Niemand hat es kommen sehen - Gudrun Lerchbaum - E-Book

Niemand hat es kommen sehen E-Book

Gudrun Lerchbaum

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Beschreibung

Wenn aus einer Frau wie du und ich die "Waldviertler Elektra" wird. Ihre Geschichte macht Schlagzeilen, die grell und laut sind. Maria bleibt leise.    Erst bemerkt sie niemand, dann haben alle ein Bild von ihr.  Die dörfliche Gerüchteküche brodelt in Eichschlag, auch durch die Medien zieht sich die wundersame Geschichte: Eine Frau, die ein Jahr verschwunden war, ist wieder aufgetaucht. Leidet aber an Amnesie – behauptet jedenfalls sie selbst. Was in den letzten Monaten passiert ist, wo sie war, weiß sie nicht. Was sollen da bloß die Leute denken? Vor allem, da kurz vor Marias Verschwinden ihre pflegebedürftige Mutter gestorben ist. Der Hausarzt spricht es laut aus: Hat sie ihre Mutter umgebracht? Doch selbst als weitere Vorwürfe auftauchen, bleibt Maria stumm. Was soll sie ohne Erinnerung denn sagen?  Je ausgiebiger sie schweigt, desto maßloser sprechen die anderen. Maria wird zur Projektionsfläche: Hure, Muttermörderin. Aber ist sie auch wirklich Täterin – jetzt, wo sogar das Landeskriminalamt gegen sie ermittelt?   Was würde eine wie Maria tun, wenn es nötig ist? Wer ist Maria wirklich? Und, viel wichtiger: Was hat sie getan? Diese Frage beschäftigt die Ermittler*innen ebenso wie die Medien und die Menschen im Dorf. Besonders Marias Schulfreundin Rafaela kann die Anschuldigungen nicht glauben – das passt doch nicht zu der Person, die sie zu kennen glaubt. Aber auch der junge Journalist Lando interessiert sich für Maria und ihre Geschichte: Hat sie doch in den ausbeuterischen Strukturen gearbeitet, über die er recherchiert. Alle versuchen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Oder zumindest Teile davon. Was sie dabei ausheben, hat Potenzial: Indem Maria nicht spricht, sagt sie etwas über andere. Und diese anderen Frauen schlagen zurück – können sie ihre Solidarität zu einer Waffe machen?   Dingfestmachung der Identitäten-Jongleur*innen? Egal was ihr Umfeld, die Kolleg*innen, das Dorf, der Boulevard – die anderen eben – über sie sagen: Die unscheinbare Maria, die ruppige Chefinspektorin Mel oder auch Lando, der als Wiener Journalist für eine deutsche Zeitung schreibt, bleiben sich nicht nur treu. Sie erfinden sich darüber hinaus auch immer wieder neu, anders. Verbergen sie so Brüche und Risse, Unrecht oder Kummer? Oder haben sie einfach Lust am Spiel mit verschiedenen Versionen ihrer selbst? Gudrun Lerchbaum schreibt ihre Charaktere nicht fest: Sie bleiben wandelbar, wendig und in Bewegung. Ihr Spiel mit Perspektivenwechseln, Innensichten und Blicken von außen zieht uns in den Bann, ihre Charaktere begleiten uns auch über die letzte Seite hinaus. Denn so eine wie Maria, so eine sind wir doch alle irgendwie. Die Pflege der kranken Mutter, prekäre Arbeitsbedingungen, eine von Gewalt geprägte Beziehung – Marias Geschichte kommt uns schnell bekannt vor. Umso mehr lässt sie uns hoffen: auf die Stärke von Freundinnenschaft und vielleicht auch auf Gerechtigkeit.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Teil 1

1

Es klingelt. Schon wieder. Dabei hat Maria reichlich zu tun und ist erst vor einer knappen Stunde den Doktor losgeworden. Richtig lästig wird ihr der inzwischen, schaut jede Woche mehrmals vorbei und lässt sich mit Kaffee und Kuchen füttern wie damals, als die Mutter noch sterbenskrank nebenan lag. Als wäre Maria nie weg gewesen. Als hätte er sie vermisst. Dabei hat er sie damals außerhalb der gewohnten Umgebung nicht einmal erkannt, als sie sich einmal über den Weg gelaufen sind.

Was so ein bisschen öffentliche Aufmerksamkeit ausmacht, um die Blicke zu lenken. Denn sosehr er sie auch anflirtet – sie ist nicht so blöd zu glauben, dass es ihm um sie geht. Das Geheimnis ist es, das Rätsel, das sie mitgebracht hat. Nie hätte sie damit gerechnet, dass ihre Rückkehr nach Eichschlag derart viel Aufsehen erregen würde. Sie ist weggegangen, und jetzt ist sie halt wieder aufgetaucht. Hat sich schließlich vorher auch niemand groß um sie gekümmert.

Soll sie zur Tür gehen? Sicher ist es der Doktor. Vielleicht irrt sie sich doch, was seine Gefühle betrifft. In dem benebelten Zustand zwischen Langeweile und Übermüdung, in den sie sich in den Jahren der Pflege hat fallen lassen, ist ihr sein Interesse womöglich entgangen. Dabei hätte der geringste Hinweis genügt und sie wäre nach seinen Visiten bei der Mutter sogar über ihn hergefallen. Immer nur Fantasiesex ist ja auf Dauer auch nichts. Fantasien über den Hannes vom Sägewerk und den Nachbarn gegenüber, den Brunner vom Fischerei- und Jagdbedarf und sogar ganz klassisch über den Briefträger. So ausgehungert ist sie gewesen. Nur den Doktor mit seinem steif pomadisierten Haarhelm und dem moorigen Körpergeruch hat sie ausgelassen, obwohl er wie sie um die vierzig ist oder höchstens ein paar Jahre älter. Inzwischen hat sie zum Glück andere Optionen.

Gut möglich, dass er jetzt die angedrohte Flasche Wein bringt, die man dann gemeinsam trinken kann, und wer weiß.

Sein Pech, dass das Klingeln bei geschlossener Tür in der Küche kaum zu hören ist. Wenn man es überhaupt Klingeln nennen kann. Eher ist es ein kränkliches Rasseln, das die blecherne Glocke im Flur von sich gibt. Maria trocknet sich eine Hand an der Hose ab und dreht das Transistorradio auf, das der Mutter vom Aufstehen bis zum Schlafengehen Gesellschaft geleistet hat. Transistorradio hat die Mutter immer gesagt, dabei ist es ein ganz normales Radio, nur alt. Alt und auch staubig, wie ihr gerade auffällt.

