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Weihnachten in Berlin. Schmuddeliges Wetter, Menschen ohne Zuhause, Temperaturstürze und ein Auftrag. Corinna Tillmann soll vier Matrosen töten. Weil sie als Kind von den Männern missbraucht worden ist. Angeblich. Der Auftrag kommt von der Frau Mama. Auch die wurde von den Männern missbraucht. Angeblich. Corinna sieht nicht, dass sie manipuliert wird. Weil sie es nicht sehen will. Weil die Frau Mama recht hat. Weil sie die Frau Mama ist. Gene, Erziehung, was auch immer. Am Neujahrstag führt der Auftrag Corinna nach Hamburg. Und was ist mit deiner Mama?
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Seitenzahl: 448
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Frank Strick
Null Jahreszeiten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
01. Donnerstag, 21.11.2013 |
02. Dienstag, 24.12.2013 |
03. Dienstag, 24.12.2013 |
04. Dienstag, 24.12.2013 |
05. Dienstag, 24.12.2013 |
06. Dienstag, 24.12.2013 |
07. Mittwoch, 25.12.2013 |
08. Mittwoch, 25.12.2013 |
09. Mittwoch, 25.12.2013 |
10. Mittwoch, 25.12.2013 |
11. Mittwoch, 25.12.2013 |
12. Mittwoch, 25.12.2013 |
13. Donnerstag, 26.12.2013 |
14. Donnerstag, 26.12.2013 |
15. Donnerstag, 26.12.2013 |
16. Donnerstag, 26.12.2013 |
17. Donnerstag, 26.12.2013 |
18. Freitag, 27.12.2013 |
19. Samstag, 28.12.2013 |
20. Samstag, 28.12.2013 |
21. Sonntag, 29.12.2013 |
22. Sonntag, 29.12.2013 |
23. Dienstag, 31.12.2013 |
24. Mittwoch, 01.01.2014 |
25. Mittwoch, 01.01.2014 |
26. Mittwoch, 01.01.2014 |
27. Mittwoch, 01.01.2014 |
28. Freitag, 03.01.2014 |
29. Freitag, 03.01.2014 |
30. Freitag, 03.01.2014 |
31. Freitag, 03.01.2014 |
32. Montag, 06.01.2014 |
33. Dienstag, 07.01.2014 |
34. Mittwoch, 08.01.2014 |
35. Donnerstag, 09.01.2014 |
36. Donnerstag, 09.01.2014 |
37. Donnerstag, 09.01.2014 |
38. Donnerstag, 09.01.2014 |
39. Donnerstag, 09.01.2014 |
40. Donnerstag, 09.01.2014 |
41. Donnerstag, 09.01.2014 |
42. Donnerstag, 09.01.2014 |
43. Donnerstag, 09.01.2014 |
44. Donnerstag, 09.01.2014 |
45. Freitag, 10.01.2014 |
46. Freitag, 10.01.2014 |
Epilog |
Impressum neobooks
Frank Strick
Null Jahreszeiten
Kriminalroman
Das Buch
kann man als Krimi lesen. Muss man aber nicht. Im Rahmen einer kriminogenen Handlung agieren die Protagonisten als vielschichtige, großstädtische Charaktere.
Corinna soll vier Matrosen töten. Ein Auftrag der Frau Mama, die sich und ihre Tochter durch die Tötungen reinwaschen will. Von dem Missbrauch, den die Männer an ihnen begangen haben. Angeblich.
Auch die Matrosen planen ein Verbrechen. Das Verschieben von Schmuggelware aus dem Hamburger Hafen. Ein Verbrechen, das sie nicht zum ersten Mal begehen. Das letzte Mal haben sie versagt. Das darf nicht wieder passieren.
Lebprov ist Polizist und ermittelt gegen die Matrosen. Er wartet auf den Fehler. Auf das Verbrechen. Auf den Lohn der Arbeit. Denn die Arbeit ist sein einziges Leben. Bis er den Kellner Schorsch kennenlernt. Lebprov dröhnt sich zu und lacht, bis er sich selber nicht mehr erkennt. Erst er-schrickt er, dann fühlt es sich gut an. Aber die Ermittlung, die ist auch noch da. Und die fühlt sich weniger gut an.
Außerdem von Frank Strick erschienen: Krimi jetzt, Kunz ist auch noch da
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Der Autor
ist 1965 in Düsseldorf geboren. Er hat in München Geografie studiert. Heute arbeitet er dort als Netzwerktechniker. Null Jahreszeiten ist sein dritter Roman.
Ähnlichkeiten der in diesem Roman vorkommenden Personen und Institutionen mit Personen und Institutionen, die real existieren, existiert haben oder existieren werden, sind nicht beabsichtigt.
1. Auflage 2016
Copyright © by X-Verlag (self publishing)
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, die fotomechanische Wiedergabe, das Speichern auf Tonträgern jeder Art oder die Einspeicherung in Datenverarbeitungsanlagen und die Rückgewinnung sind vorbehalten.
Umschlaggestaltung: K+ Atelier für Mediendesign, Berlin
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Printed in Germany
Kontakt: [email protected]
ISBN 978-3-943970-03-6
01. Donnerstag, 21.11.2013 |
Wen interessiert schon die Jahreszeit! Corinna zieht die Kapuze in den Nacken und hebt den Blick. Hauptsache, das Wetter passt! Ihr Großvater ist Dachdecker, und das Einzige, vor dem er sich fürchtet, sind Eisregen, Orkanböen und seine Tochter. Zwei Flussmöwen fliegen gegen den Wind an. Im obersten Stock des Gebäudes steht eine Gestalt. Umriss und Haltung lassen auf einen Mann schließen. Auf einen Mann mit gewaltigen Ohren und gewaltigem Bart.
Das Gebäude gehört zum psychologischen Institut der Berliner Humboldt-Universität. Es ist Teil des Campus Adlershof und mit Straßenbahn, Bus und S-Bahn zu erreichen. Corinna hat die Straßenbahn genommen. Die Fassade des Gebäudes hat breite Fensterfronten und ist in der Farbe Grün gehalten. Wer Grün liebt, ist zuverlässig, empathisch und sozial kompetent.
Hokuspokus, die Welt will getäuscht werden, meine liebe Süße, also täusche die Welt, und die Welt wird dir zu Füßen liegen. Der Organisationsplan hängt neben dem Treppenaufgang. Du wolltest schon als junges Mädchen auf die Universität, meine liebe Süße, weil du nämlich damals schon schlau warst, und jetzt, jetzt holen wir uns mit deiner Schlauheit die Welt zurück, hörst du, unsere Welt, die sie dir und mir genommen haben. Im September hat sie sich eingeschrieben. Heute geht es darum, ein Seminar zu belegen. In der drittletzten Zeile findet sie, was sie sucht. Sie nimmt die Treppe. Sie hat keine Erinnerung an das, was sie als junges Mädchen wollte. Es ist 13 Uhr 20.
Sie klopft, tritt dann unaufgefordert ein und sieht sich einer jungen Frau gegenüber, die ihr rotblondes Haar nach oben drapiert hat und Kopfhörer trägt. Die Frau zieht ein Polster vom Ohr. „Kann ich etwas für dich tun?“ Die Musik läuft weiter. Es riecht nach Apfelsine. Corinna macht sich an den Knöpfen ihres Mantels zu schaffen. „Es war aber nicht abgesperrt.“ Die Frau vermittelt ihr das Gefühl, nicht erwünscht zu sein. Das Gefühl gefällt ihr nicht. „Die Tür war aber offen.“ Die Füße der Frau liegen auf dem Schreibtisch und stecken in Cowboystiefeln, wie man sie zuletzt in den 80ern getragen hat. Knallrotes, dickes Rindsleder. Hoher, weiter Schaft, der oben mit einer Stickerei abschließt. „Sind Sie jetzt die Sekretärin hier?“ Die Frau nimmt die Füße runter und legt den Kopfhörer weg. „Officemanagerin.“ Corinna glaubt, ein Lächeln zu erkennen. Das Kinn deutet auf den Kassettenrecorder. „Wenn die Maschinerie mal angelaufen ist, dann gibt es nicht mehr viel zu tun in diesem Puff.“ Das Kinn zeichnet einen Halbkreis in die Luft, der den gesamten Campus mit einschließt. Corinna fixiert das Abspielgerät. Ihre Mutter hat auch so eins gehabt. Vorne eine Reihe schwarzer Tasten, die an ein Klavier erinnern. Ich habe das Geschehen dokumentiert, meine liebe Süße, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Neben dem Recorder steckt ein Küchenmesser in der Schreibtischplatte. „Haben Sie gerade Puff gesagt?“
„Ich?“ Die Officemanagerin zieht die Augenbrauen hoch, tut jetzt empört. „Du musst dich verhört haben.“
„Sie haben Puff gesagt und dabei so gelächelt.“ Corinna macht das Lächeln nach.
