Nun schweigst auch du - Nina Ohlandt - E-Book

Nun schweigst auch du E-Book

Nina Ohlandt

4,7
3,99 €

Beschreibung

John Benthien ermittelt auf Föhr - und trifft auf ein fatales Geflecht aus Schuld und Liebe Zwei Füße in Hauspantoffeln inmitten von Bratkartoffeln und jeder Menge Blut - die alte Gertrud Bense liegt erschlagen in der Küche ihres Friesenhauses auf Föhr. Und für ihren Sohn Hardy ist auch schon klar, wer die Mörderin ist: Gabi Tammen. Die alleinerziehende Mutter lag im Dauerstreit mit ihrer Nachbarin - die gleichzeitig auch ihre Vermieterin war. Doch Kommissar John Benthien und sein Team glauben nicht so ganz an Gabi Tammens Schuld. Und es gibt noch weitere Verdächtige, die ein Motiv hatten, die herrische alte Frau zu töten. Als Benthien dann auf eine ganz besondere amerikanische Internetseite stößt, bekommt der Fall mit einem Mal eine völlig neue Wendung ... eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.

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EPUB

Seitenzahl: 176




Inhalt

Cover

Über dieses Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Hinweis für die Leser

Anfang Oktober

Möwen am Baggersee

Zehn Tage zuvor

Wattwürmer

Die alte Bense

Die Nachbarin

Alte Geschichten

Frühstück mit Thyra

Am Schauplatz des Mordes

Geplatzte Träume

Im Friesendom

Nachdenken am Strand

Ein begabter Künstler

Weitere Wahrheiten

In der Polizeistation

Tod am Strand

Gedankenspielereien

Blut und Fasern

Neue Erkenntnisse

Nächtlicher Schrecken

Am Baggersee

Verdacht

Fragen und Erkenntnisse

Die Schlinge zieht sich zu

Krokodilstränen?

Auftritt einer Zeugin

Die ganze Wahrheit

Über dieses Buch

Zwei Füße in alten Hauspantoffeln, Bratkartoffeln und jede Menge Blut – die alte Gertrud Bense liegt erschlagen in der Küche ihres alten Friesenhauses auf Föhr. Und für ihren Sohn Hardy ist auch schon klar, wer die Mörderin ist: Gabi Tammen. Die alleinerziehende Mutter lag im Dauerstreit mit ihrer alten Nachbarin – die gleichzeitig auch ihre Vermieterin war. Doch Kommissar John Benthien und sein Team glauben nicht so ganz an Gabi Tammens Schuld. Und es gibt noch weitere Verdächtige, die ein Motiv hatten, die herrische alte Frau zu töten. Als Benthien dann auf eine ganz besondere amerikanische Internetseite stößt, bekommt der Fall mit einem Mal eine völlig neue Wendung …

Über die Autorin

Nina Ohlandt wurde in Wuppertal geboren, wuchs in Karlsruhe auf und machte in Paris eine Ausbildung zur Sprachlehrerin, daneben schrieb sie ihr erstes Kinderbuch. Später arbeitete sie als Übersetzerin, Sprachlehrerin und Marktforscherin, bis sie zu ihrer wahren Berufung zurückfand: dem Krimischreiben im Land zwischen den Meeren, dem Land ihrer Vorfahren.

Nina Ohlandt

Nun schweigst auch du

Nordsee-Krimi

beTHRILLED

Digitale Originalausgabe

»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment

Dieses Werk wurde vermittelt durch die agentur literatur Gudrun Hebel.

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Stefanie Zeller

Lektorat/Projektmanagement: Rebecca Schaarschmidt

Covergestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de unter Verwendung von Motiven von © shutterstock: Anna Lurye und alexnika

eBook-Erstellung: 3w+p GmbH, Ochsenfurt

ISBN 978-3-7325-1602-5

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

Hinweis für die Leser:Die Kurzromane um John Benthien und sein Team sind zeitlich vor den Romanen angesiedelt.

