2,99 €
Bei der Kaffeerösterei Stadler wird ein Container abgeladen. Doch statt des bestellten bolivianischen Rohkaffees enthält er feuchte Wolle. Stadlers Chemiker Trendler entnimmt eine Probe und staunt nicht schlecht: Die Wolle ist mit einer kokainhaltigen Flüssigkeit getränkt. Aus Angst, in eine größere Sache verwickelt zu werden, informiert Stadler nicht die Polizei, sondern beauftragt die Forscherin Mena Reglin damit, die Herkunft des Containers zu recherchieren. Kaum hat Mena mit ihren Nachforschungen begonnen, merkt sie, dass sie an einen gefährlichen und höchst brutalen Gegner geraten – und die Sache vielleicht eine Nummer zu groß für sie ist ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 538
Veröffentlichungsjahr: 2015
Buch
Bei der Kaffeerösterei Stadler wird ein Container abgeladen. Doch statt des bestellten bolivianischen Rohkaffees enthält er feuchte Wolle. Stadlers Chemiker Franz Trendler entnimmt eine Probe und staunt nicht schlecht: Die Wolle ist mit einer kokainhaltigen Flüssigkeit getränkt. Aus Angst, in eine größere Sache verwickelt zu werden, informiert Stadler nicht die Polizei, sondern beauftragt die Forscherin Mena Reglin damit, die Herkunft des Containers zu recherchieren. Kaum hat Mena mit ihren Nachforschungen begonnen, merkt sie, dass sie an einen gefährlichen und höchst brutalen Gegner geraten – und die Sache vielleicht eine Nummer zu groß für sie ist …
Autorin
Nike Andeer wurde in Nordrhein-Westfalen geboren und lebt heute in der Nähe von München. »Nur die Toten schweigen« ist nach »Schuld vergeht nicht« der zweite Roman aus der Krimiserie um die junge Wissenschaftlerin Mena Reglin.
Mehr von Nike Andeer:
Schuld vergeht nicht. Kriminalroman
NIKE ANDEER
Nur die Toten
schweigen
Kriminalroman
1. Auflage
Originalausgabe Oktober 2015
Copyright © 2015 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Gestaltung des Umschlags und der Umschlaginnenseiten:
UNO Werbeagentur, München
Umschlagfoto: Sandra Cunningham/ Trevillion Images
Umschlaginnenseiten: FinePic®, München
Redaktion: Regine Weisbrod
BH · Herstellung: Str.
Satz: IBV Satz- u. Datentechnik GmbH, Berlin
ISBN: 978-3-641-16003-6
www.goldmann-verlag.de
Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz
1
1.1
Peter Bindrich blickte auf seine Armbanduhr und grinste. »Gleich ist Feierabend, Sepp. Das Wochenende kann kommen!«
»Soll schlechtes Wetter geben! Dabei hatte ich eigentlich eine Motorradtour geplant«, antwortete Sepp Turner mürrisch.
»Die kannst du dir abschminken! Oder hast du Scheibenwischer an deinem Helm?« Bindrich zog gerade seine Arbeitshandschuhe aus, als ihr Vorarbeiter Bernd Wichelmann in den Umkleideraum schoss.
»He, ihr zwei! Bevor ihr Leine zieht, seht ihr euch noch den Container an, der vorhin angeliefert worden ist. Wenn Herr Dr. Stadler am Montag kommt, wird er wissen wollen, ob alles seine Ordnung hat. Er traut den Brüdern in Bolivien nicht mehr, seit der letzte Kaffeecontainer bloß zu achtzig Prozent gefüllt war.«
Bindrich stöhnte theatralisch. »Hat das nicht Zeit bis Montag, Bernd? Der Stadler kommt doch nie vor zehn in die Rösterei.«
»Aber Dr. Trendler kommt eher, und der braucht eine Probe der Kaffeebohnen in seinem Labor!« Mit diesen Worten drehte Wichelmann sich um und verschwand in der Lagerhalle.
»Der Wichtel muss sich mal wieder wichtigmachen!«, schimpfte Turner.
»Wenn wir den Container nicht kontrollieren, hängt er uns beim Stadler hin! Und dann heißt es: Lohnerhöhung ade!« Verärgert zog Bindrich die Arbeitshandschuhe wieder an, griff nach Kneifzange und Schraubenschlüssel und machte sich mit seinem Kollegen auf den Weg zum Container.
Nachdem die Verplombung des Containers entfernt war und Turner die Schrauben der Containertür zu lösen begann, kniff er verwundert die Augen zusammen.
»Du, Peter! Der Kasten hier sieht aber ganz anders aus als die, die uns die Südamerikaner sonst schicken.«
Bindrich tat diesen Einwand mit einem Lachen ab. »Container ist Container! Die wandern durch die ganze Welt. Jetzt haben die Bolivianer eben den genommen.«
»Er riecht auch komisch«, meldete Turner, während er die Containertür öffnete.
»Vielleicht hat einer hineingekackt«, spottete Bindrich.
Sein Kollege schüttelte den Kopf. »Das ist ein ganz eigenartiger Geruch, süßlich und … Teufel noch mal, schau dir das an!«
Bindrich trat neben Turner, und als er in den Container blickte, fiel ihm der Kiefer herab.
»Aber das ist doch …« Er brach mitten im Satz ab, zog seine Arbeitshandschuhe aus und fummelte sein Handy aus der Hosentasche. Da Wichelmann ihnen verboten hatte, während der Arbeit Anrufe zu empfangen oder zu tätigen, musste er das Gerät erst einschalten, bevor er mit bebenden Fingern die Nummer ihres Vorarbeiters wählen konnte.
Es dauerte einige Augenblicke, bis dieser sich meldete. »Wichelmann!«
»Du, Bernd, das musst du dir anschauen!«, rief Bindrich erregt.
»Was gibt’s denn?« Wichelmann klang ungehalten, denn er hatte eben Feierabend machen wollen.
»Du musst dringend herkommen! Bei dem Container ist irgendwas schiefgelaufen.«
»Bin schon unterwegs!« Keine drei Minuten später kam Wichelmann schnaufend um die Ecke.
Unterdessen hatten Bindrich und Turner sich in dem nur zum Teil beladenen Container umgeschaut und standen nun zwischen Paletten, die mit dunklen Plastikfolien abgedeckt waren.
»Welcher Hirni hat uns das geliefert?«, schimpfte Wichelmann und wurde dann etwas leiser. »Habt ihr schon nachgeschaut, was in den Paletten ist?«
»Wir haben noch keine aufgemacht. Auf alle Fälle sind es keine Kaffeebohnen«, erklärte Bindrich.
Turner benützte die Kneifzange als Schere, um an einer Stelle die Plastikfolie zu durchtrennen. Darunter kam flauschige Wolle zum Vorschein.
»Boah, stinkt das Zeug! Das ist ja ekelhaft«, rief Wichelmann.
Turner griff in die Wolle und zerrte eine Handvoll davon heraus. »Das ist ja ganz feucht! Es fühlt sich auch nicht weich an, sondern hart wie Stroh.«
»Dr. Stadler wird toben, wenn er das erfährt. Wartet, ich werde ihn gleich anrufen.« Wichelmann holte sein Handy heraus und sprach kurz darauf aufgeregt hinein: »Hier ist Wichelmann, Herr Dr. Stadler. Wir haben ein Problem mit dem heute erhaltenen Container. Da muss was schiefgelaufen sein, denn er ist nicht mit Rohkaffee, sondern mit einer Art Wolle gefüllt.«
»Lasst ihn stehen! Ich kümmere mich am Montag darum«, antwortete Dr. Stadler, um im nächsten Moment hinzuzufügen: »Halt! Nehmt eine Probe von dem Zeug und bringt es ins Labor. Dr. Trendler soll es gleich am Montag analysieren. Vielleicht kriegen wir auf diesem Weg heraus, wem der Inhalt des Containers gehört. Ende!«
Wichelmann vernahm das Knacken, mit dem sein Chef die Verbindung unterbrach, und gab sogleich den Auftrag Stadlers weiter. »Dr. Stadler sagt, wir sollen eine Probe von dem Zeug in Dr. Trendlers Labor bringen. Danach könnt ihr Feierabend machen. Schönes Wochenende!«
Die beiden Arbeiter sahen ihrem Vorgesetzten nach, der mit langen Schritten dem Tor zur Straße zustrebte. Als er weg war, schüttelte Turner den Kopf. »Ich mag es, wenn der Wichtel alleweil wir sagt, wenn er uns meint.«
»Lass ihn! Er ist nun einmal so. Nimm lieber das Zeug, das du in der Hand hältst, und bring es ins Labor. Ich kümmere mich um die Papiere und verschließe danach den Container. Nicht dass wieder ein paar Bengel über den Zaun klettern und ihn ausplündern.« Bindrich verzog das Gesicht. Vor ein paar Jahren war ihm genau das passiert, und er hatte von seinen Vorgesetzten eine kräftige Kopfwäsche erhalten.
»Also dann, Peter! Ein schönes Wochenende!« Turner schwenkte die seltsame Wolle und verschwand damit in Richtung des Verwaltungsgebäudes, während Bindrich noch einmal den Container betrat und nach den Begleitpapieren suchte. Als er sie nicht in der üblichen Halterung und auch nicht am Boden darunter fand, winkte er verärgert ab.
»Heute suche ich nicht mehr. Das können wir genauso gut am Montag erledigen«, sagte er, verschloss den Container und zog die Schrauben wieder fest.
