Obscuritas - Jutta Pietryga - E-Book

Obscuritas E-Book

Jutta Pietryga

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Beschreibung

Jedes Jahr wenn der Herbstwind die Blätter von den Bäumen weht, treibt die Dunkelheit die Schwachen und Ängstlichen fort aus Angeltown... Diese Dunkelheit ist keine gewöhnliche Dunkelheit. Niemand weiß, warum es ausgerechnet in dieser Stadt passiert. Es war schon immer so. Die Menschen nahmen es hin. Forschten nicht, wollten es gar nicht wissen. Anfangs dauert die Dunkelheit nur wenige Stunden, doch von Tag zu Tag erobert das Dunkel mehr Zeit und Raum. Aus Stunden werden Tage und schließlich Wochen. Wochen der Dunkelheit, eine Welt in Schwarz. In der Finsternis geschehen Dinge...Dinge, die die Menschen vor Angst zittern ließen. Um sie zu schützen schickte man die Schwachen, die Frauen und Kinder fort. Aber einige Männer blieben, sie wollten ihre Stadt nicht der Dunkelheit preisgeben. Irgendwann kehrte das Licht wieder zurück und mit ihm die Geflohenen. Sie blieben. Bis zur nächsten Dunkelheit.

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Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ähnliche


Obscuritas

Wenn das Dunkel kommt......

Fantasy-/Mysterieroman von

Jutta Pietryga

Inhaltsverzeichnis

Der Traum 4

Die Kinder 15

Der Ort 22

Betty und Jane Carter 27

Auf dem Friedhof 34

Rick 45

Die Martinez 47

Im Wald 54

Noah Wheiley 68

Der Fremde 73

Joseph Finley 76

April 78

Rick 124

Mary 130

Unter der Sakristei 137

Der Bus 151

Noah 154

Mary 167

Die Anderen 171

Joseph Finley 174

Jason Farlow 177

Joseph Finley 180

Die Kirchenchronik 183

Der Bus 185

Die Kirchenchronik 196

Noah und Sarah 200

Ava 204

Der Bus 218

Bud Spencer 225

Hilda 227

Steve Harrison 229

Der Bus 231

Alpha et Omega 237

Steve Harrison 244

Robert Jones 248

Im Bus 252

Aufbruch zur Stadt 257

Obscuritas 269

Marshall Grant 283

Luke Butler 290

Rick 293

In der Kirche 301

Die Turnhalle 305

Noah 310

Evakuierung 317

Emilio Sanchez 319

Philipp Marlow 321

Die Turnhalle 324

In der Kirche 327

Noah 329

Philipp Marlow 331

In der Kirche 336

Joseph Finley 346

Aaron 350

Das Licht 353

Das Hotel 361

Auf dem Weg zur Stadt 369

Der Leuchtturm 376

In der Bar 377

Exorzismus 385

Auf dem Leuchtturm 393

Sarah 398

Der Traum

Die Kleinstadt lag im Dunkeln. Lichtlose Fensterhöhlen schauten auf verwaiste Straßen. Schwer summend schwebte der Ton der Kirchturmuhr durch den Ort, unbeirrt davon, ob jemand ihm Beachtung schenkte. Den braunen Teddy im Arm durchlief das Kind soeben die Tiefschlafphase: Im Traum sah es auf die Siedlung herab: Es erfasste den Weg, der aus dem Ort herausführte. Dunst wabte außerhalb der schlafenden Stadt, über den Feldern und Wiesen, da, wo die Schafe weiden. Trotz des Nebels erkannte der Junge deutlich den Pfad, der sich hinauf bis in den Forst schlängelte. Das Kind schauerte im Schlaf, es mochte den Wald nicht, kam ihm bedrohlich vor, als wollte er ihn verschlingen. Oberhalb der Baumwipfel wurde es zögerlich heller, behäbig stieg der Mond über den Baumkronen empor. Es war Vollmond. Und heute zeigte er sich zum letzten Mal. Ein Luftstrom streichelte die Bäume, erzeugte sanftes Rauschen,fuhr in das gefallene Laub, das den Waldboden bedeckte. Der Wind ließ die Blätter auf dem Boden tänzeln. Knisternd rieb das trockene Blattwerk gegeneinander.Bezeugt vom bleichen Auge des Erdtrabanten schälte sich aus dem Dunkel des Unterholzes eine Gestalt. Suchend sah sie umher, stellte sich unter die uralte Eiche. Schwarzes Haar flatterte in dem Lüftchen, das allmählich an Stärke gewann. Dem Jungen kam diese Erscheinung bekannt vor. Er wusste, er hatte sie bereits einmal gesehen.

Das Wesen erweckte einen düsteren Eindruck, wie es da stand und auf den Ort starrte. Irgendetwas beschäftigte es unmäßig. Nach einer Weile reckte sich das Geschöpf, stellte sich dabei auf die Zehenspitzen. Anschließend ging es in die Hocke, stieß sich ab, sprang in die Höhe und verschwand. Die Blätter der Eiche raschelten heftig. Protestierend breitete eine Eule, die dort Posten bezogen hatte, ihre Schwingen aus. Krächzend flog sie davon. Das Blattwerk des knorrigen Baumes sah deutlich dunkler aus.

Der Mond, der über den Wipfeln leuchtete, warf einen bizarren Schatten auf die Erde. Eine Zeitlang verharrte er, schickte gelbes, kaltes Licht auf das Land. Schließlich wanderte er weiter, hinunter zum Ort. Sein kühler Schein streifte die Gebäude, die unbelebt in der Dunkelheit standen. Forschend schien er mal in jenes, mal in ein anderes Fenster. Ein Haus mit hellblauen Schindeln, schützend von einem weißen Lattenzaun umgeben, ließ ihn innehalten. Zielbewusst kletterte er die blaue Hauswand empor. Am Sprossenfenster des ersten Stockes hielt er inne, betrachtete die Gestalt im Bett. Der Mond lächelte triumphierend. Suchend tastete sein Schein im Zimmer umher, verharrte erneut auf dem Antlitz des Kindes.

Die Helligkeit störte den Kleinen nicht. Er schlief den Schlaf der Unschuldigen. Nach geraumer Zeit verschwand der Mond hinter bleischweren Wolkenklumpen. Von irgendwoher ertönte jämmerliches Fiepen, steigerte sich zum Winseln, um in verhaltenes Bellen umzuschlagen, das zu drohendem Knurren wuchs.

Das von der Sommersonne gebräunte Gesicht des Jungen erbleichte. Kalkweiß, wie die Zimmerwände, sah es aus, fortgewischt, der friedliche Gesichtsausdruck. Gleich einer Statue lag er da. Die vor Kurzem lächelnden Lippen aufeinander gepresst, lediglich nur als Strich zu erkennen. Unruhig zitternd fuhren zarte Armee auf der Bettdecke umher. Die zu Fäusten geballten Hände hämmerten verzweifelt auf die Zudecke. Abwehrend streckte der Junge die Arme vor, sein Leib zuckte. Er drückte den Körper nach oben, als wollte er etwas abschütteln. Das geschah dermaßen heftig, dass der geliebte Teddy auf den Boden fiel. Erschrocken glotzten die Glasaugen des Teddys zur Zimmerdecke. Unverständliche Worte flossen über die bläulichen Lippen des Jungen. Regungslos lag er auf dem Bett, öffnete dann ruckartig die Augen. Grauen erfüllt starrten sie nach oben. Die schmächtige Kinderbrust hob und senkte sich heftig.

Er hörte sie noch, diese flüsternden Stimmen, sah noch ihre grässlichen Gesichter, ihre grauenhaften Gestalten, die um ihn herum tanzten: "Komm mit uns. Du gehörst zu uns",raunten sie ihm zu. Die Wesen ließen nicht von ihm ab, zerrten an ihm. Sie sollen endlich damit aufhören! Der Junge steckte in dem eigentümlichen Moment zwischen Wachsein und Schlafen. Er wusste, ein Traum hielt ihn gefangen und er war nicht im Stande, diesen zu ändern. Wenn er sich aber konzentrierte, war es vielleicht möglich, das Geschehen zu manipulieren. Er musste die Realität herbeizwingen. Abrupt setzte er sich auf, als würde es passieren, wenn er es inbrünstig wünschte. Schutz suchend beugte er den Oberkörper vor, riss den verkniffenen Mund auf. Dann schrie er. Schrille, panische Schreie bahnten sich ihren Weg. Warm lief es seine Beine entlang. Das war ihm egal. Er wollte nur schreien!