„Was kann ich für dich tun?“
„Ich brauche ein Seminar, so etwas wie Verhaltensforschung. Und es muss Empirie dabei sein, das unbedingt.“
„Empirie, unbedingt?“ Die Officemanagerin mustert den Kalender, der hinter Corinna an der Wand hängt. „Das Semester läuft schon eine ganze Weile, meine Liebe.“
„Corinna.“ Sie setzt sich auf den Besucherstuhl. „Corinna Tillmann.“ Die Officemanagerin zieht das Küchenmesser aus der Schreibtischplatte und deutet damit auf die Besucherin. „Liebe Corinna, besitzt du Musikkassetten?“
„Zum Henker mit der Liebe.“
„Und die Kassetten?“
„Chromdioxid, ein ganzer Umzugskarton. Wie viele?“
Ihr Gegenüber breitet die Arme aus. „Eine Einkaufstüte. Im wievielten Semester bist du?“
„Wie viele Kassetten sind eine Einkaufstüte?“
„Du willst es aber genau wissen.“
„Genau.“ Corinna hat an Selbstsicherheit gewonnen. Bestechung lässt sich berechnen. „Ich will es genau wissen.“ Die Finger der Officemanagerin finden eine Haarsträhne und stopfen sie zurück in die Frisur. „Vierzig. Ist das genau genug?“ Corinna stützt sich mit den Ellenbogen auf der Schreibtischplatte ab. Ihr Gegenüber kann kaum älter sein als sie selber. Sie hat eine Stupsnase mit Sommersprossen, eine helle Hautfarbe und einen üppigen Busen, über den sich ein T-Shirt spannt. Corinna liest: Das ist ein T-Shirt. Darunter in kleinerer Schrift: Und wenn du ein Mann bist, dann lebst du gerade gefährlich. Über dem Kragen ein kreisrundes Muttermal. Auf den Armen mehr Sommersprossen. Die Augen haben keine Farbe und stehen in einem unnatürlichen Winkel zueinander. Es ist schwer auszumachen, aber wenn man es einmal erkannt hat, ist es deutlich: Die Officemanagerin schielt. Corinna winkelt ihren Unterarm an und lässt den ausgestreckten Mittelfinger in Augenhöhe stehen. „Bin kein Mann.“ Ihr Gegenüber spitzt die Lippen und lässt hörbar Luft ab. „Erstes Semester“, fügt die Besucherin hinzu. Die Officemanagerin nimmt einen Ordner und liest: „Das Grundstudium vermittelt vorwiegend grundlegende theoretische und methodische Kenntnisse sowie eine Orientierung über Forschungsergebnisse.“ Sie stellt den Ordner zurück. „Gerne ignoriere ich die Studienordnung, wenn es gute Gründe dafür gibt. Gibt es gute Gründe, Corinna Tillmann?“ Corinna beugt sich ihr entgegen. „Vierzig Kassetten sollten dir Grund genug sein.“
„Und deine Gründe, Corinna Tillmann?“
Corinnas Lächeln entblößt ihre untere Zahnreihe. Vom linken unteren Eckzahn ist hinten ein Stück weggebrochen. „Die Kassetten und das Bekenntnis, dass mein Interesse der männlichen Gesellschaft gilt.“ Die Officemanagerin lässt sich in ihren Stuhl zurückfallen. Diese Frau hat was. Sie ist derb und verletzlich und schön und alles zugleich. Der Körper ist obenrum schlank. Untenrum, da wirkt er etwas gedrungen. Große, hellblaue Augen, eine hohe Stirn und hohe Wangenknochen. Das auf zwei Zentimeter gestutzte, wasserstoffblonde Haar steht dornig vom Kopf weg. Vor was tust du dich schützen, Corinna Tillmann? Die Gesichtszüge sind harmonisch, fast weich, bis auf eine tiefe Falte in der Stirn. Das Lächeln wirkt aufgesetzt und entwaffnend zugleich. Keine wirkliche Schönheit, aber was ist schon wirklich, und wer will schon einen Körper, der vollkommen ist, aber ansonsten eine Menge Ärger einbringt. Genaugenommen ist sie zweimal wirklich, obenrum wirklich nordisch und untenrum wirklich südländisch, und sie ist eine Frau, die sich nicht versteckt. Corinna Tillmann, da ist etwas, was ich nicht greifen kann, jenseits von schön und derb und dem Lächeln, ich werde es finden und meine Hand darauf legen. Ihre Geste signalisiert Anerkennung. „Ich habe dich in der Straßenbahn gesehen. Ein schönes Transportmittel, aber träge, aber schön.“
Mit dem Lächeln glättet sich die Falte auf Corinnas Stirn. „Der Weg ist das Ziel.“
„Eine Botschaft.“ Die Officemanagerin legt ihre Hand auf den Mann unter ihrem Busen. „Was wäre die Welt ohne Botschaften.“ Sie streckt der Besucherin die Hand entgegen. „Julia Rotbarsch. Kannst den Mittelfinger runternehmen.“ Corinna zögert und nimmt dann die Hand umso entschlossener. „Ich empfehle dir die Biologie als Ergänzungsfach. Da ist eine Teilnehmerin abgesprungen. Thema Verhaltensmuster in der Humanbiologie.“ Corinna deutet auf den Kopfhörer, der neben dem Telefon liegt. „Das warst du da oben.“ Rotbarsch versteht nicht. „Am Fenster. Du hast zu mir runtergeschaut, und ich habe dich für einen Mann gehalten.“ Rotbarsch lacht. „Für einen Mann mit gewaltigen Ohren und gewaltigem Bart.“ Rotbarsch stülpt sich die Polster über die Ohren. „Der hat noch ein Gewicht hat der.“ Der Bügel hängt unter dem Kinn. Corinna zögert und lacht dann umso entschlossener mit. Aus dem Kopfhörer dringt Oldiemusik. „Früher war alles besser?“
„Früher, ja, aber heute ist auch schön.“ Rotbarsch macht sich daran, eine Apfelsine zu schälen. „W 33, den solltest du dir distal vergolden lassen.“ Jetzt ist es Corinna, die nicht versteht. „Deinen Eckzahn, die Rückwand, sonst kriegst du es sehr bald mit Karies zu tun, ich kenne mich mit so etwas aus.“ Corinnas Hand fährt zum Mund, ein Automatismus, und ihre Zunge tastet nach W 33.
02. Dienstag, 24.12.2013 |
Er ist allein. Schleyer wird später kommen, nach seiner Arbeit, die nach dem Dauerregen der letzten Wochen reichlich gewesen sein wird. Reichlich anderer Leute Hecken schneiden und anderer Leute Laub rechen und all die anderen Arbeiten verrichten, für die andere Leute einen Gärtner bezahlen. Er winkt dem Kellner. Fronzek und Albers hat er ebenfalls herbestellt, auch wenn er sich nicht sicher ist, ob er sie dabei haben will.
„Ein großes Glas Bier, mit ordentlich Schaum drauf.“
„Flasche oder Hahn?“
„Na Fass, oder hast du schon mal ordentlichen Schaum in der Flasche gesehen?“
„Bei uns wird getrunken, was auf den Tisch kommt.“ Die Mine des Kellners fordert zum Scherzen auf.
„Bei uns?“ Sailors Blick wird hart. „Was heißt das?“
„In Berlin, bei uns in Berlin, wussten Sie das nicht?“
„Da lebt man gefährlich“, weiß Sailor, „pass auf, was du sagst.“
„In Ordnung, jawohl, zu Ihren Diensten.“ Der Kellner deutet eine Verbeugung an und macht sich ans Zapfen. Sailor massiert sich den Nacken. Er hat letzte Nacht einen Zug abbekommen. Er sollte das Fenster abdichten. Und etwas gegen den Schimmel tun, der sich durch das Zimmer frisst. Er spürt die Narbe, die sich vom Daumenballen quer über den Handrücken zieht. Sie hat mit der Kälte, die sie draußen abgekriegt hat, eine violette Färbung angenommen und lässt ihn spüren, was es heißt, vierzig Jahre auf einem Schiff gearbeitet zu haben. Er spreizt die Finger und ballt sie zur Faust. Die Haut strafft sich, und mit ihr die Narbe. Er konzentriert sich auf den Schmerz, der seine Gedanken klar und hart werden lässt. Der Kellner bringt das Bier. Die Sache ist die, dass es zu zweit eng werden wird. Zwei werden sie schon allein für den Fahrerjob brauchen, und noch mindestens einen, der ihnen bei der Übergabe zur Hand geht. Sich auf den Chinesen zu verlassen wäre ein Fehler. Er sieht sich um. Am Ende des Tresens steht eine Handtasche. Eine Frau, denkt Sailor, die auf der Toilette ist oder beim Telefonieren. Er trinkt. Eher beim Telefonieren, überlegt er weiter, auf die Toilette hätte sie wohl die Handtasche mitgenommen. Es ist eine sehr weibliche Handtasche, mit zwei steifen Schlaufen, die im halbkreisförmigen Bogen über der Tasche stehen, und mit einer Stickerei, die das Licht reflektiert. Im Grunde genommen ist jede Handtasche weiblich, denkt Sailor, aber es gibt eben welche, die sind es ganz besonders.
