Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Für Charms ist es eine große Ehre, die Hauptrolle in einem sogenannten Reality Movie übernehmen zu dürfen: Einem Film ohne Schauspiel, in dem alles echt ist und niemand nach Drehbuch handelt. Seine Begeisterung für das Filmprojekt, das er lange für eine Dokumentation seines Lebens hält, schlägt jedoch um, als er feststellt, dass es am Set nicht mit rechten Dingen zugeht und die Filmhandlung zunehmend von der Realität abdriftet.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 406
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Jana Bacher
Occido
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorspann
Action – Im Eighty‘s
Cut
Action, Klappe die Zweite – Im Eighty‘s
Action – Der Fremde im Bus
Action – Der Anruf
Cut
Action – Der Musterschüler
Cut
Action – Der Auftrag
Cut
Action – Das Geheimnis
Cut
Action – Das Opferlamm
Action – Die Aussöhnung
Cut
Action, Klappe die Zweite – Die Aussöhnung
Cut
Action – Bibliotheksplausch
Cut
Part 2
Pension Sternenblick
Träume und Käufe
Durchlaufstrategien
Unangenehme Wahrheiten
Zusammentreffen
Kuchenstücke
Bilder
Doppelgänger
Hinweis
Telefonat
Verdammnis
Fehler
Erkennungen
Debut
Abspann
Part 1
Part 3
Part 4
Impressum neobooks
Liebes Tagesbuch,
was für eine dämliche Anrede, nicht wahr? Ich schreibe dir im Grunde nur, weil Onkel Joe es von mir verlangt hat.
Es ist jetzt drei Tage her, seit sie Peter in dieses Heim für Schwererziehbare gesteckt haben. Seither war Onkel Joe ununterbrochen hier. Um Mam zu unterstützen, wie er sagt. Er meint, es wären schwere Zeiten und da müsse die Familie näher zusammenrücken, obwohl er eigentlich gar keine richtige Familie von uns ist, aber Onkel Joe bleibt Onkel Joe und ich habe ihn wirklich gern. Na ja, vielleicht fange ich einfach ganz von vorne an, wie Onkel Joe es gesagt hat: Mein Name ist Charms Krystofiak und ich bin zehn Jahre alt. Ja, ich heiße wirklich Charms und kann nicht mehr zählen, wie oft Leute mich das in meinem Leben gefragt haben. Ich wohne in Siggs, einer Stadt, in der nie irgendwas Spannendes passiert. Mit meiner Mam und meinem Bruder Peter lebe ich in einem grauen Haus mit Garten am Stadtrand. Zumindest war das so bis vor drei Tagen: Peter ist zwölf und leider macht er ständig Ärger, weswegen Mam immer sehr traurig ist. Sie sagt dann immer, wie froh sie ist, dass ich anders bin, denn leider haben wir keinen Papa mehr, der dafür sorgen könnte, dass Peter sich benimmt. Er ist ziemlich früh bei einem Motorradunfall gestorben. Für Mam war das schlimm, aber ich erinnere mich nicht an ihn, weil ich zu dem Zeitpunkt noch zu klein war. Na ja, aber es gibt ja noch Onkel Joe.
Und Onkel Joe sorgt dafür, dass wir uns auf unsere Bestimmung konzentrieren. Es ist eine ganz besondere Aufgabe, und wir, Peter und ich, können stolz sein, dass wir für sie ausgesucht wurden. Wenn wir groß sind, werden wir nämlich Teil eines riesigen Filmprojekts sein! Die Handlung ist streng geheim, aber wenn mal alles fertig ist, bekommen wir dafür Geld und können uns alles kaufen, was wir wollen. Onkel Joe sagt immer, der Film wird unser Leben dokumentieren. Das klingt ziemlich öde, denn so viel passiert darin, ehrlich gesagt, nicht. Das Drehbuch, hat er mir erklärt, umfasst einen Rahmen, in dem wir uns bewegen und improvisieren. Improvisieren bedeutet übrigens: Tun, was uns gerade einfällt. Onkel Joe sagt, es wird ein großes Experiment und wir sind die Stars darin. Ich hoffe nur, im Heim machen sie Peter bis dahin wieder gesund. Es wäre blöd, wenn ich alleine ans Set müsste, auch wenn ich bis dahin erwachsen sein werde. Einmal habe ich Onkel Joe gefragt, warum die mit dem Film so lange auf uns warten. Bis wir erwachsen sind, meine ich, und er hat gesagt, weil wir eben etwas Besonderes sind.