Mit dem Schwammtuch fährt Maria noch einmal am Rand des Cognacglases entlang, bevor sie es unter fließendem Wasser spült und zum Abtropfen auf dem Geschirrtuch abstellt. Flüchtig wischt sie über die Oberflächen des Radios. Eine gründliche Säuberung der Knöpfe und des Gitters vor dem Lautsprecher hat ohne Wattestäbchen und Fettlöser gar keinen Sinn, und wenn sie jetzt damit anfängt, kommt sie aus dem Tritt. Mit dem ausgeleierten Ärmel streift sie sich die Haare aus der Stirn. Ihr himmelblauer Lieblings-Hoodie hat in der Wäschekiste das ganze Jahr über auf sie gewartet. Sie krempelt die Ärmel noch ein Stück weiter hinauf bis über die Ellbogen. Den muffigen Geruch hat der Pulli trotz mehrerer Waschgänge leider noch nicht ganz verloren. Wie auch. Das ganze Haus riecht nach Verfall.

Nach ihrer Rückkehr hat sie als Erstes die Wäsche gemacht. Nein. Zuvor hat sie noch das Bett der Mutter abgezogen. Sie hatten die tote Mutter mitgenommen und die Bettwäsche, in der sie gestorben war, hatten sie dagelassen. Nicht, dass man etwas anderes erwarten konnte. Aber gegruselt hat es Maria doch, und deshalb hat sie die Bettwäsche auch nicht gewaschen, sondern weggeworfen, obwohl es die mit den Libellen gewesen ist.

Heute sind die guten Gläser aus der Vitrine im Wohnzimmer dran. Die Mutter hat sie von ihrer Mutter bekommen und die wieder von ihrer Mutter, die in Wien im Dienst gewesen war bei der Erzherzogin Valerie. Erzherzogin Valerie, diese Worte mussten immer andächtig gehaucht werden, weil das die Tochter von Kaiserin Sisi und Kaiser Franz-Joseph gewesen ist. Noch immer tut Maria sich schwer zu glauben, dass diese Figuren wirklich einmal gelebt und Cognac getrunken haben. Oder eben nicht, weil die, psst, Erzherzogin Valerie die Gläser schließlich verschenkt hatte. Benutzt hat sie seither niemand, viel zu empfindlich.

Kaum zu glauben, was für eine schmierige Dreckschicht sich über die Jahrzehnte selbst hinter Glastüren auf den Dingen bildet. Vor lauter Grind ist Maria nie aufgefallen, dass Tiere hineingeätzt oder -geschliffen sind, in jedes Glas ein anderes: Reh, Hirsch, Ente, Rebhuhn, Wildschwein, Hase. Alle tot. Daneben jeweils ein stolzer Jäger. Sie stellt das letzte Glas neben die anderen, trocknet die Hände ab und greift nach dem Tablett, um die nächste Ladung aus dem Wohnzimmer zu holen.

Es wird Leute geben, die für Gläser so edler Herkunft ordentlich etwas bezahlen, und bald ist es so weit. Einen Flohmarkt wird sie veranstalten, alles raus, und dann das Haus verkaufen und endgültig wegziehen. Obwohl sie erst seit wenigen Wochen wieder zurück ist, kann sie es kaum erwarten.

2

„Hörst du das auch?“ Theo neigt den Kopf und versucht zu ergründen, woher das Geräusch kommt. Das fängt ja gut an. Kaum losgefahren, und schon ist was mit dem Dienstwagen. Dabei ist der angeblich gerade erst gewartet worden.

„Was soll ich hören?“

„Na, dieses Klacken.“

„Was weiß ich, wahrscheinlich der Vergaser.“ Mel zieht die Lippen zwischen die Zähne.

„Bitte, Mel! Das ist kein Rasenmäher. Vergaser gibts nicht mehr.“

„Dann ist es ja kein Wunder, dass ich nichts hör.“ Macht sie sich über ihn lustig? „Erzähl lieber weiter, was das für eine ist, für die ich jetzt stundenlang bei dem Mistwetter durch die Gegend fahren darf. Wäre das nicht eher eine Angelegenheit der niederösterreichischen Kolleginnen?“

„Klack! Das hast du jetzt aber schon gehört, oder? Klack, da wieder! Der Stoßdämpfer rechts hinten, oder?“

„Genau. Also …“

Theo saugt Luft in Bauch und Flanken, versucht den Ärger auszuatmen. Er kann es nun einmal nicht ausstehen, wenn Technik nicht funktioniert. Und genauso wenig, dass Mel immer so knapp blinken muss beim Überholen. Man kann den anderen doch ein wenig mehr Zeit lassen. Noch ein tiefer Atemzug. Er hätte doch noch eine rauchen sollen vor der Abfahrt.

„Okay. Eine schräge Geschichte. Über ein Jahr lang war die verschwunden. Und wenn ich sage verschwunden, dann mein ich: komplett von der Bildfläche getilgt. Sie hat keine Kreditkarte verwendet, kein Zimmer gebucht, keinen Arzt aufgesucht. Ihr Telefon wurde Tage nach ihrem Verschwinden in der Nähe ihres Autos mitten im Wald gefunden. Und ausgerechnet kurz vor Weihnachten taucht sie dann wieder auf wie aus dem Nichts, steigt mitten in ihrem Heimatkaff aus dem Bus, als wäre nichts gewesen.“

Klack! Da war es wieder. Gibts ja nicht, dass Mel das nicht hört, dass es sie nicht wahnsinnig macht! Als Fahrerin ist schließlich sie für das Fahrzeug verantwortlich. Er räuspert sich. „Und dann heißt die auch noch Maria! Ausgerechnet zu Weihnachten.“

Mel schnaubt. „An jedem anderen Tag heißt sie genauso. Dafür kann sie nichts.“

„Was bist du eigentlich so grantig?“

„Ich? Hör dir mal zu. Außerdem – hast du das mitgekriegt vorhin mit dem Reinhard, von wegen, wenn er lesbisch wäre, hahaha, würde er sich freuen, wenn man ihn Rambo nennt.“

„Geh, bitte! Der Reini braucht immer ein bisserl, bis er sich an neue Kollegen gewöhnt. Und Kolleginnen. Und du heißt halt einmal Ramsauer, da führt an dem Kampfnamen kein Weg vorbei.“

„Jaja, schon gut.“

Als er gehört hat, dass Mel die Abteilung verstärken würde, hat er sich darauf gefreut, mit ihr zusammenzuarbeiten. Sie kennen sich seit dieser Sache damals mit den Menschenhändlern. Da ist sie seine Kontaktperson in der Abteilung für Sexualstraftaten gewesen, und nichts versteht er besser als ihren Wunsch, von dort wegzukommen. Jetzt ist er nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee gewesen ist, sie an ihrem zweiten Arbeitstag in der Ermittlungsgruppe Leib und Leben gleich auf eine so lange Fahrt mitzunehmen. Reini wäre schließlich auch frei gewesen. Mit dem hätte er sich stundenlang über das Geräusch hinten rechts unterhalten können.