Hinten spielt ein Mann den Flipperautomaten. Er steht mit gespreizten Beinen davor, und wenn er die Knöpfe drückt, dann geht ein Ruck durch seinen Körper. Am Tisch neben dem Fenster liest ein Mann Zeitung. Er hat Weihnachtseinkäufe neben sich auf der Bank stehen. Der Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen hat Feuchtigkeit kondensieren lassen, die an dem Fenster haftet. Jemand hat einen Weihnachtsstern in die Feuchtigkeit gemalt. Der Flipperspieler kommt an die Bar, um einen Schein in Münzgeld zu wechseln. „Was für ein Wetter.“ Er deutet mit dem Kinn zur Tür und nimmt die Münzen entgegen. „Und morgen kommt der Temperatursturz.“ Er sieht Sailor auffordernd an. Sailor nickt. Er ist zurück in Berlin. Die Menschen hier wollen Bestätigung. Auf See, da gibt es so etwas nicht. Da gibt es die See, mit allem, was dazugehört, und bei Gott, für was sollte die See eine Bestätigung brauchen?
„Wird wohl so sein, jawohl.“ Und meine Narbe, die wird es mir schon stecken, wenn es so ist, ergänzt Sailor in Gedanken, und vielleicht sollte ich mir Handschuhe zulegen, oder zumindest einen rechten Handschuh. Es ist kalt in der Stadt, und der Herbst geht in den Winter über. Sailor mag den Winter, der in diesem Jahr spät dran ist. Er mag ihn, weil er ihn für eine Jahreszeit hält, in der sich die Spreu vom Weizen trennt. Er mag die Kälte, und er mag es, wenn die Feuchtigkeit an den Fenstern zu Eis erstarrt und die Menschen zu Hause bleiben, weil sie den Winter für ihren Feind halten.
Von der Durchreiche, die den Gastraum mit der Küche verbindet, kommt das Geklapper von Porzellan, das aufeinandergestapelt wird, Besteck, das in den Besteckkasten geworfen wird, die Stimme des Chefkochs, der Anweisungen gibt. Ab 16 Uhr 30 werden Bestellungen entgegengenommen. Die erste Schicht findet heute nicht statt, und die zweite ist bereits seit 14 Uhr 30 zugange. Die meisten Tische sind reserviert. Es ist 15 Uhr 30. Der Mann am Flipperautomaten wirft eine Münze nach. Der Mann am Fenstertisch legt die Zeitung weg. Die Eingangstür öffnet sich, und eine Frau kommt herein. Sie geht an die Bar und lässt ihr Handy in der Handtasche verschwinden.
Die Frau gefällt ihm. Er nimmt sein Bier und den Filzdeckel, geht zu ihr und stellt fest, dass es eher ein Mädchen als eine Frau ist. Neben dem Barhocker, auf dem sie sitzt, steht ein weiterer, freier Barhocker. Er will sich erst setzen, bleibt dann aber stehen. Er fühlt sich sicherer, wenn er steht. Sie gefällt ihm sehr, auch wenn er nicht genau sagen kann, was es ist, was ihm an ihr gefällt. Er stellt sein Glas ab. „Tolle Handtasche, Sie gefallen mir.“ Sie zeigt keine Reaktion. „Sie gefallen mir sehr.“ Er setzt sich auf den freien Barhocker. „Ich will mit Ihnen schlafen.“ Er glaubt zu erkennen, dass sie zusammenzuckt. „Mein Weihnachtsgeschenk, wenn Sie so wollen.“ Er spürt keine Angst. Die würde er spüren. Er kennt die Angst, in all ihren Variationen. Er winkt dem Kellner und bestellt einen Bloody Mary. „Mit Eis, Herr Wirt, denn ohne Eis ist ein Bloody Mary nichts wert.“ Er wendet sich an die Frau. „Sie mögen Bloody Mary?“ Sie antwortet nicht. „Ich kenne keine Frau, die Bloody Mary nicht mag, wenn er nur mit genug Eis zubereitet wird.“ Der Kellner stellt den Drink hin. Sailors Blick umfasst das Lokal. „Was macht eine Frau wie Sie am Heiligabend an einem Ort wie diesem?“
„Weihnachtsgeschenk für wen?“ Ihre Stimme ist sehr hell, sie wirkt fast hysterisch. Ihr Körper spricht nicht mit. „Für Sie“, sagt er, „für uns beide.“ Sie sagt: „Ich studiere Psychologie.“
Sailor ignoriert den schrillen Ton, und die Stummheit ihres Körpers fällt ihm nicht auf. Sie nimmt den Strohhalm aus dem Glas und legt ihn in den Aschenbecher.
„Kennst du Henry Miller?“, geht Sailor unvermittelt zum Du über. Sie nickt, ohne dass er es wahrnimmt. „Ich sage dir“, sagt er und hebt den Zeigefinger, „dass dieser Mann keine Ahnung von Sex hat.“ Ihr Blick folgt der Richtung, die der Zeigefinger anzeigt, und sie stellt sich vor, dass er auf Henry Miller zeigt, und dass Henry Miller keine Ahnung von Sex hat, und sie lacht bei dem Gedanken, weil Henry Miller da oben steht und eigentlich von allem eine Ahnung haben sollte. Ihr Körper lacht nicht mit. Der Mann versteht ihr Lachen als Aufforderung. „Psychologie des Schreibens“, sagt er lachend und schüttelt sich ein wenig, „Herr Miller schreibt über das, was er nicht hat, aber gern hätte.“ Er erkennt sie nicht. Möglich, dass er noch nie eine Frau erkannt hat, sowenig wie man ein Stück Seife oder das Feuer eines Streichholzes erkennt. Sie sieht ihn nicht an. Sie hat ihn die ganze Zeit über nicht angesehen. Sie weiß, dass er es ist. „Fröhliche Weihnachten“, sagt der Mann, „ich will mit dir schlafen, und wenn es nicht das ist, was du dir vorstellst, dann hören wir wieder auf damit.“ Er spürt die Vorfreude. Er sieht sie an und wartet auf ihre Zustimmung. Sie stimmt ihm nicht zu. „Ich muss mit dir schlafen“, sagt er und denkt sich, dass er sie bald so weit hat, denn wenn ein Mann etwas muss, dann kann ihm das keiner verwehren.
„Wo kämen wir hin, wenn das alle müssten?“ Es ist wieder nur ihre Stimme, die spricht, und er fragt sich, was mit ihr los ist, weil die Stimme das einzige ist, was nicht zu ihr passt, und vielleicht noch dieser Graben über der Nase, der die Stirn in eine untere und eine obere Hälfte teilt. Er winkt dem Kellner. „Einen Bloody Mary, und natürlich auf Eis.“ Sailor schiebt ihm sein leeres Bierglas hin. „Das auch nochmal vollmachen, und sobald die Dame ihr Glas leer hat, machen Sie ihr ein neues.“ Der Kellner sieht sie beide an, und man erkennt an seinem Blick, dass er die Gäste, die in seinem Lokal verkehren, weder für Damen noch für Gentlemen hält. „Haben Sie mich verstanden?“, hakt Sailor nach, „ich will, dass diese Dame immer ein volles Glas Bloody Mary vor sich stehen hat.“ Der Kellner nickt. „Ich werde darauf achten.“ Er wirft sich ein Handtuch über die Schulter und beginnt, die Gläser vom Abtropfgitter zu nehmen und in das Wandregal zu stellen. Sailor ist sich jetzt sicher, dass die Frau nicht ohne Getränk sein wird. Er könnte ihr Geld anbieten, aber lieber macht er sie betrunken. Er sieht an ihr runter und stellt fest, dass ihre Kleidung die einer Nutte sein könnte. Eine eng anliegende Bluse, die keinen tiefen Ausschnitt hat, aber alles zeigt, was ein Mann an einer Frau begehrt, und die so kurz ist, dass man den Bauchnabel sieht, und dazu trägt sie einen Rock, der so tief auf der Hüfte sitzt, dass er glaubt, die Farbe ihres Schamhaares zu erkennen, und Stiefel aus rotem Leder mit Absätzen trägt sie, die nicht größer sind als ein Centstück. Vielleicht ist es das, was mir an ihr gefällt, überlegt Sailor, die Nutte an ihr. Er bietet ihr kein Geld an.
