Nordic Love Stories: 2 Bände in einem Bundle! - Lea Weiss - E-Book

Nordic Love Stories: 2 Bände in einem Bundle! E-Book

Lea Weiss

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Beschreibung

**New Life. New Me. True Love.**  Diese E-Box enthält zwei New-Adult-Liebesromane voll prickelnder Gefühle im malerischen Island:  Nordic Love Stories. Vanessa  All die Pläne für eine gemeinsame Zukunft sind dahin, als Vanessas Freund sich von ihr trennt. Um herauszufinden, was sie mit ihrem Leben anfangen will, reist sie nach Island und lernt dort den außergewöhnlich attraktiven Tourguide Andri kennen. Gerade als die beiden sich auf der Pferderanch seiner Familie langsam näherkommen, passiert ein tragischer Vorfall und stellt sie vor eine gewichtige Entscheidung …  Nordic Love Stories. Freyja  Nach einem schweren Unfall beschließt Freyja, Reykjavík hinter sich zu lassen und in ihr Elternhaus mitten in der wilden Natur Islands zurückzukehren. Dort trifft sie auf ihre Jugendliebe Alvar, der ihre schmerzhafte Vergangenheit wieder hochkommen lässt. Alles in Freyja schreit nach Flucht, doch da hat sie die Rechnung ohne ihr Herz gemacht, das sich einfach nicht von ihm lösen kann …  //Dies ist der Sammelband der romantischen New-Adult-Buchserie »Nordic Love Stories«. Weitere gefühlvolle Liebesromane der Autorin bei Impress:   -- Yhale Love Stories 1: Sarah     -- Yhale Love Stories 2: Sophie //   Jeder Roman dieser Serien steht für sich und kann unabhängig von den anderen gelesen werden. 

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impress Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2022 Text © Lea Weiss, 2021 Lektorat: Rebecca Steltner Coverbild: shutterstock.com / © Rusakova Halina / © Milat_oo / freepik.com / © janniwet / © pikisuperstar Covergestaltung: Emily Bähr ISBN 978-3-646-60880-9www.carlsen.de

Impress

Die Macht der Gefühle

Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.

Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.

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Lea Weiss

Nordic Love Stories 1: Vanessa

**Zwischen Polarlichtern, Pferderücken und weichen Knien**Auf zu neuen Ufern! Als ihr Freund sie verlässt und mit ihm all ihre Pläne für die gemeinsame Zukunft, beschließt Vanessa, die längst gebuchte Pärchenreise nach Island allein anzutreten. Ihr Ziel: herausfinden, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Prompt trifft sie in Reykjavík den außergewöhnlich attraktiven Reiseführer Andri, der ihr anbietet, ein paar Wochen auf dem Pferdehof seiner Familie zu verbringen. Ein Angebot, das Vanessa nur allzu gerne annimmt. Doch gerade als ihr Leben eine positive Kehrtwendung nimmt und Andri und sie sich langsam näherkommen, holt ein tragischer Vorfall den Pferdehof ein und stellt die beiden vor eine schwere Entscheidung …

Wohin soll es gehen?

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Vita

© privat

Eine Muschel am Strand, ein grauer Regentag oder das Bild einer verschneiten Winterlandschaft. Alles hat eine Geschichte zu erzählen. Und diese zu finden hat sich Lea Weiss zur Aufgabe gemacht. Die Freizeit verbringt sie bei ihrem Pferd, das ihr immer wieder Stoff für neue Buchideen liefert.

Prolog

Ein heftiger Ruck schüttelte meinen Körper, als das Flugzeug der Icelandair auf dem Boden aufsetzte. Das dumpfe Geräusch der Rollbahn dröhnte in meinen Ohren. Ich hatte die Augen zusammengekniffen und klammerte mich panisch an meine Sitzlehne. Meine Nägel hinterließen mit Sicherheit Abdrücke im Gummi.

Gott, wie sehr ich das hasste! Start und Landung waren für mich immer die schlimmsten Momente. Eigentlich mochte ich Fliegen im Allgemeinen nicht und konnte absolut nicht nachvollziehen, wie jemand Spaß daran haben oder sich gar dabei entspannen konnte.

Ich gehörte zu der Sorte Mensch, die lieber mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand. Freiwillig hätte ich mich wohl nie in ein Flugzeug gesetzt, aber wenn man etwas von der Welt sehen und weiter wegwollte, so sagte meine Freundin Isabel immer, blieb einem nichts anderes übrig. Und das war es nun mal, was ich gerade wollte: weit weg.

Ich musste weg von meinem Leben in Deutschland, weg von der Uni, weg von meinen Eltern und Steph …

Allmählich verringerte das Flugzeug seine Geschwindigkeit. Das Schlimmste schien überstanden zu sein. Verhaltenes Klatschen erklang, so mitten in der Nacht hielt sich die Euphorie der Leute in Grenzen.

Zischend ließ ich die Luft, die ich bis dahin unbewusst angehalten hatte, aus meiner Lunge entweichen. Vorsichtig öffnete ich erst das eine, dann das andere Auge und löste meinen Griff von den Armlehnen. Da waren keine Abdrücke … Nun ja, vielleicht ein kleiner.

Ich ließ die Schultern kreisen, um meine verkrampfte Muskulatur etwas zu lockern, und wischte meine schweißnassen Finger an der hellen Jeans ab. Dunkle Flecken blieben zurück. Igitt!

Verstohlen blickte ich mich um. Flugangst war nichts Ungewöhnliches, dennoch war mir mein Verhalten immer wieder peinlich. Ich wusste auch, dass das Flugzeug zu den sichersten Verkehrsmitteln zählte, nur wie sollte ich das meinem Körper begreiflich machen?

Zum Glück schien niemand Notiz von meiner Wenigkeit zu nehmen. Nichts war schlimmer als Publikum. Der Platz in der Mitte war leer und der Typ am Fenster schlummerte selig vor sich hin. Dann und wann war ein Schnarchen zu hören, mehr nicht. Wie sehr ich ihn beneidete …

»Willkommen in Island. Bitte bleiben Sie angeschnallt, bis wir die Parkposition eingenommen haben«, hörte ich den Piloten auf Englisch sagen. Die Lautsprecher knackten, als er noch irgendetwas über das Wetter und die Temperatur erzählte, aber ich hörte schon nicht mehr hin.

Stattdessen warf ich einen Blick aus dem Fenster, vorbei an dem schlafenden Typen, in dem Versuch, irgendetwas zu erkennen. Doch außer Dunkelheit und den bunt leuchtenden Lichtern der Rollbahn war nicht viel zu sehen.

Kaum war das Anschnallzeichen erloschen, stand ich auch schon. Mein Sitznachbar stieß ein protestierendes Grunzen aus, aber ich beachtete ihn nicht weiter.

Ich konnte es kaum abwarten, hier rauszukommen. Ging es ums Fliegen, mutierte ich zu einer dieser ungeduldigen Personen, die sofort von ihrem Sitz aufsprangen, sich ihr Reisegepäck aus den oberen Fächern schnappten, um sich dann demonstrativ in den Gang zu stellen. Die bösen Blicke meiner Mitreisenden ignorierte ich, indem ich stoisch den Ausgang anvisierte.

Dabei zählte ich sonst zu den entspanntesten Menschen überhaupt, aber diese Eigenschaft hatte ich wohl in den letzten Wochen irgendwo verloren.

Um dem anschließenden Kofferwahnsinn am Gepäckband zu entgehen, hatte ich vorgesorgt. All meine Habseligkeiten befanden sich in meinem Reiserucksack.

Schnurstracks verließ ich den Ankunftsbereich und fand mich im Hauptgebäude des Keflavíker Flughafens wieder. Alles wirkte klein und überschaubar und ich entspannte mich ein wenig. Da hatte ich schon ganz anderes erlebt.

Schilder verwiesen auf den Ausgang. Als die Tür in Sicht kam, blieb ich unschlüssig stehen. Mehrere Personen, teilweise schick, teilweise leger gekleidet, standen dort hinter einer Absperrung, wie an einer Perlenschnur aufgereiht, und hielten Pappschilder in die Höhe. Hastig scannten meine Augen die Namen der verschiedenen Reiseanbieter ab.

Ich atmete innerlich auf, als ich den Schriftzug »Iceland Dreaming Tours« entdeckte. Eine Frau mittleren Alters begrüßte mich mit einem breiten Lächeln. Trotz der späten Stunde wirkte sie frisch und erholt, geradezu wie aus dem Ei gepellt, während ich mich fühlte wie drei Mal durch den Fleischwolf gedreht.

»Ihr Name, bitte«, bat sie auf Englisch.

»Vanessa Steinberg«, murmelte ich schüchtern.

Ihre Augen überflogen die Liste.

Als sie meinen Namen entdeckte, hellten sich ihre Züge auf.

»Ah, da habe ich Sie, Miss Steinberg!«, sagte sie. »Willkommen in Island. Der Bus befindet sich gleich dort draußen. Der Name ›Iceland Dreaming Tours‹ steht vorne auf der Scheibe. Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub!«

»Dankeschön«, erwiderte ich und begab mich nach draußen. Eisige Luft schlug mir entgegen und raubte mir für einen Augenblick den Atem.

Schützend zog ich den Schal über Mund und Nase. Zeitgleich entdeckte ich besagten Bus auf dem Parkplatz. Es war nicht viel los.

