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Es ist Sommer und unerträglich heiß. Jahrhundertsommer nennen sie ihn bereits. Die mörderischen Temperaturen, zwingt alle, das Leben auf das Notwendigste herunterzufahren. Die Bullenhitze bringt ihr Blut zum Kochen, ihre Hormone in Wallung. Gnadenlos brennt die Hitze in ihnen, weckt Sehnsüchte, die gestillt werden wollen. Das Internet mit seinen unendlichen Möglichkeiten soll ihnen dabei helfen, auch Sarah, die von ihrem Mann verlassen wurde. Auch dessen Geliebte wird tot aufgefunden. Hat Robert etwas damit zu tun, muss sie sich fragen. Was haben alle Opfer gemeinsam? Fragen sich die Kommissare. Die Zeit drängt, der Mörder wird brutaler.
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Impressum neobooks
Der Tod lauert im Internet
Kriminalroman von Jutta Pietryga
Seite(n)
65942 Wörter
355785 Zeichen
Jeden Tag sind in Deutschland Täter unterwegs, die nach Opfern Ausschau halten. Wir können Opfer oder Täter sein.
Prolog
Wie Perlen an einer Kette rinnen die Regentropfen die Fensterscheibe herunter. Die Augenbrauen finster zusammengezogen, starrt er durch die nassen Scheiben. Einmal muss doch dieser verdammte Regen aufhören. In seinem Kopf rauscht es. Erst sanft, dann stärker, bis es zu einem Orkan wird! Trotzdem hört er sie. Sie sind da! Sie flüstern miteinander, als würden sie etwas ausheckten. Die Stimmen kriechen in seine Gedanken, gaukeln ihm Bilder vor, sagen ihm, was er sich wünscht und wie er es bekommt. Er will das nicht. Sie schweigen endlich, verbergen sich, um bald wieder aus ihrem Versteck zu kommen, um ihn erneut zu bedrängen. Seit Stunden peinigen ihn diese Gedanken und Wünsche. Sie wollen nicht aus seinem Kopf verschwinden. Wie eine Spirale drehen sie sich unaufhörlich um das Eine, das, was er sich wünscht, das, was er dringend braucht. Er versucht, sich abzulenken, an etwas anderes zu denken. Aber seine Fantasie lässt das nicht zu. Wie ein gefährlicher Wasserstrudel drehen sich diese Bedürfnisse in seinem Kopf, drohen ihn, in die dunklen Tiefen zu ziehen. Diese Gedanken toben in seinem Gehirn. Es ist völlig ausgeschlossen, sie loswerden. Sie sind stärker als er! Es ist wieder soweit! Er wird es tun! Doch das ist bei dem Wetter unmöglich. Der Regen stört! Wird ihm das Vergnügen rauben.
Seit gestern Nacht regnete es pausenlos. Es scheint, nicht enden zu wollen. Das Rauschen draußen und in seinem Kopf verbünden sich. Er hält es nicht mehr aus. Wimmernd liegt er auf dem Sofa, wie ein Fötus, die angewinkelten Beine unter das Kinn gezogen. Er wünscht sich zurück, in die Geborgenheit des Mutterleibes, in diese dunkle Höhle, verborgen in glückseliger Dunkelheit, wo er nur ist, keine Forderungen erfüllen, nichts darstellen muss. Einfach nur sein, behütet in der mütterlichen Fürsorge des warmen Leibes. Er umklammerte ein Sofakissen, drückt es an die Brust. Schließlich erbarmt sich der Schlaf seiner Qualen.
Als er aufwacht, beginnt die Pein von Neuem. Getrieben tigert er im Zimmer umher. Dann geht er zum Wohnzimmerschrank, zieht eine Schublade auf und holt einen Personalausweis heraus.
Er nimmt immer irgendetwas mit. Lüstern starrt er auf das Bild, empfindet erneut die beglückende Macht des Tötens. Menschen das Leben zu nehmen bringt ihn in Ekstase. Selbst später, wenn er sich die Szenerie vor Augen führt, erfasst ihn dieses Hochgefühl. Töten ist für ihn ein Zwang! Die Kälte, die dabei seinen Körper durchströmt, erregt ihn. Er kann diese Gefühle nicht abstellen und lässt es geschehen. Es muss eben so sein!
Als Kind, als er einen Frosch sezierte, hatte er zuerst diesen Rausch der Befriedigung empfunden. Das war der Anfang. Als Nächstes quälte er seinen Hamster, schnitt ihn die Beine ab. Die Todesqualen der kleinen Geschöpfe erregten ihn. Später dann wurden die Tiere größer.
Kapitel 1 Sommer
Sommer! Und was für einer! Jahrhundertsommer heißen sie ihn! Und er macht dem Titel alle Ehre. Tag für Tag präsentiert der Himmel sich im strahlenden Blau der Könige. Und inmitten dieses fürstlichen Blaus thront majestätisch eine glühende Sonne. Ein um den anderen Tag brennt sie mit einer Intensität, als müsste sie beweisen, was für eine Gewalt sie besitzt. Jeden Tag wähnen die Menschen, es noch heißer als am vorherigen. Deutschland, ganz Europa, quälen mörderische Temperaturen, die alle zwingt, das Leben auf das Notwendigste herunterzufahren. Die Natur ist diese Tropenhitze längst überdrüssig. Alles und jeder lechzt nach Regen, nach Kühle. Keine Kreatur will mehr unter der Hitze ächzen und schwitzen, ausgelaugt und kraftlos sein. Sie wollen endlich wieder nachts schlafen, ohne sich hin und her zu wälzen und den Morgen herbei zu sehnen! Doch die Sonne erhört ihr Flehen nicht. Sie kennt kein Erbarmen. Es ist Sommer und unerträglich heiß.
Wer kann sucht Erfrischung in den Badeanstalten oder sonstigen nassen Örtlichkeiten. In Bikinis und Badehosen bieten sich die Sonnenanbeter eisern dem Götzen Sonne dar. Selbst die figürlich nicht so Begünstigten präsentieren mit wenig Stoff bedeckt, bloß nicht zu viel anhagen, jeden Quadratzentimeter ihres Körpers dem gleisenden Himmelskörper. Nicht immer zur Freude ihrer Mitmenschen. Wie Opfer auf der Schlachtbank huldigen sie unerschütterlich ausharrend der erbarmungslosen Göttin. Mit Sonnenmilch, Sonnenschutzfaktor 30 oder höher, wollen sie die Sonnenstrahlen austricksen. Doch die Sonne lässt sich nicht überlisten. Gnadenlos durchbrechen ihre Strahlen den vermeintlichen Schutz der Sonnenschutzcremes.
