Nichts ist verloren - Cloé Mehdi - E-Book

Nichts ist verloren E-Book

Cloé Mehdi

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Beschreibung

Les Verrières. In einer verrotteten Vorstadt tauchen plötzlich Parolen an den Wänden auf, auf denen Gerechtigkeit für Said gefordert wird. Er ist als Fünfzehnjähriger ums Leben gekommen. Der elfjährige Mattia Lorozzi versucht dahinterzukommen, was geschehen ist und trifft auf eine Welt voller Hass, Trauer und Lügen. Er hat keinen Vater mehr und lebt mit seinem Vormund Zephyr Palaisot, einem vierundzwanzigjährigen Nachtwächter, und dessen selbstmordgefährdeter Freundin Gabrielle in einer Wohnung. Seine Mutter hat sich seit Wochen nicht mehr gemeldet, die Schwester ist auf Reisen und taucht erst zu Weihnachten wieder auf. Eine Psychiaterin betreut Mattia, um zu verhindern, dass er in ein Heim gesteckt wird. Zwei Männer lauern ihm und seinem Vormund auf. An die Polizei kann er sich nicht wenden. Sie wird nicht sehr geschätzt in Les Verrières, da sie vor fünfzehn Jahren den jungen Said Zahiti erschossen hat und vor Gericht straffrei ausging. Damals kam es zu Unruhen im Viertel. Mattia war zu der Zeit noch nicht geboren. Er findet heraus, dass Saids Tod mit seinem Vater zu tun hat. Es ist nicht auszuschließen, dass jemand die Tat damals rächen wollte. Mattia begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit, in einer Welt voller Ungerechtigkeit und Rache, in der die Erinnerungen den Hass am Leben halten. Cloé Mehdis in Frankreich mit vielen Preisen gewürdigter Roman Noir ist eine Geschichte, in der die Sätze hart wie in Stein gemeißelt und doch voller Poesie sind.

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Seitenzahl: 403

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Cloé Mehdi

Nichts ist verloren

Aus dem Französischen von Cornelia Wend

Herausgegeben von Wolfgang Franßen

Originaltitel: Rien ne se perdCopyright by Clóe Mehdi 2017Published by arrangement with Agence litteraire Astier-PécherALL RIGHTS RESERVED

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2018Aus dem Französischen von Cornelia Wend

© 2018 Polar Verlag eK Stuttgart

www.polar-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Christine Laudahn, Claudia DenkerUmschlaggestaltung: Robert Neth, Britta KuhlmannUmschlagfoto: Coverfoto @ Green/shutterstock.comAutorenfoto: © Editions JigalSatz/Layout: Martina StolzmannGesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesignDruck und Bindung: CPI books GmbH, Leck, Deutschland

ISBN: 978-3-945133-53-8eISBN: 978-3-945133-54-5

Inhalt

Prolog

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Epilog

Zitate

Prolog

So, es ist so weit, ihr habt ihn gefunden. Da ist er.

Er läuft vor sich hin, hat die Hände in den Taschen vergraben, den Blick gesenkt, als spürte er instinktiv die Bedrohung. Er ist hier nicht in Sicherheit, das weiß er. Er hätte nicht erneut seine Füße in diese Stadt setzen sollen. Er hat hier nichts verloren. Weil das feindliches Gebiet ist, weil man nicht vergessen hat, was passiert ist, und Rache will.

Ihr lauft hinter ihm her, Seite an Seite, den Blick auf seinen Nacken geheftet. Ihr habt beide den gleichen Gedanken, aber wollt ihn nicht aussprechen: »Und was tun wir jetzt?« Ihr wisst es nicht. Ihr habt nicht darüber nachgedacht. Ihr habt ihn gefunden, das war’s auch schon.

Er nähert sich dem Portal, durch das man auf die Straße gelangt, und lässt das Krankenhausgelände hinter sich. Ihr wartet ein paar Sekunden und schließt euch dann einer Besuchergruppe an, um ihm zu folgen. Ihr habt eure Kapuzen über den Kopf gezogen, damit man euch später nicht auf den Bildern der Überwachungskamera, die über dem Eingangsbereich angebracht ist, identifizieren kann.

Da ist er, am anderen Ende der Straße. Ihr beschleunigt eure Schritte, um ihn einzuholen. Und jetzt? Irgendwann wird er merken, dass ihr ihm folgt. Ihr seid keine Profis, ihr seid keine Bullen. Er kennt eure Gesichter. Und ihr fragt euch erneut, ob er wohl schlaflose Nächte hat beim Gedanken an euch, beim Gedanken an ihn, an das, was er ihm angetan hat, und was keiner wiedergutgemacht hat.

Macht euch nichts vor: Ihr seid keine Racheengel. Gebt es auf. Ihr habt keine Waffe, niemand nimmt euch in Schutz, ihr habt nichts, ihr seid nichts, und eben darum ist es so weit gekommen. Ich flehe euch an, gebt auf. Das Feuer ist erloschen, so ist es nun einmal. Die Leute haben es vergessen. Niemand wird euch helfen. Niemand wird euch verzeihen.

Fünfzehn Jahre ist es nun schon her. Es ist zu spät. Man hätte sofort etwas tun müssen. Aber ihr wart noch zu jung. Zu wütend. Und die, die etwas hätten tun können, haben es vorgezogen, sich an die Spielregeln zu halten. Wie kann man es ihnen verübeln?

Ihr wisst, dass ihn das nicht wieder lebendig macht. Also, was wollt ihr damit bezwecken? Das Gleichgewicht wieder herstellen?

Dreht um. Wenn ihr euch weigert, das Spiel mitzuspielen, werden sie es euch hundertfach heimzahlen. Sie haben das Recht zu tricksen, aber ihr nicht, keiner hat behauptet, dass das gerecht wäre.

Er verschwindet im Bus, ihr auch.

Die Nacht verschluckt euch.

Erstes Kapitel

Einige Monate früher

Gestern Nachmittag beim Einparken in der Nähe des Krankenhauses fiel es mir ins Auge, ein Graffito in roter Farbe an einer Fabrikmauer, auf der schon zig andere waren. Es zeigte das Gesicht eines Jugendlichen, und darunter stand: »Gerechtigkeit für Saïd.«

Das kam mir komisch vor, klar. Schließlich kannte ich dieses Graffito gut. Als ich klein war, prangte es an sämtlichen Mauern meines Viertels, aber mit der Zeit waren die Umrisse verblasst, und die Erinnerungen auch.

Am nächsten Morgen war die Wand weiß überstrichen. Die anderen Graffiti waren unwichtig, aber dieses hier durfte nicht wieder auftauchen, das konnte man nicht zulassen.

Fast hätte ich Zé darauf angesprochen, als wir daran vorbeigingen. Ich fing seinen finsteren Blick auf. Da schwieg ich lieber.

Wir waren auf dem Weg zu Gabrielle, nichts anderes zählte für ihn, schon gar nicht das Gesicht eines Jungen, der seit fünfzehn Jahren tot war.

Ein Krankenhausbett.

Gabrielles Gesicht ist blass, in ihrer Armbeuge steckt eine Nadel, ihre Handgelenke sind bandagiert. Sie atmet langsam und tief. Die Fensterläden sind halb geschlossen, ein düsterer Mittwoch im Oktober. Draußen ist es kalt. Das Krankenhaus ist gut geheizt.

Sie hat die Augen weit geöffnet, starrt seit Tagen an die Decke.

Zé sitzt am Bettende, hat ein Buch in der Hand, die Méditations poétiques von Lamartine. Sie sagen beide nichts. Sie sehen sich nicht an. Ihre Gesichter sind ausdruckslos, eine einzige große Leere. Daher auch die Bandagen, die Infusion und das Krankenhaus.

