NIGÁ 2 - Niilo Aikio - E-Book

NIGÁ 2 E-Book

Niilo Aikio

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Beschreibung

Die Abenteuer des Samenjungen Nigá gehen im zweiten Erzählband weiter. Der Lebensraum des jetzt zum jungen Mann werdenden Nigá vergrößert sich, und die Welt außerhalb seines kleinen Dorfes in der lappländischen Einöde und seiner geliebten Heimat bieten neue Erfahrungen und Einsichten in Nigás Leben. Aus dem Jungen Nigá ist ein geschickter Angler und Fischer geworden, der allein oder mit seinen Altersgenossen längere Exkursionen unternimmt. Die Jagd wird zu seinem wichtigsten und beliebtesten Zeitvertreib und trägt zum Lebensunterhalt bei. Áddjá, sein Großvater, spielt weiter eine wichtige Rolle in Nigás Jugendzeit. Seine Aufgabe sieht er darin, seinem Enkelsohn die Traditionen der Rentiersamen nahezubringen.

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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Die Robbenjäger

Das scheuende Rentier Luosttat

Die Eule

Die Wolfsscheuche

Das zweiköpfige Monster

Das Joiklied

Der Geist von Stállu und sein Adler

Der Opferstein

Das Jagdversteck

Der Rabe

Die Impfung

Schmerzhafte Vergangenheit

Der Pferdevogel

Die Torfhütte

Rettung in letzter Minute

Der Riesenhecht

Der Eisfuchs

Lachsfang mit Treibnetzen

Das Rauchschneehuhn

Ein Rucksack voll Moltebeeren

Der Vielfraß

Die Kuhhirtinnen

Ein dunkelhäutiger Mann

Der Elch

Der Bär

Glossar der samischen Ortsnamen

Lokale samische Namen und Bezeichnungen

Finnische Entsprechungen

Buolbmátjávri

Pulmankijärvi

Deatnu-Fluss

Tenojoki

Stuorra Searba

Searba tunturi

Vuovdevárri

Vuovdevaara

Viercajohka

Jääräjoki

Njuorggán

Nuorgam

Fanasgieddi

Venekenttä

Badje-Buolbmátjohka

Yläpulmankijoki

Moresveijohka

Moresveijoki

Roavvevárri

Roavvivaara

Rávdojávri

Rautujärvi

Boratbokcá

Boratbokca

Vuolle-Buolbmátjohka

Alapulmankijoki

Čarajávri

Čarajärvi

Bildan

Piltamo

Vuollegeavŋŋis

Alaköngas

Čuomasvárri

Suomusvaara

Mivttečohkka

Mivtivaara

Bihčosmaras

Bičusmaras

Colmmešoaivi

Kolmisoivi

Ruossavárri

Ruossavaara

Moresveai

Morisvei

Skiippavuopmi

Skiippavuoma

Buolbmát

Pulmanki

Čeavetjávri

Sevettijärvi

Čaraoaivi

Čaraoivi

Njávdánjohka

Näätämöjoki

Gálddoaivi

Kaldoaivi

Die Robbenjäger

»Sieh nur! Dort auf dem Eis ist es zu sehen! Jetzt taucht es ins offene Wasser und paddelt zur Fahrrinne … und jetzt beginnt es in Richtung vom Ab fluss des Sees zu kriechen«, gibt Nigá seine Beobach tun gen weiter.

Nigá hat sich Schlittschuhe aus einem Holzstück und einem alten Sägeblatt gebastelt, die er in Vaters Gerümpelecke ge - funden hatte. Der junge Mann sitzt stolz auf einem Stein am Ufer des gerade zugefrorenen Sees Buolbmátjávri und probiert die neuen Schlittschuhe an. Seine Mutter Elle hat ihn da vor gewarnt, aufs Eis zu gehen, weil die Flussmündung und der Abfluss vom See noch offen zu sein scheinen.

»Das Eis am Ufer trägt wirklich schon«, versichert Nigá.

Angeblich hat er mit der Axt ein paarmal darauf einschlagen können, bevor die Schneide durch das Eis ging.