Bisweilen erwachen die wie tot da liegenden Leiber zum Leben. Ausgelaugt von der Hitze, tappen sie zum Wasserbecken, um Haut und Corpus Erholung zu gewähren. Geschockt schreien sie auf, wenn die kalte Dusche auf ihre heißen Körper prasselt. Prustend, gleich nasser Hunde, schütteln sie sich. Nach ein paar Runden im lauen Wasser begeben sie sich erneut zum Sonnenaltar. Lange hält die Erfrischung nicht vor. Wieder wird den Sonnenanbetern unsagbar heiß. Das Spiel Wasser, Sonnenaltar beginnt aufs Neue. Hier und da glänzt ihre Haut bereits feuerrot. Bald wird ein anderes Brennen die Sonnenbadenden quälen. Die Luft ist schwer und drückend. Der saure Geruch von konsumierten Alkohol und Schweiß vermischt mit der Symphonie duftender Sonnencremes, süßlichen Deos und diversen Parfüms, schwebt in der Luft.
Am Abend begibt man sich in den Biergarten oder schmeißt alternativ den Grill an. Der Geruch von Holzkohle und Gegrilltem schwängert die Sommerluft. Musik, Gelächter, ein Wirrwarr der unterschiedlichsten Stimmen, hallen durch die Wohngegenden. Fast alle nutzen die Gelegenheit, sich im Freien aufzuhalten. Jeder will raus aus den stickigen Räumen und der drückenden Hitze in den vier Wänden entfliehen.
Die Gastronomen reiben sich die Hände. Enormen Verdienst witternd packen sie sämtliche Sitzgelegenheiten, deren sie habhaft werden, ins Freie. Jede Fläche wird ausgenutzt und mit Tischen und Stühlen vollgestellt. Sie erwarten ein Bombengeschäft, wünschen, das Bilderbuchwetter möge lange anhalten.
Kapitel 2 Einsamkeit
Ein anstrengender Tag liegt hinter der Person. Bei einem grünen Tee mit viel Eiswürfeln sucht sie Entspannung. Mit geschlossenen Augen, genießt sie den ersten Schluck des Getränks, stellt die Tasse ab und greift zu dem angefangenen Roman auf dem Couchtisch. Eine Weile liest sie entspannt.
Dann, wie aus dem Nichts, fällt sie jenes Gefühl an. Sie hasst es, wenn es sie überkommt. Die Stille um sie, löste es aus, förderte es zutage. Die Empfindung von Verlassenheit springt sie an wie ein Tier, packt und schüttelt sie, lässt nicht los, umklammert sie, drückt zu und droht sie zu ersticken. Die Person versucht, sich abzulenken. Es gibt etliche, die allein leben. Das muss nicht gleichbedeutend mit Einsamkeit sein. Viele genießen das Alleinsein.Das Gefühl gewinnt an Boden. Sie verzweifelt. Weshalb empfinde ich so? Ich will das nicht! Eigentlich habe ich genug um die Ohren, bin oft mit vielen Menschen zusammen, schon von Berufs wegen. Warum zum Teufel fühle ich so!
Schließlich hält sie es nicht aus. Fluchtartig verlässt sie das Wohnzimmer. Getrieben rennt sie von einem Zimmer in das nächste. Sie muss diesem Gefühl entfliehen, es nicht gewinnen lassen. Sie will die Einsamkeit, die fürchterliche Leere, herausschreien, weitergeben an die Welt, Platz machen für das Glück, damit es den Weg zu ihr fände. Irgendwann schlurft sie zurück ins Wohnzimmer. Höhnisch blickt ihr der schwarze Bildschirm des Fernsehers entgegen. Innerlich zerrissen greift sie zu der Fernsteuerung vor ihr auf dem Tisch. Ihre Hände zittern. Das Ding entgleitet ihr, rutscht unter die Couch. Auf Knien angelt sie fluchend nach der Fernbedienung, erreicht diese knapp mit den Fingerspitzen. Teilnahmslos zappt sie dann durch das Programm. Bei einer Soap, die wie immer von Liebe handelt, stoppt sie. Genervt schaltet sie weiter, landet bei einer Tierdokumentation. Auch nicht ihr Ding. Aber sie stellt die Lautstärke hoch, so laut, dass sie es gerade noch erträgt. Die Stille bleibt.
Die Flasche Wein im Kühlschrank fällt ihr ein. Jetzt kreisen ihre Gedanken um das Eine, den Alkohol. Der würde entspannen. Die Person stöhnt. Sie will nicht! Das Verlangen gewinnt die Oberhand. Nach drei Glas hat sie den Pegel erreicht, genau diesen Stand des Entspanntseins. Es fühlt sich gut an. Liegt das am Wein, dessen Menge es gilt exakt abzumessen, oder erwies ihr die Natur einfach die Gnade entspannt und glücklich zu sein. Sie hinterfragt es nicht lange. Genießt es!
Die blöde Fernbedienung fällt erneut herunter, diesmal unter dem Tisch. Sie landet auf die Vorderseite. Das Programm springt wieder auf diese dämliche Soap. Jetzt ist es ihr gleichgültig. Gelöst lehnt sie sich an die Sofalehne. Die Welt ist ein Stück zurückgetreten. Alles ist egal geworden. Unbeteiligt starrt sie auf den Bildschirm. Schließt die Augen. Sie ist kurz davor ins vollständige Vergessen hinüber zu gleiten. Das Wort Date lässt sie aufhorchen. Aufmerksam blickt sie zum Fernseher. Zwei Teenies hocken vor einem PC. Einer beackert die Tastatur. Der andere brüllt. „Warte mal! Warte, die sieht doch toll aus.“
„Ne, die ist doch voll bescheuert.“
„Dann scroll langsamer! Mal schauen, was es da für Tussen gibt.“
Was treiben die da? Letztendlich dämmert es ihr. Erneut tigert sie durch die Wohnung, diesmal nicht getrieben, sondern nachdenklich mit langsamen, forschenden Schritten. Das könnte die Lösung sein, das Internet! Datingbörsen!
