Niendorf … jetzt mit Leiche - Sabine Latzel - E-Book

Niendorf … jetzt mit Leiche E-Book

Sabine Latzel

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Beschreibung

Wenn sich der Tod mit Flossen tarnt … Gierige Investoren wollen in Niendorfs Seewäldchen direkt neben dem Hafen ein Hotel mit Fisch-Erlebniswelt bauen. Das Vorhaben spaltet den Ort – ein Mensch stirbt. Lianne Paulsen, die Strandkörbe in Timmendorf vermietet, will von ihrer Chefin Thea Harms den Bereich Niendorf übernehmen. Dadurch gerät diese mitten hinein in den Kampf um den geplanten Touristenmagneten. Umweltschützer und Fischer stehen plötzlich auf einer Seite. Eines Morgens sitzt ein Toter im Park. Verdächtigungen machen die Runde. Liannes beste Freundin Britt ist zu neugierig und riskiert ihr Leben. Kann Lianne sie und das Seewäldchen retten?

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für meine lieben Eltern: Danke für Lebensfreude, Humor und so viele, schöne Tage an der Ostsee

Die Geschehnisse, sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2022 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von Adobe StockEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8423-8

Sabine LatzelNiendorf... jetztmit Leiche

Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen. Sie tragen einen weißen Flaus und sind mit Schrot zu schießen.Christian Morgenstern (1871–1914), „Möwenlied“

Kapitel 1

Im Sekundentakt hackte der scharfe Schnabel in den zarten, weichen Körper, tak-tak-tak, präzise wie eine Maschine, es floss kaum Blut. Flauschige blaue und gelbe Federn wirbelten umher. Auf einem abgerissenen Flügel war ein weißer Streifen zu erkennen.

Eine Blaumeise diente hier als Zwischenmahlzeit, schätzte Daniel von Ingelsheim und betrachtete die Silbermöwe, die ihre Beute weiter zerstückelte. Weißes Federkleid, hellgraue Flügel, der typische rote Punkt auf dem gelben Schnabel – ein ausgewachsener Vogel, einer mit Erfahrung im Töten.

Die Möwe hob den Kopf und musterte Daniel mit ihren starren gelben Augen. Wachsam, intelligent und emotionslos. Aber was soll sie auch fühlen, dachte Daniel. Sie hat gewonnen, fertig.

Möwen zeigten sich bei ihrer Nahrung nicht wählerisch. Man musste kein Ornithologe sein, um das zu wissen. Daniel hatte häufig beobachtet, wie die Seevögel den Inhalt von Mülleimern ans Tageslicht zerrten und darin herumstocherten, frei von Ekel oder Skrupeln. Schlau waren die Möwen außerdem und ein faszinierender Anblick, wenn sie im Sturzflug ahnungslose Touristen hinterrücks überraschten. Die ließen dann vor Schreck ihre Pommes fallen, womit auf dem Asphalt vor der Imbissbude am Hafen angerichtet war. Einige besonders geschickte Räuber rissen sogar im Flug binnen Bruchteilen von Sekunden das Matjesfilet aus dem Brötchen.

Warum auch nicht. Daniel würde es genauso machen, wäre er eine Möwe. Er war allerdings keine, sondern ein erfolgreicher Geschäftsmann, aber Moment: Einmal war er doch mit den Seevögeln verglichen worden. In einem Kampflied, das die linken Chaoten gesungen hatten, als sie damals in der Hamburger Hafen-City dieses tolle Gelände besetzten, jetzt fiel es Daniel wieder ein. Ein Anti-Makler-Lied war es, primitiv und infantil. Trotzdem kamen ihm die Zeilen in den Sinn. „Sie stürzen sich auf Grundstücke – so gierig wie die Möwen.“

Daniel richtete seinen Blick erneut auf die Silbermöwe. Mittlerweile hatte sie offenbar den Darm der Meise zu fassen bekommen (Meisen hatten doch wohl einen Darm?) und zog daran. Niedliche Tierbilder gingen anders, aber Daniel störte sich nicht daran. Das war die Natur der Möwe, und er wäre der Letzte, der ihr Vorhaltungen machen würde.

Dieser Märztag war von der milden Sorte. Eine schwache Sonne tauchte die Umgebung in sanftes Licht. Daniel sah umher. „Park“ nannten einige der Ureinwohner dieses traurige Areal, was für ein Witz. Daniel hätte diese Leute gern gefragt, wann sie zuletzt einen echten Park gesehen hatten, einen schönen Park, nicht so etwas wie das hier.

Gewiss, Bäume gab es reichlich auf den etwa 9500 Quadratmetern Fläche. Über hundert, schätzte Daniel, die meisten davon hoch, bis zu zehn Meter vermutlich. Ahorne, Birken, Eichen, Buchen sowie eine zugegebenermaßen beeindruckende Esche, deren Stamm sich in Bodenhöhe in vier Stämme geteilt hatte, die nebeneinander schnurgerade in den Himmel ragten. Der Rasen wirkte ungepflegt – löch­rig und größtenteils vermoost. In regelmäßigen Abständen brachen daraus scheinbar unmotiviert in die Gegend gepflanzte krüppelige Kiefern hervor, aus denen nichts Nennenswertes mehr werden würde. Ein leidlich befestigter Schotterweg schlängelte sich durch das Gelände. Ein mehrere Meter breiter Gebüschstreifen trennte das Grundstück vom Strand, der durch das Dickicht aus Schneebeere, Ackerrose und Sanddorn nur zu erahnen war.

Vielleicht könnte sich Daniel hindurchschlagen, mit einer Machete, wie ein Ostsee-Rambo für Arme. Allerdings im Slalom, um diversen fleckigen Taschentüchern auf dem Boden auszuweichen. Doch dann stieße er bloß auf einen Zaun aus scheußlichen verzinkten Gittermatten, hinter denen wiederum ein halbhohes weißes Mäuerchen vor sich hin rottete. Daniel wunderte sich. Was sollte diese strikte Abtrennung zum Wasser hin bewirken?

Egal, dieser Weg reizte ihn ohnehin nicht. Er drehte sich um und ließ seinen Blick über den Teich oder vielmehr Ex-Teich in der Mitte des Parks gleiten. Klares Wasser und Fische: Fehlanzeige. Das Ganze war ein mit Schilfgras und Rohrkolben zugewucherter Sumpf. An dessen Rand in einigen Metern Abstand voneinander schmutzig weiße Plastikbänke auf Interessenten warteten, für die ein sauberer Hosenboden von untergeordneter Bedeutung war.

Nein, eine Schönheit war das Gelände nicht, aber wertvoll. Ungeheuer wertvoll, vermutlich eines der wertvollsten Grundstücke an der Ostseeküste überhaupt. Eines der letzten seiner Art, unbebaut, direkt am Wasser, westlich des Niendorfer Hafens gelegen, an der Grenze zwischen Niendorf und Timmendorfer Strand. Unbebaut mit Strandzugang – ein Maklertraum, fast unbezahlbar, aber eben nur fast.