„Warum lachst du?“

„Nur über mich selber. Also, zurück zum Fall. Bitte geh mir nicht gleich feministisch an die Kehle, aber in meinen Augen ist diese Maria Arnold ein typisches Opfer. Eine, wie alle Frauen früher waren. Eine, die sich nicht auflehnt, die nimmt, was kommt, was man ihr zuteilt. Eine, die die Arbeit sieht, wie meine Mutter es genannt hat. So eine hätte sie gern als Schwiegertochter gehabt. Aus der Zeit gefallen. Oder eher steckengeblieben.“

„Soso, eine wie alle. Frauen. Früher. Kennst du die oder warum weißt du so genau Bescheid?“

„Sie persönlich nicht, aber ich kenn den Typ. Eine brave Frau, wie man so sagt, pflichtbewusst, bringt den Mund kaum auf. Die hat jahrelang ihre bettlägerige Mutter gepflegt bis zum Tod. Und am nächsten Tag verschwindet sie freiwillig in einem Loch? Gerade als sie endlich ein bisserl hätte durchschnaufen können? Die hätte doch das Begräbnis abgewartet, wenn sie freiwillig gegangen wäre. Und das Erbe, damit sie sich zur Abwechslung mal was gönnen kann. Für mich riecht das streng nach einer Gewalttat. Oder sie war eingesperrt. Wahrscheinlich beides. Wieder eine, die auf ein Arschloch reingefallen ist und sich selber dafür schämt, anstatt … Ergo: Opfer!“

„Und was sagt sie dazu?“

„Nichts. Sie kann sich an nichts erinnern, angeblich.“

„Und deshalb fahren wir bei Schneeregen ins kälteste Eck von Niederösterreich? Klar, eine Frau muss ja über jede Sekunde ihres Lebens Rechenschaft ablegen, sonst kommt die Polizei.“

Theo stöhnt. „Du bist irgendwie anstrengend heute. Sind das die Hormone? Machst du eine Transition, oder was?“

Der empörte Blick, mit dem sie ihn eine Zehntelsekunde zu lang aufspießt, verursacht einen Schlenker auf den Pannenstreifen und wieder zurück. Wenn das so weitergeht, landen sie noch in der Leitplanke.

„Spinnst du, Theo? Wir kennen uns seit wie vielen Jahren? Sechs, sieben?“

„Neun.“

„Und seit wann bin ich trans?“

Als Mann kann man es echt nur falsch machen. „Hätte ja sein können, oder? Hat schließlich auch niemand gewusst, dass du auf Frauen stehst. Die kurzgeschorenen Haare plötzlich und diese Anzüge, die du seit letztem Jahr trägst, seit deiner Scheidung – wie ein Dockarbeiter aus den Dreißigerjahren schaust du aus. Ist doch nichts dabei. Hauptsache, du kommst irgendwann drauf, wer du wirklich bist. Kannst ja alles machen heutzutage.“

Sie beschleunigt und blinkt schon wieder erst, während sie die Spur wechselt, um noch vor dem Cayenne die beiden Laster zu überholen. Der Schneematsch spritzt. Gleich wird er ihr sagen, dass sie es etwas ruhiger angehen soll, dass es bei einer Fahrtzeit von drei Stunden nicht auf die paar Minuten ankommt, sehr wohl aber auf ihrer beider Leben. Hauptsache, er reißt sich zusammen und bietet ihr nicht an, sich selbst ans Steuer zu setzen. Das könnte Tote geben. Endlich schert sie wieder ein.

„Weißt du“, sagt sie, und es klingt resigniert, „genau deshalb hab ich schlechte Laune. Weil ich nach dreiundzwanzig Jahren bei der Kieberei plötzlich nur noch über meine Sexualität definiert werde. Bis zu meiner Beförderung war ich einfach eine Kollegin. Seither bin ich nur noch die Lesbe.“ Sie zieht eine Packung Fisherman’s Friends aus der Jacke, fummelt ein Zuckerl heraus und bietet Theo die Packung an. „Und jetzt auch noch trans.“

„Und: Chefinspektorin! Danke, mir sind die zu scharf. Sag bloß, du hast nicht mitgekriegt, dass du die Beförderung dem Diversitätserlass verdankst.“

„Willst du damit sagen, dass ich meinen Job nicht gut mache?“

Es ist wie daheim. Mit Paula landet er in letzter Zeit auch bei jedem zweiten Gespräch irgendwann bei Geschlechtergerechtigkeit, Gendern, Pay-Gap. Allein, dass er Gender Inequality inzwischen fehlerfrei schreiben und aussprechen kann, spricht schon Bände. Wenn sie wenigstens nicht recht hätten.

„Bitte, Mel, steck jetzt mal weg, deine Befindlichkeiten. Wir haben einen nicht alltäglichen Fall vor uns. Das wirklich Interessante hab ich dir nämlich noch gar nicht gesagt. Diese Maria ist …“

„Fuck you! Erst warte ich ewig auf die Beförderung, weil ich schwanger werden könnte, und dann krieg ich sie, weil ich für euch plötzlich lesbisch bin?“

„Das hat ja bis vor Kurzem niemand gewusst. Und was meinst du mit: für euch?“

„Wen geht es was an, mit wem ich Sex hab?“

„Verdammt, ich widerspreche dir doch gar nicht! Du hättest die Beförderung früher verdient. Aber jetzt bist du dort, wo du hinwolltest. Und wir sind auch bald da, wo wir hinwollen, also lass mich dir noch ein paar Fakten …“

„Moment!“ Sie blinkt und schwenkt gerade noch rechtzeitig auf die Ausfahrt zur Tankstelle. „Kaffee! Ich brauch jetzt einen Kaffee und dir zahl ich auch einen, wenn du mir eine von deinen Zigaretten schenkst.“

„Deal!“

3

Langsam reicht es. Schon wieder die Klingel! Sie hat vorhin durchgehalten und wird auch diesmal nicht zur Tür gehen. Nicht einmal nachgesehen hat sie, ob Doktor Dobler etwas dagelassen hat. Nur seinen schwarzen Kombi hat sie beim Gläserholen durch das Wohnzimmerfenster wegfahren sehen. Diesmal muss wohl jemand anderes vor der Tür stehen.

