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Ein Terrorakt – hautnah miterlebt aus Sicht der Opfer: berührend, beklemmend und trotz allem hoffnungsvoll! Eine Festivalwiese am Abend. Das Gelände ist voller Menschen, auf der Bühne stimmt die Hauptband ihren letzten Song an. Plötzlich fällt ein Schuss. Oder war es ein Feuerwerk? Dann noch ein Schuss. Menschen stürzen zu Boden, Verwirrung macht sich breit. Panik. Todesangst. Durch die Augen von fünf Jugendlichen erleben wir im Rückblick mit, wie der Terroranschlag seinen schrecklichen Lauf nimmt. Ungläubig, angsterfüllt, auf Hilfe hoffend, so taumeln sie durch eine endlose Nacht, bezeugen Gesten des Muts und der Verzweiflung. Die fünf überleben, ja. Aber eins ist klar: Nichts wird wie vorher sein. Eine Geschichte, die man nicht so schnell vergisst - spannend wie ein Thriller, intensiv wie ein Kammerspiel, aufwühlend wie ein Tagebuch
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Sera Milano
Nichts wird wie vorher sein
Aus dem Englischen von Birgit Schmitz
Ein Terrorakt – hautnah miterlebt aus Sicht der Opfer: berührend, beklemmend und trotz allem hoffnungsvoll.
Eine Festivalwiese am Abend. Das Gelände ist voller Menschen, auf der Bühne stimmt die Hauptband ihren letzten Song an. Plötzlich fällt ein Schuss. Oder war es ein Feuerwerk? Dann noch ein Schuss. Menschen stürzen zu Boden, Verwirrung macht sich breit. Panik. Todesangst. Durch die Augen von fünf Jugendlichen erleben wir im Rückblick mit, wie der Terroranschlag seinen schrecklichen Lauf nimmt. Ungläubig, angsterfüllt, auf Hilfe hoffend, so taumeln sie durch eine endlose Nacht, bezeugen Gesten des Muts und der Verzweiflung. Die fünf überleben, ja. Aber eins ist klar: Nichts wird wie vorher sein.
Eine Geschichte, die man nicht so schnell vergisst.
Wohin soll es gehen?
Buch lesen
Viten
Für alle, die dabei sind, das Überleben zu lernen.Gebt nicht auf.
»In einer mörderischen Zeitbricht das Herz und brichtund lebt, indem es bricht.«
Stanley Kunitz, The Testing Tree
EINS
AUSSAGE VON JOSEPH (JOE) MEAD, 17
Ich hab Ellie Kimber beim Tanzen zugesehen.
AUSSAGE VON VIOLET NKIRU CHIKEZIE, 16
Wir haben Ellie Kimber beim Tanzen zugesehen. Ihr Kleid war fast zu kurz, um den Namen zu verdienen, und es glitzerte wie der Schwanz einer Meerjungfrau. Auch ihre Haut glänzte, die Beine so lang, dass sie nirgends zu enden schienen. Mein kleiner Bruder zog an meiner Hand, und als ich ihn anschaute, sah ich, dass er sich genauso zur Musik bewegte wie sie. Da musste ich lächeln. Unsere Mutter neben uns schüttelte missbilligend den Kopf. Aber hingeguckt hat sie auch.
Aussage von Peaches Britten, 16
Alle sahen Ellie Kimber beim Tanzen zu. Sie war wie der hellste Silberstreif an einem verhangenen Himmel. Selbst wenn man sie hasste, konnte man einfach nicht wegsehen.
AUSSAGE VON ELLIOT (ELLIE) KIMBER, 17
Ich hab getanzt. So kann ich am besten alles vergessen. Augen zu, Kopf nach hinten. Und alles loslassen. Ich war ganz in die Musik versunken, die hin und her waberte und mal lauter, mal leiser wurde, je nachdem, wie ich den Kopf drehte. Der Bass war wie ein Herzschlag, den man mehr fühlt als hört. Ich wurde von der Menge gegen die vordere Absperrung gedrängt und landete so dicht an den Lautsprechern, dass ich die Vibration in der Luft spüren konnte.
Keine gute Idee, ich weiß. Auf das bisschen Hörvermögen, das ich noch habe, sollte ich besser aufpassen. Aber auch wenn ich auf beiden Ohren taub wäre, hätte ich da vorn gestanden. Weil die Musik den Boden beben lässt, und wenn sie dann durch die Füße hochpulsiert, fühlt es sich fast so an wie beim Laufen, nur ohne den Schmerz oder die Konzentration oder die Schuldgefühle.
..........................
JOE
Die Musik war nicht mal gut. Die Setliste beim Ambereve-Festival ist jedes Jahr gleich: Erst dürfen ein, zwei Lokalmatadore ran, damit sie mit ihren verstimmten Klampfen auch mal woanders auf der Bühne stehen als beim Talente-Abend im Queen’s Head Pub. Dann kommt – als Attraktion des Abends – Eric Stone. Ambersides einziger echter Promi. Auch wenn seine besten Zeiten schon mindestens zwanzig Jahre hinter ihm liegen.
PEACHES
Mum erinnert sich noch an die Zeit, als Eric Stone einer von den ganz Großen war. So groß wie die Beatles, nur mit einem besseren Haarschnitt, sagt sie. Sie hat ihm mal ihren BH auf die Bühne geworfen. Jetzt wohnt er im Reichenviertel oberhalb der Stadt und schaut auf unsereins herab. Ich kenne ihn nur als den alten Sack mit dem Bart, der mich angeschnauzt hat, als ich bei seinem Soundcheck gepatzt hab. Blödmann.