Vor einigen Jahren war ein Grundstück in Timmendorfer 1-a-Lage auf den Markt gekommen, knapp 3000 Quadratmeter, gleich neben dem Hotel Meerespalais. Lediglich Omas windschiefes Holzhäuschen stand darauf. Vier Millionen Euro hatte ein Investor an die Erbengemeinschaft gezahlt, und darin waren die Abrisskosten noch gar nicht enthalten.

Vor diesem Hintergrund taxierte Daniel den Preis für dieses mehr als dreimal so große Stück Niendorfer Land auf mindestens 15 Millionen Euro. Die Lage war noch besser, und die Preise waren weiter explodiert. Wobei sie mit einem deutlich niedrigeren Ansatz in die Verhandlung gehen würden, das verstand sich ja von selbst.

Die Silbermöwe hatte ihr kannibalistisches Mahl beinahe beendet – oder war es nicht kannibalistisch, wenn ein Vogel einen anderen fraß? Jedenfalls balancierte die Möwe zögerlich ein blaugraues Beinchen mit einem bekrallten Fuß im Schnabel, ließ diesen Rest aber fallen und pickte unschlüssig im blaugelben Federhaufen herum.

Die Meise hat nicht aufgepasst, ging es Daniel durch den Kopf. Das war schlecht, weil es immer schlecht war, nicht aufzupassen. Sie hätte vor der Möwe auf der Hut sein müssen, natürlich. Vielleicht hatte sie das vergessen oder sich darauf verlassen, dass die Möwe sie verschonen würde.

Das jedoch konnte Daniel sich nicht vorstellen. Tiere, auch Meisen, hatten einen Instinkt, den sie nicht vergaßen und der sie nicht im Stich ließ, anders als Menschen. Menschen, die zum Beispiel gelegentlich mit ihm zu tun hatten. Denen fehlte oft der Instinkt oder wenigstens irgendein inneres Warnsignal. Was selbstverständlich von Vorteil war, denn mit vorsichtigen, misstrauischen Zeitgenossen waren keine Geschäfte zu machen. Und auf Geschäfte waren er und seine Auftraggeber aus, das war ihre Natur, so wie es die Natur der Möwe war, ab und an eine Meise zu zerhäckseln.

Von daher hatten die autonomen Spinner einst mit ihrem albernen Anti-Makler-Lied sogar recht gehabt. Nicht, dass es ihnen etwas genützt hätte. Auf dem ehemals besetzten Gelände ragte längst ein massives Apartmenthaus empor, viel Glas und Stahl, sehr geschmackvoll, begehrte Lage. So etwas ließ sich auf Dauer nicht wegsingen oder wegbesetzen.

Jetzt wohnten dort nette Menschen, wohlhabende, nette Menschen. Keine kapitalistischen Monster, wie sich diese abgerissenen, selbst ernannten Proletarier das wahrscheinlich vorstellten. So wie sie sich Daniel als gierige Möwe vorstellten. Dabei hatte er auch andere Seiten, das Leben war nie ausschließlich schwarz oder weiß.

Daniel von Ingelsheim trat stets höflich und zurückhaltend auf, mit Türaufhalten und Small Talk mit der geschwätzigen alten Nachbarin und allem. Körperliche Gewalt lehnte er ab und hatte noch niemals einen anderen Menschen physisch verletzt, nicht einmal täppisch geschlagen. Er unterstützte seine verwitwete Mutter, hatte sich schon fünfmal in seinem 36-jährigen Dasein verliebt und sogar ein Patenkind in Afrika, für das er monatlich 28 Euro spendete. Also bitte.

Das waren seine guten Seiten, unter anderem. Aber er wollte auch Geld verdienen. Armut war nichts für Daniel, das hatte er bereits früh bemerkt, als einziger Sohn ambitionsloser Eltern im unteren Drittel des Mittelstandes. „Die grauen Jahre“ nannte er seine Kindheit, grau und ereignislos. Niemals würde er zu einem Lebensstil wie jenem zurückkehren.

Die Möwe gab ihr Gewühle im zerfledderten Meisenkörper auf und wandte sich ab. Scheinbar ziellos trippelte sie einige Schritte nach links. Breitete dann die Flügel aus, zeigte eine beträchtliche Spannweite – 1,40 Meter, mindestens, glaubte Daniel – und stieg in den blassblauen Märzhimmel auf. Ob sie bereits satt war? Viel konnte an der Meise nicht dran gewesen sein.

Daniel fiel ein, dass er vor langer Zeit in einem Internetvideo gesehen hatte, wie eine gewaltige Mantelmöwe, diese Riesen mit den schwarzen Flügeln, ein Kaninchen im Ganzen herunterwürgte. Ein unglaublicher Anblick und ziemlich abstoßend. Aber auch hier die Frage: Was hätte die Möwe sonst tun sollen? Diesen Brocken liegen lassen?

„Ach herrje, das war doch bestimmt eine Meise.“ Eine brüchige Stimme riss Daniel aus seinen Überlegungen. Eine ältere Frau mit einem fetten, kleinen Hund an der Leine war vor ihm auf dem Weg stehen geblieben und sah ihn kopfschüttelnd an.

„Die hat sicher eine der Krähen erwischt oder eine Möwe, schreckliche Vögel sind das“, klagte sie mit traurigem Gesichtsausdruck. Als sei gerade etwas wirklich Tragisches geschehen, ein schlimmer Unfall mit einem schwer beschädigten Sportwagen etwa oder ein Börsencrash.

„Ja, schrecklich.“ Daniel nickte ihr zu. „Aber da kann man wohl nichts machen.“

„Nein, leider.“ Die Frau zuckte mit den Schultern. Bevor sie Daniel in ein längeres Gespräch verwickeln konnte, nickte er noch einmal kurz und freundlich und drehte ab in Richtung Straße.

Der Schotterweg führte an der östlichen Grenze des Geländes entlang. Eicheln knirschten unter Daniels cognacfarbenen Schnürschuhen aus Kalbsleder. Das weiße Mäuerchen ging in eine massive Mauer aus dunkelrotem Ziegelstein über, in die ein weißes Tor eingelassen war. Daran prangte der sorgsam bemalte Vereinsstander des Yacht-Vereins Niendorf, ein dreieckiger Wimpel in Rot, Weiß und Blau.

Ein weiteres Rasenstück war von abgerundeten, weiß getünchten Steinen umgeben, die wie Mini-Grabsteine aussahen. Ein hölzernes Schild samt Pfeil wies Richtung Hafen. An dieser Stelle waren die Eichen riesig, mit teilweise bedenklich morsch erscheinenden Ästen.

Daniel trat an die Straße. Neben dem unvermeidlichen Hundekot-Tütenspender regte ein Schild mit einem durchgestrichenen kackenden Hund zum Einsammeln der widerlichen Hinterlassenschaften an. Was Daniels Gedanken zurück zu der Hundefreundin führte, die soeben die Meise bedauert hatte.