Nigá bindet die Schlittschuhe unter die Füße und zieht auf dem nahegelegenen See einige Runden. Es gefällt ihm sehr, so über das glatte Eis zu flitzen. Beim Schlittschuhlaufen guckt er, ob Áhkku, die Großmutter des Nachbarn, vielleicht auch dem rasanten Treiben zusieht. Das Schauspiel stockt je - doch bald, weil der Schlittschuh plötzlich in eine Eisspalte stößt und der Läufer auf die Nase fällt. Aua, das tut weh! Nigá kniet sich hin und massiert den schlimmsten Schmerz seiner angeschlagenen Glieder weg. Zum Glück habe ich Ga - maschen aus Rentierfell an, sonst wären meine Knie jetzt ganz wund, denkt der Kufenkünstler und startet einen neuen Versuch.

Was für ein komischer Vogel schwimmt denn da im eisfreien Fluss?, wundert sich Nigá und starrt das fremde Wesen an. Jetzt muss ich das Fernglas aus der Stube holen und michver gewissern, was für ein seltsames Tier da im offenen Wasser taucht. Nigá rast im Nu ans Ufer und zieht die Schlitt - schuhe aus.

»Wo ist das Fernglas? Ich habe etwas Seltsames im offenen Fluss wasser gesehen«, ruft der junge Bursche schon von der Haus tür aus.

Er rennt auf eine Schublade zu, in der das Fernglas sein müsste. Aber seine Mutter Elle ist schneller. Sie schnappt ihm das Fernglas vor seiner Nase weg und springt auf die Treppe, um den See abzusuchen.

»Da sieht man doch nichts. Dein Wasservogel ist schon längst weggeflogen, und du bist davon immer noch so begeistert«, lacht Elle über ihren Sohn.

»Gib mir das Fernglas, du siehst sowieso nichts«, sagt Nigá aufgeregt und entreißt Elle das Fernglas.

»Sieh nur! Dort auf dem Eis ist es zu sehen! Jetzt taucht es ins offene Wasser und paddelt zur Fahrrinne ... und jetzt be - ginnt es in Richtung vom Abfluss des Sees zu kriechen«, gibt Nigá seine Beobachtungen weiter.

Sein Vater Jovnna stellt sich neben den Spähtrupp und meint:

»Das ist doch eine Robbe. Wieso hält sie sich jetzt hier auf? Früher hat man hier keine Robben gesehen.«

»Ob wir sie noch einholen können, bevor sie es bis zum offenen Wasser schafft«, überlegt Elle und setzt damit ihre Fa mi - lie in Bewegung.

Nigá rennt ans Ufer und versucht mit zitternden Fingern die Schlittschuhe unterzuschnallen. Je mehr er sich beeilt, desto schlimmer verknoten sich die Schnüre. Der Bursche sieht zugleich, wie Jovnna, das Eisbeil in der Hand, ans Ufer eilt. Elle ist genauso schnell und rennt mit flatternden Rü schen - säumen hinter dem Hausherrn aufs Eis, sie hält einen Stock zur Bearbeitung von Fellstiefeln in der Hand.

Elle und Jovnna sind schon ein gutes Stück voraus, als Nigá die Schlittschuhe unterhat und hinterhersaust. Aber nur Se - kun den später rast er an den beiden Läufern vorbei und sieht dabei die Robbe, die mit hohem Tempo Richtung des offenen See-Abflusses schwimmt. Der hastige Fänger vergisst ganz, auf die Risse im Eis zu achten, sodass er flugs auf dem Bauch liegt und weit auf dem Eis entlang rutscht. Sofort springt er, die Zähne zusammenbeißend, hoch und setzt seine unterbrochene Jagd fort.

Das offene Wasser ist nicht weit weg. Nigá weiß, dass das Eis bis zum Rand des eisfreien Wassers hält, weil der Wind das dünnere Eis zerbrochen hat. Er kommt an die Robbe heran, be vor sie wieder ins Wasser taucht. Er läuft vor die Robbe, schreit und fuchtelt mit den Armen. Aber die Robbe macht sich nichts aus dem Lärm des jungen Mannes. Sie robbt weiter aufs offene Wasser zu und grinst den Lärmenden an. Nigá merkt erst jetzt, dass er gar keine Waffe dabeihat. Er muss zurück, um Vaters Eisbeil zu holen.