VIOLET
Ich würde mir seine Musik sonst nicht anhören, aber wie Ellie sich dazu bewegte, war wunderschön. Ich war fast ein bisschen neidisch, obwohl ich so was nie könnte – so vor allen tanzen. Ich würde es auch gar nicht wollen, und das nicht nur, weil meine Mutter dann aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr rauskäme. Sie hat meinen Namen aus einem Kinderbuch, das sie zu meiner Geburt geschenkt bekam, und manchmal passt er viel zu gut zu mir: Violet, das schüchterne Veilchen. Ich mache mir nichts aus Tanzen. Ich halte mich lieber am Rand auf, wo ich andere beobachten kann, ohne selbst ins Blickfeld zu geraten. Ellie tanzt, als wäre es ihr egal, wenn die ganze Welt zuguckt. Aber warum auch nicht? Wenn sie tanzt, besteht die ganze Welt nur aus ihr. Ihr allein.
JOE
Sie bewegt sich, als ob … Keine Ahnung. Als ob sie leichter wäre als wir. Als ob sie keine Knochen hätte, die sie nach unten ziehen. Deswegen drehen sich in der Schule auch alle nach ihr um, wenn sie durch den Flur schwebt. Ich schaffe es nie, den Blick abzuwenden. Keiner schafft es; und das nicht nur wegen dieser ganzen »Model«-Geschichte. Obwohl ich sehe, dass andere Mädchen sie anstarren, als hätte sie ein Geheimnis – als könnten sie es vielleicht kopieren, wenn sie nur rausfänden, was es ist. Sie schauen sie an, als würden sie gern in ihre Haut schlüpfen und sie werden.
Und genauso hab ich sie an dem Abend auch angesehen. Angestarrt. Ich konnte nicht anders.
Sam stupste mich an, dann schob er einen Finger unter den Aufreißring meiner Dose und nahm sie mir lachend ab. »Vorsicht! Gleich fallen sie dir aus dem Kopf!«
Ich wandte ihm nicht mal den Blick zu. »Was?«
»Deine Augen, Mann.« Dann lachte er wieder, aber ich wusste, dass er ihr auch zusieht. Das haben wir alle gemacht. Sie war einfach –
VIOLET
Schön.
PEACHES
Was für eine blöde Tusse.
ELLIE
Ich wartete auf das Feuerwerk. Ambereve läuft immer nach dem gleichen Muster ab: Es gibt den ganzen Tag Stände auf der High Street und Karussells für die Kleinsten, die allerdings von angetrunkenen Teenies gekapert werden, wenn die Mitarbeiter nicht aufpassen. Es gibt heißen Apfelpunsch – mit und ohne Alkohol – in kleinen Pappbechern, kandierte Früchte und Knuspercrunch in gestreiften Papiertüten. Zuckerwatte und Liebesäpfel. Und dann kommt der Umzug.
VIOLET
Zu dem Umzug trifft sich immer ganz Amberside. In diesem Jahr sowieso.
ELLIE
Im letzten Jahr ist alles abgesagt worden, Umzug und Festival. Darum war es dieses Jahr wie eine Befreiung, wie ein kollektives Aufatmen, als wir uns versammelten, um loszuziehen. Wahrscheinlich waren genauso viele Leute dabei wie sonst auch, aber es fühlte sich voller an. Alle hingen irgendwie dichter aufeinander. Es herrschte ein so kompaktes Gedränge, dass es mir vorkam, als würden unsere Herzen im Gleichtakt schlagen. Das war schön.
PEACHES
Man soll sich draußen vor dem Rathaus eine Fackel nehmen und sie im Vorbeigehen zum Anzünden in ein Feuer halten. An diesem einen Tag im Jahr stört sich keiner daran, dass sie brennende Stöcke an angetrunkene Teenies verteilen. Obwohl es an meiner Schule einen Jungen gibt, der sich dabei mal die Haare abgefackelt hat.
JOE
Dougie hat sich mal selbst angekokelt. Das war der Hammer. Ihm ist aber nichts passiert, außer dass er bis Weihnachten keine Augenbrauen hatte.
ELLIE
Dann sind wir, wie immer, die Straße zum Hearne House hochgezogen.
PEACHES
Zum »Historischen Hearne House«, wie es auf den Plakaten heißt. Aber wir haben einen einfacheren Namen dafür.
VIOLET
Das Haus auf dem Hügel.
ELLIE
Alle sind bei dem Umzug dabei, entweder als Teilnehmer oder als Zuschauer: Schülerinnen und Schüler von der Clifton Academy und vom Sefton College, selbst diejenigen, die von sich behaupten würden, dass sie zu alt für so was sind. Eltern, die so tun, als müssten sie auf den Nachwuchs aufpassen. Kleine Kinder, die an irgendwelchen Armen zerren und darum betteln, auch mal die Fackel tragen zu dürfen.
Ich weiß noch, dass ich mich gefragt hab, wie das Ganze wohl von oben aussieht. All die kleinen Lichter in Bewegung, wie Sternschnuppen, die sich in einem dunklen See spiegeln. Kleine Kometen. Meine Eltern traf ich unterwegs eher zufällig. Und Mum meinte, so ein Freudenfeuer hätte echt was, wenn es abends noch warm genug ist, dass man dabei auch ein bisschen Haut zeigen und es genießen kann.
