Nick Tappoli - Jakob Christoph Heer - E-Book
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Jakob Christoph Heer

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Beschreibung

In "Nick Tappoli" entführt Jakob Christoph Heer die Leser in eine vielschichtige Erzählung, die sowohl psychologische Tiefe als auch gesellschaftskritische Elemente vereint. Der Protagonist Nick Tappoli navigiert durch die Wirren seines Lebens, geprägt von inneren Konflikten und äußeren Herausforderungen, die ihn an die Grenzen seiner Identität führen. Heers literarischer Stil zeichnet sich durch lebendige Beschreibungen und prägnante Dialoge aus, die den Leser in die komplexe Welt seiner Charaktere hineinziehen und gleichzeitig ein Abbild der Zeit um die Jahrhundertwende des 19. Jahrhunderts präsentieren. Dabei vermischt der Autor meisterhaft realistische Elemente mit einer subtilen Symbolik, die das Werk in einen größeren kulturellen und sozialen Kontext stellt. Jakob Christoph Heer, ein bedeutender Schweizer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, war bekannt für seinen scharfen Blick auf die menschliche Psyche und die gesellschaftlichen Strukturen seiner Zeit. Durch persönliche Erfahrungen in seiner Heimat und seine Auseinandersetzung mit der Wandlung der Gesellschaft hat Heer ein tiefes Verständnis für die inneren Kämpfe seiner Charaktere entwickelt. Diese Authentizität spiegelt sich in "Nick Tappoli" wider und bietet einen Einblick in die Komplexität der menschlichen Natur. "Nick Tappoli" ist ein fesselndes Werk für all jene, die sich für die Abgründe der menschlichen Seele und die intricaten Fragen der Identität interessieren. Heers meisterhaftes Erzählen regt zum Nachdenken an und fordert den Leser heraus, sich mit den eigenen inneren Konflikten auseinanderzusetzen. Ein Buch, das sowohl literarisches Vergnügen als auch tiefgreifende Erkenntnisse bietet.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Jakob Christoph Heer

Nick Tappoli

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2022
EAN 4064066111359

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
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Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Vor etlichen Jahren überreichte mir eine inzwischen verstorbene Zürcher Dame in zwei Heften ihre Lebensbeschreibung wie die ihres Mannes, der ihr bereits im Tod vorangegangen war. Die alte, aber stets noch lebhafte »Frau Nick Tappoli« äußerte dabei die Hoffnung, daß mich die bewegten Schicksale, die in den Aufzeichnungen enthalten sind, zur Gestaltung eines Romans anregen möchten. Nun habe ich als Schriftsteller immer das Gefühl gehabt, daß für uns eigentlich nur die Stoffe gut und dankbar sind, die ohne äußeres Dazutun aus der eigenen Seele keimen und wachsen. So ließ der Roman der »Nick Tappoli« auf sich warten, und die Anregerin selber hat also die Erfüllung ihres Wunsches nicht mehr erlebt.

In der langen Öde der Kriegszeit aber, die sich allem friedlich dichterischen Schaffen so furchtbar feindlich erwies, geriet ich wieder einmal über die beiden Manuskripte und suchte in ihrer Bearbeitung Vergessen von den wehen Eindrücken der Weltbegebenheiten. So entstand der Roman doch. Inwieweit nun das Werk das geistige Eigentum der Verstorbenen ist, inwieweit ich den Stoff ausgebaut und gerundet habe, möge vor den Lesern nicht erörtert werden; es genüge die Feststellung, daß ich die etwas merkwürdigen Linien der Handlung getreu aus den Heften der Zürcher Dame übernommen habe und mir nur an ihrer Vereinfachung gelegen sein ließ. Ich machte dabei die alte Erfahrung, daß die Wirklichkeit des Lebens viel freier und willkürlicher mit den Menschenschicksalen spielt, als es die dichterische Phantasie in einer nach künstlerischen Gesichtspunkten aufgebauten Erzählung wagen darf. Der Leser möge es entschuldigen, wenn er Spuren davon auch im Buche noch findet.

Bei dem teilweise Zürcher örtlichen Gepräge des Buches liegt mir noch an der Erklärung, daß ich darin alles, was auf bekannte Lebende oder Verstorbene deuten könnte, nach bestem Wissen und Gewissen ausgemerzt habe. Das beliebte Spiel, die Vorbilder der Gestalten eines Romans auszuforschen, hätte in diesem Fall keinen Sinn und würde nur zu falschen Vermutungen führen.

Möge »Nick Tappoli« aufgenommen werden als das, was das Buch ist: ein mitten aus der Flut des Lebens geschöpftes Beispiel menschlichen Ergehens, ein Zeugnis, wie Kraft und Unvermögen, Irrtum und Erkenntnis uns den Weg bereiten.

J. C. Heer

1

Inhaltsverzeichnis

Das Städtchen Eglisau an der Steilhalde des Oberrheins bildet den Zugang zum Rafzerfeld, einem rechtsrheinischen Lappen Schweiz inmitten badischen Gebietes. Nur durch die holzverschalte Brücke, an deren Sprengwerk ein Wald von Stämmen verwendet worden ist, hängt es mit der Landschaft von Zürich zusammen, der es im fünfzehnten Jahrhundert durch friedlichen Kauf einverleibt worden ist. Vom Mittelalter an bis zum Aufkommen der Eisenbahnen hat der Ort auf dem in heller Bläue einherwogenden Strom viele muntere Bilder gesehen: in den Weidlingen, den langen, schmalen Kähnen, die mit großer Sicherheit über Wirbel und Klippen hinweggleiten, die Kaufleute und das fahrende Volk, das von Konstanz her auf die Zurzacher und Basler Messe zog, und auf den Flößen, welche die mächtigen Alpentannen für den Schiffbau nach den Niederlanden führten, allerlei Reisende, die um billiges Geld die Welt sehen wollten. Selten wohl glitt ein Fahrzeug an Eglisau vorüber; ein jedes fast machte kurzen Halt, und die Insassen ließen sich den Rotwein des Städtchens munden, das wie der Vogel in sein Nest mitten in Weinberge hineingebettet liegt.

