Nur ein Zeitvertreib - Aliza Korten - E-Book

Nur ein Zeitvertreib E-Book

Aliza Korten

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Wohin also mit dem Jungen?« Die freundliche Sozialhelferin sah den Leiter des Jugendamtes betrübt an. »Keine Angehörigen vorhanden«, erklärte sie knapp. »Philipp Warstatt lebte bei seinem Großvater, da die Mutter bei der Geburt des Kindes gestorben ist. Den Namen des Vaters hatte die Mutter nicht angegeben. Es fanden sich darüber keinerlei Unterlagen. So bleibt nur das Kinderheim in der Kreisstadt – wenigstens für den Anfang. Am besten bringe ich den Jungen noch heute dorthin. Er kann ja unmöglich allein in der Wohnung bleiben über Nacht.« »Der alte Herr hätte doch irgendwie Vorsorge treffen müssen«, meinte der Amtsleiter tadelnd. Die Sozialhelferin hob die Schultern. »Er war erst dreiundsechzig. Gewiß hoffte er, seinen Enkel noch großziehen zu können.« Die Sozialhelferin erhielt von ihrem Chef eine entsprechende Anweisung und fuhr in ihrem kleinen Wagen zurück nach Wiesberg, zu dem bescheidenen Mietshaus, in dem der Großvater des kleinen Philipp Warstatt so plötzlich verstorben war. Der Bub war fünf Jahre alt, hatte einen brauen Pagenkopf und schaute aus großen, aufgeweckten Augen in die Welt. Noch hatte er das schreckliche Ereignis nicht begriffen. »Wer bist du?« fragte er das junge Mädchen mit heller Stimme.

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Seitenzahl: 148

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sophienlust – 385 –Nur ein Zeitvertreib

Unglücklicher kleiner Prinz – wer wird dir helfen?

Aliza Korten

»Wohin also mit dem Jungen?«

Die freundliche Sozialhelferin sah den Leiter des Jugendamtes betrübt an. »Keine Angehörigen vorhanden«, erklärte sie knapp. »Philipp Warstatt lebte bei seinem Großvater, da die Mutter bei der Geburt des Kindes gestorben ist. Den Namen des Vaters hatte die Mutter nicht angegeben. Es fanden sich darüber keinerlei Unterlagen. So bleibt nur das Kinderheim in der Kreisstadt – wenigstens für den Anfang. Am besten bringe ich den Jungen noch heute dorthin. Er kann ja unmöglich allein in der Wohnung bleiben über Nacht.«

»Der alte Herr hätte doch irgendwie Vorsorge treffen müssen«, meinte der Amtsleiter tadelnd.

Die Sozialhelferin hob die Schultern. »Er war erst dreiundsechzig. Gewiß hoffte er, seinen Enkel noch großziehen zu können.«

Die Sozialhelferin erhielt von ihrem Chef eine entsprechende Anweisung und fuhr in ihrem kleinen Wagen zurück nach Wiesberg, zu dem bescheidenen Mietshaus, in dem der Großvater des kleinen Philipp Warstatt so plötzlich verstorben war.

Der Bub war fünf Jahre alt, hatte einen brauen Pagenkopf und schaute aus großen, aufgeweckten Augen in die Welt. Noch hatte er das schreckliche Ereignis nicht begriffen.

»Wer bist du?« fragte er das junge Mädchen mit heller Stimme.

»Ich heiße Christiane. Wir wollen jetzt deinen Koffer packen, damit ich dich ins Kinderheim bringen kann. Du bist schon angemeldet, und ich glaube, es wird dir dort gefallen, Philipp.«

»Kommt… kommt er nicht zurück?« flüsterte der Junge unsicher.

Christiane schüttelte den Kopf. »Dein lieber Großvater ist gestorben, Philipp.« Sie war für Aufrichtigkeit gegenüber Kindern.

Philipp holte tief Atem. »Nein, dann kommt er nicht mehr. Meine Mami ist auch gestorben. Ich habe sie nie gesehen.« Spontan beugte sich Christiane nieder und umarmte das verwaiste Kind. »Dein Großvater und deine Mami sind jetzt irgendwo da droben im Himmel«, flüsterte sie in dem heißen Bemühen, das Kerlchen ein wenig zu trösten. »Wenn abends die Sterne herauskommen, sehen sie auf dich herab. Sie haben dich lieb, auch wenn sie nicht mehr bei dir sein können.«

Philipp antwortete nicht.

