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**Verliere dein Herz im Sehnsuchtsort Island** Jahre nach einem schweren Unfall hat sich die willensstarke Freyja zurück ins Leben gekämpft. Um nun ihren größten Traum wahr werden zu lassen, verlässt sie Reykjavík und macht sich auf in die Heimat: mitten in die herrliche Natur Islands, zwischen Fjorden und Gletscherflüssen. Dort scheint alles perfekt, bis das plötzliche Auftauchen ihrer Jugendliebe Alvar sie zurück in die schmerzhafte Vergangenheit katapultiert. Alles in Freyja schreit nach Flucht, doch da hat sie die Rechnung ohne ihr Herz gemacht, das sich einfach nicht von Alvar lösen kann … Folge dem Ruf deines Herzens in den hohen Norden! //Dies ist der zweite Band der romantischen New-Adult-Buchserie »Nordic Love Stories«. Diese Serie kann komplett unabhängig von den »Yhale«-Romanen gelesen werden. Alle Bände der Liebesgeschichte bei Impress: -- Nordic Love Stories 1: Vanessa -- Nordic Love Stories 2: Freyja Weitere gefühlvolle Liebesromane der Autorin bei Impress: -- Yhale Love Stories 1: Sarah -- Yhale Love Stories 2: Sophie // Jeder Roman dieser Serien steht für sich und kann unabhängig von den anderen gelesen werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Impress
Die Macht der Gefühle
Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.
Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.
Tauch ab und lass die Realität weit hinter dir.
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Lea Weiss
Nordic Love Stories 2: Freyja
**Unter Wasserfällen, zwischen Islandpferden und verstohlenen Küssen**Jahre nach einem schweren Unfall hat sich die willensstarke Freyja zurück ins Leben gekämpft. Um nun ihren größten Traum, eine eigene therapeutische Einrichtung auf dem Pferdehof ihrer Eltern, wahr werden zu lassen, verlässt sie Reykjavík und macht sich auf in die Heimat: mitten in die herrliche Natur Islands, zwischen Fjorden und Gletscherflüssen. Dort scheint alles perfekt, bis das plötzliche Auftauchen ihrer Jugendliebe Alvar sie zurück in die schmerzhafte Vergangenheit katapultiert. Alles in Freyja schreit nach Flucht, doch da hat sie die Rechnung ohne ihr Herz gemacht, das sich einfach nicht von Alvar lösen kann …
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Vita
© privat
Eine Muschel am Strand, ein grauer Regentag oder das Bild einer verschneiten Winterlandschaft. Alles hat eine Geschichte zu erzählen. Und diese zu finden hat sich Lea Weiss zur Aufgabe gemacht. Die Freizeit verbringt sie bei ihrem Pferd, das ihr immer wieder Stoff für neue Buchideen liefert.
Ein mächtiger Donner ließ die Erde erzittern und befreite mich aus den Klauen der Dunkelheit. Ich riss die Augen auf und blickte mich um.
WO – BIN – ICH?
Meine Pupillen zuckten nervös durch den Raum und suchten nach etwas Vertrautem, aber da war nichts. Nur kahle weiße Wände. Dort! Ein Fenster. Draußen tobte ein Sturm. Das Brüllen des Windes dröhnte in meinen Ohren und der Regen klatschte sintflutartig gegen das Glas. Ein Blitz zuckte über den nachtschwarzen Himmel und erhellte kurzzeitig das kleine Zimmer, in dem ich mich befand. Wie ein ausgehungertes Tier schlug die Angst ihre Krallen in meine Eingeweide. Ich erstarrte zu Eis. Wieder ein Blitz.
Das sieht aus, wie ein … war ich etwa in einem Krankenhaus?
Eine dunkle Erinnerung begann sich in meinem Kopf zu formen, aber immer, wenn ich danach greifen wollte, war es, als würde ich meine Hände in Nebel tauchen. Ich wusste nur, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste. Ein heftiger Schmerz flammte hinter meiner Stirn auf und ich sank zurück ins Kissen.
Ruhig atmen, Freyja, sagte ich mir immer wieder. Zeitgleich versuchte ich, meine wirren Gedanken zu sortieren, aber die Angst hinderte mich daran. Also schloss ich die Augen und konzentrierte mich ganz auf meine Atmung.
Lange Zeit lag ich einfach nur so da und tat nichts anderes, als zu existieren. Schon allein das kostete mich meine gesamte Kraft. Mir war schwindelig und jede Sekunde drohte ich erneut in die Bewusstlosigkeit abzudriften. Während der Sturm außerhalb dieser Mauern mit unverminderter Kraft tobte, gelang es mir, mich ein wenig zu beruhigen.
Eins nach dem anderen. Du schaffst das, Freyja!
Erster Schritt: Zögernd öffnete ich die Augen und ließ den Blick erneut durch den dunklen Raum schweifen. Krankenhaus. So viel stand fest. Besucherstuhl, ein kleiner Tisch und darüber irgendeine Landschaftsaufnahme, die ich bei den Lichtverhältnissen nicht genauer erkennen konnte.
Nächster Schritt: Wenn ich mich in einem Krankenhaus befand, war hier irgendwo ein Notknopf, mit dem ich mich bemerkbar machen konnte. Also wandte ich den Kopf zur Seite, um nach einem Schalter Ausschau zu halten. Arg! Ganz schlechte Idee. Wieder dieses fürchterliche Pochen hinter der Stirn. Aber es war nicht nur das: Jede Zelle meines Körpers schrie vor Schmerz. Nach einigen Herzschlägen startete ich einen neuen Versuch. Dabei entdeckte ich mehrere Maschinen, deren Sinn sich mir jedoch nicht sofort erschlossen. Ich blickte auf den Monitor, der rechts neben meinem Bett stand. Darauf waren mehrere Linien zu sehen. Herzschlag, Puls, Atmung …
Erst da fiel mir der Schlauch auf, der von dem Gerät zu mir führte. Wie benebelt war ich eigentlich? Was war geschehen, dass ich beatmet werden musste? Meine Gedanken stoben erneut auseinander, wie ein aufgeschreckter Schwarm Vögel, die in alle Himmelsrichtungen davonflogen. Und wieder gewann die Panik die Oberhand. Vor meinen Augen tanzten Sterne. Mir stockte der Atem und die Linien auf dem Monitor warfen unruhige Wellen, begleitet von einem unangenehmen Geräusch. Es war zu viel. Einfach zu viel! Plötzlich hatte ich das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen, erst recht nicht, wenn dieses Ding in meiner Nase steckte! Mein Körper verkrampfte, alle Systeme schlugen Alarm, aber ich ignorierte es. Ich riss den Arm hoch und wollte nach dem Schlauch fassen, als ich in meiner Bewegung erstarrte. Endlose Sekunden verstrichen, ehe ich begriff, was ich da sah … besser gesagt, was ich nicht sah. Ich blinzelte. Einmal. Ein zweites Mal. Dann schrie ich. So laut ich konnte.
Die Tür flog auf. »Freyja!«
Meine Mutter stand im Eingang. Der Kaffee, den sie dabeihatte, landete mit einem lauten Klatschen auf dem Boden. Sie hatte die Augen weit aufgerissen. Trotz der Dunkelheit sah ich das Grauen darin. Augen, die sonst immer vor Wärme und Zuversicht strahlten. Kurz darauf war sie bei mir. Ihre zitternden Hände griffen nach mir, umfassten meine Schultern. »Freyja! Schatz! Du musst dich beruhigen!«
Aber es ging nicht. Alles was ich tat, war zu schreien und ich konnte nicht aufhören.
Fünf Jahre später
Freyja
Langsam ließ ich die Finger über den warmen Pferdekörper gleiten. Das Fell meines Isländers Drangur war dicht und flauschig, wie geschaffen für den harten Winter in Island. Es war kalt an diesem Morgen. Der Himmel war tintenblau. Nicht mehr lange und die Sonne würde aufgehen. Ich liebte es früh aufzustehen und diesen Moment zwischen Nacht und Tag zu erleben. Es war, als würde man ein neues Kapitel aufschlagen. Und jedes davon hatte die Chance, das beste deines Lebens zu werden.