„Du hast telefoniert?“ Er erkennt sofort, dass er die falsche Frage gestellt hat. „Ich habe dich gesehen“, versucht er die Frage zu erklären, „wie du mit dem Handy hier rein bist.“ Er deutet auf die Tür und sucht gleichzeitig nach der richtigen Frage. Es gibt viele Fragen, überlegt er, du musst nur eine finden, die richtig ist. Du musst sie hier rausmanövrieren, überlegt er weiter, das wäre richtig. Sie zeigt keine Reaktion, auch nicht auf die falsche Frage, und er denkt sich, dass sie vielleicht doch nicht falsch war. Vielleicht ist es das, worüber sie reden will. Der Anruf, der sie enttäuscht oder verletzt oder sonst wie berührt hat.
03. Dienstag, 24.12.2013 |
Henry Schleyer betritt das Lokal. „Sailor“, sagt er und verbeugt sich kurz aber höflich zur Frau hin, „da hat so einer wie du keine Chance.“ Er wendet den Blick seinem Freund zu. „Außer, du hast sehr viel Geld.“
„Und wenn so einer wie ich das hat“, entgegnet Sailor, „und sei es nur für einen Abend?“ Es ist allen dreien klar, dass die Frage nicht an den Freund, sondern an die Frau gerichtet ist. Die Frau reagiert nicht.
„Ich spreche von viel Geld“, sagt Schleyer, „von sehr viel Geld, und das hat man nicht für eine Nacht.“
Corinna leert ihren Drink. Der Kellner hat einen neuen vorbereitet. Er füllt mit einer Greifzange Eis in das Glas.
„Du bist früh dran“, sagt Sailor.
„Tut das etwas zur Sache?“
Und ob es das tut, denkt Sailor, du kommst mir hier in die Quere, jetzt, wo ich sie fast so weit habe. „Trinkst du einen mit?“, fragt er laut und legt vier zerknitterte Hundert-Euro-Scheine auf den Tresen.
„Deine Miete für nächsten Monat?“
„Und wenn schon, heute ist es das Geld, mit dem ich einen ausgebe.“ Sailor nimmt einen Hunderter und glättet den Schein, indem er ihn über den Rand des Tresens zieht. Schleyer bestellt ein Bier.
„Flasche oder Hahn?“, will der Kellner wissen.
„Na gezapft, solange du deine Anlage sauber hältst.“
„Zu Ihren Diensten, jawohl.“
Schleyer wendet sich Sailor zu. „Gibt nicht viel, was einem gezapften Bier den Garaus macht, aber die unsaubere Leitung, die wäre da als Beispiel zu nennen.“
„Und ein schlecht gespültes Glas“, ergänzt der Kellner und hält ein Glas ins Licht. „Wir mussten unsere Spülmaschine abstellen, weil wir uns nicht mehr auf sie verlassen konnten.“
„Aha“, sagt Sailor, der die Konversation mit dem Kellner kurz halten will, „und jetzt spült die Bedienung.“ Corinna nimmt den Strohhalm aus dem Glas und legt ihn zu den anderen in den Aschenbecher. Sailor deutet auf den Drink. „Ein damenhaftes Getränk, auch ohne Strohhalm, jawohl.“ Schleyer nimmt das gezapfte Bier entgegen und hält es zu einem Prost in den Raum, der sowohl Sailor als auch der Dame gilt, und dem heutigen Tag, denn schließlich ist Heiligabend. „Der Dicke und Fronzek, sie kommen auch?“ Sailor erwidert den Prost, ohne auf die Frage einzugehen. „Blutig oder nicht“, sagt Schleyer, „Maria war schon immer eine Dame. Also: Ist das ein Weihnachtstreffen oder hast du was am Haken?“ Schleyer ist nicht dumm. Ihn für dumm zu halten wäre ein Fehler. Als sie noch aktive Matrosen waren, da konnte er sich auf ihn verlassen. Beim letzten Geschäft haben sie gutes Geld verdient, und es wäre sehr gutes Geld gewesen, wenn nicht der Container über Bord gegangen wäre. Seit dem Unfall hat Sailor Schwierigkeiten, in das Geschäft zurückzufinden. Die Frau entfernt sich, um Zigaretten zu ziehen. Der Unfall ist jetzt zwei Jahre her.
„Nicht die schönste Schönheit“, sagt Schleyer, „aber sie hat was.“
„Eine Dame, meine Dame, und wer will schon die perfekte Frau. Was hast du mit deinem Gesicht gemacht?“
„Ein Vollbart, kann nichts Verkehrtes dran finden.“
„Trägt man das so als Gärtner?“
„Guck dir die modernen Männer an. Brad Pitt wäre da als Beispiel zu nennen.“
„Beispiele sind was für Leute, die nicht wissen, wo es langgeht.“ Sailor packt den Freund an der Schulter. „Du leckst anderer Leute Speichel, Henry Schleyer, tust das, wofür andere Leute dich bezahlen.“
„Auslieferung von Weihnachtstannen wäre da als Beispiel zu nennen.“
„Der Weihnachtsmann. Schleppt Tannen durch den Heiligen Abend.“
„Ich bin Gärtner, Herrgott, ich habe Kunden, und ja, es gehört dazu, einen gepflegten Eindruck zu machen.“ Schleyer fährt sich mit der Hand über den auf einen Zentimeter gestutzten Bart. „Wenn du mir etwas zu sagen hast, dann raus damit, aber lass mein Äußeres aus dem Spiel.“
Sailor legt den Kopf in den Nacken. Lampenschirm und Glühbirne sind mit Fett und Nikotin überzogen. „Halt dein Maul, bärtiger Mann“, spricht er zu dem Schirm, „wir wollen uns nicht streiten wie die Weiber.“ Er wird klein anfangen, mit Zigaretten, vielleicht auch Schnaps, und wenn die Sache läuft, dann wird sich mehr ergeben. Die Chinesen wollen ihn in Hamburg sehen, heute Abend, und er ist bereit, hat den Wagen eine Straße weiter geparkt. Vögeln, Zigarette, Hamburg, das ist der Plan, und morgen ist er wieder hier. „Auf dem Schiff, auch da hast du mehr Wert auf Körperpflege gelegt als die anderen, und ich habe mich da schon gefragt, warum, bärtiger Mann, für die Takelage, für die See, oder etwa für die Matröschen?“ Schleyer antwortet nicht. „Hast dich schon als Kind schwer getan mit den Weibern.“
„Du hältst mich für schwul“, sagt Schleyer und stellt fest, dass es ihm egal ist. „Du hast mich schon damals für schwul gehalten, weil ich das Mädchen nicht mit reinziehen wollte.“
„Marianne wollte alles, was wir auch wollten.“
„Und heute?“
Sailor schüttelt den Kopf. „Hab sie seit damals nicht gesehen.“
„Du hast sie reingelegt.“
„Wird wohl so sein, jawohl.“ Er hat sie reingelegt, ja, aber das ist lange her, und heute geht es um andere Dinge, darum, dass er zurück ins Geschäft kommt, darum, wieder Anzuheuern, und dann wird er einen Teufel tun, das Ruder jemals wieder aus der Hand zu geben, denn es ist der Ort in der Welt, der ihm am meisten von allen taugt.
„Und, wie heißen Sie?“, wendet sich Schleyer an die Frau, die mit den Zigaretten zurück ist. Sie ignoriert seine Frage. „Maria“, sagt Schleyer, „ist ein hübscher Name.“
Ihr Handy klingelt. Die Frau gleitet vom Barhocker und holt es aus der Handtasche. Sie zögert und nimmt dann auch die Handtasche an sich. Auf dem Weg nach draußen nimmt sie den Anruf entgegen. Die beiden Freunde sehen sich an. „Du trinkst das Bier aus“, sagt Sailor, „dann suchst du dir ein anderes Lokal.“
„Wir waren verabredet“, erwidert sein Freund, „und überhaupt, du hast bei solchen Frauen keine Chance.“
„Das Bier, und dann lässt du uns allein, jawohl.“
„Und unser Geschäft“, sagt Schleyer, „wir wären wohl kaum hier, wenn du nicht was am Haken hättest.“
„Zigaretten“, sagt Sailor, „können warten, und du kannst noch ein paar Tage gärtnern.“ Seine Stimme transportiert Spott.