Mir fällt gerade nicht mehr ein, was ich über mein Leben erzählen könnte. Außer, dass ich ziemlich gut in der Schule bin. Letzte Woche hatte ich eine Eins auf meine Mathearbeit.
Ich werde dieses Tagebuch ab jetzt jeden Tag bis zum Dreh führen, wie Onkel Joe es verlangt hat. Keine Ahnung, warum, er möchte die Einträge gerne lesen, wodurch es eigentlich kein Tagebuch mehr ist. Aber das macht mir nichts aus, Onkel Joe darf ruhig wissen, was bei mir so ansteht.
Gut, das wäre dann mein erster Eintrag.
Charms
Platsch. Platsch. Platsch.
Der Regen zersplitterte in winzige Tropfen und sprudelte die Regenrinnen hinab, um von der Erde gierig aufgesogen zu werden.
Charms hockte am Küchenfenster, hatte die Arme über dem Fensterbrett verschränkt, das Kinn darauf gestützt und den Blick auf das trübsinnige Bild hinter der beschlagenen Scheibe gerichtet. Hin und wieder drang das monotone Geplapper des Fernsehers zu ihm durch, doch überwiegend hing er seinen Gedanken nach, die Regentropfen um Regentropfen sinnentleerender zu werden schienen. Perfekte Prokrastination – eigentlich sollte er sich mit der Studienlektüre über Strafrecht auseinandersetzen, die aufgeschlagen vor ihm bei Tisch lag. Die Prüfung im September würde entsprechend umfangreich werden, doch aus irgendeinem Grund schien sein Kopf heute in den Streik getreten zu sein.
Seufzend weckte er sich aus seiner handgeschaffenen Trance, beschloss, das Wetter Wetter und das Lernen Lernen sein zu lassen und sich stattdessen mit einem Glas Orangensaft und einem gekühlten Schinken-Käse-Sandwich vor den Fernseher zu knallen, der ohnehin bereits seit Stunden um Aufmerksamkeit buhlte. Soeben wurde über einen Handballspieler berichtet, der offenbar unter Doping-Verdacht stand. Nichts Weltbewegendes und somit genau das Richtige für seinen abdriftenden Verstand.
Charms hatte sein Sandwich gut zur Hälfte gegessen, als sein Handy, das er am Fensterbrett zurückgelassen hatte, lautstark auf sich aufmerksam machte. Ächzend erhob er sich aus seiner entspannten Haltung, um dem ohrenzwickenden Geräusch ein Ende zu bereiten. Kostjas Name flimmerte über das Display. Kostja war einer seiner Studienkollegen, und hatte scheinbar gähnende Langeweile, denn er erkundigte sich, ob Charms nicht Lust hätte, das Eighty’s zu besuchen, eine der wenigen annehmbaren Bars im Univiertel; andere Mitglieder ihrer Lerngruppe hätten auch zugesagt.
Charms erster Blick ging auf die kleine Wanduhr über der Tür, die ihm halb elf Uhr abends zeigte. Der zweite ging aus dem Fenster in den strömenden Regen. Das Univiertel lag gut fünf Gehminuten entfernt. Kurzerhand sagte er zu, ehe er sich zu sehr an dem Regen stoßen konnte. Immerhin hatte er den restlichen Abend nichts weiter zu tun, außer sich in abnorm langweiligen Schriftsätzen zu verlieren, denen sein Kopf stur den Eintritt verweigerte.