Ich schloss die Augen und folgte der Rückenlinie, konzentrierte mich ganz auf das Zusammenspiel der Muskeln. Auf der einen Seite spürte ich nichts. Auf der anderen alles. Dabei verließ ich mich nicht nur auf den Tastsinn meiner verbliebenen Hand. Ich versuchte, das Pferd als Ganzes wahrzunehmen: seine Wärme, die Energie, die grenzenlose Kraft, die sich unter meinen Händen befand. Denn das waren die Pferde Islands. Sie waren wild, stark und unabhängig.
Trotz dieser Wildheit und Kraft hatte ich Drangur nicht angebunden. Er blieb stehen, obwohl er das gar nicht musste. Er wäre wohl auch gut allein zurechtgekommen. Dennoch hatte er sich entschieden, bei mir zu bleiben. Eine Tatsache, die mich immer wieder faszinierte. Viele sahen Isländer als ihren Besitz an. Aber man konnte ein Pferd nicht besitzen. Vielleicht konnte man es auf dem Papier, aber nicht sein Herz. Das bekam man nur, wenn man sich als würdig erwies.
Ich vertrat schon immer die Ansicht, dass Pferde die besseren Menschen waren. Wenn ihnen etwas nicht passte, dann zeigten sie es dir, wenn du einmal ihr Herz gewonnen hattest, dann taten sie alles für dich. Es gab keine Unklarheiten, keine Lügen, keine falschen Versprechen.
Ich verlagerte das Gewicht nach vorn und Drangur stieß daraufhin ein tiefes Schnauben aus. Endlich! Ich hatte die Stelle gefunden. Seit Tagen war er steif im Rücken und besaß nicht die Freude beim Laufen, wie es sonst immer der Fall war. Drangur grummelte leise und lehnte sich mir entgegen, ganz so, als wüsste er, dass ich ihm helfen wollte. Sein warmer Atem stieg in Wolken gen Himmel. Ich legte beide Hände flach nebeneinander, wobei meine Prothese ein mechanisches Geräusch verursachte. Dann schloss ich erneut die Augen und versuchte, die Verspannung genauer zu erfühlen. Sie saß tief und erinnerte an einen festen Knoten. »Dort, nicht wahr mein Großer?«
Mit kreisenden Bewegungen arbeitete ich mich Muskelschicht um Muskelschicht vor, bis ich auf die Verhärtung stieß. So etwas entstand schnell: eine ruckartige Bewegung, ein falscher Tritt. Da erging es den Pferden nicht anders als uns Menschen, wobei meine vierbeinigen Patienten weitaus weniger jammerten als die zweibeinigen. Mein Bruder Andri war das beste Beispiel dafür. Er verzog schon schmerzhaft das Gesicht, bevor ich überhaupt mit meiner Behandlung angefangen hatte.
Meine Mundwinkel hoben sich, als ich sah, wie Drangur immer weiter den Kopf senkte. Die Augen waren halb geschlossen und die Ohren hingen entspannt zur Seite. Nach und nach gelang es mir, die Blockade zu lösen. Das dauerte seine Zeit, da ich nur mit einer Hand massieren konnte. Als ich fertig war, warf ich einen Blick auf mein Pferd, das schon halb eingeschlafen war. Gerade sandte die Sonne die ersten Strahlen über den Horizont und vertrieb nach und nach die Dunkelheit. Kurz darauf sah der Himmel aus, als würde er in Flammen stehen. Der Anblick verschlug mir jedes Mal aufs Neue die Sprache. Die schneebedeckten Spitzen der Berge, die uns umgaben, schimmerten wie flüssiges Gold. Es wirkte, als würden sie von innen heraus glühen und gleich Feuer spucken. Bei der Vielzahl an aktiven Vulkanen, die es hier auf Island gab, war das kein unvorstellbares Szenario. Die Bilder von Eyjafjallajökull hatte ich noch lebhaft in Erinnerung. Das war auch im Frühjahr gewesen.
Ich verengte die Augen zu Schlitzen, um mich gegen das Licht der Morgensonne zu schützen. Dabei veränderte ich die Position auf meinem Hocker, auf dem ich stand. Ich war zwar nicht gerade klein, aber damit hatte ich das Gefühl, besser arbeiten zu können. Als ich mich bewegte, zuckten Drangurs Ohren nach hinten, ansonsten blieb er reglos stehen. Selbst die Augen hielt er weiterhin geschlossen. In diesem Moment hätte wohl ein Flugzeug neben uns landen können, das hätte ihn nicht interessiert, so entspannt war er.
Mein Blick glitt über die weiße Landschaft. Vor ein paar Tagen hatte es geschneit und es war immer noch bitterkalt. Ich freute mich auf die milderen Monate. Zum Glück war die Trainingshalle letztes Jahr fertig geworden, wo Edda und ich täglich mit den Patienten trainierten. Edda Rúnarsdóttir, die ursprünglich aus Reykjavík stammte, arbeitete seit knapp einem Jahr als Physiotherapeutin bei uns. Mein Freund (und ehemaliger Ausbilder) Aaron Einarsson hatte den Kontakt hergestellt. Edda war aus familiären Gründen zurück nach Húsavík gezogen, insofern hatte das beruflich gesehen perfekt gepasst. Ursprünglich war es nur als Zwischenlösung gedacht, bis Vanessa ihre Ausbildung in Deutschland beendet hatte, aber Edda und ich verstanden uns so gut, dass eine langfristige Zusammenarbeit durchaus vorstellbar war. Arbeit gab es jedenfalls genug. Durch die Reithalle war es uns möglich, das ganze Jahr über Reittherapie anzubieten. Die Winter in Island konnten mitunter lang und hart sein. Da war eine Halle unablässig.
Obwohl es gut lief, konnte ich es kaum erwarten, bis Vanessa endlich fertig war. Ich vermisste sie, nicht nur als Kollegin, sondern auch als Freundin. Leider würde ich sie erst Ende nächster Woche wiedersehen.
»Aufwachen, mein Süßer«, sagte ich und stieg von meinem Hocker. Drangur spitzte die Ohren und blinzelte verschlafen.
»Guten Morgen.«
Während er ausgiebig gähnte, sich schüttelte und den Hals streckte, rollte ich die Longe aus und befestigte den Karabinerhaken am Halfter. »Lauf mal ein paar Schritte.«
Drangur stieß ein tiefes Seufzen aus und verschwand in einer weißen Wolke. Mit dem dunklen Fell sah er aus wie ein wütender Stier. Er war dunkelgrau, nur im Sommer wurde er etwas heller.
»Ja, ich weiß«, bestätigte ich lachend. »Du hast es sehr schwer.«
Er schlug mit dem Kopf, als wollte er mir beipflichten. Ich glaubte schon, er würde sich gar nicht mehr bewegen, da gab er sich die Ehre und lief los. Zufrieden betrachtete ich sein Gangbild erst im Schritt, dann im Trab. Drangur wirkte gelöst und zufrieden, als wäre er eine schwere Last losgeworden.
»Okay, für heute sind wir fertig.«
Das ließ er sich nicht zwei Mal sagen und fiel prompt zurück in den Schritt, um kurz darauf anzuhalten. Ich musterte ihn ungläubig. Dieses Pferd machte wirklich keinen Handschlag zu viel. Unbeeindruckt wandte er mir den Kopf zu und sah mich aus seinen onyxschwarzen Augen an, als wollte er sagen: Warum auch?
Mein Unmut verflog, als er auf mich zukam und den zierlichen Kopf unter meinem Arm vergrub.