Mit besorgten Gesichtern stürmten die Eltern, April und Rick Falcon ins Zimmer. Bei den ersten Aufschreien wussten sie, Norman plagte wieder einen dieser Albträume. Dessen ungeachtet fragte Rick: "Was ist los? was ist passiert!" Forschend huschten seine Augen durch das Kinderzimmer. Mit gewollt lässigen Schritten trat er zum Fenster, überprüfte es betont auffällig.

Selbstverständlich war es verschlossen, dachte, wusste er, kontrollierte es jedoch trotzdem, wie er es immer tat. Er setzte sein "Es-ist-alles-in-Ordnung-Gesicht" auf, checkte, wie stets die Schränke. Norman sollte sich behütet wissen. "Das unter-dem-Bett-Gucken" unterließ er heute. Das Vorherige musste zur Beruhigung ausreichen. Rick war hundemüde, wollte zurück ins Bett. Ein schlechtes Gewissen beschlich ihm augenblicklich bei diesem Wunsch. Aprils Miene bestärkte das Gefühl zusätzlich. Sie drehte ihr Gesicht beiseite, hob indigniert eine Augenbraue, wie immer, wenn sie ungnädig war. Ihr vorwurfsvoller Blick malträtierte ihn. Schließlich bückte sie sich, holte das Versäumte nach:

"Niemand unter dem Bett, Liebling", versicherte sie. Tränen stiegen in Normans graue Augen auf. Rasch setzte sie sich auf die Bettkante, nahm ihn tröstend in die Arme. Zärtlich strich sie ihm die feuchten, blonden Haarsträhnen aus dem verschwitzten Gesicht, lächelte ihn liebevoll an. Während sie beruhigend auf ihn einredete, wiegte sie ihn sanft. Die besorgten Augen der Eltern trafen einander: "Wann hören diese Albträume endlich auf," dachten sie.

Eine Weile genoss Norman die Geborgenheit der mütterlichen Arme. Dann strebte er fort, wollte zum Vater,überlegte: "Dad war stärker als Mama, würde ihn besser beschützen. Außerdem ist Dad der Sheriff". Normans Lippen zitterten. Zaghaft lächelte er, in der Hoffnung, dies könnte die Furcht vertreiben. Über Ricks Schultern gewahrte er Linny. Zitternd stand seine ältere Schwester in der Tür. Ihre braune Augen schauten sie verängstigt an. Die blonden Haare, vom Schlaf zerzaust, umgaben wirr ihren Kopf. Norman staunte: "Linny hatte ja Angst!" Nie zeigte sie sich ängstlich, tat immer erfahren und unerschrocken.

"Was ist los? Warum seid ihr alle auf?" Fragte sie.

"Dein Bruder hat schlecht geträumt," antwortete Rick.

"Ach, so". Linny dehnte das "so", ungerührt sollte es klingen, Ihre bebende Stimme widersprach dem. Rick nahm Norman auf den Arm, schritt mit ihm zur Tür. Der Junge hoffte, bei den Eltern übernachten zu dürfen. "Heute Nacht schläfst du bei uns," entschied sein Dad im selben Moment.

April bemerkte den nasse Pyjama:

"Einen Augenblick Rick. Norman braucht einen frischen Pyjama."

Irritiert musterte Linny den Raum. Etwas war anders, aber was? Sie sah auf den Boden, hob den Teddy auf. Sie umklammerte das Plüschtier, sah beklommen umher, entdeckte nichts Ungewöhnliches. Doch dieses ungute Gefühl blieb. Eisig kroch es ihr über den Nacken, wie eine Raupe, die sich zu ihrem Kopf vortastete. Erstaunliche Kälte beherrschte den Raum. Schaudernd umfasste das Mädchen ihre Oberarme. Merkten die Anderen das nicht? : "Komisch diese Eiseskälte. Heute war es doch warm!" Ein erneuter Kälteschauer rollte ihren Rücken entlang, schüttelte ihren Oberkörper. Die eigentümliche Kühle haftete nicht nur an der Oberfläche ihres Körpers, sondern füllte das Innere ihres Bauches, stieg empor bis zum Hals. Ein Druck lastete auf ihrer Brust. Das Druckgefühl nahm zu. Das Atmen fiel ihr zunehmend schwerer. Namenlose Angst, sie wusste nicht weshalb, packte sie: "Ich muss mich verstecken", dachte sie, rannte auf dem Flur. Zögerlich folgte sie der Familie: "Eigentlich bin ich zu groß, um im Bett von Mum und Dad zu schlafen."

Es beruhigte sie unendlich, dass ihr Vater sagte: "Komm her Linny, wir wollen zusammen kuscheln."

Geborgen lagen die Kinder zwischen den Eltern:

"Dad, ich habe nicht geträumt. Sie sind in echt da gewesen. Die Monster wollten mich holen", murmelte Norman, bereits halb im Schlaf. "Alles gut!"

Rick

ObwohlRick übermüdet war, fand er keinen Schlaf. Gern wäre er aufgestanden, umhergewandert, um seine Gedanken zur Ruhe zu zwingen. Er wagte hingegen nicht, sich zu bewegen, aus Sorge, die Kinder zu wecken, die sich rechts und links an ihn klammerten. Neidisch registrierte er Aprils gleichmäßige Atemzüge, die Beneidenswerte schlief.

Es lauschte dem Säuseln des Windes. In der Stille hörte er selbst die Zweige der Kletterrosen, wie sie sanft gegen die Hauswand schlugen. Von irgendwo durchdrang das Rufen eines Käuzchens die nächtliche Ruhe. Später schloss er aus dem Rauschen der Bäume, dass der Wind an Stärke zunahm. Es war soweit! Der Indian Summer verabschiedet sich. Wehmut schlich in sein Herz. Mit Riesenschritten eilte der Herbst vorbei, den Winter auf den Fersen. Er wünschte, er hätte seine Familie überreden können, dieses Jahr auch zu verreisen. In glühenden Farben versuchte er, ihnen Florida schmackhaft zu machen, übertraf sich selbst war richtig gut, fand er. Die Erinnerung ließ ihn grinsen. Großmutter blieb stur! April stand ihr da in nichts nach. Dabei war sie seine Granny! Erneut überflog ein Lächeln sein Gesicht. Gern hätte er die Liebste jetzt angesehen, sie gestreichelt. Leider lagen die Kinder zwischen ihnen.

Ricks Gedanken kehrten zurück zu Normans Ängsten. Sanft lockerte er dessen Arm von seinen Hals, schob ihn behutsam beiseite. Nur zu gut verstand Rick die Furcht des Sohnes. Als Kind litt er gleichfalls unter garstigen Träumen. Es war stets der gleiche Albtraum, der ihn quälte. Er überlegte, was er damals träumte, wovor er sich fürchtete. Es fiel ihm einfach nicht ein. Er fühlte sich wie nach einer Gehirnwäsche. Es ist eben schon zu lange her, schlussfolgerte er. Obwohl, vergaß man solche Träume je?

Irgendwann hörten die Albträume auf. Wann war das gewesen? Genau, nach dem ungeklärten Unfalltod der Eltern, damals, als es geraume Zeit so dunkel war.

Seine Großeltern, indianischer Abstammung, nahmen den Zehnjährigen auf. Der Großvater, trotz seiner Herkunft, Bürgermeisters von Angeltown, verstarb vor knapp zwanzig Jahren. Bisweilen vermisste Rick ihn auch heute noch.

Granny, ja, er würde die Großmutter wegen Norman um Rat fragen. Ein schnarrender Laut aus seiner Nase ließ ihn zusammenzucken. Das Geräusch verwunderte ihn, ließ ihn grinsen. Er stand wohl im Begriff endlich einzuschlafen. Entspannt drehte Rick sich auf die Seite, knuffte das Kopfkissen zurecht und genoss das Herannahen des Schlafes.