Christiane suchte aus dem Schrank seine Kleidung zusammen. Dabei stellte sie fest, überall herrschte mustergültige Ordnung sowie Sauberkeit in der kleinen Wohnung des so jäh verstorbenen Frührentners.

»Was wird mit der Wohnung und den Möbeln?« fragte der Hausmeister herausfordernd. »Zum nächsten Ersten muß die Wohung vermietet werden.«

»Jemand vom Sozialamt wird sich darum kümmern. Wir haben heute erst den Zehnten.« Schlimm, daß dieser Mann schon an den neuen Mieter dachte!

Eine halbe Stunde später hielt der kleine Philipp Warstatt Einzug im Städtischen Kinderheim – ein stilles scheues Bübchen, das seine unbekümmerte Fröhlichkeit mit einem Schlage verloren hatte. Würde er sie jemals wiederfinden?

*

Die Stadverwaltung der Kreistadt bestand aus fortschrittlich denkenden Männern und Frauen. Eine Aktion »Kinder aus den Heimen in die Familien« wurde ins Leben gerufen. Überall hingen Plakate aus, die die Bürger aufforderten, sich um Pflegekinder zu bewerben. Wenn irgend möglich, wurden Adoptionen für die Heimkinder angestrebt, um sozial benachteiligten Jungen und Mädchen bessere Lebenschancen zu bieten.

Der Aufruf wurde erstaunlich positiv aufgenommen. Es gab zahlreiche Familien, die bereit waren, einen Buben oder ein Mädchen zu sich zu nehmen.

Für Philipp schien sich ein besonderes Glück anzubahnen. Um ihn bemühte sich die erst kürzlich verwitwete steinreiche Verena Bachmann, deren Mann mit einem Sportflugzeug tödlich verunglückt war. Verena Bachmann wohnte in Maibach und lud Philipp mehrmals in ihre große Villa ein, wo sie ihn mit Leckereien bewirtete und ihm Spielzeug schenkte. Sie war eine attraktive Frau von achtundzwanzig Jahren, die ihrem Dasein durch die Adoption eines verwaisten Kindes einen neuen Sinn und Inhalt verleihen wollte.

Die amtliche Überprüfungen der Bewerberin ergab die besten Resultate. Verena Bachmann wollte Philipp bei der Adoption zum Universalerben einsetzen. Vor allem aber war es ihre Absicht, ihm eine unbeschwerte, glückliche Kindheit, eine erstklassige Ausbildung und eine in jeder Hinsicht gesicherte Zukunft zu bieten.

Philipp selbst ließ nicht erkennen, wie er zu der schönen Dame, die ihn mit Freundlichkeiten überschüttete, stand. Er blieb so still und in sich gekehrt wie seit dem Tag seiner Ankunft im Heim. Er nickte nur, als man von ihm wissen wollte, ob er gern in Frau Verena Bachmanns Haus übersiedeln und von nun an dort wohnen wolle.

Der Vertrag kam zustande. Für sechs Monate sollte Philipp als Pflegesohn bei Verena Bachmann leben. Erst dann würde über die endgültige Adoption entschieden werden. So bestimmte es das Gesetz. Verena Bachmann war traurig, daß ihr der Junge nicht sogleich endgültig zugesprochen wurde. Sie wollte ihm ihren Namen geben, um seine Mutter zu werden.

»Die Wartezeit vergeht schnell, Frau Bachmann« tröstete sie der Vertreter des Amtsgerichtes. »Diese Probezeit wird vereinbart, damit bei schwerwiegenden Gründen ein Rücktritt möglich ist. Sobald Philipp rechtskräftig von Ihnen adoptiert ist, gilt er vor dem Gesetz als Ihr Sohn.«

»Genau das strebe ich an«, erwiderte Verena strahlend. »Sehen Sie, mein Mann hatte sich einen Sohn gewünscht, um ihm später das Vermögen und die große Fabrik übergeben zu können. Ich handele ganz in seinem Sinne, wenn ich nun ein armes Waisenkind zum Erben einsetze. Philipp wird studieren, damit er das Werk erfolgreich leiten kann, wenn er erwachsen ist. Der Intelligenztest hat bewiesen, daß er begabt ist. Obendrein habe ich ihn liebgewonnen. Wir sind bereits die allerbesten Freunde – Philipp und ich.«

Die Würfel waren gefallen. Wie ein kleiner Prinz wurde Philipp von Verena in ihrem Luxuswagen abgeholt.