1.2
In einer modernen, aber durchaus repräsentativen Villa im Augsburger Südwesten musterte Professor Irmbert Claaßen seine beiden Mitarbeiterinnen über den Rand seines Sektglases hinweg. Sowohl Isabelle Scherzle, eine schlanke, hochgewachsene Frau mit rötlichen Haaren und Sommersprossen im Gesicht, wie auch Mena Reglin hatten ausgezeichnete Arbeit geleistet. Mena sah in ihrem zartgrünen T-Shirt und den weißen Jeans an diesem Tag besonders attraktiv aus.
Ihr Gast schien sich der Anziehungskraft der schönen Blondine ebenfalls nicht entziehen zu können, denn er stieß immer wieder mit ihr an und lobte ihre Arbeit über den grünen Klee. Plötzlich stockte Dr. Stadler, griff in seine Jackentasche und zog das auf Vibration geschaltete Handy hervor.
Um was es ging, konnte Claaßen nicht erkennen, doch klang sein Gast ziemlich verärgert. Doch schon nach kurzer Zeit beendete Andreas Stadler das Gespräch, steckte sein Handy ein und wandte sich mit einer um Entschuldigung bittenden Geste an ihn. »Ab einer gewissen Hierarchiestufe ist man immer im Dienst. Aber das wissen Sie ja selbst.«
Irmbert Claaßen nickte lächelnd und hob dann sein Sektglas in Mena Reglins Richtung. »Heute wollen wir Schnaps Schnaps und Dienst Dienst sein lassen!«
»Ich bin froh, dass ich diesen Auftrag termingerecht abschließen konnte«, antwortete Mena und trank einen Schluck. Eigentlich mochte sie keinen Sekt, doch bei dieser Feier musste sie mit ihrem Chef und dessen Auftraggeber anstoßen.
»Sie sind schneller fertig geworden, als ich erwartet habe, und die Ergebnisse sind ausgezeichnet. Das wird uns bei der weiteren Entwicklung unserer Unternehmensstruktur sehr zugutekommen«, lobte Dr. Stadler sie. Doch im nächsten Moment schüttelte er wieder den Kopf. »Entschuldigen Sie bitte, ich komme einfach nicht davon los. Es ärgert mich, dass man uns einen falschen Container geliefert hat. Wenn das so weitergeht, müssen wir uns doch noch auf die Suche nach einem neuen Lieferanten für unseren Premiumkaffee machen.«
»Sie können gerne auf unser Institut zurückgreifen«, bot Professor Claaßen ihm an.
»Vielleicht werde ich das. Es ist zu dumm, dass es bis Montag dauern wird, bis wir uns um den falschen Container kümmern können. Die Leute, die wir dafür bräuchten, sind leider alle im Wochenende.«
»… das sie sich gewiss auch verdient haben«, mischte sich Mena Reglins Kollegin Isabelle Scherzle ins Gespräch. »Oder wollen Sie Ihren Angestellten das freie Wochenende streichen?«
»Gott bewahre!«, antwortete Stadler lachend. »Außerdem brächte es nichts, wenn unsere Leute arbeiten würden. Bei den Firmen, die uns den verkehrten Container eingebrockt haben, sitzen sie gewiss auch nicht mehr an ihrem Schreibtisch. Aber lassen wir das jetzt! Heute feiern wir Frau Dr. Reglins Studie. Die ist weitaus mehr wert als ein fehlgeleiteter Container. Zum Wohl!«
Da Stadler ihr erneut das Glas hinhielt, stieß Mena kurz mit ihm an und trank einen weiteren Schluck des säuerlich schmeckenden Getränks.
»Wo ist übrigens Ihr Freund?«, fragte Professor Claaßen sie. Obwohl er mit Mena per Du war, verwendete er bei Anlässen wie diesem die distanzierte Anredeform.
»Claudius ist nach Dubai geflogen. Der dortige Scheich plant einen neuen Klinikkomplex und verlangt dafür die modernsten Geräte. Die liefert derzeit nur Claudius’ Firma«, erklärte Mena, die es sehr bedauerte, dass ihr Freund ausgerechnet an der Feier des abgeschlossenen Millionenauftrags nicht an ihrer Seite sein konnte. In den letzten Monaten hatte sie oft fünfzehn, sechzehn Stunden in ihrem Büro gesessen, um die komplexen Analysen zu tätigen, die Stadlers Firmenimperium neue Geschäftsfelder erschließen sollten. Daher hatten sie und Claudius einander nur an einigen Wochenenden und dann auch höchstens für ein paar Stunden sehen können.
»Sie können ja nach Claudius’ Rückkehr feiern«, meinte Claaßen. »Da in den nächsten Wochen keine dringende Arbeit ansteht, wären eine oder zwei Wochen Urlaub für Sie wirklich angebracht.«
»Das ist keine schlechte Idee – falls Claudius sich von seiner Firma loseisen kann. Morgen werde ich auf alle Fälle mit Noreen zum Legoland nach Günzburg fahren. Das habe ich ihr schon vor zwei Monaten versprochen, aber bis jetzt ist nichts daraus geworden.« Mena lächelte etwas gequält, denn in den letzten Wochen hatte sie Claudius’ Tochter arg vernachlässigt. Aber das würde sie nachholen.
»Sie werden deshalb entschuldigen, dass ich heute etwas eher gehe. Ich muss Noreen von ihrer Mutter abholen. Sie war die letzte Woche bei ihr.«
»Aber das ist doch selbstverständlich!« Claaßen nickte Mena zu und stieß dann noch einmal mit Stadler an.
»Darauf, dass sich der vermisste Container bald findet!«
»Das hoffe ich doch sehr. Wir verfügen zwar noch über einen gewissen Vorrat unseres Premiumkaffees, aber der reicht nicht mehr lange. Ich werde am Montag mit dem Empfänger des falsch gelieferten Containers Kontakt aufnehmen, damit die Sache schnellstens aus der Welt geschafft werden kann.« Stadlers erster Ärger war verraucht, zumal er davon ausging, dass sich die Sache leicht lösen lassen würde.
Nun hob er sein Glas und sah Mena an. »Auf Ihre Analysen! Sie werden das Geld, das wir in sie investiert haben, rasch wieder hereinholen und eine gute Rendite erwirtschaften.«
»Das hoffe ich!«, sagte Mena. »Immerhin speist sich der Ruf unseres Instituts aus seinen Erfolgen.«
»Um Erfolge zu erzielen, braucht man die richtigen Mitarbeiter.« Claaßen hob sein Glas Mena und Isabelle entgegen. Mit diesen beiden Mitarbeiterinnen konnte er wahrlich zufrieden sein. Vor einigen Wochen hatte er zudem einen Praktikanten eingestellt, der den beiden Frauen zuarbeiten sollte. Es handelte sich um den Sohn eines Freundes, der nach dem Abschluss seines Studiums eine Stelle gesucht hatte.
»Ich gehe jetzt! Auf Wiedersehen, Herr Dr. Stadler. Herr Professor, Isabelle – bis Montag!«
»Bis Montag, Mena!«, rief Isabelle ihrer Kollegin nach, während diese mit energischen Schritten dem Ausgang zustrebte, und wandte sich dann Claaßen zu. »Ich mache dann auch Feierabend, Herr Professor!«
»Schönes Wochenende, Frau Scherzle!« Claaßen winkte Isabelle kurz zu und widmete sich dann Stadler, der beschlossen hatte, erst wieder am Montagmorgen an die Container zu denken.
»Was sollen wir unternehmen, nachdem uns die Damen so schnöde im Stich gelassen haben? Wenn Sie Lust haben, kommen Sie mit mir! Ich kenne ein angenehmes Lokal, in dem man sich gut unterhalten kann. Oder wollen Sie nach Hause?«
Stadler schüttelte lachend den Kopf. »Dafür ist es noch zu früh am Abend! Außerdem unterhalte ich mich gerne mit Ihnen. Wollen Sie mir nicht Frau Reglin für ein paar Monate überlassen? Ich glaube, sie würde in unserer Firma gründlich aufräumen! Manchmal fühlt man sich dort wie in einer Behörde. Die Leute tun das, was sie schon immer gemacht haben, und fürchten Änderungen wie die Pest!«
»Sie können unser Institut damit beauftragen, die Strukturen in Ihrer Firma zu analysieren. Das ist aber auch schon alles. Mena Reglin gebe ich nicht her.« Claaßen lachte, denn genau wie sein Gast sah er das kleine Wortgefecht als Scherz an. Bei einem aber blieb er eisern: Auf Mena Reglin wollte er unter keinen Umständen verzichten.
1.3
Einige Kilometer außerhalb von Augsburg hatten die Angestellten der Firma Breitle ebenfalls Feierabend gemacht. Trotzdem tat sich noch etwas auf dem Gelände. Der Firmeninhaber Korbinian Breitle, ein untersetzter Mann Ende dreißig, ging mit zwei Begleitern auf einen Container zu, der in einer Ecke des Lagerplatzes stand. Obwohl er einen Anzug aus gutem Tuch und einen Hut trug, schien er arbeiten zu wollen, denn er hielt eine Kneifzange und einen großen Schraubenschlüssel in der Hand.
Die beiden anderen Männer passten noch weniger auf einen Firmenlagerplatz: ein hochgewachsener Mann in teuren Jeans, Cowboystiefeln mit Schlangenlederbesatz und einem roten Seidenhemd und ein etwas kleinerer in einem Anzug nach englischem Muster, mit italienischen Maßschuhen und einer dezent gemusterten Krawatte samt goldener Krawattennadel.
Breitle zwickte die Bleiplombe an dem Container ab. Noch während er die Verschlussschrauben aufdrehte, wandte er sich zu seinen beiden Begleitern um. »Wie viel wird diesmal für mich herausspringen? Ich brauche das Geld innerhalb von zwei Tagen! Es werden ein paar Kredite fällig, die ich bedienen muss.«
»Die Summe wird Ihnen ausgehändigt, sobald der Wert der Ware ermittelt worden ist«, antwortete der Jeansträger.
