 €

Beschreibung

Ein hochbrisantes Thema. Ein Buch, das zeigt, wie Gewalt entsteht, und das zur Pflichtlektüre an unseren Schulen werden sollte. Eine Stadt wie viele andere. Irgendwo hier und heute. Niklas, dreizehn, wird von einem Mitschüler terrorisiert. Karl heißt der und ist neu in der Klasse. Niklas wäre diesem Karl gern aus dem Weg gegangen, aber Frau Römer, die Lehrerin, hat die Themen für die Referate so verteilt, dass er ausgerechnet mit ihm zusammenarbeiten muss. Die nachmittäglichen Treffen finden bei Niklas statt. Karl hat es so bestimmt und lässt bei seinem ersten Besuch gleich eine CD mitgehen. Beim nächsten Besuch "leiht" er sich ein nigelnagelneues CD-ROM- Laufwerk aus, 32 Speed. Dann verschwindet Niklas' Quix. Sein Kaninchen wird entführt, vermutlich getötet. Zwischendrin Telefonterror, rund um die Uhr. Niklas' Leistungen in der Schule werden immer schlechter. Seine Versetzung ist gefährdet. Der Terror geht weiter. Niklas ist verzweifelt. Er weiß nicht, wie er sich zur Wehr setzen soll. Eines Tages wird er von Karl zusammengeschlagen. Zeugen gibt es nicht. Die, die etwas sagen könnten, schweigen. Aus Feigheit? Aus Angst? Niklas vertraut sich seinen Eltern an. "Wir sind doch nicht in Chicago!", wettert der Vater und nimmt Kontakt zu Karls Eltern auf. Die stellen sich hinter ihren Sohn. Niklas' Vater geht zur Polizei. Er droht mit Klage. Das seien doch alles nur Bagatellen, sagt die Polizei. Und eine Klage hätte sowieso keine Aussicht auf Erfolg. Niklas' Vater reicht es. Er erstattet Anzeige ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 99




[zurück]
[zurück]

Ich mach ihn tot.

Ich bring ihn um, ich schwör, ich mach ihn tot, ich tret ihm so die Fresse ein, dass er niemals mehr …

Ich mach ihn tot.

Ich bring ihn um, ich schwör.

[zurück]

»Ja«, sagt Thomas. Der Vater. »Ja.« Er starrt auf die Käfigtür.

Der Himmel sieht aus wie in Vampirfilmen, Wolken jagen vor dem Mond.

»Rex!«, ruft Niklas. »Rexo, Rex! Er ist weg, wo bist du Rex, wo bist du!«

»Niklas!«, sagt Karin. Die Mutter. Packt ihn an den Schultern, rüttelt ihn. »Niklas, beruhige dich! Wir finden ihn wieder!«

»Rex!«, schreit Niklas. »Rexo!« Dann stößt er einen Ton aus, hoch und schrill, lang gezogen, nicht enden wollend. Es ist nur ein Kaninchen.

»Niklas!«, ruft Karin wieder und rüttelt ihn. »Hör auf, Niklas, hör doch auf!«

Svenja richtet sich auf, gerät dabei ins Auge des Bewegungsmelders. Auf einmal ist das Gehege um den Käfig hell erleuchtet. Das heruntergetretene Gras, die feuchte Erde, uneben und immer wieder festgestampft, wo Rex begonnen hat, seine Gänge zu graben. Steine und armdicke Äste zum Nagen.

»Weg«, sagt Svenja. Leise. »Hier ist er sicher nicht mehr.« Der Mond verschwindet, gleichzeitig lässt die Zeituhr die Außenstrahler verlöschen.

»Ja«, sagt Thomas hilflos und macht die Käfigtür zu. Behutsam, als könne etwas zerbrechen. Legt den Haken in die dafür vorgesehene Öse. Der Beschlag mit dem kleinen Vorhängeschloss aus Messing hängt an einer Schraube; wo er vom Rahmen losgestemmt ist, ist das Holz gesplittert.

»Hättet ihr das geglaubt? Ich niemals.«

Niklas’ Heulen ist in ein Schluchzen übergegangen. »Lasst uns reingehen«, sagt Karin und tippt Niklas sanft auf die Schulter. »Komm, Niklas. Komm.«

 

Sie haben den Garten abgesucht, gebeugt, mit kleinen Schritten. Svenja hat Taschenlampen aus dem Keller geholt.

Inzwischen sind sie auf der Straße, laufen, rufen, leuchten ins Gebüsch, in jeden Schatten, hinter die geparkten Autos.