Wie alt mochte die Frau sein? Anfang siebzig vielleicht, wie seine Mutter. Deutlich jünger also als die Eigentümerin dieses fantastischen Grundstücks, die sich allerdings nach allem, was Daniel gehört hatte, einer unverschämt guten Gesundheit erfreute. Natürlich hatte er sich über die angebliche „Grande Dame“ der Gemeinde Timmendorfer Strand informiert. Über ihren Einfluss in Timmendorf und Niendorf, über ihre geistige Fitness – die augenscheinlich ebenfalls noch unverschämt gut war. Und über ihre Nachkommen, was einfach war, denn es gab nur einen Neffen, einen Großneffen, um genau zu sein. Der bald die Bekanntschaft von Daniel von Ingelsheim machen würde. Um ihn in sein Herz zu schließen – ach nein, das war Blödsinn. Aber ein hervorragendes Angebot würde der Mann erkennen und zu würdigen wissen.

Anders als seine Großtante, die ein regelrechter Besen zu sein schien. Halsstarrig, uneinsichtig und von dieser grässlichen, heimatverbundenen Sentimentalität beseelt, so stellte Daniel sie sich vor. Denn wie sonst konnte man es erklären, dass die alte Dame dieses Filetstück von einem Gelände seit Jahrzehnten brachliegen ließ? Um es als „öffentlichen Park“, sprich: Hundeklo für jedermann, ein ödes Schattendasein führen zu lassen.

Die Dämmerung setzte ein. Die kurzfristig gestiegene Temperatur sank rapide. Kälte drang durch die dünnen Sohlen von Daniels Schuhen, die ausgezeichnet zum mittelblauen Slim-Fit-Designeranzug passten. Der kurze braune Mantel wärmte auch nicht.

Daniel trat auf den Fußweg, der wie die Straße am Hafen vorbeiführte. Mit weit ausholenden Schritten eilte er zum Hafenparkplatz. Er musste jetzt wirklich aufbrechen. Bis Hamburg war es noch eine lange Strecke zu fahren auf der verfluchten Autobahn mit ihrer Staugarantie.

Einmal noch warf er einen Blick zurück. Vor seinem geistigen Auge baute sich das auf, was hier entstehen würde. Ein einmaliges und einzigartiges Projekt, ein Meilenstein in der Geschichte der Lübecker Bucht. Und am Ende würde es, wie meistens, nur Gewinner geben, die Bäume vielleicht ausgenommen. Aber mal im Ernst: Wie viele Bäume wurden denn jeden Tag auf der ganzen Welt gefällt?

Eine mittelmäßig hübsche Frau Mitte zwanzig kam Daniel entgegen und musterte ihn relativ interessiert. Das war er gewohnt. Obwohl er nicht besonders groß oder von beeindruckender Statur war, strahlte er mit seinen akkurat geschnittenen hellbrauen Haaren, den freundlichen blauen Augen und dem geraden Gesicht eine unaufdringliche Attraktivität aus. Diverse Frauen registrierten dazu seine teure Kleidung. Diese Lady hier allerdings nicht, denn wer eine billige grüne Funktionsjacke trug, hatte mit Sicherheit keinen Sinn für Stil und Design.

Daniel guckte die Frau kurz an und dann wieder weg. Es reichte, um das Brötchen in ihrer Hand zu erkennen, aus dem ein rosafarbenes Matjesfilet wie eine übergroße Zunge herauslappte. Hinter der Frau, hoch in der Luft, tauchte die Silhouette einer Silbermöwe auf, die Flügel weit ausgebreitet, als befände sie sich im Landeanflug.

Viel Glück, dachte Daniel. Und damit meinte er nicht die arglose Besitzerin des Fischbrötchens.

Auf dem Meere tanzt die Welle nach der Freiheit Windmusik. Raum zum Tanz hat meine Zelle siebzehn Meter im Kubik.Erich Mühsam (1878–1934), „Gefängnis“

Kapitel 2

Gestank und Gitter. Menschen rebellieren wegen Geringerem.

Seit einer halben Stunde gingen Lianne diese Worte durch den Kopf. Sie mussten aus einem Krimi stammen, den sie in den vergangenen Jahren gelesen hatte, und waren weder bedeutsam, noch passten sie zur Situation. Denn es gab zwar Gitter, aber keinen Gestank und erst recht keine Rebellion.

Die beiden Beamten hatten einen schnellen Schritt drauf, eine Frau und ein Mann, groß und sportlich, in dunkelblauen Uniformen. Lianne konzentrierte sich darauf, nicht den Anschluss zu verlieren. Trotzdem warf sie unauffällig einige Blicke nach links und rechts, musterte die anderen Frauen aus der Gruppe, die mit ihr den Gefängnishof überquerten. Sieben durchschnittliche Frauen waren das, irgendwo zwischen dreißig und sechzig, ordentlich gekleidet, dünn und mittelschlank und eine Dicke, die Gesichter zu müde und zu grau, hatte Lianne vorhin gedacht. Aber vielleicht hatte das nur an der ungünstigen Beleuchtung im Warteraum gelegen. Sie selbst wirkte im Vergleich vermutlich richtig frisch mit ihren gerade vorgestern neu getönten kastanienroten Haaren, ihren veilchenblauen Augen und ihrem fast makellosen Seeluft-Teint.

Die Beamten – oder sagte man „JVA-Bedienstete“? – stoppten vor einer weiteren Tür, der Mann schloss sie auf. Eine Frau nach der anderen folgte ihm ins Innere des Gebäudes mit den unzähligen Gittern vor den Fenstern.

Liannes Beklemmung wuchs. Obwohl sie sich vorgenommen hatte, beherrscht und ausgeglichen zu bleiben, hatte sie bereits bei ihrer Ankunft die anscheinend kilometerlange, mindestens sechs Meter hohe graue Betonmauer rund um die JVA Lübeck tief beeindruckt. Dann das Prozedere an der Pforte: Ausweis abgeben, Handtasche in einem Fach deponieren, sämtliche Gegenstände aus den Taschen ihrer Jeans und ihres Blazers ebenfalls. Der Schritt durch den Metalldetektor, Abscannen mit der Handsonde durch die Beamtin, Abtasten. Wie im Fernsehen. Nur nicht als Zuschauerin beim sonntäglichen „Tatort“-Ritual, gemütlich vom Sofa aus. Sondern live und ungemütlich mitten in Lauerhof, wie die Lübecker die JVA nannten. Lianne hätte gern auf dieses Erlebnis verzichtet.

Sie vergewisserte sich, dass ihr Besucherausweis brav am Revers ihres türkisfarbenen Blazers prangte. Dann trat Lianne hinter den JVA-Beamten in einen großen, überraschend hellen Raum, in dem acht Kiefernholztische verteilt waren. Die anderen Frauen hatten sich schon auf ihre Plätze gesetzt. Lianne sah nach rechts. Er war da, wartete auf sie.

Mit welchem Bild hatte Lianne gerechnet? Jedenfalls nicht mit diesem. Steco sah überraschend erholt aus, anders ließ es sich kaum ausdrücken. Seine Gesichtszüge wirkten entspannt, die scharfen Falten links und rechts des Mundes schienen sich geglättet zu haben. Um seine vollen Lippen spielte ein leises Lächeln, das dünne grau­blonde Resthaar war sorgfältig gekämmt. In seinen grauen Augen lag ein warmer Glanz. Er trug eine blaue Stoffhose und einen dünnen blauweißen Segler-Pullover, teure Marken und mit Sicherheit keine Anstaltskleidung. Gewiss, Steco war blass, aber vermutlich gab es in Lauerhof auch keine Gelegenheit, sich in die Sonne zu legen. Schon gar nicht im März.

