Nur eine Nacht des Glücks? - Judy Duarte - E-Book

Nur eine Nacht des Glücks? E-Book

Judy Duarte

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Beschreibung

Es war die zärtlichste Nacht ihres Lebens. Und obwohl es ihr das Herz bricht, beendet Milla schon nach wenigen leidenschaftlichen Stunden die Beziehung zu Dr. Kyle Bingham. Denn sollte je herauskommen, dass sie ein Liebespaar sind, hätte das für sie dramatische Folgen…

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IMPRESSUM

Nur eine Nacht des Glücks? erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Thomas BeckmannRedaktionsleitung:Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)Produktion:Jennifer GalkaGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2004 by Harlequin Books. S.A. Originaltitel: „Bluegrass Baby“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCABand 1482 - 2005 by CORA Verlag GmbH, Hamburg Übersetzung: Detlef Murphy

Umschlagsmotive: Massonstock / Getty Images

Veröffentlicht im ePub Format in 07/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733778699

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

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1. KAPITEL

Milla Johnson presste das Handy fester ans Ohr, sah sich in der Cafeteria des Krankenhauses um und war froh, dass niemand das Gespräch mit ihrer Mutter mithören konnte.

„Die Binghams werden nicht begeistert sein, dass man dich wegen eines Kunstfehlers verklagt hat“, sagte ihre Mom.

Milla verdrehte die Augen. Auch ohne dass ihre Mutter die prominenteste Familie der Stadt zu ihrem Feind erklärte, gab es schon genug Stress in ihrem Leben.

„Ich mache mir Sorgen um dich“, fügte ihre Mom hinzu.

„Ich mache mir auch Sorgen.“ Nach der Hausgeburt eines kleinen Mädchens hatten die Eltern Milla, die erst seit einem Jahr als Hebamme arbeitete, eines Kunstfehlers bezichtigt, obwohl sie alles richtig gemacht hatte. „Die Klage könnte meine Laufbahn beenden, bevor sie richtig angefangen hat. Und sie könnte das Ende unseres einzigartigen Programms für betreute Hausgeburten bedeuten.“

„Genau das meine ich doch. Hast du gehört, was ich gesagt habe?“, fragte Millas Mom, als sie nicht antwortete.

Sie hatte es gehört, laut und deutlich sogar, aber auf ihre Mutter zu hören war eine andere Geschichte. Zumal die Binghams nichts mit der Klage zu tun hatten. „Es tut mir leid, Mom. Hier ist es ein wenig laut.“

Milla starrte auf ihren Hackbraten und schob den Teller zur Seite. Sie hatte gedacht, dass Kartoffelpüree ihr schmecken würde. Jetzt war sie nicht mehr so sicher. Das mulmige Gefühl, das sie quälte, seit sie von der Klage erfahren hatte, wurde immer stärker.

„Pass auf dich auf, Honey.“

„Ich werde vorsichtig sein.“ Dass man ihr etwas vorwarf, an dem sie keine Schuld hatte, und sie für die Probleme verantwortlich machte, die die Bingham Foundation durch die Klage bekommen würde, war schlimm genug. Sie brauchte keine Überdosis mütterlicher Ängste, die alles nur noch komplizierter machten.

Ihre Mutter hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie den Binghams misstraute. Milla dagegen war ihnen dankbar. Die Familie hatte viel für Merlyn County getan, und die wohltätige Stiftung der Binghams hatte ihre Ausbildung zur Hebamme finanziert. Sicher, dafür hatte sie sich verpflichten müssen, fünf Jahre lang in der Klinik zu arbeiten, aber sie liebte ihren Beruf und fühlte sich unter ihren Kollegen sehr wohl. Sie konnte sich nicht vorstellen, anderswo zu arbeiten. Wenn es allerdings nach den Klägern ging, würde sie nie wieder als Hebamme arbeiten.

„Diese Leute haben unserer Familie nichts als Leid gebracht.“

„Mit diesen Leuten meinst du in erster Linie Billy Bingham. Und der Mann ist seit langer Zeit tot, Mom.“

„Deine Tante Connie ist gleich nach der Geburt eines seiner unehelichen Babys gestorben.“

Milla konnte die Geschichte nicht mehr hören. Ihre Mutter hatte dem Mann noch immer nicht verziehen, obwohl er Monate vor der Geburt seines jüngsten Sohns bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war.