Dad schüttelte den Kopf und sagte mit einem Blick zu mir: »Jetzt ermuntere sie nicht auch noch.«
Ich lachte und verlor sie wieder aus den Augen, als wir über die Brücke gingen und ich zu meiner Gruppe aufschloss: Jessa, Cori, Sutton und ein paar andere um uns rum, die hofften, mithalten zu können. Der Sturm auf die Wiese fühlte sich an, als ob man eine Tür aufmacht und einen Schwall heißer Luft in einen kalten Raum lässt. Wir rannten zur Bühne.
VIOLET
An der Brücke über den Fluss bildete sich ein Rückstau. Das Haus ist ein Punkt inmitten eines sehr großen, von einer Mauer umgebenen Grundstücks, auf das man nur über diese eine Brücke kommt. Ein Stück des Flusslaufs liegt unter der Brücke, und dann fließt das Wasser auf der Innenseite der Begrenzungsmauer entlang, wie ein Burggraben, nur auf der falschen Seite. Ich hab vor Jahren mal ein Schulprojekt darüber gemacht. Die Mauern setzen zu beiden Seiten der Brücke an und ragen so hoch auf, dass sie das Haus in eine Festung verwandeln. Wobei man sich fragt, wen genau sie eigentlich draußen halten wollten.
PEACHES
Man fragt sich, wen sie drinnen festhalten wollten.
Ich hab keine Fackel getragen. Ich war ja schon seit neun Uhr morgens im Park gewesen, zusammen mit der Technik-Crew und anderen Freiwilligen vom örtlichen Laientheater. Es gibt diesen Deal, dass unsere Schultheatergruppe dreimal im Jahr Stücke auf dem Gelände aufführen darf und wir dafür mit unseren Leuten bei allen anderen Veranstaltungen dort mithelfen – also vor allem bei Hochzeiten und Tagungen und so. Ambereve ist bei Weitem das größte Event. Wir hatten Beleuchtungsbrücken aus Metall über der provisorischen Bühne aufgebaut und waren noch dabei, die letzten Checks zu machen, als die Zuschauer kamen. Auf einen Schlag war die halbe Stadt da, weswegen die Brücke zum Nadelöhr wurde. Am Ende quetschten die Leute sich quasi einzeln durch und wurden dann von Ordnern zu der Stelle geführt, wo sie ihre Fackeln aufs Begrüßungsfeuer werfen konnten.
Das Feuer soll ein Symbol für Einigkeit sein, aber ich glaub nicht, dass allzu viele darüber nachdenken, wie warm und wohlig ihnen bei diesem pyromanischen Gemeinschaftsakt ums Herz wird.
JOE
Dieses Jahr war das Feuer echt riesig. Wenn es was gibt, wofür Amberside sich total ins Zeug legt, dann ist das Brandstiftung. Dabei war das Begrüßungsfeuer nicht mal die Hauptattraktion. Die Leute stürmten wegen der Musik und dem Feuerwerk auf die Wiese. Dougie, Sam und ich mussten uns ranhalten, um uns unsern gewohnten Platz auf dem Südhang zu sichern. Da sitzen wir gern, weil man sich mit dem Rücken an die Mauer lehnen kann, die die Wiese von der privaten Gartenanlage trennt.
Als Sam mir meine Bierdose zurückgab, war sie leer, aber das hat mich nicht groß gestört. Hab eh nur so getan, als würde ich trinken. Ich bin ziemlich gut im Faken – was ich schon für Zigaretten rausgehauen hab, die ich gar nicht inhaliere … Ich wollte am nächsten Tag wieder mit dem Trainieren anfangen, diesmal so richtig, und weil es auf Oktober zuging, fiel mir das frühe Aufstehen auch ohne Kater schon schwer genug. Dieses Jahr war es schon kälter als sonst um die Zeit. Ich bohrte die Dose in die Erde und sah Ellie weiter beim Tanzen zu; um sie rum war die übliche wechselnde Gruppe von Mädchen, die um ihre Aufmerksamkeit buhlen. Wir warteten auf das Feuerwerk.
VIOLET
Meine Mutter sagte, sie käme nur wegen dem Feuerwerk am Ende des Konzerts mit. Andere gingen hin, weil sie tanzen und Zeit mit ihren Freunden verbringen wollten. Ich ging mit, um Zeit mit Mum zu verbringen. Es ist mir nicht peinlich, das zu sagen. Zu Hause ist immer so viel zu tun: Da muss ich Hausaufgaben machen, mich mit um Dad kümmern, eine Million Dinge erledigen. Es erschien mir immer wie ein kleines Wunder, mal einen Moment Zeit zu haben, um das alles beiseitezuschieben und den Leuten beim Tanzen zuzusehen. Und Mum beim Warten auf das Feuerwerk.
PEACHES
Das Feuerwerk kann sich meistens sehen lassen. Jedenfalls macht es mehr her als Eric Stone. Aber obwohl ich mir einen Top-Aussichtspunkt gesichert hatte, war mir das ganze Geböller eigentlich total egal. Dafür hatte ich nicht den lieben langen Tag darum gebettelt, während des Konzerts auf diesem schmalen Gerüst über der Bühne balancieren zu dürfen.
Es hat ewig gedauert, den Bühnenmeister davon zu überzeugen, dass ich die Richtige für den Job auf der Beleuchtungsbrücke war – die Auserwählte, die während des Konzerts über allem thronen und einen der quietschenden alten Verfolgerscheinwerfer immer direkt auf die kahle Stelle auf Eric Stones Kopf halten würde. Er hat mich angeguckt, als hätte er Angst, dass sich das Gerüst in der Mitte durchbiegt unter meinem Gewicht. Fühlte sich nicht so toll an. Aber es hat sich gelohnt. Denn sobald ich oben war, lag mir die ganze Welt zu Füßen, und alles wirkte sehr viel kleiner und unbedeutender als sonst. Sogar Ellie Kimber zu beobachten, machte mir nichts aus, wenn sie so tief unter mir war. Was die übliche Hackordnung total auf den Kopf stellte. Da oben war ich von alldem befreit. Sogar von mir selbst.