Als aber hüben und drüben in den Ländern am Rhein Eisenbahnen entstanden, erlosch der Verkehr auf dem Strom allmählich. In den sechziger Jahren lag schon ein Hauch des Stillstandes und der Vergessenheit über dem Städtchen. Mit verwitterten, doch blumenumrankten Lauben schauten seine hochgebauten, einander überragenden Firsten auf das lichte Band des Stromes. Bei der Brücke erhoben sich der stattliche Barockbau der Kirche mit dem in einer roten Zwiebel endigenden Turm und dicht daneben das große, weißgetünchte Pfarrhaus, vor dem der Fluß in Wogen und Strudeln quirlt. An Kirche und Pfarrhaus vorbei windet sich die von Zürich und Schaffhausen führende Straße in mäßiger Steigung durch das Städtchen empor. Da standen ein paar alte Gasthöfe mit kunstreichen Schildern, der »Hirsch« mit einer von Eichensäulen getragenen Laube und die »Krone« mit den gotischen Fensterreihen, auch Bürgerhäuser mit patrizischem Schmuck, Wappen, Namen, weit in die Straße vorspringenden Wasserspeiern, und da und dort ein Kramladen mit bauchigem Fenstergitter. In dieser Gasse und einigen anderen lag noch ein Abglanz reichsstädtischen Wesens über der kleinen Stadt, verlor sich aber weiterhin bald in die Bilder bäuerlicher Behäbigkeit.

Wie bescheiden sich indessen die Schicksale Eglisaus mehr und mehr gestalten, einige Vorzüge blieben ihm doch: die schöne Lage am gewaltigen Wogenzug des jungen Stromes, die fruchtbaren Felder, die prächtigen Wälder an beiden Ufern, vor allem aber der an heißer Halde gewachsene Wein, der die Sommersonne eingefangen hat und im Glas einen milchweißen Stern wirft, und die köstlichen Forellen und Salme, die beim Wasserrad der Schiffsmühle oberhalb der Brücke mit großen Senknetzen aus dem Strom gehoben werden. Wegen dieser Annehmlichkeiten war das Städtchen von jeher ein beliebtes Ziel der von Zürich ausfliegenden Naturfreunde und Feinschmecker, besonders in goldener Herbstzeit, wenn der Duft des Sausers, des gärenden Weinmostes, durch die Gassen wehte und durch die Brücke Tag und Nacht das Schellenklingeln der Weinfuhrwerke ging.

Fast mehr noch als die Gasthöfe wußte Pfarrer Salomon Tappoli, Bürger von Zürich, der damals in Eglisau amtete, von Gästen zu erzählen, ein ebenso leutseliger wie geistreicher Kopf, der dem Leben einen künstlerisch-sonnigen Gehalt abgewann und die Besuche aus seiner Vaterstadt in launiger Geselligkeit um sich scharte.

Zu jener Zeit hatte das Städtchen aber auch noch einen berühmten Messerschmied, Meister Martin Junghans. Wer von ihm geschaffene Werkzeuge besaß, Messer und Scheren, Zirkel und Schublehren, auf denen die Marke »Junghans«, ein fröhliches Gesicht mit Zipfelmütze, eingestempelt war, der durfte sie sehen lassen. Sie waren bester Stahl, sorgfältige Arbeit. Sie lobten den Feinschmied von Eglisau und waren auf den Schweizer wie süddeutschen Märkten vorteilhaft bekannt. Gewiß hätten sie eine noch größere Verbreitung gefunden, wenn Martin ein ebenso gewandter Kaufmann wie Handwerker gewesen wäre und ihren Ruf ausgenützt hätte. Er verlangte jedoch aus angeborener Bescheidenheit für die Werkzeuge nie so viel, wie es der fast eigensinnigen Gewissenhaftigkeit seiner Arbeit entsprochen hätte, und das Städtchen mit seinen Nachbardörfern war für die Erzeugnisse Meister Martins auch kein genügendes Absatzgebiet. Als Händler selber auf die auswärtigen Märkte zu ziehen, widerstrebte seinem ehrenfesten Wesen, und mit den Wiederverkäufern, welche die Waren wohl rasch und mit Vorteil los wurden, sie aber bei ihm lange schuldig blieben, hatte er manchen redlichen Verdruß.

Warum es Martin Junghans nie recht zu Klingendem brachte, lag aber wohl am meisten an seiner großen Familie. Das vom Vater ererbte stattliche Haus an der Obergasse, eines der ältesten und höchsten des Städtchens, mit geräumiger Werkstatt und kleinem Laden, gewährte ihm und den Seinen zwar reichlich Raum, aber der Tisch war manchmal für den dutzendköpfigen Haushalt etwas knapp. Er bestand aus den Eltern, den beiden Gesellen und acht Kindern. Doch waren gerade diese in ihrer blühenden Gesundheit der Stolz des Schmieds. Unparteiisch teilten sie sich in ein Vierblatt von Knaben und Mädchen, und ebenso unparteiisch schlugen sie zu je vier im Aussehen dem großen, blonden, blauäugigen Vater und wieder zu je vier der kleinen, dunkelhaarigen und schwarzäugigen Mutter nach; ihm vor allem die beiden ältesten Söhne, Friedrich und Ulrich.

Wie es in großen Familien der Fall ist, erzogen sich die Kinder von selber; die Jungen am Beispiel des Vaters, die Mädchen an dem der Mutter, die neben dem Hauswesen eine kleine Landwirtschaft mit Weingarten und Acker besorgte. Gleich hinter dem Haus lagen die Grundstücke, stiegen bergan und verloren sich an der freien Anhöhe. Rechtschaffen müd konnten darin die Glieder werden. Wollte sich aber einmal der Faden der Erziehung nicht von selber geben, sprang ein mutwilliges Böcklein aus Reih' und Glied, so half Vater Martin Junghans nach und züchtigte es. Das geschah selten, aber dann mit treuherzigem Zorn, männlicher Festigkeit, und von der Mutter ließ er sich nicht in den Arm fallen.

Diese betrübliche Vaterpflicht hatte er unlängst an Ulrich, seinem zweiten, bald zwölfjährigen Sohn erfüllt, der sich als Ziel für heimliche Schießübungen die blinden Rundscheiben eines Nachbarhauses ausersehen hatte.

Nun bemerkte er im Wesen des Knaben eine Änderung, die ihm zu denken gab. Der sonst gutgeartete, offene und geschickte Junge, wegen seiner geistigen Lebhaftigkeit beinahe sein Liebling, verschloß sich ihm, der Mutter, den Geschwistern und wurde ein Eingänger und Eigenbrötler. Schwer ließ sich sagen, was er in den Sinnen trug. Hatte der Vater den Buben wegen der paar Scheiben doch zu scharf gestraft? – Meister Martin war darüber nicht ohne innere Unruhe, doch ließ er es gewähren, daß sich der Junge oft bergwärts davonschlich, hinauf in die stillen Felder und Wälder, die sich in breiter Ebene über der Stromhalde ausdehnen. Noch war es ja keine Übeltat, wenn ein Knabe gern allein seiner Wege streifte, und gelegentlich war schon wieder ein Wort mit ihm zu sprechen.