»Rex!«, ruft Niklas. »Rexo!«

Karin bringt ihnen Jacken, hängt sie dem unwilligen Niklas über die Schultern.

»Ihr müsst euch doch nicht auch noch erkälten!«, sagt sie. »Wenn Rex weg ist, ist das natürlich nicht schön, aber ihr müsst euch doch nicht auch noch …«

»Karin!«, sagt Svenja. »Sei jetzt endlich mal still!«

Und Karin protestiert nicht. Sagt nicht, sie verbitte sich diesen Ton.

Sie geht auf die andere Straßenseite, selber ohne Jacke, und sucht mit.

 

»Vielleicht finden wir ihn morgen noch«, sagt Thomas tröstend. Die Helligkeit im Wohnzimmer blendet sie fast. »Wir kleben überall Zettel an die Bäume. Rex ist doch zahm! Wenn den jemand findet, kann er ihn ganz leicht einfangen. Bestimmt kriegst du ihn doch noch zurück, Niklas.«

Niklas sitzt jetzt ganz still. Er hat aufgehört zu heulen, und er hat aufgehört zu schluchzen. Jetzt braucht er Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen.

»Das ist doch Mist, Thomas!«, sagt Svenja böse. »Und das weißt du auch ganz genau! Du willst Niklas nur trösten!«

Thomas zuckt die Achseln. Alle vier da im hellen Wohnzimmer sehen jetzt, jeder für sich, die Straßen, Autos, sehen ein kleines weißes Kaninchen, sehen weg; sehen Katzen, geduckt, die Augen zu Schlitzen verengt, lauernd, sehen ein kleines weißes Kaninchen. Sehen weg. »Niklas!«, sagt Karin. »Niklas, du bist doch schon dreizehn. Und, Niklas – wir gehen morgen und kaufen …«

»Wir gehen morgen zur Polizei und erstatten Anzeige«, sagt Thomas. »Wir hätten das längst tun sollen. Ich mache mir Vorwürfe, dass wir das nicht längst getan haben.«

Karin guckt unsicher.

»Es ist ein Kaninchen, Thomas«, sagt sie. »Ich meine – es ist nur ein Kaninchen.«

»Ich gehe morgen und erstatte Anzeige«, sagt Thomas.

 

Sie haben beim Abendbrot gesessen, als Svenja auf die Uhr geguckt hat.

»Oh, Scheiße!«, hat sie gerufen. »Ich hab Mimi versprochen, sie noch vor acht anzurufen!«

»Gewöhn dir doch endlich die Kraftausdrücke ab«, hat Karin gesagt.

»Jaja, passiert schon noch«, hat Svenja ungeduldig gesagt. »Aber das muss ich noch mal schnell machen. Wir wissen noch nicht genau, wo wir heute Abend hinwollen.«

»Na, das ist auch wichtig«, hat Thomas gesagt und kopfschüttelnd nach der Wurst gelangt. »Disco oder Disco. Die Qual der Wahl.«

Aber Svenja ist längst verschwunden.

Dann hören sie sie rufen.

»Da sind welche!«, ruft Svenja. »Thomas, komm mal! Da sind welche in unserem Garten!«

»Was?«, sagt Thomas.

»Komm mal, Thomas, schnell!«, ruft Svenja. »Da sind welche an unserer Garage, Thomas, zwei Typen, die …«

Ein Stuhl schlägt auf den Boden.

Thomas reißt die Haustür auf.

»Hallo?«, ruft er. »Hallo, was suchen Sie denn hier?«

 

Der Junge, der verlegen zur Haustür kommt, ist sicher nicht älter als vierzehn. Er hat ein liebes, offenes Kindergesicht, ein Schnürsenkel schleift über den Boden.

»Bitte, entschuldigen Sie bitte«, sagt der Junge. Im Licht der Eingangsbeleuchtung kann man sehen, wie rot er geworden ist. »Ich wollte nicht … Ich hab hier nur …«

»Ja?«, sagt Thomas. Schon ein bisschen freundlicher. Keine Einbrecher. Keine Gewalt.

Ein Kind.

Der Junge holt tief Atem.

»Ich such hier jemanden«, sagt er schnell. »Den – Michael, den – Krabat, ich dachte, er wohnt – ich hab die Nummer nicht gefunden. Wohnt der hier?«

Thomas schüttelt den Kopf. Der Junge tut ihm leid. So peinlich muss es einem Kind nicht sein, wenn es auf einem falschen Grundstück nach jemandem sucht.