»Ich besuche dich einmal«, versprach die Sozialhelferin Christiane dem Jungen beim Abschied, denn sie war beauftragt worden, sich über das Ergehen des Pflegekindes Philipp Warstatt zu informieren.

*

»So, wir fahren zuerst einmal zum Einkaufen, mein Junge. In diesem unmöglichen Aufzug brauchst du nicht mehr herumzulaufen.«

Philipp, der hinten im Wagen saß, betrachtete sein verwaschenes T-Shirt und die ausgebeulten Jeans. Bisher hatte er sich über seine Kleidung kaum Gedanken gemacht. Er liebte frisch gewaschene Sachen, weil sie so gut dufteten. Sein Großvater hatte die Waschmaschine fast täglich in Betrieb gesetzt, um den kleinen schmutzigen Wildfang jeden Morgen sauber in den Kindergarten schicken zu können. Ob T-Shirt, Hose und Pulli jeweils farblich zueinander paßten, hatte weder den kleinen, noch den alten Mann interessiert.

Verena war völlig anderer Meinung. Sie fuhr zu einem eleganten Spezialgeschäft für Kindermoden und kaufte eine komplette neue Ausstattung für Philipp. Immer wieder betonte sie gegenüber der übereifrigen Geschäftsinhaberin, daß Philipp ihr Sohn sei. Sie sonnte sich in dieser neuen Rolle, ohne dabei auf des Jungen verschlossenes, blasses Gesichtchen zu achten.

»Nein, nein, er darf das alte Zeug nicht mehr tragen. Werfen Sie alles weg«, entschied Verena, nachdem Philipp in dunkelblauen Samtkniehosen, einem hellblauen Flanellhemd und farblich abgestimmten Schnallenschu-hen vor ihr stand. Das große Paket mit weiteren neuen Klediungsstücken war schon fertig. Nun wollte die Ladenbesitzerin noch Philipps bisherige Kleidung einwickeln.

»Die Hose ist doch noch gut«, wandte Philipp leise ein.

Verena schüttelte energisch den Kopf. »Das kommt nicht in Frage, mein Kleiner. Von heute an wirst du schick angezogen.«

Wehmütig sah Philipp seine Sachen dahinschwinden. Sie wurden lieblos zusammengerollt und flogen in eine Ecke.

Glücklicherweise konnte er den Kummer vergessen, denn Verena fuhr nun mit ihm zu einer Konditorei, in der er nach Herzenslust Kuchen und Eis auswählen durfte.

Dann erst ging es nach Hause. Über der Eingangstür der Villa war eine Girlande befestigt worden. Die beiden Hausmädchen begrüßten Philipp mit freundlichen Gesichtern.

»So, nun bleibt er für immer bei mir«, verkündete Verena triumphierend. »Komm, Junge, ich zeige dir dein Zimmer.«

Sie zog ihn an der Hand die teppichbelegte Treppe in der Halle empor. Im oberen Stockwerk führte sie ihn in das große, sonnige Zimmer, das sie für ihn vorbereitet hatte. Eine helle Tapete, bunte Vorhänge und brandneue moderne Kindermöbel hatte Verena angeschafft. Die Bettbezüge waren lustig bedruckt, und im Regal prangten Spielwaren, Stofftiere, Autos in reicher Auswahl – viel zuviel für den bescheidenen Philipp, der sich ungläubig umschaute.

»Ist das für mich?« vergewisserte er sich mit stockender Stimme.

»Natürlich, mein Kleiner. Du bekommst noch mehr Spielzeug, wenn du möchtest. Ich wußte nicht genau, was du dir wünschst.«

Philipp ging zum Regal und griff nach einem kleinen, weichen Teddy, den er sogleich zärtlich ans Herz drückte. Ein schwaches Lächeln erhellte sein Gesicht.