In der Tat war Ulrich über der Züchtigung eine wehe Kränkung ins Gemüt gefahren. In seinem Einsamkeitsdrang vertrieb er sich die Zeit mit allerlei knabenhaften Gedanken über das menschliche Leben, Werden, Sein und Vergehen. In den Adern floß ihm aber das Blut des Vaters, den es nie lange beim bloßen Sinnen litt. Die Hände mußten etwas zu tun haben. Er zertrümmerte alte Baumstrünke, um sie nach ihrem Inhalt zu durchforschen, wühlte in Fuchs- und Dachshöhlen und baute in die Quellenläufe Wasserräder aus Weiden und Schindeln; endlich suchte er dadurch einen Ausweg aus seinem Groll, daß er sich auf eine Erfindung warf, und zwar auf die eines Flugzeuges, was damals noch kein so landläufiger Gedanke war wie in unseren Tagen.

Als Werkstätte diente ihm eine Hütte, die sich Holzhauer im Winter zur Zuflucht erbaut hatten. Sie stand durch einen Waldstreifen vor neugierigen Blicken geschützt, vom Städtchen ziemlich entfernt, am Strom. Dahinauf trug er aus einer Bucht Weidenzweige, Binsen und Schilf und flocht sich daraus mit einer Geschicklichkeit, die eines Korbmachers würdig gewesen wäre, zwei Flügel, die, wenn er sie aufstellte, doppelt so hoch wie er selber waren. Der Sattler lieferte ihm um gute Worte und wenig Geld einen alten Gürtel und starken Zwirnfaden, mit denen er die Schwingen zusammenfügte, und lederne Handriemen, die er an die Flügel nähte, damit er sie zu bewegen vermöge.

In tiefer Heimlichkeit war die Maschine fertig geworden. Strahlenden Auges betrachtete er sie und sah sich in seinen Träumen bereits durch die Lüfte schweben. Sein Ehrgeiz war, den Rhein zu überfliegen. Die Eglisauer sollten nun sehen, daß er mehr könne als Schrot in alte Fenster schießen. Vor allem aber wollte er den Vater beschämen, die Erfindung um eine große Summe Geldes verkaufen und ihm den Betrag schenken. Bei diesem Gedanken klopfte ihm das Herz fast zum Zerspringen.–

Eines Sommertags arbeitete er mit Mutter und Geschwister im Weinberg; nun aber die Glocke aus dem Städtchen herauf vier Uhr meldete, durfte die Jugend baden gehen.

Er tat vor der Mutter, als ob auch er diese Absicht hätte, löste sich aber bald aus der Schar der übrigen Knaben und stieg berghinan. Die große Stunde war da, wo er den Wert seiner Erfindung beweisen wollte. Mit jeder Faser seiner Sinne glaubte er daran.

Aus der Waldhütte schleppte er die Flügel an eine Stelle der Stromhalde, an der ihn nicht leicht jemand beobachten konnte, und hielt von einem zerbröckelnden Felskopf Ausschau. Wenn er in den Rhein flöge! Das wäre nicht schlimm. Als vortrefflicher Schwimmer war er in den Wellen daheim. Wie ärgerlich aber! Am Fuß des Abhangs, halb hinter Weidenbäumen verborgen, badete an einer seichten Stelle eine kleine Schar Schulmädchen in weißen Hemden. Zwei davon erkannte er aus der Höhe: seine Schwester Marie und ihre jüngere Freundin, das Pfarrerstöchterlein Nick; denn so dunkle Haarschöpfe wie die beiden hatte sonst niemand im Städtchen. Ihnen über die Köpfe hinwegfliegen? Was entstände für ein Geschrei! – Nein, es war doch klüger, zu warten und den wilden Eifer zu zähmen. Wie eine Ewigkeit erschien ihm die halbe oder ganze Stunde, während der die Mädchen sich noch im Wasser tummelten.

Endlich kleideten sie sich unter den Uferweiden an. Eines die Arme in die des andern gehängt, gingen sie mit lässigem Singsang gegen das Städtchen zurück und ließen auf ihren Rücken die Badhemden in der Sonne trocknen.

Nun war sein Augenblick da.

Mit wildem Herzpochen hängte er sich den Gurt der Flügel über den Nacken und schlüpfte mit den Armen und Händen in die Bänder. Das Gesicht heiß und kühl, die Stirne vor Erregung schweißtriefend, rannte er, die Schwingen hinter sich schleppend in jähem Anlauf über den Felskopf hinaus.

Was half ihm sein verzweifelter Mut? – Es ging ihm wie damals noch allen, die fliegen wollten. Die schöngebauten Flügel machten keinen Schlag. Über den Fels hinab stürzte er auf die mit wenig Gras bewachsene Geröllhalde, hilflos kollerte er mit den Flügeln den Abhang hinunter, dann warf ihn die wachsende Sturzkraft mitten in ein Gebüsch von Schwarzdorn und Brombeerstauden. Sie hielten seinen weiteren Fall auf.

Unbewußt hatte er bei dem Sturz einen Schrei ausgestoßen.

Die heimwärts schreitenden Mädchen blickten sich um, kamen eilends zurückgelaufen und spähten ängstlich in das Gestrüpp. Marie, die Schwester, schrie entsetzt auf: »Mein Gott, du bist es, Uli!«

Es war nicht leicht, dem in die Dornen Gefallenen Hilfe zu bringen; im Kreise stand das Schärchen jammernd um den unglücklichen Flieger, den die Schnallen seiner halbgebrochenen Flügel an jeder Bewegung hinderten, und begriff nicht recht, was vorgefallen war.

Zuerst packte Nick zu. Mit einem Taschenmesserchen begann sie die Ranken und Dornen wegzuschneiden und war dabei so eifrig, daß sie sich selber das blaugetupfte Kleid zerriß und die Arme blutig kratzte.

Einmal begegneten sich die Augen des Hilflosen und die ihrigen, und mitten in den brennenden Schmerzen überraschte er sich bei dem Gedanken: »Wie schön ist die Nick!« Das lag an ihren dunklen Augen und ihren vom Eifer der Arbeit geröteten Wangen.