Schlaftrunken, in dicken Bademänteln gehüllt, hockten April und Rick, am Küchentisch vor den weiß gerahmten Sprossenfenstern, hinter denen zögerlich die Schwärze der Nacht dem Licht des Morgens wich.

Die aus Kiefernholz gefertigten Möbel verliehen der Küche ein gemütliches Aussehen. Das spärliche, aber sanfte Licht der Dunstabzugshaube verstärkte die anheimelnde Atmosphäre zusätzlich. Das alles jedoch nahmen die Beiden momentan nicht zur Kenntnis, zu sehr damit beschäftigt, müde zu sein. Schwer stützten sie die Ellenbogen auf dem Tisch, das Kinn ruhte auf den Handkanten, die Handflächen an den Wangen. Das Blubbern der Kaffeemaschine verkündete, das durchgelaufene Wasser. Aromatischer Duft von frischem Kaffee zog durch die Küche. April strich die blonden Locken hinter die Ohren. In rosafarbenen Plüschpantoffeln, ein Geschenk der Kinder, schlurfte sie zum Kaffeeautomaten, goss das ersehnte Getränk in die bereitstehenden Tassen. Die Augen minimal geöffnet gab sie Zucker sowie Milch hinzu. Energielos schlappte sie zurück zum Esstisch. Die Morgenmuffel umklammerten ihre Kaffeebecher, als fürchteten sie, sie könnten ihnen abhandenkommen. Ungeduldig pusteten sie in den heißen Wachmacher, tranken genüsslich den ersten Schluck. Angestrengt versuchten sie, munter zu werden. Bei Rick lief das Trinken nicht ohne Geräusch ab. April beschloss, diese Töne zu ignorieren, noch fehlte ihr die Kraft, das zu kommentieren. Nach einer gefühlten Ewigkeit hoben beide den Kopf. Die Lebensgeister kamen in Gang, Energie fing an zu pulsieren. Sie lächelten einander zu.

"Normans Albträume sind erschreckend", seufzte April schließlich. "Hmhm, ja, das macht uns alle fertig."

Einige Schlucke Kaffee später fügte Rick hinzu:

"Wir sollten mit Granny sprechen. Bestimmt weiß sie Rat, kennt ein Mittel, das ihm hilft, besser zu schlafen."

Seine Großmutter, Mary Falcon, obwohl weit in den Achtzigern, noch sehr agil, gehörte zum Stamm der Abnakis. Ihr Vater, Schamane des Stammes und die Ältesten lehrten Mary viel über die Natur. Die Indianer glauben, dass jede Kreatur, jeder Stein, jeder Baum und jeder Berg eine Seele besitzen. Aus diesem Grund sollten die Menschen im Einklang mit der Natur leben, sie achten und respektieren. Die Einwohner des Ortes verehrten seine Großmutter, da sie allerhand über die Natur, deren Geheimnisse und Heilkräfte wusste. Oft baten sie Mary um Hilfe. Manche bezeichneten sie liebevoll als ihre Kräuterhexe.

Der schrille Ton des Telefons störte die morgendliche Stille. Das Ehepaar zuckte zusammen. Auf der Stelle eilte April zum Apparat, bevor das Geläut die Kinder weckte. Auf den Weg dorthin stöhnte sie, wünschte sich noch ein bisschen Ruhe, ehe die Hektik des Tages losging: "Es ist für dich." "So früh ... na das kann nur eines bedeuten."

Aufmerksam lauschte Rick dem aufgeregten Anrufer. Im Zeitlupentempo legte er das Telefon zurück in die Aufladestation, verharrte einen Moment und wandte sich schließlich mit einem deutlichen Fragezeichen im Gesicht um. Fahrig fuhr er mit beiden Händen durch sein schwarzes, kurzgeschnittenes Haar. Stockend, mit den Gedanken beim Telefonat, erklärte er: er fort:

"Auf dem Friedhof haben irgendwelche Idioten Grabsteine umgeworfen und anderen Quatsch. Ich muss gleich los."

April bekam einen raschen Kuss, bevor Rick Richtung Hausflur hastete. Noch ehe er die Haustür erreichte, rief sie lachend: "So!! Vielleicht solltest du erst einmal duschen und dir was Anständiges anziehen Chief. Das macht sich besser." Der Hüter des Gesetztes grinste verlegen: "Auch wieder wahr. Was bist du doch für eine kluge Frau." "Nur gut, wenn du das ab und zu einsiehst, mein Liebster."

Die Kinder

Verabschiedend winkte April Rick vom Küchenfenster zu, eilte dann umgehend zur Kaffeemaschine, um ihre Tasse aufzufüllen. "Ein paar Minuten noch, bitte." Sie schaffte genau vier, da hörte sie Norman und Linny von oben. Sie lauschte:

"Gut, sie toben im Badezimmer. Da habe ich noch eine Galgenfrist."

Den lebhaften Stimmen nach schienen die Kinder zu streiten. Morgens fehlte ihr dafür einfach noch die Geduld. Erfreulicherweise begann ihr Dienst heute erst zur dritten Stunde, Zeit, den Tag entspannt zu starten. Steve Harrison, der neue Kollege, erteilte vorher Sport. Grübelnd runzelte sie die Stirn, als sie an den Lehrer dachte. Seit knapp sechs Wochen unterstützte er sie jetzt. Sie war froh über seine Hilfe, wurde gleichwohl einfach nicht warm mit ihm. Bisher kannte sie Probleme in dieser Richtung nicht. Ihr aufgeschlossenes Naturell nahm jeden sofort für sie ein.

Unaufhaltsam rückten die Geräusche der lärmenden Kinder näher. Schon hörte sie die Beiden die Treppe hinunter poltern und beschloss, die Ohren auf Durchzug zu stellen. Ergeben seufzend stand sie auf, um die Schalen mit den Cornflakes zu füllen. Ihre Tochter stieß die Küchentür auf und brüllte: "Mama, Norman will Halloween als Cowboy gehen. Wie doof ist das denn! Cowboys sind doch kein bisschen gruselig!" April verzog ihr Gesicht ob dieser lautstarken morgendlichen Begrüßung.

"Denn eben als Sheriff!" maulte ihr Bruder nicht ganz so laut, aber laut genug.

"Ein Sheriff ist auch nicht gespenstisch. Schließlich muss er die Leute beschützen und dafür sorgen, dass niemand etwas Schlimmes tut. Oder findest du Dad vielleicht unheimlich."

"Nö, Dad ist der beste Sheriff der ganzen Welt."

"Genau! Halloween ist das Fest der Hexen, Gespenster und Geister. Und als so was musst du dich verkleiden. Du musst ordentlich gruselig sein, damit die Anderen Angst vor dir haben, sonst bekommst du nichts Süßes." Ihr Bruder zog einen Flunsch.

"Kinder hört auf zu streiten. Bis dahin dauert es noch eine Weile. Da finden wir garantiert das Richtige für Norman." Ihr Sohn strahlte sie an. Zufrieden machte er sich über die Schale mit den Schoko-Pops her.

"Hmm", Linny zuckte ihre Schulter, griff ebenfalls zum Löffel, krauste die Stirn und bemerkte dann altklug: "Wenn du meinst, Mum, obwohl ich glaube, Normans Ideen dürften diesbezüglich ziemlich eingeschränkt sein."

Ihre Mutter verdrehte genervt die Augen, verzichtete jedoch auf eine Antwort. Wortlos packte sie die Lunchboxen, gab zuletzt Obst hinein und legte sie den Kindern auf den Tisch:

"Bitte geleert zurückbringen. Langsam wird es Zeit. Seht zu, dass ihr fertig werdet."

Lustlos standen die Angetriebenen auf. Halbherzig zockelten sie die Treppe hinauf. "Ein bisschen dalli und Zähne putzen nicht vergessen", rief April hinterher. Es währte nicht lange und die Kinder stürmten wieder herunter. "Das ging aber schnell." "Wir haben vorhin schon gründlich," konterte Linny, die genau wusste, was ihre Mutter meinte, und rannte aus der Haustür. Ihr Bruder, mit dem Rucksack kämpfend, folgte ihr nicht weniger eilig.