»Gefällt er dir?«

Er nickte. Verena beugte sich nieder und küßte ihn, ohne zu beachten, daß er vor dieser stürmischen Zärtlichkeit erschrocken zurückweichen wollte. »Du sollst glücklich bei mir werden, Philipp. Eigentlich möchte ich lieber Phil zu dir sagen. Das klingt netter. Bist du damit einverstanden?«

Philipp hob die Schultern. Bisher war er stets mit seinem vollen Namen gerufen worden. Doch hier war sowieso alles anders…

»Willst du mich Mutti nennen?« fuhr Verena eifrig fort. »Du bist doch jetzt mein Kind.«

Jetzt schüttelte der kleine Junge den Kopf. »Das… das geht nicht. Meine Mami ist gestorben«, erklärte er entschieden.

»Ich bin die neue Mutti«, versuchte Verena es noch einmal und runzelte dabei etwas ärgerlich die Stirn.

»Nein«, erwiderte Philipp leise, aber mit großer Bestimmtheit. »Du bist Tante Verena. Das weiß ich doch ganz genau.«

Damit mußte sie sich zufriedengeben. Zum erstenmal brachte ihr Pflegesohn so etwas wie Eigensinn an den Tag. Aber in einiger Zeit würde er sich eingewöhnt haben und natürlich Mutti sagen! Verena glaubte, sie habe für den Anfang zuviel gefordert. Auch rechnete sie fest damit, daß Philipp, der nun Phil heißen sollte, seine Vergangenheit bald vergessen würde. Sie wollte, daß er sich als ihren Sohn betrachtete! Das, was früher war, hatte mit der neuen Gegenwart nichts zu tun.

Verena kannte den Namen von Philipps Mutter – Martina Warstatt. Dieser war ihr amtlich mitgeteilt worden. Auch wußte sie, daß der Bub beim Großvater gelebt hatte. Es war sicherlich nicht sonderlich schwierig, diese mageren Tatsachen außer acht zu lassen.

»Schau dir alles genau an, Phil«, forderte Verena ihn möglichst munter auf. »Später führe ich dich durchs ganze Haus, damit du dich auskennst.«

»Wohnen wir ganz allein hier – wir beide?« erkundigte sich der Bub staunend.

»Natürlich! Ich dachte, du weißt das. Ich war sehr allein. Deshalb habe ich dich ja aus dem Heim geholt.«

»Aber die beiden Damen bleiben?«

»Meinst du unsere Mädchen? Ja, die schlafen oben unter dem Dach. Sie halten alles in Ordnung, kümmern sich um die Wäsche und kochen für uns. Wenn einmal mehr zu tun ist, kommt noch eine Frau, und für den Garten habe ich einen tüchtigten Gärtner. Er wohnt in der Stadt.«

»So viele Leute brauchst du? Mein Großi hat alles selber gemacht, auch unseren Garten. Aber der war nur klein. Trotzdem haben wir immer Blumen darin gehabt und sogar Johannisbeeren am Strauch.«

»Hier ist vieles anders, als du es kennst, Phil. Du wirst dich bald daran gewöhnen.«

Philipp sah Verena nachdenklich an. »Gehe ich hier in den Kindergarten?« fragte er schließlich. »Bis zu uns nach Wiesberg ist es natürlich zu weit, nicht wahr?«

Philipp und der Großvater hatten in dem kleinen Flecken Wiesberg gelebt. Selbstverständlich war der Bub dort in den Kindergarten gegangen – mit dem größten Vergnügen übrigens.

»Im Kindergarten sind Jungen und Mädchen, die nicht zu uns passen«, erklärte Verena mißbilligend. »Du kommst sowieso bald zur Schule. Es lohnt sich nicht mehr.«

»Aber ich mag gern mit anderen Kindern spielen.«

»Ich bin immer da, Phil. Wir werden wunderbar zusammen spielen oder in die Stadt fahren, um einzukaufen. Du brauchst noch eine Menge.«

»Was brauche ich denn noch, Tante Verena?«

»Festtagsanzüge, einen schicken Mantel – du wirst schon sehen. Ein Fahrrad bringt der Gärtner mit. Ich habe ihn gebeten, das beste Sportrad für dich auszusuchen.«

Philipps Augen leuchteten auf. »Ein Rad – einfach so und ohne Weihnachten oder Geburtstag?«

»Es ist so etwas wie ein Geburtstag, weil du nun bei mir bleibst, Phil.«

Allmählich begriff er, daß sie es gut mit ihm meinte, auch wenn er sich irgendwie überrumpelt fühlte und nicht mit allem einverstanden war, was sie im Sinne hatte.