»Du elender Charmeur.«
Dabei blieb seine Nase zufällig an meiner Jackentasche hängen. Ich grinste, denn in weiser Voraussicht hatte ich die Leckerchen tief in meiner Hosentasche vergraben und nicht wie üblich in der Jacke. Drangur schien jedoch nicht allzu enttäuscht zu sein, sondern legte seinen Kopf vorsichtig auf meiner Schulter ab. Dabei blies er mir ins Ohr. Ich lächelte. Gegen seine Liebesbekundungen war ich absolut machtlos. Ergeben zog ich die Möhrenstücke hervor, die er genüsslich verspeiste. Es hätte keinen besseren Partner für mich geben können. Obwohl wir viele Pferde besaßen, hatte er einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen eingenommen. Nur ihm hatte ich es zu verdanken, dass ich überhaupt wieder mit dem Reiten begonnen hatte.
In diesem Moment drang ein Geräusch an mein Ohr. Klick. Ich drehte mich um und entdeckte die Kamera, die mir quasi direkt ins Gesicht gehalten wurde. Klick. Ich blinzelte angestrengt gegen das Licht der Morgensonne und versuchte etwas zu erkennen.
»Vanessa?«, fragte ich ungläubig.
»Glaub mir, du wirst dieses Foto lieben«, sagte Vanessa, die plötzlich dastand und konzentriert auf den Bildschirm ihrer digitalen Spiegel-Reflex-Kamera schaute. »Das hat Modelqualitäten. Vielleicht könnten wir es für einen Flyer verwenden.«
Hatte ich gerade eine Erscheinung oder so? Ich schüttelte fassungslos den Kopf und überbrückte die letzten Meter zwischen uns. Freudig fiel ich ihr um den Hals. Sie erwiderte die Umarmung. »Wir haben uns zwei Monate nicht gesehen und du machst Fotos von mir. Dein Ernst?«
Ich hörte Vanessa lachen. »Du weißt doch: Bei einem guten Motiv kann ich nicht widerstehen.«
O ja! Und wie ich das wusste. Vor gut einem Jahr hatte Vanessa die Fotografie für sich entdeckt. Seitdem wir alle zusammengeworfen und ihr zum Geburtstag diese Kamera geschenkt hatten, war sie quasi damit verwachsen. Alles und jeder wurde abgelichtet. Nur allzu gut erinnerte ich mich an unseren letzten Ausritt, der eigentlich nur aus Fotostopps bestanden hatte. Jede Blume und jeder Stein hatte dran glauben müssen. Jetzt war sie es, die mich so fest drückte, dass mir fast die Luft wegblieb.
»Schön dich zu sehen, Lieblingsschwägerin!«
Ich schmunzelte, als sie mich wieder freigab. »Hast du etwa mehrere?«
»Ich denke nicht. Aber man weiß ja nie.« Sie wackelte mit den Augenbrauen.
»Habe ich etwas verpasst? Ist es etwa bald soweit?« Eigentlich war die Frage im Spaß gemeint, aber bei Andri und Vanessa würde es mich nicht großartig überraschen. Die beiden waren das Paradebeispiel eines Liebespaars. Wie Bonnie und Clyde, Bernhard und Bianca, Aladdin und Jasmin oder Al & Peggy Bundy … Hm, Letzteres wohl eher weniger.
Vanessa winkte ab. »Ach quatsch. Das hat noch Zeit.« Ihr Gesicht nahm einen verträumten Ausdruck an. »Aber wenn … dann erfahren Smilla und du es natürlich zuerst.«
»Na, das will ich doch hoffen.«
Obwohl ich es mir nicht anmerken ließ, machten mich ihre Worte unheimlich glücklich. Vanessa und ich waren in den letzten zwei Jahren gute Freundinnen geworden, was ich nie für möglich gehalten hätte. Ehrlich gesagt war sie zu einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben geworden, dabei hatten wir uns am Anfang überhaupt nicht leiden können. Besser gesagt, ich hatte sie nicht leiden können. Ich war wirklich unfair gewesen. Aber da war diese Angst gewesen. Angst, alles zu verlieren, wofür ich jahrelang gekämpft hatte. Denn einen Moment hatte es wirklich so ausgesehen. Nachdem ich mich endlich zurück ins Leben gekämpft hatte, war ich mit einem Plan im Gepäck auf das Gestüt meiner Eltern zurückgekehrt. Ich wollte mir zusammen mit Andri meinen Traum vom therapeutischen Reiten erfüllen. Aber dann war Vanessa auf der Bildfläche erschienen und hatte alles gehörig durcheinandergewirbelt. Dass sie es sein würde, mit der ich das Projekt aufziehen würde, hätte ich zu diesem Zeitpunkt nie für möglich gehalten. Wie das Leben manchmal so spielte …
»Seit wann bist du wieder hier?«, fragte ich. »Ich bin von nächster Woche ausgegangen.«
»Ich bin letzte Nacht gelandet. Meine Prüfung wurde vorverlegt«, erzählte sie und streichelte Drangur die weiche Nase. Der untersuchte Vanessas Taschen erst einmal auf mögliche Leckereien. Natürlich hatte sie was dabei. Das hatte sie immer.
»Wie lief es?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Es ging. Aber ich denke, dass ich auf jeden Fall bestanden habe.«
Ich stemmte die Hände in die Hüften. »Das sagst du immer und hinterher hast du fast jedes Mal die gesamte Punktzahl.«
Vanessa grinste nur und ließ ihren Blick über Drangur gleiten. Sie war ziemlich gut und bestand alle Prüfungen mit Bravour. Man merkte, dass sie ihre Arbeit liebte und in ihrer Ausbildung aufging. Genau wie ich. Ich war überzeugt, dass wir auch im Alltag eine gute Einheit bilden würden.
»Toll sieht er aus.«
»Danke«, sagte ich und klopfte Drangur den Hals. »Er hatte eine Blockade.«
»Und? Geht es ihm jetzt wieder besser?«
Ich nickte. »Nach der Behandlung lief er gleich viel freier. Mal sehen, was die nächsten Tage so bringen.«
Vanessa seufzte wehmütig. »Ich wünschte, ich könnte auch schon richtig praktizieren.«
»Das tust du doch schon, wenn du hier bist. Und in Deutschland bei Emilia.«
Sie schob die Unterlippe vor. »Ja, aber nur unter Aufsicht.«
Ich drückte aufmunternd ihren Arm. »Nur noch wenige Monate, dann hast du es geschafft.«
»Gefühlt sind das noch mehrere Jahre«, jammerte sie.
»Glaub mir, der Tag wird kommen, da wirst du dir wünschen, wieder zur Schule zu gehen. Wenn ich erst einmal deine Chefin bin und dich unter meiner Fuchtel habe«, prophezeite ich düster, konnte ein Grinsen aber nicht unterdrücken.
»Gleichberechtigte Partnerinnen«, korrigierte mich Vanessa. »So steht es im Vertrag.«
Ich winkte ab. »Papier ist geduldig. Die Realität wird eine ganz andere sein.«
Jetzt lachten wir beide.
»Das klingt wie aus einem schlechten Horrorfilm«, sagte Vanessa. »Was hältst du von einem gemeinsamen Frühstück? Andri ist schon los zur Uni.«
»Klingt gut. Ich versorge Drangur, dann komme ich.«
»Ich helfe dir. Dann geht’s schneller«, bot Vanessa an und hakte sich bei mir unter. Gemeinsam liefen wir in Richtung Stall. »Dabei kannst du mich auch gleich auf den neuesten Stand bringen. Stimmt es, dass Smilla was mit Ragnar, dem Typ aus dem Whalewatching-Office, hat?«
Ich runzelte die Stirn. »Woher weißt du das schon wieder?«
Ein Blick in Vanessas Gesicht genügte. »Andri. Wieso frag ich überhaupt?«
»Er hat da nur so etwas angedeutet und Smilla wollte mir am Telefon nichts verraten.«
Unmut schwang in ihrer Stimme mit und ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Wie konnte man es nur wagen, Vanessa etwas zu verheimlichen?