Ihre Mutter und sie hatten den Jungen großgezogen und liebten Dylan über alles. Aber oft war das Geld knapp gewesen, und selbst Milla musste zugeben, dass das Leben der Johnsons einfacher gewesen wäre, wenn Billy Bingham auch für Dylan so vorgesorgt hätte wie für die anderen Kinder, die er gezeugt hatte, ohne mit der Mutter verheiratet zu sein.

„Ich fahre auf dem Weg nach Hause am Supermarkt vorbei. Brauchst du etwas?“, wechselte Milla das Thema.

„Wir haben keine Milch mehr.“

„Noch etwas?“ Während ihre Mutter eine Liste vorlas, hob Milla den Blick und sah, wie Dr. Kyle Bingham die Cafeteria betrat. Ihr Herz schlug schneller.

Der gut aussehende Assistenzarzt bemerkte sie und steuerte lächelnd ihren Tisch an.

„Hör zu, Mom, ich muss Schluss machen. Ich kaufe die Lebensmittel ein, nachdem ich Dylan abgeholt habe. Wir reden nachher weiter.“

„Vergiss nicht, was ich über die Binghams gesagt habe. Pass auf dich auf.“

„Das werde ich“, erwiderte Milla, obwohl sie im Moment nur der blonde Adonis interessierte, der auf sie zukam. Aus irgendeinem Grund, über den sie lieber nicht nachdenken wollte, trieb allein sein Anblick ihren Puls in die Höhe.

Groß, breitschultrig und attraktiver, als ein Mann sein durfte, hatte Kyle Bingham ein aufregendes Äußeres, eine viel versprechende medizinische Karriere vor sich und keine Geldsorgen. Dass er sich für Milla zu interessieren schien, war mehr als schmeichelhaft.

Sie suchte nach einem Grund, warum sie nichts mit ihm anfangen sollte – aber außer der Warnung ihrer Mutter fiel ihr keiner ein.

„Ist hier frei?“, fragte Dr. Adonis.

„Ja.“ Milla steckte das Handy weg – zusammen mit der eindringlichen Mahnung ihrer Mom. Kyle war eins von Billy Binghams unehelichen Kindern. Und soweit Milla wusste, hatte er mit den anderen Binghams, die ehelich zur Welt gekommen waren, nicht viel zu tun.

Natürlich war es aus anderen Gründen angebracht, vorsichtig zu sein. Der junge Kinderarzt galt als frech und ein wenig arrogant, was kein Wunder war. Kyle Bingham war ein brillanter Mediziner, und er wusste es. Sie nahm ihm sein Selbstbewusstsein nicht übel.

Kyle nahm ihr gegenüber Platz und kam sofort zur Sache. „Ich möchte für Sie aussagen.“

„Wirklich?“, fragte sie erleichtert. Er war Dienst habender Arzt gewesen, als Joe und Darleen Canfield mit ihrem kranken Neugeborenen in der Notaufnahme des Merlyn County Regional Hospital erschienen waren.

„Wir wissen beide, dass es nicht bei der Geburt zu einer Nabelinfektion kommt. Nichts, was Sie getan oder nicht getan haben, kann für die Erkrankung des Babys verantwortlich sein.“

Milla wusste, dass es nicht ihre Schuld gewesen war. Sie hatte die Nabelschnur fachmännisch durchtrennt und den Eltern erklärt, wie sie den Nabel säubern mussten. Außerdem hatte sie ihnen geraten, das Baby so bald wie möglich untersuchen zu lassen. Das hatten die beiden versäumt.

„Sie ahnen nicht, wie sehr ich Ihre Hilfe zu schätzen weiß“, sagte sie.

„Die Canfields hatten den Nabel verbunden, was ein erster Hinweis auf die Ursache der Entzündung war.“

Milla hatte ihnen gesagt, dass sie den Nabel sauber und trocken halten sollten. Sie hatte ihnen nicht nur gezeigt, wie sie das tun konnten, sie hatte ihnen auch eine Broschüre mit genauen Anweisungen dagelassen.