JOE
»Die lassen sich aber ganz schön Zeit«, klagte Dougie und schaute in den Himmel hoch. »Fangen die sonst nicht während seines großen Finales an?«
Eric Stone spielte grade »Rock Saw Us«, seinen größten Hit, der ihm den Spitznamen Rocksaurus eingebracht hat, jedenfalls bei allen, denen seine lahmen Uraltnummern zu den Ohren rauskommen. »Vielleicht hat er ja noch was Neues auf Lager«, gab ich zu bedenken. »Oder sie bringen zum Schluss doch noch einen auf die Bühne, der was kann.«
»Vielleicht ist der, der das Feuerwerk zündet, aber auch von diesem Hintern da abgelenkt«, warf Sam ein und zeigte irgendwohin. »Seht mal.«
Aber ich war auf was anderes fixiert.
Ellie Kimber trug ein kurzes Paillettenkleid, das in allen Farben glitzerte und wie aufgesprüht aussah. In dem Moment hätte ich wahrscheinlich aufzählen können, wie viele Haarsträhnen aus ihrem goldblonden Pferdeschwanz rausgerutscht waren, den sie beim Tanzen durch die Luft wirbelte. Aber die Ärzte sagen, ich soll davon ausgehen, dass meine Erinnerung einige Lücken hat.
Ich hab keine Ahnung, wessen Hintern Sam mir zeigen wollte. Das liegt allerdings nicht daran, dass mein Verstand mir Streiche spielt. Ich wusste es auch an dem Abend nicht.
Ich erinnere mich, dass ich verständnislos zu Dougie und Sam hingesehen hab und dass sie grinsten.
»Jetzt komm schon!«, stöhnte Sam. »Mach mit.« Und da blieb mir ja nichts anderes übrig, oder? Dougie lehnte lachend an Sam. Ich drehte mich um, um die vielen Hintern durchzugehen, die in unsere Richtung geschwenkt wurden, tat so, als ob ich den gefunden hätte, der gemeint war, und gab ihm Punkte auf einer Skala von eins bis zehn.
VIOLET
Die erste Explosion erhellte den Himmel und das Gesicht meiner Mutter. Ich hab sie angesehen und mir ihren Ausdruck genau eingeprägt. Sie lächelte so selten, dass ich es jedes Mal rot im Kalender angestrichen habe, wenn ein Lächeln aufblitzte. Mein kleiner Bruder schrie und drückte sich an mich, und ich legte meine Hand auf seine dichten Locken und versicherte ihm, dass alles gut ist.
»Ganz ruhig, Ade. Es ist zwar laut, aber dir kann nichts passieren. Sieh nur all die Farben!« Er war immer noch unsicher, aber er drehte sich so, dass er zu mir hochschauen konnte, drückte seine Finger auf mein Gesicht und sagte, meine Haut wäre blau geworden.
ELLIE
Der Himmel riss auf und blauer Glitzer regnete herab. Der blaue Himmel tauchte alle Gesichter unten in dieselbe Farbe. Eine große Explosion, dann folgte das Knattern von weiteren, kleineren Explosionen. Besser als der Rhythmus der Musik. Ich legte den Kopf in den Nacken, um zu sehen, was als Nächstes kommt.
PEACHES
Als das Feuerwerk losging, verhakte ich die Beine und einen Arm in den Streben des Gerüsts und ließ mich etwas nach vorn kippen. Ich spürte, wie sich mein nicht unbeträchtlicher Schwerpunkt verlagerte. Zweitausend Gesichter schauten zu mir hoch. Das war mal was Neues, wo ich doch an der Clifton üblicherweise irgendwo am Boden rumkrebse.
Ich muss die Erste gewesen sein, die gesehen hat, was passierte. Weil ich den perfekten Beobachtungsposten hatte. Und weil ich nicht das Feuerwerk anschaute, sondern die Leute unter mir, die in immer neuen Farben aufleuchteten. Dabei ist mir sogar kurz der Scheinwerfer verrutscht, woraufhin der Rock-Dinosaurier eine Sekunde lang im Dunkeln stand.
JOE
Sam packte mich hinten am Hemd. »Was ist das?«
VIOLET
»Du bist auch blau«, sagte ich zu Ade und fuhr mit der Fingerspitze über seine Wange, während die Lichter ein ganzes Spektrum von Farben durchliefen und auf unsere Haut warfen. »Und jetzt bist du wieder braun. Und orange. Und braun. Welche Farben hab ich?«
PEACHES
Die Leute reckten die Arme in die Luft und schauten in den Himmel hoch. Sie wiegten sich zur Musik, weswegen es einen Moment dauerte, bis ich die andere Bewegung wahrnahm, die mit einem Mal durch die Menge ging. Sie war irgendwie falsch. Weil sie gegen den Strom lief.
ELLIE
Die Welt bestand nur aus Lärm und Licht.
JOE
Sam zog mich am Hemd hoch. Plötzlich war er hinter mir auf den Knien. Er sagte: »Guck doch mal, Joe!«
VIOLET
Ade reckte sich grinsend hoch und legte die Fingerspitzen an mein Kinn. »Du hast alle Farben, V.«
PEACHES
Es fing ganz klein an. So, wie wenn eine Brise durch ein Getreidefeld weht und dabei ein paar hohe Halme abknickt. Die Menge unter mir geriet durcheinander, sie kam aus dem Takt und rückte irritiert enger zusammen.