Eine Krankenschwester betritt das Zimmer, um die vierzig, Falten um die Augen, eine kleine Narbe am Hals. Sie beachtet Zé nicht weiter, sie ist es schon gewohnt, dass er hier über ein Buch gebeugt sitzt. Sie geht direkt auf das Bett zu, begrüßt Gabrielle mit einem »Hallo«, das etwas schroff klingt. Sie ist müde. Das merkt man. Weder der Mann noch die Frau sehen sie an. Sie entfernt die Nadel, hat eine sterile Kompresse in der Hand, die drückt sie auf die winzige Einstichstelle in der Armbeuge, befestigt sie mit einem Heftpflaster. Sie schickt sich an, das Zimmer zu verlassen, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Sie macht ihre Arbeit nicht schlecht, das nicht. Das tiefe Schweigen, das im Raum herrscht, ist nun mal ansteckend.

Aber in dem Moment sieht sie mich und zuckt zusammen.

»Was ist …«

Diese Worte reißen Zé aus seiner Lektüre heraus. Er wendet sich zu ihr um, dann zu mir, als hätte er vergessen, dass ich da bin.

»Was ist das für ein Kind?«

»Unwichtig«, antwortet er (vielen Dank auch). »Das ist nur mein Mündel.«

»Ihr Mündel?«

Sie blickt von einem zum anderen und fragt sich, wie wir altersmäßig zusammenpassen.

»Auf dieser Station sind Kinder unter fünfzehn Jahren nicht zugelassen, Monsieur.«

»Okay, bezahlen Sie mir einen Babysitter? Ich kann mir das nämlich nicht leisten. Seien Sie so nett und lassen uns in Ruhe. Das ist hier eine rein familiäre Angelegenheit.«

Sie mustert ihn. Ich sehe, wie sie wütend wird. Im Laufe der Jahre haben sich viele solcher Momente der Wut angehäuft, Jahre, in denen sie immer darum bemüht war, ihrem Berufsethos und ihrem Bestreben nach Menschlichkeit treu zu bleiben, trotz ihrer Verbitterung und ihrer schwierigen Arbeitsbedingungen. Jede neue Demütigung ruft ihr vermutlich all die anderen Demütigungen in Erinnerung. Zé hat sich bereits wieder abgewandt und ist erneut in die Lektüre der Méditations vertieft. Zé kann ein richtiges Arschloch sein, wenn er will. Er liest noch nicht mal. Lamartine kennt er auswendig.

Die Krankenschwester lässt die Schultern sinken. Sie rastet an einem anderen Tag aus. Das wird nicht mehr lange dauern, denke ich. Vielleicht beleidigt sie dann einfach nur einen Patienten. Oder sie erhöht die tägliche Kalisalz-Dosis, die sie einem anderen Patienten injiziert. Schon ein paar Gramm mehr können tödlich sein, und anschließend kann man es als bloßen Dosierfehler hinstellen. Oder sie kommt eines Morgens mit einer Pumpgun ins Krankenhaus. Zé sagt, ich hätte zu viel Fantasie.

»Sie können ruhig etwas freundlicher sein, Monsieur. Ich verstehe, dass Sie nervös sind, aber das müssen Sie nicht am Personal auslassen.«

Sie verlässt den Raum, ohne eine Antwort abzuwarten. Sie hätte sowieso keine bekommen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Zé sie überhaupt gehört hat. Und wenn doch, ist es ihm scheißegal. Es ist ihm so ungefähr alles scheißegal, außer ein paar Dichtern, aber nur ganz bestimmten. Und natürlich Gabrielle.

Ihre Handgelenke sind verbunden. Man kann die mit Betadine getränkten Stiche nicht sehen, und auch nicht, wie groß die Wunden waren, bevor sie sie zusammengenäht haben. Das Krankenhaus ist sauber, hygienisch. Die Verbände auch. Nicht so wie die Rückbank vom Auto, auf der Zé und ich sie gefunden haben, mit leerem Blick, wie ein Fisch, den man aus dem Wasser gezogen hat.

Sie starrt an die Decke. Das tut sie schon die ganze Zeit, seit wir da sind.

Ich beobachte sie beide, sie beachten mich nicht, dann wende ich mich wieder meinem Englischbuch zu. Das Pflegepersonal läuft hin und her, ist immerzu am Laufen. Auch die Patienten laufen hin und her, aber sie haben es weniger eilig. Sie treten vor die Tür, um frische Luft zu schnappen, oder stellen sich vor die Kaffeemaschine. Es ist wie eine Fabrik mit ihren Arbeitern, ihren Maschinen, ihren Vorarbeitern, ihren eigenen Gesetzen.

Gabrielle ist seit einer Woche hier. Ihre Genesung schreitet nur langsam voran. Zé sagt, sie ruhe sich aus.

Die Stille in ihrem Zimmer wird von Tag zu Tag größer.

Zé hat mich auf dem Pausenhof abgeholt. Meine Klassenkameraden sind zur Seite gewichen, als diese große, in sich zusammengesunkene, seltsame Gestalt im übergroßen Regenmantel auftauchte – er sah echt aus wie ein Pädophiler – und die Lehrer stellten sich ihm in den Weg, aber ich sagte: »Das ist mein Vormund.« Keiner wollte mir glauben. Er hatte damit gerechnet und zog das Papier des Familiengerichts hervor, als handele es sich um ein Gottesurteil.

Er sagte:

»Ich brauche dich, du musst bei ihr Wache halten.«

Und ich verstand:

»Ich brauche dich, du musst bei mir Wache halten.«

Das bedeutet, ich gehe seit zwei Tagen nicht zur Schule. Nicht, dass ich da groß etwas versäume …

Am Abend nach dem Einsammeln der Tabletts fordert die Schwesternhelferin Zé auf, das Krankenzimmer zu verlassen. Er sperrt sich der Form halber noch etwas, aber das ist ein bloßes Ablenkungsmanöver. Als es klopft, schlüpfe ich schnell unters Bett. Die Schritte der Schwesternhelferin entfernen sich und ich bleibe allein mit Gabrielle zurück. Das ist besser, als allein mit Zé.

Ich strecke mich unter dem Bett aus. Ich bin müde. Ich soll eigentlich nicht einschlafen, aber das ist vielleicht ein bisschen viel verlangt. Ich bin doch nur ein Kind und brauche Schlaf, und außerdem geht mich das alles nichts an.

Ich falle in einen Halbschlaf trotz des Personals, das auf dem Gang zu laut redet. Gabrielles Stimme löst mich aus meiner Erstarrung.

»Mattia?«

Mattia, das bin ich. Nicht Matt. Auch nicht für enge Freunde, für niemanden.

»Pst!«, sage ich. »Ich darf eigentlich nicht hier sein.«

Sie lacht kurz auf.

»Hat Zé dir gesagt, du sollst dich hier verstecken?«

»Zé ist ein Arschloch.«

»Kommt ganz drauf an.«

Ich schiebe mich auf den Ellbogen aus meinem Versteck heraus. Gabrielle hat sich in ihrem Bett umgedreht. Jetzt starrt sie an die Wand. Ich vermute, sie kann die Decke nicht mehr sehen. Ihre zu Zöpfen geflochtenen Haare liegen neben ihr auf dem Kissen. Sie verdecken zum Teil ihre glänzenden Augen. Ich weiß nicht, ob sie wegen des Fiebers so funkeln oder weil sie Tränen in den Augen hat oder ob es am Mondlicht liegt.