Übrigens leistete ihr Messerchen so kleine Dienste, daß er ihretwegen noch lange in den Stauden hätte liegen bleiben können; aber der Auflauf der schreienden Mädchen war aus der Ferne von Rebleuten bemerkt worden. Sie eilten herbei und hatten mit ihren kräftigen Hackmessern und Scheren Uli, dem das Blut übers Gesicht lief, bald aus den Dornen und Banden los. Doch errieten sie so wenig wie die Mädchen, auf welche Weise er in diese üble Lage geraten war.

Erst Pfarrer Tappoli, der irgendwo am Strom der Anglerei obgelegen hatte, löste das Rätsel. Obgleich ihn der stöhnend daliegende Knabe dauerte, glitt ihm doch ein Lächeln um den Mund: »Der neue Schneider von Ulm!«

Das verstand nun Ulrich nicht; er merkte aber doch, daß das Wort irgend etwas Närrisches andeutete. Vor Scham vergaß er einen Herzschlag lang seinen Schmerz.

Eine Schulter war ihm verrenkt, ein Fuß gebrochen.

Die Leute banden die beiden zerzausten Weiden- und Schilfflügel zu einer Tragbahre zusammen. Auf den Schwingen, die ihn hätten über den Rhein führen sollen, wurde der tollkühne Junge, der sich jetzt am liebsten in die Erde verkrochen hätte, unter mancherlei Geleit ins Städtchen gebracht. Neben der Bahre lief die schlanke Nick, unbewußt hielt sie die dunklen Lichter in die geängstigten blauen Augen des Verunglückten gerichtet.

Noch vor dem Städtchen kam, was Ulrich am meisten fürchtete: die Begegnung mit dem Vater. Das Gesicht bleich vor Zorn, trat der breitschultrige Schmied mit dem blonden Vollbart an den Knaben heran. Jemand von den Seinen in aller Leute Mund und Gespött! Das war mehr, als Junghans ertrug. Ehe er aber die Lauge seiner Wut ausschütten konnte, erkannte der Pfarrer das herannahende Gewitter, nahm ihn auf die Seite und sprach mit ihm von altem gutem Einvernehmen und davon, daß man einen Bubenstreich nicht gar zu ernst nehmen dürfe; den mißlungenen Flugversuch Ulis um so weniger, als der Junge ja den Versuch nicht aus böser Absicht oder niedriger Denkart, sondern aus einer lebhaften Einbildungskraft unternommen und der Übermut seine Strafe bereits in sich selber gefunden habe.

Meister Martin ließ sich halbwegs beruhigen, beherrschte den Zorn und versetzte nur: »Jetzt wird mein Uli entweder etwas ganz Rechtes oder etwas ganz Schlechtes. Wer solche Jugendstreiche begeht, findet den goldenen Mittelweg nie!«

»In Uli liegt bloß das ganz Rechte. Keine Bange, Meister,« erwiderte der Pfarrer in klingendem Brustton.

Die Männer hatten das alte Haus in der Obergasse erreicht und den Verwundeten in die Stube getragen. Da es nichts mehr zu gaffen gab, zerstreuten sich die Neugierigen. »Wir haben in Eglisau wohl schon manche seltsame Leute erlebt,« plauderten sie, »sogar einmal einen, der den ewigen Umgang studierte und darüber irrsinnig geworden ist; aber einen, der fliegen wollte, doch noch nie.« Ein paar Alte hatten aus den Kalendern noch die Geschichte des Schneiders von Ulm im Gedächtnis. Die lief nun durch das Städtchen. »Albrecht Berblingen hieß er und verfertigte nicht bloß Kleider, sondern auch Kinderwägelchen, sowie künstliche Arme und Füße für Verstümmelte. Am 30. Mai 1811 wollte er mit einer selbsterfundenen Maschine im Beisein vieler Zuschauer von der Stadtmauer in Ulm die Donau überfliegen, fiel aber elendiglich in den Fluß. Der König, der eben in der Stadt weilte, schickte dem Narren zwanzig Louisdors zum Trost, der Schneider jedoch wurde darüber nur noch verrückter. Er ließ sich für ein Wachsfigurenkabinett nachbilden und wurde neben anderen berühmten Persönlichkeiten als Spottgestalt in allen deutschen Städten ausgestellt. Damit brachte er viele Schande über die ehrsame Schneiderzunft und seine gesamte Vaterstadt.« So ging die Erzählung.

Einige sagten: »Die Geschichte des Schneiders ist im Schwabenland geschehen. Bei uns in der Schweiz, wo wir klüger sind, weiß bis auf Uli Junghans jedes Kind, daß man das Fliegen den Vögeln überlassen muß. Wenn wir Eglisauer nun bloß seinetwegen nicht auch in den Kalender kommen!« Die meisten aber waren froh, daß in dem stillen Städtchen wieder einmal etwas geschehen war, worüber man bei der Rebenarbeit ausgiebig sprechen, sich sittlich entrüsten und eine Familie bemitleiden konnte. »Der unglückliche Meister Martin! Was wird der noch an seinem zweiten Buben erleben! Und es sind doch rechtschaffene Leute, der Schmied und sein Weib.«–

In der Kammer lag Ulrich während der schönen Sommerszeit. Über das Ende des Schragens lief auf einer Holzrolle ein Seil, das ihm durch ein freihängendes Steingewicht den gebrochenen Fuß streckte, und von der Decke hing wieder ein Strick, an dessen Handhabe er sich notdürftig emporrichten konnte, doch der zerquetschten Schulter wegen nur unter Schmerzen.

Hie und da sahen Mutter, Geschwister, Verwandte und Bekannte nach ihm, und wer aus dem Städtchen kam, erzählte ihm die Geschichte des Schneiders von Ulm. »Hätte ich um den Albrecht Berblinger früher gewußt,« stöhnte er, »so wäre mir der Gedanke an das Fliegen nie gekommen und ich läge nicht so elend darnieder.« Nein, auf seinem unseligen Abenteuer schwebte nicht einmal der Reiz des noch nie Dagewesenen. Und jetzt hatte er schon so oft von Berblinger gehört, in alten Kalendern sein marktschreierisches Bild gesehen, daß er, wenn man ihm davon sprach, die blauen Augen und den blonden Kopf nur noch trübselig und ergebungsvoll gegen die Wand wendete. Noch mehr als unter der närrischen Geschichte aber litt er unter dem grolligen Benehmen des Vaters, an dem er doch mit der Leidenschaft des jungen Herzens hing.