Mit einem Schirm gegen die triefende Nässe ausgestattet, machte er sich auf den Weg. Unterwegs kamen ihm nur wenige entgegen, die sich bei dem Wetter vor die Tür getraut hatten. Der Regen schien den Dreck von Siggs im Glanz des nie erlöschenden Lichterchaos aus Straßenlernen, Leuchtreklamen und Autoscheinwerfer regelrecht hinfort zu spülen.
Kostja erwartete ihn bereits vor dem Eingang zum Eighty’s, eine wenig geschmackvolle dunkelgrüne Sportjacke über die Schultern geworfen und unaufhörlich in sein Handy plappernd, das er ans Ohr gedrückt hielt. Als Charms dazu trat, beendet Kostja prompt das Gespräch.
„Die sind alle schon drin“, informierte er ohne Umschweife. „Nina hat eben angerufen, du weißt schon. Die aus dem Kurs vom Sozialrecht. Lass uns reingehen, es ist echt mies hier draußen.“
Die Stimmung im Blitzlicht des Clubs war gut, aber beduselt. Die Musik tönte ohrenbetäubend aus den Boxen und die Luft atmete sich abgestanden und viel zu warm. Kostja deutete Charms, ihm zu folgen, denn scheinbar hatte er unter den im Flimmerlicht untergehenden Gästen bekannte Gesichter ausfindig gemacht. Charms dackelte guten Willens hinterher und wünschte sich jetzt schon zurück vor seinen Fernseher, in die besonnene Stille seiner vier Wände, als sich jäh ein Paar zierlicher, nackter Arme um seinen Hals kettete.
„Hey, Charms, lange nicht gesehen!“, rief Daria mit strahlender Miene aus; sie trug ein schwarzes, trägerloses Paillettenkleid, das sich hart von ihrem dunkelroten Haar abhob. Obwohl ihr anzusehen war, dass sie bereits einiges an Alkohol intus hatte, tat dies ihrer Schönheit keinen Abbruch. Sie sah wie immer umwerfend aus.
„Hey“, gab Charms mit tüchtigem Lächeln zurück. „Alles gut bei dir, Daria? Wo ist Peter?“
Er versuchte, seine Gedanken von dem Stich wegzulenken, mit dem der Name seines älteren Bruders ihm zwischen die Rippen fuhr.
Beiläufig winkte Daria ab. „Ach, nicht da. Läuft gerade nicht so toll mit uns.“ Auf Zehenspitzen spähte sie über seine Schulter, sodass Charms selbst verwundert herumfuhr. Daria lachte. „Nicht doch, nicht doch. Ich wollte mich nur vergewissern, ob du in Begleitung bist.“
„Ich bin mit ein paar Leuten von der Uni da.“
Doch etwas anderes, das Charms im sprunghaften Lichtertanz nicht ausmachen konnte, schien Darias Interesse geweckt zu haben, denn mit zwei kurzen Wangenküsschen verabschiedete sie sich übereilt von ihm und war schneller in dem nächtlichen Treiben verschwunden, als Charms schalten konnte. Ihr eiliges Verschwinden rührte seinen Magen auf.
Rasch hielt er Ausschau nach Kostja und dem Rest der Uni-Truppe, und wurde nahe der Bar fündig, wo sie gemeinschaftlich zur Musik wippten. Obwohl er sich sicher war, einige von ihnen noch nie gesehen zu haben, nickten ihm alle freundlich zu. Kostja drückte ihm einen Drink in die Hand und Charms entschlüsselte es rasch als Cola Rum.