„Lianne, hallo.“ Er lächelte glücklich wie ein verliebter Galan, der seine Angebetete im Restaurant empfängt, und reichte ihr die Hand, die Lianne unwillkürlich ergriff.

„Hallo, Steco“, brachte sie hervor und ließ sich auf den Besucherstuhl sinken. Jetzt habe ich ihm tatsächlich die Hand gegeben, dachte sie. Reflexe funktionieren doch immer.

Und auch auf Liannes Gedächtnis war Verlass. Stecos Anblick löste eine Flut an Erinnerungen an jenen dramatischen Abend vor eineinhalb Jahren aus, von dem sie bis heute schlecht träumte. Der enge Innenraum des Strand-Treffs mit dem Ausgabetresen, auf dem Steco seine Sprengsätze deponiert hatte. Stecos Geschrei und die Pistole, mit der er herumfuchtelte (ein Imitat, wie sich später herausstellte, was nichts mehr an der Todesangst änderte, die Lianne empfunden hatte). Sophie Augsbach, die junge, blonde Internet-Reporterin, die Steco eine Flasche Rotwein über den Schädel zog. Thea, Liannes unverwüstliche Freundin und Chefin, die ohnmächtig in einer Ecke des muffigen Pavillons lag. Es kam jetzt alles wieder hoch.

„Jetzt kommt vermutlich alles wieder hoch, oder?“, sagte Steco, der sich anscheinend in der Haft die Kunst des Gedankenlesens angeeignet hatte. Er musterte Lianne aufmerksam.

„Ich … ja.“ Lianne räusperte sich. Ihr war schlecht. Warum nur hatte sie sich auf dieses Treffen eingelassen? Sie rieb ihre rechte Hand an ihrer Jeans und scharrte mit ihren Sneakern unruhig über den Linoleum-Fußboden.

„Es tut mir sehr leid.“ Steco beugte sich vor, legte seine Hände auf die Glasplatte des Tisches und faltete sie ineinander.

„Ich habe großen Schmerz verursacht. Unter anderem bei dir. Ich möchte dir jedoch helfen, diesen Schmerz loszulassen“, erklärte er ruhig.

„Du willst mir helfen?“ Lianne starrte ihn an. Dem äußeren Anschein zum Trotz hatte sich Stecos geistige Verwirrung offenbar doch nicht gelegt. Sondern lediglich eine andere Richtung eingeschlagen.

„Ja.“ Steco nickte ernst. „Ich möchte zumindest einen Teil meiner Schuld wieder abtragen. Und dazu gehört, dass ich den Menschen, die ich verletzt habe, helfe. Bei der Vergebung.“

Sein Tonfall geriet von Wort zu Wort salbungsvoller, zumindest in Liannes Ohren, und das half ihr in der Tat: Ärger verdrängte die Angst, die sie in den ersten Minuten in diesem Besucherraum empfunden hatte.

„Deswegen also deine … tja, wie soll ich sagen? Einladung?“ Lianne erinnerte sich, wie sie fassungslos auf den Besuchsschein gestarrt hatte, der ohne jede Vorwarnung per Post bei ihr eingetrudelt war. Name des Gefangenen, Termin, Anfahrtsbeschreibung, Personalausweis mitbringen und unbedingt 30 Minuten vor Besuchsbeginn vor Ort sein. Die Telefonnummer des JVA-Besuchszentrums hatten sie ihr auch geschickt, falls sie den Besuch stornieren wollte.

Was auch Liannes erster Impuls war. Dann aber hatte sie gezögert. Mit Kristof gesprochen und mit Britt und Thea. Und jetzt saß sie hier. Vielleicht war der erste Impuls doch der richtige gewesen.

„Einladen im klassischen Sinne darf ich natürlich niemanden.“ Steco schüttelte lächelnd den Kopf. „Aber ich kann Besuch beantragen, viermal im Monat, für jeweils eine Stunde. Das ist mehr, als ich verdient habe, und ich bin dankbar dafür. Das gehört zu den Geschenken, die das Leben mir macht.“

„Hast du wieder zum Buddhismus zurückgefunden?“, gab Lianne gereizt zurück. „Ach, entschuldige, was heißt hier zurückgefunden. Du warst zuvor ja gar nicht da, denn damals hast du nur so getan, als seist du Buddhist, nicht wahr?“

„Du bist zornig, das verstehe ich gut.“ Steco nickte. „Ich werte das als Zeichen deiner Kraft. Denn in dir steckt viel Kraft, das habe ich von Anfang an gespürt. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass du mir vergeben kannst.“

Was für ein scheinheiliges Gewäsch, ging es Lianne durch den Kopf. Eine konsequentere Frau hätte jetzt versucht, Steco einen Faustschlag zu verpassen – ungeachtet der insgesamt drei JVA-Beamten, die über den Raum verteilt das Geschehen an den Tischen aufmerksam beobachteten. Doch aus diesem Holz war Lianne nicht geschnitzt. Leider.

„Schöne Worte, Steco“, erwiderte sie stattdessen spitz. „Aber wir sind hier nicht in der Kirche – oder, um es aus deiner Sicht zu formulieren, in einem buddhistischen Tempel. Das hier ist die Wirklichkeit, und in der Wirklichkeit hast du versucht, drei Leute und dich selbst in die Luft zu jagen. Also zu töten. ,Nur‘ drei Leute, muss ich ja sagen, denn eigentlich sollten es doch viel mehr sein.“

Steco blickte Lianne weiterhin ruhig und freundlich an, als sei er ein erfahrener Psychologe und sie die verwirrte Patientin. Verkehrte Welt, dachte Lianne. Mit diesem absurden Rollentausch muss es schleunigst ein Ende haben.

„Ich weiß das alles, selbstverständlich.“ Steco nickte. „Du sollst auch nicht vergessen, was war. Doch mit Vergebung meine ich, dass du lernst, den Schmerz zu verarbeiten und dann eben loszulassen. Und das kann nur gelingen, wenn du mir vergibst.“

„Steco, nimm es mir nicht übel – aber das hört sich alles an wie die Sprüche, die man in Glückskeksen findet.“ Lianne hatte nicht geplant, so grob zu sein. Aber Stecos vermeintliche Erleuchtung ging ihr auf die Nerven. Immerhin hatte sie jedoch keine Angst mehr vor ihm. Anders als damals – im Pavillon sowieso, aber auch später, während der Gerichtsverhandlung, die auf eine verschwommene Art an Lianne vorbeigezogen war, als habe sie während ihrer Zeugenaussage unter einer schmutzigen Glasglocke gesessen.

Steco lachte.