Die Reihenfolge:Schlaf in tödlicher RuhKeine Seele weint um michIn der heißen SonnenglutNun schweigst auch duIst so kalt der Winter

Anfang Oktober

Möwen am Baggersee

Er war tief, dieser Baggersee, doch in seinem klaren Wasser spiegelten sich der Himmel, weiße Wolken, herbstmilde Bläue, Sonnenglitzern. Die kreisenden Möwen, die neugierig das Ding tief unten im See beäugten, waren sich nicht schlüssig, ob es eine Bedrohung war oder etwas Leckeres zu fressen. So schrien sie zur Vorsicht und hielten Abstand.

Das Ding war erschreckend groß, wie es da im Wasser schwebte. Haare umwaberten es wie lange, dünne Fäden, Laichkraut und Wasserpest hielten es an dem alten, abgebrochenen Baumstamm gefangen, der seit Jahren in dem renaturierten See lag, besiedelt von wirbellosen Tieren, ein wunderbares Versteck für kleine Fische.

Offenbar auch für seinen Gefangenen, der mit Handschellen an einen Ast fixiert war. Doch inzwischen hatte er Auftrieb bekommen, und nur die Fesseln verhinderten ein Aufsteigen aus dieser tiefen Zone, die kaum jemals das Sonnenlicht sah. Ein Hecht schien sich einen Spaß daraus zu machen, mit den Beinen des Toten Fangen zu spielen. Ab und zu schnappte er auch nach einem der ausgestreckten Finger.

Eine Sektflasche platschte ins Wasser und erschreckte die Möwen. Sie kreischten noch lauter und flohen gen Himmel. Das Ding bewegte sich heftig mit den entstehenden Wasserwirbeln, als ein junger Mann von einem nahegelegenen Steinquader, der am Steilufer ein Stück aus dem See herausragte, ins Wasser sprang, um für seine Freundin den kostbaren Sekt zu retten. Er streifte verschrumpelte weiße Haut, die dabei war, sich abzulösen, und einen Fuß, der seinen Schuh verloren hatte. Er wollte schreien, schluckte Wasser, geriet in Panik, würgte und schaffte es endlich mit letzter Kraft an die Oberfläche.

Der Schrei, der aus ihm herausbrach, war wild und archaisch und erschreckte die wenigen Badegäste, die an diesem schönen Oktobertag an den See gekommen waren, um einen der letzten Sommertage zu genießen. »Ruft die Polizei«, keuchte er mit letzter Kraft, als er das Ufer erreichte, dann brach er zusammen, hustete krampfhaft und spuckte Wasser.

Zehn Tage zuvor

Wattwürmer

Nele Tammen freute sich. Kaum hatte die Schule begonnen, war sie auch schon wieder zu Ende, jedenfalls für diese Woche. Mumps hatte ihre Klasse und die Parallelklasse lahmgelegt, sogar der Hausmeister und einige Lehrer hatten Mumps. Wie schön war das denn? Nele war sofort nach Hause gerannt und hatte sich in ein spannendes Buch vertieft, das sie am Vortag angefangen hatte zu lesen. Niemand störte sie, ihre Mutter war, wie erwartet, nicht da; sie putzte mal wieder Ferienwohnungen bei Frau Hansen.

Doch am späten Vormittag, als die Sonne herauskam, hielt Nele nichts mehr im Haus.

»Mumps, Mumps, Mumps … Mumps hat einen Bums!«, sang Nele vor sich hin, während sie die Holztreppe hinunterhüpfte und sofort auf dem Strand landete, denn ihr Haus stand auf einer Düne direkt am Meer. Der Tag war warm und sonnig, der Strand hier an dieser Stelle, ein Stück entfernt vom Wyker Hauptstrand, menschenleer bis auf ein paar wenige Wanderer und Sandbuddler. Es war Ebbe, vor Nele lag eine riesige, glänzende, verheißungsvolle Wattfläche voller Muscheln, Wattwurmsandhäufchen und Vogelspuren, die aussah, als reichten sie geradewegs bis nach Langeneß hinüber, sodass man trockenen Fußes – jedenfalls, ohne im Meer zu ersaufen – zur Hallig gelangen könnte.