„Du in einem Club, Charms?“, brüllte Robert, einer von Charms‘ Kommilitonen, der angesichts der überdrehten Geräuschkulisse zu laut und eindeutig zu spuckend sprach. „Wie kommt man zu der Ehre?“
„Ferien“, gab Charms zurück. „Strafrecht war heute reine Zeitverschwendung.“
„Sowas kann auch nur von dir kommen.“ Versöhnlich klatschte Robert ihm auf die Schulter und ließ seine halbvolle Flasche Bier gegen Charms‘Cola Rum krachen. „Schön, dass du dich von deinem Strebertum zumindest in den Ferienwochen lösen und mit uns einen trinken gehen konntest!“
Pflichtbewusst bediente sich Charms seines Drinks und ließ den Blick ziellos über die Kulisse gleiten, um sich aus etwaigen weiteren Gesprächen ausklinken zu können. So schnell wie er Daria mit ihrer dunkelroten Mähne vorhin verloren hatte, hatte er sie auch schon wieder gefunden: Sie unterhielt sich auf sehr anschauliche Weise scheinbar blendend mit einem riesenhaften Typen, den Charms nicht kannte, der aber eindeutig nicht sein Bruder Peter war. Trotzdem hatte der Unbekannte beide Hände rechts und links an Darias Hüfte gelegt und versuchte, sie näher an sich heranzuziehen. Sie zierte sich halbherzig und kicherte dabei unablässig vor sich hin. Charms beobachtete einen schnellen, unübersichtlichen Wortwechsel zwischen den beiden, dann hatte Daria auch schon die Arme um den Stiernacken gelegt, wie sie es nur Minute zuvor bei Charms getan hatte.
Peter. Es war Peter, der ihm durch den Kopf hätte gehen sollen. Zeig Missbilligung. Wende dich ab. Das ist deine Aufgabe. Reiß dich zusammen!
Ehe er sich selbst davon abhalten konnte, drückte Charms sein Glas wortlos Kostja in die Hand und drängte sich durch die tanzenden, lachenden, streitenden, zu laut schwadronierenden Leiber Richtung Daria und ihrer fragwürdigen Bekanntschaft. Als diese auf sämtliche akustische Zeichen seinerseits nicht reagierte, packte Charms sie schließlich an der Schulter und wirbelte sie zu sich herum. Daria sah erschrocken aus.
„Was soll denn das werden?“, fuhr er sie an.
„Charms…“
„Nichts, Charms! Was soll das?“
Sie starrte ihn an, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, ihr wurde jedoch von einem heftigen: „Cut! Schluss, Schluss, Schluss!“ das Wort abgeschnitten.
Tanz und Musik fielen in sich zusammen wie ein missglückter Kuchen. Das Kamerateam, die Statisten wichen zurück, einige wirkten verärgert, viele irritiert. Mit herrischer Geste winkte Joe, der die Regie über das Filmprojekt überhatte, Charms zu sich, um ihn sich zur Brust zu nehmen. Seine hängenden Backen strafften sich in zuckender Spannung.
„Was ist los, Charms? Ist dir dein Platz in der Szene nicht klar?“
Mit in die Hüfte gestemmten Armen sah sich Charms nach Daria um. Der Stiernacken, dieser übergroße Idiot, stand hinter ihr und schaute tumb aus der Wäsche, während Daria selbst peinlich berührt den Blick durch die Clubkulisse schweifen ließ.
Ungeduldig schnipste Joe vor Charms‘ Gesicht, um ihn zur Aufmerksamkeit zu mahnen.
„Was gehst du Daria so an? Ich dachte, es wäre klar, dass du sie erst später zur Rede stellst, vor dem Club, bevor du deinen Arsch nach Hause bewegst. Was soll das jetzt also?“
Nach und nach glaubte Charms, das Set wieder in schärferen Umrissen zu sehen. Zwar pochte der Ärger immer noch in ihm und verlangte nach irgendeiner Form der Entschädigung, doch das größte Übel war verraucht. Was hatte ihn nur geritten? Ausgerechnet in der ersten Szene! Es war ein Film, Daria hatte geschauspielert. Kein Grund für ihn, so aus der Haut zu fahren, sich so gehen zu lassen.