Dann riss etwas eine Schneise mitten hindurch.
ZWEI
PEACHES
Leute fielen um. Sie verrenkten sich plötzlich und stürzten zu Boden. Ich verstand nicht, was los war. Direkt über mir explodierte das Feuerwerk. Ich hörte nur sein Echo in meinem Kopf und sah, dass verstreut in der Menge unten einzelne Menschen umfielen. Nicht wie Dominosteine, unmittelbar hintereinander, sondern einer hier und einer da. Wahllos. Zuerst hielt ich es für einen Scherz. Einen Flashmob. Irgendwas Geplantes.
JOE
»Was zum Teufel …?« Ich stand auf und zog auch Doug hoch, weil ein Mädchen auf uns zu gestolpert kam, das … Es gibt doch diese Klischee-Zombies aus schlechten Horrorfilmen? Die mit ausgestreckten Armen rumrennen, als würden sie blind nach irgendwas greifen, ohne zu wissen, wonach? Genau das hat das Mädchen gemacht.
VIOLET
Es gab einen Knall wie von einem Böller, nur so laut, als wäre er genau neben meinem Ohr explodiert. Ade umklammerte meine Hand – ich hatte ihm gesagt, er bräuchte keine Angst zu haben, weil das Feuerwerk viel zu weit weg wäre.
JOE
Sie streckte die Arme nach uns aus, nach Sam, Doug und mir. Und ihr Shirt war am Oberkörper klatschnass von einer rotschwarzen Flüssigkeit.
ELLIE
Ich bekam von hinten einen Schubs, und zwar mit solcher Wucht, dass mir die Luft wegblieb. Aber es war nicht eine einzelne Person. Die ganze Menge drängte gleichzeitig nach vorn, und ich wurde gegen die Absperrung gepresst.
PEACHES
Weil alle nach rechts oder links wegdrängten, war die Schneise, die durch die Menge geschlagen worden war, bald nur noch durch die zu erkennen, die am Boden lagen und nicht mehr wegrennen konnten. Und am Ende dieser Schneise: zwei von denen. Beide schwarz gekleidet, mit Kapuzen auf dem Kopf und vors Gesicht gebundenen Schals. Sie trugen riesige Waffen, Gewehre oder so was. Die Art, die man kaum für echt hält, weil man sie nur aus Filmen oder Spielen kennt.
Ich könnte Ihnen nichts über sie erzählen, weder wie alt sie waren noch welche Hautfarbe sie hatten. Von da, wo ich saß, sahen sie … winzig und weltverändernd zugleich aus.
Sie drehten ab, gingen jeweils in eine andere Richtung los und fingen wieder an zu schießen. Schlugen neue Schneisen.
VIOLET
Ade drückte meine Hand ganz fest.
Dann ließ er los.
JOE
Doug kam als Erster bei ihr an. Ich dachte – die kenn ich doch. Sie ist im Jahrgang unter mir. Aber mir fiel ihr Name nicht ein, und aus irgendeinem Grund blieb ich an dieser Frage kleben. Wie sie hieß. Jetzt weiß ich ihren Namen wieder, von den Fotos, aber … sie sah so verwirrt aus.
»Können wir helfen? Kann ich …?«
Sie fiel nach vorn, in Dougs Arme. Sam guckte mich mit weit aufgerissenen Augen panisch an. Und ich holte mein Handy raus. Was man eben so macht, wenn man gerade gesehen hat, wie jemand stirbt. Man ruft Hilfe.
ELLIE
Die Leute kletterten über die Absperrungen, sie stiegen über mich drüber, um hochzukommen. Ich hatte in der ganzen Panik keine Chance rauszufinden, wo der Lärm eigentlich herkam. Wenn man nur auf einem Ohr was hört, nimmt man zwangsläufig alles verzerrt wahr – für mich klingt jedes Geräusch, als käme es von rechts. Also orientierte ich mich instinktiv nach links, weg von dem Lärm. Ich wollte auch über die Absperrung und grabschte nach Jesse, um sie mitzuziehen. Aber sie knallte mir ihren Ellenbogen in die Schulter, dann drückte sie eine feuchtkalte Hand in mein Gesicht und schob sich über die Absperrung. Sie hat sich nicht umgesehen, um zu gucken, ob ich hinterherkomme.
Dann spritzte mir irgendwas Heißes in den Nacken.
PEACHES
Eine Kugel streifte das Metall des Gerüsts und schlug Funken.
ELLIE
Das Feuerwerk war vorbei, aber um mich rum waren immer noch kleine Explosionen zu hören. Lichtlose Echos, die den Boden erschütterten. Die Absperrung kippte um.
PEACHES
Alle drängten zur Bühne, ein einziger großer Menschenpulk. So war es bestimmt noch leichter, sie ins Visier zu nehmen. Die Band ging hinter ihren Instrumenten in Deckung. Ich sah, wie sie zu den Seiten gekrochen sind. Stone war in einer dramatischen Drehung zu Boden gesunken und robbte dann quer über die Bühne nach hinten.
ELLIE
Es war, als würde ich weitertanzen, nur dass ich mich nicht mehr selbst bewegte. Ich wurde mal hierhin gezogen und mal dahin. Wie eine Marionette ohne Fäden.