„Es ist ein ehrenhafter Beruf.“
Sailor packt ihn erneut an der Schulter. „König des Laubes.“ Er spürt, wie sich die Muskeln unter seinem Griff verspannen. „Wer hätte das gedacht?“
„Kann nichts Verkehrtes daran finden.“
„Du machst das, wofür die Leute dich bezahlen“, sagt Sailor, „und nennst es ehrenhaft.“
„Was ist mit Fronzek?“, weicht Schleyer aus, „und mit dem Dicken?“ Sein Blick dreht eine Runde durch das Lokal, gerade so, als würde er die beiden suchen. „Und wo übernehmen wir die Ware, komm schon, lass endlich was raus.“ Er tut jetzt großspurig, aber eigentlich will er von Sailors Geschäften nichts wissen. „Zigaretten“, macht er weiter, „die lohnen sich nur im großen Stil.“ Sailor nickt. „Zwei Container im Monat, und jetzt kannst du rechnen.“ Schleyer rechnet. In einen Container passen fünfzigtausend Stangen. Eine Stange wirft für den, der sie am Hafen abnimmt, fünf Euro ab. Vorausgesetzt, er findet einen, dem er sie verkaufen kann. Macht Zweihundertfünfzigtausend. Im Monat. „Holland?“
„Hamburg. Die Chinesen suchen neue Soziusse.“
„Soziusse? Sie wollen mich zu ihrem Sozius machen?“
„Zum Partner, wenn dir das besser passt.“
„Hört sich weniger gefährlich an“, sagt Schleyer, „wie kommt so einer wie du an die Chinesen?“
„Tut jetzt nichts zur Sache.“ Hamburg behält er für sich. Er wird hinfahren und die Sache klarmachen, und morgen holt er die anderen mit ins Boot.
„Mafia auch dabei?“
„Na, ohne die wirst du wohl kaum Geschäfte machen.“Sailor beugt sich zu ihm hin. „Du kennst mich. Ich suche mir einen raus, und das ist dann mein Partner, kapiert? Der Rest kann dich sonst wo.“ Schleyer weicht zurück. „Einer gegen alle, das funktioniert nicht.“
„Es ist die Art von Geschäft, die sich lohnt.“
„Hast du deinen Partner schon ausgemacht?“
„Hab ihm auf der Cap Tiger den Arsch gerettet.“
„Und jetzt ist er dir was schuldig.“
„Kann man so sehen.“
„Du weißt, dass ich so etwas für keine gute Sache halte.“
„Ich weiß.“
„Jeder zweite setzt sich ab, sobald er seine Schuld beglichen hat.“
„Der nicht. Ich hab ihm seinen Arsch vor seinen chinesischen Freunden gerettet, und jetzt lass es gut sein.“
„Vor seinen eigenen Leuten?“ Sailor sagt nichts. „Das ist nicht okay, Sailor, das ist alles andere als okay. So einem vertraut man nicht.“ Sailor fixiert seinen Freund. „Er zwinkert mit den Augen, wenn du verstehst, was ich meine.“ Schleyer stellt sein Glas mit einer Heftigkeit ab, die Flüssigkeit hochspritzen lässt. „Eine Nervenkrankheit?!“ Er wischt sich das Bier vom Handrücken. „Und deshalb vertraust du ihm, verstehe ich das so richtig, wegen einer Nervenkrankheit?“
„Chinesen zwinkern nicht mit ihren Augen, kapiert, weil es Schlitzaugen sind, und wenn sie es tun, dann kriegst du davon nichts mit.“
„Ein Chinese, der keiner ist“, fasst Schleyer zusammen, „jetzt richtig?“
„Kann man so sagen.“ Schleyer wartet auf mehr. „Es ist seine Familie, er will da raus, sie haben ihm seine Familie zerstört, und mehr brauchst du nicht zu wissen, nicht jetzt.“
„Wieso habe ich ihn nicht schon wo kennengelernt, die Cap Tiger wäre da als Beispiel zu nennen?“
„Seine Landsleute haben ein Auge auf ihn. Und jetzt lass es gut sein.“
„Ein Chinese also, der kein Chinese ist und neue Partner sucht.“ Schleyer will von der Sache nichts wissen und weiß nicht, wie er das seinem Freund beibringen soll. Die beiden anderen, die sind kein Problem, aber bei Sailor, da muss er vorsichtig sein. Der Flipperspieler drängt sich an die Bar, um einen weiteren Schein zu wechseln. „Scheußliches Wetter“, sagt er an Schleyer gewandt, „und es soll noch scheußlicher werden.“
Schleyer antwortet nicht.
„Er will Bestätigung“, stellt Sailor fest, als der Mann wieder weg ist.
„Wollen sie alle“, bestätigt Schleyer, „und was willst du?“
„Die Frau, und morgen weiß ich mehr, und dann reden wir, du, Fronzek, Albers und ich.“
„Es ist nicht so, dass ich etwas gegen das Gärtnern habe.“
Sailor Blick wird hart. „Wie meinst du das?“
„Kann nichts Verkehrtes daran finden, zu arbeiten und dafür bezahlt zu werden.“
„So redet der König des Laubes.“
„Wenn ich im Baum stehe und der Wind streicht durch das Blattwerk, dann habe ich ganz und gar nichts dagegen, dafür bezahlt zu werden.“ Sailors Blick ist immer noch hart. „Ich brauche jemanden, auf den ich mich verlassen kann.“ Schleyer hält dem Blick stand. „Man kann es mit einem Ausflug in die Takelage vergleichen.“
„Vergleiche sind was für Leute, die nicht wissen, wo es langgeht.“ Sailor zieht seinen Freund zu sich ran. „Zum Teufel mit deinen Takelagen, zum Teufel mit Gestrüpp und Wind in deinen Bäumen.“ Er stößt ihn von sich. Schleyer kann nicht sagen, woher es kommt, aber er weiß jetzt mit großer Bestimmtheit, dass er auf dem richtigen Weg ist. Das Gärtnern ist eine ehrenhafte Sache, und jeder, der etwas anderes behauptet, will ihn davon abbringen, und das ist alles andere als ehrenhaft. Er prostet seinem Freund zu. „Jedem das seine, jawohl.“ Sailor will etwas entgegnen, seine Hand ballt sich zur Faust, doch dann sieht er, dass die Frau zurückkommt. Sie stellt die Handtasche ab und geht auf die Toilette. Sailor tut einen Schritt auf die Tasche zu, biegt die Schlaufen zur Seite und öffnet den Reißverschluss. Er passt auf, dass der Kellner nichts mitkriegt. Er arbeitet schnell. Er nimmt jedes Teil einzeln raus und steckt es sofort zurück. Am Boden findet er einen Revolver. Er ist nicht überrascht. Er weiß nicht, warum er nicht überrascht ist. Er greift mit beiden Händen in die Tasche und holt die Patronen aus der Trommel, ohne dass er die Waffe rausnimmt. Er weiß, wie man so etwas macht. Er war vierzig Jahre lang Matrose. Er steckt die Patronen ein, ohne dass sein Freund es mitkriegt. Er weiß nicht, warum er will, dass Schleyer nichts davon mitkriegt. Ich will ihn da raushalten, denkt er, ich will diese Sache für mich. Irgendetwas stimmt hier nicht, überlegt er weiter, erst nimmt sie die Tasche zum Telefonieren mit nach draußen, und jetzt geht sie auf die Toilette und lässt die Tasche hier stehen. Bedeutet das, dass sie jetzt will, dass ich den Revolver entdecke? Warum nicht schon vorher? Sie hat da draußen etwas erfahren, überlegt er weiter, etwas, was sie veranlasst hat, die Handtasche stehen zu lassen. Sie hat da draußen zweimal telefoniert.
04. Dienstag, 24.12.2013 |
Sailor hält die Patronen in der Hosentasche fest umschlossen. Er ist der Frau einen Schritt voraus. Er fühlt die Vorfreude auf das, was ihn erwartet. Ich werde dorthin kommen, wo ich hin will, denkt er, und du kommst mit mir, mein Engel. Dennoch, er spürt, dass er nicht sicher ist. Etwas läuft verkehrt.