Die Stille, die sich jetzt deplatziert fühlt, zieht sich ins Badezimmer zurück. Ich spüre förmlich, wie sie sich da verkriecht, bereit, beim ersten Anzeichen von Schwäche hervorzuspringen, wie ein Tier, das seiner Beute nachstellt. Ich richte mich auf. Ich suche ihren Blick, aber finde nur einen Halbschatten, der sich hinterlistigerweise in ihre Pupillen schleicht, sodass ich ihr nicht richtig in die Augen sehen kann.

Sie lächelt ins Leere hinein. Schon wagt die Stille einen Schritt aus ihrem Versteck heraus. Ich versuche, sie zu verscheuchen (ein kläglicher Versuch).

»Alles okay?«

»Na klar.«

Die Stille springt hervor und erdrückt uns mit ihrer ganzen, ungeahnten Wucht. Meine Schultern geben unter ihrem Gewicht nach. Ich schiebe mich wieder unters Bett, aber kann erst im Morgengrauen einschlafen.

Ich denke an Saïd. Er ist gestorben, bevor ich auf die Welt kam. Ich frage mich, wer sich noch die Mühe macht, Gerechtigkeit einzufordern, nachdem die Justiz ihr Urteil bereits vor langer Zeit gefällt hat.

Aber ich höre Gabrielle leise atmen und versuche, mich auf den Augenblick zu konzentrieren.

Am nächsten Morgen mache ich es so, wie Zé es mir gesagt hat, ich verlasse das Zimmer erst beim Schichtwechsel. Das Team wird in dieser Zeit nur ungern gestört. Die Tür zum Besprechungsraum ist geschlossen und ich bin so klein, dass man mich durch die Scheibe nicht sehen kann. Ich kann in aller Seelenruhe über den Flur laufen. Zwar begegne ich einigen Patienten, die mir neugierige Blicke zuwerfen und überrascht sind, in der Psychiatrie auf ein unbegleitetes Kind zu stoßen, aber die Leute sind zu sehr mit ihren eigenen Leiden beschäftigt, als dass sie in der Stimmung wären, sich weitere Fragen zu stellen. Es gibt keinen besseren Ort als ein Krankenhaus, um unbemerkt zu bleiben.

Ich hole mir am Automaten eine heiße Schokolade und gehe in die Cafeteria, dort warte ich auf Zé. Wenn die Krankenschwestern Schichtwechsel haben, kommt er von der Arbeit. Er ist Nachtwächter in einem großen Supermarkt. Er sagt, die Arbeit sei stinklangweilig, aber nun einmal nötig. Er erscheint um Punkt sieben Uhr dreißig. Seine Augen wandern suchend durch den Raum, streifen mich nur flüchtig. Er setzt sich mir gegenüber.

»Wie geht es ihr?«

Er hat eine Thermoskanne Kaffee dabei und bietet mir, ohne nachzudenken, etwas davon an. Ich schüttele den Kopf.

»Ich weiß es nicht. Sie hat kaum mit mir gesprochen.«

»Was hat sie gesagt?«

»Ich habe Hunger.«

Der Geizkragen hat mir nur Geld für ein Getränk gegeben. Manchmal vergisst er, dass ich auch etwas essen muss. Er kauft mir zwei Croissants und eine Rosinenschnecke. Ungewohnt großzügig für ihn. Vermutlich ist ihm bewusst, dass ich wegen ihm eine ziemlich üble Nacht verbracht habe.

»Was hat sie denn nun gesagt?«, wiederholt er, nachdem ich aufgegessen habe.

»Nichts. Sie wollte nur wissen, ob du gesagt hast, ich solle mich hier verstecken. Daraufhin habe ich gesagt, du seist ein Arschloch. Da hat sie gesagt, ›kommt drauf an‹.«

Er lächelt. Man könnte meinen, das ist das schönste Kompliment, das er je bekommen hat. Er klopft meinen Jackenkragen ab, der voller Croissant-Krümel ist. Ich habe sie extra dagelassen, um zu prüfen, ob ihm das auffällt. Seitdem ich ihm nützlich sein kann, ist sein Interesse an mir deutlich gestiegen. Gabrielle müsste sich öfter mal das Leben nehmen.

»Ich gehe zu ihr«, sagt er. »Willst du zurück in die Schule?«

»Ach …«

Ich möchte zurück in die Wohnung, aber er bietet mir nicht an, mich hinzubringen. Er braucht meine Anwesenheit noch, um die Stille zu übertünchen. Das nervt mich. Ich sage nichts und folge ihm in den dritten Stock. Da liegt sie, ihre Haut ist durchscheinend, sie schläft. Sie ist kaum von der Bettwäsche zu unterscheiden, nur dass die eine kleine braune Borte hat. Zé betrachtet sie mit diesem zärtlichen Blick, mit dem er mich nie ansieht.

Ich wende mich ab, schlucke meine Bitterkeit herunter.

Ich schlage mein Englischbuch auf, das hellt meine Stimmung auch nicht gerade auf. Und Zé kann sich noch so sehr in seinen Lamartine vertiefen, er kann trotzdem nicht eine Minute vergessen, dass die einzige Person auf dieser Welt, die er liebt, sich letzte Woche die Pulsadern aufgeschnitten hat. Er hat abgenommen. Er isst nichts mehr, seit sie weg ist. Liebe gehört verboten.

Und Schule auch.

Nach einer Woche fasst Zé sich auf einmal wieder und besinnt sich auf seine Rolle als gesetzlich bestellter Vormund. Ebenso plötzlich, wie er mich von der Schule genommen hat, verdonnert er mich dazu, wieder zur Schule zu gehen. Ich sitze auf dem Beifahrersitz, im Spiegel sehe ich die Rückbank. Ich muss daran denken, wie sie aussah, als sie voller Blut war. Ich war die halbe Nacht damit beschäftigt, sie sauberzumachen. Zé stand unter Schock, er starrte die ganze Zeit nur auf die gegenüberliegende Mauer, so wie Gabrielle im Krankenhaus an die Wand. Ihr Selbstmordversuch hat keine Spuren hinterlassen. Zumindest nicht im Auto.

Auf dem Weg zur Schule schweigen wir. Ich habe keine Lust, da wieder hinzugehen.

»Ich will da nicht hin.«

Ich berühre Zé an der Schulter.

»Ich will da nicht hin!«

»Nun spiel nicht das kleine Kind.«

»Bestimmt fragen mich alle, warum ich geschwänzt habe.«

»Denk dir was aus.«

»Die Wahrheit darf ich nicht sagen?«

»Wenn du möchtest, aber dann denken deine Schulkameraden noch, dass du Unglück bringst.«

Wieder Stille. Diese Stille ist ein echtes Ungetüm, hat einen Pferdefuß, keine Zunge, keine Zähne, keinen Rachen, aber einen Mund und damit lacht sie uns aus.

Zé wird jetzt erst klar, was er da gerade gesagt hat. Mir auch.

»Hurensohn«, murmele ich.

Er parkt vor der Schule. Seine Finger, zwischen denen eine Zigarette steckt, zittern.

»Tut mir leid, du kannst heute bei mir bleiben, wenn du möch…«

»Ich gehe lieber zur Schule«, sage ich und schlage die Autotür zu.

Und er weiß, wie sehr ich die Schule hasse.

Alle Schüler sind in die Lehrerin verliebt, außer mir. Sie finden sie schön. Sie ist achtundzwanzig, trägt eine Menge brasilianischer Armreifen (und keine Verbände) an den Armen, hat kurze Haare und Sommersprossen und heißt Madame Sivrieux. Zu Beginn des Schuljahres mochte sie mich gern. Sie nannte mich ihr »kleines Wunderkind«. Nicht weil ich gute Noten hatte, sondern weil ich nie etwas sagte, woraus sie seltsamerweise schloss, dass ich ihrem Unterricht lauschte, und weil ich eine schnelle Auffassungsgabe habe und den anderen wenn nötig auf die Sprünge half. Ich wollte einfach nur, dass sie mich sympathisch findet und in Ruhe lässt.