Meister Junghans ärgerte und schämte sich bis auf die Knochen, daß einer seiner Jungen mit dem Gaukler von Ulm im gleichen Atemzug genannt wurde und wohl den Vergleich sein Leben lang tragen mußte. So ungehalten war er darüber, daß er nie in die Kammer des Dulders trat, sich nur gelegentlich bei der Mutter nach seinem Befinden erkundigte, und auch dann noch in einem Ton, als ob er sich mit der Nachfrage etwas an seiner Mannesehre vergebe.

Unter der zürnenden Art des sonst gutherzigen und gerechten Vaters litt nun die gesamte Familie, Ulrich oft bis zu heißen, heimlichen Tränen.

Da war es ihm ein großer Trost, daß neben manchen ihm gleichgültigen Leuten zuweilen auch die schlanke, schmale Nick Tappoli mit dem bildsaubern Köpfchen an seinem Lager erschien. Nie kam sie mit leeren Händen. Sie brachte ihm ein paar Blumen aus dem Pfarrgarten, Frühäpfel oder Pfirsiche, oder aus dem Fruchttrog weiche, gedörrte Birnen, die von weißem Fruchtzucker überlaufen wie Honig schmeckten. Oft mit seiner Schwester Marie, oft allein saß sie bei ihm und plauderte. Und wenn er einmal in Schmerzen zuckte, blinzelten ihm ihre dunklen Augen ermunternd zu: »Wenn du nicht hättest fliegen wollen, so könnte ich auch nicht so dasitzen, dich bemitleiden und bemuttern. Und das ist mir doch ein großes Vergnügen!«

Nick, das heißblütige Wesen, sah Uli fast so gern wie er sie, und er merkte es mit jubelnder Seele.

2

Inhaltsverzeichnis

Nick, die mit ihrem eigentlichen Namen Monika hieß, war das Nesthäkchen des Pfarrhauses, ein hageres, zartes Geschöpf, doch von lachender Frische, mit dunkeln Augen und krausen Locken, noch eckig und zehnjährig kinderhaft in ihren Bewegungen, aber in allem, was sie tat, voll heimlichen Feuers. Fragte man sie, was sie im Leben werden wolle, erwiderte sie mit nachdrücklichem Ernst: »Eine Mutter!«

An dieser Antwort war nun nichts Besonderes. Wie viele kleine Mädchen mögen so denken und reden! Das Besondere war das warme Zugreifen, mit dem Nick den mütterlichen Trieb betätigte. Wenn die Frauen des Städtchens in den sonnenheißen Reben arbeiteten, sammelte sie die kleinen Kinder im Pfarrhof und von der Höhe des Studierzimmers hatte Tappoli Gelegenheit, ihr Pflegerinnentalent zu beobachten und darüber zu lachen. Namentlich aber hatte es ihm ein Streich der Jüngsten angetan.

Jenseits der Rheinbrücke hauste eine Korberfamilie im Blachenwagen. Die Frau kam nieder und zwar mit Zwillingen. In einer Kiste, die der Mann eilig bei einem Krämer geholt hatte, ruhten die beiden Kindlein auf Stroh. Sie sehen, heimlaufen und den Leuten für die Kleinen heimlich das Kopfkissen vom eigenen Bett bringen, war bei Nick eins. Darauf aber kam das schlechte Gewissen. Nick war nun jeden Morgen die erste, die aufstand, machte ihr Bett selbst und ließ sich von der Mutter die feurigen Kohlen unverdienter Lobsprüche auf das Haupt legen. Als aber die Wäsche gewechselt wurde, kam das Verschwinden des Kissens an den Tag. Noch schwieg die Schelmin, bis die Mutter ein armes Weib, das beim Vater vorgesprochen hatte, des Diebstahls verdächtigte. Da beichtete das Kind.

Die Mutter mochte schelten, Tappoli liebte den Schlingel. Gewiß auch die andern Kinder, den Gymnasiasten Dietrich, der dann und wann über Sonntag mit Freunden aus Zürich herüberkam, und Julie, die Erstgeborene, die in der Haushaltung schon eine große Stütze der etwas kränkelnden Mutter bildete; aber er spürte, wie Nick ein seelisch tieferes Leben führte als die beiden.

Sein besonderes Wohlgefallen an der Jüngsten stammte aber noch aus einer anderen Quelle. Ihr Anblick erinnerte ihn stets an seine Vorfahren, um des Glaubens willen vor dreihundert Jahren aus ihrer Heimat vertriebene Locarnesen, die sich durch den Hochwinter der Alpen schlugen und in Zürich eine zweite Heimat fanden. Allmählich hatten sich die Tappoli verdeutscht, sich mit der Stadt aufs innigste verwachsen, ihr manchen Magistraten und Kriegsmann von Ruf, namentlich aber viele Pfarrer gestellt. Er selber liebte Zürich mit warmem Bürgerstolz, doch gefiel ihm, daß irgendein Zug im Wesen Nicks, vor allem der in alemannischen Landen ungewöhnlich feine Gesichtsschnitt, das südliche Blut der Voreltern wieder zur Erscheinung brachte. Das Krausköpfchen zu belauschen, die späte, seltene Blume aus der Stammheimat jenseits der Berge, bildete die besondere Würze seines pfarrherrlichen Stillebens.

Als Nick nun Tag um Tag zu dem seit seinem Unfall immer noch leidenden Ulrich Junghans lief, fragte er sie einmal: »Und hast du über ihm deinen Freund Gerold von Jaberg ganz vergessen?« Sie sperrte die dunkeln Augen groß auf. »Nein, ich gehe und lade ihn ein, daß er am Sonntag wieder einmal zum Tanz kommt!«

Am Sonntagabend durfte sich die Jugend im Pfarrhaus tollen. Der Pfarrer, der einen artigen Verkehr zwischen Knaben und Mädchen für ein Stück Erziehung ansah, setzte sich auf den Tisch, stellte die Beine auf das Brett eines Stuhls, blies auf der Flöte Tanzmelodien, schlug mit dem rechten Fuß den Takt dazu, und die Kinder tanzten nach Herzenslust durch die Stube. Kam Dietrich mit seinen Freunden zu Besuch und fehlte es an ein paar Mädchen, dann rief man aus dem Städtchen Unterstützung herbei, darunter Marie Junghans, die drei Jahre älter, doch nicht viel größer als Nick war. Und nun fand sich auch Gerold von Jaberg, sonst ein schüchterner und zurückhaltender Junge, der sich an seinen Vater zu klammern liebte, seit einiger Zeit in dem harmlosen Kreise heimisch.