„Nicht schlecht pariert“, sagte er anerkennend. „Ich habe nicht erwartet, dass du sofort beim ersten Gespräch alles nachvollziehen kannst, was ich vorhabe. Doch ich finde, dass ein guter Anfang gemacht ist.“

„Wie – beim ersten Gespräch?“ Lianne starrte Steco misstrauisch an. „Denkst du, es folgen noch weitere?“

„Wenn du damit einverstanden wärst, würde mich das sehr freuen.“ Wieder dieses glückliche Lächeln. „Ich dachte mir, dass wir miteinander beginnen. Später möchte ich auch Sophie treffen und irgendwann Thea.“

„Tolle Reihenfolge. Ich fühle mich geschmeichelt.“ Inzwischen lag die Option „Faustschlag“ für Lianne in deutlich greifbarer Nähe. „Du meinst, du fängst sozusagen mit der einfachsten Variante an, sprich: mit der unwichtigsten der drei Frauen, die du umbringen wolltest. Und dann arbeitest du dich weiter nach oben.“

„So ist es nicht.“ Steco schüttelte den Kopf. „Ich habe dich nur als die – sagen wir: zugänglichste unter euch im Gedächtnis. Ich bedaure es, wenn ich dich damit gekränkt habe.“

„Ich komme darüber hinweg.“ Diese ganze Unterhaltung ist bescheuert, überlegte Lianne. Wie Britt und Thea wohl reagieren würden, wenn Lianne ihnen davon erzählte? Die beiden saßen garantiert schon gespannt wie die Flitzebögen im Café Möchtegern zusammen und warteten auf Liannes Rückkehr.

„Das ist gut.“ Wieder dieses verständnisvolle Nicken. Die reinste Provokation.

„Ich kann mich leider nicht mit jedem treffen, dem ich Schaden zugefügt habe“, fuhr Steco fort. „Aber ich schreibe Briefe, viele Briefe.“

„Das glaube ich gern.“ Lianne sah vor ihrem geistigen Auge einen prall gefüllten Jute-Postsack. „Du hast ja auch Zeit.“

„Es geht so. Ich bin verpflichtet, hier zu arbeiten.“ Steco schmunzelte. „Was ich natürlich gern tue. Ich habe einen Platz in der Bücherei bekommen, kümmere mich um die Registratur und die Katalogisierung, stell dir vor. Was für ein Glück.“

Entzückend, dachte Lianne. Gerät dieses Treffen jetzt zu einer Art Kaffeeklatsch ohne Kaffee? Sie hatte zwar etwas Münzgeld in den Besucherraum mitnehmen dürfen, um sich an einem Automaten mit Getränken oder Süßigkeiten zu versorgen, verspürte jedoch nicht das geringste Interesse an Speis oder Trank.

„Was ist mit dem Projekt deines Mannes?“, fragte Steco. „Wir können hier zwar Zeitungen lesen, haben aber keinen Internetzugang. Aber soweit ich weiß, steht der Strand-Treff immer noch. Warum das?“

„Mein Ex-Mann“, korrigierte Lianne. „Wir sind seit einem Jahr geschieden. Und aus dem Neubau ist dann doch nichts geworden.“

Sie dachte an das Vorhaben der Gemeinde, Stecos Strand-Treff abzureißen, um stattdessen eine edle Beachlounge zu errichten. Matthias und sein Partner waren damals mit den ersten Plänen beauftragt worden, und als Steco davon erfahren hatte, hatte er angefangen, Anschläge im Ort zu verüben – bis zu jenem schrecklichen Finale in seiner Bude.

„Die Ideen von ,Paulsen-Projekte‘ sind in irgendeiner Schublade verschwunden, schätze ich“, fuhr Lianne fort. „Du hast das ganze Theater also vergebens veranstaltet.“

Eigentlich müsste Steco nun ausflippen, oder? Doch er strahlte weiter die Ruhe des Erleuchteten aus.

„Das hat sich noch nicht erwiesen“, gab er freundlich zurück. „Dass alles vergebens war, meine ich. Welcher Weg für uns vorgesehen ist, können wir meist erst am Ende erkennen.“

Auf einmal wurde Lianne schwindelig. Die Anspannung der vergangenen Tage, als sie an kaum etwas anderes als an dieses Treffen hatte denken können. Die Gefängnisatmosphäre. Die schrecklichen Erinnerungen. Dazu Stecos unerträgliche, selbstgerechte Milde. Ihr war noch schlechter als zu Beginn dieses merkwürdigen Treffens.

„Ende ist ein gutes Stichwort“, erklärte sie deshalb mühsam. „Ich glaube, für heute reicht es mir.“

„Selbstverständlich.“ Wieder nickte Steco verständnisvoll und gab einem der Uniformierten ein Zeichen.

„Du musst warten, bis sie mich hinausgeführt haben“, erklärte er. „Ich danke dir dafür, dass du so lange durchgehalten hast.“

Tatsächlich brachte der JVA-Beamte Steco zu einer gegenüberliegenden Tür. Lianne erhob sich und ging hinter einem seiner Kollegen durch die Besuchertür hinaus.

Auf dem Weg zurück zur Pforte nahm Lianne die ungewohnte Umgebung kaum wahr – zu sehr beanspruchten sie die Gedanken an Stecos Worte. Hatte er recht? Sollte sie ihm vergeben? Aber konnte sie das überhaupt?

Lianne dachte an ihre Angst, eine Angst, die sich in den ersten Wochen nach dem dramatischen Showdown im Strand-Treff gar nicht gezeigt hatte. Monate später erst tauchte sie auf, dann aber umso heftiger. Besonders nachts. Wie oft war Lianne zitternd hochgeschreckt und hatte, einem kleinen Mädchen nach einem Albtraum gleich, nebenan bei Kristof geklingelt? Jedes Mal war er herübergekommen und hatte bei ihr geschlafen. Obwohl er solch ein Eigenbrötler war und sich normalerweise in seiner Wohnung verschanzte wie ein Ritter in seiner Felsenburg.

Ein romantischer Beziehungsauftakt sah anders aus, und die Panikattacken, die Stecos Tat bei Lianne auslöste, machten die ohnehin schwierige Zweisamkeit mit Kristof noch komplizierter. Abgesehen davon fühlte sich Lianne äußerst unwohl in der Rolle der hilflosen Frau, die vom wortkargen Helden gerettet wurde. Doch genauso hatte es sich abgespielt an jenem Abend in Stecos Pavillon. Bis heute fiel Lianne zudem täglich ein, dass sowohl Sophie Augsbach als auch Thea viel mutiger agiert hatten als sie – ein Gedanke wie ein hässliches kleines Nagetier.

Raus aus Lauerhof ging es schneller als hinein. Lianne erhielt binnen weniger Minuten Tasche und Ausweis zurück, trat erleichtert aus der Tür des eckigen Neubaus aus dunkellilafarbenem Backstein und eilte zum Besucherparkplatz. Dieser Tag bescherte Norddeutschland schmuddeliges Winter-Auslauf-Wetter, trotzdem kam Lianne die Welt heller als am Morgen vor. Womit dieser Gefängnisausflug zumindest ein Gutes hatte.