Dann kamen die ersten Klassenarbeiten. Madame Sivrieux wurde klar, dass ich doch nicht das kleine Genie war, für das sie mich gehalten hatte. Da verlor sie schnell das Interesse an mir und wandte sich den echten Intelligenten zu, den Fleißigen. Umso besser. Es gefiel mir eh nicht, als Primus zu gelten. Ich hatte meinen Platz traditionell immer am Fenster.

Wir gehen in Zweierreihen auf den überdachten Pausenhof. Es regnet. Da merke ich, dass ich meine Schultasche vergessen habe, im selben Moment fällt es den anderen auch auf. Sie zeigen mit dem Finger auf mich. Madame Sivrieux kommt auf mich zu, sie wirkt eher beunruhigt als streng.

»Wo warst du denn, Mattia? Du hast eine ganze Woche unentschuldigt gefehlt, wir haben uns Sorgen gemacht.«

Das war ja klar, dass er vergessen hat, mich abzumelden. Konnte ich es ihm verübeln? Ich zucke mit den Schultern, gebe mich zerknirscht.

»Ich war im Krankenhaus.«

»Warst du krank?«

»Ich nicht, die Freundin meines Vormunds.«

Ich kann ihrem Blick entnehmen, dass eine so entfernte Verwandtschaft kein so langes Fernbleiben rechtfertigt. Okay. Ich hätte gerne darauf verzichtet, aber da sie es nun einmal nicht anders wollte:

»Sie hat sich die Pulsadern aufgeschnitten. Mein Vormund brauchte mich.«

Ihr Lächeln gefriert. Ich ordne mich schnell wieder in die Reihe ein, ohne ihre Reaktion abzuwarten. Soll Zé doch zusehen, wie er das erklärt. Es ist schließlich nicht meine Schuld, wenn ich lauter Sozialfälle zu Hause habe.

Sechzehn Uhr dreißig. Zé soll mich eigentlich abholen, aber er kommt nie ganz pünktlich. Ich bin nicht sauer, ausnahmsweise hat er eine gute Entschuldigung. Vermutlich hat er den ganzen Tag an Gabrielles Bett gesessen und sie haben sich angeschwiegen.

Ich stelle mich an die Ecke und sehe mir die Matheaufgaben an, damit ich abends Zeit für meine Zeichentrickfilme habe. Wegen dieser Krankenhaussache habe ich eine Woche lang nicht ferngesehen.

Und da sehe ich sie auf einmal.

Zwei Männer, der eine um die vierzig, der andere etwas älter. Sie tragen Turnschuhe mit ordentlich gebundenen Schnürsenkeln, der eine hat einen Wildlederblouson an, der andere eine khakifarbene Jacke, sie stehen unter dem Vordach der Post, auf der anderen Straßenseite.

Sie reden miteinander und werfen mir verstohlene Blicke zu.

Ich habe keine Angst. Pädophile treten selten als Paar auf, und Kidnapper haben es nur auf Kinder reicher Eltern abgesehen (und auf Kinder, deren Abwesenheit auch bemerkt wird, davon kann man bei mir nicht unbedingt ausgehen, denn Zé hat offenbar vergessen, dass ich überhaupt existiere, dieser Bastard!).

Ich langweile mich, bald beginnt meine Lieblingsserie. Ich schaue auf die Uhr und bin kurz davor, zu Fuß nach Hause zu gehen. Da beschließt der Typ im Wildlederblouson, die Straße zu überqueren. Er kommt lächelnd auf mich zu.

»Hallo«, sagt er.

»Hallo.«

»Heißt du Mattia Lorozzi?«

»Warum?«

Er lächelt ohne erkennbaren Grund und streckt mir seine Hand entgegen, die ich nicht ergreife, da lässt er sie wieder in der Tasche verschwinden. Sein Lächeln behält er jedoch bei.

»Ich bin ein Freund von Zé. Du lebst doch bei ihm, oder?«

Ich antworte nicht.

»Ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen, ich würde den Kontakt gerne erneuern. Ich hatte gehofft, er holt dich von der Schule ab. Ich wollte ihn überraschen.«

»Woher wissen Sie, dass er mein Vormund ist?«

»Ich habe die Geschichte verfolgt …«

Der andere Typ tut so, als würde er interessiert den Verkehr beobachten, dabei mustert er uns mehr oder weniger unverhohlen.

Ich glaube, das ist eine Lüge. Es passt nicht zu Zé, Freunde zu haben.

»Und der Typ dahinten ist Ihr Bodyguard?«

Sein Lächeln erstirbt. Ist mir auch lieber so. Er beugt sich zu mir herunter, ich blicke misstrauisch zu ihm hoch.

»Ganz schön forsch für einen Sechsjährigen.«

»Ich bin elf.«

»Ich möchte nur mit einem alten Freund in Kontakt treten. Warum bist du so misstrauisch? Hat man dir verboten, mit Fremden zu reden?«

»Genau so ist es«, sage ich und gehe los.

Aber er holt mich ein und läuft neben mir her.

»Weißt du denn auch, dass dein Vormund ein Mörder ist?«

Ich bleibe stehen. Er auch. Ich lächele. Er nicht. Sein Kumpel ist uns nicht gefolgt. Er steht immer noch vor der Post, die Hände in den Taschen, und blickt in eine andere Richtung, als hätte er mittlerweile kapiert, wie misstrauisch ich bin.

»Ja«, antworte ich.

»Mit so einem lebst du zusammen, aber hast Angst vor den Leuten auf der Straße?«

»Ich habe keine Angst, Sie gehen mir einfach nur auf die Nerven, das ist alles.«

Ich mache kehrt und gehe in Richtung Krankenhaus. Dieses Mal versucht er nicht, mich einzuholen. Ich sehe sein Spiegelbild im Schaufenster eines Ladens. Er rührt sich nicht von der Stelle, steht mitten auf der Straße und blickt mir nach, wie ich mich mit finsterer Miene entferne. Er dreht sich erst um, als ich aus seinem Gesichtsfeld verschwunden bin.

Kurzum: entweder ein Bulle oder ein Gangster.

Zé ist nicht im Krankenhaus. Eine Krankenschwester sagt mir, er sei gerade gegangen. Dann ist ihm wohl endlich wieder eingefallen, dass es mich auch noch gibt. Er hat kein Handy, also warte ich brav in einer Ecke am Fenster. Gabrielle reagiert nicht auf meine Versuche, ein Gespräch anzufangen. Zé lässt auf sich warten, gegen achtzehn Uhr kommt er ins Zimmer gefegt. Man sieht ihm an, wie erleichtert er ist, mich zu sehen.

»Bist du alleine gegangen?«

»Was blieb mir anderes übrig, du kamst ja nicht.«

»Ich komme immer zu spät.«

»So ein paar Typen suchen dich.«

Ich weiß nicht, ob ich vor Gabrielle darüber reden soll, aber schließlich bin ich das Kind, nicht sie. Und nur weil sie sich weigert zu sprechen, heißt das ja nicht, dass wir sie aus unserer Unterhaltung ausschließen müssen.

»Wer denn?«, fragt er ziemlich ruhig, während er seine Jacke auszieht.

»Bullen oder Gangster. Sie haben mich vor der Schule abgepasst. Sie wollten wissen, ob ich bei dir lebe.«

Er schüttelt den Kopf und deutet auf Gabrielle, die nicht reagiert.

»Bitte nur ein Problem auf einmal.«

Ich kann mir nur schwer ein hämisches Grinsen verkneifen. Wenn das eine allgemeingültige Regel wäre, dann würde ich jetzt noch bei meiner echten Familie leben.