»Können Sie mir nicht wenigstens eine ungefähre Zahl nennen, damit ich meinem Kreditgeber sagen kann, ich sei in absehbarer Zeit wieder flüssig?« Breitles Stimme klang nahezu flehend, doch seine beiden Geschäftspartner gingen nicht auf sein Ansinnen ein.
»Machen Sie endlich den Container auf!« Es waren die ersten Worte, die der Mann im Anzug sprach, und sie klangen wie ein Befehl auf dem Kasernenhof.
Breitle schraubte weiter, legte die gelösten Muttern neben sich auf den Boden und öffnete die Tür. »Da ist unser Schatz!«, sagte er theatralisch – und keuchte im nächsten Moment erschrocken auf. »Das gibt es doch nicht!«
»Was ist los?« Der Mann in den Jeans schob ihn beiseite, warf selbst einen Blick in den Container und begann zu fluchen. »Säcke! Das sind nicht unsere Paletten!«
»Das kann nicht sein! Vielleicht sind die Paletten unter den Säcken!« Ungeachtet seines teuren Anzugs begann Korbinian Breitle, die Säcke umzuschichten. Diese staubten stark, und er musste niesen. Schließlich gab er auf und wandte sich mit resignierter Miene zu den beiden anderen Männern um.
»Da muss was schiefgelaufen sein. Wenn das aufkommt …!«
»Sie sollen nicht schwätzen, sondern handeln! Wo sind die Begleitpapiere des Containers?«, fragte der Mann in Anzug und Krawatte scharf.
Breitle wies auf ein größeres Haus in der Nähe. »Die sind in meinem Büro, Herr Meyer!«
»Dann setzen Sie sich gefälligst in Bewegung!« Der Jeansträger hatte das Kommando übernommen und trieb Breitle vor sich her. Sein Begleiter warf noch einen letzten vernichtenden Blick auf den Container, dann wandte er sich achselzuckend um und folgte den beiden.
1.4
»Hier bitte, die Papiere!« Breitles Finger zitterten, als er dem Mann, den er unter dem Namen Tobias Meyer kannte, die Unterlagen reichte. Dieser sah sie sich an und deutete dann auf den dunklen Bildschirm des Computers in Breitles Büro.
»Das sind die richtigen! Eigenartig. Schalten Sie das Ding da an. Ich muss was nachsehen.«
Breitle tat, wie ihm geheißen, und überließ sogleich Tobias Meyer den Platz an seinem Computer. Routiniert loggte dieser sich ein und verfolgte anhand der Frachtliste den Weg des Containers von Bolivien bis zu dieser Firma.
»Es gibt mehrere Stellen, an denen der Container vertauscht worden sein kann. Zuletzt kam er mit vier anderen nach Rotterdam. Wenn einer der anderen der unsere war, könnten wir den Empfänger herausfinden. Notierst du, Alex?«
Sofort ergriff Alex Meyer, wie der Mann im Anzug sich hier nannte, Breitles aufgeschlagenes Notizbuch, riss eine leere Seite heraus und nickte. »Ich bin so weit!«
»Der Container ist für die Kaffeerösterei Stadler in Friedberg bestimmt!«
»Darum hat der Kasten so nach Kaffee gerochen«, sagte der Anzugträger.
»Ihr meint, die beiden Container wurden vertauscht?«, fragte Breitle mit bleicher Miene. »Das wäre eine Katastrophe! Wenn die mitbekommen, was wirklich drin ist …«
»Machen Sie sich etwa in die Hose?«, fragte Tobias Meyer spöttisch. »Sie wussten von Anfang an, dass diese Sache nicht ohne Risiko ist. Wenn die Daten der Transportfirma stimmen, hat die Kaffeefirma den Container erst heute Nachmittag erhalten. Die Mitarbeiter werden ihn also nicht vor Montag öffnen. Bis dahin sollten wir ihn von dort weggeholt haben.«
»Aber wie denn?« Breitle schüttelte verzweifelt den Kopf. »Das ist ein tonnenschwerer Container und kein Bierkasten, den Sie in Ihren Kofferraum stellen können!«
Tobias Meyer klopfte Breitle auf die Schultern. »Lassen Sie uns nur machen. Wir haben ganz andere Möglichkeiten als Sie.« Noch während er es sagte, zog er sein Handy aus der Tasche. Noch im Hinausgehen wählte er eine Nummer. Erst nach einigen Minuten kam er zurück ins Büro.
»Die Sache ist angelaufen! Wenn nichts querkommt, ist der Container noch heute Nacht in unserem Besitz.«
»Und was machen wir mit dem Container, der draußen steht?«, fragte Breitle.
»Den lassen Sie am Montag von diesen Kaffeekochern abholen«, schlug Alex Meyer vor.
Sein Begleiter schüttelte den Kopf. »Ich halte es für klüger, wenn der Container nicht mit Breitle in Verbindung gebracht wird. Immerhin lassen wir uns das Zeug aus Bolivien ohne Begleitpapiere schicken, um genau das zu verhindern. Es ist am besten, wenn das Ding irgendwo weit weg von hier auf einem Autobahnparkplatz gefunden wird. Darum kümmere ich mich ebenfalls. Herr Breitle, Sie sollten heute Nacht hierbleiben, um unseren Leuten das Tor zu öffnen.«
»Aber ich wollte heute mit meiner Frau nach London fliegen, um ein Musical anzuschauen«, wandte Breitle ein.
Der Herr im Anzug wollte etwas sagen, da hob sein Freund die Hand. »Lass Breitle fliegen, Alex! Ich bleibe hier und warte auf die Lieferung. Das ist Ihnen doch recht, Herr Breitle?« Sein Ton ließ keinen Widerspruch zu.
»Natürlich bin ich einverstanden!«, erklärte Breitle erleichtert, denn seine Frau konnte recht ungehalten werden, wenn etwas nicht nach ihrem Willen ging. Außerdem war sie im vierten Monat schwanger und daher noch stimmungsabhängiger als sonst. Er sagte sich, dass er etwaige Spuren möglichen Einbrechern würde zuschreiben können.
»Dann ist es gut!« Tobias Meyer setzte sich vor den Computerbildschirm, rief ein Online-Pokerspiel auf, das Breitle auf Favoriten gelegt hatte, und sah sich unverhohlen dessen Spielprotokoll an. »Vierzigtausend Miese in dieser Woche? Wenn das die Regel ist, sollten Sie dieses Spiel besser sein lassen.«
»Ich hatte halt eine Pechsträhne!«, log Breitle, der in den letzten Monaten weitaus mehr als nur vierzigtausend beim Onlinepokern verloren hatte.
»Dann werde ich das mal in die Hand nehmen und ein paar Euro für Sie verdienen. Ich weiß nämlich, wie man das macht!« Tobias Meyer lachte und tippte seinen ersten Einsatz ein.
Als Breitle die Summe las, wurde ihm schwindlig. Wenn der Mann in den auffälligen Jeans so weitermachte und verlor, hatte er am Montag mehr Schulden bei seinen Spielpartnern und der Pokerplattform, als er in seinem Leben abzahlen konnte.
»Kommen Sie!«, forderte Alex Meyer ihn auf. »Ihre Frau wartet darauf, mit Ihnen nach London fliegen zu können, und ich habe zu tun.«
Breitle nickte unglücklich und trottete hinter Alex her. So sah er nicht mehr, dass Tobias Meyer die ersten zehntausend als Gewinn verbuchen konnte und erneut hoch einstieg.
1.5
Das Haus, in dem Korbinian Breitle mit seiner Frau Marilyn lebte, war im alpenländischen Stil erbaut worden und lag etwas außerhalb von Ottmaring an einem Hang, der es vor dem Ostwind schützte. Mena fand das Gebäude mit den vielen Garagen, dem überdachten Swimmingpool und dem großen Wintergarten schlichtweg übertrieben. Doch Bescheidenheit hatte noch nie zu Marilyn Breitles Wesenszügen gehört.
»Die Hütte könnte mir gefallen«, meinte der Taxifahrer, der Mena hierhergefahren hatte, mit unverhohlenem Neid.
»Mir wäre sie ein bisschen zu groß. Da drinnen braucht man ja ein Telefon, um die Bewohner zum Essen zu rufen. Ein schlichter Gong schafft das nicht mehr«, spottete Mena und stieg aus.
»Macht fünfzehn Euro!«
Mena drückte dem Taxifahrer einen Zwanziger in die Hand. »Hier, als Anzahlung! Bitte warten Sie auf mich. Es wird hoffentlich nicht lange dauern.«
»Es ist Ihr Geld«, erklärte der Mann entspannt.
Mena ging auf das pompöse Eingangstor zu, das von zwei fast lebensgroßen Löwenstatuen flankiert wurde, und drückte auf den Klingelknopf. Dieser war aus Bronze und so groß wie ein Zweieurostück. Auch hier haben die Breitles es lieber mit dem Klotzen als dem Kleckern gehalten, dachte Mena, während sie wartete. Schon klangen die ersten Takte des Bayerischen Defiliermarsches auf, dann meldete sich eine Frauenstimme.
»Wer da?«
»Mena Reglin! Ich will Noreen abholen«, sagte Mena.
»Sie hätten schon vor anderthalb Stunden hier sein müssen!«, erwiderte eine Frauenstimme barsch.
»Es hieß, dass ich Noreen zwischen achtzehn und neunzehn Uhr abholen soll. Jetzt ist es zehn vor sieben«, antwortete Mena in ähnlich scharfem Tonfall. Es war jedes Mal das Gleiche. Zuerst tat Marilyn Breitle so, als könne sie es nicht erwarten, ihre Tochter wiederzusehen, und dann wollte sie das Kind so schnell wie möglich wieder loswerden.