***
Alvar
Als ich an diesem Morgen meinen Fuß auf isländischen Boden setzte, glich es einem Kulturschock. Kein Wunder, denn die vergangenen Jahre hatte ich im sonnigen Kalifornien verbracht, genauer gesagt in L.A., dem Paradies auf Erden. Größer hätte der Unterschied wohl nicht sein können. Aber meine Zeit in den Staaten gehörte nun endgültig der Vergangenheit an. Die Bestätigung dafür trug ich in meinem Rucksack. Die Urkunde für mein bestandenes Studium. Am liebsten hätte ich den Wisch, der das offizielle Ende meiner Freiheit besiegelte, in der nächsten Mülltonne entsorgt.
Jeder andere hätte sich wohl über das bestandene Studium gefreut, glücklich darüber, endlich ins Berufsleben einzusteigen und sein eigenes Geld zu verdienen. Ich nicht. Für mich war es der Anfang vom Ende, der Preis für fünf Jahre Unabhängigkeit. Es war der Pakt mit dem Teufel, den ich damals eingegangen war, nur dass der Teufel in diesem Falle mein Vater war. Ich hatte mein Glück kaum fassen können, als er meinem Vorschlag, in den USA zu studieren, zugestimmt hatte. Gute Noten waren die Voraussetzung gewesen. Nach meinem Studium sollte ich dann nach Hause zurückkehren und in die Geschäftsleitung miteinsteigen. Gute Noten? Das war machbar. Den zweiten Punkt hatte ich geflissentlich ignoriert. Hauptsache ich hatte Island verlassen können. Zum damaligen Zeitpunkt waren mir die drei Jahre Immobilienmanagement-Studium plus Master und ein Jahr Praxissemester wie eine kleine Ewigkeit erschienen. Nun ja, jetzt stand ich wieder hier.
Zahltag, oder wie sagte man so schön?
Allein bei der Vorstellung drehte sich mir der Magen um. Mit aller Macht versuchte ich, die düsteren Gedanken zu vertreiben. Bis jetzt war mir das auch ganz gut gelungen, aber hier in der kleinen Ankunftshalle des Keflavíker Flughafen ließ sich die Realität nicht weiter ignorieren.
Es war nicht gerade viel los, was mein Gefühl ein Alien unter Menschen zu sein, noch wesentlich verstärkte. Dabei war ich ein waschechter Isländer, nur sah ich überhaupt nicht mehr so aus. Mein Blick ging zum Spiegel, der an der gegenüberliegenden Wand angebracht war. Keine Frage, ich hatte mich verändert: vom schlaksigen Jungen mit kurz geschorener Frisur zum Erwachsenen. Mein blondes Haar trug ich mittlerweile fast schulterlang, hatte es jedoch immer zu einem unordentlichen Knoten gebunden. Es hatte ein wenig Surferboy-Qualitäten, auch wenn ich nie großartig Talent auf dem Board gezeigt hatte. Irgendwann war ich dazu übergegangen meinen Körper zu trainieren. Das gehörte in L.A. irgendwie zum guten Ton. Man wollte schließlich dazugehören. Am Anfang hatten die Typen am Muscle Beach nur ein müdes Lächeln für mich übriggehabt, später hatte ich fast zum Inventar gezählt und regelmäßig dort trainiert – zwar nicht so extrem, wie die Leute, die den ganzen Tag dort abhingen, aber ich war doch merklich in die Breite gewachsen. Was hier jedoch am meisten auffiel, war meine gebräunte Haut.
Nur zu gut waren mir die ersten Wochen in Erinnerung geblieben, in denen ich mit extremen Sonnenbränden zu kämpfen gehabt hatte. Hinzu war die Hitze gekommen, die mich fast umgebracht hätte. Aber irgendwann hatte ich mich an das sonnige Wetter dort gewöhnt und es schätzen, ja sogar lieben gelernt.
Ich seufzte resigniert und zog die Ärmel meines Pullovers weiter nach unten, als könnte ich mich so vor der Erinnerung schützen. In diesem Moment sprang das Gepäckband an und die ersten Koffer erschienen. Im Gegensatz zu meinen Mitreisenden, die nur darauf warteten, dass ihr Gepäckstück endlich auftauchte, hatte ich es nicht eilig. Es würde sowieso niemand auf mich warten. So essenziell ich für die Firma war, so egal war ich meinem Vater als Sohn und Mensch.
Nachdenklich betrachtete ich die Koffer, die in einer Endlosschleife an mir vorüberzogen. Sinnbild meines Lebens, dachte ich.
***
Freyja
Es gab selten Momente, in denen ich komplett loslassen konnte. Das passierte meist nur dann, wenn ich meiner Arbeit nachging. In meinem Job war ich glücklich. Besonders dann, wenn ich sah, wie die Patienten Fortschritte machten. Das Lächeln, das die Gesichter erhellte, wenn es gesundheitlich endlich aufwärtsging oder das Glänzen in den Augen, weil sie das Zusammensein mit den Pferden genauso genossen wie ich. Dass diese Menschen dadurch eine gewisse Zeit lang ihre Sorgen und Nöte vergessen konnten, gab mir mehr als alles andere und machte meine Arbeit so wichtig. Es waren genau die Augenblicke, für die ich diesen schweren Weg auf mich genommen hatte, um mein Studium nach dem Unfall zu beenden und um die Genehmigung zu erhalten, meinen Job auszuüben – wenn auch mit gewissen Einschränkungen. Mein Traum war es schon immer gewesen, Physiotherapeutin zu werden, aber dadurch, dass ich bei einem Autounfall mit meinem Bruder Andri den rechten Arm verloren hatte, konnte ich viele Sachen nicht so ausüben, wie es verlangt wurde. Daher war von Anfang an klar gewesen, dass ich meine eigene Praxis eröffnen musste, wollte ich weiter in diesem Berufsfeld tätig sein. Denn als normale Physiotherapeutin ging das nicht mehr. Während Edda durch Übungen und andere Behandlungen wie zum Beispiel Massagen die natürliche Funktionsfähigkeit der Patienten wieder herstellte, bestand meine Aufgabe darin die Menschen, die durch Krankheit oder einen Unfall in ihrem Alltag eingeschränkt waren, zu fördern. Dabei versuchte ich mit Hilfe der Pferde verschiedene Bereiche wie Motorik oder auch die psychischen Fähigkeiten zu stärken.
Leider war ich an diesem Tag meilenweit von meinem Behandlungsziel entfernt. Genauer gesagt, die Patientin war es. Das Besondere daran war, dass sie eine gute Freundin von mir war. Und das machte es doppelt so schwierig, weil ich es kaum ertragen konnte, sie so leiden zu sehen. In solchen Situationen war ich einfach nicht objektiv genug. Wie auch, wenn man jemanden leiden sah, der einem am Herzen lag? Genau aus diesem Grund behandelte ich keine Freunde oder Familienmitglieder, weil mir sonst der nötige Abstand fehlte. Heute war ein Ausnahmefall und es würde verdammt schwer werden, das wusste ich jetzt schon.
Runa und ich kannten uns seit Kindheitstagen und waren früher viel gemeinsam geritten, hauptsächlich auf Turnieren. Sie war Anfang dreißig und hatte den dritten Bandscheibenvorfall innerhalb kürzester Zeit erlitten. Und das immer kurz nach der Operation. Rezidivbandscheibenvorfall nannte sich so etwas und war ziemlich selten. Ich hatte in Reykjavík Fälle gesehen, da ereignete sich so etwas zwei Mal hintereinander, aber ein drittes Mal und dann auch noch in diesem Alter, das war schon großes Unglück. Verdammt großes Unglück. Runa konnte kaum laufen, da der Schmerz ins Bein strahlte. Nach der ersten Operation war sie zwar weitestgehend schmerzfrei, aber die kleinste Fehlbelastung führte zu einem erneuten Vorfall und der war bei ihr immer größer gewesen als der Vorangegangene. Der letzte Eingriff war jetzt gut vier Wochen her. Seitdem hatte meine Freundin eigentlich nur gelegen, genau wie die Monate davor. Sämtliche Muskeln hatten sich nahezu zurückgebildet. Sie war regelrecht in einer Angststarre gefangen, was ich sehr gut nachempfinden konnte, von den Schmerzen einmal ganz zu schweigen. Es war ein Wunder, dass Runa überhaupt hier war. Eine Stunde Überredungskunst hatte es mich gekostet, sie davon zu überzeugen, hierherzukommen.