Seit sie zurück ist, geht das so. Der Reihe nach tröpfeln sie herein: die Leute aus dem Dorf, ab und zu ein Zeitungsfritze, einmal sogar eine Frau ihres Alters mit aufgeblasenen Lippen und gebügelter Stirn vom regionalen Fernsehsender, die sie gleich am Arm gefasst und so vertraulich auf sie eingeredet hat, als wären sie Freundinnen seit Kindertagen. Alle wollen vor allem eines, wollen wissen, ob sie sich wirklich nicht erinnern kann.

Wirklich? An gar nichts? Über ein Jahr völlig aus dem Gedächtnis getilgt? Nichts Schlimmes, nichts Gutes, nichts? Das gibt es doch gar nicht! Mich erkennst du aber schon? Weißt du noch, damals in der Schule / am Feuerwehrball / bei der Hochzeit von der Soundso? Hast du was genommen, Drogen vielleicht, Medikamente? Mir kannst du es sagen! Und wenn es ein Hirntumor ist? Hast dich eh schon untersuchen lassen? Da ist doch einer an die Küste gespült worden vor ein paar Jahren, in England war das, glaub ich, oder in Schweden, der hat auch nichts mehr gewusst. Nicht das Geringste. So wie du. Oder doch nicht wie du, weil du weißt ja noch, dass du die Maria bist und da wohnst und wer ich bin und alles. Zum Glück hast du nur das eine Jahr vergessen, sei froh! Nur wahnsinnig gut Klavier spielen konnte der, glaub ich. Oder ich verwechsle das mit einem Film. Jedenfalls haben sie es herausgefunden bei dem. Gibt also noch Hoffnung. Wobei – der war dann ein Betrüger, oder? Brauchst du was? Soll ich dir was bringen? Musst nur sagen. Ich kann morgen wieder vorbeikommen.

Sie hat genug von den Fragen und Spekulationen. Seit vorgestern denkt sie ernsthaft darüber nach, eine Entführung durch Aliens vorzutäuschen. Da hat nämlich der Sobek Andi vorbeigeschaut, ein ehemaliger Schulkollege und berüchtigtes Rauschkind, und ihr versichert, dass er am Abend ihres Verschwindens einen gebündelten Lichtstrahl über dem Mühlbachwald gesehen hat, der direkt aus einer Wolke gekommen ist. Unzählige Berichte über von UFOs Entführte hat er studiert und immer ist es wie bei ihr gewesen. Monate oder gar Jahre sind auf der Erde ins Land gezogen, für die Verschwundenen hingegen ist keine Minute vergangen. Oder genau umgekehrt: Erinnerungen an jahrelange unmenschliche Experimente auf hochtechnisierten Raumschiffen, während hier on earth niemand die Abwesenheit der Gefolterten bemerkt hat. Da hast du noch einmal Glück gehabt! Oder bist du auch …?

Ja, hat sie zugestimmt, vielleicht. Sie erinnert sich schließlich nicht, also ist alles drin.

Jetzt ist es aber genug mit der Bimmelei! Was für eine Geduld manche Leute haben. Natürlich wissen alle, dass sie daheim ist. Wo sollte sie auch groß hin ohne Auto, und das hat sie ja vor über einem Jahr im Wald stehen lassen und noch immer nicht geschafft, bei der Polizei zu fragen, was damit geschehen ist. Morgen. Morgen wird sie anrufen.

Brrkrbrrrrbrr. Wenn sie das Geräusch schon dauernd hören muss, sollte sie sich vielleicht eine melodischere Klingel anschaffen.

Und wenn es Max ist, der es nicht länger ohne sie aushält? Obwohl es viel zu früh ist, ihre selbstauferlegte Kontaktsperre zu brechen. Außerdem ist erst gestern ein Brief von ihm gekommen, getarnt im Umschlag einer Postwurfsendung der Caritas. An die Tür hämmern würde Max sowieso nicht. In keiner anderen Situation, und in dieser schon gar nicht. Kinder aus dem Dorf vielleicht. Denen wird sie jetzt den Marsch blasen. Oder besser doch nicht. Da warten die nur drauf.

Endlich hat es aufgehört, kein Klingeln, kein Klopfen, kein Hämmern mehr.

Hinter ihr ein Scheppern. Sie fährt herum. Die alten Doppelfenster klappern wie wild bei der kleinsten Berührung. Den Mann, der sie unter gesenkten Brauen durch die Scheiben ansieht – Jack-Sparrow-Bart, Lammfelljacke, Wollmütze – hat sie noch nie gesehen. Was sucht der in ihrem Garten? Ihr fällt ein, wie der Kärntner sich vor ein paar Wochen in Wien in die Wohnung gedrängt und Max und sie bedroht hat, bevor … Der hat auch zuerst geklingelt. Sie öffnet die Lade und zieht blind ein langes Messer heraus.

Der Mann vor dem Fenster schüttelt den Kopf und deutet in Richtung Haustür.

Maria rührt sich nicht vom Fleck.

4

Stolpernd kämpft Lando darum, seinen Fuß aus der schimmernden Leine zu befreien, die das Schnöselmädel mit dem rattengroßen Hundsviech verbindet, über das er um ein Haar gestolpert ist. Gehört die nicht in die Schule um die Zeit? Jetzt rutscht ihm vor lauter Akrobatik auch noch der Stöpsel aus dem Ohr, fällt in den Kies, ausgerechnet bei diesem vielleicht wichtigsten Gespräch seiner Karriere. Nicht laut zu fluchen, kostet ihn äußerste Selbstbeherrschung. Er bückt sich nach dem weißen Plastikding, wischt es an der Hose sauber und steckt es wieder ins Ohr.

„Herr Kazaryan? Sind Sie noch dran?“

„Ja, natürlich, entschuldigen Sie, Herr Renk! Ich bin gerade unterwegs und fast über so einen Rattler gestolpert.“

„Rattler, herrliches Wort! Was ist das?“

„Ein Hund in Stolperfallengröße, in dem Fall mit rosa Schleife und glitzernder Leine. Dabei sind Hunde im Schlosspark verboten.“

„Sehr schön! Operette schon ab Fußhöhe bei euch in Wien. Genau dafür lieben, verachten und beneiden wir euch abwechselnd, wenn Sie mir das müde Aperçu nicht übelnehmen. Man ist fast versucht zu sagen: ein Omen, dass Sie der Richtige für uns sind. Aber beim PEGEL gibt es selbstredend keine Omen, wie Sie sich denken können.“

„Was ist mit dem Regenbogen, der gerade über der Gloriette in Schönbrunn aufzieht?“

„Bravo, Wiener Schmäh, auch abgehakt! Diesen Alfred-Worm-Preis haben Sie nicht umsonst eingeheimst.“

Jetzt sagen, was ihm auf der Zunge liegt, oder kommt das zu präpotent rüber? Dass nämlich der Alfred-Worm-Preis kein Kabarettpreis, sondern einer für Investigativ-Journalismus ist und dass er ihn nicht „eingeheimst“, sondern als Erster seit 2011 zuerkannt bekommen hat. Es ist wohl smarter, das zweischneidige Kompliment des künftigen Chefs einen Augenblick im Äther hängenzulassen, damit der selbst draufkommt.