„Tut mir leid, Joe. Drehen wir die Szene noch einmal.“
„Das will ich auch meinen!“ Das halbe Kamerateam hatte sich inzwischen um sie versammelt und lauschte mit schadenfreudiger Andacht, wie Charms zur Schnecke gemacht wurde. Joe nahm die Dreharbeiten sehr ernst und das war gut so. „Es ist spät und die Einstellungen haben uns Stunden gekostet, vom Make-up ganz zu schweigen. Wir machen eine kurze Pause, in der du dir deinen Auftritt genauer durchlesen wirst, Charms. Sowas will ich nicht noch mal sehen!“
Charms nickte, während sich das schlechte Gewissen um ihn bettete. Sein Blick tastete vorsichtig über die schaulustige Zuschauertribüne, die sich um sie gebildet hatte. Keiner von ihnen war erfreut über seinen Patzer. Zornesrot und wild mit den Händen gestikulierend stürmte Joe aus der selbsterschaffenen Manege, wobei er eine halbstündige Drehpause ausrief.
Als Charms geknickt aus dem Kreis der Schmach treten wollte, der sich nur allmählich verdünnte, kam Daria auf ihn zu, nahm ihn sanft an der Hand und zog ihn vor die Tür an die frische Luft. Der Regen plätscherte stetig durch die Straßen.
Verlegen strich sich Daria das rote Haar aus dem Gesicht. „Joe wollte, dass ich es tue“, sagte sie und eine kleine Falte bildete sich zwischen ihren Brauen. „Dass ich das Michelin Männchen da drin anquatsche. Er hat drauf bestanden und es dezidiert im Drehbuch erwähnt. Komisch, oder? Ein Film über uns, in dem wir nicht handeln dürfen wie wir es würden.“
Sie versuchte zu lachen, was gehörig misslang. Wenige Wochen vor Drehbeginn war Darias Beziehung mit Peter, Charms‘ Bruder, zerbrochen, genauer gesagt, hatte der Mistkerl sie nach gut vier Jahren ohne weitere Erklärung fallen lassen. Angesichts ihrer Trauer hatte Charms sie wieder aufgerichtet, wobei sich mehr zwischen ihnen entwickelt hatte als es das Drehbuch verlangte, nach welchem sie sich die nächsten drei Wochen ausrichten sollten. Dieses war auf eine Liebesgeschichte zwischen Peter und Daria ausgelegt und sollte das Leben seiner Akteure widerspiegeln. Unpraktisch, dass sich das wahre Leben so schnell ändern konnte. Beim Anblick Darias mit einem anderen waren Charms sämtliche Drähte der Vernunft in Sekundenschnelle durchgebrannt. Gefühle, die seine Filmfigur nicht haben durfte. Die er nicht haben durfte.
Daria trat auf ihn zu, strich ihm über die Wange und lehnte die Stirn an seine. Ihre Lippen berührten einander. Es war ein inniger, leuchtender Moment, der von einem aus dem Club trabenden Joe jäh zerrissen wurde. Sein Blick lag finster auf Charms und Daria, die verlegen voneinander abtraten.
„Du sollst dich mit deiner Szene befassen und nicht der Freundin deines Bruders die Zunge in den Hals stecken!“, fauchte Joe und deutete mit anklagendem, feisten Finger auf Charms. Sein Gesicht war gerötet. „Kann nicht sein, dass der gesamte Dreh aufgehalten wird, nur weil Daria plötzlich meint, vom einem Bruder zum anderen hüpfen zu müssen…“
Zornig trat Daria an Charms vorbei und baute sich vor Joe auf. Wie zwei kampflustige Hähne standen sie einander gegenüber. Charms hob an: „Hört mal…“, doch er hatte keine Chance. Mit seinem Vorwurf hatte Joe einen empfindlichen Punkt bei Daria getroffen.