Sein Vater, Doktor Bruno von Jaberg, mit dem er sonst auf einem Schlößchen bei Konstanz wohnte, ein reicher und feingebildeter Mann, übte im Gebiet des Oberrheins den Beruf des Altertumsforschers aus. Dabei war ihm Eglisau ein angenehmer Standort mitten in einer Gegend, in der es mancherlei Geschichtliches zu entdecken und nachzuweisen gab: keltische Grabhügel und Lager, die Spuren einer römischen Brücke über den Rhein, auch von Wachttürmen an den Ufern, altalemannische Siedlungen und Schutzwerke und mittelalterliche Reste. Deswegen nahm er, von Gerold begleitet, jeden Sommer ein paar Wochen Quartier im Städtchen. Das Volk, das für seine Forschungen nur mäßiges Verständnis zeigte, betrachtete den Gast, der in der Hand die Doppelhacke und über der Schulter die Sammlerbüchse trug, als einen vornehmen Kauz, um so mehr, weil er und seine Frau getrennt lebten, er am nahen Bodensee, sie irgendwo fern am Meer. Wer aber mit dem leichtergrauten Fünfziger, in dessen Zügen ein leises Leiden stand, näher in Berührung kam, lobte seinen menschenfreundlichen Sinn, sein Verständnis für die bäuerliche Welt, und manche behaupteten, es sei mit dem adeligen Herrn leichter als mit manchem Gemeindepräsidenten oder Säckelmeister zu verkehren. Pfarrer Tappoli hörte ihn gern von seinen Ausgrabungen erzählen, und sie verplauderten beim Wein oft eine Abendstunde miteinander.

So kam es, daß sich auch die Kinder Gerold und Nick gut kannten. Beim Tanz im Pfarrhaus wurde durch sie seine Neugier nach dem Knaben lebendig, der hatte fliegen wollen. Er wünschte ihn zu sehen, und der Vater gab seiner Bitte nach; er kaufte zur Ausrede bei Meister Junghans ein schönes Messer und fragte dann höflich nach Ulrich. Dem Schmied schwoll die Zornader auf der Stirn, am liebsten hätte er ihm geantwortet: »Was geht Sie der dumme Streich Ulis an? Er ist mein Junge!« Es lag aber etwas Zwingendes in der schlichten Vornehmheit des Käufers, und mit verdüstertem Gesicht führte der Schmied ihn und Gerold an das Lager des Leidenden. Ulrich aber sah nur den eigenen Vater, und sein Herz wallte über vor Freude, daß sich der Gekränkte endlich einmal bei ihm blicken ließ.

Jaberg, Vater und Sohn, unterhielten sich eine Weile mit ihm und erbaten sich sogar die Erlaubnis, wieder vorsprechen zu dürfen. Der stille Gerold, der an dem jugendlichen Abenteurer einen besonderen Gefallen fand, kam nun fast so häufig zu Ulrich wie die Nick, und manchmal saß das Dreiblatt stundenlang über prächtigen Knabenbüchern, die er mit sich brachte, beisammen.

Schon konnte Ulrich mit aufgebundenem Arm an einem Stock wieder um das Haus hinken. Da kam der Vater Gerolds wieder zu Meister Junghans. »Aus den Kenntnissen Ihres Sohnes«, begann er, »habe ich gemerkt, daß das Städtchen eine sehr gute Volksschule besitzt. Und da sich die beiden Knaben in ihrer Eigenart so schön ergänzen, will ich Gerold zulieb über Herbst und Winter in Eglisau bleiben, damit er hier mit Ulrich die Schule besuche. Ich selber kann ja hier gerade so gut über meiner Gelehrtenarbeit liegen wie daheim in Kreuzlingen. Was tut ein alleinstehender Alter nicht für seinen einzigen Sohn?«

Meister Junghans merkte wohl, wie viel Anerkennung für seinen Sorgenbuben in der Rede Jabergs lag, doch mißfiel sie ihm völlig. Was sollte Uli, dem er für alle Zukunft eine strenge Zucht zugedacht hatte, gleichsam als Belohnung für die Lächerlichkeit, die er über das Haus gebracht hatte, der Kamerad eines Adeligen werden? Das hieß doch nur, ihm noch mehr Mücken in den Kopf setzen und ihn verderben. Auch regte sich der republikanische Stolz des Schmieds. Wenn man wissen wollte, was von den Edelleuten zu halten ist, brauchte man nur die Schweizer Geschichte zu lesen. Wie hatten sie von jeher das Landvolk gequält! Indessen war im Wesen Jabergs etwas so Untadeliges, daß er seine Bedenken verschwieg. Er konnte es ja doch nicht verhindern, daß der Gelehrte im Städtchen blieb und der Junge die Schule besuchte! Und es handelte sich auch nur um das letzte halbe Volksschuljahr: dann gingen die Wege der Knaben von selber wieder auseinander, mußte der seine den Jungschmiedeschurz anziehen.

Zwischen Ulrich und Gerold waltete nun eine gute Knabenfreundschaft, doch nicht ohne heimliche Schmerzen für jenen.

Er merkte, daß Nick, die während der Krankheit sein Entzücken gewesen war, mehr zu Gerold als zu ihm neigte. Wenn es zwischen Knaben und Mädchen zu einer Schlacht mit Schneeballen kam, lief sie sicher in die Wurfbahn Jabergs, und wenn sie der rücksichtsvolle Junge versehentlich einmal scharf ins Gesicht traf, so heulte sie nicht, sondern lachte ihn bloß mit blitzenden Augen und weißen Zähnen an, eilte kühn auf ihn los, und er war höflich genug, sich von ihren geschwinden Mädchenhänden niederringen und von Kopf zu Fuß mit Schnee einreiben zu lassen.

Das offenbare Einverständnis zwischen den beiden nahm aber Ulrich weniger seinem Freund als Nick übel. Wie flatterhaft sind die Mädchen! Das überlegte er sich oft mit einem Seufzer, mußte sich aber selber zugestehn, daß ihn Gerold in allem übertraf, was einem Knaben in den Augen der Mädchen Wert geben konnte. Der etwas aufgeschossene Junge war einen Zoll größer als er, hatte ein feines Gesicht mit zartroten Wangen, braune, sinnige Augen und war nicht nur durch die guten Kleider, die er trug, sondern auch durch Sitte und Wohlanstand allen Knaben des Städtchens voran. Das stach Nick natürlich in die Augen.