VIOLET
Ade hatte einen Schuss in die Schulter und einen in die Wade abbekommen. Aber das wusste ich damals noch nicht. Ich wusste nur, dass Blut aus den zerfetzten Gliedern meines Bruders spritzte. Und dass meine Mutter verzweifelt seinen Namen schrie, ihn packte und hochhob. Er war eigentlich schon zu groß, um getragen zu werden, aber sie zog ihn in ihre Arme. Ihre Schreie waren lauter als Schüsse.
JOE
Es schien alles innerhalb einer Sekunde zu passieren. Das Mädchen – Hannah, sie hieß Hannah – fiel um, und dann schrien alle, die ganze Wiese schrie. Ich dachte, ich hätte plötzlich den Verstand verloren. Als ich den Ersten von ihnen sah, eine dunkle Gestalt mit einer Waffe in der Hand, ergab das alles zwar nicht wirklich mehr Sinn, aber trotzdem fühlte es sich dann klarer an. Klar und kalt. Da war jemand, der um sich schoss. Ein totes Mädchen in Dougs Armen. Wir wurden gegen eine Mauer gedrängt.
Keiner sagte was. Wir rannten los.
VIOLET
Es gibt nur einen Zugang zum Hearne-House-Gelände und einen Ausgang. So viele Leute liefen in alle möglichen Richtungen durcheinander, dass sie das nicht so genau gewusst haben können wie ich. Aber meine Mutter wollte nicht weglaufen. Sie rührte sich nicht mal von der Stelle. Sie blieb einfach wie erstarrt mit Ade im Arm stehen.
Ich wollte dasselbe tun, aber ich wusste, dass es nur einen Ausgang gab, und auf dem Gelände befanden sich Männer mit Waffen.
Ich gab meiner Mutter eine Ohrfeige. Ich glaube, ich hatte mal gehört, dass Schmerz die Angst besiegen kann, aber ich habe keine Ahnung, woher ich wusste, dass es funktionieren würde. Ich habe keine Ahnung, woher ich den Mut dazu nahm, selbst unter den Umständen, aber es war so, als würde ihr erst durch die Ohrfeige wieder einfallen, wie man atmet. Sie schaute mich an, und ich erklärte ihr, dass wir von dem Gelände runtermussten. Sie trug Ade, als würde er nichts wiegen. Wir liefen Richtung Fluss.
PEACHES
Mir wäre wahrscheinlich nichts passiert, wenn ich einfach geblieben wäre, wo ich war. Jedem anderen hätte ich bestimmt gesagt: Bleib oben, du Idiot. Kein Mensch guckt jemals nach oben. Aber ich fühlte mich in dem Moment wie auf dem Präsentierteller.
ELLIE
Mir verschwamm alles vor den Augen. Ich konnte niemanden finden, den ich kannte. Die Mädels, die neben mir getanzt hatten, waren wie durch einen Zaubertrick verschwunden. Ich fühlte mich vor allem durch die vielen Leute bedroht, die sich auf mir stapelten. Irgendwer stieß mich um, sodass ich auf die Knie fiel. Ein Fuß traf mich so fest im Gesicht, dass er einen Bluterguss hinterließ. Ich versuchte immer noch den Lärm einzuordnen, wo er herkam und was genau das war. Tief im Innersten muss ich es gewusst haben, aber du denkst nicht: Waffen. Du denkst: Feuerwerk. Du fragst dich, ob irgendwer Böller in die Menge geschossen hat.
Irgendwas blockierte meine Fähigkeit, die Wahrheit zu akzeptieren. So als hätte mein Verstand versucht, mich zu schützen, indem er so tat, als wüsste er nicht, was los war.
Dann packte jemand meine Schultern. Es war einer der Ordner, seine Warnweste flatterte. Ich dachte, er wollte mir helfen. Aber stattdessen durchbrach er meinen Verleugnungs-Schutzschild.
»Warum schießen sie auf uns?«, fragte er. Seine Stimme war ein feuchtes Rasseln. Er spuckte mir Blut ins Gesicht. Ich vermute, wenn du eine Kugel in die Lunge kriegst, versucht dein Körper, sie einfach auszuatmen, wie Luft.
PEACHES
Mir gings vor allem darum, dass ich nicht mehr zusehen musste bei alldem, wenn ich erst mal unten war.
Zu dem Zeitpunkt hatten sie aufgehört, wahllos rumzuballern. Die Menge dünnte an manchen Stellen aus und wurde an anderen kompakter, und als ich Sprosse für Sprosse die Leiter am Gerüst runterstieg, konnte ich sehen, dass sie ihre Taktik änderten. Sie wählten jetzt bestimmte Ziele aus. Einzelne Menschen. Machten Jagd auf sie.
JOE
Ich verlor erst Doug irgendwo und dann Sam. Ich wollte nur noch raus, raus, raus. Das war mein einziger Gedanke.
PEACHES
Ich werde nie erfahren, ob ich mir das eingebildet habe oder nicht, aber ich hätte schwören können, dass einer von ihnen in meine Richtung sah. Ich spürte ein Kribbeln im Nacken.
VIOLET
Ade weinte. Er lebte. Alles würde gut werden. Wir mussten nur weglaufen.
PEACHES
Dann bekam ich Panik. Meine Hände an den Metallstreben waren schweißnass und glitschig, und ich wusste, dass ich nicht schnell genug nach unten kommen würde, um einer Kugel ausweichen zu können. Ich war noch anderthalb Meter vom Boden weg, als ich die Leiter einfach losließ.