Den Laptop auf den Knien schielt sie auf die Weinflasche. Ist jetzt auch egal, findet sie, füllt erneut das Glas. Sie schlägt den Rechner auf und wählt die von ihr bevorzugte Suchmaschine, gibt Datingdatei ein. Erwartungsvoll fixiert sie den Bildschirm und staunt über die Unmenge an Partnerbörsen, selbst ausschließlich chinesische preisen ihren Dienst an. Sie klickt etliche an und arbeitet sich durch die verschiedenen Reiter. Vieles kann umsonst eingesehen werden, aber die meisten haben nach der Anmeldung eine Aufteilung in kostenlosem und kostenpflichtigem Service. Bei einigen ist die Registrierung, das Hochladen eines Profilbildes, das Ausfüllen und das Ansehen von anderen Profilen gebührenfrei. Aber will man Kontakte knüpfen, kostet das immer Geld. Möchte nicht wissen, wie vielen das egal ist, weil sie auf Glück und Liebe im Internet hoffen. Sie wählt das Datingportal, das im Test am besten abgeschnitten hat. Auf der Chatseite schildert sie sich in den schillernsten Farben, wie sie sich sieht, so, wie sie sein möchte.
Vielleicht klappt es mit dem großen Glück, hofft sie, wie so viele.
Kapitel 3 Christian Lorenzo
Christian Lorenzo stöhnt. Zum wiederholten Mal wischt sich der Fotograf den Schweiß von der Stirn. Die Strecke um den Maschsee ist bei den mörderischen Temperaturen wahrlich kein Vergnügen, anstrengender, als er sich vorgestellt hat. Jeden sich bietenden Schatten heißt er willkommen. Innerlich flucht er, ausgerechnet heute diese Mordstour geplant zu haben. Aber er braucht dringend ein paar aktuelle Bilder und hier bieten sich stets gute Motive. Er ist ein guter Fotograf. Sein Atelier liegt in der List. Jedoch macht er selten diese gestellten Porträtaufnahmen, außer wenn das Geld knapp wird. Freiberuflich für verschiedene Zeitungen und Magazine tätig, träumt er davon, weltweit bekannt und gefragt zu sein.
Jogger trotzen eisern den Temperaturen, ebenso Spaziergänger, denen man die Qual der Hitze ansieht. Ein eisgrauer Typ versucht einen Terrier, der sich immer wieder hinlegt, zum Weitergehen zu zwingen. Unerbittlich zerrt er an der Hundeleine, schafft es. Widerwillig trottet das Tier hinter ihm her. Herrchen spinnt, drückt seine gesamte Haltung aus.
Pier 51, am Nordufer des Sees, kommt in Sichtweite. Zielstrebig steuert er darauf zu. Er muss eine Pause einlegen. Zufrieden ergattert er den letzten Liegestuhl, zieht ihm vom Uferrand zurück in den Schatten. Die langen Beine ausgestreckt genießt er bald einen alkoholfreien Cocktail. Er hätte gern etwas anderes getrunken, doch bei der Hitze würde ihn Alkohol unweigerlich aus den Schuhen hauen. Versonnen betrachtet er die silbrig glänzenden Wellen, die mit den bunten Segeln der Boote um die Wette flimmern. Die Sonne reflektiert dieses Wetteifern. Geblendet schließt er die Augen. Verhalten tönt das Kommando eines Steuermanns an seine Ohren. Wahrscheinlich trainiert da ein Ruderklub, folgert er aus den Geräuschen, die zu ihm her-überschallen. Er träumt vor sich hin. Jedoch das Wissen, wieder loszumüssen, stört. Widerwillig öffnet er die Augen, winkt der Kellnerin zum Zahlen.
Erfrischt steuert er sein nächstes Ziel an. Bereits nach kurzer Zeit wischt der athletische Mittdreißiger zum xten-Mal den Schweiß von seiner Stirn. Doch die Tortur war die Mühe wert. Ein paar gute Bilder, Belohnung für die Quälerei, ergänzen inzwischen sein Repertoire.
Gegenwärtig quält ihm das Bedürfnis nach einem kalten Getränk. Ein Bier wäre toll. Sein Ziel, der Biergarten, über den er eine Bildreportage erstellen soll, rückt näher. Bei dem Gedanken an dem baldigen Biergenuss schluckt er kräftig. Erleichtert stoppt er vor dem Wirtschaftsgebäude des Gastgartens, schießt rasch ein Foto von der Skulptur, seitlich des Hauses. So wie die Figur in typischer Manier eine Hand auf Höhe der Brust in die Uniformjacke gesteckt hält, erkennt man sofort, wen sie darstellen soll. Ehe ihm jemand zuvorkommen kann, steuert der gutaussehende, dunkelhaarige Mann einen Tisch unter einer der Linden an. Da das ausladende Blätterwerk des Baumes tagsüber die Sonne ferngehalten hat, müsste es dort angenehm frisch sein. Voller Vorfreude auf das kalte Bier, das langsam realer wird, schluckt er erneut. Die Beine weit auseinandergeklappt, so wie es sich nur Männer erlauben können, will er erst einmal entspannen. Leichter gedacht als getan. Da er im Moment Fotos über Hannovers Biergärten liefern soll, fangen sein Kopf, seine Augen sofort an, zu arbeiten. Er kommt nicht umhin, die Eindrücke und Bilder, zu sortieren. Aufmerksam schauen seine dunkelbraunen Augen umher, halten Ausschau nach möglichen Motiven. Als ihm bewusst wird, dass er wieder „arbeitet“, grinst er. Wie schon so oft denkt der Mann, der leidenschaftlich gern fotografiert, wie gut er es hat, Berufliches mit Privatem zu vermischen. Dieser Biergarten zwischen Hauptbahnhof und Fußballstadion gelegen bildet den Auftakt zu seiner Dokumentation über Hannovers Biergärten. Das Gartenlokal könnte den Namen von der Waterloostraße haben, an der es liegt. Der Waterlooplatz oder die Waterloosäule unweit vom Maschsee kämen ebenfalls als Namensgeber in Frage, sinniert er und holt einen Notizblock aus seiner Tasche. Bis das bestellte Bier und die Bratwurst kommen, könnte er den Text zu den Bildern entwerfen. Ein Knarzen, als schreite jemand über alte Holzdielen, dringt aus seinem Bauch. Während der Arbeit vergisst er oft, zu essen. Schnüffelnd zieht er die Nase hoch. Vom