Ulrichs eigene Vorzüge lagen an anderer Stelle: im raschen Begreifen, im eindringlichen Erfassen dessen, was ihnen der Lehrer bot. Da kam ihm der immerhin ansehnlich begabte Gerold nicht gleich, nahm vielmehr oft mit bescheidenem Lächeln seine Hilfe in Anspruch, und gerade dieses bittende Lächeln tat ihm an Jaberg so wohl, daß er für ihn durchs Feuer gegangen wäre und ihm die Freundschaft Nicks mit wehmütigem Verzicht gönnte.

So kam der Frühling. Wasserreich und blau strömte der Rhein, der im Winter klein und grün dahingeflossen war.

Da lud Doktor von Jaberg die Knaben zu einem Ausflug ins Rafzerfeld ein. Es war ein Tag in Blau und Gold, der Himmel hoch. Er führte sie hinaus durch die grünenden Felder, über denen die Lerchen schmetterten, auf den letzten Hügelzug des Schweizerlandes, von dem drei alte, sturmzerzauste Föhren hinein ins badische Gelände grüßen. In der Nähe war der Heidenbühl, eine von den andern leicht abgetrennte Kuppe, aus deren Namen und Form der Forscher eine alte Grabstätte erkannt hatte, die er gelegentlich mit ein paar Arbeitern untersuchen wollte. »Ich vermute, es sind große Steinkammern darin, in denen unsere Urahnen ihre Häuptlinge mit Wehr und Waffen begraben haben,« erklärte er. »Wie Wohnhäuser haben sie die letzten Stätten der Toten eingerichtet und ihnen am Jahrtag des Dahinscheidens Wildbret an den Hügel gelegt, Honigbier in Schalen gegossen, damit sie sich erquicken, und Feuer angezündet, damit sich ihre Seelen wärmen können. Auch Blumen haben sie ihnen gebracht. Also besaßen schon die längst vergangenen Heiden feine Herzen und feines Gemüt.«

Während der Doktor so sprach, begegnete er dem verlorenen Blick Ulis und spürte wohl, wie sich die Einbildungskraft des Knaben an seinen Worten entzündete. Als sie vom Heidenbühl gegen das Dorf Wil hinunterschritten, das mit breiten Dächern aus einem Obstbaumwald hervorschaute, fragte er: »Was für einen Lebensweg willst du einmal einschlagen?« »Es wird mir nichts übrig bleiben, als bei meinem Vater Schmied zu werden,« erwiderte Ulrich etwas bedrückt. »Wenn du aber die Wahl hättest?« fragte Jaberg. »So würde ich studieren,« blitzte es aus der Seele des Jungen, »und Geschichtskundiger werden wie Sie!« Dafür hatte Jaberg nur ein Lächeln.

Am andern Tag trat er wieder einmal in die Werkstatt und Stube des Meisters Junghans. »Ich gedenke Gerold durch das Gymnasium von Konstanz laufen zu lassen, und da ich den günstigen Einfluß sehe, den Ihr talentvoller Ulrich auf ihn ausübt, so würde ich mich freuen, wenn auch er diesen Bildungsgang genießen dürfte. Sind Sie einverstanden, Meister Junghans, so übernehme ich auch für Ulrich die Gymnasialbildungskosten. Er soll auf meinem Schlößchen leben und gerade wie Gerold behandelt sein.«

Der Vorschlag war für Vater Junghans eine volle Überraschung, verlegen fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. Es ging ihm gegen den Handwerkerstolz, daß einer seiner Söhne und damit er selbst eine Wohltat aus fremder Hand und namentlich von einem adeligen Herrn annehmen sollte. Das Anerbieten schien ihm für den Unnützen, dem er das Flugabenteuer immer noch nicht recht verziehen hatte, des Guten zu viel. Und er achtete auch nicht groß darauf, wie die Augen Ulrichs baten und flehten.

Er verlangte ein paar Tage Bedenkzeit. »Es ist eine Sache, die man nicht übers Knie brechen kann.«

Als Jaberg gegangen war, wandte er sich an die Mutter: »Was braucht Uli als künftiger Schmied Gymnasialbildung! Ich fürchte, die Schule verdirbt ihn bloß für die Arbeit.«

»Ist es denn nötig, daß alle unsere vier Buben wieder Schmiede werden? Genügt es nicht, daß du Friedrich nach Winterthur in die Lehre gegeben hast?« ereiferte sich die Mutter. »Gibt es denn wirklich ohne Handwerk kein Glück in der Welt, und beleidigen wir nicht Gottes Vorsehung, wenn wir Uli ein Tor verschließen, das sich ihm ohne unser Dazutun aufgeschlossen hat?« Die zarte, schwarzhaarige Frau wehrte sich für die Jugendrechte des Knaben wie eine Löwin für ihr Junges, und Meister Junghans, der sonst sein Wort als unanfechtbar und unwiderruflich betrachtete, fand an ihren kampfbereiten Augen Wohlgefallen. »Du kleines Weib, was verstehst denn du von den Dingen der Welt! Uli hat mich nun einmmal durch seinen Flug in die Brombeerstauden erschreckt.« Die tapfere Frau rief den Pfarrer zum Bundesgenossen auf, und Tappoli, der sich an allem freute, was der Spießbürgerlichkeit und dem staubigen Alltag zuwiderlief, brachte Ulrich auf das Konstanzer Gymnasium.

So nahm die törichte Fliegerei für den Knaben doch noch ein gutes Ende.