Vor Kälte zitternd betrat ich das silberfarbene Gefährt. Auch der Busfahrer begrüßte mich mit einem gutgelaunten Lächeln. Was war bloß los mit den Leuten? Es war fast Mitternacht, arschkalt und dunkel. Wenn ich um diese Zeit arbeiten müsste, wäre mir alles andere als zum Lachen zumute.

Ich nickte dem Fahrer höflich zu und verzog mich in den hinteren Teil des Busses. Ein älteres Ehepaar war bereits vor mir an Bord gegangen. Schnell lief ich an ihnen vorbei, aber sie beachteten mich nicht weiter. Da sie weiter vorne saßen, hatte ich den hinteren Teil komplett für mich allein. Seufzend ließ ich mich auf dem gepolsterten Sitz nieder, unter dem die Heizung angebracht war, und rieb die Hände gegeneinander.

Als hätte man einen Schalter in meinem Inneren umgelegt, fiel die Anspannung von mir ab und die Müdigkeit hielt Einzug. Kein Wunder, wenn ich richtig rechnete, war ich seit über vierundzwanzig Stunden auf den Beinen.

Wenn ich nur daran dachte, was in dieser Zeit alles passiert war, drehte sich mir der Magen um. Mit aller Macht versuchte ich die Ereignisse des letzten Tages zu verdrängen. Hätte man mir vor einer Woche erzählt, dass ich bei gefühlten minus zwanzig Grad mitten in der Nacht völlig allein in einem Bus am isländischen Flughafen sitzen würde, hätte ich wohl nur müde gelächelt. Und doch war es so. Wie schnell sich die Dinge doch manchmal ändern konnten …

Eine halbe Stunde später war der Bus etwa zu einem Drittel mit Leuten besetzt, die genauso müde aussahen wie ich. Meine Augen brannten. Nur mit Mühe gelang es mir, wach zu bleiben. Zum wiederholten Male stopfte ich mir eines der Kaffeebonbons in den Mund, die ich mir in Frankfurt gekauft hatte. Ich glaubte nicht an die belebende Wirkung, die der Hersteller versprach, aber der Geschmack war so widerlich, dass er mich jedes Mal aufs Neue schaudern ließ. So schlief ich wenigstens nicht ein.

Dann startete der Busfahrer den Motor. Endlich! Das Hotelbett rückte in greifbare Nähe.

Der lächelnde Mann am Steuer sagte noch irgendetwas durchs Mikrofon, das ich nicht verstand, dann setzte sich das silberne Ungetüm in Bewegung.

Vom Flughafen aus gelangten wir auf eine breit ausgebaute Straße, die mich an eine Autobahn erinnerte, nur dass hier maximal neunzig gefahren werden durfte. Ich starrte in die Dunkelheit. Kein Auto kam uns entgegen: kein Mensch weit und breit. Die Gegend wirkte wie ausgestorben.

Ich versuchte irgendetwas zu erkennen, aber außerhalb der Lichtkegel war nichts als bleierne Schwärze zu sehen. Selbst die Sterne zeigten sich in dieser Nacht nicht.

Immer wieder erwischte ich mich dabei, wie mir kurzzeitig die Augen zufielen. Jetzt halfen selbst die Bonbons nicht mehr. Was war ich froh, dass diese Reise einen Transfer zum Hotel beinhaltete. Morgen stand mir ein straffes Programm bevor, daher hatte ich den Mietwagen erst für Mitte der Woche gebucht. Vielleicht würde ich den morgigen Tag auch einfach im Bett verbringen und mich in Selbstmitleid suhlen.

Du wirst diese Reise durchziehen! Auch ohne ihn!, schalt ich mich. Nicht eine einzige Träne verschwendest du mehr an diesen Idioten!

Wenn das nur so einfach wäre …

***

Ich stand kurz davor, endgültig einzuschlafen, als wir das Hotel erreichten. »Iceland Inn« stand in großen Lettern auf dem Gebäude. Es war groß und weiß und erinnerte mich an einen überdimensionalen Schuhkarton. Immerhin schien der quadratische Bau noch nicht ganz so alt zu sein.

»Iceland Inn«, sagte der Busfahrer unnötigerweise, denn ich war bereits aufgestanden.

Keiner machte Anstalten auszusteigen. Die Dame aus dem Reisebüro hatte immer von einer deutschen Reisegruppe gesprochen. Vielleicht waren die anderen schon früher angereist oder in anderen Hotels untergekommen?

Ein ungutes Gefühl beschlich mich. War ich vielleicht doch in den falschen Bus gestiegen? Nein! Ausgeschlossen.

Ich schluckte die Unsicherheit hinunter und stieg aus. Kalte Nacht umfing mich. Es dauerte keine zwei Sekunden, da war der Bus auch schon weitergefahren.

Na wunderbar!

Mein Atem stieg in weißen Wölkchen auf, so kalt war es. Ich schulterte meinen Rucksack und lief eilig auf den Eingang zu, der sich jedoch als verschlossen erwies. Fast wäre ich mit der Nase gegen die Glasscheibe gelaufen.

»Bitte nicht …«

Panisch suchte ich die Umgebung ab, da entdeckte ich den Nachtschalter. Mit zitternden Fingern drückte ich auf den Knopf. Ein rotes Licht leuchtete auf und ich blinzelte in die Kamera, die daneben angebracht war.

»Hello?«, erklang eine kratzige Stimme.

»Hello! I want to check in …«, erwiderte ich mit klappernden Zähnen.

»Your Name?«

»Stein… Steinberg, Vanessa.«

Aus der unfreundlichen Begrüßung schloss ich, dass derjenige, der am anderen Ende der Leitung saß, offenbar nicht so gute Laune hatte. Gerade wünschte ich mir die lachende Frau vom Flughafen herbei. Ich konnte nur hoffen, dass ich auf der doofen Liste stand, wenn nicht, hatte ich ein gewaltiges Problem. Weltuntergangsszenarien, wie ich als gefrorene Leiche am Straßenrand endete, bestimmten mein Denken, als ein Summen erklang. Erleichterung flutete mich und ich stieß die Tür auf. Drinnen war es warm und behaglich. Es glich einer Erlösung. Meine Haut prickelte unangenehm.

Der spärlich ausgeleuchtete Gang führte mich geradewegs zur Rezeption. Ein junger Mann, ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig, begrüßte mich knapp und übergab mir die Keycard. Dunkle Ränder prangten unter seinen Augen und sein Haar stand wirr zu Berge. Es wirkte, als wäre dies nicht seine erste Nachtschicht. Kurz erklärte er mir, wo sich die Aufzüge befanden und wo das Frühstück stattfinden würde.

»Any questions?«

Nein, ich hatte keine Fragen, alles, was ich wollte, war mich ins Bett zu legen und zu schlafen. Stumm schüttelte ich den Kopf und unterschrieb das Papier ungesehen, das er mir hinhielt. Vielleicht hatte ich gerade meine Seele verkauft … Egal, Hauptsache ich bekam dafür ein warmes Bett.

Der Nachtportier wirkte erleichtert und wünschte mir einen geruhsamen Schlaf. Mit schweren Beinen schleppte ich mich zum Aufzug, der mich ins zweite Stockwerk brachte. Keine fünf Minuten später stand ich in meinem Zimmer. Es war sauber und ordentlich, die Einrichtung modern.

»Wenigstens etwas …«

Erschöpft stellte ich meinen Rucksack neben der Tür ab und zog die dicke Jacke aus.

Die Vorhänge vor dem Fenster waren aufgezogen. Ich hatte ein Zimmer mit Blick auf die Straße bekommen, aber das machte nichts. Nachts schien hier sowieso niemand unterwegs zu sein. Ich setzte mich auf das frisch bezogene Bett, den Blick starr in die Dunkelheit gerichtet. Das also sollte es sein. Der Urlaub, auf den ich so lange Zeit hingefiebert hatte. Für den ich ein Jahr gespart hatte.

»Na dann … Willkommen in Island!«

Teil I

Kapitel 1

Schon als ich das Wohnzimmer betrat, wusste ich, dass etwas nicht stimmte.

Steph und ich waren erst vor wenigen Wochen in diese Wohnung gezogen. Viele Sachen waren nicht einmal ausgepackt und befanden sich noch in Kartons, die wir vorerst im Flur lagerten.

Vorsichtig stellte ich die beiden Eisbecher auf dem Esstisch ab. Ich hatte nach Unischluss extra einen Umweg zu unserer Stamm-Eisdiele gemacht, die auch im Winter geöffnet hatte. Zitronensorbet hatte ich bestellt: zwei Kugeln – Stephs Lieblingseis. Die letzten Wochen zwischen Uni und Umzug waren hart gewesen und ich wollte ihm eine kleine Freude machen.

»Hi. Alles in Ordnung?«, fragte ich mit einem leichten Zittern in der Stimme.

Etwas hing in der Luft, es war so dick und tranig, dass ich es fast mit den Händen greifen konnte.

Steph drehte sich nicht um, sondern schaute nur aus dem Fenster. Von diesem Stockwerk aus genoss man einen tollen Blick auf den Park. Ich hatte mich sofort in diese Wohnung verliebt und das nicht nur wegen des Ausblicks. Sie war groß, gut geschnitten … Einfach perfekt.

Steph reagierte immer noch nicht. Ein schweres Gewicht legte sich auf meine Brust und raubte mir die Luft zum Atmen. Etwas musste geschehen sein. Mein Freund saß dort, wie zu einer Salzsäule erstarrt. Er hatte die Arme verschränkt und blickte hinaus. Es waren noch keine Gardinen angebracht. Er öffnete den Mund. Und dann sprach er den Satz aus, der mein gesamtes Leben in sich zusammenstürzen ließ.