Nachbartisch weht der verlockende Duft von gegrillter Wurst zu ihm herüber. Hoffentlich kommt die Kellnerin bald mit meiner. Mit seinem charmantesten Lächeln hatte er die Bedienung gefragt, ob sie ihm ausnahmsweise die Bestellung an den Tisch bringen könnte. Mit einem tiefen Blick in ihre Augen erklärte er, er wäre zum Anstellen zu erledigt. Sie zeigte vollstes Verständnis. Für ihn mache sie einmal eine Ausnahme, sagte sie, mit besonder Betonung auf das Wörtchen „ihn“. Es ist relativ leer. Aber wenn die Sonnenanbeter und die Fußballfans aus dem nahe gelegenen Fußballstadion einrücken, würden ruckzuck alle Plätze besetzt sein. Er beugt den Kopf mit den kurz geschnittenen schwarzen Haaren, fängt an zu schreiben.Dieser Biergarten liegt nur wenige Minuten vom Maschsee und dem Schützenplatz entfernt und ist gut mit den Öffis zu erreichen. Seit über 20 Jahren ist er der beliebteste Sommertreff der Stadt. 1.500 Plätze, vier Bierausgabestellen sorgen für einen reibungslosen Ablauf. Für den kleinen Hunger, oder auch den großen, ist ebenfalls gesorgt. Die Altbierbowle ist über die Grenzen der Stadt hinaus berühmt. Um das alles genießen zu können, kann das Auto getrost zu Hause gelassen werden, denn die U-Bahn-Station „Waterloo“ liegt quasi direkt vor der Haustür. So oder ähnlich könnte der Text lauten. Dynamisch schreitet die, natürlich vollbusige und wie könnte es anders sein, blonde Bedienung mit einem voll beladenem Tablett, anscheinend machte sie nicht nur bei ihm eine Ausnahme, auf seinen Tisch zu. Der Kerl sieht echt toll aus. Die schwarzen Augen in dem dunklen Teint findet sie umwerfend. Ob er wohl aus dem Süden kommt? Er staunt, wie sie es schafft, das schwere Tablett, als wenn es nichts wäre, so locker durch die Tische zu balancieren. Ihr beträchtlicher Bizeps fällt ihm auf. Der Wunsch, seine Hand auf ihren kühlen Arm zu legen, ihn zu streicheln überfällt ihn, lässt ihn innerlich erbeben. Strahlend, als habe er ihr ein Superkompliment gemacht, steuert die Kellnerin auf ihn zu. Sie setzt einen der heiß ersehnten Krüge geräuschvoll vor ihm ab. Dabei gönnt sie ihm wie zufällig einen Blick in ihr beachtliches Dekolletee. Er betrachtet die vor ihm stehende bernsteinfarbene Flüssigkeit. Zieht die Maaß heran. Genießerisch saugt er den säuerlichen Geruch des Gerstensaftes ein. Bewundert die Blume des frisch gezapften Getränkes. Es folgt der erste, köstliche Schluck. Nach einem ordentlichen Zug setzt er den nur noch halbvollen Humpen ab. Seine Zunge leckt die Spuren des Bierschaumes von den Lippen. Voller Behagen prustet er aus. Köstlich! Dieser erste Schluck schmeckt stets am besten. Die gleiche Hingabe kommt auch der Bratwurst zuteil. Mühsam bewältigt er das beim gierigen Abbeißen zu groß geratene Stück. Prompt verbrennt er sich den Gaumen. Er zwingt das Hecheln zurück, will nicht lächerlich erscheinen. Bedächtig isst er weiter, beäugt skeptisch die Wurst. Er bezweifelt, dass ihm die eine reichen würde. Muss ich mich wohl doch anstellen. Vielleicht noch Kartoffelsalat, Brezel ginge auch, oder beides.
Nachdem Hunger sowie Durst gestillt sind, die zweite Maaß steht vor ihm, schaut er auf Neue umher. Der Sommer, der alle nach draußen treibt, ist seine bevorzugte Jahreszeit, in der er reichlich Gelegenheit hat, der Observation von Menschen nachzugehen. In dieser Zeit sind viele unterwegs, tragen ihr Leben, ihr Dasein, ins Freie. Diese unterschiedlichen Typen faszinieren ihn, wecken seine Neugier. Aufmerksam betrachtet er die Anwesenden, seziert sie in Gedanken, fragt sich, was sie für Charaktere wären, was sie tun? Sind sie glücklich? Welche Vorlieben haben sie? Worüber sprechen sie miteinander? Bedauerlicherweise versteht er das selten. Gelingt es ihm, ihr Geplauder zu belauschen, versucht er mental am Gespräch teilzunehmen, die Unterhaltung zu lenken, ihr eine andere Richtung zu geben. Die nicht besseren Wendungen gefallen ihm mehr. Die hypothetische Macht sie zu guten oder böse Menschen zu machen erregt ihn.
Ein Typ im dreiteiligen Anzug, die dunklen Haare penibel gescheitelt, fällt ihm auf. Für einen Moment treffen sich ihre Augen. Prompt schaut der Andere zur Seite. Er mustert ihn verstohlen. Sieht nicht schlecht aus der Kerl. Doch mit seinen steifen Klamotten wirkt er hier wie jemand vom anderen Stern. Er versucht, ihn einzuordnen. Wahrscheinlich Versicherung oder einer von diesen sogenannten Anlageberatern. Von wegen Vermögensberater, letztendlich schwatzen sie einem nur irgendeine Versicherung auf. Sein ganz besonderes Interesse jedoch gilt den Frauen. Begierig saugt er alles von ihnen auf, wie sie aussehen, sprechen, sich bewegen oder lachen. Später, wenn er allein ist, rekapituliert er ihre Erscheinungen. Wieder und wieder entstehen die Frauen, neue, andere Frauen, vor seinen Augen. Er spinnt Geschichten um sie, lässt seine Fantasie in unendliche Weiten schweifen. Manchmal gelingt es ihm, ein paar Aufnahmen zu machen. Dank der modernen kleinen Apparate und den Smartphones geschieht das meist unauffällig. Die ersten, mehr oder weniger geröteten, Sonnenbeter trudeln ein. Natürlich trinken sie Unmengen, fast immer Alkohol. Der lässt sie abermals Schwitzen. Sonne, Tropenhitze und die reichlich genossenen Spirituosen wecken Empfindungen und Sehnsüchte in ihnen und ihre Körper, ihre Sinne, schreien nach Erlösung. Selbst in der Nacht kühlen ihre Leiber nicht ab, sind heiß von der Glut der Sonne, dem Alkohol und ihren Hormonen.