Nele wusste natürlich, dass dies eine optische Illusion war. Zwischen der Insel Föhr und der Hallig befand sich die Fahrrinne, auf der gerade majestätisch die Rungholt entlangglitt, auf dem Weg nach Amrum. Aber man konnte weit ins – zur Zeit nicht vorhandene – Meer hineinlaufen, und das tat Nele jetzt. Sie beobachtete zwei Möwen auf einem Priel, die sich gegenseitig mit den Flügeln verdroschen. Fast wie das Gezänk von nebenan, dachte Nele. Wenn Frau Bense, die Nachbarin, wieder einmal auf Hardy oder ihre Mutter losging, ähnelte sie einer gehässigen Möwe. Vor dem Priel staksten zwei aufgeregt schreiende Austernfischer durch den Sand.

Ist ordentlich was los heute im Watt, dachte Nele.

Sie sammelte Muscheln für ein neues Schmuckkästchen, bis ihre Hosentaschen zum Bersten gefüllt waren, und grub nach einigen vergeblichen Versuchen mit bloßen Händen einen Wattwurm aus. Unglaublich, was der alles konnte! Alle Wattwürmer im Wattenmeer zusammen fraßen einmal im Jahr das Watt komplett bis zu zwanzig Zentimeter Tiefe, schickten den Sand durch ihren Darm und schieden ihn wieder aus, was, laut ihrem Lehrer, eine Wohltat für das Watt war, da es dadurch mit Sauerstoff angereichert wurde.

Neles Wattwurm war ungefähr zwanzig Zentimeter lang und potthässlich. Nach hinten wurde er immer dünner. Sein Darm, wusste Nele, besaß bis zu neunzig Segmente. Steckte er sein hinteres Ende alle dreißig bis vierzig Minuten zur Darmentleerung aus dem Wattboden, bestand die Gefahr, dass er von einem Seevogel herausgezogen und gefressen wurde. Deshalb konnte er einzelne Teile des Darms abwerfen, sodass der arme Vogel nur ein oder zwei Zentimeter erwischte und der Wurm sich in seine Röhre retten konnte. Allerdings wuchs der Darm nicht nach, allzu oft konnte der Wattwurm das also nicht machen.

Gerade als Nele darüber nachdachte, den Wattwurm mit nach Hause zu nehmen und ihm ein Legohaus mit viel Sand drin zu bauen, ertönten schrille Schreie – der Möwen? Oder waren es die Austernfischer? –, so durchdringend, dass sie den Wurm vor Schreck beinahe hätte fallen lassen.

Sie guckte hinüber zum Priel, doch die Vögel waren verschwunden. Aber wer hatte dann geschrien? Und wenn sie darüber nachdachte, hatte es sonderbar menschlich geklungen. Vielleicht der Jogger am Strand, der jetzt gerade aus den Dünen gelaufen kam? Oder Frau Laukat, die Mieterin der Benses, in deren nestähnlicher Frisur sich wieder eine Libelle verfangen hatte, wie neulich abends? Sie hatte draußen auf der Terrasse ein solches Theater gemacht, dass sämtliche Bewohner der beiden Häuser, sogar Neles Mutter und ihre Feriengäste, zusammengelaufen waren, um das Vieh aus Frau Laukats Haaren zu befreien.

Die alte Bense im Nachbarhaus konnte es nicht gewesen sein, denn ihre tiefe Altfrauenstimme klang eher wie wütendes Hundegebell, wenn sie Hardy anblaffte.

Als Nächstes jedoch schrie Nele. Eine Möwe war auf ihre ausgestreckte Hand niedergestoßen und hatte sich den Wurm geschnappt! Wie blöd war das denn? Und sie selbst war schuld daran, hatte sie den Wurm doch wie auf dem Präsentierteller angeboten!