»Es ist aus, Vanessa.«

Der schrille Ton meines Weckers riss mich unsanft aus meinem Albtraum. Ich stöhnte, denn ich war erst vor knapp zwei Stunden eingeschlafen. Die Gedanken in meinem Kopf hatten beschlossen Achterbahn zu fahren. So war ich trotz bleierner Müdigkeit erst früh am Morgen zur Ruhe gekommen und selbst in dieser kurzen Zeit hatten mich Albträume gequält.

Ich warf einen ungläubigen Blick auf das Handy, um mich zu vergewissern, dass ich mich nicht irrte. Leider nein. In einer Stunde würde sich die Reisegruppe vor dem Eingang des Hotels treffen. So stand es zumindest auf dem Reiseablauf, den ich vorab per Mail erhalten hatte.

Also quälte ich mich aus dem Bett und schlurfte unter die Dusche. Das heiße Wasser entspannte meine Muskeln. Langsam kehrten die Lebensgeister zurück. Ich hatte die Temperatur so hoch gestellt, dass ich puterrot die Nasszelle verließ. Das kleine Bad verschwand förmlich in den dichten Nebelschwaden. Sofort öffnete ich die Tür und stellte die Lüftung an. Der Spiegel war beschlagen. Weil ich gar nicht so erpicht darauf war zu wissen, wie mitgenommen ich aussah, ging ich zunächst dazu über, mein langes braunes Haar zu trocknen. Doch der Föhn hatte seine besten Zeiten anscheinend hinter sich. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis meine dichte Mähne auch nur ansatzweise trocken wurde. Angesichts der eisigen Temperaturen, die dort draußen herrschten, war das eher suboptimal. Irgendwann gab ich es auf und band die Haare zu einem losen Dutt. Mittlerweile konnte man auch wieder etwas im Spiegel erkennen. Es war genauso schlimm, wie ich befürchtet hatte.

Egal! Dich kennt hier eh keiner.

Dennoch ließ ich es mir nicht nehmen, meine Augenringe ein wenig zu überdecken und mir die Wimpern zu tuschen. Davon brauchte es zum Glück nicht viel. Dank der guten Gene meiner Mutter besaß ich lange, dichte Wimpern, die meine grünen Augen umrahmten. Dafür hätte wohl manch einer viel Geld ausgegeben.

Dein hübsches Gesicht konnte Steph aber auch nicht halten, höhnte die Stimme meines Vaters, alias meine innere Stimme, in meinem Kopf.

Ich ignorierte sie und zog mich an. Zwischen all meinen Habseligkeiten zog ich einen kleineren Rucksack hervor, den ich immer dabeihatte. Ich kramte das Nötigste zusammen und warf alles hinein.

Ich sah meine Mutter förmlich mit dem Kopf schütteln: Kind, du musst dich doch vorbereiten! Auch das ignorierte ich und schlüpfte in dicke Jeans und Wollpullover. Darunter trug ich lange Unterwäsche, die wohl jeden Kerl in die Flucht geschlagen hätte, aber da ich für lange Zeit dem männlichen Geschlecht abgeschworen hatte, würde es wohl niemanden stören. Hauptsache warm. Ha! Rasiert hatte ich mich auch nicht! Und meine rechte Socke hatte sogar ein kleines Loch. Die perfekte Vanessa konnte also auch anders. Vor meinem inneren Auge sah ich, wie sich Steph neben meinen Eltern aufstellte und ebenfalls den Kopf schüttelte. Doch ihre Gesichter verblassten, als ich auf die digitale Uhr neben meinem Bett schaute. In zehn Minuten würde der Bus abfahren und ich brauchte dringend noch einen Kaffee. Sonst würde ich diesen Tag nicht überleben.

In Windeseile verließ ich das Zimmer und stürzte die Treppe hinunter. Die Fahrt mit dem Aufzug hätte zu lange gedauert.

Im Gegensatz zu gestern Nacht wimmelte es jetzt hier vor Leben. Ich war genau in die Breakfast-Rushhour geraten. Mein Blick fiel nach draußen durch die große gläserne Front, wo schon der Reisebus wartete. Es war ein kleiner Bus, vielleicht für fünfzehn Mann ausgelegt. Eine Traube Menschen hatte sich davor versammelt. Ein paar waren schon eingestiegen. Ich überlegte nicht lange und bahnte mir meinen Weg in Richtung Speisesaal.

Gefühlte einhundert »Sorry« später stand ich vor der Kaffeemaschine und füllte meinen faltbaren To-Go Becher mit dem dunklen Lebenselixier. Ich wartete, bis der Mehrwegbecher zu drei Vierteln gefüllt war. Das musste reichen.

»Auf gehts!«

***

Andri

Ich blickte auf meine Uhr. Punkt. Eigentlich sollte der Bus genau jetzt losfahren. Wie immer tat er das nicht. In meiner ganzen Zeit als Reiseleiter hatte ich noch nicht einmal erlebt, dass meine Tour pünktlich startete. Dabei machte ich den Job nur aushilfsweise für meinen Kumpel Thomas, der mit einer fiesen Grippe im Bett lag.

Wenigstens hatte er mir dieses Mal frühzeitig Bescheid gegeben. Gerne rief Thomas auch mal den Abend davor an, wenn er mal wieder aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen verhindert war. Wenn Thomas nicht so verdammt in Ordnung gewesen wäre, hätte ich den Kerl schon längst zum Teufel gejagt.

Dabei war der Job nicht schlecht. Im Gegenteil, er machte mir sogar Spaß. Die Bezahlung war mehr als fair, die Arbeitszeiten angenehm und ich konnte meine Schwester besuchen. Nur die lange Fahrt aus dem Norden nach Reykjavík war nervig. Das machte es auch so schwierig, wenn Thomas sich erst einen Tag vorher meldete. Wenn ich genug Zeit zum Planen hatte, war das alles kein Problem, zum Beispiel während der regulären Urlaubszeit.

Stirnrunzelnd blickte ich von der Tür auf mein Klemmbrett. Ein gewisser Stephen Wiland und eine Vanessa Steinberg fehlten und noch immer keine Spur von den beiden. Ich begann in meinen Unterlagen zu suchen, fand aber keine Kontaktdaten.

Als sich auch in den nächsten fünf Minuten nichts tat, gab ich Peter, dem Busfahrer, schließlich das Go. Die Leute wurden schon unruhig. Man konnte es förmlich spüren, wie die aufgeladene Luft vor einem Gewitter. Nichts war schlimmer als ungeduldige Touristen.

»Da kommt wohl keiner mehr. Du kannst losfahren.«

»Alles klar!«, antwortete Peter und startete den Motor.

Ich räumte die Unterlagen beiseite, setzte mein schönstes Reiseleiter-Lächeln auf und erhob mich von meinem Sitz. Die Show konnte beginnen.

***

Vanessa

In letzter Sekunde hechtete ich durch die Tür des Busses, die sich gerade schloss. Nach Luft ringend blieb ich im Eingang stehen. Dunkle Flecken tanzten vor meinen Augen und ich brauchte einen Moment, um wieder klar sehen zu können. Der Fahrer musterte mich überrascht. Mein Blick wanderte weiter zum Innenraum, aus dem mich fünfzehn weitere Augenpaare neugierig anstarrten, so als wäre ich der Überraschungsakt dieser Reise. Hurra. Ich hatte die volle Aufmerksamkeit.

Zwischen den Sitzen stand der Reiseleiter, der wohl schon mit der Einführung begonnen hatte. Er hielt inne und wandte sich um. Zwei blaue Augen trafen mich. Der Anblick war so faszinierend, dass ich kurz das Atmen vergaß. Sie besaßen die Farbe eines Gletschers. Aber sie waren nicht kalt, ganz im Gegenteil. Eine Wärme lag darin, die mein Herz auf seltsame Art und Weise berührte und es augenblicklich schneller schlagen ließ. Die Zeit schien stehen zu bleiben. Ich hätte wohl ewig hier so gestanden, wenn mich nicht ein Räuspern aus meiner Starre befreit hätte. Der Reiseleiter musterte mich, genauer gesagt den Kaffeebecher, den ich immer noch in meiner Hand hielt. Darauf prangte ein dicker Aufkleber »Say no to plastic!« in Neongelb.

Kaffeetropfen zogen braune Linien durch das grelle Gelb, um sich anschließend in Richtung Teppich zu verabschieden. Das laute Tropfen glich einem Donnern in der Stille des Busses. In der Eile hatte ich es wohl nicht geschafft, den Deckel richtig zu verschließen. Hastig wischte ich den übergelaufenen Kaffee mit meinem Ärmel ab.

»Sorry … Verschlafen«, murmelte ich, da alle in diesem Bus auf eine Erklärung zu warten schienen. Ich sah mich um und rettete mich auf den freien Sitz neben mir. Dabei tat ich alles, um mein davongaloppierendes Herz wieder einzufangen.

Ein weiteres Räuspern ließ mich aufschauen. Wieder war es der Reiseleiter. Was wollte er denn noch? Ich hatte mich doch schon entschuldigt.

»Es tut mir leid, aber das ist mein Platz«, erklärte er und ein kaum wahrnehmbares Grinsen zupfte an seinen Mundwinkeln.

Echt jetzt?