3

Inhaltsverzeichnis

Ulrich wohnte mit Gerold und dessen Vater in dem Schlößchen, das mit vier großen Pappeln vor dem Giebel auf der Höhe von Kreuzlingen steht und über Konstanz, den Bodensee und den Rhein hinausblickt. Jeden Morgen wanderten die Freunde mit ihren Büchern hinab in die Stadt. Gerold, der wohl wegen des Adelstitels, aber auch wegen seines liebenswürdigen Wesens von den Mitschülern viel umworben war, hielt mit niemand treuere Freundschaft als mit dem Gespielen von Eglisau, der, aus härterem Stoff geschaffen, die größere geistige Spannkraft besaß und in seinen Gedanken tiefer grub. Der junge, weichgeartete Edelmann, der nur durch eine rührende Pflichttreue und hingebenden Fleiß mit dem begabteren Freunde Schritt zu halten vermochte, sah ihn oft mit leistraurigem Lächeln an. »Gott, wär' ich so frisch und stark wie du! Mein Vater hat wohl Recht, wir leiden unter dem alten Blut.«

In der feinen Seele Gerolds wohnte aber noch ein Schmerz, über den er nicht sprach, den Uli jedoch ahnte: das Leid darüber, daß sich die Eltern geschieden hatten. Jedes Jahr zweimal verbrachte er die Ferien bei der Mutter, die auf einem Gute bei Lübeck in ihrer Heimat lebte. Dann kam er jedesmal etwas bedrückt an den Bodensee zurück. Was war es für ein herbes Knabenlos, die Mutter zu entbehren, wenn er beim Vater weilte, den Vater, wenn er bei der Mutter zu Besuch war! Er liebte beide zärtlich. An diesem Zwiespalt lag es wohl, daß aus seinem sonst rüstigen Wesen stets etwas wie ein stummes Leiden sprach.

Desto mehr fühlte Uli sich verpflichtet, Gerold ein herzlicher Kamerad zu sein, und durfte sich getrösten, daß er die Wohltaten, die ihm Doktor von Jaberg in väterlichem Wohlwollen erwies, an den Freund nach bestem Vermögen heimzahle. Er verlebte auf dem Schlößchen zwei schöne Jahre, und als die hellsten Lichter darin erschienen ihm die Wandertage, an denen sie mit Vater Jaberg die Gestade und Städtchen des Bodensees und des Oberrheins durchstreiften. Aus der Wärme seines Wesens und der Fülle seines Wissens plauderte der Gelehrte mit ihnen. »Mir ist der Bodensee ein Heiligtum, ein Urherd menschlicher Kultur, die Stätte, an der sich die frühesten Schicksale Mitteleuropas begeben haben.«

Für seine Studien hätte er sich keinen eifrigeren Schüler wünschen können als Ulrich. Und der Junge nährte nur den einen Wunsch, daß ihm das Leben stets so freundlich gesinnt bleiben möge wie in den Konstanzer Tagen.

Als er sich dabei überraschte, lag ihm aber vom letzten Besuch im Elternhause her schon ein tiefer Kummer in der Brust. Der Vater war an einem hartnäckigen Husten erkrankt, die Backenknochen stachen ihm unheildrohend hervor, er fiel aus den Kleidern, und sein schöner blonder Bart begann bereits zu ergrauen.

Bald besuchte Ulrich die Eltern wieder. Da fand er den Vater, der bis dahin aus lauter Liebe zu den Kindern in den Fragen der Erziehung fast zu streng gewesen war, plötzlich von einer Milde, die ihn erschreckte. In einem Zug tat ihm das veränderte Wesen, die herzliche Güte des Leidenden wohl und weh.

Als er den Eltern gute Nacht bot, hielt ihn die Mutter zurück. »Wir haben mit dir Ernstes zu sprechen, Uli. So sehr wir die Güte des Herrn von Jaberg gegen dich schätzen und uns deiner vortrefflichen Zeugnisse freuen, so kann von deinem Gymnasialbesuch doch nicht weiter die Rede sein. Du mußt in die Werkstatt treten und den Vater entlasten. Wir haben uns lange gegen den Gedanken gesperrt und Friedrich heimrufen wollen, aber sein Meister gibt es nicht zu. Also müssen wir uns an dich halten. Wie schmerzlich es dir sein mag, armer Bub, so kennst du nun deine Pflicht! In einer so großen Familie wie der unsern muß eins dem andern helfen und Opfer bringen. Und du hast ja nicht nur den hellen Kopf für die Studien, sondern auch die ebenso geschickten Hände für die Arbeit. In Gottes Namen füg dich drein.« Der blasse, hüstelnde Vater nickte. »Ja, so ist's leider, Uli. Ich hätt's dir besser gegönnt!«

Dem Knaben verschlug die elterliche Eröffnung die Sprache. Im Bett weinte er still und heiß. Es war ihm unendlich schwer, den Traum aufzugeben, daß er sich ähnlich wie Doktor von Jaberg den Wissenschaften widmen könne und sein Name einmal von den Erfolgen einer gelehrten Laufbahn umglänzt werde. Ihm war, diese Nacht lege seine Jugend in Trümmer, eine blühende Welt, deren Schönheit er erst jetzt begriff, da sie für ihn unterging. Am Morgen jedoch trat er gefaßt vor die Eltern: »Also werde ich Schmied und kehre bloß nach Konstanz zurück, um mich von Gerold und seinem Vater zu verabschieden.«

Die Aussprache mit diesen beiden ging leichter, als er sich gedacht hatte. »Auch bei uns liegen Pläne vor, die tiefer in mein Leben eingreifen,« erzählte ihm Gerold. »Die von meinem Vater kürzlich veröffentlichten ›Wanderstudien aus der Vorgeschichte des Bodensees‹ haben ihm mancherlei Anerkennung eingetragen. So die Einladung der mit reichen Mitteln ausgerüsteten Prähistorischen Gesellschaft in Kopenhagen, daß er zur Heranbildung junger dänischer Forscher in Jütland und auf den benachbarten Inseln ähnliche Untersuchungen alter Kulturreste und Denkmäler veranstalte wie am Bodensee. Der Antrag lockt ihn; es gibt dagegen nur das einzige Bedenken, daß ich mich wegen meines Bildungsganges von ihm trennen muß. Ich habe ihm aber gesagt, daß ich gern wieder eine Weile bei meiner Mutter leben würde. So wird es wohl kommen, vom stillen Gut Mecklenhof aus werde ich das Gymnasium in Lübeck besuchen und meinen Vater, der dem dänischen Ruf folgt, nur noch dann und wann sehen. Ich habe mir über diese Wendung deinetwegen Gedanken gemacht, Ulrich. Ich wollte dich einladen, mit mir in den Norden zu ziehen; doch ein Schweizer Junge würde es dort oben vor Heimweh kaum aushalten. So bitter für uns das Scheiden ist, – das Schicksal, das dich in die Werkstatt zwingt, erleichtert es mir, vom schönen Konstanz hinwegzugehen. Im übrigen werde ich gelegentlich wohl wieder in die Gegend kommen. Und wir bleiben Freunde.«

Herzlich waren auch die Abschiedsworte des Doktors: »Ulrich, wenn du je im Leben Anstoß findest und weißt nicht, wo aus und ein, so wende dich an mich.«