Kurz darauf trat Marilyns Hausdame mit dem Kind an der Hand aus dem Gebäude und öffnete die kleine Pforte neben dem Eingangstor.
»Hier ist das Biest!«, rief sie und schob die Kleine so heftig nach draußen, dass Mena Noreen regelrecht auffangen musste, damit das Mädchen nicht hinfiel.
»Glauben Sie nicht, dass wir dieses kleine Ungeheuer so bald wieder hier haben wollen! Frau Breitle wird sich bei Gericht beschweren, dass Sie und Ihr Liebhaber das Kind gegen sie aufhetzen«, keifte die Hausdame.
»Niemand hetzt Noreen auf!«, antwortete Mena aufgebracht. »Wo ist übrigens ihr Koffer?«
»Den bringe ich gleich!« Die Hausdame schlug die Pforte zu und verschwand. Währenddessen musterte Mena das Mädchen fragend.
»Hast du wirklich etwas angestellt?«
Noreen schüttelte feixend den Kopf. »Natürlich nicht! Mama hat sich nur fürchterlich aufgeregt, weil sie heute nach London fliegen will und ich ihrer Hausdame angeblich beim Kofferpacken im Weg war. Sie ist fast ausgeflippt, als du um fünf noch nicht da gewesen bist. Dabei ist ihr Liebhaber noch gar nicht da!«
»Korbinian Breitle ist nicht der Liebhaber, sondern der Ehemann deiner Mutter«, wies Mena die Kleine zurecht.
Noreen war eine hübsche Fünfjährige mit brünettem Haar und großen haselnussbraunen Augen, aber auch eine kleine Egoistin, mit der nicht immer leicht auszukommen war. Da ihre Mutter sie nicht in den Kindergarten geschickt hatte, hatte sie auch nie gelernt, auf andere Rücksicht zu nehmen. Für Mena war es daher immer eine Gratwanderung, wie sie die Kleine behandeln sollte.
Noch während sie überlegte, was sie nun am besten sagen sollte, erschien die Hausdame wieder, öffnete kurz die Pforte und warf ihnen den Koffer vor die Füße. Bevor Mena reagieren konnte, war sie auch schon wieder in Richtung Haus verschwunden.
»So eine blöde Kuh!«, entfuhr es Mena.
Noreen nickte eifrig. »Die ist genauso hystisch wie meine Mama!«
»So etwas sagt man nicht über andere Leute. Außerdem heißt es hysterisch«, korrigierte Mena die Kleine, hob den Koffer auf und brachte ihn zum Taxi.
»Lange hat das ja nicht gedauert«, sagte der Fahrer, während er den Koffer im Kofferraum verstaute. »Wo soll es jetzt hingehen?«
Mena nannte ihm die Adresse, öffnete dann die Tür, damit Noreen einsteigen konnte, und schnallte sie an. Da sie selbst seit ihrer Scheidung kein Auto mehr besaß, dachte sie, dass sie doch besser Claudius’ Vorschlag annehmen und sich von ihm ein Auto zur Verfügung stellen lassen sollte. Das würde sie so ausstatten, dass Noreen sicher sitzen konnte. Für einen normalen Kindersitz war das Mädchen schon zu groß, aber für die Sicherheitsgurte in diesem Wagen noch zu klein.
»Fahren wir morgen ins Legoland?«, fragte die Kleine aufgeregt.
»Aber klar, das habe ich dir doch versprochen!«, antwortete Mena.
»Auch mit dem Taxi?«
»Nein, da nehmen wir den Bus.«
Mena entging nicht, dass Noreen eine Schnute zog. Doch es wurde Zeit, dass die Kleine auch das richtige Leben kennenlernte. Bis vor ein paar Monaten hatte das Mädchen ganz bei der Mutter gelebt, und die wäre allein bei dem Gedanken, mit einem Bus fahren zu müssen, in Ohnmacht gefallen. Doch auch seit Claudius das Sorgerecht besaß, war nicht alles optimal gelaufen. Sie muss in den Kindergarten und sich an andere Kinder gewöhnen, dachte Mena, während das Taxi sie und die Kleine zu ihrer Wohnung brachte.
1.6
Am Samstagmorgen bogen gegen 4:15 Uhr zwei große Lkw in die Straße ein, die zur Kaffeerösterei Stadler führte. Sie fuhren langsam an einigen Firmen vorbei. Als das beleuchtete Schild der Kaffeerösterei vor ihnen auftauchte, kam ihnen ein Mann auf einem Motorrad entgegen und winkte.
Die Lkw blieben stehen, und der Fahrer des vorderen kurbelte das Seitenfenster herunter. »Wo steht der Container, Ralf?«
Der Motorradfahrer wies auf das linke Ende des Firmengeländes. »Dort drüben! Ihr müsste euch beeilen! Hier fährt jede halbe Stunde ein Wachdienst vorbei. Bis der kommt, sollten wir weg sein.«
»Das schaffen wir!«, antwortete Kevin Jünger und fuhr wieder an. Sein Fahrzeug zog einen leeren Tieflader, während es sich bei dem Gefährt hinter ihm um einen leistungsstarken Kranwagen handelte.
Ralf Longerich fuhr den beiden Lkw auf seinem Motorrad voraus, bis sie auf der Höhe des Containers angelangt waren, der auf der anderen Seite des Firmenzauns stand. Dort wartete er, bis der Kran ausgefahren wurde, ließ sich von diesem hochheben und stand kurz darauf auf dem Container. Mit raschen Griffen befestigte er die vier Ketten an den Transportösen des Kastens und winkte dem Mann am Kran zu, den Container hochzuheben.
Einen Augenblick lang sah es so aus, als würde der Container sich drehen und den Zaun niederwalzen. Dann aber schwebte er hoch genug, um darübergelenkt zu werden. Es brauchte noch ein wenig Fingerspitzengefühl des Kranführers, schon lag der Container auf dem Lkw-Anhänger. Ralf Longerich stieg ab und wies Kevin Jünger an aufzubrechen. Hinter diesem setzte sich der Kranwagen in Bewegung. Nach einem letzten Blick in die Runde drehte Longerich den Gashebel seines Motorrads auf, überholte beide Lkw und winkte den Fahrern mit einer Hand zu.
Da entdeckte er einen Mann in einem grauen Parka, der auf dem Gehsteig dahinschlurfte. Eben bückte er sich, hob eine Flasche auf, sah sie prüfend an und steckte sie in den Rucksack, den er in der Hand hielt.
»Was machen wir mit dem Kerl?«, fragte er Kevin Jünger, der das Fenster auf der Fahrerseite heruntergekurbelt hatte.
»Sorge dafür, dass er nichts erzählen kann!«, forderte Jünger ihn auf.
Longerich nickte, drehte erneut das Gas auf und fuhr auf den Mann zu. Als dieser sich zu ihm umdrehte, steuerte Longerich das Motorrad auf den Gehsteig und versetzte dem potenziellen Zeugen einen heftigen Tritt. Der Flaschensammler stolperte auf die Straße, sah im nächsten Augenblick Jüngers Lkw auf sich zukommen und stieß einen entsetzten Schrei aus, der rasch erstarb.
Zur Sicherheit fuhr auch der Lenker des Kranwagens mit seinen voluminösen Reifen über den verkrümmten Körper und gab dann Gas. Kurz darauf waren die drei Fahrzeuge im Zwielicht des sich ankündigenden Tages verschwunden. Eine Viertelstunde später kam das Auto des Wachdienstes am Firmengelände vorbei, und die Männer darin stellten zufrieden fest, dass dort alles in friedlicher Stille lag. Da der Wagen gleich in die nächste Seitenstraße abbog, entging ihnen der schrecklich zugerichtete Tote. Der wurde erst einige Stunden später gefunden, und da waren Kevin Jünger, Ralf Longerich und ihr Kumpan längst über alle Berge.
1.7
Das schlechte Wetter, welches für das Wochenende vorhergesagt worden war, ließ nicht nur die Motorradtour von Stadlers Lageristen Sepp Turner ins Wasser fallen, sondern auch Menas und Noreens Ausflug ins Legoland. Stattdessen saßen die beiden vor dem Fernsehgerät und sahen sich DVDs mit Märchenfilmen an. Zwischendurch telefonierten sie mit Noreens Vater und aßen Pfannkuchen mit sehr viel Honig. Noreen musste sich hinterher Gesicht und Hände waschen und sich umziehen, war aber bester Laune.
»In der nächsten Woche wird das Wetter sicher besser sein«, sagte Mena am Samstagabend zu Noreen.
»Wenn nicht, können wir ja wieder Filme anschauen«, antwortete die Kleine.
Mena lachte. »Dafür müsste ich erst ein paar neue DVDs besorgen. Aber jetzt solltest du langsam zu Bett gehen. Morgen Vormittag schlafen wir lange, frühstücken dann ausgiebig …«
»So lange dürfen wir nicht schlafen! Hast du vergessen, dass Tante Toni uns zum Mittagessen eingeladen hat? Sie kocht soooo gut! Ich werde vielleicht gar nicht frühstücken, damit ich mehr bei ihr essen kann.« Noreen klang so ernsthaft, dass Mena erneut lachen musste.
»Entschuldige, das hätte ich fast vergessen. Also werden wir den Wecker auf sieben Uhr stellen, ein kleines Frühstück zu uns nehmen und gegen zwölf Uhr zu Toni fahren.«
»Tante Toni macht für mich Tortellini à la Noreen mit extra viel Tomatensoße«, erklärte das Mädchen weiter.