»Neben dem Sitz befindet sich das Mikro«, schob er als Erklärung hinterher und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Ich schaute nach unten und entdeckte das Mikrofon, das an einem schwarzen Kasten hing. Hilflos sah ich wieder zum Reiseleiter, der mit einem Kopfnicken auf die gegenüberliegende Seite deutete.

Mit hochrotem Kopf wechselte ich den Platz. Seine Worte hatten nett geklungen, dennoch kam ich mir vor wie die letzte Idiotin.

»Ich beginne dann einfach noch mal von vorne«, sagte der Reiseleiter und riss mich damit aus meinen Gedanken. »Herzlich Willkommen bei ›Iceland Dreaming Tours‹. Eigentlich hätte Sie an dieser Stelle mein Kollege Thomas Anderson begrüßen sollen, aber der ist leider erkrankt, sodass Sie mit meiner Wenigkeit vorliebnehmen müssen.«

Allgemeines Gelächter erklang und mein peinlicher Auftritt von eben schien bereits vergessen. Sofort genoss er die ungeteilte Aufmerksamkeit – Einschließlich meiner. Neben seinem guten Aussehen besaß mein Gegenüber eine äußerst angenehme Stimme, die einen veranlasste sofort zuzuhören. Das Ganze unterlegte er mit einem charmanten Lächeln.

»Mein Name ist Andri Carlsson«, stellte er sich vor und schaute jedem einzelnen ins Gesicht. Dabei entblößte er eine Reihe weißer makelloser Zähne. Ein leises, ausschließlich weibliches Seufzen ging durch die Reihen. Wenn er es bemerkte, ließ er sich jedenfalls nichts anmerken, sondern fuhr sich lässig durchs dunkelblonde Haar. Keine Frage, der Typ verstand seinen Job. Nur war er hier irgendwie falsch, was den Altersdurchschnitt betraf. Wenn ich mich so umsah, war ich mit Abstand die Jüngste. Ich hätte ihn mir gut als Animateur in einem Club irgendwo auf Ibiza vorstellen können. Leicht gebräunt in Badehose …

O Mann! Was war bloß los mit mir?

»Heute befahren wir den legendären Golden Circle. Dieser besteht aus drei Haltepunkten, dem Þingvellir-Nationalpark, dem Geysir-Geothermalgebiet und dem Wasserfall Gullfoss.«

Seine Worte ließen die Pein der letzten Tage augenblicklich in den Hintergrund treten. Wie lange wartete ich schon auf diesen Tag? Schon lange bevor wir diese Reise gebucht hatten, hatte ich mich mit Islands Sehenswürdigkeiten beschäftigt. Die Vorstellung, diese nun endlich mit eigenen Augen sehen zu dürfen, ließ mein Herz Purzelbäume schlagen. Nur dass ich diese wunderbaren Erlebnisse nun nicht mehr mit Steph teilen würde.

Egal! Diese Reise war ein lang gehegter Traum von mir und das würde ich mir nicht kaputtmachen lassen. Von niemandem, auch nicht von meinem Ex … Noch immer fühlte sich dieses Wort seltsam an.

Die Frau im Reisebüro hatte uns eine Kombination aus Gruppen-, und Individualreise empfohlen. Die ersten Tage war man zusammen in der Gruppe unterwegs. Die zweite Wochenhälfte hatte man zur freien Verfügung. Während das Standardangebot vorsah, nach einer Woche zurückzufliegen, hatten wir einfach zwei weitere Wochen hinten drangehängt. Der Plan war gewesen, mit dem Mietwagen die Ringstraße zu befahren, um so auch den Norden Islands kennenzulernen.

Mir graute jetzt schon vor der Fahrt. Ich war ganz allein und Island war nicht gerade für sein berechenbares Wetter bekannt. Plötzlicher Schneefall, Eishagel oder Sandstürme waren keine Seltenheit.

Andri ergänzte noch kurz etwas zum Tagesablauf, dann kehrte er auf seinen Platz zurück. Fasziniert betrachtete ich sein scharf geschnittenes Profil, das markante Kinn und den leichten Bartschatten. Er sah aus wie ein nordisches Model. In diesem Moment kreuzten sich unsere Blicke. Peinlich berührt sah ich nach vorne.

»Sie sind Vanessa Steinberg?«

Überrascht schaute ich wieder in seine Richtung.

»Woher …«

Die Frage beantwortete ich mir selbst, als ich das Klemmbrett sah, das auf seinem Schoß lag. Mein Blick glitt höher über seinen sportlich wirkenden Körper, hin zu seinem Gesicht. Blaue Augen, die vergnügt funkelten, begegneten mir.

»Ja …«, antwortete ich schließlich. »Das bin ich.«

»Okay, Vanessa, freut mich!«, sagte er und machte einen Haken auf der Liste. Wie er meinen Namen aussprach, erzeugte ein merkwürdiges Gefühl in meinem Bauch. Er besaß einen leichten Akzent und ich fragte mich, woher er so gut Deutsch konnte. Er schien kaum älter als ich zu sein, höchstens zwei oder drei Jahre.

»Hier ist noch ein gewisser Stephen Wiland vermerkt«, sagte er plötzlich und das gute Gefühl verpuffte augenblicklich.

»Er ist … verhindert«, sagte ich und schaute hilflos aus dem Fenster. Ich wollte nicht, dass man mir ansah, wie nah mir das Ganze ging. »Ich reise allein.«

Ich spürte Andris Blick auf mir. Einen Moment herrschte Schweigen, bis er sagte: »Glauben Sie mir: Island wird Ihnen gefallen. Hier ist man niemals allein. Haben Sie ein Problem, sprechen Sie einfach jemanden an. Man wird Ihnen helfen. Die Leute sind sehr freundlich. Vielleicht etwas speziell, aber freundlich.«

Ich wusste nicht wieso, aber seine Worte hatten etwas Tröstendes. »Danke«, sagte ich leise. Andri nahm es mit einem leichten Nicken zur Kenntnis, bevor er sich wieder seinen Unterlagen zuwandte.

Kapitel 2

Die Fahrt bis zum ersten Haltepunkt dauerte nicht allzu lange. Etwa eine Stunde, wie Andri erklärte. Auf halber Strecke legten wir eine Pause ein. Ich musste dringend aufs Klo, daher kam mir der Stopp sehr gelegen. Noch bevor ich ausstieg, kramte ich ein wenig Kleingeld zusammen.

»Damit werden Sie nicht weit kommen«, sagte Andri und musterte die Münzen in meiner Hand.

»Ich habe noch mehr in der Tasche«, winkte ich ab und eilte aus dem Bus, da mir gewaltig die Blase drückte. Es hatte doch Vorteile, direkt vorne zu sitzen.

Der Eingang zum Klohaus gabelte sich und war jeweils durch ein Drehkreuz abgeriegelt. Daneben stand der Kassenautomat. Ich stutzte. Wo war nur dieser verdammte Geldeinwurf? Ich sah nur den Schlitz für die Geldkarte, aber die befand sich im Bus, tief in meinem Rucksack vergraben.

Die Sekunden verstrichen und eine lange Schlange hatte sich hinter mir gebildet. Ich konnte unmöglich umdrehen, wollte ich nicht, dass ein Unglück geschah.

Die Frauen hinter mir sagten etwas auf Spanisch. Instinktiv spürte ich, dass es dabei um mich ging. Ich ging davon aus, dass es nicht freundlich gemeint war.

»Nur mit Kreditkarte«, hörte ich eine vertraute Stimme.

Fragend drehte ich mich um, da erschien Andri hinter mir und hielt seine Kreditkarte vor den Scanner fürs kontaktlose Zahlen. Erst auf meiner Seite, dann auf seiner. Das rote Licht sprang auf Grün und er verschwand im Herrenbereich.

Hatte er mir gerade allen Ernstes eine Runde Pinkeln spendiert? Konnte man noch tiefer sinken? Passend dazu erklang hinter mir Gekicher. Mit hochrotem Kopf bewegte ich mich in Richtung Toilette.

***

Es dauerte nicht mehr lange, da erreichten wir auch schon den ersten Stopp: den Þingvellir-Nationalpark. Wie eine Verdurstende saugte ich die Eindrücke der Umgebung in mich auf. Es war erst Mitte April und noch lag die Natur Islands fest in der Hand des Winters. Wie es hier wohl im Sommer aussah? Ich stellte es mir großartig vor. Irgendwann würde ich es mir ansehen, das stand fest, aber auch diese Jahreszeit hatte ihren Reiz. Mittlerweile kam ich etwas besser mit der Kälte zurecht. Ich schien, was die lange Unterwäsche betraf, die richtige Wahl getroffen zu haben. In diesem Moment fiel mein Blick auf Andri, der in einiger Entfernung neben einem älteren Ehepärchen stand.

Dieser wäre wohl bei dem Anblick schreiend davongelaufen …

Energisch verdrängte ich diese Art von Gedanken und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Ein feiner Nebel lag über der zerklüfteten Landschaft und verlieh dem Ganzen einen Hauch von Schwermut. Die Berge in der Ferne ließen sich nur erahnen, da sie in den tiefhängenden Wolken verschwanden.

Die Gruppe setzte sich in Bewegung, Andri lief voraus. Ich ließ mich ans Ende zurückfallen, da ich sowieso ständig stehen blieb, um Fotos zu machen. Über das WC-Desaster hatte Andri kein Wort mehr verloren. Als ich in den Bus zurückgekehrt war, hatte er bereits wieder auf seinem Platz gesessen.