Zweites Kapitel

Im Alter von fünf Jahren fragte ich mich, warum das Leben so dermaßen ungerecht war.

Im Alter von sieben Jahren sagte ich mir, dass es, wenn es gerecht wäre, seinen Sinn verloren hätte, denn dann könnte man ja nicht mehr darauf hoffen, dass es eines Tages besser würde.

Im Alter von acht Jahren suchte ich verzweifelt nach einem Mittel, das Unrecht zu beheben, aber ich fand keins, weil die meisten Ungerechtigkeiten nicht mehr rückgängig zu machen sind, und eben darum sind sie so schwer zu ertragen.

Im Alter von neun Jahren beschloss ich, mir keine Fragen mehr zu stellen.

Das mit Zé und Gabrielle ist eine komische Geschichte. Eine Liebesgeschichte, meint er. Sie ist sich da nicht so sicher. Sie spricht nie darüber. Sie hat nicht das Bedürfnis, die Dinge beim Namen zu nennen. Sie schaut sie sich an und denkt sich ihren Teil. Sie hat nie viele Worte gemacht, im Gegensatz zu Zé. Er redet manchmal auch nur um zu reden, oder er rezitiert Baudelaire, was aufs Gleiche hinausläuft. Insofern ergänzen sie sich.

Ich beobachte sie gern. Das lenkt mich ab. Es hindert mich daran, an Sachen zu denken, die mir Angst machen. Besser man konzentriert sich auf die schönen Dinge, selbst wenn sie so sparsam verteilt werden, dass es an Geiz grenzt.

Ich habe nun seit vier Jahren mit ihnen zu tun. Zumindest mit Zé. Mit Gabrielle so um die zwei Jahre. Ich sehe sie selten allein. Meine Therapeutin sagt, das nenne man eine symbiotische Beziehung. Und sie sagt auch, das berge Gefahren. Sicher. Aber es ist zu spät. Es ist nun mal passiert, man kann es nicht mehr ändern. Sie sind sich begegnet und haben sich ineinander verliebt, wie in einem dieser Chansons. Ich möchte denjenigen sehen, der sie jetzt noch auseinanderbringt.

Ich habe es versucht, ohne Erfolg.

Man sollte es mir nicht verübeln. Ich bin besitzergreifend, das stimmt. Ich wollte Zé für mich allein haben, als großen Bruder, meine ich, oder als Vater oder als Freund. Macht das einen großen Unterschied? Nach all der Scheiße, die in meiner Familie passiert ist, hoffte ich, bei ihm würde alles Unrecht von allein wiedergutgemacht werden, dumm, wie ich war. Damals glaubte ich noch, es gäbe so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit, aber ich schweife ab.

Zé und Gabrielle. Und ein schwarzer Schatten, der zwischen ihnen steht, sonst gäbe es ja keine Geschichte. Sie lieben sich wie verrückt und sind doch beide unglücklich.

Ich habe keine Ahnung, wer da versucht, wen zu retten, und wie lange sie hoffen, das gemeinsam überleben zu können, noch bin ich mir sicher, ob sie es wirklich wollen.

Meine Therapeutin meint, ich sollte mich etwas weniger für die anderen interessieren, und etwas mehr für mich selbst.

Einen Tag nachdem ich das erste Mal wieder in der Schule war, empfängt uns spät nachmittags Dr. Kadouri (der Name steht auf seinem Kittel) in seinem Büro. Er deutet mit dem Kinn auf mich.

»Mir wäre lieber, wir würden dieses Gespräch ohne Ihren Sohn führen.«

»Das ist nicht mein Sohn«, sagt Zé, als wäre das Problem damit behoben.

Der Arzt verzieht missbilligend das Gesicht, aber sagt nichts weiter. Er ist noch jung, maximal dreißig. Er sieht aus, als hätte er gerade erst seinen Facharzt gemacht, aber das spielt auch keine Rolle, selbst wenn er Professor in Oxford wäre, würde Zé ihm nicht mehr Vertrauen entgegenbringen. Er hat einen Tintenfleck auf der linken Brusttasche, ein kleines Notizbuch und ein Stethoskop um den Hals, damit man ihn bloß nicht mit dem Pöbel verwechselt, dem Pflegepersonal.

Tag zehn nach Gabrielles gescheitertem Selbstmordversuch. Ein anonymer Büroraum in einem Krankenhaus, nur wenige Türen von ihrem Zimmer entfernt, der Arzt, Zé und ich. Ich bin bei solchen Gesprächen grundsätzlich unsichtbar, es sei denn, man spricht über wirklich ernste Dinge. Ich habe keine Ahnung, wie ich es anstelle, dass man mich so leicht vergisst. Es wäre toll, wenn ich das absichtlich tun und mal eben zum Geist werden könnte. Manchmal frage ich mich schon, ob ich überhaupt lebe.

Draußen regnet es Bindfäden. Gabrielle wird nicht wieder gesund, aber ihre Wunden vernarben, in ihrem Tempo, also langsam.

Ein Wort reißt mich aus meinen Gedanken heraus.

»Charcot?«, sagt Zé tonlos.

Das kenne ich, das ist die psychiatrische Klinik vor den Toren der Stadt. Zé wirft mir einen angespannten Blick zu. Schön, dass er sich an mich erinnert und an die Geschichte, die ich erlebt habe, bevor er mich zu sich genommen hat. Er kennt es auch, er war als Jugendlicher für eine Weile dort untergebracht, in seiner »irren Phase«. Dort hat er meinen Vater kennengelernt, sie haben sich ein Zimmer geteilt, bis mein Vater sich erhängt hat.

Ja, was Sozialfälle angeht, ist unsere Familie ganz schön vorbelastet. Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, meine Therapeutin sagt das (sie sagt nicht »Sozialfälle«, aber ich habe diesen Ausdruck schon mal gehört). »Verstehen Sie«, fährt der Arzt fort, dem unser kurzer Blickwechsel entgangen ist, »Ihre Lebensgefährtin hat einen Selbstmordversuch gemacht.«

»Ach nein!«

»Sie ist außer Lebensgefahr, hat das körperlich unversehrt überstanden, aber sie spricht nicht, mit niemandem, noch nicht mal mit Ihnen, wie ich höre. Ich habe Sorge, sie könnte es erneut versuchen, wenn wir sie ohne weitere Behandlung entlassen.«

»Ich bin da, ich kümmere mich um sie.«

»Die Frage ist nur, reicht das? Sie waren schließlich auch da, bevor sie … Ich meine, das hat sie nicht daran gehindert, zur Tat zu schreiten.«

Stille. Der Arzt schweigt, Zé schweigt. Ich schweige auch. Ich sehe aus dem Fenster. Über dem Gebäude schweben drei Kräne. Auf den Metallstreben hat sich ein Vogelschwarm niedergelassen. Sie fliegen alle gleichzeitig los. Eine Milliarde Federn bedecken den Himmel, das sieht schön aus, aber ich bin der Einzige, der es bemerkt. »Sie hat immer mal solche Phasen«, sagt Zé schließlich, um irgendwas zu sagen. »Sie kennen das doch sicher, jeder kennt das, einen Tag ist man guter Dinge, am nächsten möchte man sterben.«

»Das war nicht ihr erster Selbstmordversuch.«

»Wenn man alle Leute einsperren wollte, die sterben wollen …«

»Wir wollen niemanden einsperren, es geht darum, jemandem neuen Lebensmut zu geben.«

»Sie war schon mal in dieser Klinik. Das hat ihr nicht wirklich geholfen. Und was tun Sie, wenn sie sich nicht davon überzeugen lässt, dass es sich lohnt zu leben?«

Der Arzt schweigt und gesteht damit indirekt seine Ohnmacht ein (seine Ohnmacht und die seiner gesamten Zunft, und ja, auch wir sind ohnmächtig).