„Maria ist ein hübscher Name“, sagt Schleyer, „mein Freund hält mich für schwul.“
Die Frau sieht zu ihm auf.
„Hier geht es nicht um dich“, geht Sailor dazwischen und greift nach der Frau. „Ich muss mit dir schlafen, mein Engel.“ Sie zuckt zurück und nickt, ohne dass er es mitkriegt. Engel, er hat mein Engel gesagt. Schleyer beugt sich zu ihm hin. „Sie hat genickt, hast du das nicht gesehen?“
„Trink dein Bier aus“, gibt Sailor zurück, „sie ist gleich so weit.“
Ein Küchengehilfe geht durch das Lokal und legt Speisekarten aus. Corinna lässt sich eine geben und steckt sie ein. Sailor nimmt einen Geldschein und zieht ihn am Tresen glatt. Corinna sieht an ihm vorbei und trinkt ihr Glas leer. Der Kellner stellt ihr ein neues hin. Schleyer gesellt sich zu dem Mann am Flipperautomaten.
„Willst du Geld?“ Sailor sieht keine Reaktion und ist irritiert. Nach seiner Erfahrung lässt die Aussicht auf Geld jeden reagieren. „Jede Frau ist eine Hure“, setzt er ihr auseinander, „selbst eine Dame ist eine Hure.“ Er zieht einen weiteren Schein am Tresen glatt. „Es gibt Frauen, die damenhafte Getränke trinken, ohne dass sie Damen sind, aber es gibt kein Getränk, das nicht damenhaft wird, wenn es von einer Dame getrunken wird.“ Er legt die geglätteten Scheine übereinander. „Zwei Monatsmieten für eine Dame.“ Die Frau sagt nichts. Weder mit ihrer Stimme, noch mit ihrem Körper.
„Es gibt Damen“, fährt Sailor fort, „die ein Getränk für immer damenhaft machen, und das Getränk ist selbst dann damenhaft, wenn es nicht getrunken wird.“ Verdammt, denkt Sailor, was rede ich hier, und warum rede ich hier, sie reagiert kein bisschen. „Nimm zum Beispiel Greta Garbo, sie hat den Martini zum damenhaftesten Getränk gemacht, ja ohne Greta Garbo wäre der Martini längst ausgestorben.“ Es ist ein Bluff. Er hat keine Ahnung, was Greta Garbo getrunken hat. Er sieht sich um. Es sitzen inzwischen einige Gäste an den Tischen. Sie sind festlich gekleidet. „Du bist eine Dame“, sagt er, auch wenn er sich dessen nicht mehr sicher ist, „und dein Getränk ist ein damenhaftes Getränk.“ Sie nickt, und dieses Mal sieht er es, auch ohne dass er darauf geachtet hat. Der Küchengehilfe ist auf dem Weg zurück in die Küche und sieht fragend zu ihr hin. „Was ist?“, geht ihn Sailor an, „scheiß auf Greta Garbo, und essen tun wir auch nichts.“ Sie lächelt. Links unten ist der Eckzahn mit Gold überkront. Sie nimmt Handtasche und Mantel. „Los jetzt, bevor ich es mir anders überlege.“ Er hat keinen Mantel. Er liebt die Kälte. Sie macht ihn stark und trennt ihn auf eine Art von den Mitmenschen, wie es die Hitze nie tun könnte. Er zahlt und lässt ein paar Münzen als Trinkgeld zurück. Auf dem Weg nach draußen macht er sich an Schleyer ran. Schleyer spielt den Flipperautomaten. „Wir sehen uns morgen, und ruf die beiden an und sag ihnen für heute ab, kapiert?“ Schleyer sieht kurz hoch und wendet sich dann wieder dem Automaten zu, und sein Freund weiß, dass er die Sache regeln wird.
Auf der Straße bleiben sie stehen und drehen sich zur Eingangstür hin, wie um sich von dem Lokal und von dem, was sie mit dem Lokal verbindet, zu verabschieden. Corinna zieht ihren Mantel über. Sie spürt den Wodka im Blut. Ihre linke Hand hat Schwierigkeiten, in den Ärmel zu finden. Sie schließt die Augen und holt tief Luft, und als sie die Augen wieder öffnet, ist die Konzentration zurück. Auf das, was getan werden muss. Sie greift in die Tasche und schaltet das Handy aus. Sailor beschließt, den Wagen stehen zu lassen. Er zieht einen Parkschein für zwei Stunden und legt ihn unter die Windschutzscheibe. Corinna beobachtet ihn.
„Zwei Stunden?“
„Wir gehen zu Fuß“, erklärt Sailor, „ist gut für den Kreislauf.“
Auf dem Gehsteig klebt Herbstlaub. In den Schaufenstern hängt Weihnachtsschmuck. Es ist dunkel, auch wenn es in der Stadt nie wirklich dunkel wird. Die Luft trägt die Feuchtigkeit und die Kälte der Nacht. Er geht schweigend und versucht nicht, sich ihr anzunähern. Das kommt später. Er greift in die Hosentasche und hält die Patronen fest umschlossen. Hamburg wird noch ein paar Stunden warten müssen.
Sie folgt ihm so zielstrebig, dass ihn bald das Gefühl überkommt, von ihr geführt zu werden. Er geht langsamer. Sie passt sich seinem Tempo an. An der nächsten Kreuzung hält er inne und wartet darauf, dass sie den Weg wählt. Sie wählt ihn nicht. Ihre Augen sind geradeaus gerichtet. Er geht weiter. Sie bleibt an seiner Seite, und ihn überkommt erneut das Gefühl, von ihr geführt zu werden.
Nach zwei weiteren Blocks bleibt er in der Skalitzerstraße Höhe 32 stehen. Corinnas Blick scannt die Fassade. Seine Finger suchen ihre Hand. Die Hand zuckt zurück. „Ein Versuch“, sagt er, „hat noch keinem geschadet.“ Sie ballt die Hand zur Faust. Dunkle, tiefhängende Wolken kündigen Schnee für den kommenden Tag an. Eine Flussmöwe fliegt über das Dach. Im obersten Stock steht eine Pflanze auf dem Fensterbrett, Wasser tropft auf den Gehsteig, ein Windstoß zerrt an ihrem Mantel. „Flussmöwe“, sagt Corinna.
„Ein Vogel wie jeder andere“, sagt Sailor, „braucht Luft nicht nur zum Atmen.“ Sie steigen über das Treppenhaus in den zweiten Stock. Er bleibt vor einer der Türen stehen, die von einem schmalen Gang rechtsseitig abgehen. Sie prägt sich ein, dass es die dritte ist. Er macht eine Weile rum, bis der Schlüssel seinen Weg in das Schloss findet. Sie sieht eine Matratze auf dem Boden des einzigen Zimmers. Die Tapete ist von den Wänden gerissen, der rohe Putz mit Kalk überstrichen. Einen Schrank gibt es nicht. Es gibt das Fenster, durch das man die Bahngleise und einen Kirchturm mit Kirchturmuhr sieht. Es ist 17 Uhr 15. Da, wo der Fensterrahmen eingelassen ist und die Feuchtigkeit sich ihren Weg in das Zimmer sucht, ist die Wand mit Schimmel überzogen. Die U-Bahngleise sind auf Stützen gebaut und thronen über der Straße. Er folgt ihrem Blick. Er mag die Gleise. Er mag das Rumoren der Züge, das sich steigert, wenn sie näher kommen und jedes Wort überflüssig macht, sobald sie auf der Höhe des Fensters sind, und das dann wieder verebbt und schließlich mit einem Kreischen erstirbt, wenn die Züge am Görlitzer Bahnhof halten. Er mag das Vibrieren der Fensterscheibe und seine eigene Gestalt, die sich zitternd darin spiegelt. Er sagt: „Die älteste U-Bahn in unserem Land.“
„Ich mag den Lärm.“ Er hat das Gefühl, dass sie gerade etwas gesagt hat, was von Bedeutung ist. „Wegen der Stille“, fügt sie hinzu, „die sich dahinter verbirgt.“ Sie deutet auf eine Tür, die am Ende des Ganges als einzige linksseitig abgeht. „Ist das die Toilette?“
„Das ist die Toilette“, bestätigt Sailor, „sie ist heute gereinigt worden.“
„Wann?“ Corinna spürt Panik.