Eigentlich wollte ich ihm das Geld sofort wiedergeben, aber er hatte sich strikt geweigert, es anzunehmen. Ich verstand zwar nicht ganz warum, schließlich kannten wir uns nicht und es hatte sich nicht gerade um einen kleinen Betrag gehandelt, denn wenn Island eins nicht war, dann billig. Dennoch war ich Andri äußerst dankbar, dass er mich aus dieser misslichen Lage befreit hatte.

Jedenfalls würde mir so etwas nicht noch einmal passieren, die Kreditkarte trug ich nun stets bei mir. Ich war froh, dass ich mir kurz vor der Reise noch eine beantragt hatte.

Bisher hatte ich nur eine von meinem Vater gehabt, die ich kaum benutzt hatte, da ich häufig bar bezahlte. Für Island brauchte man jedoch eine, aber nach unserem Streit nahm ich an, dass die Karte meines Vaters gesperrt war. Besonders nachdem ich meinen Eltern eröffnet hatte, dass ich überlegte, ein Jahr Pause im Studium zu machen, um herauszufinden, was ich wirklich wollte.

Das war ganz und gar nicht gut angekommen, aber ich war Anfang zwanzig und erwachsen genug, um über mein eigenes Leben zu bestimmen. Bei dem Gedanken daran ballte ich zornig die Fäuste. Die Zeiten, in denen ich zu allem Ja und Amen gesagt hatte, gehörten eindeutig der Vergangenheit an.

»Das hier, meine Damen und Herren, ist historischer Boden!«, hörte ich Andri sagen. Sein epischer Tonfall riss mich aus meinen düsteren Gedanken.

Ich schüttelte meine Hände aus, die schmerzten, da ich sie fest zusammengeballt hatte. Neugierig schloss ich zur Gruppe auf und sah mich um. Andri war vor einer Holztribüne stehen geblieben und hatte sich auf die erste Stufe gestellt.

»Hier wurde Geschichte geschrieben. Sie befinden sich in Islands erstem Parlament. An diesem Ort beschlossen die Isländer im Jahre 930 nach Christus, eine Regierung zu bilden. Diese sollte dazu dienen, Streitigkeiten zu schlichten …«

Wie gebannt hing ich an Andris Lippen. Er liebte sein Land, das konnte man deutlich aus seinen Worten heraushören. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass ich so jemanden gerne als Geschichtslehrer gehabt hätte.

Andri ergänzte noch einige Daten, dann liefen wir weiter. Der Weg wurde schmaler. Hohe Felsen umgaben uns und schon bald war ein leises Rauschen zu hören. Ich konnte es kaum erwarten, den ersten Wasserfall zu sehen.

Der Weg führte uns durch eine Art Schlucht. Der Pfad war mittlerweile so steil, dass ich mich am Gelände festhalten musste.

Andri suchte im Laufen immer wieder den Kontakt zur Gruppe, als würde er den Weg im Schlaf auswendig kennen.

»Der Nationalpark ist neben dem Parlament für seine einzigartige Geologie bekannt. Weiß jemand, warum?«

Andri schaute erwartungsvoll in die Gesichter der Reisenden. Als niemand etwas sagte, gab ich mir einen Ruck.

»Hier treffen zwei Kontinentalplatten aufeinander?« Ich ließ es wie eine Frage klingen, dabei war ich mir absolut sicher. Wieder einmal ärgerte ich mich über meine Unsicherheit.

»Ich merke, da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht«, sagte Andri und zwinkerte mir zu. Augenblicklich schlug mein Herz schneller.

Er ist nur nett zu mir, weil es sein Job ist, das ist alles!, bläute ich mir ein, da wandte Andri sich auch schon wieder der Gruppe zu.

»Wir befinden uns direkt zwischen der nordamerikanischen und eurasischen Kontinentalplatte. Der Park liegt auf der Grabenbruchzone, dem sogenannten Mittelatlantischen Rücken. Nur hier verläuft sie über dem Meeresspiegel.«

Ein allgemeines »Ah« und »Oh« war zu hören. Ich beschloss, dass Andri ebenfalls einen super Geographielehrer abgegeben hätte. Während die Gruppe verweilte und Andri noch weiter ausholte, zog mich alles in Richtung des Rauschens.

Als ich den Wasserfall mit dem Namen Öxarárfoss erreichte, verschlug es mir für einen Moment regelrecht den Atem. Die Gruppe war noch ein gutes Stück entfernt und gerade war keiner auf dem Steg, der sich in direkter Nähe des Wasserfalls befand.

Der Moment besaß etwas Magisches und in diesem Augenblick fühlte es sich an, als wäre ich die Einzige an diesem wunderbaren Ort.

Gletscherblaues Wasser stürzte die Felsen hinab, am Rand der Lagune war das kühle Nass zu Eis erstarrt und bildete bizarre Formen. Ein feiner Dunst lag in der Luft und plötzlich machte mir die eisige Kälte überhaupt nichts mehr aus.

»Wunderschön, nicht wahr?«

Ich zuckte kaum merklich zusammen, als Andri plötzlich neben mir stand. Überrascht sah ich mich um. Wie lange stand ich schon hier? Gerade eben war die Gruppe doch noch ein paar hundert Meter entfernt gewesen. Jetzt standen alle auf dem Steg und machten Fotos.

»Es ist magisch«, sagte ich, als mir bewusst wurde, dass Andri immer noch auf eine Antwort wartete.

»Warten Sie erst einmal ab, bis Sie den Gullfoss sehen.«

»Vanessa«, stieß ich hervor, woraufhin mich Andri fragend ansah.

»Bitte einfach nur Vanessa. Wenn mich jemand siezt, komme ich mir immer so schrecklich alt vor.«

Er wirkte von meinem Angebot überrascht. »Schön, Vanessa, ich bin Andri.«

Lächelnd reichte er mir die Hand.

»Also … Ich meine … Wir können auch gerne beim Sie bleiben …«

»Nein, ist schon in Ordnung.«

Ich lächelte erleichtert.

»Ehrlich gesagt bin ich schon wahnsinnig auf den Gullfoss gespannt«, nahm ich das ursprüngliche Gespräch wieder auf. »Im Internet stand, er sei der schönste Wasserfall Islands.«

»Nun ja, wenn das dort steht …«

Plötzlich war ich neugierig, in der Hoffnung, den einen oder anderen Insidertipp zu erfahren. Immerhin lebte Andri hier. »Welchen findest du am schönsten?«

»Es gibt so viele Wasserfälle in Island, dass man sie kaum zählen kann. Einer schöner als der andere. Aber zu meinen Favoriten zählt der Goðafoss.«

Ich durchforstete mein Wissen über Island.

»Der ist im Norden, oder? Ich würde ihn furchtbar gerne sehen!«

»Wirklich zu empfehlen, aber die Fahrt ist recht weit …«

»Ich habe drei Wochen Island gebucht«, klärte ich ihn auf.

Andris Augenbrauen zogen sich zusammen. Offenbar war er davon ausgegangen, dass ich Ende der Woche wieder nach Hause fliegen würde. »Ach, wirklich?«

»Mein Plan war es, mit der Reisegruppe einen ersten Eindruck von Island zu bekommen. Für Mitte der Woche habe ich einen Mietwagen gebucht. Wir … Äh, ich wollte hoch in Richtung Húsavík.«

Andris blaue Augen begannen zu leuchten. »Von dort komme ich.«

»Ach, wirklich?«, wiederholte ich seine Worte von eben.

»Nicht direkt aus Húsavík, aber meine Eltern besitzen in der Nähe ein kleines Gestüt.«

Ich wurde hellhörig. »Bieten deine Eltern auch Reittouren an?«

Andri nickte und fuhr sich durchs Haar. Musste er das immer machen oder hatte er das irgendwann heimlich vor dem Spiegel einstudiert? »Unter anderem.«

»Cool«, sagte ich und blickte für einen Moment in die Ferne, um nicht in diese hübschen blauen Augen schauen zu müssen. »Ein Ritt auf einem Isländer steht ganz oben auf meiner To-do-Liste.«

»Du kannst reiten?«

Ich schürzte die Lippen. »Als Jugendliche bin ich einige Jahre geritten, also für Schritt, Trab, Galopp reicht es auf jeden Fall.«

Er zwinkerte mir zu. »Und für Tölt und Pass?«

Stimmt, da war was gewesen. Einen Moment sagte niemand etwas und ich hing meinen Gedanken nach. Als ich es bemerkte, blinzelte ich und schaute wieder zu Andri. Er sah mich unverwandt an, genauer gesagt auf meine Lippen. Sein Blick wirkte verklärt. Doch der Augenblick währte nur kurz, sodass ich mich sofort fragte, ob ich mir das nicht doch bloß eingebildet hatte.

Er berührte sacht meine Schulter. Es hinterließ ein angenehmes Prickeln. »Keine Sorge, das bekommen wir schon hin. Erinnere mich auf jeden Fall noch einmal vor Ende der Tour daran. Dann schreibe ich dir ein paar schöne Ecken auf, und ich verspreche dir, dass du diesen Urlaub nicht mehr vergessen wirst.«

Mit klopfendem Herzen beobachtete ich, wie er sich wieder den anderen Gruppenmitgliedern zuwandte.