»Schnell, schnell, gib mir das Eisbeil!«, bettelt Nigá, aber der Vater tut so, als ob er nichts gehört hätte. Er ist selbst voller Ehrgeiz bei der Robbenjagd und scheint dem Können seines Sohnes nicht zu trauen.

Nigá läuft zu seiner Mutter, schnappt ihr den Stock weg und eilt auf das Tier zu. Schnell erreicht er die Robbe, die schon an den Rand des offenen Wassers gelangt ist. Nigá traut sich nicht, sich ihr weiter zu nähern, denn die Ab bruch kante ist zu nah. Die Robbe weiß, dass sie, wenn sie es ins offene Was - ser schafft, mit heiler Haut davonkommt. Mit letzten Kräften erhöht sie ihr Tempo. Nigá schlägt mit dem Stock nach der Robbe, trifft aber nur den Schwanz und das Tier macht noch mehr Dampf. In Nigás Augen bleibt das Bild von der Robbe haften, wie sie sich umblickt und Wasser spritzend ins eisige Nass taucht.

Die glücklosen Robbenjäger sind nach Hause zurückgekehrt. Sie haben sich um den Tisch herum versammelt, um Fleisch - suppe zu löffeln. Áhkku, die Großmutter des Nachbarn, nagt an einem Stück Rückenknochen, das sie aus der Suppe gefischt hat. Sie ist aus lauter Neugier zu Besuch gekommen. »Wenn du, Nigá, eine bessere Waffe gehabt hättest, hätte man hier jetzt Robbenfleischsuppe essen können.«

»Warum hast du nicht ein Eisbeil als Waffe benutzt?«, grinst Áhkku und schaut Jovnna lächelnd an. Nigá schaut auf seinen Vater und antwortet:

»Daran habe ich so schnell nicht gedacht.«

❂❂❂

Das scheuende Rentier Luosttat

»Áddjá, bitte, bitte, komm mir zu Hilfe!« ruft Nigá in großer Not, obwohl er versteht, dass Áddjá mit den Zug - rentieren schon alle Hände voll zu tun hat. Sie galoppieren erschrocken mit aller Kraft einfach weiter.

Es ist schon später Frühling. Die vom wolkenlosen Himmel leuchtenden Sonnenstrahlen brechen kraftvoll die Macht des Winters. Áddjá, Nigás Großvater, ist auf den Hof gefahren und hat die Zugrentiere an das Heugestell angeleint.

Nigá stellt fest, dass eines der Zugrentiere einen normalen Schlitten nach sich gezogen hat und keinen bootsförmigen Ren tierschlitten, wie gewöhnlich. Zwei Rentiere haben be - reits das Geweih abgeworfen, aber Luosttat, das große Ren mit helleren Seitenstreifen, trägt immer noch sein prachtvolles Geweih.

Die Tür geht auf und Áddjá sucht Nigá. Er bittet ihn, den Ren tieren Schachtelhalme zum Fressen zu bringen, die er extra für seine Zugrentiere vorsorglich vorher schon auf dem Eis geschnitten hatte. Nigá ist sofort bereit Áddjás Bitte zu erfüllen und rennt schnell auf den Hof.

Nigá merkt, dass der Nachtfrost den Schnee mit einer Eis - kruste überzogen hat. Die Rentiere konnten deshalb leicht die Schneekruste entlang nach Hause traben. Jetzt dösen sie mit halbgeschlossenen Augen im Sonnenschein.

Als sich Nigá mit einem Armvoll Schachtelhalmen den Ren - tieren nähert, recken sie schnell ihre Hälse, um an diese Le - cker bissen zu gelangen. Erst jetzt begreift Nigá, warum Áddjá nicht bis zu dem Vorratsspeicher gefahren ist. Da scheint es eine große Pfütze zu geben. Nigá schaut den Rentieren noch einen Moment beim Fressen zu. Dann zieht er sich in die Stube zurück, um mit dem Großvater zu plaudern.