Abends gab es ein Festmahl, und Philipp durfte Champagner trinken. Er fand, daß er in der Nase kribbelte. Auch mußte er beim Nachtisch ständig lachen, und Tante Verena lachte mit. Es wurde ziemlich lustig, bis Philipp plötzlich vor Müdigkeit die Augen nicht mehr offenhalten konnte.

»Er hat natürlich zuviel Sekt getrunken«, sagte Verena amüsiert. »Wie komisch er jetzt läuft. Schau nur, Elsie!«

»Sie hätten ihm keinen Sekt geben sollen, Frau Bachmann«, wandte das Mädchen schüchtern ein. »Es ist nicht gut für einen Fünfjährigen.«

»Das geht dich nichts an, Elsie«, schalt die Hausfrau. »Bring ihn jetzt ins Bett. Vorher muß er natürlich gebadet werden. Man weiß nicht, was er aus diesem schrecklichen Heim an Bazillen oder Ungeziefer mitbringt. Und wirf seine alte Unterwäsche weg. Ich habe neue mitgebracht für morgen.«

»Ja, Frau Bachmann.«

Elsie half dem schwankenden Philipp die Treppe empor. Irgendwie brachte sie es fertig, ihn in der Wanne abzuschrubben, in einen seiner funkelnagelneuen Pyjamas zu stecken und schließlich ins Bett zu befördern. Es war ein hartes Stück Arbeit, weil der Bub völlig erschöpft war und sich nicht mehr auf den Beinen zu halten vermochte.

»Beten?« fragte er mit schwerer Zunge.

»Ich schicke dir Tante Verena.«

Doch als diese das Kinderzimmer betrat, war Philipp bereits fest eingeschlafen. Sinnend betrachtete sie den Jungen, dem sie ihren Namen geben wollte. Er gefiel ihr – ein hübsches aufgewecktes Kerlchen. Eines Tages würde er ein blendend aussehender junger Mann sein – ihr Sohn und Erbe! Niemand sollte dann noch wissen, daß sie ihn adoptiert hatte. Alle Welt sollte ihn für ihren eigenen Sohn halten.

Verena Bachmann hatte Wert darauf gelegt, unter den zahlreichen Kindern im Heim ausgerechnet Philipp Warstatt zu bekommen. Nach ihrer Meinung war er der niedlichste Bub von allen gewesen – und ein Mädchen wäre für sie ohnehin nicht in Frage gekommen.

An diesem Tag war also der erste entscheidende Schritt getan worden. Noch ein halbes Jahr, dann durfte sie Phil adoptieren und ihm ihren Namen geben. Sogar eine Änderung seiner Geburtsurkunde würde dann möglich sein, hatte sie durch ihren Rechtsberater herausgefunden!

Verena zog die Vorhänge vor und ging leise aus dem Zimmer. Um ihren schönen Mund stand ein befriedigtes Lächeln. Nein, eine kinderlose Witwe wollte sie nicht länger sein!

Im Wohnzimmer schaltete Verena den Fernsehen ein, um die Erinnerungen an Elmar, ihren tödlich verunglückten Mann, beiseite zu schieben. Elmar hatte sich Kinder gewünscht, doch sie hatte zuerst ihre Jugend und ihre Freiheit genießen wollen. Nun lebte Elmar nicht mehr – es war zu spät. Nur vier Jahre hatte die Ehe gedauert.

Verena stand auf und trat in der Halle vor den großen Spiegel, um sich sehr genau zu betrachten. Sie war schön und immer noch jung. Erst achtundzwanzig. Vielleicht würde sie nicht für immer und ewig Witwe bleiben…

Natürlich vermißte sie Elmar. Sie hatte ihn aufrichtig geliebt, aber nun war sie allein. Es nützte ihm kaum etwas, wenn sie ihr Leben vertrauerte! Der neue Anfang war gemacht – mit dem kleinen Phil!