»Lotto soll ich spielen. Das war es, was mir der Arzt gesagt hat«, erzählte sie mir und wischte sich wütend die Tränen weg. Sie wirkte wie ein kleines Häufchen Elend, wie sie dort auf der Liege lag. »Bei meinem Glück. Drei Bandscheibenvorfälle hintereinander. Wer schafft das schon? Vielleicht hat der Arzt recht. Dann wäre ich wenigstens reich. Wer braucht schon einen gesunden Rücken?«
Ich hatte Edda bereits vor einer Weile aus dem Behandlungsraum geschickt, da wir heute sowieso nichts machen konnten. Hier war noch sehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten, bevor wir überhaupt anfangen konnten. Vor allem aber musste ich mich selbst überzeugen. War ich diesem Fall wirklich gewachsen?
Ich lehnte mich gegen das weiche Polster der Liege und ergriff mit meiner zweiten Hand Runas Finger. Zweite Hand, so nannte ich die bionische Prothese. Mit einem mechanischen Geräusch schlossen sich meine Finger um ihre. Mit der Zeit hatte ich gelernt, immer besser damit umzugehen. Die Prothese erkannte mittels Sensoren, die im Schaft versteckt waren, meine Bewegungen, die ich ausführen wollte. Es war fast so, als würde sie Gedanken lesen. Mittlerweile dachte ich gar nicht mehr großartig darüber nach. Die Entwicklung der Technik schritt schnell voran und auch wenn eine Prothese eine richtige Hand niemals ersetzen konnte, war ich doch unendlich dankbar sie zu besitzen.
Ich räusperte mich und versuchte den Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken. »Ich verstehe, was du durchmachst. Ich verstehe es wirklich.«
Runas Augen zuckten zu meiner Prothese. Dann füllten sie sich erneut mit Tränen. »O Freyja, es tut mir leid. Ich wollte damit nicht sagen …«
»Runa, tu das nicht«, sagte ich eindringlich. »Du hast Schmerzen und das ist schlimm.«
Währenddessen kullerte eine Träne nach der anderen über ihre Wange, so als könnte sie gar nicht mehr aufhören zu weinen. Ich hatte sie noch nie so fertig gesehen, was mich wiederum total mitnahm. Also atmete ich tief durch und versuchte mich zu konzentrieren.
»Was hat der Arzt gesagt, was der nächste Schritt ist?«
Runa schnaubte. »Dieser Metzger will die Wirbel versteifen. Aber das mache ich nicht. Jeder hat mir davon abgeraten. Außerdem lasse ich mich mit Sicherheit kein viertes Mal operieren. Die können mich mal!« Während sie sprach, wurde ihre Stimme immer lauter und schriller. Ihre Angst und Verzweiflung war förmlich greifbar.
»Du wirst nicht noch einmal operiert werden«, sagte ich so ruhig wie möglich.
Runa schluchzte auf und es brach mir das Herz. In diesem Moment traf ich eine Entscheidung.
»Und wenn doch? Was, wenn ich im Rollstuhl lande und nie wieder richtig laufen kann, Freyja?«
Obwohl ich am liebsten mitgeweint hätte, lächelte ich. »Das wird nicht passieren, hörst du? Weil ich dich jetzt behandele.«
Fünf Jahre zuvor
Alvar
Fast wäre ich mit voller Wucht gegen die Schiebetüren geknallt, hätte ich nicht im letzten Moment gebremst. Am liebsten hätte ich vor Frust laut aufgeschrien, denn die Automatik sah es nicht ein, ein wenig schneller ihren Dienst zu verrichten. Wieso auch?
Ein Pfleger, der gerade aus dem Krankenhaus gelaufen kam, musterte mich erschrocken, aber ich schenkte ihm keine weitere Beachtung. Eilig lief ich in Richtung Aufzüge und drückte alle Knöpfe gleich mehrmals. Ich tigerte auf und ab und versuchte die Nerven zu bewahren. Tagelang hatte ich an Freyjas Bett gesessen, hatte fast kein Auge zugetan, in der Hoffnung, sie würde aufwachen. Ich hatte gebetet, geweint, gehofft und ihre Hand in meiner gehalten. Ihre einzig verbliebene Hand. So sehr ich Freyjas Aufwachen herbeigesehnt hatte, so sehr hatte ich mich auch gefürchtet. Wie würde sie reagieren? Würde sie weinen oder alles für einen bösen Traum halten? Konnte sie sich überhaupt noch an den Autounfall erinnern?
Und wieder fragte ich mich, wieso ich an diesem Morgen, als wir alle von der Party nach Hause gefahren waren, nicht mit Andri und Freyja ins Auto gestiegen war. Vielleicht wäre ja alles anders gekommen? Ob Freyja sich diese Frage auch stellte? Ob sie mir vielleicht sogar die Schuld daran gab? Alles Fragen, die mir unaufhörlich durch den Kopf gingen, die ich aber nicht beantworten konnte, weil ich mich hatte überreden lassen, nach Hause zu fahren.
»Fuck!«
Ich wollte dabei sein, wollte für Freyja da sein, wenn sie die Augen aufschlug und aus dem Koma erwachte.
»Komm, Alvar. Fahr nach Hause. Schlaf ein paar Stunden. Du hilfst Freyja nicht, wenn du hier zusammenklappst.«
Stundenlang hatten Freyjas Familie und das Krankenhauspersonal auf mich eingeredet, und ich Idiot hatte mich darauf eingelassen. Und jetzt war Freyja ohne mich aufgewacht.
Der Aufzug ließ nach wie vor auf sich warten. Irgendwann verlor ich die Nerven und folgte den Schildern in Richtung Treppenhaus. In Windeseile lief ich die sechs Etagen hoch und betrat die Station, auf der Freyja lag.
Eine seltsame Stille herrsche, nur der Donner von draußen war gedämpft zu hören. Als die Tür zur Station sich hinter mir schloss, war es, als würden sämtliche Geräusche verschluckt werden. Ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinab. Noch nie in meinem Leben hatte ich so eine Scheißangst gehabt. Zügig folgte ich dem ewig anmutenden Gang bis zum Ende und bog um eine Ecke. Fast wäre ich mit Andri zusammengestoßen. Schien heute irgendwie ein besonderes Talent von mir zu sein.
Aber all das trat in den Hintergrund, als ich in Andris Gesicht blickte. Seine Haut war von unzähligen Blutergüssen und Wunden überzogen. Nichts Neues, aber es war der Ausdruck in seinen Augen, der mir die Luft zum Atmen raubte. Tränen standen darin.
»Andri, was ist los?«
»Es tut mir leid«, presste er gequält hervor. »Ich muss kurz weg.«
Damit verschwand er in die Richtung, aus der ich gerade gekommen war. Niemand folgte ihm. Ich sah mich um, und entdeckte Carl und Elva, die auf dem Gang in einiger Entfernung vor Freyjas Zimmer standen. Innerhalb weniger Sekunden war ich bei ihnen, den Blick fest auf das Zimmer gerichtet.
»Alvar!«, stieß Elva hervor und stellte sich mir in den Weg. Tränen standen in ihren Augen. Nur mit Mühe gelang es mir, die Ruhe zu bewahren.
»Andri hat mir geschrieben, dass Freyja wach ist. Was ist los? Wie geht es ihr?«
Wenn es ihr gut gehen würde, würden nicht alle hier stehen und weinen, oder?
»Hallo Alvar«, sagte Carl und stellte sich schützend neben seine Frau. »Das ist richtig. Freyja ist aufgewacht. Es geht ihr den Umständen entsprechend gut.«
Ich ballte die Fäuste und versuchte die Angst zu unterdrücken, die in Wellen aufstieg.