Nele rannte zurück zum Dünenrand. An diesem Küstenabschnitt standen nur zwei Häuser, das von ihrer Mutter und das von Frau Bense, die ihre Vermieterin war. Nele registrierte verwundert, dass die Terrassentür des Nachbarhauses offen stand. Sie schlich sich leise heran. Was tat die alte Bense? Ihr Sohn war jetzt im Laden in Wyk, aber Frau Bense, obwohl schon über achtzig, wie sie fast täglich erzählte, war noch quietschfidel und äußerst penibel, was ihre Hausarbeit betraf. Täglich wischte sie Staub, kehrte »die Stuben« und putzte die Delfter Kacheln in der Essecke, die irgendein Kapitän von einer Fahrt mitgebracht hatte. Außerdem war sie ziemlich schwerhörig und hatte die Angewohnheit, laut vor sich hin zu reden. Nele hatte sie bereits des Öfteren dabei belauscht. Sie wusste, dass die alte Frau ihre Mutter nicht besonders mochte – warum, war ihr allerdings ein Rätsel – und ihr das Leben schwermachte. Zuletzt hatte sie damit gedroht, Nele und ihrer Mama das Haus »unterm Hintern weg« zu verkaufen. Deshalb versuchte Nele, wann immer sie konnte, ihre Selbstgespräche mitzuhören. So konnte sie vielleicht rauskriegen, was die alte Bense »im Schilde führte«, wie ihre Mutter es ausdrückte.

Leise schlich Nele durch die Terrassentür, doch im Haus war alles still. Sie hörte Frau Bense weder herumschlurfen noch sprechen. Auch aus der Küche kam kein Laut, obwohl die Tür halb offen stand.

Vorsichtig stupste Nele mit dem Fuß dagegen, um sie ganz zu öffnen, und hätte beinahe laut aufgeschrien. Sie sah zwei Füße in alten Hauspantoffeln und dazwischen eine Bratkartoffel. Das Kind stieß die Tür vollends auf, starrte auf die vor ihr liegende alte Frau, registrierte die Bratpfanne, die Kartoffeln, die Wurststückchen, die überall hingerollt waren, dazwischen das viele Blut … und wollte schreien, aber es kam kein Laut aus ihrer Kehle.

An der offen stehenden Tür zum Küchengarten huschte eine Gestalt vorbei. Nele, deren Herz wild klopfte, machte, dass sie wegkam, hinaus auf die Terrasse und hinüber ins Haus ihrer Mutter.

Die alte Bense

Die alte Frau hatte keine Chance gehabt. Sie hatte in der Küche am Herd gestanden, als jemand hereingekommen war, die gusseiserne Bratpfanne ergriffen und sie damit niedergeschlagen hatte. Nun lag die alte Frau in ihrem Blut auf dem Küchenboden inmitten von Rührei, Würstchen und Bratkartoffeln, die sie offenbar in ebenjener Pfanne gebraten hatte, als das Schicksal zuschlug. Jemand hatte beschlossen, dass die alte Frau in der geblümten Kittelschürze und der alten, verfilzten grünen Strickjacke sterben müsse, jetzt, in dieser Küche, an diesem schönen Altweibersommertag auf der Urlaubsinsel Föhr. Einundachtzig Jahre war sie alt geworden.

John Benthien, Erster Hauptkommissar bei der Kripo Flensburg, hatte schon einige blutige Tatorte gesehen, aber dieser hier kam ihm besonders bizarr vor, weil das Grauen so schrecklich banal schien, fast spießig. Da war eine Frau gestorben, während sie in ihrer ordentlichen, blitzsauberen Küche ein einfaches, solides Mittagessen zubereitet hatte. Und vorher hatte sie offenbar Brot gebacken. Ein duftender, angeschnittener Laib Brot lag auf einem Brett, in einer überdimensionierten Größe, wie Benthien es nur als Kind einmal bei Bauern gesehen hatte, daneben lagen ein Klumpen Butter und eine Salami.

Um ihn herum bewegten sich Claudia Matthis und ihre Leute von der Spurensicherung in den weißen Tyvek-Anzügen, sein Freund und Kollege Tommy Fitzen stand vor dem Haus und hielt offenbar einen Klönschnack mit dem Inselpolizisten, und Lilly Velasco hörte er durch die oberen Räume laufen. Es galt, nachzusehen, ob sich noch jemand im Haus aufhielt, aber offenbar war es leer. Selbst die Laukats, ein Ehepaar aus Hamburg, das die Dachgeschosswohnung den Sommer über gemietet hatte, waren an diesem schönen Spätsommertag unterwegs.