Allmählich reicht ihm das Gewusel und die Geräuschkulisse und er beschließt, aufzubrechen. Die Schwüle und die Hitze des Tages haben vor der Nacht kapituliert. Jetzt lässt es sich gut auszuhalten. Er genießt die jetzt kühlere Luft. denkt mit Grauen an die Tropenhitze, die ihm in seinem Appartement erwartet. Gemächlich, um diesen näher rückenden Zeitpunkt hinauszuschieben, schlendert er der Haltestelle entgegen. Als er in die Tiefe des U-Bahn-Tunnels eintaucht, trifft es ihn wie ein Klimaschock. Ein Lautsprecher knackt. Eine weibliche Stimme verkündet die Einfahrt der Linie 3. Zischende Türen geben zögerlich den Weg ins Wageninnere frei. Hitze und unglaublicher Mief prallen im aus dem U-Bahn-Wagen entgegen. Für einen Moment hält er die Luft an. Der Geruch nach Schweiß, untermalt von billigem Parfüms und anderen Düften ekelt ihn an. Verhalten atmet er weiter. Von irgendwo dringt penetrant der Ausdünstung von „ungewaschener Mensch“ in seine Nase. Für diese Tageszeit ist die Bahn erstaunlich voll, überwiegend junge Leute. Auch hier versucht er, die Umgebung zu absorbieren und sich jedes Detail einzuprägen. Ich sollte öfter das Großraumtaxi benutzen, da sieht man die faszinierendsten Leute. Links von ihm kuschelt ein wild knutschendes Pärchen. Außer ihren Rücken gibt es nicht viel zu sehen. Vielleicht sollte er sie bitten, sich umzudrehen. Er grinst, schaut diskret zur Seite. Hinten in der Bahn, auf zwei Doppelsitzen, drängelt sich eine Horde Jugendlicher. Jeder präsentiert eine andere, mit viel Gel zusammengehaltene Frisur. Eine Haarpracht exotischer aus als die andere. Wahrscheinlich wollen sie einander im extravaganten Aussehen übertrumpfen. Einer bildet eine Ausnahme. Statt des verrückten Haarschopfs glänzt er mit einem glatt rasierten Schädel, in welchem sich die Oberbeleuchtung der Bahn spiegelt. Die Teenys verursachen einen Heidenlärm, foppen sich gegenseitig. Ihre lautstarke Unterhaltung in typischer SMS-Konversation nervt die Fahrgäste. Doch Niemand protestiert. Ab und zu schlägt einer dem anderen auf den Oberarm oder den Rücken. Wahrscheinlich kommen die ebenfalls aus irgendwelchen Gartenlokalen, oder Discos. Aber bei dieser Hitze das Tanzbein schwingen, ist bestimmt nicht so toll, also eher Biergarten. Der Beobachter drückt ein paar Mal auf sein Handy. Die eingeschaltete Kamera, sieht nur er. Plötzlich schreit einer der Jungs schmerzvoll auf. Da ist wohl ein Schlag zu hart ausgefallen. „Ehhh Mann, spinnst du, du Penner!“ Brüllt der Getroffene und gibt den nicht mehr freundschaftlichen Hieb zurück, woraufhin sein Gegenüber an der Reihe ist, das Gesicht schmerzhaft zu verziehen, jedoch nur für einen Moment. Rasch setzt er erneut die gewollt „coole“ Miene auf.„Ehh Mann, mach dich locker Alter!“ Alle Jungs grölen! Ein reifes Ehepaar, links von ihm, an der Eingangstür, fährt erschrocken zusammen. Verängstigt rücken sie zueinander und schielen fortgesetzt, wie sie annehmen unauffällig, zu den lärmenden Jugendlichen. In ihren Gesichter liest er. Wer laut ist, der macht auch Ärger. Ein junges Paar betrachtet stolz den selig schlafenden Nachwuchs in der Kinderkarre. Gesicht und Haare des Kleinkindes sind nass vor Schweiß. Selbst im Schlaf lässt es die leergetrunkene Milchflasche nicht los. In einer anderen Ecke der Bahn kauert ein verwahrlost aussehender Mann, das Alter schlecht zu schätzen. Ein strenger Duft umgibt ihn. Ein Geruch, den man ihm ansieht. Auch er umklammert eine Flasche, ebenfalls leer. Den Kopf auf die Brust gesunken, schnarcht er leise. Im Wechsel sind schmatzende Geräusche, oder ein Blubbern der Lippen zu hören. Vom entgegengesetzten Ende schlurft eine Frau heran. Nicht alt, aber auch nicht mehr jung, irgendwo dazwischen. Die Haare zottlig. Die Farbe kann sich nicht zwischen blond oder grau entscheiden. Die Frisur steht buchstäblich zu Berge, weist in sämtliche Himmelsrichtungen. Leise brabbelnd steuert sie den Gang hinunter geradewegs auf ihn zu. Hoffentlich spricht die mich nicht an! Wahrscheinlich hofft er vergebens. Es sieht ganz danach aus, als wenn sie vorhat, das Befürchtete in die Tat umzusetzen. Den Kopf hält sie gesenkt. Aber er erkennt trotzdem ihre Augen, wie sie ihn taxieren, wie sie plant, ihn gleich anzuquatschen. Bestimmt wird das so ein esoterisches Zeug sein. Und sie wird die ganze Zeit an mir kleben. Rasch guckt er zur Seite, hofft, das lenke sie von ihm ab, fleht, es möge helfen. Eine unsichtbare weibliche Stimme verkündet „Nächste Haltestelle Kröpcke“. Die Bahn hält ruckend und lässt ein junges Mädchen einsteigen. Extrem lange Beine stechen augenblicklich ins Auge. Sie schiebt ein Fahrrad, mit einem Platten, stellt es an den dafür vorgesehenen, ausnahmsweise mal freien Platz. Lässig lehnt sie an der Haltestange, die Beine vorgeschoben. Er sitzt ihr gegenüber. Diese Beine springen ihm geradezu ins Gesicht, das irritiert, stört ihn. Aufdringlich, wie sie so da steht, so herausfordernd!Er will es nicht, doch er muss sie ansehen. Das Mädchen trägt einen knappen Jeanshort, der die wohlgeformten Beine betont. Er sieht nichts als Beine. Nur Beine! Das müsste verboten sein, bei solchen Beine! Sie stellt sich geradezu zur Schau. Ist das ihre Absicht?!Er will, nicht ständig zu ihr hinblicken und wendet seine Aufmerksamkeit wieder den anderen Mitfahrenden zu. Das Zottelweib befindet sich Gott sei Dank jetzt am anderen Ende der Bahn und hält nach einem neuen Opfer Ausschau. Seine Blicke suchen das Mädchen. Sie ist hübsch, mit langen, hellbraune Haare. Aber das stellt er nur am Rande fest, es interessiert ihn weniger. Immer wieder starren seine Augen auf die Beine. Unruhe ergreift ihn. Nervös streichen seine feuchten Hände über die Oberschenkel. Seine Anspannung ist enorm. Es fällt ihm schwer, nicht mit den Beinen zu zittern. Er ballt die Hände zu Fäusten, öffnen sie, fährt wieder fahrig auf seinen Oberschenkeln umher. Warum stellt sie sich ausgerechnet vor mich so hin! Will sie mich herausfordern? Die Bahn stoppt. Haltestelle Lister Meile. Sie greift ihr Fahrrad, steigt aus. Er folgt ihr.