„Nachdem ich das Baby stabilisiert hatte, habe ich mich mit Mrs. Canfield unterhalten. Sie und ihr Mann hatten den Nabel nicht gründlich gesäubert, außerdem waren die Wegwerfwindeln, die sie benutzt haben, viel zu groß, was eine zusätzliche Reizung bewirkt hat. Und dann haben sie auch noch den Verband angelegt.“

„Was den Nabel nicht trocken, sondern feucht gehalten hat.“

Kyle nickte. „Und Mrs. Canfield hatte Probleme, das Baby zu stillen.“

„Gibt sie mir etwa auch daran die Schuld?“, fragte Milla entrüstet. „Ich habe ihr alles gezeigt, bevor ich gegangen bin. Das Baby hat sofort getrunken.“

„Nein, daran gibt sie Ihnen keine Schuld. Aber ich bin nicht sicher, wie oft sie das Baby danach gestillt hat. Das kann sich negativ auf sein Immunsystem ausgewirkt haben. Die Canfields behaupten, dass der Nabel bereits infiziert war, als sie ihn verbunden haben. Ich werde bezeugen, dass die Infektion nicht Ihre Schuld war.“

„Und was, wenn ich doch daran schuld gewesen wäre?“, fragte sie.

Er beugte sich vor. „Wenn die Entzündung durch mangelnde Sorgfalt der Hebamme ausgelöst worden wäre, hätte ich nicht die geringsten Skrupel, vor Gericht gegen Sie oder die Klinik auszusagen.“

Milla atmete auf.

Sie hatte jemanden an ihrer Seite.

Dr. Kyle Bingham.

„Ich muss zurück in die Notaufnahme“, fuhr er fort. „Aber ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht heute Abend mit mir essen gehen würden.“

Essen? Mit dem attraktivsten Arzt von ganz Merlyn County? War es ein berufliches Treffen? Oder eher ein Date? Sie war nicht sicher, doch als ihre Blicke sich trafen, schien ihr Herz einen Satz zu machen und zwischen ihnen lief etwas ab, das deutlich zu spüren war.

Ihre Mutter brauchte ja nichts davon zu erfahren. Milla mochte unter Sharon Johnsons Dach leben, aber nicht unter ihrer Aufsicht. Dass sie zusammenwohnten, hatte mehr mit Sparsamkeit zu tun – und seit kurzem auch mit Dylan.

„Ich würde gern mit Ihnen essen gehen“, antwortete sie.

„Dann hole ich Sie um sechs ab. Geben Sie mir Ihre Adresse?“

Oh. Das war keine so gute Idee. Milla hatte keine Lust, sich mit ihrer Mutter zu streiten – zumal sie noch gar nicht sicher war, ob aus Kyle und ihr mehr werden würde. „Treffen wir uns doch im Restaurant“, schlug sie vor.

„Wenn es Ihnen lieber ist.“ Sein Lächeln ging ihr unter die Haut. „Dann sehen wir uns bei Melinda’s. Gegen sechs?“

Milla nickte nur, denn sie hatte Angst, dass er ihr anhören würde, wie nervös sie war. Und wie aufgeregt.

Um fünf Minuten nach sechs fuhr Milla auf den Parkplatz von Melinda’s. Das rote Backsteinhaus war einst die Feuerwache gewesen und in ein auf Steaks und Meeresfrüchte spezialisiertes Restaurant umgebaut worden. Melinda’s war vielleicht nicht so schick wie die Konkurrenz in Lexington, aber es hatte eine umfangreiche Weinkarte und galt in Merlyn County als erste Adresse.

Sie parkte ihren Wagen, einen weißen Caprice Classic, dessen Kilometerzähler schon ein oder zwei Mal herum und schon wieder im sechsstelligen Bereich war. Anstatt auszusteigen blieb sie sitzen. Nervös. Gespannt. Und erwartungsvoller, als sie sich eingestehen wollte.

Sie entdeckte Kyles schwarzen BMW in der Nähe des Eingangs.

Der junge Arzt wartete schon auf sie.

Auf Milla Johnson.

Konnte es ein schöneres Kompliment geben? Noch nie hatte ein Mann wie Kyle sich für sie interessiert.

Oder hatte sie ihn falsch verstanden? Vielleicht wollte er nur mit ihr über die Klage und seine Zeugenaussage sprechen.