JOE
Ich würde mich gern besser erinnern können. Zum Beispiel wünschte ich, ich könnte Ihnen was über die sagen, über die ich drübergestiegen bin, über diejenigen, zwischen deren Arme und Beine ich treten musste, als wäre das Ganze ein durchgeknalltes Schulhof-Spiel. Ich wünschte … Ich wünschte, ich könnte sagen, dass sie alle schon tot waren, dass ich ihnen nicht noch irgendwie hätte helfen können. Aber ich kann es nicht. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob es für sie schnell ging oder langsam oder wie viel Schmerzen sie hatten.
Es kommt mir so vor, als sollte man das wissen. Aber ich kann nur meine Geschichte erzählen. Ihre nicht.
Vielleicht gehört das zu den Dingen, wegen denen ich mich schuldig fühle. Sie waren nur eine verschwommene Masse für mich, ein Hindernis. Es waren Menschen, aber ich hab sie … ich musste zum Fluss. Ich blieb nicht stehen.
PEACHES
Mein Knöchel hat die Hauptlast des Aufpralls abbekommen, zumindest für die paar Sekunden, bevor er nachgab. Ich dachte, er wäre gebrochen und dass ich, wenn er gebrochen war, trotzdem weglaufen musste. Aber ich richtete mich auf, und er hielt.
Ein Blick nach hinten sagte mir, dass ich mich entweder geirrt oder der Schütze mich übersehen hatte. Er bewegte sich von mir weg.
ELLIE
Der Drang, loszurennen, kam ganz instinktiv, aber anders als auf der Tartanbahn. Alles in mir befahl meinem Körper, sich von da wegzubewegen, aber ich hing fest. Der Ordner war auf mich draufgefallen, und die Leute, die auf die Bühne kletterten, begannen nach hinten wegzukippen; sie waren zur Zielscheibe geworden wie Flaschen auf einer Mauer. Ich wühlte mich durch fremde Glieder und hatte nasse Hände von all dem Blut. Mir drehte sich der Magen um, und das Herz sprang mir fast aus der Brust, aber ich musste da raus.
VIOLET
Die Leute rempelten und schubsten uns, die Hälfte wollte zum Fluss, aber genauso viele wollten auch vom Fluss weg. Es fühlte sich an, als würden wir von allen Seiten angegriffen, aber ich hielt die Hand meiner Mutter fest umklammert. Wir mussten einfach da weg.
JOE
Raus hier, raus, raus, raus ging es mir in Endlosschleife durch den Kopf, als würde ich keine anderen Wörter mehr kennen.
PEACHES
Ich konnte nirgends hin, ohne mich auf offenes Gelände zu begeben. Ich wusste, dass es zwei Schützen waren, mindestens, konnte aber nur einen von ihnen sehen.
ELLIE
Ich strampelte mein Bein frei – endlich, endlich konnte ich mich bewegen. Ich blickte hoch. Und da kam er auf mich zu.
VIOLET
Leute rannten an uns vorbei, versuchten zwischen uns durchzulaufen, warfen sich gegen unsere verschränkten Hände. Und zogen meine Mutter von mir weg.
PEACHES
Auf die Bühne zu klettern, kam nicht infrage. Ich hatte gesehen, was mit denen passierte, die es versuchten. Also kroch ich unter die Bühne. Und ich war nicht die Erste, die diese Idee hatte.
Es war dunkel da unten und still, wofür ich auf eine seltsame Art dankbar war. Mit geschlossenen Augen hätte ich niemals geahnt, was für ein unfassbares Gedränge in dem niedrigen Freiraum unter der Plattform herrschte. Ich konnte die Leute an ihrer blassen Haut erkennen und an ihren hellen Augen, aber es war so, als wären wir da unten zu einer Masse verschmolzen. Ich machte mich so klein, wie ich konnte. Ich lag auf den Beinen von jemandem. Und kurz drauf schob sich jemand halb auf meinen Rücken. Wir lagen kreuz und quer übereinander wie gestapelte Spielkarten.
ELLIE
Ich kann seine Augen nicht vergessen. Alles andere an ihm war so unmenschlich: eine bullige schwarze Silhouette mit einer glatten Metallverlängerung eines Arms. Aber zwischen seiner Kapuze und dem Schal über seinem Mund war ein Streifen blasser Haut zu sehen. Er hatte blaue Augen. Unsere Blicke trafen sich. Ich überlegte, zu wem ich beten sollte, wenn überhaupt. Es schien mir nicht allzu sinnvoll. Ich stellte mir die Gesichter meiner Eltern vor und dachte, so laut ich konnte: Es tut mir leid.
PEACHES
Ich schaute in ein dunkles und ängstliches Augenpaar, das zu einem Körper gehörte, der direkt neben meinem lag. Beinahe nah genug für einen Kuss. Als ich mich langsam an die Dunkelheit gewöhnte, konnte ich die Umrisse seines Gesichts erkennen.
ELLIE
Er drehte sich weg.
JOE
Ich stieß mit ihr zusammen.
ELLIE
Ich werde nie verstehen, warum. Er sah mir in die Augen, lud seine Waffe nach und ging weg.
JOE
Bin voll in sie reingerannt. Mit solcher Wucht, dass sie zu Boden ging. Aber sie war kein lebloser Körper wie die anderen, in denen vielleicht gerade noch ein Fünkchen Leben war, vielleicht aber auch nicht. Ich konnte sie nicht einfach da liegen lassen und versuchen sie zu vergessen. Sie hatte mir im letzten Trimester Mathe-Nachhilfe gegeben. Sie war still und wirkte immer irgendwie unsicher. Ich kannte ihren Namen. Ich reichte ihr meine Hand, und sie klammerte sich an meinen Arm, um wieder auf die Beine zu kommen. »Violet?«
VIOLET
Es war egal, ob ich Joe wehgetan hatte. Darüber dachte ich nicht nach. Ich sah ihn gar nicht, obwohl ich ihm ins Gesicht schrie.