Menas Mundwinkel zuckten vor Vergnügen. Ihre Schwester war fasziniert von dem Kind und sprach andauernd davon, bald selbst Mutter werden zu wollen. Nicht zum ersten Mal fragte sich Mena, wie es sein würde, Tante zu sein. Zwar mochte sie Kinder, fand aber, dass Noreen gelegentlich sehr anstrengend sein konnte. Bei Toni zeigte die Kleine sich nur von ihrer allerbesten Seite. Aber wenn sie quengelte, artete dies zu einem Drama aus. Schuld daran trug nicht zuletzt die Mutter, die das Kind bis vor einem guten halben Jahr vergöttert und es nach ihrer zweiten Heirat und erneuten Schwangerschaft wie ein lästiges Gepäckstück dem Vater überlassen hatte. Zum Glück kehrte Noreen nicht mehr so oft die Prinzessin heraus wie in den ersten Wochen in Claudius’ Obhut. Gelegentlich aber fiel sie in alte Verhaltensmuster zurück und wurde von jetzt auf gleich fuchsteufelswild, wenn etwas nicht ihren Vorstellungen entsprach.
Mena war nach wie vor unschlüssig, ob sie als Ersatzmutter für Noreen geeignet war. In den letzten Wochen hätte sie das der vielen Arbeit wegen rundheraus verneint. Aber wenn die Kleine ihr allerliebstes Lächeln aufsetzte, wollte sie sie am liebsten für immer behalten. So war es auch jetzt.
»Ich freue mich auf Tante Toni! Die versteht etwas von Mode!«, erklärte Noreen gewichtig.
»Und ich nicht, willst du wohl damit sagen«, antwortete Mena lachend.
»Nicht so viel wie Tante Toni. Sie versteht sogar mehr als die Verkäuferinnen in den Shops, bei denen meine Mama sich ihre Klamotten besorgt.«
Das war ein hohes Lob für ihre Zwillingsschwester, dachte Mena, denn Marilyn Breitle kaufte nur bei den besten Modehäusern in London, Paris, Rom und New York ein. Mena begriff ohnehin nicht, wieso ein Mensch eines einzigen Kleides wegen über den Atlantik flog. Wenn Marilyn Breitle glänzen wollte, war ihr nichts zu viel, und sie wollte immer glänzen.
Mena beschloss, Claudius’ Exfrau aus ihren Gedanken zu verbannen, und forderte Noreen auf, sich für die Nacht fertigzumachen. Fröhlich gehorchte die Kleine und musste mehrmals ermahnt werden, dass man beim Zähneputzen nicht sprechen sollte. Noreen war jedoch zu aufgedreht, um still zu sein, und es dauerte eine Weile, bis sie endlich im Bett lag. Selbst dort plapperte sie munter weiter, während Mena, erschöpft von der harten Arbeit in den letzten Wochen, bereits mit dem Schlaf kämpfte.
1.8
Am Sonntag regnete es noch immer, und Mena verwarf ihren Plan, mit dem Bus zu ihrer Schwester zu fahren. Noreen und sie hätten ein paar Hundert Meter bis zur Haltestelle laufen müssen, und dann etwa genauso viel vom Königsplatz zu Tonis Wohnung. Dafür war der dünne Mantel in Noreens Koffer jedoch nicht geeignet.
»Ich werde deinem Papa sagen müssen, dass du einen richtigen Regenmantel und Gummistiefel brauchst«, meinte Mena, als sie die Wohnung verließen.
»Dabei muss Tante Toni mich beraten. Die versteht etwas davon«, antwortete die modebewusste kleine Dame.
»Das wird sie sicher gerne!« Mena nahm Noreen bei der Hand und schritt auf das Taxi zu, das sie bestellt hatte. Es war der gleiche Fahrer, der sie zu Breitles Villa gebracht hatte. Er erkannte sie sofort und grinste.
»Das war wohl nichts mit dem Legoland, was?«
»Dafür regnete es zu stark!«, erklärte Noreen, während sie sich von Mena anschnallen ließ. »Aber bei Mena zu Hause war es fast genauso schön. Wir haben uns Filme angesehen, mit bösen Hexen, Geistern und Aliens! Das war sogar besser als im Kino. Da rascheln die Leute dauernd mit ihren Chipstüten, und ich verstehe nur die Hälfte«, erklärte sie altklug.
Bald hatten sie die Straße erreicht, in der Menas Zwillingsschwester lebte. Noch bevor Mena auf die Klingel drücken konnte, erklang bereits das Summen des Türöffners. Toni hatte sie offenbar kommen sehen.
»Gleich sind wir da!«, sagte Mena und stieg die Treppe zu Tonis Wohnung hoch. Die Tür stand offen, und sie konnten eintreten. Während sie ihre Jacken ablegten und die Schuhe auszogen, schaute Toni kurz aus der Küche heraus.
»Schön, dass ihr schon da seid! Antipasti stehen auf dem Tisch, und die Tortellini sind gleich fertig.«
»Wir haben großen Hunger!«, antwortete Noreen, flitzte zu Toni hin und umarmte sie.
Mena folgte ihr etwas langsamer und lächelte, als sie bemerkte, dass ihre Zwillingsschwester ähnliche Jeans trug wie sie und ihre Bluse die gleiche Farbe aufwies. Wer sie so sah, konnte sie wirklich nur anhand der dunkel gefärbten Strähne in Tonis blonden Haaren auseinanderhalten.
»Du siehst gut aus!«, sagte Mena und küsste ihre Schwester auf die Wange.
»Dir sieht man die viele Arbeit an! Du solltest endlich mal ein wenig kürzertreten. Warum arbeitest du bei deinem Institut nicht in Teilzeit? Dann könntest du Claudius unterstützen, und der würde sich sicher freuen!« Toni verstand nicht, weshalb ihre Schwester bei so einem prachtvollen Mann nicht ganz auf ihre Arbeit verzichtete und den Schreibkram in der Firma Kaiser übernahm.
»Claudius könnte sich eine Sekretärin sparen«, tadelte sie Mena.
Ihre Schwester hob lachend die Rechte. »Aber Toni! Soll er etwa Gabi entlassen? Sie hat schon bei seinem Vater gearbeitet und würde mit ihren zweiundfünfzig Jahren sicher keinen passenden Job mehr finden.«
»So habe ich das nicht gemeint!« Toni warf Mena einen, wie sie hoffte, vernichtenden Blick zu, musste dann aber wieder in die Küche und sich um ihre Soße kümmern.
Lächelnd folgte Mena ihr. »Hans ist nicht da?«
»Der ist nach Finnland geflogen! Dort wird ein neues Kreuzfahrtschiff eingerichtet, und er muss den Arbeitern auf die Finger schauen.«
Toni klang zufrieden, denn dieser Auftrag hatte ihrem Ehemann den Aufstieg zum zweiten Geschäftsführer seiner Firma ermöglicht. Natürlich war er nun häufiger auf Geschäftsreisen als früher, dafür aber freuten sie sich doppelt, wenn sie wieder ein paar Tage miteinander verbringen konnten.
»Schade, dass er nicht da ist. Er kommt ausgezeichnet mit Noreen aus.«
»Das tue ich auch«, antwortete Toni ein wenig gekränkt.
»Auf alle Fälle kochst du bessere Nudelgerichte als Hans«, erklärte Mena mit zuckenden Lippen. »Noreen und ich möchten uns nun die Hände waschen.« Sie musste rasch ins Bad, denn sie konnte sich das Lachen kaum mehr verkneifen. Während sie zuerst Noreen half und sich dann selbst die Hände wusch, entdeckte sie auf der Ablage einen Schwangerschaftstest. Sollte ihre Schwester tatsächlich bereits schwanger sein, oder hatte diese den Test nur in der Hoffnung gekauft, es bald zu werden? Mena beschloss, Toni keinerlei Anlass mehr zum Ärgern zu geben. Ihre Schwester war sensibler als sie und hatte nah am Wasser gebaut.
In der Essecke hatte Toni bereits den Tisch gedeckt. Noreens Portion war einem Kind angemessen, aber die Nudeln waren mit viel Soße und geriebenem Parmesan bedeckt. Zum Trinken gab es für Noreen Saft und für die beiden Frauen Rotwein aus dem Gargano sowie Mineralwasser zum Einmischen, denn im Gegensatz zu Toni trank Mena Wein selten pur.
»Ich hoffe, es wird euch munden«, begrüßte Toni ihre Schwester und Noreen, als diese aus dem Badezimmer zurückkehrten.
»Bei dir schmeckt es immer!«, erklärte Mena.
Auch Noreen nickte eifrig. »Oh ja!«
»Dann setzt euch und esst!«
»Auf gut Deutsch heißt das: Haut rein!« Mena zwinkerte Noreen zu und reichte ihr das Besteck. Auch sie griff beherzt zu, und Tonis Sorge, den beiden könnte es vielleicht doch nicht zusagen, schwand rasch.
»Ich glaube, diesmal habe ich es gut hingekriegt«, lobte sie sich selbst.
»Ich würde sagen: ausgezeichnet!«, erklärte Mena mit Nachdruck. »Ich kenne kein Lokal, das besser italienisch kocht als du. Wenn dein Modegeschäft mal nicht mehr rentabel sein sollte, könntest du unbesorgt ein Restaurant aufmachen. ›Ristorante Antonia‹ – das wäre doch was! Ich käme jeden Tag zu dir zum Essen.«
»Ich auch!«, rief Noreen und wälzte eine Tortellini so ausgiebig in der Soße, dass diese über den Tellerrand spritzte und einen roten Fleck auf der Tischdecke hinterließ.
»Dann müsste ich aber die Preise erhöhen, sonst kommt mich das Waschen der Tischdecken zu teuer«, antwortete Toni und lächelte vergnügt. »Bislang sieht es nicht so aus, als würde mein Modegeschäft pleitegehen. Es kommen sogar Kundinnen aus München zu mir, denen das Angebot dort zu nuttig ist!«
»Was ist nuttig?«, wollte Noreen wissen.