In der Stube scheint Áddjá schon bei seiner Lieblings be - schäftigung zu sein: Er leert den Suppentopf. Nigás Mutter hatte am vorigen Abend Rentiersuppe gekocht, hat diese jetzt aufgewärmt und vor den Opa hingestellt.

»Komm mit mir essen, Nigá«, fordert Áddjá seinen Enkel auf. Er stopft ein Blutklößchen in den Mund und danach noch ein Klümpchen Rentierfett.

»Nein, danke. Ich habe gestern Abend so viel gegessen, dass ich jetzt noch keinen Hunger habe«, antwortet Nigá und sieht Áddjá beim Essen zu.

»Ich habe schon seit langem einige Dörrfleischstücke in meinem Rucksack. – Iss doch das Dörrfleisch«, fordert der Opa den Jungen auf und trinkt Fleischbrühe zum Blutklößchen.

Nigá öffnet Áddjás Rucksack, in dem er Kaffeekessel, Malz - brot, Schafskäse, Kaffeebeutel, Butterdöschen und auch ei - nen kleinen Klumpen Dörrfleisch findet. Er trennt ein Stück - chen gedörrtes Rippenfleisch ab, kaut auf dem Fleisch herum und schaut zugleich aus dem Fenster. Die Rentiere haben sich schon an den Schachtelhalmen satt gefressen und liegen schlummernd auf dem Boden.

***

»Ich will jetzt die Zugtiere weiden lassen«, teilt Áddjá Nigá mit, als sie sich am nächsten Morgen treffen. »Möchtest du mitkommen, wenn ich sie auf die bewaldete Anhöhe bringe?« »Natürlich komme ich mit«, sagt Nigá begeistert und zieht seinen Pelzmantel an. Zusammen gehen sie die Zugtiere wecken, die dann eines nach dem anderen aufstehen und ihre morgendlichen Dehnübungen beginnen.

»Luosttat ist kräftig und deshalb ein sehr gutes Ren tier für längere Fahrten. Es scheut aber leicht und kann manch mal ganz wild werden«, belehrt der Großvater Nigá, als sie näher an die Rentiere herantreten.

»Warum scheut es?«, fragt Nigá neugierig und betrachtet den kräftigen Zugbullen.

»Er hält die Berührung des Zugriemens an den Fesseln nicht aus, weil es seine Hinterläufe kitzelt. Darum ist es ein etwas unberechenbares Tier. Mit dem Rentierschlitten funktioniert es mit ihm besser«, sagt Áddjá und beginnt seine Zugrentiere hintereinander festzubinden.

Nigá fühlt sich schon wie ein echter Rentiersame, als er auf Skiern hinter seinem Opa herläuft und die Rentierherde auf den waldigen Hügel führt. Áddjá hat ihm das Ende der Las - so schlinge gereicht, an dem Luosttat, das Leittier, festgebunden ist. Hinter ihm folgen die anderen Tiere wie eine Ren - tierkarawane.

Als Áddjá und Nigá die Anhöhe erreicht haben, erschrickt Luosttat plötzlich und wirft Nigá um. Die anderen Rentiere reagieren panisch, ergreifen die Flucht, und Nigá selbst fliegt unfreiwillig wie ein Rentierschlitten hinter ihnen her. Er versucht sich vom Lasso zu befreien, aber es hat sich so fest um ihn herumgeschlungen, dass er nicht mehr loskommen kann.

Die Zugochsen galoppieren immer schneller, weil Nigá ihnen wie ein angreifender Wolf nachfolgt.

»Áddjá, bitte, bitte, komm mir zu Hilfe!« ruft Nigá in großer Not, obwohl er versteht, dass Áddjá schon mit den Zugren - tieren alle Hände voll zu tun hat. Sie galoppieren erschrocken mit aller Kraft weiter. Nigás Mütze und Faust hand - schuhe sind während der schnellen Fahrt weggeflogen. Sein Gesicht und seine Hände werden von der Schneekruste aufgescheuert. Plötzlich verspürt er einen kräftigen Ruck und die Fahrt endet. Nigá macht seine Augen halb auf. Sie füllen sich mit Blut und ihm wird schwarz vor Augen.