JOE
Ich hab ihre Hand gepackt und ihr klarzumachen versucht, dass wir zur Brücke müssen. Aber sie hat einfach nur geschrien, ihre Worte wurden zu einem einzigen schrillen Geheul.
VIOLET
»Ich hab meine Familie verloren! O Gott, hilf mir, ich weiß nicht, wo meine Familie ist!«
DREI
PEACHES
Er war in meinem Jahrgang. Der Junge, dem das Gesicht gehörte. Wir hatten ein paar Kurse zusammen. Ich war bei den Besten in Englisch, wie er. Aber ich hatte das Gefühl, dass er überall zu den Besten gehörte, der kleine Scheißstreber.
Oh, sorry – darf man bei so einer Untersuchung überhaupt fluchen? Wenn nicht, muss ich Sie nämlich warnen, das passiert mir bestimmt noch öfter. Diese ganze Geschichte … was wir erlebt haben, kann man nicht auf nette, höfliche Art beschreiben.
Ich weiß, dass wir alle hier sind, weil Sie verstehen wollen, was in der Nacht passiert ist, und wir Ihnen dabei helfen sollen. Aber eins sollte klar sein: Wenn Sie mit uns reden, erfahren Sie nichts über die Leute, die das getan haben. Das Wer und Warum oder Wozu oder was auch immer spielt hier keine Rolle. Und darüber bin ich froh. Mich juckt nämlich nicht, was das für Typen waren und was sie wollten. Ich hab in den Zeitungen mehr als genug darüber gelesen, aber es ist mir egal. Und ich will, dass es Ihnen auch egal ist. Nicht die Männer mit den Waffen sollten Sie interessieren, sondern wir und die Leute, die mit uns da waren. Die, die weniger Glück hatten.
Das sind die, die wichtig sind. Über den Rest kann ich nur sagen, dass es keinen Grund gibt, der rechtfertigen könnte, was passiert ist. Es gibt nichts, was das entschuldbar macht. Diese ganze Aktion war sinnlos, und wenn Sie vernünftige Leute sind, dann werden Sie es nie verstehen. Ich werde es nie verstehen. Und ich war da.
Ich lag also eingequetscht unter dem Metallgerüst der Bühne, die ich am Tag davor selbst mit aufgebaut hatte, und starrte in braune Augen, von denen ich wusste, dass ich sie kannte. Sie gehörten dem kleinen Genie. Und ich war megaerleichtert, einfach nur weil ich in dem ganzen Chaos irgendwas Vertrautes sah.
Trotzdem dauerte es ein bisschen, bis mir sein Name wieder einfiel. Das lag aber nicht an dem Schock, jedenfalls nicht nur, obwohl es in der Situation auch kein Wunder gewesen wäre, wenn ich meinen eigenen Namen vergessen hätte. Er gehörte einfach zu denen, die niemand je richtig wahrnimmt. Womit er das Gegenteil von mir ist. Ich würde dafür töten, so komplett im Hintergrund zu verschwinden. Als er an unsere Schule kam, sprach er kaum Englisch. Irgendwann konnte er’s dann natürlich, aber da hatten schon alle vergessen, warum sie nicht mit ihm sprachen – es war einfach seine Rolle, der zu sein, der übersehen wurde. Er war eh ziemlich still und seltsam, und zu brav, um jemals aufzufallen. Darum hatte ich seinen Namen nicht mehr im Kopf. Aber er fiel mir wieder ein.
Er hieß Mai.
JOE
»Du kannst sie jetzt nicht suchen!«, schrie ich Violet an und hielt ihre Hände fest, damit sie mir nicht die Augen auskratzte. Alle meine Instinkte drängten mich dazu, sie einfach stehen zu lassen und zuzusehen, dass ich weiter zum Fluss kam. Alle, bis auf einen.
VIOLET
Er versuchte mich zu beschützen. Aber das war das Letzte, was ich wollte.
JOE
»Hör zu, hier geht alles drunter und drüber. Wahrscheinlich sind sie eh längst über die Brücke. Sieh zu, dass du hier rauskommst. Du findest sie dann später wieder.« Aber es war eh klar, dass man ihr nicht mit Logik kommen konnte in einer Welt, die keine mehr besaß. Ich wusste nicht mal, wer ihre Familie war. Aber jeder mit einem Funken Verstand versuchte gerade, auf demselben Weg zu fliehen, über den wir aufs Gelände gekommen waren. Und in der ganzen Zeit, die wir dort standen – mir kam es wie eine Stunde vor –, überholten uns Leute, die die gleiche Idee hatten: zum Fluss zu kommen, rauszukommen. Eltern schoben ihre Kinder vor sich her, rannten, stießen mit uns zusammen. Ich stolperte ein paar Schritte nach vorn und zog sie mit mir mit.
VIOLET
Ich hab das nur noch verschwommen in Erinnerung, aber ich weiß, dass ich mich gewehrt habe, bis wir dann auseinandergerissen wurden. Auf dieselbe Art, wie ich vorher umgerissen worden war, als ich meine Mutter aus den Augen verloren hatte. Leute stiegen über mich drüber und drückten mich zurück nach unten, als ich aufzustehen versuchte. Meine Hände fühlten sich so leer an.
JOE