Renk hüstelt. „Ich will Sie jetzt auch nicht länger aufhalten, Herr Kazaryan. Omen hin, Omen her, wir sind überzeugt davon, dass Sie der Richtige für uns sind. Das Angebot steht! Schlafen Sie drüber, wenn Sie das müssen, und geben Sie mir bis Ende der Woche Bescheid.“

„Mach ich. Vielen Dank, dass Sie an mich gedacht haben!“ Ach was, wozu warten, selbstverständlich nimmt er den Job! Soll er das jetzt sagen?

„Und …“ Renk zögert.

„Ja?“

„Sie nehmen mir die kollegialen Ösi-Scherze nicht übel. Um es noch mal mit Humor zu versuchen: Wir Deutschen haben genug damit um die Ohren, die Welt am Drehen zu halten, und sind durchaus dankbar, dass wir alltägliches Drama, Kleinkunst und Geniestreiche in so kompetente Hände auslagern dürfen. Unser Angebot verdanken Sie allerdings ausschließlich unserem Vertrauen in Ihre Fähigkeiten als Investigativ-Journalist. Gelacht wird bei uns nur in Ausnahmefällen.“

„Versteht sich. Ich fühle mich in jeder Hinsicht geehrt und richtig eingeschätzt.“

„Melden Sie sich!“

Die Verbindung ist unterbrochen. Einen Moment lang verharrt Lando und mit ihm alles rundum, kein Geräusch, keine Bewegung, als wäre alles nur Kulisse. Träumt er? Dann reißt ihm ein Windstoß beinahe die Mütze vom Kopf, ein paar Krähen hadern lautstark mit der Welt, das Spiel geht weiter. Nur Lando steht immer noch da, das Telefon in der Hand, und arbeitet für eines der größten Nachrichtenmagazine Europas. So gut wie.

Auf teigweichen Beinen taumelt er über den Kies, links die reifbedeckten, blumenleeren Beete und Rasenflächen, rechts die beschnittene Baumreihe, die das barocke Parterre des Schönbrunner Schlossparks begrenzt. Er steuert auf den Hügel zu, auf dessen Gipfel die Gloriette steht, der Adler über den weißen Säulenreihen noch immer gekrönt von einem zarten Regenbogen auf eisengrauem Wolkengrund. Ein Schmetterling kann sich bei den ersten Flügelschlägen nach der Befreiung aus dem Kokon nicht beschwingter fühlen. Lando breitet die Arme aus und rennt einfach los – ist ja niemand in Sicht, der ihn kennt –, schwebt auf kurviger Bahn über die weite Fläche, hin zum Seiteneingang des Tierparks, neben dem ein fahrbarer Kiosk steht.

„Punsch?“, fragt der Verkäufer. „Vielleicht klappt es dann mit dem Abheben.“

„Nein, meine Welt ist gerade süß genug.“ Heiß hätte auch gepasst. Aber nein, süß ist besser. Und es ist ihm auch scheißegal, mit welch skeptischem Blick der Standler seinen kräftigen Körperbau bei dem Wort „Abheben“ bedacht hat. „Ein Bier mag ich. Oder hast du Sekt? Prosecco?“

„Piccolo. Was gibts zu feiern?“ Der Akzent klingt östlich-kehlig, russisch hätte Lando früher gedacht, also Ukrainer, optische Anklänge an Ryan Reynolds und Jason Statham, mit blonder Stoppelfrisur.

„Meinen Traumjob feiere ich.“ Lando schraubt das Fläschchen auf, schäumt Sekt in den Pappbecher. „So ein Step auf der Karriereleiter!“ Er hält die Hand in Hüfthöhe, bevor er den Becher auf einen Zug leert und den Rest aus der Flasche hineinkippt.

Der Verkäufer, um die dreißig wie er selbst, mustert ihn zweifelnd von oben bis unten. „Welches Business?“

„Ich bin Reporter, Journalist. Und hab gerade ein Angebot vom PEGEL bekommen.“ Schon ein bisserl lächerlich, wie er das mit stolzgeschwellter Brust aufsagt, als wäre es etwas, das einen beeindrucken kann, der sich den ganzen Tag die Beine in den Bauch steht und Getränke an Touris verkauft. Aber wer gerade noch mit ausgebreiteten Armen einen flugunfähigen Schmetterling gemimt hat, braucht sich um Würde keine Gedanken zu machen. Er prostet dem Standler zu, der weiterhin eher skeptisch als neugierig dreinschaut.

„Du schreibst Geschichten?“

„Wahre Geschichten. Und ich recherchiere für andere, sozusagen als Insider vor Ort für Österreich. Große Storys sind meist Teamarbeit.“

„Und das ist dein Traum?“

„Fast. Eigentlich will ich natürlich Star-Reporter sein.“ Er schnaubt. „Aber das kann jetzt nicht mehr lang dauern.“

„Bist du angestellt?“

„Das nicht, aber fixer freier Mitarbeiter!“ Sollte er nicht derjenige sein, der die Fragen stellt? „Der PEGEL ist das wichtigste Nachrichtenmagazin im deutschsprachigen Raum, womöglich sogar in ganz Europa. Jeder Journalist träumt davon, dort zu arbeiten.“ Das klingt schon wieder erstens angeberisch und zweitens lahm. Seit wann will er wie jeder sein? Wahrscheinlich besser, schnell weiterzugehen, bevor ihm der Typ mit seiner geerdeten Art die Euphorie versaut. Obwohl … stories everywhere. „Wer weiß, vielleicht schreib ich mal was über dich. Wie bist du hier gelandet? Wie kommst du zu einem Standplatz ausgerechnet hier im Schlosspark? Zahlt sich aus, oder?“

Der Standler zuckt mit den Schultern. „Charkiw, Warschau …“ Er bricht ab, als bereue er seine Antwort bereits. Spannend auch, wie sein Blick an Lando vorbei in Richtung Schloss schweift, wie auf der Suche nach Rettung, bevor er in gereiztem Ton weiterspricht. „Meine Schwester war schon vor dem Krieg in Wien, okay? Als Dozentin für Oboe an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst. Ich kann Englisch und Deutsch und sehe gut aus auf Urlaubsfotos. Deshalb steh ich hier. Ob es sich auszahlt, kommt aufs Trinkgeld an.“ Als Lando nichts sagt, seufzt er und setzt leise hinzu: „Wenigstens bin ich angestellt. Sicherheit ist wichtig. Und Frieden.“

Wie es sich wohl anfühlt, auf sicherer Angestelltenbasis Getränke und Snacks im Schlosspark zu verkaufen, während Freunde und Verwandte in schlammigen Schützengräben hocken?