Eigentlich hatte sie verschiedene Outfits ausprobieren und etwas mit ihrem Haar und dem Make-up machen wollen. Aber dann hätte ihre Mutter nur neugierige Fragen gestellt. Milla hatte weder Zeit noch Lust gehabt, sich ihnen zu stellen.

Ein rascher Blick in den Spiegel zeigte ihr, dass sie auch so nicht schlecht aussah.

Als sie ausstieg, hörte sie eine Männerstimme.

„Sieh mal, wer da ist, Darlene. Die Frau, die unser Baby fast umgebracht hätte.“

Millas Füße schienen im Asphalt Wurzeln zu schlagen. Sie brauchte sich nicht umzudrehen. Es war Joe Canfield, der Vater des Kindes, das mit hohem Fieber in die Notaufnahme gebracht worden war. Des kleinen Mädchens, das sie angeblich falsch behandelt hatte.

Des Babys, das Kyle Bingham gerettet hatte.

„Genießen Sie die Freiheit noch eine Weile“, sagte Canfield vom Bürgersteig neben der Main Street her. „Wenn wir mit Ihnen fertig sind, sitzen Sie hinter Gittern.“

Der Anwalt hatte Milla geraten, jedes Gespräch mit den Klägern zu vermeiden, also eilte sie zum Eingang. Ihr kamen fast die Tränen. Warum taten sie ihr das an?

Am liebsten wäre sie nach Hause gefahren, um sich einzuschließen. Einen Moment lang dachte sie daran, wieder in den Wagen zu steigen, das Handy herauszuholen und Kyle anzurufen, um das Essen zu verschieben.

Aber sie brauchte seinen Zuspruch. Und die Ablenkung. Ein Abend mit dem Doktor, dessen Lächeln ihre Knie weich werden ließ, würde ihr helfen, ihre Sorgen zu vergessen. Wenigstens heute.

Also straffte sie die Schultern und betrat das Restaurant.

„Miss Johnson?“, fragte die junge Frau am Empfang.

Milla tastete nach dem Riemen ihrer schwarzen Tasche. „Ja.“

„Dr. Bingham wartet in der Bar. Wenn Sie mir folgen wollen, bringe ich Sie zu ihm.“

Kyle stand auf, als sie an seinen Tisch trat. „Möchten Sie etwas trinken?“

„Weißwein.“ Und zwar jede Menge.

Er nickte der jungen Frau zu, Sekunden später erschien eine Kellnerin, und sie bestellten ihre Drinks.

„Ich habe für halb sieben reserviert“, sagte er. „Ich hoffe, das Warten macht Ihnen nichts aus.“

Milla brachte ein Lächeln zu Stande. „Natürlich nicht“, antwortete sie.

Um ihre Nervosität zu verbergen, wandte sie sich der Wand zu und betrachtete eins der vielen Fotos, die dort hingen. Es zeigte den ersten Feuerwehrchef von Merlyn County als Weihnachtsmann verkleidet. Als sie sich wieder zu Kyle drehte, sah sie, dass er sie beobachtet hatte.

Bevor sie etwas sagen konnte, brachte die Kellnerin seinen Merlot und ihren Chardonnay.

Er hob sein Glas. „Auf den Beginn einer Freundschaft.“

Einer Freundschaft? Einen Moment lang wehrte Milla sich gegen die Enttäuschung. Ihre sehr jung und romantisch gebliebene, aber fast vergessene Seite hatte wohl auf mehr gehofft.

Doch als ihre Blicke sich trafen und sie das Funkeln in seinen hellblauen Augen sah, wurde ihr bewusst, dass auch ihm mehr als nur Freundschaft vorschwebte. Aber sie war unerfahren, jedenfalls im Umgang mit Männern wie ihm, und deshalb nicht sicher, wie weit sie gehen wollte. Trotzdem war die Vorstellung, dass dieser Abend einen romantischen Verlauf nahm, so reizvoll, dass ihr unwillkürlich warm wurde.

Sie nahm einen Schluck Wein und musterte ihn unauffällig. Er sah wirklich großartig aus. Er war charmant. Und zweifellos hatte er auch ein wenig von dem Playboy, der sein Dad immer gewesen war.