Kapitel 4 Die Bank
Die Angebote interessieren ihn nicht wirklich. Verdrossen wirft der distinguiert aussehende Mann den Auktionskatalog für Antiquitäten auf den Schreibtisch. Er will nur eines, dem Arbeitszimmer entfliehen und zieht erneut seine goldene Taschenuhr aus der Westentasche. Diesmal ist er zufrieden mit der Chronometeranzeige. Seine Lippen kräuseln sich zu einem Lächeln. Mittagspause! Obwohl er als Chef, er Pause machen könnte, wann er wollte, aber er hat so seine Prinzipien. Was würde Mutter sagen! Beschwingt klappt er den Deckel der alten Uhr zu, nicht ohne kurz über die kunstvollen Intarsien zu streichen. Heiter durchschreitet er die Verkaufsräume seines Antiquitätengeschäftes, während er die Uhr zurücksteckt. Beim Betrachten der kostbaren Errungenschaften glänzen seine Augen vor Stolz. Er liebt den Laden, mit den exquisiten Antiquitäten. Manchmal jedoch fühlt er sich eingeengt. Dann erträgt er die Räumlichkeiten nicht, muss raus, Weite und Luft spüren. Vor der Tür des Ladengeschäftes, das in der hannoverschen Altstadt liegt, hält er für einen Moment geschockt inne. Die Hitze prallt ihm entgegen, als liefe er gegen eine Feuerwand. Geblendet schließt er die Augen. Er will das Jackett abzulegen, als die Geisterstimme seiner Mutter ertönt. Ein Mann, der auf sich hält, muss stets ordentlich, korrekt aussehen. Von Kindheit trichterte sie ihn das an ein. Als wäre diese Erinnerung eine Aufforderung liefert ihm sein Gehirn jetzt unaufgefordert Bilder aus der Vergangenheit:Es kommen Gäste. Mama legt ihm Anzug und Krawatte hin. Er muss sich fein machen. Das gefällt ihn nicht, andererseits ist er glücklich, weil sie ihn beachtet. Er gibt den wohlerzogenen Sohn, begrüßt die Besucher, gibt jeden die Hand, dazu eine leichte Verbeugung, wie Mama es ihm beibrachte. Das liebt sie. Zufrieden steht sie neben ihm. Sieht jemand zu ihnen hin, legt sie liebevoll ihre Hand auf seinen Kopf oder streicht ihm sanft über die Wange. Obwohl er weiß, warum sie das tut, genießt er es. Mama mag es, wenn die Leute über den großen Jungen staunen, den man ihr gar nicht ansieht, manche sagen sogar, er stünde ihr gut! Seine wunderschöne Mama strahlt, nimmt ihn in den Arm. Dann wünscht er, sie hätten öfter Gäste.
Die Hitze lässt die Luft vor seinen Augen flimmern. Er stöhnt. Die tropischen Temperaturen könnte er ertragen, wären sie nur nicht so schweißtreibend. Er liebt den Sommer, weil er dann die Mittagspause ins Freie verlegen kann. In letzter Zeit bevorzugte er den Welfengarten. Diese Parkanlage, im Stil englischer Landschaftsgärten angelegt, grenzt direkt hinter dem Hauptgebäude der Leibniz-Universität. Mit dem Rad ist er schnell da. Auf der Stelle steuert er die Sitzbank unter einer Kastanie an, die er als die seine betrachtet. Im Begriff Platz sich zu setzen, bemerkt er die großzügigen Ausscheidungen, die Vögel dort hinterlassen hatten. Er unterdrückt den aufkommenden Ärger. Bestimmt taten sie das nicht, weil sie wollten, sondern weil sie es mussten. Dieser Gedanke lässt ihn schmunzeln. Achselzuckend nestelt er ein Taschentuch aus einer Packung Papiertaschentücher. Prüfend wischt er über die Sitzfläche, ob die Hinterlassenschaften auch wirklich trocken sind. Das fehlte noch, dass er sich schmutzig macht. Undenkbar! Mutter mag überhaupt nicht, wenn er nicht sauber ist. Er leidet, wenn sie böse auf ihn ist. Und Mutter wird schnell böse. Anfangs verbringt er seine Pause im Park, weil er hier superentspannt. Im Grünen zu sitzen ist wesentlich angenehmer als im düsteren Büro. Altbau eben! Obwohl als Besitzer könnte er kommen und gehen, wie er möchte. Aber das widerstrebt ihm. Als Chef musst du mit gutem Beispiel vorangehen, hätte Mutter gesagt. Oft liest er in der Tageszeitung und isst nebenbei ein belegtes Brötchen, manchmal Obst. Meistens jedoch schaut er nur sinnend in das Geäst der Bäume und lässt seine Gedanken schweifen. Er fantasiert, was sich wohl schon alles unter ihnen abgespielt haben mag. Wie das war, als die gehobene Schicht hier flanierte. Im Park wachsen die unterschiedlichsten Bäumen, mächtige Kastanien, Buchen, Eichen, Eschen, Ahornbäumen und Platanen. Unverwüstlich erscheinen sie ihm und auf irgendeine Weise hoheitsvoll. Im Sommer spenden sie wohltuenden Schatten, den zurzeit alle suchen. Mitunter gelingt es der Sonne, durch das Blätterdach zu linsen. Dann malt sie lichte Kringel und Streifen auf die Wege. Im Herbst begeistert ihn das bunte Laub der Bäume. Er ist jedes Mal erstaunt, wie viele verschiedenen Farbtöne die Natur hervorbringt. Die verschiedenartigen Grüntöne des Blätterwerks, das Lichterspiel, wenn die Sonnenstrahlen auf das Laubwerk tanzten, fasziniert ihn. Gern beobachtet er auch die Gestalten auf den Rasenflächen, die die Stadtbewohner, oft Studenten, als Liegewiesen nutzen. Obwohl er sich von ihnen ausgeschlossen wähnt, interessieren ihn die Menschen. Oft grübelt er und versucht zu ergründen, was sie von ihm unterscheidet? Was ist so