Toni verdrehte ratlos die Augen.
Da griff Mena ein. »Es bedeutet, dass an der Kleidung alles übertrieben ist.«
»So wie bei meiner Mama! Die ist dann auch nuttig«, erwiderte die Kleine munter.
»Das solltest du ihr besser nicht sagen! Es ist kein schönes Wort, sondern genauso hässlich wie dumm oder böse«, antwortete Mena besorgt. Sie kannte Noreen und wusste, dass sich der niedliche Engel sehr rasch in einen kleinen Teufel verwandeln konnte.
»Jetzt esst weiter!«, drängte Toni, um die Gedanken des Mädchens auf andere Dinge zu lenken.
Noreen wälzte die nächste Tortellini in der Soße und freute sich über den Fleck, den sie diesmal auf dem Tischtuch machte. »Der ist noch größer als der andere!«, erklärte sie stolz.
»Trotzdem solltest du versuchen, keine Soßenflecken zu machen. Sonst lädt Toni uns nicht mehr ein«, mahnte Mena die Kleine.
»Als wenn da ein Soßenfleck etwas ausmachen würde!«, wandte Toni ein. »Ich freue mich doch, dass es Noreen schmeckt. Was macht ihr eigentlich Montag? Hast du Urlaub und kannst dich um Noreen kümmern?«, fragte sie Mena.
Ihre Schwester schüttelte den Kopf. »Ich dachte, ich nehme sie wieder mit ins Institut und gebe ihr Papier und ein paar Stifte, damit sie sich beschäftigen kann.«
»Aber das ist doch viel zu langweilig für einen ganzen Tag!«, rief Toni aus. »Außerdem wirst du hinter deinem Computerbildschirm hocken und ihre Anwesenheit über deiner Arbeit ganz vergessen.«
»Ich werde höchstens vor dem Bildschirm sitzen«, korrigierte Mena Toni lächelnd.
»Aber du wirst dich dabei nicht um Noreen kümmern können! Weißt du was? Bring sie früh am Morgen zu mir. In meinem Geschäft wird es ihr gewiss besser gefallen als in eurem trockenen Institut.« Toni betrachtete Noreen mit einem so sehnsüchtigen Blick, dass Mena schon ein Ungeheuer hätte sein müssen, um nicht auf diesen Vorschlag einzugehen.
»Also gut! Das heißt, wenn Noreen einverstanden ist.« Mena sah die Kleine fragend an und erhielt ein Grinsen zur Antwort.
»Ich bin gerne bei Tante Toni. Sie kocht besser als du!«
»Da hörst du es!«, trumpfte Toni auf.
»Dann ist es abgemacht!« Diese Lösung war Mena nicht unrecht. Zwar hatte sie ihren letzten Großauftrag abgeschlossen, doch viel Zeit für die Kleine würde sie tatsächlich kaum aufbringen können. Toni hingegen würde Noreen nach Strich und Faden verhätscheln.
»Noreen muss allerdings brav sein!«, schränkte sie ihr Zugeständnis wieder ein wenig ein. »Bist du das?«
Die Kleine begriff, dass es Mena ernst damit war, und nickte. »Ich bin doch immer brav!«
»Am Montagabend werde ich Toni danach fragen«, sagte Mena lächelnd und aß weiter.
»Wann kommt Claudius zurück?«, wollte Toni wissen und stellte, ohne eine Antwort abzuwarten, unvermittelt die Frage, die sie am meisten bewegte. »Wann heiratet ihr endlich?«
»Deine Tortellini schmecken wirklich ausgezeichnet«, sagte Mena trocken.
1.9
An diesem Montag kam Dr. Stadler früher als sonst in die Firma, weil er das Rätsel des vertauschten Containers lösen wollte. Doch als er auf den Lagerplatz hinaustrat, sahen sich die Lageristen Bindrich und Turner dort gerade mit ungläubigen Mienen um.
»Wo ist der Container?«, fragte Stadler.
Bindrich breitete hilflos die Arme aus. »Der ist weg, Herr Dr. Stadler. Einfach weg! Am Freitag hat er noch hier am Zaun gestanden.«
»Aber das ist doch nicht möglich!«, stieß Stadler hervor. »Ein Container kann nicht einfach verschwinden.«
»Aber es ist so! Wenn Sie schauen wollen? Da sind noch die Abdrücke, die der Container hinterlassen hat.« Bindrich zeigte auf ein paar Schleifspuren auf dem Asphalt.
»Die könnten auch von einem früheren Container stammen«, wandte Stadler ein, wobei er sich insgeheim eingestand, dass die Spuren tatsächlich frisch aussahen. »Wo ist überhaupt Wichelmann?«
»Bernd ist noch nicht da«, berichtete Bindrich.
»Das sehe ich selbst! Aber er muss sich um den Container kümmern. Zu was ist er hier Vorarbeiter?« Stadler verlor die Geduld mit seinen Leuten und überlegte, ob er die Polizei einschalten sollte. Doch außer den Worten der beiden Lagerarbeiter hatte er keinen Beweis für die Anlieferung und das geheimnisvolle Verschwinden des Containers.
Da fiel Turner etwas ein. »Ich habe am Freitagnachmittag eine Probe aus dem Container in Dr. Trendlers Labor gebracht.«
»Bei Trendler also!« Stadler wandte sich dem Verwaltungsgebäude zu. Da Trendler noch nicht in seinem Labor war, suchte er erst einmal sein Büro auf. Seine Sekretärin war ebenfalls noch nicht anwesend, und so gab es auch keinen frischen Kaffee für ihn. Nur der Anrufbeantworter blinkte stumm. Er schaltete das Gerät ein und kniff im nächsten Moment die Augen zusammen. Der Anruf stammte von der Autobahnpolizei, die ihm mitteilte, dass ein gestohlener Lkw-Anhänger mit einem für seine Firma bestimmten Container auf einem Parkplatz bei Hildesheim gefunden worden sei.
Nun verstand Stadler gar nichts mehr. Er setzte sich an seinen Computer, schaltete ihn ein und ließ sich die Entfernung nach Hildesheim anzeigen. Es waren etliche Hundert Kilometer, und er fragte sich, wie der Container dorthin gelangt sein konnte. War es überhaupt seiner?
Der Signalton seines Telefons beendete seine Grübeleien.
»Hier Stadler.«
»Herr Dr. Stadler, hier ist Wichelmann! Ich bin eben gekommen und habe gehört, dass der Container verschwunden sein soll!«
Sein Lagerleiter klang nahezu panisch, fand Stadler, als hätte der Mann Angst, persönlich für diesen Umstand haften zu müssen.
»Das haben mir Bindrich und Turner bereits mitgeteilt!«, antwortete er schärfer als gewollt. »Aber mittlerweile haben sich neue Entwicklungen ergeben. Die Autobahnpolizei hat angerufen, dass ein für uns bestimmter Container bei Hildesheim gefunden worden wäre. Kümmern Sie sich darum!«
»Wie?«, fragte Wichelmann erschrocken.
»Indem Sie hinfahren und nachsehen, ob es wirklich unser Container ist oder wieder ein vertauschter. Ich gebe Ihnen die Daten durch!« Nachdem Stadler dies getan hatte, legte er mit einer heftigen Bewegung auf. Nun hätte er einen starken Kaffee gebraucht und dachte mit einer gewissen Selbstironie daran, dass er wie so viele andere Firmenchefs ohne seine Sekretärin verdammt hilflos war.
1.10
Der Aufenthalt in London wurde für Korbinian Breitle zur Folter. Dabei war das Musical wunderbar, das Hotel erstklassig und das Essen in den Restaurants ein Traum. Breitle dachte jedoch die ganze Zeit an den vertauschten Container und kämpfte mit sich, ob er nicht seine beiden Geschäftspartner anrufen sollte. Doch das hatten diese ihm strikt untersagt. Er wusste daher nicht, ob es ihnen gelungen war, den richtigen Container an sich zu bringen. Dabei benötigte er dringend das Geld, das Tobias und Alex Meyer ihm für dieses Geschäft geboten hatten. Als er am Montagmorgen im Hotel mit seiner Kreditkarte bezahlte, schwitzte er Blut und Wasser. Seine Frau hatte ihre eigene Karte daheim vergessen und trotzdem den Samstag dazu benützt, all das in London zu besorgen, ohne das sie angeblich nicht mehr leben konnte. Nun konnte er nur hoffen, dass sein Kreditrahmen noch nicht überschritten worden war.
Als die Dame an der Rezeption ihm seine Kreditkarte mit einem freundlichen Lächeln zurückreichte, atmete Breitle auf. Es hätte sich nicht gut gemacht, wenn er auf einmal als nicht kreditwürdig gegolten hätte. Er rang sich ein paar höfliche Abschiedsworte ab und drängte in Gedanken seine Frau, endlich aufzutauchen. Das Taxi, das sie zum Flughafen bringen sollte, wartete bereits auf sie. Das Flugzeug würde das nicht tun, und die Zeit wurde bereits knapp.
Endlich ließ Marilyn sich sehen. Sie trug einen neuen Mantel, der ihre schwangeren Formen sanft umspielte. Mit einem gewissen Ärger dachte Breitle an die Summe, um die das Ding ihn ärmer gemacht hatte. Dabei würde seine Frau es in spätestens zwei Monaten nicht mehr tragen. Sie wird erneut nach London oder gar nach New York fliegen wollen, um sich neu einzukleiden, fuhr es ihm durch den Kopf. Dabei waren die Schränke in mehreren Zimmern seiner Villa bis zum Bersten mit ihren Klamotten vollgestopft.
»Hast du dem Pagen gesagt, dass er unser Gepäck holen soll, mein Lieber?«, fragte Marilyn.