War Kyle Bingham der Typ Mann, dem sie aus dem Weg gehen sollte?

Oder der Typ, den jede Frau wenigstens ein Mal im Leben näher kennen lernen sollte?

Nicht bereit, sich schon jetzt zu entscheiden, warf sie ihm einen Blick zu, als wüsste sie genau, was sie beide wollten. Sofort meldeten sich ihre Hormone, und die sexuelle Neugier schien keine Grenzen mehr zu kennen.

Wie wäre es, ihn zu berühren, ihn zu küssen, sich in der Leidenschaft zu verlieren, die in seinen Augen loderte?

Sie sah ihn an, als würde er ihr erklären können, warum er so etwas in ihr auslöste. Aber er saß einfach nur da und wartete.

Und beobachtete sie.

Kyle ertappte sich dabei, wie er die junge Hebamme anstarrte, die ihm mehr als ein Mal aufgefallen war, seit er vor einigen Monaten nach Merlyn County gekommen war.

Verdammt. Milla Johnson war eine schöne Frau, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst zu sein schien. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid. Und abgesehen davon, dass sie es gebürstet hatte, schien sie mit ihrem kastanienbraunen Haar nichts gemacht zu haben.

Sie war die Art von Frau, die in einer Menge auffiel.

Normalerweise machte er seinen Begleiterinnen nur Komplimente, um das Eis zu brechen und weil er sich etwas davon versprach. Heute Abend jedoch kamen die Worte wie von selbst. „Sie sehen sehr hübsch aus, Milla.“

Sie lächelte scheu und zeigte dabei zwei Grübchen, an die er sich schnell gewöhnen könnte. „Danke.“

Die Frauen, mit denen Kyle sonst ausging, wussten meistens genau, wie schön und sexy sie waren. Milla dagegen wirkte unsicher, was sie umso reizvoller machte.

Sie nippte an ihrem Glas und strich sich mit der Zunge über die Unterlippe.

Schlagartig wurde ihm heiß, während sie erneut die Fotos an der Wand betrachtete, als würde sie gar nicht merken, was sie bei ihm auslöste.

Verwirrt lehnte Kyle sich zurück. Die hübsche Hebamme hatte in ihm einen Hunger geweckt, den kein Essen stillen würde.

Es war noch früh, und es gab keinen Grund, anzunehmen, dass der Abend mit mehr als einem Händeschütteln enden würde. Was schade wäre. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt eine andere Frau so anziehend gefunden hatte.

Sie stellte das Glas ab und sah ihn wieder an. Ihre großen braunen Augen ließen erkennen, dass sie einen anstrengenden Tag hinter sich hatte.

„Was ist?“, fragte er leise.

Sie nestelte an der Serviette. „Ich wäre fast nicht hereingekommen.“

„Bereuen Sie, dass Sie hier sind?“ Hoffentlich nicht, dachte er, denn er begehrte sie nicht nur. Er bewunderte sie. Er respektierte sie. Milla Johnson war eine engagierte Mitarbeiterin, der das Wohl ihrer Patienten wirklich am Herzen lag. Und sie besaß eine charakterliche Tiefe, die vielen anderen Frauen fehlte.

„Ich bin draußen Joe Canfield begegnet“, sagte sie noch leiser. „Er war nicht sehr freundlich.“

Kyle griff nach ihrer Hand – eine Geste, die sie beide überraschte. „Sie haben nichts falsch gemacht, und der Richter wird ihn durchschauen.“

Sie nickte, aber er spürte ihre Verletzlichkeit und wünschte, er könnte sie beschützen.

Noch bevor sie die Gläser geleert hatten, wurden sie zu einer ruhigen Nische im Restaurant geführt. Zusammen mit den Speisekarten brachte ein Kellner auch warmes Brot. Als Kyle und Milla gleichzeitig danach griffen, streifte seine Hand ihre, und er fühlte die Berührung noch eine ganze Weile. Keiner von ihnen sagte etwas, doch ihr Blick verriet, dass auch sie es gemerkt hatte.

Sie vertieften sich in die Karten, obwohl er es kaum abwarten konnte, das Essen hinter sich zu bringen und sich dem zu widmen, was der Abend vielleicht noch alles brachte.