»Sie geht da nicht hin«, sagt Zé.

»Tut mir leid, aber Sie können sich dem nicht widersetzen.«

Man kann nicht behaupten, dass der Arzt sich besonders ins Zeug legen würde. Er kennt die Leute eben. Dieser Nachtwächter wirkt extrem unnachgiebig. Jeder Versuch, diesen Typ zum Einlenken zu bewegen, ist eh zum Scheitern verurteilt.

»Was soll das heißen?«, schreit Zé. »Wollen Sie das etwa gegen ihren Willen tun? Mit welcher Begründung?«

»Wegen der Schnitte an ihren Handgelenken, Monsieur. Zehn Minuten später wäre sie verblutet. Sind Sie bereit, dieses Risiko zu tragen?«

»Keine Psychiatrie, das kommt überhaupt nicht infrage.«

»Um ihr zu helfen.«

»Sie kennen sie nicht. Sie hat doch kein Wort mit Ihnen gesprochen. Aber ich lebe mit ihr zusammen. Ich liebe sie«, fügt er hilflos hinzu, als wäre es nötig, das extra zu betonen. »Sie geht nicht nach Charcot. Das ist ein verdammtes Sterbeheim.«

Der Arzt beschließt die Verlegung aufzuschieben.

»… damit Sie noch ein paar Tage Zeit haben, darüber nachzudenken.«

Zé braucht keine paar Tage Zeit, bereits am nächsten Tag handelt er. Er ist schließlich nicht mehr grün hinter den Ohren. Er weiß, dass es dem Arzt völlig egal ist, was er denkt. Am Nachmittag also, als Schichtwechsel ist, die Krankenschwestern und Schwesterhelferinnen sich in den Besprechungsraum zurückziehen und ich den Flur überwache, obwohl ich das eigentlich gar nicht will, spricht Zé mit Gabrielle.

Ich stehe im Türrahmen, höre mit einem Ohr aufmerksam zu und lausche mit dem anderen auf die Geräusche außerhalb des Zimmers. Ich höre zu, aber verstehe nichts. Er murmelt etwas, sie richtet ihre braunen Augen auf ihn, ihre Gesichtszüge sind angespannt, so sehr muss sie sich konzentrieren. Zés Nase ist in ihren Haaren verschwunden.

Sie sagt kein einziges Wort. Aber am Ende nickt sie dann. Sie stützt sich auf Zés Schulter und versucht, dabei nicht gegen ihre Bandagen zu kommen. Ich gehe zu ihnen, um ihr meinen Arm anzubieten, aber er hält mich zurück.

»Sag uns, ob wir freie Bahn haben.«

Ja, Chef. Ich gehorche. Das Pflegepersonal ist noch immer mit der Übergabe beschäftigt, aber Zé und Gabrielle sind zu groß, um ungesehen vorbeizugehen, so wie ich. Also improvisiere ich. Ich gehe mit kräftigen Schritten durch den Flur und klopfe an die Tür. Ich klopfe so lange, bis ich ein deutliches »Ja« von innen höre, das ziemlich entnervt klingt. Ich trete ein. Die beiden Krankenschwestern und drei Schwesternhelferinnen sehen so aus, als wollten sie demjenigen, der die Unverfrorenheit besitzt, sie während ihrer Pause zu stören, gleich ins Gesicht springen.

Doch im nächsten Moment schmelzen sie dahin.

»Hallo, Mattia.«

Natürlich kennen sie mich inzwischen. Ich bin so eine Art Maskottchen der Station. Es hat schon manchmal was für sich, nur ein Kind zu sein, selbst ein unsichtbares Kind. Ich setze meinen schönsten Dackelblick auf. »Wann kann meine Mama das Krankenhaus verlassen?«

Ich meine Gabrielle. Sie ist nicht meine Mama und ich habe sie noch nie so genannt, aber das wirkt immer. Und schon schießen mir die Tränen in die Augen unter den peinlich berührten Blicken der Schwestern, die in sich nach einem lange verdrängten und dabei doch so übermächtigen Gefühl suchen: Mitleid. Sie umringen mich, wollen mich trösten, und achten nicht mehr auf das Geschehen im Flur. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie zwei eingehakte Gestalten an der Scheibe vorbeischleichen.

An den Tag der Beerdigung kann ich mich noch sehr gut erinnern.

Es war der zweite Januar, ein Donnerstag, ich war fünf Jahre alt. Mama wandte sich zu mir um und sagte:

»Schließ bloß nie jemanden in dein Herz, früher oder später lassen dich alle im Stich.«

Sie hatte recht. Gemeinhin sagt man so etwas nicht zu Kindern, aber ich rechne es Mama hoch an, dass sie mir nicht, wie die anderen Erwachsenen, lauter Blödsinn erzählt hat, unter der fadenscheinigen Begründung, man sei zu klein, um gewisse Dinge zu verstehen.

Mit unsicheren Schritten ging sie zum Grab, sie drückte meine Hand, ich ihre. Sie drückte etwas zu kräftig, ihre Fingernägel gruben sich schmerzhaft in meine Handflächen. »Da passt du mal eine Sekunde nicht auf, du vertraust jemandem, du liebst ihn und dann passiert so etwas.«

Sie deutete auf das Grab.

Mein Bruder und meine Schwester standen beim Trauerzug ein Stück hinter uns. Ich blickte mit gerunzelter Stirn auf das Grab, für Januar war es ungewöhnlich warm, überall auf dem Friedhof zwitscherten die Vögel. »Da liebst du jemanden und das hast du dann davon!«

Sie stieß diese Worte wie eine üble Beleidigung hervor, so als wollte sie ausspucken. Papa kratzte das vermutlich alles nicht in seinem Grab. Keine Ahnung, ich kannte ihn nicht wirklich. Keiner kannte ihn wirklich.

Sie drückte meine Hand so stark, dass es mir wehtat. Aber ich sagte nichts. An einem schönen Januartag begann ich zu schweigen. Mir fehlten die Worte, ich begriff, wie wenig man mit Sprache ausrichten kann angesichts der Tiefe und Komplexität der Dinge. Wir halten uns für intelligent, weil wir die Fähigkeit besitzen zu sprechen, aber letztendlich wissen wir nie, was wir sagen sollen, wenn etwas richtig Schlimmes passiert.

Sie hat ihm seine Tat im Nachhinein nie zum Vorwurf gemacht. Stattdessen warf sie sich vor, zu sehr geliebt zu haben, und noch dazu jemanden, der sich selbst nicht liebte und nicht mehr in der Lage war, diese Liebe zu erwidern, oder zumindest nicht genug, um daraus den Wunsch abzuleiten, am Leben zu bleiben. »Schließ nie jemanden in dein Herz«, wiederholte sie, »oder behalt zumindest im Kopf, dass du immer allein sein wirst, egal wie viele Leute dich gern haben.«

Mein Bruder stellte sich neben uns.

»Du solltest ihm nicht solche Sachen sagen.«

»Du willst ja wohl nicht behaupten, dass ich falschliege.«

Meine Schwester stand da mit herabhängenden Armen, die Hände zu Fäusten geballt. Ihre Lippe war aufgeplatzt, weil sie ständig darauf herumkaute. Auch sie kam zu uns ans Grab. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine Vorstellung davon, wie es sich anfühlte, wenn man als Familie »zusammenstand«. »Das ist ungerecht«, sagte sie.

Keiner reagierte darauf.