Ihr Mann schüttelte den Kopf, holte es aber rasch nach und sah kurz darauf erleichtert, dass die Koffer, darunter auch zwei neue für die hier erworbenen Sachen, im Taxi untergebracht wurden. Er würde nie begreifen, weshalb Frauen so viele Kleider, Schuhe, Handtaschen und Schmuckstücke benötigten.
Hoffentlich ist daheim alles gut gegangen, dachte er, während sie zum Flughafen fuhren. Ohne das Geld, das mir die Meyers angeboten haben, bin ich verloren! Dabei hatte er das unangenehme Gefühl, dass diese Summe bei weitem nicht ausreichen würde, um Marilyns Bedürfnisse zu befriedigen, geschweige denn, um seine Schulden abzudecken.
Noch während Breitle überlegte, wie er an mehr Geld kommen konnte, erreichten sie den Flughafen. Er bezahlte den Taxifahrer und ärgerte sich, dass er selbst einen Gepäckwagen besorgen und die nicht gerade geringe Anzahl an Koffern zum Check-in-Schalter fahren musste. Mit mühsam aufrechterhaltener Höflichkeit zahlte er die Summe, die ihm die freundliche Dame am First-Class-Schalter für das Übergepäck abverlangte, und war schließlich froh, als die Maschine abhob und der Heimat entgegenflog.
1.11
Zu Hause nahm Breitle sich nicht die Zeit, ins Haus zu gehen, sondern wechselte nur das Auto und fuhr zu seiner vier Kilometer entfernten Firma. Als er in sein Büro stürmte, war der Bildschirm dunkel, und auf der Tastatur lag ein verschlossener Briefumschlag. Breitle riss ihn auf, zog den Zettel heraus, der darin steckte, und las ihn durch.
»Der Container ist hier! Der Inhalt wird heute noch verarbeitet«, stand da.
Erleichtert trat Breitle zum Fenster und sah hinaus. Tatsächlich stand ein anderer Container an der Stelle, an der er und seine beiden Partner den falschen entdeckt hatten. Damit, so sagte er sich, war ihm die versprochene Summe sicher.
In der Hoffnung, dass sich nun doch alles zum Besseren wenden würde, sah er zu, wie ein Kleinbus auf den Firmenhof einbog und die fünf Männer ausstiegen, die für die Wollwäsche verantwortlich waren. Seine Partner hatten sie für ihn ausgesucht und ihm erklärt, dass sie auf Vierhundertfünfzig-Euro-Basis arbeiten würden. Zeugnisse oder andere Arbeitspapiere von ihnen hatte er nicht zu Gesicht bekommen.
Auch die Anlage zum Waschen der Wolle hatte er sich auf Meyers Anraten besorgt, ebenso die Geräte zum Abfüllen der aus der Wolle herausgelösten Stoffe. Worum es sich dabei handelte, hatten seine Partner ihm nicht verraten. Es musste jedoch etwas ganz Spezielles sein, denn niemand zahlte ihm fünfhunderttausend Euro für ein solches Geschäft, wenn er damit nicht mehrere Millionen verdienen konnte.
Da nun alles problemlos zu laufen schien, sandte Breitle eine kurze Mail ab, in der er den Empfänger drängte, ihm schnellstmöglich den Katalog zu schicken. Mit dem Katalog war das Geld gemeint, das Alex und Tobias ihm geboten hatten. Breitle war klar, dass die Namen nicht echt waren. Auch die Art, wie sie auftraten, erschien ihm gespielt.
Als er kurz darauf auf den Lagerplatz kam, hatten die fünf Arbeiter den Container bereits geöffnet, und ihr Vorarbeiter, der zu Breitles Amüsement den Namen Tanzbär trug, wies mit besorgter Miene hinein.
»Irgendjemand hat den Container aufgemacht und hineingeschaut!«
Breitle zuckte zusammen. Angesichts der Summen, die hier flossen, war dies kein Geschäft, von dem jemand anderes wissen durfte. »Ist die Sendung beschädigt?«, fragte er ängstlich.
»Die Plane einer Palette ist aufgeschnitten und in der Wolle herumgekramt worden. Vielleicht hat man auch etwas herausgenommen.«
Das war fatal. Breitle fragte sich, inwieweit die Männer über die ganze Sache Bescheid wussten. Er durfte kein Risiko eingehen und zuckte daher in gespielter Gelassenheit mit den Schultern.
»Das war zu erwarten! Wir würden das auch tun, wenn ein falscher Container bei uns auftaucht.« Er zwang sich zu einem Lächeln und wies die Männer an, mit der Wollwäsche zu beginnen.
»Fangt ihr schon mal an! Ich muss kurz eine SMS schreiben«, wies Tanzbär seine Mitarbeiter an und trat beiseite.
Breitle beobachtete, dass er ein teures Smartphone aus der Tasche zog und einen kurzen Text eintippte. Womöglich verfügte der Mann über bessere Kontakte zu den Initiatoren des Geschäfts als er. Darüber ärgerte Breitle sich, und er nahm sich vor, so bald wie möglich mit Alex und Tobias Meyer darüber zu sprechen.
Zunächst sah er noch zu, wie die Arbeiter die Paletten mit Gabelstaplern in die Halle fuhren, in der die Wollwaschanlage untergebracht war. Dann drehte er sich um und kehrte in sein Büro zurück. Eine neue Mail war eingetroffen.
»Kataloge sind unterwegs. T. Meyer.«
Wenigstens etwas, dachte Breitle und schob die Tatsache, dass der Container geöffnet worden war, erst einmal beiseite.
1.12
Nach den anstrengenden Wochen wurde es Mena im Institut direkt langweilig, und so nutzte sie die Zeit, ihr Büro aufzuräumen. In den Ecken lag stapelweise Papier herum, das sie während ihrer Recherchen für Stadlers Konzern ausgedruckt hatte. Dessen Großvater hatte mit einer schlichten Kaffeerösterei in Friedberg angefangen, und dort befand sich auch der nominelle Firmensitz. Die Zentrale hatte Stadler inzwischen nach München verlegt. Für Menas Analysen hatte der Kaffee jedoch nur eine untergeordnete Rolle gespielt, denn Stadler besaß mittlerweile eine Fabrik für Milchprodukte in Alpennähe, eine Nudelfabrik in Süditalien und seit kurzem eine Großbäckerei in Dessau sowie etliche weitere Unternehmen im ganzen Land. Ihre Untersuchungen hatten Synergien zwischen den einzelnen Firmenteilen entdecken und neue Absatzmärkte ausfindig machen sollen.
Mena war davon überzeugt, gute Arbeit geleistet zu haben. Nun aber hieß es, von diesem Projekt Abschied zu nehmen. Daher schleppte sie die Papierstapel in den Keller des Gebäudes, verstaute sie dort in Kartons und beschriftete diese. Zwar hatte sie alle Ergebnisse auf verschiedenste Speichermedien gezogen, doch es konnte sein, dass sie den einen oder anderen Ausdruck für eine andere Untersuchung benötigte.
»Lass das doch Frithjof machen! Immerhin habe ich ihn eingestellt, damit er dich und Isabelle unterstützt«, erklärte Professor Claaßen, als Mena zum dritten Mal die Treppe heraufkam.
Frithjof Kathen war der neue Praktikant im Team, das neben Mena, dem Professor und Isabelle Scherzle noch zwei studentische Hilfskräfte umfasste.
»Ich habe gerade die Zeit, alles so aufzuräumen, wie ich es für übersichtlich halte. Außerdem tut nach den langen Tagen am Computer ein wenig Bewegung gut.«
»Ich will nicht, dass du zu schwer trägst und dir die Hexe ins Kreuz schießt!«
Mena lachte. »Das wird sie schön bleiben lassen! Aber ich muss wirklich etwas mehr für meine Kondition tun. Wenn der Weg zur Arbeit nicht so stark befahren wäre, würde ich statt mit dem Bus mit dem Rad fahren.«
»Wie wäre es mit Urlaub? Derzeit könnten Isabelle und ich das Kind auch allein schaukeln. Nicht dass ich etwas gegen einen solchen Hammerauftrag wie den von Stadler hätte. Diese Geldspritze tut uns ganz gut.« Claaßen lachte leise, denn auch wenn derzeit ein wenig Flaute herrschte, hatte ihr Institut für zeitgeschichtliche Forschungen bislang gut verdient. Dies war in erster Linie Mena zu verdanken, aber auch er hatte einige harte Nüsse geknackt und war gut dafür entlohnt worden.
»Urlaub wäre nicht schlecht. Ich würde damit aber gerne warten, bis sich Claudius ein paar Tage freimachen kann. Derzeit ist er zu beschäftigt.«
»Treibt er sich immer noch in Dubai herum?«, fragte Claaßen.
»Ja. Anschließend fliegt er nach Russland. Die wollen bei Moskau eine hochmoderne Klinik einrichten, und er versucht, den Verantwortlichen seine medizinischen Gerätschaften schmackhaft zu machen.«
»Du könntest ihn mit ein paar Analysen unterstützen. Er wäre dir sicher nicht böse – und jetzt hast du Zeit dafür!« Claaßens Vorschlag kam nicht ganz uneigennützig. Wenn Mena und Claudius Augustus Kaiser heiraten würden, wollte er, dass die Wissenschaftlerin weiter in seinem Institut tätig blieb und ihre Talente nicht dadurch vergeudete, für ihren Ehemann neue Geschäftsmöglichkeiten zu recherchieren.
Mena war dies bewusst, und sie wollte diese Arbeit auch nicht aufgeben. Allerdings hatte sie bis jetzt Privates und Geschäftliches strikt getrennt und hier im Institut keine Untersuchungen für Claudius’ Firma vorgenommen. Doch da Claaßen ihr dies nun angeboten hatte, würde sie es tun.