»Wir wollten zusammen zu einer Party«, sagt der Junge eilig. »Und Michael wollte – der wohnt hier echt nicht?«

Thomas lacht. »Ich weiß doch, wer in meinem Haus wohnt«, sagt er. »Tut mir leid, aber ich kann dir auch gar nicht weiterhelfen. Hier in der Straße wohnt auch keiner, der so heißt, soweit ich weiß.«

Der Junge geht ein paar Schritte rückwärts.

»Dann entschuldigen Sie bitte«, ruft er, schon im Laufen. »Ich glaub, ich such den dann – ich guck mal – entschuldigen Sie bitte!«

Thomas schüttelt lachend den Kopf. »Du meine Güte, war der aufgeregt«, sagt er. »War dem Bengel sein Irrtum peinlich.«

Niklas kommt aus dem Schatten der Küchentür.

»Das war Jannis«, sagt er.

 

»Es waren zwei!«, sagt Svenja. Sie hat sich wieder mit an den Tisch gesetzt. »Eben waren das noch zwei.«

»Dann ist der Zweite abgehauen«, sagt Thomas. »Wirklich, das war dem peinlich! Wir müssten wirklich mal eine beleuchtete Hausnummer anschaffen. Die armen Bengels.«

Karin lacht auch. »Der hatte wahrscheinlich Angst, du schießt gleich auf ihn. Wohin geht ihr denn jetzt, Svenja?«

»Und warum an der Garage?«, fragt Svenja halsstarrig. »Warum suchen die an der Garage? Wenn ich gucken will, ob einer da wohnt, dann guck ich doch an der Haustür.«

»Hausnummer?«, sagt Thomas. »Gib mir mal die Butter, Niklas. Vielleicht dachten sie, die Hausnummer ist an der Garage?«

Niklas reicht die Butter über den Tisch.

»Irgendwas ist komisch«, sagt Svenja. »Findest du auch, oder?«

»Das war Jannis«, sagt Niklas wieder. »Der da eben.«

»Und wer ist Jannis?«, fragt Thomas.

»Ein Freund von Rocky«, sagt Niklas.

 

Svenja hat sich geschminkt und ihre Discosachen angezogen.

»Ich sag euch, da ist irgendwas komisch«, sagt sie bockig. »Aber bitte, wenn ihr nicht …«

»Niklas hat selbst gesagt, dieser Jannis war noch nie bei ihm«, sagt Thomas. »Was ist also komisch? Der hat vielleicht einfach Adressen durcheinandergekriegt. Die von Niklas und von diesem Michael mit dem ulkigen Namen.«

»Krabat«, sagt Svenja mit Betonung. »So heißt ein Buch.«

»Ein Buch?«, sagt Karin.

»Das lesen alle siebten Klassen«, sagt Niklas. »Wir müssen als Nächste.«

Thomas sieht Karin an.

»Also, jetzt geh ich doch mal gucken«, sagt er.

An der Garage ist alles in Ordnung.

Der Käfig daneben steht offen.

[zurück]

Wann hat es angefangen?

Die Osterferien sind zu Ende, Niklas sitzt im Bus, den Rucksack auf den Knien; Rückfahrt am ersten Tag, viel ist noch nicht passiert.

Der Neue steht neben ihm, den Rucksack an einem Riemen über der Schulter. Steht sicher, breitbeinig, jede Kurve, jedes Bremsen federt er ab in den Knien; die Fingerknöchel an der Hand, die die Haltestange umklammert, sind weiß, er schafft es, kaum zu schwanken.

»Du kannst hier mit sitzen«, sagt Niklas. »Ich rutsch einfach.«

Der Neue schüttelt kaum merklich den Kopf, er guckt weiter aus dem Fenster oder irgendwohin, Niklas ist sich nicht sicher, ob er ihn überhaupt gehört hat.

»Scheißschule, eure Schule, oder«, sagt der Neue zum Fenster. »Voll bescheuert.«

Niklas nickt. Seine Schule ist so bescheuert wie vermutlich alle Schulen. Schulen sind bescheuert. Man muss Mathe lernen, Grammatik, Rechtschreibung, schon deshalb können sie nicht nicht bescheuert sein. Und Englisch. Und jetzt auch noch Latein.

»Geht so«, sagt Niklas.

Der Neue lässt eine Kaugummiblase platzen. Niklas wüsste gern, ob in der Zigarettenschachtel, die den ganzen Morgen in der Schule schon aus seiner Brusttasche geguckt hat, wirklich Zigaretten stecken. Er glaubt es aber eigentlich. Im Bus ist Rauchen nicht erlaubt.