„Heute Nachmittag“, gibt er zurück, „sie ist sauber. Auch für eine Dame wird sie es tun.“
„Eine Kloschüssel ist eine Kloschüssel“, sagt Corinna lauter als nötig und sucht Halt an der Wand. Wichtig ist, dass du einen Schritt voraus bist, und dass der Gegner davon ausgeht, dass er derjenige ist, der den Schritt voraus ist, denn dann bist du zwei Schritte voraus, deinen und den vom Gegner, denn der geht in die falsche Richtung. Sie geht auf die Tür zu. Der Boden schwankt unter ihren Füßen. Sie zieht die Tür hinter sich zu und schiebt den Riegel vor. Ihre Hände zittern. Sie fällt auf die Knie und greift unter das Waschbecken. Ihre Finger fliegen über die Keramik, verheddern sich in Schläuchen, ein Schwamm fällt zu Boden. Sie umschließt mit der Linken das rechte Handgelenk. Spürt den Puls, schließt die Augen, macht weiter, führt die rechte Hand mit der linken. Findet die Schachtel mit den Patronen. Arbeitet sich hoch und stützt sich am Waschbecken ab. Lässt Wasser in ihre hohle Hand laufen und wirft es sich ins Gesicht. Sieht sich im Spiegel. Das Wasser tropft vom Kinn. Sie glättet mit dem Daumen die Falte auf der Stirn. Die Panik lässt nach. Sie nimmt den Revolver aus der Handtasche und sieht, dass Sailor die Patronen entfernt hat. Die Panik kommt zurück. Sie zwingt sich, tief und regelmäßig zu atmen. Die Luft strömt in den Körper, aus dem Körper, rein, raus, rein, raus. Er hat die alten Patronen. Sie hat die neuen Patronen. Sie ist den Schritt voraus. Sie füllt die Kammern auf, entsichert den Revolver, legt ihn zurück in die Tasche, zieht die Spülung und tritt auf den Gang. Neben Sailors Tür gehen drei weitere Türen ab. Es gibt weder Namensschilder noch Klingeln. Auf einer Fußmatte stehen Arbeitsschuhe. Ihre rechte Hand greift nach der Waffe, die linke öffnet die Tür zu seinem Zimmer. Er liegt auf der Matratze und raucht. Die Flasche in seiner Hand hat kein Etikett. Er setzt sie an und trinkt. An dem Gesicht, das er macht, erkennt sie, dass es Schnaps ist. Sie zieht den Revolver. Ohne Sailor aus den Augen zu lassen, greift sie hinter sich. Der Schlüssel steckt im Schloss. Sie dreht ihn um und vergewissert sich, dass abgesperrt ist. Sailor lächelt. Sie tut einen Schritt auf ihn zu, steht jetzt vor ihm, ein schönes Bild, der Rock, hochhackige Schuhe, enge Bluse, sie legt den Mantel ab.
„Warum?“
„Weißt du noch, wie du Engel zu mir gesagt hast?“ Ihre Stimme ist kein bisschen mehr schrill.
„Es gibt viele, zu denen ich Engel gesagt habe.“ Er erkennt sie nicht. Er weiß nicht, um was es hier geht. „Mein Weihnachtsengel“, sagt er, „komm her und schlaf mit mir.“ Er drückt die Zigarette auf dem Holzboden aus und hält ihr die Flasche entgegen. „Es ist kein angemessenes Getränk, weder für Engel noch für Damen, und ein Glas habe ich auch nicht, aber es ist alles, was ich dir anbieten kann.“
Sie sagt: „Ich knall dich ab. Wie oft kommen die Züge?“
Er holt die Patronen aus der Hosentasche und legt sie nebeneinander auf die Matratze. „Um diese Uhrzeit kommen sie alle paar Minuten.“ Er nimmt eine Patrone zwischen Daumen und Zeigefinger und rollt sie vor und zurück. „Was macht so eine wie du mit einem Revolver, Kind, noch dazu mit einem, der nicht geladen ist, noch dazu heute, am Heiligabend, kein Abend wie jeder andere.“ Die Angst, denkt er, wo ist sie bloß, ich kann sie nicht spüren. Ein Zug kündigt sich an. Sie hebt den Revolver und hält ihn mit beiden Händen und ausgestreckten Armen auf Brusthöhe. Sie sieht durch das Fenster auf den Zug. Der Rumpf eines Mannes und ein paar Hinterköpfe hüpfen vorbei. Sie zielt auf sein Knie. Er lacht und spielt mit den Patronen, die Zähne weiß, der Bart blond, die Augen blau, auch die Augen lachen. Sie schießt und trifft den Oberschenkel. Sein Schrei mischt sich mit dem Rattern des Zuges. Ein roter Fleck auf der Matratze wird schnell größer. Sie hat eine Arterie verletzt. Er presst eine Hand auf die Wunde. „Was soll das?“ Zwischen den zusammengebissenen Zähnen kommt seine Stimme kaum durch.
„Weißt du noch, wie dein Schwanz meinen Unterleib blutig gestoßen hat?“
„Es wird wohl deine Blutung gewesen sein.“ Seine Stimme kommt stoßweise.
„Kleine Mädchen haben keine Blutung.“ Ein weiterer Zug fährt vorbei. Sie schießt, ohne zu zielen. Die Kugel bohrt sich in den Boden. Holz splittert. „Sag, dass du es noch weißt!“
„Deine Angst“, sagt er, „ich kann sie nicht spüren.“
„Angst lässt sich verstecken.“
„Deine Stimme ...“
„Wird wohl so sein, dass ich nervös war, und jetzt, jetzt knall ich dich ab.“
„Die elende Stadt“, sagt er, „zu viele Ecken und Kanten für einen, der auf dem Wasser zuhause ist.“
„Sag, dass du es noch weißt!“
„Wird wohl so sein, dass ich sterbe“, sagt er, „warum also sollte ich lügen?“ Er erinnert sich. Es ist lange her. Die Eltern durften nichts wissen. Der Vater hat es trotzdem gewusst. Es war sein Taubenschlag. Er muss es gewusst haben. Das kleine Mädchen ist groß geworden. Er sieht sie an. Die Frau ist zu jung, um damals das kleine Mädchen gewesen zu sein. Er versucht, nachzurechnen und gibt den Versuch wieder auf. Das Kreischen des Zuges lässt ihn wissen, dass er im Görlitzer Bahnhof einfährt. Er presst die Hand auf die Wunde. „Woher hast du die Waffe?“ Corinna sieht auf die Waffe in ihrer Hand. Es ist ein Revolver der Marke Smith & Wesson. Er hat einen kurzen Lauf und eine Trommel, die acht Patronen fasst. „Kaliber 22“, sagt Sailor, „eher was für Karnickel und Ratten.“ Corinna zielt, bis Kimme und Korn eine Linie bilden. Sie fixiert einen Punkt oberhalb seiner Nasenwurzel. Sie lässt den Fixpunkt über seinen Körper wandern. Die Augen, den Brustkorb, die Stelle, wo sie sein Herz vermutet. Sie führt den Lauf nach unten, bis er auf seine Weichteile zeigt. „Die Waffe macht das, was wir ihr zugedacht haben.“
„Wir?“ Sailors Kräfte schwinden. Er muss die Blutung stillen, wenn er eine Chance haben will. „Eine Kleinmädchengang?“
Sie lässt die Waffe sinken. Er stirbt. Es gibt keinen Grund, es ihm nicht zu sagen. „Familienbetrieb, die Frau Mama lässt grüßen.“
Sailor wischt sich den Schweiß von der Stirn. Sie hat sich nicht gewehrt, hat alles mitgemacht, Herrgott, warum wehrt sie sich jetzt? Er zerrt das Laken von der Matratze, reißt mit den Zähnen einen Streifen weg und verbindet das Bein. Er blickt sich um, greift nach seinem Tabakbeutel, legt ihn auf die Wunde und schnürt ihn mit einem zweiten Streifen fest. Ein Pressverband, der ihn womöglich über die kommenden Stunden rettet. Corinna lässt ihn machen. Die Blutung lässt nach. Er sieht zu ihr auf. „Marianne?“ Auch die Mutter kann er in ihr nicht erkennen. Er versucht, sich zu erinnern, doch alles, an was er sich erinnert, ist der Geruch ihrer Haare, die immer gerochen haben, als wäre sie gerade aus der Dusche gestiegen, selbst in dem verstunkenen Taubenschlag taten sie das. Er kämpft gegen die Bewusstlosigkeit an. Ein neuer Schmerz holt ihn zurück. Ein Zug fährt vorbei. Sie hat ihm eine Kugel in den Bauch gejagt, kontrolliert jetzt die Kammern, füllt Patronen nach, lässt mit einer schnellen Bewegung des Handgelenkes die Trommel zuschnappen, schreit gegen den Lärm an: „Kapierst du, was ich mit der Stille meine, die sich hinter dem Lärm verbirgt?!“ Sie zielt auf sein Geschlecht und schießt. „Scheiß auf Psychologie und Humanbiologie.“ Sie zielt erneut und schießt. Scheiß auf hieb- und stichfest, scheiß auf eure Verhaltensmuster, ich knall euch alle ab, und dafür brauche ich kein Alibi, Männer denken mit dem Schwanz. Sie zielt und schießt, findet in den Rhythmus, es kommt ein zweiter Zug, aus der anderen Richtung, und da kommt noch einer, Herrje die ganzen Züge, sie schießt, bis die Trommel nichts mehr hergibt. Die Kugeln verfehlen ihr Ziel. Seine Hand zittert, ihre Hand zittert, er greift nach dem Schnaps. „Humanbiologie?“