Deshalb wirkt der Standler so gereizt. Weil vermutlich viele, die einen jungen Mann aus der Ukraine sehen, genau diesen Gedanken haben und ihn von der gemütlichen Warte neutralitätsgeschützter Selbstgerechtigkeit nicht selten auch aussprechen. Dabei ist es mehr als fraglich, ob er selbst für sein Heimatland zur Waffe greifen würde. Abhauen würde er, schneller als man Krieg sagen kann, und aus dem Exil berichten, wie es so schön heißt. Er streckt dem Ukrainer die Hand entgegen. „Lando. Freut mich, dich kennenzulernen!“

„Daniil mit zwei i. Lando hab ich noch nie gehört. Ist das ein normaler deutscher Name?“

Lando seufzt. „Eigentlich Orlando, aber das hört sich so bloomig an.“

„Was ist, kriegst du noch was, Lando?“

„Leider“, Lando haucht sich in die Hände, „heute nicht mehr. Ich hab noch was vor. Da sollte ich nicht schon angsoffen auftauchen. Aber vielleicht schau ich wieder vorbei, Daniil.“

„Dienstag, Donnerstag, Sonntag, den ganzen Tag.“

„Alles klar.“ Lando legt einen Zehner auf die Theke. „Stimmt so. Eine Frage noch: Was ist dein Traum, rein beruflich?“

„Erzähl ich dir beim nächsten Mal.“

Lando grinst. Die Antwort verrät nicht, ob Daniil hofft, dass es zu einem nächsten Mal nie kommen wird oder ob er Lando neugierig machen will. „Bis dann!“ Er klopft auf die Theke und macht sich auf den Weg zurück zum Haupteingang.

Der geplante Aufstieg zur Gloriette ist zeitlich nicht mehr drin vor seinem Tinder-Date, und so durchgefroren, wie er vom Herumstehen jetzt ist, will er auch nicht auftauchen bei Anna. Fahrradmechanikerin ist sie und Bezirksrätin der Grünen und, den Bildern im Netz nach zu urteilen, ein Klon von Cara Delevingne. Eigentlich out of his league, hat er vor einer Stunde noch gedacht, sowohl optisch als auch vom Coolness-Faktor.

Das Problem mit seinem ruhmreichen Alfred-Worm-Preis ist nämlich, dass außerhalb der Branche keiner unter fünfzig mit dem Namensgeber etwas anfangen kann. Außerdem kommt es nicht so gut, wenn man bei Dates mit Auszeichnungen prahlt. Noch weniger gut, wenn die Frauen nachfragen, wofür er die Auszeichnung bekommen hat, und er sagen muss: für eine Reportage über organisierten sexuellen Missbrauch Minderjähriger. So heldenhaft er sich auch fühlen mag, weil er geholfen hat, diesen Ring aufzudecken – Erzählungen über in Käfigen gehaltene Kleinkinder haben sich nicht gerade als erotisches Erfolgsrezept erwiesen. Nicht, dass er in dem Zusammenhang überhaupt darüber nachdenken will.

„Sei mir nicht bös“, hat vor ein paar Wochen eine Laura gesagt und im Aufstehen ihren Kaffee gezahlt, „aber das wird nichts mit uns. Ich müsste beim Sex ständig an diese armen Mäuse denken.“

Auf seine Antwort „Blöd, ich muss nur beim Sex nicht an sie denken“ hat sie mit einem derart angeekelten Gesichtsausdruck reagiert, dass er sich heute noch schlecht fühlt, wenn er daran denkt. Obwohl er es nicht einmal lustig gemeint hat. Die Wahrheit ist ihm einfach so rausgerutscht, und diese Wahrheit ist, dass er den Grind nicht aus dem System bekommt, die Bilder nicht und nicht die Geschichten, bei denen er um jedes Wort gerungen hat und die er deshalb so gut wie auswendig kennt. Dieser Laura hat er das nicht mehr erklären können. Sie hat etwas gemurmelt von Self-Care, und weg war sie.

Er hat also aufgehört, den Preis bei Dates zu erwähnen. Doch ohne den ist er nichts weiter als ein freier Schreiberling, Tag und Nacht auf der Jagd nach Sensationen und schmutzigen Geheimnissen in den Fantasien der anderen und die meiste Zeit pleite in der Realität. Bis jetzt.

„Ich schreibe für den PEGEL.“ Das kann schon was. Das klingt nach Vierter Gewalt, seriös und gewichtig und wird außerdem ordentlich bezahlt. Ob er sich die langen Haare abschneiden soll, um seriöser zu wirken?

Er wirft einen Blick zurück in Richtung Gloriette. Der Regenbogen hat sich verzogen. Doch den Topf mit dem Gold trägt Lando diesmal davon.

5

Wie schockgefroren steht Maria in der Küche. Ihr Blick flackert von dem Mann am Fenster zu dem Messer in ihrer Hand. Ausgerechnet das Brotmesser hat sie erwischt, das nicht einmal eine richtige Spitze hat. Draußen greift der Bärtige in seine Jacke. Zwei Meter sind es bis zur Küchentür und ebenso weit auf ihn zu, um unter dem Küchentisch in Deckung zu gehen. Sie rührt sich nicht. Auch Nichtstun ist Handeln.

Als er statt einer Waffe nur eine lederne Ausweismappe aus der Innentasche zieht, atmet sie auf. Ohne die Mappe aufzuklappen, drückt er sie an die Scheibe. In der Mitte prangt eine Plakette. Mehr als den goldenen Rand kann Maria nicht erkennen, weil es spiegelt, doch ihr Herz ist schneller als ihr Hirn. Polizei, was sonst.

Was will er machen, wenn sie einfach stehenbleibt? Sie entspannt Stirn, Wangen, Unterkiefer und versucht den Fokus von dem Eindringling abzuziehen und in ihr Inneres zu richten. Sie ist halt nicht die Hellste und schon immer eher in sich gekehrt. Das kann man ihr nicht vorwerfen.

„Polizei!“, brüllt der Mann freundlich und klackt mit der Plakette gegen die Scheibe.