»Darf ich bitte mal vorbei?«, sagt eine alte Frau. Sie hat auf den Knopf für das Haltesignal gedrückt, vorne im Bus leuchtet rot der Schriftzug. Bus hält. »Hallo!«, sagt die Frau. »Darf ich bitte mal …«

Der Neue dreht sich nicht um. Er beugt eine Schulter ein klein wenig vor, gerade so viel, dass man vermuten kann: Er hat die Frau gehört. Seine Beine stehen fest, wo sie stehen.

»Das gibt’s doch nicht!«, sagt die Frau, aber da hält der Bus mit einem Ruck, und sie drängt vorbei, zwängt sich seitlich, dass der Neue ein wenig gestoßen wird; aber nur gerade so viel bewegt er sich, wie sich nicht vermeiden lässt. Seine Beine bleiben am Fleck. Seine Fingerknöchel schimmern weiß.

Niklas dreht den Kopf nach oben, seitlich, dass er den Neuen ansehen kann. Würde gerne etwas sagen, jetzt, »Hast du die Alte nicht gehört?«, zum Beispiel, »Geil, ej«, irgendwas. Der Zeitpunkt ist schon verpasst.

Gleich hinter dem Ortsschild steigt der Neue aus. »Ciao«, sagt er.

Niklas nickt, ärgert sich, dass er es nicht im letzten Augenblick noch geschafft hat, das Lächeln von seinem Gesicht zu nehmen.

In der Bustür bleibt der Neue stehen und dreht sich noch einmal um. Mit dem Ellenbogen stemmt er sich gegen die geöffnete Falttür, dass der Fahrer sie nicht schließen kann.

»Wir sehen uns morgen«, sagt er. Kein Muskel in seinem Gesicht zuckt.

»Hallo, du dahinten!«, ruft von vorne der Fahrer. »Raus da, aber dalli! Ich hab einen Fahrplan einzuhalten!«

Der Neue hebt die Hand wie zum Gruß und lässt sein Kaugummi platzen.

Dann gibt er die Tür frei.

Draußen sieht er nicht mehr hoch, und Niklas merkt, wie er sich in seinem Sitz zurücklehnt, jetzt erst.

Obwohl es kaum mehr lohnt. Die nächste Haltestelle ist seine.

 

Der Neue ist am ersten Tag nach den Ferien in die Klasse gekommen. Frau Römer hat ihn vorgestellt, aber keine Sekunde hätte irgendwer geglaubt, dass er nicht auch den Mut gehabt hätte, allein in die Klasse zu gehen.

Wie er dasteht, wie er die Klasse mustert, kalt.

»Das ist Karl«, sagt Frau Römer und lächelt. »Guck mal, wo du sitzen magst, Karl. Viel ist ja nicht mehr frei. Aber ich mache demnächst sowieso eine neue Sitzordnung.«

Niklas stöhnt, alle stöhnen. Frau Römer ist nicht schlecht, aber ihre Sitzordnungen sind grausam. Wenn man nicht aufpasst, sitzt man neben einem Mädchen, und nur, damit man nicht schwatzt.

»Da drüben vielleicht«, sagt Frau Römer und lächelt Karl aufmunternd zu. »Okay?«

Karl zuckt die Achseln, aber er geht zu dem Platz und lässt seinen Rucksack in den Gang fallen. Dann setzt er sich.

»Am besten, du erzählst selbst ein bisschen was über dich, Karl«, sagt Frau Römer wieder und lächelt.

Aber Karl lächelt nicht zurück.

»Machen Sie mal«, sagt er, und Frau Römer zuckt zusammen. Kaum merklich. Aber Niklas sieht es genau.

»Na gut, dann ich«, sagt sie. Sie lächelt schon wieder. »Karl ist neu hierher gezogen, in den Ferien. Habt ihr euch noch nicht getroffen, Niklas? Er wohnt bei euch im Ort.«

Niklas schüttelt den Kopf.

»Ist doch schön, könnt ihr zusammen fahren«, sagt Frau Römer und schlägt schon das Klassenbuch auf. »Und auch mal gemeinsam arbeiten. Wenn irgendwas ist, Karl, du kannst immer zu mir kommen.«

Karl nickt nicht zur Antwort. Karl sieht aus, als hätte er nichts gehört, als ginge ihn dies hier nichts an.

»Alles klar«, sagt er.