„Sag, dass du es noch weißt!“
Einen Scheißdreck werde ich tun, denkt Sailor und nimmt einen Schluck, ich sterbe, und dieser Dreckskerl von einer Frau hat mich reingelegt. Er liegt da und trinkt und sucht eine Lösung und weiß, dass er keine finden wird. „Du scheißt auf die Humanbiologie?“
„Mein Studium“, sagt sie, „ich studiere dein soziales Verhalten.“
Einen Zug noch, vielleicht auch zwei, dann wird es vorbei sein, denkt er, aber ich werde nicht tun, was sie von mir verlangt, und wenn es das Letzte ist, was ich tue. „Komm her.“ Seine Stimme ist kaum mehr zu hören. „Komm her und lass mich deine Haare riechen.“ Sie wendet sich ab. Er sieht die Gelegenheit und versucht, sich aufzurichten, doch er ist zu schwach. Er sinkt zurück auf die Matratze. Das Loch in der Bauchdecke ist winzig, ein Kleinkaliberloch, kreisrund, blutrot, er presst die Hand darauf und spürt das Pulsieren des Blutes. Nie warst du hilflos, in deinem ganzen Leben nicht, und jetzt bist du es, und das bedeutet, dass du stirbst. Na, überlegt er weiter, du wirst in einer elenden Absteige verrecken, ein schweres Los für einen Matrosen, aber letztendlich ist es egal, denn als toter Matrose bist du nichts weiter als ein toter Matrose. Er schüttet den Schnaps über die Wunde. „Nimm einen Schluck“, sagt er, „wir werden verrecken, du und ich, oder ich an dir, und das sollten wir begießen, weil es nicht oft vorkommt und somit eine Gelegenheit ist, die wir uns nicht entgehen lassen dürfen.“
Dann kommt der Schmerz. Er hat sich nie vor Schmerzen gefürchtet und immer über die Menschen gelacht, die das tun, doch jetzt weiß er, dass es einen Schmerz gibt, über den man nur lachen kann, wenn man ihn nicht kennt. Ihm bricht mehr Schweiß aus. Ein Schleier legt sich vor seine Augen. „Du hast dich nicht gewehrt.“
„Kleine Mädchen wehren sich nicht.“
Sailor starrt durch den Schleier hindurch die Frau an. „Hast mich reingelegt, aber mit den anderen wirst du es schwerer haben.“ Ein Blitz durchbricht den Schleier. „Wie geht es deiner Verdauung?“
„Verdauung?“
„Wollten damals den Dickdarm rausnehmen.“
„Ja wo ist er denn hin?“
Er versucht, sich aufzurichten und fällt abermals zurück. Er winkt die Frau zu sich. Sie beugt sich über ihn. „Haben ihn dann doch drin gelassen.“ Seine Stimme ist ein Flüstern. Er lässt ein Geräusch von sich, das sie als Lachen interpretiert. Er deutet auf seine Wunde. „War mit der Bauchdecke verwachsen. Hast damals nicht viel besser ausgesehen als ich heute.“
„Wann war das?“ Sie drückt ihm den Lauf der Waffe in die Seite.
„Lange her“, flüstert er, „noch bevor ich das erste Mal zur See bin.“
„Wie lange?“ Er antwortet nicht. „Wann bist du das erste Mal zur See, Sailor?“ Er drückt seine Hand auf den Pressverband. „Was tut das jetzt zur Sache.“ Er hustet, lacht, hustet Blut, sieht die Waffe. „Du hältst ihn verkehrt, mein Engel, zu verkrampft, dein Finger wird sich einen Bluterguss holen.“ Seine Hand fällt zur Seite. Der Pressverband verrutscht. Corinna springt zurück. Ein einzelner Blutstrahl spritzt bis an die Decke. Seine Hand zieht den Verband zurück über die Wunde, ein Reflex, der nach dem Leben greift. Er schließt die Augen. Corinna sieht auf den leblosen Körper. Blut findet seinen Weg an dem Verband vorbei und läuft in das Laken. Sie nimmt die Patronen von der Matratze, sieht sich um, sucht die abgefeuerten Projektile, findet nur zwei von zwölf, vier stecken im Holzboden fest. Sie beugt sich über ihn. Es wird sich nicht vermeiden lassen, wenn sie Gewissheit haben will. Sie will Gewissheit. Sie greift nach seinem Handgelenk und wendet sich ab. Das Fensterglas zittert. Eine U-Bahn hüpft vorbei. Sie tastet nach seinem Puls. Findet ihn nicht. Sie sucht, bis sie sicher ist, dass es keinen Puls mehr gibt. Sie wirft die Hand von sich und betrachtet sein Gesicht. Es ist das Gesicht eines Mannes, der seine Jugend hinter sich hat. Er muss über fünfzig sein. Sie hat ihn sich jünger vorgestellt. Es ist ein markantes Gesicht. Kinn, Wangenknochen und Nase stechen hervor. Der wild gewachsene Vollbart kann die Markantheit nicht verstecken. Unter anderen Umständen hätte sie ihn wohl für attraktiv gehalten. Die Wunde hat aufgehört zu bluten. Sie richtet sich auf und ruft ihre Mutter an.
„Wo bist du?“
„In seinem Zimmer, ich werde jetzt das Adressbuch suchen.“
„Hast du die Speisekarte?“ Corinna nimmt das Faltblatt aus der Handtasche und liest: „Chicorée in Schinkenmantel, Hackbraten, gefüllte Kalbsbrust, Linsen mit Backpflaumen ...“
„Hör zu“, unterbricht die Mutter, „er serviert Obst wenn überhaupt, dann als Nachtisch. Seine Spezialität sind scharfe Senfgerichte.“
„Da war noch ein Henry Schleyer, aber ich habe ihn nicht erkannt.“
„Henry Schleyer?“, wiederholt die Mutter, „ich bin schlecht mit Namen.“
„Mama, ich habe Sailor erschossen.“
„Wir sind im Krieg, meine Liebe, so ist das, und jetzt suchst du, und das gründlich. Namen, ein Adressbuch, irgendwas. Und dann gehst du zurück in das Lokal und siehst zu, dass du mehr über diesen Henry rauskriegst.“
„Ich habe auch Sailor nicht erkannt.“
„Du hast es verdrängt, meine liebe Süße, mach dir keine Sorgen.“
„Mutter?“
„Was noch?“
„Mein Dickdarm ist mit dem Bauch verwachsen.“
„Wenn, dann ist es mein Dickdarm, der mit dem Bauch verwachsen ist.“ Die Mutter stutzt. „Woher hast du das?“
„Von Sailor.“
„Sailor ist tot.“ Die Mutter legt auf. Corinna sucht und findet den Berliner Bären auf der Innenseite seines rechten Oberarms. Es ist kein schönes Motiv. Der Bär streckt ihr seine rote Zunge entgegen und ist in einen weinroten, kreisförmigen Hintergrund gebettet. Auch die Platzierung lässt darauf schließen, dass es sich nicht um eine Tätowierung handelt, mit der sich Sailor schmücken wollte. Eher ein Zeichen. Ein Adressbuch findet sie nicht.
05. Dienstag, 24.12.2013 |
Schleyer hat den Flipperautomaten aufgegeben und sitzt am Tresen. Die Gäste sind mit dem Essen fertig und zusammengerückt. Ein paar haben sich an die Bar begeben, der Koch hat die Küche seinen Gehilfen überlassen und sich dazu gesellt. Es ist heimelig, kann aber jederzeit kippen. Die Gäste haben kein Zuhause. Das macht sie zu Raubtieren.
„Wo ist Sailor?“
„Bei seiner Familie?“
„Sailor hat keine Familie.“
„Na, dann wird er wohl in seinem Loch sein, ohne Familie.“
„Haben Sie wirklich gedacht, er hätte Familie?“
„