»Entsprechend gut? Was heißt das?«
Langsam wurde ich wirklich ungehalten. Wenn ich eins hasste, dann, wenn mir jemand etwas verschwieg.
Carl seufzte. »Sie hat einen Schock erlitten.«
»Schock? Wegen ihrem Arm?«
Carl senkte den Blick und nickte. Es war genau das eingetroffen, was ich befürchtet hatte. Wenn ich da gewesen wäre, hätte ich vielleicht das Schlimmste verhindern können!
»Ich muss zu ihr«, sagte ich und machte Anstalten loszulaufen, aber Elva hinderte mich daran.
»Das geht nicht.«
Verständnislos sah ich sie an.
»Sie haben ihr etwas gegeben, Alvar«, erklärte sie und ihre Stimme klang jetzt gefasster. »Etwas zur Beruhigung. Der Arzt hat strikte Ruhe verordnet. Jede weitere Aufregung könnte ihr massiv schaden. Bitte, geh nach Hause und ruh dich aus. Damit tust du ihr den größten Gefallen.«
War das ihr Ernst? »Auf gar keinen Fall!«
»Bitte Alvar, sei vernünftig.«
Niemals! Den gleichen Fehler würde ich nicht noch einmal begehen.
***
Heute
Im Schritttempo bog ich in die Straße ein, in der das Haus meiner Familie stand. Es war nicht mein Zuhause. Das war es schon lange nicht mehr. Vielleicht war es das auch nie gewesen. Ich warf einen Blick aus dem Fahrerfenster des Mietwagens. Viel verändert hatte sich hier nicht.
In diesem Moment blinkte mein Smartphone auf. Die Nachricht war von Tim, meinem Mitbewohner und guten Freund aus L.A.
Tim: Bro, bist du gut gelandet? Melde dich gefälligst!
Meine Brust wurde eng. Ich vermisste den Idioten jetzt schon. Wenn ich mich entscheiden müsste, wo mein Zuhause war, dann würde die Wahl auf L.A. fallen. Zumindest war es das bis gestern gewesen. Viele behaupteten, die Stadt sei laut, unsympathisch und dreckig. Ja, L.A. hatte seine dunklen Ecken, so wie jede Megametropole. L.A. hatte aber auch einen guten Lifestyle, ein mildes Klima und die Menschen. Vor allem die Menschen. Ich hatte mich vom ersten Tag an wohl gefühlt, vom Sonnenbrand einmal abgesehen. Die Leute arbeiteten hart für ihr Geld und es war nicht immer einfach, dennoch ließ sich keiner so schnell die Laune verderben. Ein Ort wie für mich gemacht.
Während meiner Zeit dort hatte ich mir die Wohnung mit Tim geteilt, einem Kumpel, den ich von der Uni kannte. Eigentlich war ein Mitbewohner gar nicht vorgesehen gewesen. Immerhin hatte mein Vater regelmäßig die Miete überwiesen, was aber auch das Einzige gewesen war. Für den Rest war ich selbst aufgekommen. Mein alter Herr hatte mir zwar monatlich Unsummen auf mein Konto transferiert, aber bis auf die Miete war davon nie etwas abgegangen. Ich wollte ihm so wenig wie möglich schulden. Den Rest hatte ich ihm daher zurücküberwiesen.
Am liebsten hätte er mich allein in der Wohnung gesehen, aber in diesem Punkt hatte ich mich durchgesetzt. Ich mochte Gesellschaft und Tim war echt in Ordnung. Im Gegensatz zu mir hatte er noch ein Jahr vor der Brust gehabt. Daher war er ebenfalls ausgezogen, da die Miete schlichtweg zu hoch gewesen war.
Die Erinnerung an mein Leben in den Staaten verpuffte wie Nebel in der Morgensonne, als ich in die breite Auffahrt meiner Eltern fuhr. Ich sperrte das Display und ließ das Handy in meine Jackentasche gleiten. Der Motor erstarb und ich warf einen Blick auf das Haus. Es war der architektonische Traum meines Vaters und der Inbegriff von Verschwendung: ein modernes Schloss in Weiß mit viel Glas und allerlei Schnickschnack, in dem locker fünfzehn Personen hätten leben können. Wir waren gerade mal zu dritt. Zumindest offiziell. Meine Mutter war genauso wenig hier wie ich und ständig im Ausland unterwegs. Wieso sie überhaupt ein Kind bekommen hatte, war mir ein Rätsel. Wahrscheinlich auf Drängen meines Vaters, um einen Erben zu zeugen. Ich hatte sie nie danach gefragt und würde es auch nie. Soweit ich wusste, hielt sie sich derzeit irgendwo in Frankreich auf. Und mein Vater? Der war eigentlich immer nur am Arbeiten. Das Personal verbrachte hier mehr Zeit als seine Besitzer. Als Erstes würde ich mir eine eigene Wohnung suchen. Keinen Tag länger als nötig würde ich hier verbringen.
***
Freyja
Stocksteif lag Runa auf der Liege und starrte an die Decke. Genau das war ihr Hauptproblem. Fast alle Muskeln hatten sich zurückgebildet; Runas linker Oberschenkel war nur noch ein großer harter Klumpen, vom Rücken einmal ganz zu schweigen. Das Bein, was ihr immer so Schmerzen bereitete, stand quasi unter Dauerspannung – wahrscheinlich eine Überreaktion ihres Schmerzzentrums.
»Und?«, fragte sie, als ich meine Untersuchung beendet hatte. Dabei starrte sie weiterhin verbissen ins Leere, als würde sie von mir den Satz erwarten, dass sowieso alles sinnlos war. Ich seufzte. Auch wenn ich viel von meinem Job verstand, ich war kein Arzt.
»Runa, ich will ehrlich sein. Ich kann dir nicht garantieren, dass man es ohne weitere Operation wieder hinbekommt …«
Ich kam nicht dazu, meinen Satz zu beenden, da grätschte Runa mir auch schon dazwischen. »Ich lege mich nicht noch einmal unters Messer!«
Ich konnte förmlich dabei zusehen, wie sie noch mehr verkrampfte. »Wenn ich die Wirbel einmal versteifen lasse, gibt es kein Zurück mehr. Ich kann kein Leben mit diesen Schmerzen führen! Es ist gerade mal knapp ein Jahr vergangen und ich bin jetzt schon am Ende …«
»Runa, bitte«, sagte ich sanft und legte ihr die Hand aufs Bein. »Das ist es nicht, was ich sagen wollte. Die Versteifung der Wirbel wäre für mich ebenfalls der letzte Ausweg. Außerdem gibt es Alternativen, wie künstliche Bandscheiben, womit die Beweglichkeit wieder voll hergestellt werden soll. Vielleicht wäre eine zweite Meinung hilfreich?«
Ihre Kiefermuskeln spannten sich so stark an, dass ich schon die Befürchtung hatte, es gleich knacken zu hören.
»Das wäre dann der vierte Arzt! Ich-werde-mich-nicht-mehr-operieren-lassen!«
Himmel! Am liebsten hätte ich vor Verzweiflung laut aufgeschrien. Kurz schaute ich zur Seite, um mich zu sammeln. In meinem Kopf arbeitete es.