Kurz darauf trafen der Doc aus Niebüll und der Leichenwagen ein.

Benthien begrüßte den Arzt, den er flüchtig kannte, weil er öfter für die Polizei arbeitete, überließ ihn seiner Tätigkeit und ging hinaus zu Fitzen und dem Inselpolizisten Holm Ingwersen.

»So muss man nun auch nicht gerade sterben, mit der Bratpfanne im Gesicht«, sagte Ingwersen, ein junger Mann mit Glatze und langen Koteletten, die in einen rötlichen Bart übergingen, tiefsinnig zu Benthien und trat seine Zigarette aus. »Obwohl sie ja‘n büschen schwierig war, die alte Bense.«

»Inwiefern schwierig?«, erkundigte sich Benthien.

»Haare auf den Zähnen und ein lockeres Mundwerk. Die hat sich von niemandem was sagen lassen. Hardy hatte es nicht leicht mit ihr.«

»Hardy?«

»Hartmut Bense, ihr Sohn«, antwortete Tommy Fitzen, der sich offenbar schon bei dem ihm bisher unbekannten Kollegen kundig gemacht hatte. Fitzen brauchte höchstens fünf Minuten, dann behandelten ihn selbst Fremde wie einen, mit dem sie nach dem Pferdestehlen schon so manchen Köm geschluckt hatten.

»Er hat ein Ladengeschäft in Wyk«, erklärte Ingwersen, »Haus- und Tischwäsche, Bettwäsche und Frottierware. Mein Kollege bringt ihn gerade her. Armer Kerl. Er wird außer sich sein, wenn er hört, dass Gertrud tot ist. Er stand total unter ihrer Fuchtel. Außer ihr hatte er praktisch keinen anderen Menschen.«

»Was genau muss ich mir darunter vorstellen?«, fragte Benthien.

»Na ja, die alte Bense bestimmte, wo‘s langging. Hardy hatte da nicht viel zu sagen. Sie hat seine Freundinnen begutachtet – ich meine, die wenigen, die sich mit ihm abgegeben haben –, und die meisten von ihnen vergrault. Deshalb hat er wohl auch nie geheiratet. Hardy gehört nicht mal seine Seele ganz allein.«

Lilly trat aus dem Haus, und Benthien betrachtete sie mit Wohlgefallen. Sie war noch leicht gebräunt vom Urlaub, und ihre Bernsteinaugen leuchteten fast so golden wie ihr Haar, in das die Sonne kleine Leuchtkringel malte. Ihr Gesichtsausdruck wirkte jedoch leicht verstört.

»Sie haben im selben Zimmer, im selben Bett geschlafen, Frau Bense und ihr Sohn«, verkündete sie irritiert.

»Sag′ ich doch«, meinte Ingwersen gleichmütig und fuhr sich über den glänzenden Schädel, »dem armen Kerl gehört nicht mal seine Seele. So couragiert sie tagsüber auch war, nachts hatte die alte Dame Angst vor Einbrechern. Deshalb musste Hardy bei ihr im Bett schlafen.«

»Gibt‘s irgendwas, was du von deinen Wyker Schäfchen nicht weißt?«, fragte Fitzen amüsiert.

Ingwersen schmunzelte. »Nur wenig.«

»Die Zimmer oben sind in Ordnung«, fuhr Lilly fort. »Schränke und Schubladen stehen nicht offen, und nichts scheint durchwühlt zu sein. Alles sehr ordentlich und sauber. Aber die Techniker werden sich das natürlich noch genauer ansehen.«

»Vielleicht kam ihm die alte Frau bereits in der Küche in die Quere, er hat sie erschlagen und dann schnell das Weite gesucht«, überlegte Fitzen.

»Wer hat sie gefunden?«, fragte Benthien.