anders an ihm, dass sie ihn meiden? Erst nachdem er ein paar Mal hier gesessen hatte, nimmt er die zahlreichen Frauen, die an ihm vorbeigehen, bewusst zur Kenntnis. Dermaßen geballt treten sie sonst nur beim Shoppen auf. Die meisten besuchen wahrscheinlich die Uni, gleich um sie Ecke vermutet er. Mehr und mehr findet er Gefallen daran, sie zu betrachten. Mittlerweile kommt er ausschließlich ihretwegen. Bereits morgens, nach dem Erwachen, gilt sein erster Gedanke der Mittagspause und seinen Frauen. Er muss dann noch eine Weile liegen bleiben, bis er zu seiner üblichen Ruhe und Gelassenheit zurückgefunden hat. Die aufgeschlagene Tageszeitung auf dem Schoß sieht er in jene Richtung aus der sie kommen müssten. Ungeduldig suchen seine Augen den Weg ab. Eine dünne Schweißschicht, die nicht von der Bullenhitze herrührt, bedeckt seine Stirn. Die Luft ist schwer und träge. Seit Tagen ist es bereits unerträglich heiß. Zur Hitze kommt die extrem hohe Luftfeuchtigkeit. Es ist kaum zum Aushalten. Unangenehm klebt das Hemd auf seiner Haut. Aber er harrt aus, so wie jeden Tag. Jetzt schreiten sie auf ihn zu! Bestimmt kommen sie meinetwegen hier vorbei. Sie wissen, dass ich auf sie warte und wollen, dass ich sie bewundere, sehe, wie schön sie sind! Die Mädchen lachen, kichern und tuscheln. Stundenlang hätte er sie beobachten, sich an ihnen erfreuen können. Zu schnell sind sie an ihm vorbei. Diese berauschenden Augenblicke sind wie immer zu kurz! Er kommt wieder. Morgen!
Kapitel 5 Sarah Kramer
Nachrichten.„Heiß, heißer, noch heißer. Deutschland ächzt unter Höchsttemperaturen. Am Wochenende soll erst bei 36 oder 39 Grad Celsius das Limit erreicht sein. Derzeit scheint es durchaus möglich, dass auch die 40-Grad-Marke geknackt wird. Man spricht schon von einem Jahrhundertsommer.“
„Toll! Hört sich wieder tierisch heiß an,“ schimpft Sarah. „Langsam könnte es wirklich kühler werden. Ich will endlich mal wieder richtig schlafen, anstatt mich nur herum zu wälzen. Gut, dass ich heute erst zum Nachtdienst muss, dann ist es bereits frischer.“ Sie überlegt, was sie anziehen könnte, bei der Bullenhitze natürlich so wenig wie möglich. Doch bei ihrem Job als Medizinische Fachangestellte in einem Krankenhaus am Stadtrand von Hannover, müssen alle tipptopp gekleidet sein. Unmöglich, das anzuziehen, was man gern möchte. Sarah arbeitet dort an der Rezeption. Sie mag diese Klinik, obwohl sie nicht zu den Größten gehört. Aufgrund ihrer Überschaubarkeit versinken hier die Patienten und Mitarbeiter nicht in die Anonymität, wie es in den großen Krankenhäusern oft der Fall ist und das gefällt nicht nur ihr. Das Haus hat einen ausgezeichneten Ruf. Belegärzten, Krankenhausärzte in den Hauptabteilungen innere Medizin, Orthopädie und Gynäkologie versorgen die Patienten. Berühmtheiten aus aller Welt haben sich hier schon behandeln lassen. Über den Flughafen Hannover-Langenhagen, Auto- und der Stadtbahn ist sie gut zu erreichen. Ihre Lage auf einem parkähnlichen Grundstück macht sie zusätzlich attraktiv für Kranke und Besucher. Der Silbersee auf dem Gelände ist ein zusätzlicher Pluspunkt. Die Patienten sind mit ihrem Krankenhaus sehr zufrieden, das bestätigen die neuesten Befragungen. Auf diese guten Ergebnisse der Umfrage ist Sarah stolz, denn sie gehört dazu, ist Teil des Ganzen und trägt zum Wohlbefinden der Patienten bei. Die abwechslungsreiche Tätigkeit an der Rezeption macht ihr Spaß. Sie liebt ihre Arbeit, hört den Menschen zu und nimmt ihre Anliegen ernst. Die Patienten fühlen, dass Sarah nicht nur freundlich tut, sondern dass es von Herzen kommt und so vertrauen sie sich ihr immer wieder gerne an.
Ihre dunkelbraune Augen mustern kritisch ihre Figur in dem türgroßen Kleiderschrankspiegel. Die Mundwinkel wandern nach unten, nicht gerade die Norm, wie es die Medien Frauen einzuhämmern versuchen, stellt sie fest. Energisch schüttelt sie die langen, kastanienbraunen Haare, egal, für ihre Dreißiger ist sie zufrieden mit dem, was ihr entgegenblickt. Da gibt es Jüngere, die schlechter aussehen. Entschieden zeigt sie dem Spiegel ihre Zunge. Zeit für die Kleiderfrage. Seufzend widmet sie sich der Tiefe des Kleiderschrankes, schiebt die Bügel unentschlossen hin und her. Prüfend begutachtet sie ein Hängerchen. Locker und weit geschnitten, an Stoff nicht zu viel und nicht zu wenig, wäre es genau das Richtige bei dieser Hitze. Eine Sondermeldung aus dem Radio lässt sie aufhorchen.
„Liebe Zuhörer trotz aller Warnungen offenes Feuer in den höchst gefährdeten trockenen Wäldern zu unterlassen, ist es, wie wir soeben erfahren haben, in der Umgebung von Celle zu einem Waldbrand gekommen. Die Einsatzkräfte befinden sich noch vor Ort. Wir hoffen alle, dass sie den Brand bald unter Kontrolle bringen. Jeder fürchtet sich vor einer Wiederholung ähnlich dem Inferno Anno 1975 als die Heide brannte. Wir werden sie auf dem Laufenden halten...“
Sarah erschrickt und zuckt dann die Schulter. Das ist eine ganze Ecke weg.