***

Nigá wacht auf und befindet sich in einem eingeengten und finsteren Zustand. Ach, du Schreck! – Ich kann nichts mehr sehen, ist sein erster Gedanke. Erst nach einer Weile begreift er, dass er dicke Verbände umhat und in einem Bett liegt. Er hört die Leute um sich herum eine fremde Sprache sprechen. Der bettlägerige Patient hebt seine Hände und spürt auch da herum Verbände.

Wo bin ich? – Warum habe ich überall Verbände? Diese Gedanken schießen ihm durch den Kopf.

»Nigá, du bist wieder bei Bewusstsein!«

Dies ist die Stimme seiner Mutter. Nigá wendet sich der Stimme zu, ein Auge findet ein Loch zwischen den Verbän - den, durch das er Mutters Gesicht erkennt.

»Mutti, wo ist Áddjá?« fragt Nigá.

Im selben Moment fällt sein Blick auch auf Áddjá, der weiter hinten steht.

»Áddjá, bist du böse auf mich? – Deine Zugtiere sind mir durchgegangen.«

»Natürlich nicht. Den Rentieren geht es gut. Sie sind bis zu dem Heugestell galoppiert, und ihr seid dort steckengeblieben«, erklärt er Nigá.

»Gut«, flüstert Nigá. In seinem Auge glänzt eine Träne.

❂❂❂

Die Eule

Ist uns Ándaras wirklich als Gespenst erschienen?, überlegt Nigá. Er ist entsetzt darüber. »Ich laufe noch mal um ihn herum. Wenn der Kopf nicht herunterfällt, dann ist das tatsächlich ein Gespenst.«

Es ist ein früher Wintermorgen, als in dem Gehöft am Ufer des Einödsees Buolbmátjávri die Gutsleute zum Kaffee versammelt sind. Elle schaut, ob Jovnna und ihr Sohn Nigá schon frühstücken möchten. Die beiden scheinen aber starr aus dem Fenster auf den Hof zu blicken.

»Er trägt ein Geweih«, seufzt Nigá.

»Dann ist Ándaras vielleicht doch hierher zurückgekommen, um als Gespenst zu spuken«, überlegt der Vater.

»Was ist denn das für ein Gespenst mit einem Geweih?«, wundert sich die Mutter und eilt ebenfalls ans Fenster. »Das ist doch eine Eule und sie sitzt auf unserem Langholzstapel. Daran ist doch nichts Besonderes, oder?«

»Doch, weil der Vogel ein Geweih trägt und mit seinen fürchterlichen Augen wie ein Teufel glotzt«, sagt Jovnna und zieht sich vom Fenster weiter in die Stube zurück. »Der WaldÁndaras ist als Eule spuken gekommen, um uns zu erschrecken. Er hätte für immer dort bleiben sollen, von wo auch immer er hergekommen ist. Wenn ich jetzt eine Flinte hätte, würde ich den Teufel erschießen«, meint Jovnna und geht an den Tisch zu seinem Kaffee. Elle folgt ihm.

Nigá bleibt noch eine Weile am Fenster und beobachtet den unbekannten Vogel, der gerade eben für so eine seltsame Auf - regung in seiner Familie gesorgt hat, besonders beim Vater.

»Ich habe allerlei Arten von Eulen gesehen, aber nie mit einem Geweih«, überlegt Jovnna halblaut und schlürft seinen Kaffee. »Ob das wirklich eine richtige Eule ist? Mankönnte es überprüfen. Die Eule benimmt sich doch so, dass sie ununterbrochen einen Menschen anstarrt. Man sagt, dass ihr Kopf herunterfällt, wenn ein Mensch nur oft genug um die Eule herumgeht«, erzählt Jovnna und schaut lächelnd zu seinem Sohn.

***

Nigá beobachtet die Eule nun schon den ganzen Vormittag, aber der Vogel sitzt immer noch unbeweglich auf dem längsten Ast des Langholzstapels. Ich könnte natürlich überprüfen, ob es wirklich eine richtige Eule ist oder vielleicht doch irgendein Ándaras, der im Frühjahr spurlos verschwunden ist, denkt Nigá.