»Die Nachbarin, Gabi Tammen.« Ingwersen nickte zu dem sonnengelb gestrichenen Haus hinüber, das wie das Haus der Benses in den 1930er Jahren im Fachwerkstil erbaut worden war. »Hat sie ziemlich mitgenommen. Ah, da kommt sie ja.«

Benthien beobachtete, wie eine Frau Anfang vierzig, in Jeans und T-Shirt, zu ihnen rüberkam. Ihr blondes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihr Gang war schwungvoll, offenbar hatte sie sich von dem Schreck bereits erholt.

»Sie wollen mich sicher sprechen«, sagte sie zu Lilly, als sie bei dem Vierergrüppchen angelangt war. »Ich muss gleich zur Fähre, Gäste abholen, deshalb machen wir das am besten jetzt sofort …«

Die drei Flensburger stellten sich vor, dann wanderten sie mit Gabi Tammen um das Haus herum zur Strandterrasse, während Ingwersen weiter auf die Ankunft seines Kollegen wartete, der Frau Benses Sohn herfahren wollte.

Sie setzten sich auf Holzbänke an einen urigen Tisch, von dem aus man einen Blick aufs Meer hatte. Gabi schielte ängstlich zur Terrassentür, aber die war zu und spiegelte, sodass man Gertrud Bense in der Küche nicht ausmachen konnte.

»Mir fiel auf, als ich gegen halb eins zurückkam, dass bei Gertrud alle Türen offen standen, die Tür zur Terrasse und die, die von der Küche in den Garten führt«, begann die junge Frau ihren Bericht, wobei sie nervös die Hände wrang. »Dadurch gab es einen Durchzug, die Gardinen blähten sich, und der Wind fegte Sand und Blätter ins Zimmer. Das fand ich komisch, besonders, weil Gertrud immer so penibel sauber war und nie die Türen offen stehen ließ, sogar die Fenster öffnete sie nur selten. Es könnte ja Staub hereinkommen! Ich habe nach ihr gerufen, aber keine Antwort erhalten. Das war erst recht seltsam, weil Gertrud eigentlich immer zu Hause ist, deshalb bin ich reingegangen und habe sie … es war schrecklich, wie sie so dalag in ihrem Blut …«

Sie begann zu zittern und legte die Arme um ihren Oberkörper.

»Haben Sie jemanden gesehen?«, fragte Fitzen. »Fremde, Nachbarn, Gäste?«

»Nein, es war ganz ruhig, fast totenstill, bis auf den Wind. Ich habe Angst gekriegt und bin zu mir nach Hause gelaufen und habe Holm Ingwersen angerufen, der dann auch gleich kam.« Sie fröstelte. »Ich wusste ja nicht, ob der Mörder nicht noch im Haus war. Ich habe sofort alle Türen bei mir abgeschlossen.«

»Waren Sie allein zu Hause?«, fragte Lilly.

»Nur Nele war noch da, meine Tochter. Unsere Gäste, die Meisners, ein junges Paar aus Düsseldorf, das für zehn Tage die obere Wohnung gemietet hat, war schon früh nach Niebüll gefahren, sie wollten einen Ausflug nach Sylt machen. Die werden wohl erst gegen Abend zurück sein. Mein Hauptverdienst sind die Feriengäste, nebenbei putze ich Ferienwohnungen. Aber jetzt muss ich gleich zum Anleger, um zwei ältere Damen abzuholen.«

»Wo waren Sie heute Vormittag?«, fragte Benthien.

»Wie gesagt, ich putze Ferienwohnungen. Ich bin kurz vor neun aus dem Haus gegangen und gegen halb eins zurückgekehrt. Da habe ich sie dann gefunden.«

Benthien fand, dass Gabi Tammen nervös wirkte. Sie öffnete ihren eigentlich perfekt sitzenden Pferdeschwanz, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und band ihn wieder neu. Offenbar hatte sie es eilig, wegzukommen.

Benthiens scharfe blaue Augen entdeckten in einem Sanddorngebüsch, das die Grenze zwischen den beiden Grundstücken bildete, ein Kind von etwa elf Jahren, das zu ihnen herüberspähte.