Nach den ersten hastigen Schritten verlangsamten die Kinder das Tempo. Missmutig schlenderten sie Richtung Schule. "Am liebsten würde ich gar nicht hingehen", maulte Norman, der die erste Klasse besuchte.

"Ich auch nicht und dann noch Sport!"

Schweigend trotteten sie nebeneinander her.

Unsicher meinte Norman:

"Die Kinder sind in letzter Zeit anders. Irgendwie seltsam!" Schüchtern schaute er Linny von der Seite an. Bestätigend nickte sie mit dem Kopf:

"Ja, finde ich auch. Alles macht gar keinen Spaß mehr."

Norman staunte: "Wenn seine Schwester das sagte, wo sie so gerne in die Schule ging! "Sollen wir einfach nicht hingehen?" Fragte er zaghaft. "Ne, das können wir nicht machen." Linny fasste ihren Bruder bei der Hand. Verdattert schaute er zu ihr auf. Das tat sie sonst nie. Gemeinsam durchschritten sie das Schultor, von wo sie direkt auf den Schulhof gelangten. Dort tobte bereits etliche Schüler. Sofort kamen die Freunde auf sie zu gestürmt, drängten die Klassenkameraden lebhaft zu den jeweiligen Gruppen. Norman, unschlüssig darüber mitzugehen, fügte sich nach kurzem Hin-und-her-Schwanken dem Druck der Schulfreunde.

"Wir spielen Gummi-Twist", rief Shirley, Linnys Tischnachbarin." "Oh toll, da mache ich mit!"

Linny war gut in dem Springspiel, gewann oft. Die Reihe war an sie. Geschickt sprang sie mit dem Gummiband in die Grätsche und zurück. Um ein Haar stürzte sie, da sie sich irgendwie verhedderte. Das passierte ihr sonst nie. Gerade noch konnte sie den Sturz verhindern. Die Anderen kicherten schadenfroh. Am liebsten hätte sie die Freundinnen angefahren, riss sich jedoch zusammen, zuckte lediglich nur lässig mit den Schultern und tat den Beinahe-Sturz so als unwichtig ab. Neidisch schaute sie zu, wie Shirley einen Sprung nach dem nächsten meisterte. Eine andere, unangenehme Regung lenkte sie ab. In ihrem Rücken kribbeln es eigenartig. Das ungute Gefühl nahm zu. "Jemand beobachtet mich", spürte sie: "Wahrscheinlich amüsierte sich einer der Schüler immer noch über mein Missgeschick."

Kälte fächerte Linnys Haut. Ein eisiger Finger strich ihre Wirbelsäule entlang. Gänsehaut überzog ihren gesamten Körper. Furcht wallte in ihr auf. Es fühlte sich genau so an, wie gestern Nacht in Normans Zimmer. Beklommen wandte sie sich um. Ein Unbekannter, durchweg in Schwarz gekleidet stand dort am Zaun. Dürre Hände mit viel zu langen, spitzen Fingernägeln umklammerten den Maschendraht. Unheimliche Augen starrte sie an. Selbst aus dieser Entfernung nahm Linny den funkelnden Blick wahr. Der Mann grinste sie an und wandte sich dann dem Geschehen auf dem Schulhof zu, beobachte das Treiben intensiv. Ein Erstklässler entdeckte den Mann ebenfalls, lief auf ihn zu. Von einem Bein auf dem anderen hüpfend sprach er ihn an. "Du siehst aber komisch aus, warum trägst du so komische Sachen? Bist du ein Schauspieler?" "Schauspieler?"

Irritiert sah der Fremden den Jungen an. Er runzelte die Stirn, schien zu überlegen, lächelte schließlich verstehend, ein Lächeln ohne Wärme. Jedes Wort mit Bedacht wählend, antwortete er mit hallender Stimme:

"Schauspieler ist nicht verkehrt, obwohl eigentlich weißt du, bin ich aus der Zeit gefallen." Der Erstklässler schaute verständnislos, öffnete den Mund, setzte zum Fragen an. "Jetzt hau ab", raunzte der Fremde. Eingeschüchtert lief der Junge zurück, prallte dabei gegen Crystal Hammond. Enorme Wut pulsierte in ihn. Er kniff die Lider zu Schlitzen zusammen. Zugleich bombardierte er das entgeisterte Mädchen mit zornige Blicken:

"Eingebildete Kuh, ich hasste dich!" Angriffslustig ballte er die Hände zu Fäusten, hätte am liebsten auf sie eingeschlagen, dache wutschnaubend: "Die blöde Ziege meint, sie ist was Besseres! Allein schon diese piepsige Stimme! Wie die nervte! Ständig quasselte die Kuh. Er wollte diese Stimme abschalten, sie vernichten, Crystal Hammond auslöschen."

Überdeutlich blinkte ein Messer vor seinem inneren Auge. Es blitzte und funkelte, lockte ihn. Er bedauerte, kein Messer zu haben. Was könnte er damit alles machen! Er spürte regelrecht, wie es in den weichen Leib hineinglitt. Wohlige Schauer durchrieselten den Körper des Jungen. Ein schönes Gefühl! Wirklich schade, dass er kein Messer besaß. Es drängte ihm, die Tat zu vollbringen. Er musste gehen! Ein Messer besorgen!

Norman sieht den Mitschüler vor dem Fremden davonlaufen, beobachtet, wie dieser das Mädchen anstarrt. Sein Klassenkamerad ist wie verwandelt, sein Gesicht verzerrt, voller Hass. Norman bekommt Angst. Rasch schaut er fort, genau in die Richtung des Unbekannten, der immer noch am Zaun steht und den Jungen mit Blicken durchbohrte.

Norman kann die Augen nicht von dem Mann abwenden, ist wie gebannt. Langsam wendet sich der Fremde von dem Jungen ab, fixiert jetzt Norman. Vor Schreck weicht Norman einen Schritt zurück. In rasender Abfolge tauchen Bilder in seinem Kopf auf, Bilder aus seinen Träumen, von den Wesen, die ihn holen wollen. Norman spürt, etwas zerrt an ihm, will ihn haben. Er fühlt, diese dunkle Gestalt will Böses. Er macht sich ganz steif, spannt jeden Muskel des Körpers an, selbst die Gesichtsmuskeln. Er sieht sein Gegenüber trotzig an, hält dessen Blick aus glühend leuchtenden Augen stand. Norman presst die Lippen aufeinander und kräuselte bewusst die Stirn, winzige Falten zeigen sich über der Nasenwurzel. Er will genau so finster aussehen wie der Fremde, will sich auf keinen Fall einschüchtern lassen. Der Mann ist böse und Norman will ihm zeigen, dass er es weiß. Gesichter erscheinen erneut in seinem Kopf, Bilder von Schamanen der Abnakis. Krieger, kämpfend, längst gestorben, huschen gedanklich vorbei. Ein absonderlicher Geruch, wie nach einem abgebrannten Feuerwerk, weht zu ihm herüber. "Dieses Kind ist stark. Es gehört zu den Sehern" erkennt der Fremde, gibt trotzdem nicht auf, Norman seinen Blick aufzuzwingen.

Linny steht noch auf der gleichen Stelle, das Spiel längst unwichtig. Die Mädchen sind davongelaufen, jagen über den Schulhof, schubsen einander. Eine stürzt, weint, die anderen lachen gehässig. Auf der gegenüberliegenden Seite sieht sie Jungen, die mit Fäusten aufeinander losgehen. Ihr ist entsetzlich kalt. Das anarchische Treiben auf dem Pausenhof, die Kühle und der furchteinflößende Mann am Zaum wecken in ihr das Gefühl drohenden Unheils. Als ihr diese Erkenntnis bewusst wird, springt ihr aus ihrem hektisch schlagenden Herzen Angst in die Kehle. Sie betet, Norman möge zurückkommen, aufhören, den Fremden anzustarren. Die Kälte nimmt zu. Die Furcht droht ihr das Herz zu sprengen. Die Kinder toben und laufen immer noch herum. "Merken die denn gar nichts", denkt sie. Sie ruft nach ihrem Bruder, drängelt, er soll endlich kommen. Erlösend kündigt die Schulglocke den Beginn des Unterrichtes an. Norman wendet sich von dem Mann ab und läuft zurück. Erlöst zieht seine Schwester ihn ins Haus.