Milla beugte sich ein wenig vor. „Warum sind Sie Arzt geworden?“

Die Frage kam unerwartet, denn die meisten Leute wollten wissen, warum er sich auf Kinderheilkunde spezialisiert hatte – was vor allem die erstaunte, die ihn als Jugendlichen erlebt hatten.

„Als ich fünfzehn war, haben ein paar Kumpel und ich mal am See übernachtet und uns Hamburger gegrillt.“ Er starrte auf die flackernde Kerze zwischen ihnen. Er sprach nicht gern über jenen Tag, denn die Erinnerung schnürte ihm auch heute noch den Hals zu.

Milla beugte sich aufmerksam vor, und ihm war, als würde es seinen Schmerz ein wenig lindern.

„Jimmy Hoben, mein bester Freund, mochte sein Fleisch halb gar“, fuhr Kyle fort.

Sie antwortete nicht, aber ihr Blick war voller Verständnis und Mitgefühl.

„Einige Tage später wurde er krank. Richtig krank. Und die Ärzte brauchten eine ganze Weile, um die Ursache herauszufinden. Und als endlich feststand, dass es sich um Kolibakterien handelte, war es zu spät. Sie versuchten alles, aber Jimmy hat es nicht geschafft.“

„Das tut mir leid.“

„Es war hart für alle. Vor allem für einen Jungen wie mich.“ Seine Stimme war heiser. „Ich verstand einfach nicht, warum die moderne Medizin meinem Freund nicht helfen konnte. Also ging ich in die Bibliothek, um alles über Kolibakterien und ihre Wirkung auf den menschlichen Körper zu lernen. Das weckte mein Interesse an der Medizin. Und an der Forschung.“

Sie nickte.

Als er seinem Vertrauenslehrer erzählte, dass er Medizin studieren wollte, war der Mann entsetzt. Aber in kürzester Zeit wurde aus dem faulen Rebellen in fast jedem Fach der Klassenbeste.

„Die Naturwissenschaften faszinierten mich, vor allem Humanbiologie und Anatomie.“

„Also entschieden Sie sich, Arzt zu werden.“

Er zuckte mit den Schultern. „Nach der Assistenzzeit werde ich in die Forschung gehen.“

„Hier?“

„Nein. In Boston. Ich habe nicht vor, länger als nötig in Merlyn County zu bleiben.“ Er hätte ihr erklären können, dass er nur hergekommen war, um seine Mutter glücklich zu machen.

Sein Playboy-Daddy hatte gut für seine unehelichen Kinder gesorgt, vor allem für Kyle. Daher hatte er in Harvard studieren können. Seine Mom hoffte noch immer, dass er sich in Merlyn County niederlassen und seinen rechtmäßigen Platz bei den Binghams einnehmen würde.

Aber Kyle dachte nicht daran, sich in die Familie seines Vaters zu drängen.

„Das ist schade“, sagte Milla. „Sie sind ein hervorragender Kinderarzt und haben den Menschen hier viel zu bieten.“

„Kann sein, aber in der Forschung kann ich mehr bewirken. Kinder sollten nicht sterben, bevor sie eine Chance zu leben haben.“ Normalerweise war er verschlossen, aber aus irgendeinem Grund fühlte es sich richtig an, seine Erinnerungen und Träume mit Milla zu teilen. Und bevor er sich versah, räumte der Kellner die leeren Teller ab.

Kyle musterte die Frau ihm gegenüber. Ihr Haar schimmerte im Kerzenschein, und an diesem Abend fand er sie noch erregender als sonst. Sie verzichtete auf Kaffee und Dessert, was ihm durchaus recht war. Aber er wollte den Abend noch nicht beenden, also zahlte er und brachte sie zu ihrem Wagen.

Er sehnte sich danach, sie an sich zu ziehen, aber er wartete, bis sie ihn dazu ermutigte. Er war nicht sicher, woran es lag, aber bei ihr fühlte er sich wie ein schüchterner Teenager mit altmodischer Frisur und Ketchup auf dem weißen T-Shirt.