Kapitel 3

Der Gullfoss war eine der Hauptattraktionen des Golden Circle. Dementsprechend voll war es hier. Es wimmelte nur so vor Touristen. Die meisten hielten sich in dem Restaurant auf, das direkt an den Parkplatz grenzte. Viele aus meiner Gruppe zog es zu den Toiletten, während ich ohne Umwege den Wasserfall ansteuerte. Ein gewaltiges Rauschen erfüllte die Luft. Der Weg endete an einer großen Plattform, die durch ein Geländer abgesichert war. Ich lief ein Stück weiter und stellte mich abseits hin, möglichst weit weg von den anderen. Hier war Platz genug.

Meine Finger krallten sich um das Geländer und einen Moment verschlug es mir den Atem. Es war genauso schön, wie ich es mir immer ausgemalt hatte. Genauer gesagt übertraf der Gullfoss meine Vorstellung sogar. Eisblau leuchtete das Wasser. Ich ging so nah wie möglich an die Brüstung heran.

Aufgeregt zog ich das Handy hervor, noch unschlüssig, ob ich Bilder oder lieber doch ein Video machen sollte.

Nachdem ich unzählige Male auf den Auslöser gedrückt hatte, entschied ich mich doch noch für ein Video, da ich diese gigantische Geräuschkulisse festhalten wollte. Außerdem gab es so das ganze Panorama viel besser wieder. Ich gab mir Mühe, nicht zu wackeln, als ich mit dem Handy die zwei gewaltigen Stufen des Wasserfalls aufnahm. Die oberste war nur etwa halb so groß wie die zweite. Von der unteren Stufe stürzte das weiß schäumende Wasser in eine tiefe Schlucht, deren Boden ich nicht erkennen konnte. Ob das Video das überhaupt so wiedergeben würde?

Einmal musste ich sogar das Objektiv trocknen, da der Sprühnebel des Wasserfalls vor nichts und niemandem Halt machte. Ich hoffte, das Handy war wasserdicht. Meine Haare und meine Kleidung waren schon ganz feucht.

Ich beendete die Panoramaaufnahme an der Besucherplattform. Ein vertrautes Gesicht auf dem Display ließ mich innehalten. Langsam ließ ich das Smartphone sinken und beobachtete Andri, der sich einen Weg durch die Menschen suchte. Als er eine Lücke gefunden hatte, blieb er stehen und ließ seinen Blick über den Gullfoss schweifen. Das blonde Haar fiel ihm feucht ins Gesicht. Seine Augen strahlten so blau wie das Wasser unter ihm. Selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte gar nicht wegsehen können. Sein Anblick zog mich wie magisch an. Woran er wohl gerade dachte?

Dann ging ein Ruck durch seinen Körper. Bedauern zeichnete sein Gesicht. Er zog sein Handy hevor und hob ab. Wenig später war er verschwunden, wahrscheinlich war er weiter nach oben gegangen, dorthin, wo es ruhiger war.

Und schon war ich wieder allein in einer Masse von fremden Menschen. Dabei war allein zu reisen gar nicht so unangenehm wie zunächst befürchtet. Der Tag verging wie im Flug. Oft kam ich mit meinen Mitreisenden ins Gespräch. Viele waren wie ich das erste Mal in Island, andere wiederum sogar schon das zweite oder dritte Mal. Dabei erhielt ich so viele Tipps, was ich mir alles anschauen sollte, selbst drei Wochen würden dafür niemals ausreichen.

Nur mit Andri kam ich leider nicht mehr ins Gespräch. Ständig wurde er von meinen Mitreisenden belagert. Ich hätte gerne mehr von ihm erfahren. Natürlich ging es mir dabei ausschließlich um Island. Wenn er mal fünf Minuten Pause hatte und keine Fragen beantworten musste, so wie gerade eben am Gullfoss, wollte ich ihn nicht auch noch nerven.

***

Auch dieser Tag verging viel zu schnell und schneller als ich gucken konnte waren wir wieder am Hotel. Der Bus hielt vor dem Eingang und öffnete zischend die Türen.

Obwohl ich nicht wollte, dass es vorbei war, fühlte ich mich so gut wie lange nicht mehr. Für ein paar Momente hatte ich es wirklich geschafft, mal nicht an zu Hause zu denken.

Da ich auf der Rückfahrt einen Platz in der hinteren Reihe ergattert hatte, war ich die Letzte im Bus. Andri saß vorne und ging irgendwelche Unterlagen durch. Als ich näherkam, hob er automatisch den Blick. Sofort setzte das verräterische Kribbeln ein.

»Und, wie hat dir der erste Tag gefallen?«

»Es war wirklich toll«, sagte ich und grinste breit.

Andri erwiderte mein Lächeln. Seine blauen Augen glänzten. »Das freut mich. Ich hoffe, ich konnte eure Erwartungen erfüllen und habe Thomas würdig vertreten.«

»Du warst großartig! Ich freue mich schon auf Reykjavík morgen.«

Ich räusperte mich verlegen, als mir klar wurde, wie vertraut mein Tonfall klang. Als wären wir nur zu zweit unterwegs gewesen und nicht in der Gruppe.

Etwas in Andris Blick veränderte sich und die Atmosphäre im Bus schien sich zu verdichten. Mein Pulsschlag erhöhte sich, doch da hatte Andri sich auch schon wieder seinen Unterlagen zugewandt.

»Na dann, wir sehen uns morgen«, sagte er und klang dabei völlig unverfänglich. »Einen schönen Abend.«

»Dir auch«, murmelte ich und verschwand schnell aus dem Bus.

***

Vollkommen erledigt wankte ich ins Bett, zog mir die Bettdecke über den Kopf und schloss die Welt aus. Was für ein Tag. Hatte ich mich bis eben noch ganz gut gefühlt, verflüchtigte sich nun das Hoch des Tages zusehends. Denn mit dem Alleinsein krochen die Dämonen wieder ans Tageslicht, besser gesagt unter die Bettdecke. Was Steph wohl gerade machte? Oder meine Eltern?

Seit unserem Streit hatte ich nichts mehr gehört. Und alles nur wegen dieses doofen Studiums!

»Was ist bloß los mit dir, Vanessa?«, hatte mein Vater mich bei unserem letzten Gespräch angeherrscht.

»Ich will doch bloß mal raus! Die eine oder andere Reise unternehmen«, hatte ich hilflos geantwortet.

Das wollte ich schon nach dem Abi machen: reisen, die Welt sehen … Aus Liebe zu meinen Eltern und Steph hatte ich darauf verzichtet. Wenn es nach meinen Eltern ginge, würde ich mein Jura-Studium so schnell wie möglich beenden und in die Kanzlei einsteigen. Beide waren erfolgreiche Rechtsanwälte, was lag da näher, als dass die Tochter in die Fußstapfen der Eltern trat?

Was ich wollte, zählte nicht. Bisher hatte ich auch immer geglaubt, dass genau das meine Zukunft sei. Ich hatte mein Leben nie großartig hinterfragt. Alles schien festzustehen, mein ganzes Leben war durchgeplant. Aber die Trennung von Steph hatte etwas mit mir gemacht, hatte mich zum Nachdenken gebracht …

Ich seufzte und vergrub das Gesicht in den Händen. Sicher, ich hatte damit gerechnet, dass es nicht leicht werden würde, meinen Eltern das mit dem Studium beizubringen. Eine ganze Stunde hatte ich mir alle möglichen Vorwürfe angehört, aber als mein Vater mir die Schuld an der Trennung mit Steph gab, war etwas in mir zerbrochen. Wortlos war ich aufgestanden und gegangen. Seitdem herrschte Funkstille.

Aber Schweigen war auch eine Antwort. Plötzlich merkte ich, dass ich weinte. Wütend wischte ich mir die Tränen von den Wangen und zog das Laken vom Kopf. Niemand würde mehr über mein Leben bestimmen. Nur ich selbst. Das schwor ich mir.

***

Die Nacht war kurz und ruhelos. Albträume, wie mein Vater mich zurück nach Deutschland brachte, suchten mich heim. Danach sperrte er mich in die Kanzlei und verschloss den Eingang mit einem großen Schloss. Trauriges Sinnbild meines Lebens.

»Du brauchst echt Hilfe, Vanessa«, brummte ich und rieb mir müde über mein Gesicht. Danach warf ich einen Blick auf die Uhr. Energisch verscheuchte ich die Dämonen der Nacht und stand auf.

Heute würde ich nicht zu spät zum Frühstück kommen. Dafür quälte ich mich auch gerne eine Stunde eher aus dem Bett.

Gestern Abend hatte ich nämlich nichts mehr gegessen, mit der Folge, dass mir der Magen nun bis in die Kniekehlen hing.

Als ich frisch geduscht und fertig angezogen unten im Speisesaal ankam, war es nur mäßig voll. Entweder waren bereits viele unterwegs oder gestern war Abreisetag gewesen, sodass es heute etwas ruhiger zuging.

Ich stellte meinen Rucksack an einem der runden Tische ab und begab mich zum Buffet. Jetzt, wo ich ein bisschen mehr Zeit hatte, sah ich erst die große Auswahl, die das Buffet bot. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.

Den Teller dick mit Rührei, Käse und Brot beladen, kehrte ich an den Tisch zurück. Genüsslich biss ich ins Brötchen und trank einen Schluck Saft. Gerade als ich das Rührei probieren wollte, erschien eine Frau neben mir. Sie gehörte zu meiner Reisegruppe. Ich hatte mich bereits gestern ein paar Mal mit ihr unterhalten. Sie war etwa Anfang dreißig und mit ihrem Mann unterwegs, von dem jetzt jedoch weit und breit nichts zu sehen war.