Maria gibt auf und schließt den Mund. Durch den eisigen Flur geht sie zur Eingangstür, sieht durch das quadratische Fenster im Türblatt eine Frau in einem abgetragenen Herrenanzug draußen stehen, groß, mit blond gefärbtem Undercut. Sie klingelt gerade wieder, als der Mann vom Küchenfenster neben ihr auftaucht.

Maria öffnet die Tür einen Spalt weit.

„Grüß Sie! Sie sind Maria Arnold? Das hat ja gedauert.“

Maria senkt den Kopf unter dem forschen Ton der Besucherin.

„Ich hab Radio gehört.“ Schuldbewusst gehaucht, als müsste sie sich rechtfertigen. So will sie nicht mehr sein! Es ist ihr Haus. Sie kann Musik hören, wann und so laut es ihr passt.

Der Mann – sie kann ihn sich gut mit einem Cowboyhut und hoch zu Ross vorstellen, eine Rinderherde im Hintergrund – hält ihr noch einmal das Mäppchen entgegen, und jetzt erkennt sie auch den rot-weiß-rot umrandeten Adler. Kriminaldienst steht dort. Der Rest der Schrift verschwimmt vor ihren Augen.

„Chefinspektorin Melanie Ramsauer, Chefinspektor Theo Nebel, LKA Salzburg. Wir würden gern mit Ihnen reden.“

Taubheit breitet sich von Marias Nasenspitze über ihr Gesicht aus. Alle Hoffnung, dass endlich Ruhe ist, umsonst. Nur weil sie verschwunden war, sind die bestimmt nicht den langen Weg gekommen.

„Frau Arnold?“

„Salzburg?“, flüstert sie.

„Wir erklären Ihnen das gerne drinnen.“ Die Polizistin drückt gegen die Tür.

„Ich hab nichts zu sagen.“ Schweigen ist Gold.

„Wir müssen trotzdem ein paar Fragen stellen.“ In seiner Stimme ein heimeliger Unterton wie von einem rostigen Scharnier. Sicher ist er Raucher wie Max. „Dürfen wir jetzt reinkommen? Es bläst Ihnen ja schon den Schnee hinein.“

Und wirklich weht der trockene Schnee über die Schwelle wie Staub oder wie Wüstensand, der in wenigen Stunden das ganze Dorf unter einer makellosen Düne begraben könnte. Alles weg, keine Fragen mehr. Dass sie vor Kälte zittert, fällt Maria erst jetzt auf. Sie tritt auf die Seite.

Sanft packt der Chefinspektor ihr Handgelenk und nimmt ihr das Brotmesser ab, das sie vollkommen vergessen hat. „Sie haben es drin wohl auch gern frisch“, sagt er, ohne weiter auf das Messer einzugehen.

Theo Nebel. Ein Name, der klingt wie ausgedacht. Wie würde er als Cowboy heißen? Was heißt Nebel auf Englisch? „In der Küche ist es warm.“ Nebel. Maria Nebel. Das wäre ein Name, der zu ihr passt.

„Sie heizen mit Holz? Ein ganz ordentlicher Stapel da draußen.“

„Ist ein altes Haus.“ Nicht schön alt, sondern im schlechtesten Alter, gebaut von den Großeltern in den Fünfzigern aus den billigsten Betonziegeln, nicht warm zu kriegen.

Maria eilt zum Esstisch, schiebt verstreute Prospekte und die Bezirkszeitung zu einem Stapel zusammen, den Brief von Max mittendrin. Es kostet sie Überwindung, ihn nicht in die Tasche des Hoodies oder in den Hosenbund zu stopfen. Doch dabei erwischt zu werden, könnte sie in den Abgrund reißen, an dessen Rand sie momentan noch balanciert. Mit künstlicher Munterkeit zieht sie zwei Sessel an den Lehnen zurück, lächelt, hoffentlich einladend.

„Bitte!“

Sie schließt die Küchentür, wirft ein Holzscheit auf die Glut in der Brennkammer des Sparherds und bemerkt aus dem Augenwinkel, dass die Gäste sich nicht auf die angebotenen Sessel setzen, sondern auf die Bank vor dem Fenster. Das ist seit jeher ihr Platz. Gegen das Licht kann man nicht lesen, wie es ihr geht, und sie muss nicht andauernd lächeln, um es zu verbergen. Der Chefinspektor legt das Messer auf den Tisch. Maria füllt den Kessel. Nur ja nicht hinsehen, nicht erlauben, dass die ihr ins Gesicht schauen, bevor sie die Augen wieder blank und leer kriegt. In der Wärme blüht ihre Panik gerade so richtig auf. Was wollen die von ihr?

„Setzen Sie sich bitte zu uns!“, ordnet die Frau an, auch sie eine Chefinspektorin, wenn Maria richtig verstanden hat. Wer hat das Sagen bei zwei Chefs? Das zu wissen, kann entscheidend sein. Man muss es ganz unterschiedlich anlegen, je nachdem, ob Mann oder Frau. Mit Männern tut sie sich leichter. Frauen sind eher auf der Hut. So wie sie.

„Ich komm sofort, stell nur rasch den Tee auf. Oder lieber Kaffee?“ Sie zwingt sich, langsam zu sprechen. Je schwerfälliger sie erscheint, desto besser, und gegen die Aufregung hilft es auch.

„Machen Sie sich keine Mühe!“ Die Polizistin klingt sauer, hoffentlich nur eine Masche. „Sie wissen, warum wir hier sind?“

„Nein.“

„Sie waren ein Jahr lang verschwunden“, stellt Theo Nebel fest.

„Ich bin erwachsen.“

„Verraten Sie uns trotzdem, wo Sie sich aufgehalten haben!“

Sie wirkt, als wäre sie die Chefin. Die Chef-Chefinspektorin. Zu blöd, dass Maria wieder einmal zu sehr auf den Mann geachtet und sich ihren Namen nicht gemerkt hat. Ein Flurname, irgendwas mit Au. „Ich erinnere mich nicht, Frau Chefinspektorin.“

„An gar nichts? Über ein Jahr lang?“

Der darf sie nicht mit den Aliens kommen. „Amnesie. Das gibt es doch.“

„Amnesie!“ Die Beamtin schnaubt. „Haben Sie das ärztlich abklären lassen?“

„Wozu? Mir fehlt nichts.“

„Bis auf die Erinnerung.“

„Die geht mir nicht ab.“ Soll sie sich umdrehen, einfach direkt fragen, was die von ihr wollen? Hätte eine Unschuldige das nicht schon längst getan?