Es war still draußen, nur ihre Schuhe knirschten auf dem Boden, und der Parkplatz war fast leer. An der Fahrertür drehte Milla sich zu ihm um, und zwischen ihnen geschah etwas, von dem er nicht genau wusste, was es war. Hätte es ihn nicht zutiefst erregt, hätte er vermutlich nach einer Ausrede gesucht und die Flucht ergriffen. Aber so blieb er, wo er war, und genoss den Moment.

Er fragte sich, was mit ihm los war. Vielleicht lag es am Vollmond, der von einem sternenübersäten Sommerhimmel schien. Vielleicht daran, dass er seit seiner Rückkehr nach Merlyn County keinen Sex mehr gehabt hatte. Oder daran, dass Milla Johnson eine Art von Zauber auf ihn ausübte.

Was immer es war, er konnte sich nicht vorstellen, sie fahren zu lassen, ohne sie geküsst zu haben. Und als er es tat, legte sie die Arme um ihn, zog ihn an sich und ließ zu, dass er den Kuss vertiefte.

Sie gab einen leisen Laut von sich, und Kyle verlor sich in einem Strudel aus Sehnsucht und Verlangen.

Er presste sie an sich, schob die Finger in ihr Haar und fühlte ihre in seinem. Plötzlich wollte er mehr als das. Mehr als einen Abschied auf einem Parkplatz.

Er wollte diese Frau. Noch heute Abend.

Die Wucht seines Begehrens hätte ihn erschrecken müssen, aber er kostete ihren Duft und ihre Berührung aus, während er sich einem der erregendsten Küsse hingab, die er jemals erlebt hatte.

Dennoch dauerte es nicht lange, bis ihm bewusst wurde, dass sie unter freiem Himmel standen. Widerwillig brach er den Kuss ab.

„Komm mit mir nach Hause“, flüsterte er atemlos.

2. KAPITEL

Komm mit mir nach Hause.

Während die Worte in ihrem Kopf widerhallten, regte sich ihr eigenes Verlangen.

Kyle begehrte sie. Und sie begehrte ihn auch.

Ihre Knie waren noch weich vom Kuss, als Milla versuchte, sich wieder in den Griff zu bekommen. Es gelang ihr nicht.

Kyle lehnte sich gegen ihren Wagen, als hätten auch seine Beine fast nachgegeben.

Ihre Körper berührten sich nicht mehr, aber sein Blick hielt ihren fest. „Zwischen uns läuft etwas ziemlich Intensives ab.“

Da hatte er recht. Der Kuss war anders als alles gewesen, das sie bisher erlebt hatte, und ihr Verstand schien den Dienst quittiert zu haben. Für immer.

Und im Moment war sie nicht sicher, ob das etwas Schlechtes war. Ihre Gefühle waren zu stark, zu dicht unter der Oberfläche, um sich eindämmen zu lassen.

„Du spürst es auch“, sagte er.

Sie nickte. „Ja, das tue ich.“

„Und jetzt?“

Wie sie es sah, gab es zwei Möglichkeiten. Sie konnte in den Wagen steigen, davonfahren und wissen, dass sie es bedauern würde.

Oder sie konnte unvernünftig sein und etwas erleben, das sie vielleicht nie wieder erleben würde.

Sie konnte mit Kyle Bingham schlafen. Wenn ein Kuss schon so etwas in ihr auslöste, was würde passieren, wenn sie die ganze Nacht mit ihm verbrachte?

„Wir sollten es hinter verschlossenen Türen fortsetzen“, schlug er vor.

Milla wusste, dass sie freundlich ablehnen sollte. Aber Tatsache war, dass sie mehr von seinen Küssen, mehr von seinen Berührungen wollte.

Und sie wollte es sofort.

Er trat vor und strich ihr eine Strähne von der Wange. Sein erhitzter Blick war unwiderstehlich.

„Einverstanden.“ Ihre Stimme hatte einen verführerischen Unterton, der ihr noch nie aufgefallen war. Und sie bereute ihre Antwort nicht. Kein bisschen.

Er legte eine Hand an ihr Gesicht, und sein Kuss versprach etwas – nicht für immer, aber für diese eine Nacht. Mehr brauchte sie nicht.

Sich zufrieden und bewundert fühlen, nicht mehr erschüttert durch das Unrecht, das die Canfields ihr antaten.

„Okay, fahren wir“, sagte sie.