Sie kletterte in Philipps alten olivfarbenen Jeep und warf das klapprige Gefährt an. Über Marliring und Heiligen-Geist-Kamp rumpelte sie zur Travemünder Allee, warf zwei Euro in den Münzautomaten der Mautstation des Herrentunnels, ratterte weiter über B75 und B76. Rechts in den Wiesenweg, links auf die Strandallee, stopp. Zu Hause.

Lianne blieb einen Moment sitzen, atmete tief durch und ließ ihren Blick auf der ehemaligen Pension Agathe ruhen. Die weiße Fassade der beeindruckenden Villa aus der Zeit der Jahrhundertwende schimmerte durch das nieselfeuchte Wintergrau. Die rot gemauerten Fenstereinfassungen und das mit rotem Ziegel gedeckte Dach hoben sich davon deutlich ab, und auch die Türmchen und Erker waren trotz des aufkommenden Nebels gut zu erkennen.

Ja, das hier war ihr Zuhause. Seit fast zwei Jahren. Was hatte Lianne für ein Glück.

„Ich habe doch gesagt, dass ich mich darum kümmere!“ Philipps Stimme, ungewohnt laut, dröhnte durch die gesamte Strandkorbhalle. Lianne verharrte im Erdgeschoss. Hatte er Besuch? Oder telefonierte er? Und warum klang er so aufgebracht?

„Nein! Keine Sorge! Das klappt schon!“ Hörte Lianne Wut oder Angst aus Philipps Tonfall heraus – oder beides? Sie hängte den Jeepschlüssel an den Haken neben der morschen Holztür, trat unschlüssig einige Schritte nach vorn auf dem kalten Betonboden des Winterlagers. Philipp war zweifellos im ersten Stock. Lianne wollte ihn nicht stören, aber wenn sie sich nicht bemerkbar machte, wirkte es am Ende so, als würde sie ihn belauschen. Was sie ja auch tat.

Vor Lianne reihten sich die Strandkörbe der Vermietung Harms aneinander, Hunderte, aus weißem Korbgeflecht, mit weiß-blau gestreiften Markisen und ebensolchen Polstern. Sie sahen gut aus, startklar für die nächste Saison, Ergebnis des emsigen Einsatzes von Lianne und Philipp in den vergangenen Monaten. Sie hatten die Körbe gereinigt und ausgebessert, Polster geflickt, Markisen getauscht, Griffe ausgewechselt, Nummern nachgepinselt und die Laufleisten an den Fußstützen geschmiert. Bis auf ein paar Kleinigkeiten waren sie durch. Lianne wollte eigentlich nur den Jeep zurückbringen und fragen, ob sie heute noch arbeiten sollte oder nicht vielmehr freinehmen konnte.

„Ist ja gut! Nächste Woche, versprochen.“ Philipp tauchte am oberen Geländer der Halle auf und entdeckte Lianne, die ihm vorsichtig zuwinkte.

„Ich muss Schluss machen, ich melde mich.“ Er steckte sein Handy in die Jeans und fuhr mit einer Hand durch sein dichtes dunkles Haar.

„Lianne, hi. Bist du schon lange hier?“

„Gerade erst gekommen.“ Lianne ging die Treppe hinauf. „Alles in Ordnung?“ Sie musterte Philipp kritisch. „Klang nach einem unangenehmen Gespräch.“

„Ach, nichts von Bedeutung.“ Philipp machte eine wegwerfende Geste. Er sah ähnlich müde und graugesichtig aus wie die Frauen, die vorhin zusammen mit Lianne im Warteraum von Lauerhof gesessen hatten. Also überhaupt nicht wie der übliche Philipp Harms, Neffe von Thea Harms, Strandkorbvermieter, Surflehrer, SUP-Trainer und vermutlich größter Frauenschwarm an der Küste zwischen Niendorf und Fehmarn. Braun gebrannt, sportlich, mit blauen Augen, die leuchteten wie die Ostsee am schönsten Sommertag – auch Lianne hatte sich zunächst in den attraktiven und immer gut gelaunten Philipp verguckt. Was allerdings lange vorbei war. Wegen Kristof, und weil Philipp ohnehin nicht auf erfahrene Frauen Mitte bis Ende vierzig stand. Sondern auf klapperdürre, elfenhafte Wesen mit Wallemähne und kugelrundem Staune-Blick. Mindestens 15 Jahre jünger als er durften sie gern sein. Philipp sah ja auch deutlicher frischer aus, als er war – „auch schon 37“, hatte Thea neulich trocken angemerkt.

Heute wirkte er allerdings um mindestens zwanzig Jahre gealtert.

„Nur so eine Frauengeschichte“, sagte er beiläufig und ging an Lianne vorbei. „Ist der Schlüssel am Haken?“

„Ja. Ich wollte fragen, ob heute noch etwas zu tun ist. Sonst würde ich mich wieder vom Acker machen“, meinte Lianne. „Thea und Britt warten auf mich, sie haben mir schon drei Nachrichten geschickt.“

„Wieso, was ist … Ach!“ Philipp schlug sich vor den Kopf. „Entschuldige, das habe ich vergessen. Du warst ja bei Steco. Und?“

„Ging so.“ Lianne wusste nicht so recht, was sie erzählen wollte. Philipp erweckte nicht den Eindruck, für eine Geschichte à la „Mein erster Knastbesuch“ besonders aufnahmefähig zu sein. Was ebenso wenig wie seine heruntergerockte Erscheinung zum üblichen Philipp Harms passte. Denn der war normalerweise trotz seines lockeren Lebensstils aufmerksam, zuverlässig und mutig und hatte geholfen, Lianne – sowie Sophie und Thea – aus Stecos Fängen zu befreien.

„Steco hat anscheinend wieder zum Buddhismus zurückgefunden“, setzte sie nach. „Will sich bei allen entschuldigen. Du bekommst bestimmt auch noch Post.“

„Ich kann es kaum erwarten“, grummelte Philipp, in Gedanken anscheinend weit weg. „Du, ich muss los. Schließ nachher ab, ja?“ Er sprang den Rest der Treppe hinunter, schnappte sich den Autoschlüssel und verschwand durch die Tür. Sekunden später erklang das Dröhnen des Jeeps.

Lianne verdrehte die Augen. „Selbstverständlich kannst du dir heute freinehmen, Lianne“, sprach sie zu sich selbst mit übertrieben fröhlicher Stimme. „Du bist doch so fleißig gewesen. Und ich interessiere mich sehr dafür, wie es in dir aussieht, nachdem du den durchgeknallten Geiselnehmer im Gefängnis besucht hast. Du musst mir alles erzählen, setz dich doch. Willst du einen Kaffee?“

Tja, so hätte es auch laufen können. Aber nicht mit einem Philipp, der so laut ins Telefon brüllte, dass er seine Botschaft auch einfach aus dem Fenster hätte rufen können, und der vom Hof brauste, als gelte es, bei der Ostseeküsten-Rallye entscheidende Kilometer aufzuholen.