Der Ort

Mit ausholenden Schritten strebte Rick durch die Stadt Richtung Friedhof. Stadt war eigentlich zu hoch gestapelt. Es war eher ein Kaff. Ein Kaff mit 278 Einwohnern, aber ein ansehnliches Kaff, irgendwo am Atlantik, weit oben im Norden, in einer Bucht gelegen. In dem idyllischen Ort kennt jeder jeden, Geheimnisse blieben nicht lange geheim. Ein stattlicher Wald mit knorrigen Eichen, ausladendem Ahorn und fast zwölf Meter hohen Dogwoods, Sweetgums, aus dessen Baumsaft man früher Kaugummi herstellte, sowie Sassafras, mit den unterschiedlich geformten Blättern, begrenzen Angeltown. Der Forst mit den uralten Bäumen reicht bis zur Schneegrenze der Berge, die sich majestätisch im Hintergrund erheben. Der wolkenlosen, blauen Himmel prophezeite auch für heute wieder einen schönen Tag. Viele würde es davon nicht mehr geben, denn der Kalender zeigte bereits die zweite Oktoberwoche an. Die Sonne brachte mit ihrem Licht die intensive Blattfärbung der Mischwälder, im und um den Ort, zum Leuchten. Das Laub gefärbt, in vielfältigen rot- und orangen Tönen sowie Gelb- bis hin zu Goldtönen verzauberte die Landschaft. Dieses Farbspektakel faszinierte nicht nur die Einheimischen. Vom Frühjahr bis zum Spätherbst bereisten Scharen von Touristen die kleine Stadt oben im Norden.

Angeltown ist ein Ort, den man gern besucht, um das echte New England kennen zu lernen. Man kann eine Menge Fotos von

dem alten Leuchtturm machen, oder faul am Sandstrand liegen und dem Rauschen der Wellen lauschen.

Auf einem sanften Hügel erbaut thront das Hotel. Es bietet einen herrlichen Blick über den Ort und das Meer. Restaurants, Geschäfte sowie Souvenirläden säumen die Hauptstraße, die die Einheimischen liebevoll spöttisch ihren Broadway nennen. Es gibt nicht viele Straßen in Angeltown, die Haupt- und eine Querstraße, des Weiteren etliche kleinere Gassen. An der Hauptverkehrsstraße findet man alle Ladengeschäfte, Lokalitäten, die Polizeistation, das Rathaus und die Feuerwehr. Die Schule mit dem Kindergarten und die Bar, der beliebteste Treffpunkt, stehen auf der Hauptquerstraße. Ihre Kirche errichteten die Einwohner auf der Kreuzung der Haupt- und Querstraße. Parallel zur Hauptstraße erstreckt sich die Wohngegend. Der pastellfarbene Anstrich der Holzfassaden verleiht dem Ort ein anheimelndes Aussehen. Die perfekte Postkartenidylle.

In der Urlaubszeit platzt der Ort regelmäßig aus allen Nähten. Touristen fallen massenweise ein. Im Frühjahr und Sommer kommen die Gäste hauptsächlich aufgrund des schönen Sandstrandes. Im frühen Herbst lockt sie der berühmte Indian Summer. In den Neuengland-Staaten an der US-Ostküste gilt das Sprichwort: "Was das ganze Jahr schön ist, ist im Herbst noch schöner."

Das Hotel konnte der Touristenflut nicht Herr werde. Dadurch bekamen die Einwohner die Gelegenheit, Zimmer zu vermieten. Sie waren dankbar für das Zubrot, denn Arbeitsplätze waren in Angeltown rar gesät, meist nur saisonal. Lediglich das Bistro, das Café wie auch die Restaurants verdienen in der Feriensaison ausreichend, um für den Rest des Jahres über die Runden zu kommen.

Der Indian Summer verabschiedete sich und mit ihm die Touristen. Das war in den letzten Tagen offensichtlich geworden. Für den Sheriff und seine zwei Gehilfen bedeutete das, weniger Arbeit. "Irgendwer scheint da wohl schon Langeweile zu haben", dachte Rick. Eine andere Erklärung für den Unfug auf dem Friedhof fand er bis jetzt nicht. Aber er verbot sich, voreilige Schlüsse zu ziehen: "Erst einmal den Ort des Geschehens sehen, dann wüsste er mehr."

Ein Schatten verdunkelte seine Sicht, fast wäre er mit jemandem zusammengestoßen. Irritiert bat er um Entschuldigung. Beim Hochblicken schaute er in das grinsende Gesicht von Steve Harrison, Aprils neuem Kollegen.

"Na, Chief, noch am Träumen? Ist auch noch reichlich früh," spöttelte dieser, feixte Rick mit strahlend weißen Reklamezähnen an und schlenderte lässig weiter. Verdutzt den Lehrer so früh unterwegs zu sehen, schaute Rick ihm sprachlos hinterher:

"Weit weg von zu Hause der Typ," wunderte sich Rick: "Reichlich früh für einen Morgenspaziergang!"

Eine anderweitige Möglichkeit kam ihn in den Sinn. Grinsend schaute er der davoneilenden Gestalt nach, bereute augenblicklich den Blick. Unwillkürlich ertastete seine Hand den Bauch, der im Begriff stand, der Six-pack-Form ade zu sagen: "Der Kerl besitzt die Figur eines Adonis. Genau der Typ Mann, auf den die Frauen fliegen, mit dem Otto Normalverbraucher nicht mithalten kann", seufzte der Sheriff neidisch und beschloss, heute Abend dem verwaisten Fitnesskeller einen Besuch abzustatten - einen ausgiebigen Besuch.

Das Souvenirgeschäft kam in Sichtweite, er beschleunigte seinen Schritt. Momentan verspürte er keinen Bock auf Small talk mit Jane Carter. Vorsichtshalber überquerte er die Straße, um auf der anderen Seite weitergehen, hoffte, damit der drohenden Gefahr aus dem Weg gehen.

"Guten Morgen, Sheriff", trällerte es da schon: "Sie haben es ja so eilig, ist was passiert?" Ertappt zuckte Rick zusammen: "Mist, sie hatte ihn gesehen." Rasch setzte er ein Lächeln auf, bemüht es nicht zu krampfhaft ausfallen zu lassen. Mit einem lässigen Tippen an der Krempe seines braunen Uniformhutes begrüßte er Jane Carter. Die grazile Frau, Anfang fünfzig, winkte ihm heftig zu. Ihre andere Hand umklammerte den Besen, mit dem sie kurz zuvor den Fußweg fegte. Mit ihrer Zwillingsschwester Betty betrieb Jane einen der Souvenirläden in Angeltown. Die eineiigen, unverheirateten, Zwillinge ähnelten einander frappierend. Der einzige Unterschied bestand in Bettys Leberfleck auf der rechten Wange und ihrer unbeirrbaren Suche nach einem Ehemann. Obwohl, es gab ihn schon den Kandidaten. Was hatte sie schon alles unternommen, um die Aufmerksamkeit des Küster Jason Farlow zu erregen, doch zu ihrem Verdruss wollte der Auserkorene einfach nicht anbeißen. Einfach zu widerspenstig der Kerl, fand sie.

"Guten Morgen Mrs Carter." Rick gab sich Mühe, seiner Stimme den Klang von Ich-habe-keine-Zeit zu geben. Bewusst ignorierte er ihre letzte Bemerkung. Bevor er nicht wusste, was auf dem Friedhof passiert war, hielt er es für sinnvoll, mit niemandem darüber zu reden: "Entschuldigung, ich war in Gedanken." "Das ist mir aufgefallen Sheriff. Sie scheinen keine Zeit für einen Plausch zu haben. Im Einsatz wie, hm?" So leicht ließ Jane sich nicht abschütteln. Sie witterte spannenden Tratsch, brauchte dringend neuen Gesprächsstoff für ihre Freundinnen. Schließlich geschah nichts in der Stadt, ohne dass sie davon wusste.