Kapitel 6 Nele und Jule
„Freitag, der schönste Tag der Woche“, jubelt Jule euphorisch. Nele, ihre beste Freundin seit der Sandkistenzeit, bleibt stumm. Traumverloren bürstet sie ihre pechschwarzen Haare. Das Mädchen liebt das Frisieren, das endlose Bürsten ihrer Haare. Das wirkt beruhigend, hypnotisierend auf sie. Dabei kann sie unauffällig ihren Tagträumen nachhängen. Im Moment dreht sich alles um den ersehnten Märchenprinzen. Sie hofft, ihn bald, vielleicht sogar heute Abend, kennen zu lernen. Grinsend stößt Jule sie an. Ertappt zuckt die Freundin zusammen. Kichernd lässt sie sich zum Kleiderschrank ziehen. Unschlüssig, eine steile Falte auf der Stirn, begutachtet Jule den Inhalt des vollgestopften Schrankes. Trotz der Fülle scheint er nicht das im Angebot zu haben, was sie sucht. Nele verliert die Geduld, stöhnt genervt. „Entscheide dich langsam, was du anziehst, sonst brauchen wir nicht mehr loszugehen.“ Inzwischen ziemlich sauer schiebt jetzt sie mit mürrischem Gesicht Jules Kleider hin und her. Immer das Gleiche mit Jule. Dese Unentschlossenheit in allem!Mittlerweile begutachtet sich Jule in einem blauen Minikleid vor dem Spiegel, knüpft nebenbei an Neles Vorwurf an. „Das kommt darauf an, wo wir hingehen. Da hast du dich noch nicht entschieden. Also Maschseefest oder Baggi?“ Eine erneute Verrenkung vor dem Spiegel folgt. Steht ihr gut das Kleid im Matrosenstil, findet sie. „Ähh...Baggi“, sagt Nele rasch. „Na also, geht doch! Ich bin fertig!“ „Äh wie? Schon! Das ging jetzt aber schnell.“ „Na klar, ich zieh das hier an. Und du? Willst du so bleiben!“ „Geht wohl nicht anders! Ich habe meinen Kleiderschrank nicht dabei.“ Schnippisch schürzt Nele die Lippen, ihre hellbraunen Augen mit den dunklen Sprenkeln funkeln. „Eh... musst nicht gleich einschnappen. Aber ich finde dein T-Shirt wirklich langweilig. Ein beigefarbenes Shirt. Beige! Die Farbe der alten Leute! Ob da ein Junge darauf anspringt!“ „Er soll nicht mein T-Shirt mögen, sondern mich!“ „Wie soll er dich mögen, wenn ihn dein Shirt vom Kennenlernen abschreckt.“ Jule wühlt in einer Kommode. Triumphierend zieht sie ein knallrotes Tank-Top mit glitzernden, diagnonal über dem Top verlaufenden Steinen, hervor. Strahlend schwenkt sie ihr Fundstück vor Neles Gesicht. „Das passt doch viel besser in die Baggi.“ „Meinst Du? Ich weiß nicht,“ zögert Nele, schaut allerdings begehrlich auf das Shirt. „Klar, das sieht super zu deinen schwarzen Haaren aus! Und ich in blau und blond. Das wird echt geil aussehen. Los mach!“ Jetzt dreht sich Nele zufrieden lächelnd vor dem Spiegel. „So jetzt noch Farbe ins Gesicht und dann los. Da siehst du nämlich farblos aus, Jule.“ Jule seufzt. „Kannst du mir bitte den Lidstrich machen. Du weißt doch, bei mir haut das nie so hin.“ „Na gut, Lidstrich gegen Tank-Top.“ „Deal.“ Kichern machen sich die Mädchen an ihre Kriegsbemalung.
Untergehakt, voller Vorfreude, streben Nele und Jule die Lister Meile herunter Richtung Baggi. Die Disco, zwischen Raschplatz und Hauptbahnhof gelegen, ist für die Mädchen, die in der List wohnen, fußnah zu erreichen. Ein paar Schritte noch, dann beginnt das Vergnügen. Jule bleibt stehen, fasst Nele am Arm. „Siehst du den Typen da drüben?“ „Wen? Denn im Anzug?“ „Genau. Voll krass wie der aussieht?“ „Will der etwa in die Baggi!“ „Ich weiß nicht, so wie der ausschaut!“ „Auf alle Fälle erregt er damit Aufsehen, selbst in der Baggi.“ Ihr Kichern weckt die Aufmerksamkeit des steifen Anzugträgers. Abrupt bleibt der stehen und taxiert erschrocken die Mädchen.„Blöder Einfall von mir. Wie konnte ich nur auf diese Idee kommen,“ denkt er und dreht bei.
Als die Girls die Disco betreten, schlägt ihnen sofort dröhnende Musik entgegen. Unwillkürlich fangen ihre Schultern an, zum Hämmern der Rhythmen zu zucken. Suchend spähen sie umher, ob vielleicht einer ihrer Freunde ebenfalls hier ist. Prompt entdecken sie in der Menge drei bekannte zuckende Leiber. Zwei Unbekannte steppen um die Freundinnen herum. Kreischend tänzeln Jule und Nele auf die Mädchen zu. Obligatorischen Küsschen reihum.
Die Boys mustern die Neuankömmlinge. Einer schiebt seine Schulter vor, was lässig aussehen soll, schaut Nele herausfordernd an. Die Girls schenken dem Gebalze null Beachtung. Nichts Umwerfendes stufen sie die Möchtegerne ein. Im Gegenteil! Einer trägt das Hemd bis zum Bauchnabel aufgeknöpft, glaubt wohl, das sähe sexy aus. Das Präsentieren seiner Hühnerbrust ist jedoch äußerst lächerlich. Zu viel Pickel der andere. Erst mal sehen, was noch im Angebot ist, denken sie. „Ich geh mir eine Cola holen.“ Jule, verschwindet Richtung Bartresen, der wie stets von einer Traube Menschen umzingelt ist. Ihr graut vor dem Gedrängel und der Warterei. „Bring mir bitte auch eine mit“, schreit ihr Nele hinterher.Na klar, wie immer! Das nächste Mal kannst du dich da durchdrängeln!
Small Talk ist nicht möglich. Sie verstehen einander kaum, so laut wummert die Musik. Man verzichtet auf jedwede Konversation, wippt lediglich im Takt der Klänge rhythmisch mit den Beinen, die Schultern zucken, ab und an ist auch der Kopf beteiligt. Nebenbei nippen sie an ihrer Cola, die lange reichen muss.