Liannes Handy piepte. Eine Nachricht von Britt: „Wo bleibst du denn?! Thea ist gleich auf 180!!!“

Lianne grinste. Zumindest zwei Menschen in Timmendorf fieberten ihrem Bericht aus Lauerhof entgegen. Da wollte sie sich nicht länger zieren. Zumal sie im Café Möchtegern garantiert einen ausgezeichneten Kaffee bekommen würde.

Ob Thea wusste, dass mit Philipp etwas nicht stimmte? Sollte Lianne sie nach ihrem Neffen fragen? Großneffen, um genau zu sein, überlegte Lianne, während sie mit ihrem robusten Tourenrad die Bergstraße hinunterrollte, links vorbei am verwaist in der nassen Kälte liegenden Alten Kurpark. Großneffe hieß, dass Philipp der Sohn eines Neffen oder einer Nichte von Thea war, oder? Altersmäßig kam das hin, Thea war etwa Mitte achtzig. Wobei sie aus ihrem Geburtsjahr ein Geheimnis machte wie einst der selige Karl Lagerfeld.

Weitgehend im Dunkeln lagen zudem Theas Familienverhältnisse, jedenfalls aus Liannes Sicht. Die Grande Dame von Timmendorfer Strand war dreimal verwitwet und einmal geschieden, wenn Lianne sämtliche Andeutungen aus diesem Bereich zusammenzählte. Britt kannte sich diesbezüglich sicher besser aus.

Andererseits: Was ging es Lianne an? Sie war einmal geschieden, das zumindest wusste sie hundertprozentig, und dabei würde es bleiben. Schon allein, weil Lianne sich nicht vorstellen konnte, erneut zu heiraten. Wie es ihr Ex-Mann getan hatte: Matthias und die hübsche, zarte Mareile waren jetzt die Eheleute Paulsen, dazu gehörte noch der kleine Maximilian, inzwischen eineinhalb Jahre alt, Stolz der jungen Mutter sowie des nicht mehr ganz so jungen Vaters.

Matthias, Mareile, Maximilian: Britt nannte die Familie nur noch „Ma-Ma-Ma“, was bei Thea jedes Mal ihr berüchtigtes Augenbrauen-Hochziehen hervorrief.

Lianne war es letztlich egal. Sie hatte mit ihrem neuen Leben genug zu tun, auch ohne die Aufregungen, die Steco verursacht hatte. Im Winter arbeitete Lianne an Theas Strandkörben, über tausend waren es. Ab Ostern beziehungsweise ab Anfang April stand sie als Vermieterin derselben am Timmendorfer Strand, und etwas anderes wollte sie nicht mehr. Sie trieb regelmäßig Sport und achtete auf ihre Ernährung. 25 Kilo hatte sie seit ihrer Ankunft in Timmendorfer Strand vor zwei Jahren verloren. Lianne wollte selbstverständlich nicht ein Gramm davon zurück und weigerte sich bis heute, die Fotos von damals anzusehen. Von Zigaretten hielt sie sich fern, vom Alkohol auch, weitgehend. Als Lebensgefährtin – so sie das denn war – eines trockenen Alkoholikers boten sich ihr ohnehin kaum Gelegenheiten zum Zechen, anders als früher. Gut so.

Es war also alles im Lot. Fand Lianne, Thea aber nicht. Sie habe „etwas Neues“ für Lianne, hatte sie vor einigen Tagen angedeutet und ein wichtiges Gesicht gemacht, als sei sie in der Lage, jederzeit den Heiligen Gral aus ihrer überdimensionalen Krokotasche zu ziehen. Lianne dürfe sich „schon darauf freuen“ und würde bald erfahren, worum es ging.

Seither machte Lianne sich Sorgen. Thea wollte ihr doch wohl nicht die Vermietung an der Seeschlösschen-Brücke wegnehmen? Aber warum sollte sie das tun? Bislang war sie mit Liannes Arbeit nach eigenen Angaben hochzufrieden.

Lianne fuhr über den ockerfarben gepflasterten Timmendorfer Platz und stellte ihr Rad am Durchgang zu den Ozeanwelten und zum Strand ab. Unter einem Heizpilz vorm Café Möchtegern saß ein einsamer Raucher, die übrigen Gäste zogen den mollig warmen Innenraum vor.

Lianne stieß die Tür auf. Links am großen Fenster hatten es sich Britt und Thea an einem der dunklen Holztische gemütlich gemacht und wandten gleichzeitig die Köpfe in Liannes Richtung.

„Da bist du ja endlich“, rief Britt.

„Dachte schon, sie hätten dich dabehalten“, ergänzte Thea knurrig.

Lianne setzte sich auf einen der schicken Ledersessel.

„Sehr witzig“, gab sie zurück. „Ich musste noch zur Halle, um Philipp den Jeep zurückzubringen.“

„Erzähl. Wie war es?“ Britt hob eine große Kaffeetasse an. Der Kuchenteller vor ihr war bereits leer. So schmal und zierlich die fröhliche Kioskbetreiberin mit den kurzen blonden Haaren auch war, konnte sie doch beachtliche Mengen an Gebäck und Süßigkeiten vernichten, ohne zuzunehmen. Was Lianne mitunter mit brennendem Neid erfüllte.

„Es war … seltsam. Beunruhigend. Blöd. Ach, ich weiß nicht.“ Lianne geriet ins Stottern.

„Scheint dich ja mächtig durcheinandergebracht zu haben, der alte Steco“, kommentierte Thea und nippte an ihrem Tee. Sie legte heute mit einem flauschigen roséfarbenen Mohairpullover, eher dezentem Goldschmuck und hellblauem Lidschatten einen vergleichsweise zurückhaltenden Auftritt hin. Wenn man von ihrem knallrosafarbenen Lippenstift und dem Lila-Stich im auftoupierten Haar absah.

„Ja“, räumte Lianne ein. „Es ist bedrückend, in ein Gefängnis zu gehen. Und der Besuch hat viele unangenehme Erinnerungen geweckt.“

Sie berichtete von Stecos Entschuldigung, seinem Gerede über Vergebung und seine offensichtliche Erleuchtung.

„Jetzt kommt er wieder mit diesem buddhistischen Gedöns“, stellte Thea ungerührt fest. „Das war zu erwarten. Aber besser, er wird zum Meditationsbruder, als dass er sich neue Anschläge ausdenkt, hehe.“ Ihr Lachen klang, als schlüge jemand einen Blecheimer gegen eine Mauer.