»Edda und ich werden es mit einer alternativen Behandlungsmethode versuchen, okay? Verschiedene Übungen, Wärme und Massage.«
Ich ließ die Luft aus meiner Lunge entweichen und endlich sah Runa mich an. Da war so viel Verzweiflung. »Und du meinst, das könnte helfen?«
Ich versuchte ein Lächeln. »Ich weiß es nicht, aber wir werden alles versuchen, was in unserer Macht steht. Es tut mir leid, aber zum jetzigen Zeitpunkt kann ich dir nicht mehr versprechen.«
Sie presste die Lippen zusammen und nickte. Also redete ich weiter: »Wichtig ist, dass du deine Angst überwindest und dich bewegst. Du liegst schon viel zu lange.«
»Aber wie?«, flüsterte sie und ihre Augen schimmerten feucht. »Ich komme ja noch nicht mal mehr eine Treppe hoch oder runter, geschweige denn fünf Meter ohne Krücken.«
»Wir haben nur eine Chance, wenn wir anfangen, die Muskulatur aufzubauen, besonders die kleinen Muskeln, die deinen Rücken stützen. Und das geht nur durch entsprechende Übungen. Mach dir keine Gedanken, wir fangen klein an. Ich spreche mit Edda und stelle dir einen passenden Behandlungsplan auf. Drei bis vier Mal die Woche kommst du hierher, die übrigen Tage machst du die Übungen von zuhause aus …«
»Vier Mal die Woche?«, fragte sie geschockt, als hätte ich ihr gerade eröffnet, dass sie den Mount Everest besteigen müsste. »Allein heute hierherzukommen, war schon ein Kraftakt.« Dicke Krokodilstränen kullerten über ihre Wangen. »Ich kann kaum ins Auto einsteigen, geschweige denn mich drehen. Bei der Fahrt spüre ich jede Unebenheit, jedes Loch …« Sie vergrub das Gesicht in den Händen. »Ich höre mich an wie ein Jammerlappen!«
»Tust du nicht«, widersprach ich sanft, aber bestimmt. »Ich würde dich zuhause behandeln, aber hier haben wir einfach die besten Möglichkeiten. Außerdem ist Vanessa gerade da. Das heißt, auch sie kann uns unterstützen. Das Wichtigste aber ist: Du musst dich bewegen und deine Angst überwinden. Dazu gehört auch die Fahrt in einem Auto. Heute hast du es doch auch geschafft.«
Sie schnaubte. »Ja, aber wie? Ohne Jarle wäre ich nie ins Auto gekommen. Wenn ich ihn nicht hätte …«
»Jarle liebt dich. Er tut das gerne. Du weißt doch: wie in guten, so in schlechten Zeiten. Und auch für das Auto gibt es eine Lösung. Ein drehbares Kissen, das dir den Einstieg erleichtert. Ich zeige es dir nachher. Man kann es im Internet bestellen.«
Einen Moment dachte sie über meine Worte nach und etwas veränderte sich in ihrem Gesicht. »Okay«, sagte sie schließlich und strich sich die verirrten Strähnen aus dem Gesicht. Ich atmete innerlich auf.
»Wäre gut, wenn du es Jarle auch noch zeigen könntest.«
»Klar. Auch er wird in den Behandlungsplan miteingebunden. Er kann dir bei den Übungen daheim helfen.«
Dann geschah das Wunder, auf das ich die ganze Zeit über gehofft hatte: Ein kleines Lächeln erschien auf Runas Gesicht. »Der wird sich freuen.«
»Wir müssen es ihm nur richtig verkaufen. Der wichtigste Mann und so.« Ich zwinkerte ihr zu.
Dann ergriff Runa meine Hand und drückte sie. »Danke, Freyja.«
»Wofür?«, erwiderte ich sanft. »Noch habe ich nichts gemacht.«
»Doch, das hast du. Du hast mir Hoffnung geschenkt.«
***
Etwa eine Stunde später verließen Runa und Jarle wieder den Hof. Ich hatte Runa noch ein paar leichte Übungen gezeigt, die sie zuhause nachmachen konnte. Wichtig war, dass sie sich überhaupt wieder bewegte und Selbstvertrauen aufbaute. Den ersten Schritt hatte sie auf jeden Fall getan, auch wenn es noch ein weiter Weg werden würde. Nach der Behandlung hatte ich das Gefühl, einen emotionalen Marathon gelaufen zu sein. Erschöpft ließ ich mich auf einem Hocker nieder und gab mir einen Moment. Automatisch wanderte meine Hand zu der Kette, die unter dem weißen Stoff der Arbeitskleidung verborgen lag. Allein den Anhänger zu berühren, verlieh mir so etwas wie innere Ruhe. Ich ließ die Hand schnell wieder sinken, als es an der Tür klopfte.
»Und? Wie lief es?«, fragte Vanessa und kam in den Behandlungsraum gelaufen.
Ich räusperte mich und versuchte einen neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen. »Schwierig, aber ich denke, der Anfang ist gemacht. Du kannst mir nachher helfen, einen Behandlungsplan aufzustellen, wenn du möchtest.«
»Gern«, sagte sie und begann die Liege zu desinfizieren.
Vanessa wusste über Runas Geschichte Bescheid. Ich hatte ihr bereits am Morgen davon berichtet, wenn auch nur kurz. »Magst du mir von dem Gespräch erzählen?«
Während wir den Raum für den nächsten Patienten herrichteten, informierte ich sie, was geschehen war. Dabei versuchte ich mich auf die Fakten zu konzentrieren.
Als ich geendet hatte, schaute Vanessa mich einfach nur an. Ich wartete auf ihre Einschätzung, aber die blieb aus.
»Was ist?«, fragte ich stirnrunzelnd.
Vanessa verschränkte die Arme. »Freyja, wenn ich einen nüchternen Faktenbericht gewollt hätte, dann hätte ich mir Runas Mappe durchgelesen.«
»Warum hast du es nicht getan?« Beleidigt von der Direktheit ihrer Worte verschränkte ich schützend die Arme vor der Brust. Eigentlich war es genau das, was ich an Vanessa so mochte. Sie packte mich wegen meiner Prothese nicht in Watte, so wie viele andere. Im Gegenteil: Sie sprach die Dinge offen an. Leider zählten da auch Gefühle zu. Ein Punkt, in dem wir uns grundlegend unterschieden. Ich machte die Sachen lieber mit mir selbst aus.
»Habe ich ja. Es ging mir mehr um deine persönliche Ansicht, die ich hören wollte.«
»Meine persönliche Ansicht?«
Vanessa musterte mich eingehend und ihre Züge wurden weich. »Ja, es scheint dich mitzunehmen. Das sehe ich doch. Immerhin ist Runa eine gute Freundin von dir.«
Wie zum Teufel machte sie das immer? Bei wirklich jedem gelang es mir, meine Emotionen zu verbergen, nur bei Vanessa funktionierte das nicht. Sie las in meinem Gesicht, als wäre ich ein offenes Buch. Eine Tatsache, die mich ungemein ärgerte.
»Runa ist meine Patientin, nicht mehr, nicht weniger«, wich ich aus. »Lass uns einfach später drüber reden, ja? Ich würde mich jetzt gerne auf meinen nächsten Patienten vorbereiten.«
Aber Vanessa wäre nicht Vanessa, wenn sie sich einfach so abspeisen lassen würde. »Das kannst du später machen. Ich habe in deinen Terminplan geguckt. Du hast noch genug Zeit. Ich geh schon mal vor und bereite alles für unseren Ausritt vor, den du mir seit gestern schuldest.«
Damit verschwand sie in Richtung Stall.
»Ausritt? Aber ich …«
»Wir müssen sowieso die Dienstpläne für die nächsten Wochen besprechen. Also komm!«
»Vanessa, bitte!«
Doch sie hörte mich schon nicht mehr. Was zum …? Am liebsten hätte ich mit dem Fuß laut aufgestampft. Einen Moment überlegte ich ernsthaft, einfach hierzubleiben, aber das hätte das Ganze nur verzögert. Seufzend gab ich auf und folgte Vanessa in den Stall. Gegen diese Frau war einfach kein Kraut gewachsen.
***
Alvar
Wie erwartet war das Haus leer und keiner zuhause. Wie so viele Immobilien, die mein Vater sein Eigen nannte, war auch diese eine hübsche funkelnde Hülle ohne Seele. Laut hallten meine Schritte auf dem polierten Marmor wider. Auch im Innenraum besaß dieses Haus jeden Schnickschnack. In den weitläufigen, fast hallenähnlichen Räumen war alles in hellen Farben gehalten und sah aus, als wäre das Haus für den Verkauf bestimmt. Neben den Privaträumen gab es eine Profiküche und einen Swimmingpool samt Saunalandschaft. Ich hasste es, hier zu sein, ich hatte es schon immer gehasst. Am liebsten wäre ich umgekehrt und geflüchtet. Jedes x-beliebige Hotelzimmer besaß mehr Herz als das hier. Lange Zeit hatte ich mich gefragt, woher dieses Gefühl kam, aber das war mir erst in meiner Zeit in Amerika so richtig klar geworden. Dieses Haus stand für alles, was ich an meinem Vater verabscheute: Es war perfekt, ohne jeglichen Makel, dafür kalt und leer.