Theo Nebel kommt ihr zuvor. „Sagt Ihnen der Name Mia Berger etwas?“

Die Frage trifft sie unvermutet hart, obwohl sie sie erwartet hat. Die Erinnerung treibt ihr Gerüche in die Nase, dass sie ein Würgen kaum unterdrücken kann. Schweiß, Blut, Speck und Sperma. Anstatt zu antworten, öffnet sie irgendeine Teedose und löffelt jahrealten Kräuterstaub in das bräunliche Stoffnetz.

6

„Mia Berger“, wiederholt Theo, weil die Arnold ihnen weiterhin den Rücken zuwendet, irgendwas herumwerkt, als hätte sie seine Frage nicht gehört. Noch ist er unentschieden, ob sie eher naiv ist oder, im Gegenteil, ziemlich gerissen oder einfach nur stumpf, abgestumpft durch ein Leben ohne Reize und die Gleichgültigkeit ihrer Umwelt oder Schlimmeres. Wie seine Mutter. Aber das hat hier nichts zu suchen. Obwohl. Wenn sie ist, wie seine Mutter war, würde sie nervös werden, wenn man ihr zu viel Platz ließ. Vielleicht einfach mal abwarten. Denn in einer Hinsicht hat er seine Meinung bereits geändert: Maria Arnold hat definitiv etwas zu verbergen.

„Nein? Klingelt nichts?“, hakt Mel genervt nach. „Wie stehts mit Robin Herzog?“

Womit sich das Projekt Geduldsspiel erledigt hat. „Bitte setzen Sie sich doch endlich!“, verlangt Theo.

„Ich gieß nur noch auf.“

Ihre Stimme klingt emotionslos, doch als der Kessel pfeift, verharrt sie einen Moment zu lange regungslos. Zu lange dafür, dass sie angeblich nur darauf gewartet hat.

„Sie kennen ihn also“, drängt Mel, „Robin Herzog?“

„Kennen? Nein, aber … Robin heißen nicht so viele.“ Umständlich gießt die Arnold das kochende Wasser in die Kanne, immer noch mit dem Rücken zu ihnen. „Meinen Sie den aus dem Fernsehen, den Robin H.?“ Endlich kommt sie zum Tisch, ein Tablett in den Händen, stellt es ab. „Der seine Mutter …“ Die Hände wie zum Gebet gefaltet, reibt sie abwechselnd mit den Daumenballen über die Handflächen. Es sieht aus, als wollte ihr ganzer Körper sich mitwinden. Sieh an, doch noch ein Gefühl! Ein bisschen zu viel sogar, für die Behauptung, dass sie Herzog nicht persönlich kennt. Plötzlich lässt sie die Hände sinken. Ihr ganzer Körper entspannt sich. Sie holt tief Luft und stößt kaum hörbar mit dem Atem aus: „… umgebracht hat.“

„So jedenfalls lautete das Urteil“, stimmt Mel mit süffisantem Lächeln zu, die Augenbrauen gehoben.

Die Arnold stellt Untertassen und Tassen und eine Zuckerdose vor ihnen ab, verteilt Löffel, schenkt ein, ganz das brave Frauchen. Endlich bleibt ihr nichts anderes mehr übrig, als sich zu setzen. Sie legt ein leeres kleines Lächeln auf. Unter leicht gesenkten Lidern zielt ihr Blick zwischen Mel und ihm aus dem Fenster.

„Lilienporzellan!“, ruft Mel entzückt. „Diese Zuckerdose ist richtig selten inzwischen, der Deckel kein bisschen ausgeschlagen. Ich nehm die hellgrüne Tasse, wenn es dir nichts ausmacht.“ Sie schnappt sich seine Tasse und schiebt Theo ihre hin.

„Ehm, okay.“ What the fuck? Was hat Mel plötzlich im Hausfrauenland zu suchen? Schön, muss er sich eben um die Arnold kümmern. Er räuspert sich.

„Dann haben Sie sicher auch mitgekriegt, dass im Zusammenhang mit dem Mordfall Herzog nach einer Frau gesucht wird, die Ihnen recht ähnlich sieht.“ Er klimpert mit dem Löffel in seiner lila Tasse. „Haben Sie das Foto gesehen?“

Maria Arnolds Blick flackert, doch schon hat sie sich wieder unter Kontrolle, fokussiert wie zuvor auf den Punkt am Fenster neben seiner Schulter. Er folgt ihrem Blick. Eine von diesen gelben Fliegenblumen klebt dort, die einst transparenten Ränder inzwischen spröde und vergilbt. Dahinter Winternebel vor Thujen, trübselig. Und doch will sie vermutlich genau dorthin: Raus! Aus der Situation, ihrem ganzen Leben vielleicht.

„Frau Arnold? Haben Sie die Frage meines Kollegen gehört?“, fragt Mel, offenbar erwacht aus dem Lilienporzellan-Traum.

„Ja. Aber ich kann mich an kein Foto erinnern.“

Wenn man nicht zurückschauen will, denkt Theo, muss das die Antwort auf alles sein. Dann kann man nicht einmal sagen: Das war ich nicht.

„Schauen Sie!“ Mel zückt ihr Handy und hält es der Arnold vor die Nase, viel zu nah. „Das sind doch Sie!“

Die Arnold schielt auf das Bild und versucht, sich nicht zu erkennen. Vielleicht ist sie es auch wirklich nicht. Letzten Frühling nach dem Tod dieser Wirtin und dann später, als der Prozess gegen den Sohn lief, ist das Bild immer wieder durch die Medien gegangen. Es zeigt eine Frau mit blonder Kurzhaarfrisur, die einen Tisch abwischt. Zufällig ist sie Teil des Hintergrunds auf einem Urlaubsschnappschuss geworden. Eine andere Haarfarbe als die Arnold, aber derselbe Typ, eine ähnliche Haltung und ziemlich sicher dasselbe Gesicht, eines ohne besondere Auffälligkeiten nämlich.

„So schauen viele aus“, stellt sie folgerichtig fest. „Es ist ja auch ganz unscharf.“

„Dass Sie es kürzlich in die Medien geschafft haben mit Ihrer Quasi-Wiederauferstehung haben Sie aber schon mitgekriegt? Das Weihnachtswunder von Eichschlag! Was erst los gewesen wäre, wenn Sie bis Ostern gewartet hätten“, versucht Theo sie aus dem Konzept zu bringen. Als er selbst über seinen Scherz lächeln muss, blitzt es kurz in ihren Augen auf, und bevor sie zu ihrem duldsamen Blick zurückfindet, presst sie kurz die Lippen aufeinander. Es braucht einiges, um sie aus der Reserve zu locken, doch irgendwann wird er sie knacken. Nicht mit müden Sprüchen allerdings, die sie seit ihrer Rückkehr vermutlich schon öfter zu hören bekommen hat.