»Ist hier noch frei?«

»Aber natürlich.«

Lächelnd setzte sie sich zu mir, wirkte aber irgendwie, als hätte sie die halbe Nacht nicht geschlafen.

»Alles in Ordnung?«, fragte ich und sah mich verstohlen um. »Wo haben Sie denn Ihren Mann gelassen?«

Sie verzog das Gesicht. »Im Bett. Irgendetwas hat er gestern nicht vertragen.«

Ich ließ von meinem Essen ab. »Das tut mir leid.«

Sie seufzte. »Das Schlimmste hat er überstanden. Jetzt schläft er. Ich wollte im Hotel bleiben, aber er hat mich quasi aus dem Zimmer geworfen. Diese Reise war immer mein großer Traum.« Sie tat es mit einem Schulterzucken ab, aber ich sah den traurigen Ausdruck in ihren Augen. Sicherlich hatte sie sich diesen Tag anders vorgestellt.

»Verstehe ich«, sagte ich und schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln. »Dann würde ich vorschlagen, heute machen wir zusammen Reykjavík unsicher, hm?«

Sie hob den Blick und ihr düsterer Gesichtsausdruck hellte sich ein wenig auf. »Das wäre toll. Ich bin übrigens Sabrina.«

»Vanessa«, antworte ich und biss in mein Brötchen.

***

Reykjavík war eine süße Stadt mit gerade mal 180.000 Einwohnern, ließ man Trolle und Elfen außen vor. Irgendwie hatte ich mir das Ganze etwas größer vorgestellt, war aber sehr angetan von dem nordischen Flair. Alles wirkte klein und heimelig und war zu Fuß gut zu erreichen.

Ich mochte das Erscheinungsbild der Stadt, das von bunten Holzhäusern geprägt war statt von protzigen Glasbauten und Hochhäusern, so wie zu Hause in Frankfurt.

Besonders gut gefiel mir die alte Kirche mit dem Namen Hallgrímskirkja. Sie war das Wahrzeichen der Stadt und hatte auf Bildern immer groß und einschüchternd ausgesehen, aber in Wirklichkeit war sie viel kleiner, warm und einladend. Die graue Kirche wirkte wie aus einer anderen Welt entsprungen und vielleicht war sie das ja auch. Jedenfalls hätte sie sich super in einem Fantasyfilm gemacht.

Das Wetter konnte besser nicht sein, die Stimmung zwischen mir und Sabrina war super. Es machte unheimlich Spaß, mit ihr unterwegs zu sein. Sie hatte einen eher speziellen Humor, der bei mir jedoch voll ins Schwarze traf. So brachte sie mich oft zum Lachen, sodass ich gar keine Zeit hatte, an zu Hause zu denken.

Auch heute machte Andri wieder einen super Job. Wie gebannt hing ich an seinen Lippen und traute mich sogar, die eine oder andere Frage zu stellen. Mit einer Leidenschaft, wie ich sie selten erlebt hatte, führte er uns durch die schmalen Gassen und brachte uns die Geschichte Islands näher. Zwischendurch gab er uns immer wieder Tipps, wo man gut essen oder einkaufen konnte. Seine Euphorie war geradezu ansteckend und so wurde ihm nahezu die ganze Zeit die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Gruppe zuteil.

Mittlerweile hatte er jedem das Du angeboten. Dadurch entstand eine vertraute Stimmung und man hatte das Gefühl, schon Wochen gemeinsam unterwegs zu sein.

Umso trauriger fand ich es, dass der offizielle Teil dieser Reise schon mit diesem Tage enden würde. Während ich hoch in den Norden reiste, hatten die anderen die letzten Tage zur freien Verfügung, bevor es Freitag nach Hause ging. Viele würden einen Ausflug in die Blaue Lagune machen, wo man in heißen Quellen baden konnte.

Ein anderes Paar aus der Gruppe wiederum hatte die Tagesreise nach Grönland gebucht. Ich hätte alles gegeben, um an ihrer Stelle zu sein, aber das Zusatzangebot war mit meinem Studentengehalt unerschwinglich. Schon allein die Reise nach Norden riss ein ziemliches Loch in meine Kasse. Für Steph war Grönland von Anfang an uninteressant gewesen, somit hatte sich das Thema schon im Reisebüro erledigt. Als hätte Gott ein Einsehen, musste mein Ex eine horrende Gebühr bezahlen, da er den Urlaub nicht angetreten war. Ausgleichende Gerechtigkeit würde ich sagen.

Der heutige Tag endete am Perlan, einem Warmwasserspeicher im Süden der Stadt, der auf einem Berg stand. Mittlerweile befand sich ein Museum darin, und ein Drehrestaurant in der Spitze des Gebäudes. Vom Rundgang aus genoss man einen gigantischen Blick über die Stadt. Ein stahlblauer Himmel wölbte sich über Reykjavík und die Sonne ließ die Stadt erstrahlen.

Ich nahm einen tiefen Atemzug und ließ die kühle, klare Luft in meine Lunge strömen. Hier oben fühlte ich mich wie die Königin der Welt. Dank des guten Wetters konnte man weit in die Ferne blicken.

Während Sabrina uns einen Kaffee besorgte, kramte ich mein Minifernglas hervor und suchte den Horizont ab. Vielleicht konnte man von hier aus ja sogar …

»Bist du zufällig auf der Suche nach dem da?«, hörte ich eine vertraute Stimme direkt hinter mir.

Ich erstarrte, während Andri vorsichtig seine Hände auf meine Schultern legte und mich etwa um 90 Grad nach links drehte. Trotz der dicken Jacke spürte ich seine Finger, die einen wohligen Schauer auslösten, der sich in meinen ganzen Körper verbreitete. Verdammt, ich sollte nicht so empfinden, aber ich war machtlos dagegen. Andri war einfach … besonders.

Um mir nichts anmerken zu lassen, klammerte ich mich wie eine Ertrinkende ans Fernglas und ließ mich von Andri führen. In meinem Blickfeld erschien ein heller Berg mit weißer Spitze. Ein ziemlich großer Berg wohlgemerkt, aber aus dieser Entfernung wirkte er klein und harmlos.

»Darf ich vorstellen: Snæfellsjökull.«

»Wie?«

»Snæfellsjökull«, wiederholte Andri belustigt.

»Sn…«, versuchte ich es, scheiterte jedoch gnadenlos. »Der Berüchtigte?«, fragte ich stattdessen und stellte das Bild schärfer.

»Er ist recht bekannt, ja«, bestätigte Andri.

»Das ist also der Vulkan, der den Flugverkehr 2010 nahezu komplett lahmgelegt hat.« Ich hob kurz die Hand. »Ist mir eine Ehre.«

»Der Vulkan, von dem du sprichst, das wäre dann aber eher Eyjafjallajökull«, meinte Andri.

Ich ließ das Fernglas sinken und schaute fragend in Andris blaue Augen, die amüsiert funkelten. Hatte er mich etwa gerade auf die Schippe genommen?

»Man kann Eyjafjallajökull von hier aus leider nicht sehen. Der liegt in dieser Richtung, ungefähr zwei Stunden mit dem Auto entfernt.«

»Oh.«

Sehr geistreich, Vanessa!

Ein Lächeln lag auf Andris Lippen und ich ertappte mich dabei, wie ich schon wieder zu lange darauf starrte. Nur mühsam löste ich mich von dem Anblick.

»Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade mal zwölf Jahre alt«, verteidigte ich mich halbherzig und schaute wieder durch das Fernglas. Ich kramte in meinem geografischen Gedächtnis, um nicht ganz dumm dazustehen. Dabei versuchte ich die ganze Zeit, mein pochendes Herz unter Kontrolle zu bringen.

»Dann ist das da der Nationalpark Snæfellsnes auf der Halbinsel?«

»Ganz genau«, bestätigte Andri. »Möchtest du dorthin fahren?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Eigentlich hatte ich es fest auf der Rückfahrt eingeplant. Mal sehen, ob die Zeit reicht.«

»Es ist wunderschön dort. Man spricht immer von Island im Miniformat. Ein Besuch lohnt sich in jedem Fall.«

Er räusperte sich und begann in seinen Taschen zu kramen. Das gab mir Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten. Heute hatte er das Haar lässig nach hinten gekämmt. Eine feine, aber deutlich sichtbare Narbe offenbarte sich auf seiner Stirn. Woher sie wohl stammte?

In diesem Moment schien er fündig zu werden. Fast schon schüchtern hielt er mir einen zusammengefalteten Zettel hin.

»Die versprochenen Tipps.«

»Cool, danke!«, sagte ich und nahm die Liste entgegen.

»Schöne Schrift«, murmelte ich und strich über die Tinte. Selten hatte ich so etwas Akkurates gesehen. Wenn ich dagegen an Stephs Sauklaue dachte. Für seine Nachrichten hatte ich jedes Mal einen Übersetzer gebraucht. Irgendwann hatte er sich ganz auf digitale Notizen beschränkt, dabei mochte ich es, wenn jemand mit der Hand schrieb.

»Danke«, sagte Andri und deutete auf den unteren Teil des Blattes. »Unten steht die Adresse von unserem Hof. Also, falls du Island doch noch mal hoch zu Ross erleben möchtest …«

»Führst du die Touren?« Die Vorstellung, Andri wiederzusehen, ließ meinen Puls höherschlagen.