»Ungerecht«, wiederholte sie. »Kann ja sein, dass sie ihn nicht aufgehängt haben, aber getötet haben sie ihn doch.«

Meine Mutter ließ meine Hand los:

»Sei still. Nicht vor dem Kleinen.«

Ein paar Mädchen aus meiner Klasse starren mich in der Kantine unentwegt an, ich tue so, als wäre nichts, dabei macht es mich echt verlegen. Ich bin nicht gerade der typische Mädchenschwarm. Normalerweise schenken sie mir keinerlei Beachtung. Julien, rechts neben mir, stößt mich in die Seite:

»Sag mal, du hast ja Erfolg!«

Ich denke eher, dass sie sich über mich lustig machen, aber ich sage nichts. Schon im ersten Schuljahr habe ich gelernt zu kaschieren, dass noch nicht mal ich mich für mich selbst interessiere. Blöderweise bekommen die anderen das immer ziemlich schnell spitz, und setzen es früher oder später gegen mich ein. Nach dem Essen laufe ich ziellos über den Pausenhof und warte auf das Ende der Pause. Die Mädchen beobachten mich immer noch, aber wenn sie sich für jemanden interessieren oder ihnen jemand gefällt, dann schauen sie anders. Sie tuscheln miteinander und wirken sehr ernst.

Endlich läutet die Glocke. Ich will zum Klassenraum gehen. Da löst sich zu meiner Überraschung eine der Schülerinnen aus der Gruppe und kommt auf mich zu, Camille, die Älteste. Sie tritt von einem Bein aufs andere. Langsam glaube ich ernsthaft, ich habe Erfolg, und frage mich, wie man sich in dieser für mich völlig ungewohnten Situation verhält, aber da ergreift sie das Wort:

»Neulich hat uns in der Pause jemand angesprochen und über dich ausgefragt.«

Da habe ich sogleich wieder das Bild der beiden zwielichtigen Typen vor Augen, die vor der Post standen. Nach Gabrielles Flucht aus dem Krankenhaus hatte ich sie total vergessen, ich habe sie seither nicht wieder gesehen und Zé hat das Thema auch vermieden.

»Was für Typen?«

»Eher älter, so im Alter unserer Eltern. Das war, als du nicht da warst, letzte Woche. Sie wollten wissen, ob wir in deiner Klasse wären. Zuerst wussten wir gar nicht, wen sie meinten, sie nannten dich nämlich »Mattia Younès«.

Younès … das war der Nachname meines Vaters. Ich trage den Namen meiner Mutter. Darauf hatten meine Eltern sich geeinigt, damit meine Schwester und ich später bei der Arbeitssuche nicht benachteiligt würden. »Na ja, Mattia ist ein häufiger Name«, fuhr Camille fort. »Und, was wollten sie wissen?«

»Seit wann du nicht mehr da wärst und ob du wiederkommen würdest. Wir haben gesagt, das wüssten wir nicht.«

»Das war alles? Ihre Namen haben sie nicht gesagt, und was sie von mir wollten?«

»Nein, komisch, oder? Das war wie im Krimi, wenn die Bullen ihre Ermittlungen machen.«

Während wir die Treppe hochgingen, lachte sie komisch.

»Hast du was ausgefressen?«

»Quatsch!«

»Das hätte mich auch gewundert. Du bist immer so dermaßen unauffällig, ich kann mir nicht vorstellen, dass dich die Bullen wegen irgendwas suchen.«

Ich frage sie, wie die beiden ausgesehen haben, um sicherzugehen. Sie erwähnt den Wildlederblouson des einen und die bullige Statur des anderen in der khakifarbenen Jacke. Kein Zweifel, das sind die beiden. Umso besser. Die Vorstellung, eine ganze Horde von Leuten wäre hinter mir oder vielmehr hinter Zé her, würde mir nicht besonders gefallen.

Ich bedanke mich bei ihr und wir setzen uns beide an unseren Tisch.

Das ist so ungefähr das erste Mal seit Beginn des neuen Schuljahres, dass jemand aus meiner Klasse das Wort an mich gerichtet hat.

Nacht.

Wir sind im Supermarkt, weil wir bald den einunddreißigsten Oktober haben, ist alles für Halloween dekoriert, grinsende Masken, Monster, die man aus dem Kino kennt, Kürbisse, Hexen. Ich laufe gern allein durch die leeren Gänge. Ich mag es, Zé zu seiner Arbeit zu begleiten, aber das sage ich nicht, ich tue so, als würde ich ungern mitkommen, dabei bin ich gern mit ihm allein.

Gabrielle ist allein zu Hause geblieben, er kann sie schlecht nötigen, mitzukommen.

Er patrouilliert durch die Gänge. Irgendwo in der Mitte des Ladens steht auf dem Boden ein Radio und dudelt vor sich hin, aber ich kann den Song beim besten Willen nicht erkennen.

Er rezitiert:

Ihr wolltet keinen Ruhm und keine Tränen,

Keinen Orgelklang und keine Totenweihen,

Ihr nahmt eure Waffen zur Hand, mehr nicht,

Kein falscher Glanz lag in euren Augen, Partisanen.

Aragon, Das rote Plakat

Dank ihm bin ich in klassischer, französischer Poesie unschlagbar. Zé flucht grundsätzlich nur in Alexandrinern.

Nachtwächter also. Ein Brotjob. »Wie alle Jobs«, sagt er.

Man sah eure Porträts an allen Mauern,

Mit struppigem Bart, nachtschwarz und bedrohlich,

Ein Plakat, das einem Blutfleck glich,

Eure Namen klangen exotisch und fremd,

Sie sollten Angst und Schrecken wecken,

Doch während der Sperrstunde, wie von Geisterhand,

Wurde darunter geschrieben: »Gestorben für Frankreich.«

Und schon waren die Morgen nicht mehr ganz so grau.

Ich übe derweil Englisch. Eine echte Qual, ich kenne keine andere Sprache, die so hässlich ist. Verstehe, wer mag, wieso ausgerechnet die hässlichste Sprache der Welt wie selbstverständlich alle anderen Sprachen verdrängt hat. Vermutlich kann man daraus irgendeine Lehre fürs Leben ziehen, aber das lasse ich lieber.

Zé hat mir bei den Comics eine extra Ecke eingerichtet, falls ich zwischendurch mal was lesen möchte, statt immer nur über meinen Hausaufgaben zu brüten. Manchmal fordert er mich auf, mich in der Schule anzustrengen, aber da endet seine Bemutterung dann auch schon. Er gehört nicht zu denen, die abends den Schulplaner überprüfen. Wir haben das Zelt mitgebracht, das wir sonst nie benutzen. So kann ich unbehelligt von den Überwachungskameras schlafen.

Ich höre, wie er sich nähert, er rezitiert immer noch. Er kniet sich hin, um in meinen Unterschlupf hineinzuspähen. »Es ist Mitternacht, Mattia.«

»Ja und?«

»Geh schlafen.«

»Ich lerne noch.«

Er lacht.

»Du und lernen? Ich kenne dich. Du hängst deinen Gedanken nach. Dein kleines Gehirn muss sich auch mal ausruhen. Schlaf, Kinder brauchen Schlaf.«

Er redet darüber, als hätte er gerade eine Doku zu dem Thema gesehen. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass er kürzlich noch weniger besorgt um meinen Schlaf war, als ich nachts bei Gabrielle Wache halten sollte. »Zé …«

»Ja?«

»Ein Mädchen aus meiner Klasse hat mir erzählt, dass diese seltsamen Typen in der Schule aufgekreuzt sind, die mich neulich nach dir ausfragen wollten. Das war, als ich nicht da war. Sie wollten wissen, ob ich bald wieder in die Schule käme.«

Ich blicke meinem Vormund forschend ins Gesicht, um zu sehen, ob er mich anlügt, aber er verzieht keine Miene. Nur eine nervös zuckende Ader an der Schläfe zeigt seine Beunruhigung.