"Ja, ich muss zum Friedhof, Jason wartet. Entschuldigen Sie bitte Mrs Carter. Ich würde ja gern mit ihnen plaudern, aber die Pflicht ruft: "Ein Wort zu viel und im null Komma nichts wusste jedermann Bescheid über etwas, wovon er selbst noch keine Ahnung hatte", wusste Rick: "Na dann, man sieht sich." Verabschiedend, die Enttäuschung nicht verhehlend, nickte Jane dem Sheriff mit ihrem dauergewellten, blondiertem Kopf zu.

"Vielleicht habe ich nachher etwas für dich, was du weitererzählen sollst." Rick schmunzelnd, legte einen Zahn zu.

Betty und Jane Carter

Frustriert äugte Jane die Straße hinunter, seufzte und widmete sich zwangsläufig abermals dem Fußweg. Lustlos schwang sie den Besen, nebenbei suchend umherspähend. Das Fegen diente lediglich als Vorwand, damit war sie längst fertig. Im Grunde genommen hoffte sie, dass jemand vorbeikäme, mit dem sie ein Schwätzchen halten konnte. Leider tat ihr niemand den Gefallen. Die gelangweilte Frau fand, es wäre mal wieder Zeit, nach dem Grab der Eltern zu schauen. Unkraut jäten, war längst überfällig. Falls ihr dort Jason Farlow über den Weg lief, könnte sie ihn, ihrer Schwester zu Liebe, zum Kaffee bitten. Fraglich allerdings, ob er die Einladung annahm. Egal! Wie, um den Gedanken zu bestätigen, nickte Jane leicht mit dem Kopf. Was fand Betty bloß an diesem Kerl, fragte sie sich zum x-ten Male. Je mehr sie darüber nachdachte, desto besser gefiel ihr der Einfall, zum Friedhof zu gehen. Bei der Gelegenheit erfahre ich unweigerlich, was dort vorgefallen ist, frohlockte sie und beschloss, ihr Vorhaben im Laufe des Vormittages in die Tat umzusetzen. Auf den Besen gestützt schaute sie die Hauptstraße hinunter. Sie stutzte, runzelte verständnislos ihre Stirn. Etwas war anders! Jane überlegte, was sie störte. Sonderbar, wie die Stadt heute aussah. So eigentümlich grau. Kritisch musterte sie ihre Umgebung. Die leuchtenden Farben der bunten Häuser, sahen aus, wie von einem Grauschleier überzogen. Selbst den Menschen haftete diese Farblosigkeit an. Die paar, die schließlich aufgetauchten, hastete stumm, ohne Gruß vorbei. Das befremdete sie. Das machte man nicht mit Jane Carter! In Angeltown fand man stets Zeit für ein paar Worte. Verblüfft starrte sie in die Ferne. Wie aus dem Nichts schlenderte eine Gestalt die Straße herunter. Wo kam die mit einem Mal her! Trotz der langen Haare schien es sich, der Kleidung nach zu urteilen, um einen Mann zu handeln. Der Fremde wechselte auf die gegenüberliegende Straßenseite. Fahrig suchte sie in ihrem Kittelkleid nach ihrer Brille, vergeblich. Schließlich kniff sie die Augen zusammen, versuchte, die Gestalt dadurch deutlicher zu erkennen. Sie kannte ihn nicht, sah ihn noch nie zuvor. Was mag der hier wollen, die Ferienzeit ist doch vorbei. Der Mann blieb stehen, sah allem Anschein nach suchend umher. Vielleicht kann ich ihm ja behilflich sein, ihn eventuell ein wenig aushorchen, frohlockte Betty. Endlich würde sie zu neuem Gesprächsstoff kommen! Erwartungsvoll sah sie der Gestalt entgegen. Jetzt befand er sich auf gleicher Höhe mit ihr, schaute zu ihr herüber. Strahlend lächelte sie ihn an, das typische Bild einer netten älteren Kleinstadtfrau. "Kann ich Ihnen helfen?" bot sie beflissen an. Der Fremde starrte sie an, sagte kein Wort. Seine abweisende Aura ließ Jane schaudern. Sie wandte ihren Blick ab, traute sich nicht, weiter in diese kalten Augen zu schauen. Sie fürchtete, darin etwas zu erkennen, was sie nicht sehen wollte. Bekommen eilte sie zurück in den Laden, stellte den Besen geräuschvoll in eine Ecke. Überrascht hielt ihre Schwester Betty beim Staubwischen der Verkaufstheke inne: "Hast du was?" "Nee, was soll ich haben!" Betty schaute sie skeptisch an. Sie wartete, manchmal kam ja noch was hinterher. Aber Jane gab keinen Mucks von sich, schob nur die Souvenirs in den Regalen hin und her. Achselzuckend setzte Betty die Tätigkeit des Staubwischens fort.

"Schau mich nicht dauernd so an", schnauzte Jane plötzlich:

"Kontrollierst du mich etwa!"

"Ich schau dich nicht an!"

"Doch tust du!"

"Ach lass mich in Ruhe!" Genervt nahm Betty den Verkaufsständer mit den Sonderangeboten, um ihn draußen vor den Laden zu stellen. Jählings blieb sie stehen. Etwas Dunkles huschte am Fenster vorbei. Beinahe wäre ihr das Gestell entglitten. Zitternd umklammerte sie den Ständer, hielt sich daran fest. Kalte Schauer liefen vom Steißbein hoch zum Nacken, überzogen den Kopf und hinterließen Gänsehaut am ganzen Körper. Sie zauderte hinaus zu gehen, trat zaghaft einen Schritt vor.

"Was ist los?" Jane sah sie fragend an.

"Ach nichts".

"Klar ist was, ich kenne dich."

Betty druckste herum: "Da war jemand am Fenster. Vielleicht hat der uns ja beobachtet."

"Siehst du, ich hatte Recht, irgendwer belauert mich", sagte Jane, lächelte ihrer Schwester entschuldigend zu:

"Konntest du erkennen, wer es war?"

"Nee, ich sah lediglich einen Schatten vorbeihuschen. Jetzt bringe ich aber endlich die Sachen raus, bevor die ersten Kunden kommen."

"Viele werden es nicht mehr sein."

"Ja leider, die Saison ist vorbei. Bald fängt die trübe, dunkle Zeit an. Hoffentlich dauert sie diesmal nicht so lange." Mit einem bedauernden Seufzer trat Betty vor die Ladentür und blieb erneut abrupt stehen. Der Boden vor dem Laden war übersät mit Laub und Schmutz. Indigniert drehte sie den Kopf Richtung Tür. "Ich denke, du hast hier gefegt Jane!"

"Selbstverständlich! Was glaubst du, was ich dort draußen gemacht habe." "Na, dann komm raus und schau dir das an!"

Die Hände in der Taille gestützt, eine Hüfte vorgeschoben, wartete Betty auf ihre Schwester. Mit hochrotem Kopf kam diese aus dem Laden geschossen: "Das gibt es nicht! Wie sieht es denn hier aus! Ich habe doch sauber gemacht!" Augen und Mund vor Erstaunen weit geöffnet starrte sie ungläubig auf den von Unrat übersäten Fußweg. Rasch klappte sie den vor Verwunderung offenen Mund wieder zu, da sie wusste, wie lächerlich das aussehen musste, um ihn gleich darauf erneut zu öffnen. Ihr zum O geformter Mund drückte maßloses Erstaunen aus. Er war wieder da! Sie trat zu ihrer Schwester, fasste sie am Arm.

"Betty", raunte sie: "Hast du den Mann da drüben schon mal gesehen?"

"Warum flüsterst du."

"Ich weiß nicht irgendwie sieht er danach aus."

"Sieht schon eigenartig aus der Typ. Diese Klamotten, wie aus dem letzten Jahrhundert."

"Mindestens!"