»Nicht ich, das macht Smilla, die Angestellte meiner Eltern.«

»Nun ja, vielleicht bekomme ich dich ja zu einem exklusiven Privatritt überredet.«

Die Worte hatten meinen Mund verlassen, bevor ich wirklich drüber nachdenken konnte. Ich spürte förmlich, wie mir die Hitze in die Wange schoss.

»Sorry, das war jetzt wirklich …«, stotterte ich hilflos und machte es nur noch schlimmer. Ich hatte das Gefühl, im Boden zu versinken.

Andri trat einen Schritt näher und seine Stimme nahm einen samtigen Tonfall an. »Nun ja, wenn wirklich Interesse besteht, ließe sich darüber reden.«

Fassungslos sah ich ihn an. Das konnte er doch nicht wirklich ernst meinen? Also denken, dass ich das ernst gemeint hatte!

Doch dann sah ich das vergnügte Funkeln in seinen Augen. In diesem Moment brach Andri in schallendes Gelächter aus. Das war dann wohl wirklich die Spitze der Peinlichkeit.

Da tauchte Sabrina mit zwei großen Kaffeebechern auf.

»Was ist denn so lustig?«, fragte sie und schaute interessiert von mir zu Andri.

Andri winkte ab und wischte sich verstohlen die Tränen aus den Augen. »Ach, nichts …«

Bitte zeig mir ein Loch, in dem ich verschwinden kann, betete ich, unfähig, darauf etwas zu erwidern.

»Ich habe Vanessa nur gerade ein wenig auf den Arm genommen. Sie dachte, das wäre Eyjafjallajökull«, rettete Andri die Situation und deutete in Richtung Snæfellsnes.

Sabrina runzelte die Stirn. »Aber den sieht man doch von hier aus gar nicht, oder?«

»Eben drum.«

Sabrina schnalzte empört. »Ihr Isländer seid wirklich ein gemeines Volk.«

Andri zuckte entschuldigend mit den Schultern und schlenderte davon. Seufzend ließ ich mich auf einer der Bänke nieder, die hier überall standen. Andri war schon mehrere Meter entfernt und ich glaubte, ihn immer noch lachen zu hören.

»Also wenn ich zehn Jahre jünger wäre«, hörte ich Sabrina sagen, die Andri immer noch hinterherstarrte.

»Was hältst du nachher von Fish and Chips?«, fragte ich, um endlich das Thema zu wechseln.

Sabrina wandte sich fragend um und reichte mir den Kaffee. Ich nickte dankbar. »Als wir durch den Hafen gelaufen sind, habe ich ein Restaurant gesehen. Sah recht stylisch aus.«

»Stylisch gleich lecker?«, fragte sie schmunzelnd und setzte sich zu mir auf die Bank.

»Laut Google-Bewertungen schon.«

»Klingt gut!«

»Supi.« Ich rang mir ein Lächeln ab. Auf den Schock würde ich mir erst einmal ein schönes großes Bier bestellen, passend zu den Fish and Chips. Zeitgleich drängte sich das Antlitz meiner Mutter vor mein inneres Auge, die das gar nicht gutheißen würde. Alkohol am Tag und dann auch noch Bier. Entschlossen drängte ich es beiseite.

»Ich glaube, ich habe noch nie Fish and Chips gegessen«, überlegte Sabrina und hielt ihre Nase in die Sonne. Der Bus würde erst in einer halben Stunde wieder zum Hotel fahren. Also hatten wir genügend Zeit, unseren Kaffee zu genießen. Statt zum Hotel zu fahren, würde ich den Fahrer einfach fragen, ob er uns am Hafen rauslassen konnte.

»Du wirst es lieben«, sagte ich und nippte an meinem Kaffee.

Sabrina lachte herzhaft. »Das hoffe ich doch. Wenn ich das meinem Mann schon antue, muss es sich lohnen. Er wird sich bedanken, wenn ich ins Hotel komme und nach frittiertem Fisch rieche.«

Kapitel 4

Gerade schwebte ich im siebten Himmel – kulinarisch gesehen zumindest. Ich hatte schon oft Fish and Chips gegessen, aber dieses Restaurant hatte den Dreh raus. Nur der Preis hatte mir mal wieder förmlich den Boden unter den Füßen weggezogen.

Ach, was solls!, sagte ich mir.

Das hier war es allemal wert. Die nächsten Tage würde ich mich einfach mit Sandwiches aus dem Supermarkt begnügen. Nur das Bier war dann doch klein ausgefallen. Aber das konnte ich verkraften.

Sabrina teilte meine Begeisterung. Sie spendierte uns im Anschluss sogar noch einen Nachtisch, der verboten gut war.

Ich war gerade dabei, die letzten Schokoreste genüsslich von meinem Teller zu kratzen, als sie fragte: »Wie kommt es eigentlich, dass du allein reist?«

Ich hielt in meiner Bewegung inne. Plötzlich fühlte es sich an, als hätte ich Steine im Magen.

»Sorry!«, beeilte Sabrina sich zu sagen, die meinen Gesichtsausdruck richtig gedeutet hatte. »Ich wollte nicht unhöflich sein.«

Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass es leichter gelang, eine Trennung zu überwinden, wenn man offen darüber sprach. Auch wenn es sich überhaupt nicht so anfühlte. Allerdings hatte ich bei den folgenden Worten das Gefühl, pure Säure auf der Zunge zu spüren. »Mein Freund hat mich kurz vor der Reise für eine andere sitzenlassen. Der Urlaub war eigentlich schon abgesagt, aber dann habe ich mich spontan dazu entschieden, doch zu fliegen.« Nach dem Streit mit meinen Eltern hatte ich nur einen einzigen Wunsch gehabt: so schnell wie möglich das Weite zu suchen.

Sabrina wechselte innerhalb kürzester Zeit von kreidebleich auf puterrot. Verschiedenste Emotionen flackerten über ihr Gesicht, von Mitleid über Wut bis hin zu Betroffenheit.

»Das tut mir leid«, sagte sie und legte die Gabel auf den Tisch. Ihr schien der Appetit ebenfalls vergangen zu sein, auch wenn wir so gut wie fertig waren.

Ich winkte ab. »Ist nicht so wichtig.«

»Natürlich ist es das«, entgegnete Sabrina und griff nach meiner Hand. »Du bist wichtig.«

Obwohl ich diese Frau nicht kannte, spürte ich, dass sie es ehrlich meinte und mit mir fühlte. Ob sie schon Ähnliches erlebt hatte? Ich traute mich nicht zu fragen.

»Und trotz allem bist du allein gereist«, stellte sie fest und musterte mich anerkennend.

Ich nickte. »Island war schon immer mein Traum. Ich wollte diese Chance nicht verstreichen lassen.«

Sie drückte erneut meine Hand. »Das war wirklich mutig von dir!«

Forschend schaute ich in ihr Gesicht. »Meinst du?«

»Auf jeden Fall! Weißt du, vor einigen Jahren ist mir etwas Ähnliches passiert. Infolgedessen habe ich mich von allen zurückgezogen und bin in Selbstmitleid ertrunken. Ich habe lange gebraucht, um ins Leben zurückzufinden. Du hingegen hast deinen süßen Hintern hochbekommen und bist hierhergeflogen. Und dann auch noch ganz allein. Das erfordert viel Mut.«

Wärme breitete sich in meiner Brust aus. »Danke, dass du das sagst.«

»Es ist nur die Wahrheit. Du machst das genau richtig. Kein Kerl dieser Welt ist es wert, ihm nachzuweinen. Es gibt so viele hübsche Männer da draußen, die sich glücklich schätzen würden, so jemanden wie dich als Freundin zu haben.«

Unweigerlich tauchte Andris Gesicht vor meinem geistigen Auge auf. Nachdem der Bus zurück in die Stadt gefahren war, um uns am Hafen rauszulassen, hatten wir nur einen kurzen Moment gehabt, um uns zu verabschieden. Er hatte mich erst aus dem Bus gelassen, als ich ihm versprochen hatte, dem Hof seiner Eltern einen Besuch abzustatten. Natürlich hatte ich zugestimmt, aber ob ich wirklich vorbeifahren würde, stand auf einem anderen Blatt. Denn so sehr ich mich auch dagegen wehrte: Ich konnte nicht länger bestreiten, dass ich Andri wirklich nett fand. Aber ich hatte derzeit genug andere Probleme. Alles, was ich wollte, war einen tollen Urlaub zu erleben und mir Gedanken darüber zu machen, wie es danach weiterging.

»Danke, aber von Männern habe ich jetzt erst einmal genug«, sagte ich und schob vehement den Dessertteller zur Seite.

Sabrina wackelte mit den Augenbrauen. »Das habe ich damals auch gesagt, als ich es endlich aus meinem Schneckenhaus herausgeschafft hatte, und schwupps, habe ich meinen Mann kennengelernt.«

»Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein«, wich ich aus, weil ich das Thema nicht weiter vertiefen wollte. Danach lenkte ich das Gespräch in seichtere Gewässer. Denn in einem war mir absolut sicher: In nächster Zeit würde ich nichts mit einem Typen anfangen. Wenn ich mir eins geschworen hatte, dann war es, mein Singleleben zu genießen. Und zwar ganz allein, weit weg von jedem Mann.

***

Andri

Seit zehn Minuten stand ich hier und wartete auf meine Schwester Freyja. Wir waren zum Essen verabredet und trafen uns deshalb am Hafen. Immerhin hatte sie mir eine Nachricht geschrieben und Bescheid gesagt, dass sie sich ein wenig