„Es hört sich tatsächlich seltsam an“, meinte Britt. „Und er will auch Thea treffen? Gehst du hin?“

„Warum nicht.“ Thea zuckte mit den Schultern. „Was soll schon passieren. Ist vielleicht ganz interessant in Lauerhof, da war ich noch nie.“

„Interessant?“ Britt schüttelte den Kopf. „Also ich finde es unheimlich. Immerhin wollte er auch dich umbringen.“

„Hat er aber nicht.“ Thea grinste spöttisch. „Also, die Damen: Wenn unser furchterregender Sprengstoffmeister mich in den Knast einlädt, fahre ich hin. Während du“, sie wies mit dem Kopf zu Britt, „anscheinend nur mit einem schäbigen Entschuldigungsbriefchen rechnen kannst.“

„Das reicht mir auch, vielen Dank.“ Britt verzog das Gesicht. „Ich glaube auch nicht, dass es Meeno gefallen würde, wenn ich einen verurteilten Gewalttäter besuche.“

„Als wenn du dir von deinem Mann etwas vorschreiben lassen würdest.“ Thea winkte einem Kellner herrisch zu. Lianne musste lächeln. Es war wirklich schwer vorstellbar, dass Britt von ihrem Mann irgendeine Anweisung entgegennehmen, geschweige denn sie befolgen würde. Die energische Blondine war das Oberhaupt der Familie Peters, zu der auch die Söhne Bosse und Rasmus gehörten. Bosse hatte im vergangenen Jahr Abitur gemacht und absolvierte jetzt zum allgemeinen Erstaunen ein freiwilliges Jahr als „Bufdi“ in einem Seniorenpflegeheim in Lübeck. Lianne war voller Hochachtung – das hatte sie dem partyfreudigen, linksalternativ orientierten jungen Mann nicht zugetraut. Der jüngere Sohn Rasmus war von derlei Einsätzen noch weit entfernt: Er kämpfte sich gerade durch die neunte Klasse am Ostsee-Gymnasium.

„Kommen wir zu einem erfreulicheren Thema.“ Thea hatte eine große Flasche Wasser und drei Gläser geordert, die der Kellner nun auf dem Tisch verteilte. Kein Schampus?, dachte Lianne. Thea wird doch wohl nicht zur Abstinenzlerin werden.

„Lianne, du hast Geld“, begann Thea.

„Wie bitte?!“ Lianne starrte ihre Chefin an. Britt machte große Augen.

„Na, stell dich nicht dumm. Ihr habt doch diese Edelwohnung in Bremen verkauft, dein Mann und du“, fuhr Thea fort. „Soweit ich weiß, habt ihr euch den Erlös geteilt, oder nicht?“

„Das stimmt.“ Lianne nickte vorsichtig.

„Willst du dir eine neue Wohnung kaufen?“, fragte Thea lauernd wie ein durchtriebener Versicherungskaufmann, der kurz vorm Abschluss mit einem gutgläubigen Kunden stand.

„Was? Nein, wieso?“ Lianne schluckte nervös. Thea war nicht nur ihre Chefin, sondern auch ihre Vermieterin. Wollte sie Lianne etwa aus der Wohnung in der ehemaligen Pension Agathe werfen? Bitte nicht! Lianne liebte ihr kleines, aber wunderschönes Zuhause direkt an der Promenade. Das würde sie nicht kampflos aufgeben!

„Wer kann sich denn hier in der Gegend eine neue Wohnung kaufen?“, mischte sich Britt ein. „Ich meine: Wer von uns Normalverdienern? Ich habe neulich im Internet nachgesehen, nur so aus Langeweile. Siebzig Quadratmeter fangen in Timmendorfer Strand bei 350.000 Euro an, das sind noch die Schnäppchen! Die richtig schönen Wohnungen liegen bei 450.000 oder 500.000 – eine halbe Million! Wahnsinn.“

„Eben. Wahnsinn.“ Thea hob zufrieden ihr Glas. „Deswegen solltest du dein Geld sinnvoller anlegen.“

„Und du weißt natürlich, wie.“ Lianne beruhigte sich. Offenbar ging es nicht um ihre Wohnung an der Strandallee.

„Natürlich.“ Thea atmete tief ein. „Du kaufst meine Strandkorbvermietung in Niendorf. Etwas Besseres kann dir nicht passieren.“

„Deine Vermietung? In Niendorf?“, wiederholte Lianne verblüfft.

„Bist du ein Echo?“, konterte Thea. „Ja, meine Vermietung in Niendorf. 150 Körbe und ein fast nagelneues Vermieterhäuschen mit Reetdach. Östlich des Hafens, gleich neben dem Freistrand. Toplage.“

„Aber … Warum willst du verkaufen?“ Lianne runzelte die Stirn. Eine Strandkorbvermietung kaufen: Darüber hatte sie noch nie nachgedacht.

„Ich muss mich allmählich zurückziehen, Kinder, ich werde nicht jünger.“ Thea lehnte sich zurück. „Es wird Zeit, die nachfolgende Generation ans Ruder zu lassen. Zumal diese auch nicht mehr taufrisch ist.“

„Vielen Dank.“ Mittlerweile perlten derlei Bemerkungen von Thea an Lianne ab. „Aber ich dachte, dass Philipp dein Nachfolger ist, sozusagen.“

„Ist er auch, keine Sorge. Der gute Philipp wird versorgt“, antwortete Thea. „Ich habe schließlich noch 750 Körbe in Timmendorf und hundert weitere in Niendorf. Das wird wohl für meinen lieben Neffen reichen.“

„Also ich finde die Idee nicht schlecht“, erklärte Britt. „Das ist eine gute Investition.“

„Mag sein.“ Lianne überlegte. „Was soll das Ganze denn kosten?“

Thea beugte sich vor und schnitt eine Grimasse.

„Ich mache dir ein Angebot“, murmelte sie heiser, „das du nicht ablehnen kannst.“

Sie stand im Boot und fischte. Ich sah’s vom Ufer her. Ins Netz die Fischlein sprangen, als ob’s zum Tanze wär’. Wollt’ keins im Meere bleiben, das Netz war viel zu klein. Sie ließ es sich gefallen, und dacht’, es muss so sein.Wilhelm Müller (1794–1827), „Die glückliche Fischerin“

Kapitel 3

Innerhalb von Sekunden glitt die scharfe Klinge der Schere durch die Bauchdecke bis zur Kehle. Ein rascher Schnitt in den Nacken, ein Ruck am halb abgetrennten Kopf – schon war das Gröbste erledigt, nicht einmal eine halbe Minute hatte es gedauert.

„Wenn man dich so sieht, möchte man meinen, dass du das seit dreißig Jahren machst.“ Gustav Kiekbusch nickte anerkennend. Eigentlich hatte der Vorsitzende des Timmendorfer Wirtschaftsausschusses nur eben acht bis zehn frische Heringe am Niendorfer Hafen kaufen wollen. Doch von dem Anblick in Verkaufsbude Nr. 3 konnte er sich nicht losreißen: Inga Klausen, jüngste und garantiert schönste Fischwirtin an der Ostseeküste, filetierte die kleinen Silberlinge blitzschnell und mit faszinierender Fingerfertigkeit.

„Das ist nicht schwer.“ Inga lächelte höflich. Sie war begeistertes Publikum gewöhnt. Die Arbeit der Fischer an der Kaikante gehörte seit Jahrzehnten zum touristischen Show-Programm im Hafen. Auch wenn das den älteren Fischern bis heute nicht gefiel. Inga hingegen mochte die Urlauber und ihre Fragen. Sie waren wenigstens an ihrem Beruf interessiert. Gustav Kiekbusch war allerdings kein Urlauber, sondern Einheimischer, weshalb ihn eine schlichte Tätigkeit wie das Heringsfiletieren nicht allzu sehr fesseln sollte.