»Die wollen nichts von dir, keine Angst. Wer sucht denn schon Ärger mit einem Kind?«

Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass der Ärger einen immer findet, unabhängig davon, wie alt man ist.

»Schlaf jetzt«, sagt er erneut. »Das ist sicher ein Irrtum, das wird ihnen früher oder später auffallen.«

»Gute Nacht«, murmele ich.

»Schlaf gut.«

Seine Stimme klingt warm. Was gäbe ich darum, dass er immer so mit mir redet.

Bei meinem echten Vater ist lange vor meiner Geburt die Sicherung durchgebrannt, das hatte mit seiner Arbeit zu tun (meine Therapeutin nennt das »Rekompensieren«). Er war Sozialarbeiter im Stadtteilzentrum unseres Viertels, Verrières. Da kommt er also mit zwanzig von der Berufsfachschule, freut sich über seinen Abschluss und bewirbt sich ausgerechnet dort, wo niemand hin möchte. Zu dem Zeitpunkt ist er noch voller Optimismus und dämlicherweise davon überzeugt, die Macht zu haben, etwas zu verändern. Er geht auf die Kids zu, es ist viel Enthusiasmus im Spiel, zumindest auf seiner Seite, er verbringt zwölf Stunden am Tag vor Ort, macht sich noch um Mitternacht auf den Weg, um einen Jungen abzuholen, der ihn aus dem Polizeigewahrsam anruft, er kann die ganze Woche nicht schlafen, wenn einer von seinen Jungs in den Knast wandert, kurzum, er macht seinen Job mit Leidenschaft.

Mein Vater hat immer wieder mit dem gleichen Teufelskreis zu tun: Schule, Schulabbruch, Autodiebstahl oder etwas Vergleichbares, Gefängnis, Entlassung aus dem Gefängnis, null Geld, null Kohle, Ärger ohne Ende, erneuter Autodiebstahl oder etwas Vergleichbares, erneut Gefängnis und im Laufe der Jahre immer höhere Strafen.

Und die Sorgenfalten auf der Stirn, mit achtzehn, neunzehn, zwanzig, und die Wut und die Müdigkeit.

Und dann eines Tages der polizeiliche Übergriff.

Er hieß Saïd. Er war fünfzehn Jahre alt, er starb in unmittelbarer Nähe vom Stadtteilzentrum. Nur eine Ausweiskontrolle, die aus dem Ruder läuft, wie so oft. Ein paar Kids kreuzen auf. Eine erste Flasche wird geworfen, zahlreiche andere folgen. Nächtelange Ausschreitungen im grellen Licht der Polizei-Scheinwerfer, im Blitzlichtgewitter der Kameras und im Schein der in Flammen stehenden Barrikaden. Mein Vater mahnt, Ruhe zu bewahren, wie alle Sozialarbeiter. Niemand hört auf sie. Warum auch? Die Flugbahnen verlaufen parallel. Sie kreuzen sich nie. Niemals. Das hat er nicht verstanden. Weder er noch seine Kollegen.

Er handelt im guten Glauben, mein Vater. Er ist überzeugt, wie jeder andere auch, nur das Beste zu wollen. Das ist ja so erbärmlich daran.

Es kommt zu zahlreichen Festnahmen, im Handumdrehen gibt es dreißig Urteile wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und entsprechend viele Jahre Gefängnis.

Die Leute aus dem Viertel fordern Gerechtigkeit. Sie glauben an die Republik. Sie scharen sich um die Familie von Saïd. Sie berufen sich auf die schöne Marianne, die Demokratie und alles, was dazugehört. Sie verlangen, dass der für den Einsatz Verantwortliche verurteilt wird.

Die Krawalle hören schließlich von allein auf, man kann nicht permanent auf hundertachtzig sein, und sei es noch so legitim. Die internen Ermittler der Polizei ermitteln. Der Bulle wird suspendiert. Ein paar Monate vergehen. Dann darf der Bulle wieder arbeiten. Mein Vater lässt sich krankschreiben. Er kann nicht mehr, kann sich nicht länger den anklagenden Blicken dieser Kids stellen, in denen sich seine ganze Ohnmacht widerspiegelt. Er wartet auf die Antwort der Justiz.

Sie erfolgt nach drei Jahren: Freispruch. Der Bulle verlässt unter dem Jubel seiner Kollegen den Gerichtssaal, die übliche Geschichte, aber alle vergessen sie, bis zum nächsten Mal, zum nächsten Brand, zur nächsten Ermittlung, da beißt sich die Schlange in den Schwanz.

Und mein Vater landet in Charcot und kehrt nie mehr von dort zurück.

Da war ich gerade sechs Monate auf der Welt. Es hieß, er habe eine Disposition dafür gehabt. Diese Geschichte sei nur der Auslöser gewesen, der Funken, der das Pulverfass zum Explodieren brachte, ein Pulverfass, das es in gewisser Weise schon immer gegeben habe, und das in ihm drin rumorte. Sie sagten, keine Psychose käme von heute auf morgen. Keine Ahnung. Ich kannte meinen Vater nur mit psychischer Erkrankung, wie sie das nannten.

Ich weiß nur, dass es ihn fünf Jahre lang innerlich aufgefressen hat, bis er sich schließlich in seinem Krankenhauszimmer erhängt hat, und dass der fünfzehnjährige Junge tot bleibt und dass sein Mörder weiter seinen ehrenwerten Beruf ausübt.

Und dass ich mir von all dem nichts kaufen kann.

Ich stand am Fenster, ich zählte die Wolken, ich wartete auf den Regen. Da legte Mama ihr Kinn auf meine Schulter und ich spürte etwas Feuchtes an meinem Hals hinabrinnen, da verstand ich, dass sie weinte. Ich war auf das Schlimmste gefasst, und das Schlimmste konnte nicht bis in mein Inneres vordringen, da ich schon eine undurchdringliche Trennwand aufgebaut hatte, die uns voneinander trennte, die mich und die anderen voneinander trennte, die mich und die Welt voneinander trennte.

Der Abwehrmechanismus hatte zu gut funktioniert.

Drittes Kapitel

Ich warf Steine in den Tümpel und zählte, wie oft sie sprangen.

Ich war Realist. Ich setzte die Messlatte ziemlich hoch an.

Bei fünf würde Papa wieder gesund werden.

Bei sechs würde er an meinem Geburtstag wieder zu Hause sein.

Bei acht würde er nie wieder krank werden.

Etwas später machte ich daraus: Bei fünf ist er zumindest nicht tot.

Ich kam nie über drei hinaus. Vielleicht wollte ich in meinem tiefsten Inneren gar nicht, dass er zurückkam. Vielleicht war es meine Schuld, dass er nicht zurückgekommen ist, meine Schuld, dass er sich aufgehängt hat.

Sie, mit durchscheinender Haut wie immer, mit ihren langen geflochtenen Zöpfen, die beim Gehen im Takt auf ihren Nacken treffen.

Er, mit seinem dunkleren Teint, der an ihrem Arm hängt und an ihrem Leben.

Drei Wochen waren seit ihrem Selbstmordversuch vergangen, und Gabrielle war immer noch am Leben. Sie hat sich heute herausgeputzt, und zum ersten Mal, seitdem sie das Krankenhaus verlassen hat, geduscht. Zé hat sich sogar parfümiert. Er stinkt hundert Meter gegen den Wind nach Eau de Cologne, aber keiner sagt es ihm. Er hat ein frisches Hemd und eine frische Hose aus dem Schrank geholt. Sie trägt Sachen, die farblich aufeinander abgestimmt sind.