"Vielleicht hat der uns ja beobachtet." Unschlüssig standen sie auf dem Gehweg und betrachteten den Fremden, der seinerseits keine Notiz von ihnen nahm. Einzig das Geschäft, interessierte ihn. Unverwandt, ohne eine Miene zu verziehen, fixierte er es. Hämisch grinsend senkte er den Kopf, hob einen Arm und deutete mit der linken Hand, Ring und Mittelfinger geschlossen, auf das Schaufenster. Deutlich gewahrten sie, die Bewegung seiner Lippen, glaubten, ihn flüstern zu hören.

Ein Poltern hinter ihrem Rücken ließ die Frauen herumfahren. Nichts Gutes ahnend hasteten sie zurück in den Laden. Entgeistert erfassten sie das Chaos, schauten fassungslos umher. Viele der Souvenirs lagen zerschmettert am Boden, mittendrin umgestoßene Regale. Überall verstreut sahen sie Prospekte und dazwischen ihre Blumendekorationen. Die Schwestern betrachteten fassungslos das Durcheinander. "Was ist denn hier passiert? Wir waren doch nur einen Moment vor der Tür.Hast du jemanden das Geschäft betreten sehen, Jane?"

"Wie denn?! Ich habe da nicht drauf geachtet. Erst lenkte mich der schmutzige Boden ab und dann dieser Mann." Rasch schickte Jane einen Blick durch die Schaufensterscheibe:

"Er ist weg."

"Wer ist weg?"

"Na, der Fremde!" Zeitlupenmäßig drehte Betty sich um, zeigte ihrer Schwester ein kalkweißes Gesicht mit zitternden Lippen. Ihre fiebrig glänzenden Augen schauten Jane vielsagend an. Jane weigerte sich zu glauben, was sie in Bettys Augen las. Aufgewühlt überlegte sie, womit sie ihre Schwester beruhigen konnte. Ein sirrendes Geräusch über ihren Köpfen zwang die Frauen ruckartig nach oben zu schauen. Einige der Ansichtskarten aus den Ständern schwirrten in der Luft. Erst wirbelten nur ein paar umher. Dann wuchs der Strudel aus Karten, wuchs und wuchs. "Wieso sind das so viele?" schrie Jane:" Das sind ja mehr, als wir haben! Mehr als wir je hatten!" Ein scharrendes Geräusch ließ sie herumfahren. Krachend öffneten sich die Schubladen der Ladentheke und schlugen lautstark wieder zu. Ununterbrochen auf und zu, auf und zu. Broschüren, Landkarten, wie von Geisterhand bewegt, schwebten heraus, rotierten pfeifend mit dem Karten an der Decke. Das durchdringende, schrille Sirren schmerzte ihnen in den Ohren. Das und das Krachen der Laden beherrschten den Raum. Beide Hände auf die gepeinigten Ohren gepresst sahen sie abwechselnd nach oben und zur Theke, außerstande rational zu denken. Die Papiere an der Zimmerdecke formierten sich zu einem tornadoähnlichen Strudel. Unaufhaltsam näherte dieser sich den erstarrt da stehenden Frauen. Ihre Panik lauthals herausschreiend packte Jane ihre Schwester am Unterarm und zog sie, in das Hinterzimmer, das sowohl als Büro wie auch als Sozialraum fungierte. Bebend standen sie einander gegenüber, lautlose Tränen rannen über Bettys Gesicht:

"Es fängt an!" "Bitte lass uns diesmal auch verreisen", bat Jane. "Und was ist mit Jason Farlow."

"Keine Sorge, den schnappt dir niemand weg. Der wird noch hier sein, wenn wir wiederkommen," versicherte Jane heftig.

Die bedrohlichen Geräusche aus dem Geschäft gewannen an Intensität. "Du hast Recht", flüsterte Betty: "Wir sollten dieses Jahr ebenfalls verreisen." "Gut, gleich nachher besorgen wir die Fahrkarten für den Überlandbus, ehe es keine mehr gibt."

"Dann nehmen wir halt den nächsten Bus."

"Wer weiß, ob später noch einer fährt. Das Wetter kann jederzeit umschlagen. Und dann geht nichts mehr." Erschrocken sah Betty sie an:

"Okay, stimmt! Fahren wir so schnell es geht! Sicher ist sicher!"

"Genau! Ich will so schnell wie möglich weg von hier."

Der Entschluss beruhigte sie. Das Beben ihrer Körper ließ nach. Sich an den Händen haltend, warteten sie, bis die Geräusche verstummten. Irgendwann würde es vorbei sein. Das wussten sie! Dann würden sie in ihrer Wohnung über dem Laden gehen und für die Reise packen.

Auf dem Friedhof

Jason Farlow, Küster der Gemeinde, trat ungeduldig auf der Stelle. Aufgrund seiner stämmigen Gestalt sah er dabei einem tapsigen Tanzbär nicht unähnlich. Das kantige Gesicht spiegelte den Unmut über die Zerstörung des Friedhofs wider. Zorn blinkte in den graublauen Augen. Die Stirn in Falten gelegt schaute er Rick vorwurfsvoll entgegen:

"Mann, das hat gedauert!"

"Dein Anruf kam in aller Herrgottsfrühe. Ohne Dusche und im Schlafanzug konnte ich wohl kaum losziehen. Auf das Frühstück allerdings habe ich dir zuliebe verzichtet. Und ich wünsche dir gleichfalls einen Guten Morgen Jason."

Das gebräunte Gesicht mit der leicht nach unten gebogenen Nase guckte betreten. Entschuldigend lächelte er Rick an. Verlegen stampfte er los.

"Wir müssen bis ans Ende", brummelte er.

Bereits von Weiten war das Ausmaß der Verwüstung sichtbar. Die Täter vandalierten im hinteren Abschnitt des Friedhofs, den Teil, wo die alten Begräbnisstätten lagen, die kaum noch jemand besuchte. Hier liefen sie nicht Gefahr, rasch entdeckt zu werden.

Breitbeinig, die Hände in den Seitentaschen der braunen Uniformjacke vergraben, schweiften Ricks dunkelbraunen Augen forschend über das Gelände. Suchend schritt er zwischen den umgeworfenen Steinen umher, spähte aufmerksam auf den Boden, versuchte, irgendwelche Spuren auszumachen.

Jason beobachtete ihm, guckte ihn wiederholt fragend an, glaubte, der Sheriff schüttelte justament die Lösung aus den Ärmel. Laut seufzend hob er die Schultern, als dem nicht so war. Ricks zählte mindestens zehn umgestoßene Grabsteine.

"Ein paar der Steine sind sogar zertrümmert", kommentierte Jason: "Dazu gehört eine unheimliche Kraft Chief". "Bestimmt benutzten sie irgendwelche Werkzeuge, schweren Hammer oder Ähnliches", erwiderte der Angesprochene gedankenverloren. "Sie, woher wissen sie, dass da mehrere am Werk waren?" "So eine Sauerei schafft einer allein nicht."

Rick starrte verdutzt auf den Boden. Merkwürdig! Wieso, verdammt noch mal, sind hier keine Fußspuren, außer unseren? Die Täter können wohl schlecht geflogen sein. Jäh wandte er sich dem Küster zu, der erschrocken zusammen fuhr. "Jason, hast du etwas Auffälliges bemerkt?" "Nein, nach der Morgenandacht, nachdem ich in der Sakristei alles wieder in Ordnung brachte, bin ich hierher. Bin gerne hier, mag die Stille. Ja und dann sah ich ...das hier." Er wedelte vage mit den Armen.

"Hast du was verändert, Jason." "Was glauben Sie denn Chief!" Entrüstete protestierte der Küster. Rick grinste entschuldigend. Gedankenverloren strich er mit dem Zeigefinger über seine Nase, bis er die Nasenspitze zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, drückte sie ein paar

Mal zusammen. Das tat er oft, wenn er überlegte. Schmerzte die Spitze, wusste Rick, dass es ein anstrengender Tag gewesen war.

Jason ereiferte sich erneut: "Unglaublich! Wer tut so was? Ich dachte, in Angeltown wohnen anständige Leute. Was der Pfarrer wohl dazu sagen wird? Bin übrigens vorhin zu ihm gelaufen, damit er Bescheid weiß".