Elsie kam herbei und erkundigte sich höflich, ob sie noch einen Wunsch ha-be.

»Nein, nichts, Elsie. Gehen Sie schlafen, wenn Sie wollen. Wie gefällt Ihnen mein Sohn Phil?«

»Er ist ein liebes Kerlchen, aber noch ziemlich still und verstört, nicht anders als bei seinen ersten Besuchen hier. Ich dachte, er würde gleich viel fröhlicher werden, wenn er erst weiß, wohin er gehört.«

Verena hob die Schultern. »Phil ist erst fünf. Er hat wohl noch nicht ganz begriffen, welches Glück es für ihn ist, bei mir zu sein. Später wird er es ­einsehen, denke ich. Beim Essen war er doch ziemlich lustig.« Sie lachte leise.

»Das kam nur vom Sekt, Frau Bachmann.«

»Wenigstens weiß ich jetzt, daß er überhaupt lachen kann.«

Elsie verabschiedete sich für die Nacht und entschwand nach oben. Dort wartete ihre Kollegin Isa bereits auf sie. Sie wollten sich einen spannenden Krimi anschauen, der in fünf Minuten beginnen sollte, denn sie hatten einen eigenen Fernseher.

*

Am Morgen hatte Phil, wie er nun also heißen sollte, kleine Augen und etwas Kopfweh.

»Champagner scheint dir nicht zu bekommen«, stellte Verena fest. »Was magst du zum Frühstück?«

»Gar nichts, bitte.«

»Das kommt nicht in Frage. Du wirst Kakao trinken und ein Brötchen essen. Sonst wächst du nicht. Du willst doch groß werden – so groß wie Onkel Elmar.«

»Wer ist das?« Phil hatte keine Ahnung, von wem Verena sprach.

Verena holte ein silbergerahmtes Foto ihres Mannes und zeigte es dem Jungen. »Er ist mit einem Flugzeug abgestürzt und lebt leider nicht mehr. Sonst wäre er jetzt dein Papi«, erklärte sie ihm.

»Stimmt das?« zweifelte Phil. »Ich… ich weiß nämlich gar nicht, wer mein Papi war. Meine Mami ist gestorben
und hat es nicht einmal dem Großi gesagt.«

»Denk dir, es sei Onkel Elmar gewesen. Es könnte doch sein. Jedenfalls bekommst du bald seinen Namen. Phil Bachmann, das hört sich gut an, nicht wahr? Und später gehört seine Fabrik dir und natürlich das viele Geld…«

»Eine Fabrik?«

»Ich zeige sie dir nächste Woche. Dort werden Maschinen und Motoren hergestellt. Das wird dich interessieren.«

»Aber ich bin nur ein Junge und brauche keine Fabrik.«

»Jetzt nicht, Phil. Erst wenn du erwachsen bist. Im Augenblick wird die Fabrik von einem tüchtigen Ingenieur geleitet.«

Phil schwieg. Verena füllte seine Tasse mit Kakao und machte ihm ein Brötchen zurecht. Mühsam schluckte er das Frühstück herunter. Ihm war übel. Nie wieder wollte er dieses kribbelige Zeug trinken.

Verena bemerkte seine miserable Verfassung nicht. Sie bürstete seinen Pagenkopf und setzte ihn ins Auto. In rascher Fahrt ging es nach Stuttgart, wo sie ihn von einem anspruchsvollen Laden in den nächsten zerrte. Sie wählte für festliche Gelegenheiten seidene Bundhosen für Phil aus, dazu eine dunkelrote Samtjacke. Begeistert zeigte sie ihm sein Spiegelbild, als er die Pracht anprobieren mußte.

»Schick, nicht wahr?«

Phil betrachtete sich mit aufgerissenen Augen. »Nee, ich find ’s affig«, meinte er trocken.

»Hör einmal, deine Mutti kauft dir so teure Sachen, da solltest du dich bedanken«, ermahnte die Verkäuferin.

»Aber es gefällt mir nicht. Und meine Mutti ist sie auch nicht.«

Verena holte aus und versetzte ihm eine wohlgezielte Ohrfeige. »So, das hast du dir redlich verdient«, zischte sie wütend.