»Ich werde mich mal ein wenig in seine Geschäfte einklinken, höre aber sofort auf, wenn richtige Arbeit kommt«, erwiderte sie und wollte in ihr Büro gehen.
»Ich glaube, dass auch die Analysen für Claudius richtige Arbeit sind!«, rief Claaßen ihr nach.
An ihrer Tür drehte Mena sich noch einmal um. »Das bestreite ich nicht! Trotzdem hat die Arbeit für das Institut Vorrang. Wenn also etwas Neues hereinkommt, werde ich mich daraufstürzen.« Mit diesen Worten zog Mena sich in ihr Arbeitszimmer zurück und machte sich ans Aufräumen der restlichen Unterlagen.
Wenig später steckte Frithjof Kathen den Kopf zur Tür herein. »Frau Dr. Reglin, wenn Sie mich brauchen, kann ich jederzeit etwas für Sie tun.«
Mena musterte den jungen Mann mit dem halblangen Haar und der Brille aus dünnem Metallgestänge und schüttelte insgeheim den Kopf über den Professor, der ihn zu ihr geschickt hatte. Dabei gab es im Institut genügend andere Arbeit, die erledigt werden musste.
»Danke, Frithjof! Aber ich bin so weit fertig. Vielleicht hat Isabelle etwas für dich zu tun.« Ebenso wie alle anderen duzte sie den jungen Mann, während dieser es bei ihr, dem Professor und Isabelle Scherzle trotz mehrfacher Aufforderung nicht wagte.
»Ich werde Frau Scherzle fragen«, antwortete Frithjof.
»Und wenn nicht sie, dann hat sicher Professor Claaßen einen Auftrag für dich!« Mena lächelte, sagte sich aber, dass Claaßen den Praktikanten zu ihr geschickt hatte und es daher nur gerecht war, wenn er ihn nun an den Hals bekam.
Nachdem Frithjof das Zimmer wieder verlassen hatte, beschloss Mena, den letzten Packen Papier erst am nächsten Tag in den Keller zu bringen. Stattdessen rief sie die wichtigsten Internetseiten auf, die sie für ihre Analysen benötigte. Dank ihrem ausgezeichneten Übersetzungsprogramm konnte sie die russischen Texte in brauchbares Deutsch umwandeln.
In den folgenden Stunden las und kopierte Mena unzählige Seiten, die das geplante Klinikprojekt in Russland betrafen. Sie begriff rasch, dass sie Claudius gut beraten konnte, und schickte ihm eine diesbezügliche Mail. Sie schloss mit den Worten »Noreen und ich vermissen dich« und setzte noch ein kleines rotes Herz dahinter.
Danach stellte sie die ersten Dateien für ihren Freund zusammen. Einmal meldete sich ihr Firewall-Programm, und sie verbrachte eine halbe Stunde damit, den Trojaner, der sich in ihre Programme einschleichen wollte, zu isolieren und an seine Quelladresse zurückzuschicken. Dabei stellte sie sich grinsend vor, was der Hacker sagen würde, wenn er plötzlich seinen Computer durch das eigene Spähprogramm verseucht fand.
Es machte ihr Spaß, den Spieß umzudrehen, und so hackte sie sich in weitere Seiten jenes Computers ein. Das Spähprogramm war gut, womöglich war es für das russische Militär entwickelt worden. Doch sie war kein heuriger Hase und hatte nach ihren Erfahrungen mit der verbrecherischen Wissenschaftlerin Susanne Fehse-Biskop ihre Firewall neu konzipiert. Daher war sie sicher, dass sich so leicht kein Fremder in ihren Computer einhacken konnte.
Die Daten, die sie aus dem anderen Computer zog, waren von überallher zusammengestohlen worden. Mit einem leisen Schnauben überlegte Mena, ob einer der russischen Geheimdienste ihre Suche im russischen Netz bemerkt und geplant hatte, dies auszunützen. Die Daten, die auf ihrem Rechner gespeichert waren, nutzten zwar dem russischen Militär wenig, konnten aber russischen Firmen einen unfairen Vorteil verschaffen.
Nicht zuletzt aus diesem Gedanken heraus sah Mena es als ausgleichende Gerechtigkeit an, wenn sie sich im Fundus ihres virtuellen Gegners bediente. Strafe muss sein, dachte sie, als sie schließlich die Verbindung zu dem anderen Computer beendete und über die Daten auf ihrem eigenen Gerät noch einmal ihr Virenschutzprogramm laufen ließ.
1.13
Bernd Wichelmann saß so verkrampft hinter dem Steuer, dass seine Schultern schmerzten. Der Auftrag, den Dr. Stadler ihm erteilt hatte, war ganz anders als die tägliche Routine in der Firma. Dort konnte er an seinem Schreibtisch sitzen, seinen Untergebenen die Arbeit zuteilen und Entscheidungen seinen Vorgesetzten überlassen. Auf die Weise war er die letzten Jahre gut durchgekommen. Nun aber lastete die Verantwortung für einen Container mit wertvollem Inhalt allein auf seinen Schultern.
Während er mit einem Firmenfahrzeug die Autobahn in Richtung Norden fuhr, kämpfte er mit der Angst, der Container wäre ausgeräumt und etliche Tonnen guten bolivianischen Hochlandkaffees gestohlen worden. Auch wenn die Versicherung zahlen würde, musste die Produktion unterbrochen werden, bis neuer Kaffee aus Südamerika angeliefert wurde.
Die einzelnen Autobahnabfahrten waren wie Wegmarken auf seiner Strecke. Unwillkürlich zählte er mit: Ausfahrt 70, 69, 68, 67. Nun kam der Rasthof Harz und die Ausfahrt Rhüden. »Nummer 66«, murmelte Wichelmann. Der nächste Parkplatz musste es sein.
Aus Angst, die Einfahrt zu übersehen, wagte er es nicht einmal mehr, einen langsam fahrenden Lkw zu überholen. Nach quälenden Minuten kam endlich das Schild, und Wichelmann schaltete den Blinker ein.
Der Parkplatz war teilweise abgesperrt, und ein blau uniformierter Mann trat auf seinen Wagen zu. Es dauerte einen Augenblick, bis Wichelmann sich erinnerte, dass die Polizei in den meisten Bundesländern blau gekleidet war und nicht mehr in Grün und Beige wie noch in Bayern. Er zwinkerte nervös mit den Augen, als er das Seitenfenster herunterfahren ließ und den Uniformierten ansprach.
»Grüß Gott! Mein Name ist Wichelmann. Herr Dr. Stadler schickt mich. Hier soll ein Container gefunden worden sein, der für uns bestimmt war.«
»Ah, Sie kommen von den Stadler-Werken!« Die Miene des Polizisten entspannte sich, und er forderte Wichelmann auf, ein Stück weiter vorne zu parken. Dieser tat es, stieg aus und war bereits auf halbem Weg zu dem Lkw-Aufleger, der ohne Zugmaschine auf dem Parkplatz stand. Da fiel ihm ein, dass er den Wagen nicht abgeschlossen hatte, und er eilte zurück, um es nachzuholen. Wenig später stand er vor dem Aufleger und musterte den Container.
Der Polizist gesellte sich zu ihm. »Wir haben nur anhand der innen liegenden Begleitpapiere herausgefunden, dass der Kasten für Ihre Firma bestimmt ist. Sollte es je eine Aufschrift gegeben haben, so ist diese abgerissen worden. Kann ja vorkommen! Ich habe in Hamburg gesehen, wie Container verladen werden. Die Leute sind zwar vorsichtig, aber ein Zettel, der nicht richtig angebracht ist, der kommt rasch weg.«
»Aber trotzdem dürfte ein Container nicht falsch ausgeliefert werden. Sein Empfänger steht doch im Computer!«, wandte Wichelmann ein.
»Auch da kann es Fehler geben. Es braucht nur einer eine falsche Zahl in den Computer eingeben, und schon kommt der Container ganz woanders hin. Seien Sie froh, dass Sie nicht bis nach China müssen, um ihn abzuholen.« Der Polizist grinste, als wäre alles ein Heidenspaß, während Wichelmann der Schweiß auf die Stirn trat.
»Was machen wir jetzt?«, fragte er den Beamten ratlos.
»Der Tieflader ist wahrscheinlich vor ein paar Tagen in Polen gestohlen worden und bleibt erst mal in Polizeigewahrsam. Sie sollten daher einen neuen Lkw mit entsprechendem Aufleger besorgen, dazu einen Kranwagen, der den Container umladen kann.«
»Aber das kostet ein Heidengeld!«
Der Polizist zuckte mit den Schultern. »Ihre Firma hat doch sicher eine Transportversicherung. Von der kriegen Sie das Geld zurück.«
»Aber ich müsste es zuerst auslegen. So viel habe ich nicht bei mir und kann die Summe auch nicht vom Firmenkonto abheben. Dafür reichen meine Befugnisse nicht aus.«
Da Wichelmann so aussah, als wolle er die ganze Verantwortung auf ihn schieben, nahm der Polizist eine abwehrende Haltung an.
»Dann sorgen Sie dafür, dass jemand kommt, der die Sache deichseln kann! In vierundzwanzig Stunden muss der Container weg sein. Seien Sie froh, dass wir ihn nicht beschlagnahmen! Immerhin ist der Aufleger, auf dem er steht, gestohlen worden.« Damit wandte der Beamte Wichelmann den Rücken zu und ging auf einen Lkw zu, der eben auf dem Parkplatz einfuhr.
Wichelmann rief Dr. Stadler an und erklärte ihm hastig, dass die Polizei ihn angewiesen habe, den Container schnellstens wegzubringen. »Aber ich habe nicht das Geld, um einen Lkw und einen Kranwagen anfordern zu können«, schloss er mit kläglicher Stimme.