»Alvar! Bist das wirklich du?«
Erschrocken wandte ich mich um. »Maria?«
Da stand sie, die kleine Frau, mit den funkelnd grünen Augen und dem braunen Haar, durch das sich bereits die ersten grauen Strähnen zogen. Maria, unsere Haushälterin und mehr Mutter als meine es je gewesen war. Das typische Klischeebild einer reichen Familie. Wir hätten diese Rolle nicht besser spielen können. Eine Welle der Zuneigung erfasste mich. Ich überlegte nicht lange und lief auf sie zu, um sie in den Arm zu schließen.
»Mein Junge! Du erdrückst mich ja!«, rief sie lachend und japste nach Luft. Sofort ließ ich sie los.
»Tut mir leid«, murmelte ich. »Ich freue mich so, dich zu sehen.« Wir hatten zwar regelmäßig telefoniert, aber uns die letzten zwei Jahre nicht gesehen, da ich immer irgendwelche Ausreden erfunden hatte, um nicht nach Hause zu kommen. Selbst an Weihnachten war es mir gelungen mich zu drücken.
»Es muss dir nicht leidtun«, lachte Maria vergnügt. »Ich war nur nicht auf diese Kraft vorbereitet.«
Um ihre Worte zu unterstreichen, kniff sie mir in meinen Bizeps. Jedem anderen hätte ich das übelgenommen, aber nicht Maria. »Fesch.«
Ich lachte laut auf. »Ich habe dazu schon viel gehört, aber fesch war noch nicht dabei.«
»Nun ja, wie viele bayrische Frauen kennst du denn noch?«
Ich tat so, als müsste ich überlegen. »Du bist und bleibst die einzige.«
Sie schlug mir spielerisch gegen den Arm. »Alter Charmeur.« Noch so ein Wort, das wohl niemand mehr benutzte außer Maria. Sie war schon vor Urzeiten nach Island ausgewandert, hielt aber nach wie vor streng an ihren Traditionen fest. Sie sah aus, als käme sie geradewegs vom Oktoberfest. Oft trug sie diese speziellen Kleider … Dirndl hießen die, wenn ich mich recht erinnerte. Die Haare hatte sie immer geflochten. So sehr ich Maria liebte, so sehr war sie früher meiner Mutter ein Dorn im Auge gewesen. Seltsamerweise hatte mein Vater einen Narren an ihr gefressen. Eine Zeit lang hatte ich sogar die Vermutung, dass er eine Affäre mit Maria hatte, aber das hatte sich als falsch herausgestellt, als ich sie eines Tages mit dem Gärtner herumturteln sah. Beide hatten die Beziehung mehrere Jahre geheim gehalten, bis sie schließlich doch heirateten.
»Na, siehst du«, sagte sie und tätschelte liebevoll meine Wange. »Wie war dein Flug?«
Ich verzog das Gesicht. »Anstrengend.«
»Wieso hast du nicht angerufen? Ich hätte dich doch vom Flughafen abgeholt.«
So sehr ich Maria auch mochte, so sehr fürchtete ich mich vor ihren Fahrkünsten. Die Zeiten, als ich selbst noch keinen Führerschein gehabt und Maria mich durch die Gegend gefahren hatte, waren mir noch gut in Erinnerung geblieben. Das hatte mich so manch Schweißtropfen gekostet.
Ich winkte ab. »Ich habe mir einen Mietwagen genommen. So bin ich die ersten Tage wenigstens mobil, bevor ich mich um einen eigenen fahrbaren Untersatz kümmere.«
Dass mich mein Vater genauso gut hätte abholen können, darauf kamen wir gar nicht zu sprechen, denn Marie wusste um unser schwieriges Verhältnis. Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht und wich einer angespannten Maske. »Bevor ich es vergesse: Dein Vater hat ausrichten lassen, dass er für heute Abend einen Tisch im Le Chic reserviert hat.«
Wenn man vom Teufel …
Ich rieb mir über die Stirn. »Noch nicht einmal in Ruhe ankommen darf ich. Der Jetlag bringt mich jetzt schon um.«
»Ach, Alvar. Er möchte dich einfach sehen.«
Ich lachte bitter auf. »Das Einzige, was er will, ist zu besprechen, wie es in der Firma weitergeht.«
»Ja, das vielleicht auch«, räumte sie ein. »Aber in erster Linie geht es darum, dass er dich wiedersehen möchte. Er hat dich in den letzten Jahren vermisst. Gib ihm eine Chance, ja?«
Überrascht hielt ich inne. »Wieso? Hat er etwas gesagt?«
»Nein«, sagte sie gedehnt. »Aber das musste er auch gar nicht. Ich habe es ihm angemerkt.«
Ich konnte nicht anders, als mit den Augen zu rollen. »Na, wenn du es sagst.«
»Alvar Jón Arason!«, tadelte sie mich. Oha! Wenn Maria diesen Tonfall anschlug, war mit ihr nicht zu spaßen. Manche Dinge änderten sich eben nie. Gleich würde sie mich bestimmt am Ohrläppchen packen und in mein Zimmer zerren. Ich hob entwaffnend die Hände.
»Ist ja gut. Ich höre mir an, was er mir zu sagen hat, in Ordnung?«
Ihre strenge Miene entspannte sich wieder. »Schon besser.«
Wie gerne wäre ich unvoreingenommen an die Sache herangehen und hätte geglaubt, dass mein Vater mich wirklich vermisst hatte. Aber ich glaubte schließlich auch nicht mehr an den Weihnachtsmann. Ich hatte keine Gelegenheit, mir weiter darüber Gedanken zu machen, denn Maria fragte: »Hast du Hunger?«
Mein Magen meldete sich prompt. »Aber so was von.«
»Ich habe Apfelkuchen gemacht. Den magst du doch so.«
»Mögen? Ich habe die letzten fünf Jahre an nichts anderes mehr gedacht.« Marias Lachen hallte durch dieses seelenlose Haus, und füllte es ein wenig mit Liebe, als wir in Richtung Küche gingen.
***
Fünf Jahre zuvor
Freyja
Es regnete seit drei Tagen. Durchgehend. Eigentlich hätte das Krankenhaus davonschwimmen müssen, so viel Wasser war vom Himmel gefallen. Ich wusste es ganz genau, denn ich hatte nichts anderes getan, als auf dem Fenster zu starren. Wenn jemand vorbeikam, tat ich einfach so, als würde ich schlafen. Ich wollte niemanden sehen, aber sie kamen trotzdem. Was hätte ich auch sagen sollen? Meistens vergossen sie Tränen, wenn sie mich sahen. Es war wie der Himmel, der unablässig weinte. Meine Mutter, Andri … sogar mein Vater weinte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, ihn jemals so gesehen zu haben. Dabei war alles, was ich wollte, allein zu sein: allein mit mir und der Leere, die mich erfüllte; allein mit diesem großen schwarzen Loch, das in meiner Brust klaffte.
Ich hätte es ihnen sagen können, aber wenn ich den Mund öffnete, kam kein Wort heraus. Als hätte ich auch die Stimme verloren, nicht nur den Arm.
Automatisch wanderte mein Blick zu dem dicken weißen Verband. Als könnte ich meinen Kopf irgendwie dazu bringen, das Unbegreifliche zu begreifen. Ich spürte es noch – Alles: meinen Unterarm, meine Hand, meine Finger. Aber sie waren nicht mehr da. Sie waren einfach verschwunden.