»Ist das Ihre Tochter?«

Gabi Tammen folgte seinem Blick und nickte. »Ja, das ist Nele. Sie hat frei, weil in der Schule Mumps ausgebrochen ist. Aber ich will nicht, dass sie Frau Bense …«

»Natürlich nicht«, beruhigte sie Lilly. »Weiß sie Bescheid?«

Frau Tammen nickte, und Benthien nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit mit Nele zu sprechen. Sie wirkte aufgeweckt und neugierig und konnte gut etwas gesehen haben, dessen Bedeutung ihr vielleicht gar nicht klar war.

»Sie kannten Frau Bense wahrscheinlich sehr gut?«, fragte Fitzen, auf die enge Nachbarschaft anspielend.

Die junge Frau lächelte. »Seit ich ein Kind war. Gertruds Schwiegereltern wohnten hier, und als der Sohn heiratete, ist er ins Nachbarhaus gezogen, in dem seine Großmutter gewohnt hatte. Er ist früh gestorben und seine Eltern auch. Gertrud hat erst meinen Eltern das Haus vermietet und später mir, für meine Familie. Aber …«

Vor dem Haus, auf der anderen Seite, ertönte Geschrei, das schnell laut und bedrohlich wurde. Ein Mann schoss um die Ecke und stürzte auf die Terrasse. Er ging sofort auf Gabi Tammen los, zerrte sie, mit der Faust im Nacken, an ihrem T-Shirt aus der Bank, noch ehe jemand eingreifen konnte, und schüttelte sie wie einen jungen Hund.

»Was hast du mit ihr gemacht? Was hast du meiner Mutter angetan?«

Fitzen sprang hinzu und nahm den Mann in den Schwitzkasten.

»Loslassen!«, donnerte er. »Sind Sie wahnsinnig geworden?«

Benthien, der anders als Fitzen zunächst immer erst auf Deeskalation als auf Gewalt setzte, sagte ruhig: »Setzen Sie sich. Sie sind Hartmut Bense? Mein herzliches Beileid!«

Benthiens Worte besänftigten den Mann, denn er ließ sich kraftlos, als wäre plötzlich jedes Leben aus ihm gewichen, auf die Bank fallen. Auch Gabi Tammen setzte sich wieder. Sie wirkte nicht einmal verärgert.

»Hardy«, sagte sie leise und ergriff seine Hand, die auf dem Tisch lag, »es tut mir sehr, sehr leid um deine Mutter. Und glaube mir, ich habe ihr nichts angetan. Ich mochte sie, trotz allem. Wir kannten uns doch schon so lange. Wenn ich …«

Sie unterbrach sich, als Hardy Bense abrupt seine Hand wegzog. Benthien beobachtete, wie sich seine Züge verhärteten, und machte sich bereit, erneut einzugreifen, doch da kam zum Glück Holm Ingwersen und fragte, ob Hardy seine Mutter im Sarg noch einmal sehen wollte. Der Mann nickte und verschwand ohne ein weiteres Wort.

Die junge Frau sah die drei Beamten bittend an. »Ich habe Gertrud nichts angetan, glauben Sie mir«, sagte sie feierlich. »Hardy ist von dem Gedanken besessen, dass ich seine Mutter hasse und ihr Übles will, aber dem ist nicht so. Ich habe …«

»Warum glaubt er das?«, fragte Fitzen.

Gabi fuhr sich müde übers Gesicht. »Das ist eine lange Geschichte. Aber können wir nicht später darüber sprechen? Ich muss nun wirklich zur Fähre!«

Benthien nickte. »Wir kommen nachher noch einmal zu Ihnen.«

Ihre Tochter Nele war verschwunden, aber nun wollte er sich auch erst einmal Hardy Bense vorknöpfen. Was war nur in den Mann gefahren? War es der Schock? Jeder reagierte anders auf den Tod eines geliebten Menschen, und John hatte in dieser Hinsicht schon allerlei erlebt. Oder steckte etwas anderes dahinter? Gab es einen Grund für seine Beschuldigung?