Rick hörte nur mit einem Ohr zu. Kritisch schritt er umher. Herausgerissene Sträucher und Blumen, teilweise zerfetzt, lagen weithin verstreut, selbst auf dem Fußweg, dazwischen Haufen von Friedhofserde, aber keine Fußspuren weit und breit. Er stutzte, blieb stehen: "Der Stein sah anders aus." Er ging in die Hocke und nahm den Grabstein genauer unter die Lupe, erkannte irgendwelche ominösen Zeichen:

"War das vorher schon da, Jason?"

"Nee, so eine Schmiererei hätte ich bemerkt. Bin doch jeden Tag hier. Ach, da kommt der Pfarrer." Noah Wheiley, mit knapp Dreißig, jung für einen Priester in dieser Position, eilte auf die Männer zu. Die schwarze Priestersoutane, die er lieber als die jetzt übliche moderne Priesterkleidung, Hose und Priesterhemd, trug, flatterte im unversehens aufgekommenen Wind. Fröstelnd zogen die Männer die Schulter hoch, bohrten ihre Hände tiefer in den Jackentaschen. Bereits aus der Entfernung sahen sie dem Herannahenden sein Unbehagen an. Als er den Wartenden gegenüber stand, blickte er sie fragend an. Indes bedurfte es keinerlei Erklärung. Genau wie die beiden vor ihm musterte er gleich darauf fassungslos das Gelände: "Mein Gott, das sieht ja entsetzlich aus. Wer ist bloß zu so etwas fähig!" "Bis jetzt habe ich keinen blassen Schimmer, was das Ganze soll", erwiderte Rick. "Das war eher eine obligatorische Frage, Sheriff. Selbstverständlich ist es dazu noch zu früh. Wahrscheinlich sind sie auch gerade erst gekommen."

"Genau, ohne Frühstück, aber mit Dusche und Klamotten," grinste Rick Jason an. Der schaute verlegen. Nicht verstehend Noah sah von einem zum anderen. Dann schritt er, wie Rick, zwischen dem Chaos umher:

Die gefalteten Hände in Brusthöhe schüttelte er fassungslos den Kopf.

"Die Friedhofsruhe sollte jedem heilig sein! Was für ein Frevel!" Er stutzte, bemerkte jetzt, was Rick und Jason zuvor auffiel:

"Was ist das für ein Gekritzel auf dem Grabstein dort?"

"Das haben wir auch gerade entdeckt Herr Pfarrer", sagte Jason und schaute Noah Wheiley ehrfurchtsvoll an. Der Küster war ein gläubiger Mensch, verehrte den Geistlichen, der erst kurz die Gemeinde führte. Seit dem dieser die Kirchengemeinde betreute, reichten die Plätze der Kirchenbänke kaum. Erfreulicherweise kamen auch wieder viele Jugendliche in den Gottesdienst. Vielleicht lag das daran, dass der Mann Gottes der ältere Klon von Harry Potter hätte sein können. Nicht, dass Jason wusste, wer Harry Potter war, sein Sohn Ben behauptete das.

Die drei Männer starrten auf den Grabstein, versuchten, das Geschriebene zu entschlüsseln. "Sieht aus wie ein "t" und ein umgedrehtes "s", fand Rick. Noah sah ihn bestürzt an. Fahrig glitten seine schmalgliedrigen Hände durch sein haselnussbraunes, leicht gewelltes Haar. Erwartungsvoll blickte Rick ihn an: "Was ist los Herr Pfarrer. Sie sehen aus, als hätten Sie eine Idee." Deutlich hörbar stieß Noah die Luft aus.

Er wollte nicht glauben, was er sah, murmelte zögerlich: "Hmmmm. Vielleicht ein Kreuz und ein Fleischerhaken." Beklemmung zeichnete sein Gesicht: "So recht kann ich mir das aber nicht vorstellen. Wer sollte so etwas zeichnen und warum! Sicher ist das nur ein zufälliges Gekritzel." Jason unterbrach ihn aufgeregt: "Auf dem hier sind ebenfalls Zeichen, aber andere. Sehen aus wie Sechsen, drei Sechsen, um genau zu sein." Er lief zum nächsten Stein: "Auf dem hier auch".

Noah erblasste, folgte Rick, der sich bereits zum Grabstein beugte. Der Sheriff wusste mit diesen Zeichen genau so wenig anzufangen wie mit den Vorherigen. Fragend schaute er Noah an. Der hob verblüfft die Augenbrauen, starrte konsterniert auf das Symbol. Rick wollte eine Antwort, fragte ungeduldig; "Was ist?"

"Es sind tatsächlich Sechsen!"

"Und, was ist an Sechsen besonders?" Riefen Rick und Jason gleichzeitig.

Zögerlich, nach jedem Wort eine Pause einlegend und bestätigend mit dem Kopf nickend, erklärte er: "So unglaublich das klingt, es handelt sich in beiden Fällen um Zeichen des Satans. Die Sechsten hier sind ein Geheimzeichen für das Große Tier, den Antichristen".

Verdutzt glotzten die Männer ihn an. "Des Antichristen! Sie meinen Satan, den Teufel!" Rief Jason perplex.

Noah Wheiley sah ihn ungehalten an. Wer sollte sonst mit Antichrist gemeint sein, dachte er genervt, gleich darauf bedauerte er, seine nicht gerade seelsorgerischen Gedanken:

"Leider ja. Es kann Zufall sein. Vielleicht hat der oder die Personen nur so gekritzelt, dem keine Bedeutung beigemessen." "Glauben sie das wirklich, Herr Pfarrer?" "Ich möchte es Sheriff, ich möchte es."

Die Männer schwiegen, hingen ihren Gedanken nach.

"Wieso drei Sechsen", unterbrach Rick die Stille.

Noah schlug rasch das Kreuz. "Die Sechs ist das Zeichen Satans. Mit dreimal soll die heilige Trinität verhöhnt werden, Gott Vater, Gott Sohn und der Heilige Geist. ". "Die erste Schmiererei ist ebenfalls ein Symbol Luzifers. Es besteht aus zwei Teilen: Das was, wie sie sagten Chief, wie ein "t" aussieht, stellt das Kreuz dar. Das untere Zeichen, das umgekehrte "S", soll eine Sichel sein, die das Kreuz abschneidet. Ich wollte es nicht glauben, doch jetzt, wo ich die Sechsen gesehen habe, bin ich sicher. Bei der ersten Kritzelei handelt es sich um die sogenannte Satansgabel, die auch Teufelshaken genannt wird."

"Das waren garantiert Gruftis," platzte Jason heraus. Verblüfft schauten die Männer ihn an, fragten gleichzeitig: "Welche Gruftis?!"

Noah schob hinterher: "Wie kommst du denn da drauf Jason. Nun Gruftis waren das gewiss keine."

"Wieso nicht? Das sind doch alles Spinner, schon wie die rumlaufen." Noah legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm, sagte:

"Du verallgemeinerst, mein Lieber. Gruftis tun Niemanden etwas. Sie wollen lediglich Aufsehen erregen mit ihrem düsteren Aussehen. Schockieren! Früher sollte ihre Aufmachung den Archetypen des Vampirs darstellen. Diese Spiritualität ging im Laufe der Zeit allerdings verloren. Mag sein, sehr wahrscheinlich sogar, dass sie sich auf Friedhöfen herumtreiben. Aber solche Zeichen? Nein! Das tun sie nicht. Gruftis wollen bloß Düsternis ausstrahlen, Satanisten sind, leben, die Finsternis. Wenn das einer Gruppe zuzuordnen wäre, dann würde ich eher auf diese tippen."

"Satanisten, was sind das jetzt wieder für Typen."

Noah hob wage die Arme:

"Das ist ein weites Feld. Da gibt es die verschiedensten Richtungen. Einfach ausgedrückt, verehren die Satanisten den Teufel und alles Böse. Sie beten es an. Sie hassen die christlichen Werte. Alles, was in der Religion als Sünde bezeichnet wird, verachten sie, empfinden sie als falsch. Dementsprechend leben und handeln sie entgegen unserem Glauben. Das kann man so im Groben sagen."