„Weiß du, Joe, vielleicht meint Daria auch ebenso plötzlich, keine Lust mehr auf den Laden zu haben, den du für ihren Freitagabend ausgewählt hast!“, äffte sie seine Wortwahl gehässig nach. Der Alkohol hallte aus ihrer Stimme. Sie hatte sich an diesem Abend mit dem Trinken eindeutig übernommen. „Ja, vielleicht hat Daria keine Lust, sich in verschwitzter Atmosphäre mit wenig anregenden Muskelbergen zu unterhalten und würde lieber weiter in die Stadt ziehen. Wie würde dir das gefallen?“
Einige Gesichter des Kamerateams waren inzwischen aus dem Eighty’s getreten und hielten neugierig angesichts des hitzigen Schlagabtauschs inne, in den sie soeben unverhofft geplatzt waren.
„Du kannst deine Szene selbst zu Ende drehen!“, sagte Daria fuchsig zu Joe. „Vielleicht setzt du dir eine rote Perücke auf und tingelst im Kleinen Schwarzen ein bisschen durch die Menge auf der Suche nach potenziellen Schmachtobjekten. Man sieht sich!“
„Daria …“, warf Charms ein, doch da war sie bereits herumgewirbelt und mit großen Schritten in der Dunkelheit verschwunden. Schnaufend wie ein abgehetzter Stier starrte Joe ihr hinterher. Wenn er ihr nicht wie ein Wahnsinniger hinterher wetzen wollte, hatte er die Schlacht soeben verloren. Und das würde er nicht: Joe war starker Raucher und obendrein figurtechnisch nicht das, was man gemeinhin als elfengleich bezeichnen würde.
„Ausgezeichnet!“ Er holte sich eine Marlboro aus der Hosentasche, steckte sie sich an und musterte Charms mit finsterem Gesicht. Die Kameraleute sahen angestrengt in alle möglichen Richtungen wie verstellte Scheinwerferköpfe, um Joes Ärger keine Zielscheibe zu bieten. Das mussten sie nicht, denn es war Charms, auf den sich sein Groll richtete. „Weg ist sie! Ist es das, was du wolltest?“
„Nein, ich…“
„Wir brechen ab, das hat so keinen Sinn! Geh mir aus den Augen, Charms! Und lies dir den Auftrag deiner Szenen noch mal durch, bevor du heute schlafen gehst, um Himmelswillen! So eine Scheiße wie heute will ich nicht noch mal erleben, klar?“
Das hatte Charms ohnehin vorgehabt. Ein Fehler wie heute durfte ihm nicht mehr unterlaufen. Er war vollkommen aus seiner Rolle gefallen, weil er die neuen Gefühle, die seit wenigen Wochen in ihm gediehen, nicht zu beherrschen gewusst hatte. Aber das würde nicht noch einmal passieren. Ab morgen würde er wieder konzentriert bei der Sache sein und einwandfrei funktionieren, wie er es immer tat. Joe würde zufrieden mit ihm sein, das wusste er, als dieser stinkwütend zurück ins Eighty’s torkelte, um den Drehtag notgedrungen für beendet zu erklären. Das Kamerateam folgte ihm ängstlich. Charms blieb allein zurück und bekämpfte die auflodernde Scham und das beklemmende Gefühl, das Darias Abgang in ihm ausgelöst hatte. Niemand sollte ihm vorwerfen können, dass er unprofessionell oder gar zu gefühlsgeleitet war, um die größte Chance seines Lebens wahrzunehmen. Fehlplatzierte Gefühlsregungen waren ein Manko, das er sich nicht leisten konnte. Im Grunde brauchte er ja nur er selbst sein wie er vor gut einem Monat noch gewesen war, und dann würde alles perfekt laufen. Seine Gefühle für Daria musste er für die nächsten Wochen hintanstellen.
Am nächsten Tag kam Charms erst um die Mittagszeit aus dem Bett. Zu lange hatte er sich mit der Performance beschäftigt, die er heute Abend zum Besten geben musste, fehlerlos, ohne Tadel, damit Joe nicht länger sauer auf ihn war. Und noch viel länger hatte er über Daria gewälzt, wie es ihr ging, wo sie sich hin geflüchtet hatte und wie um alles in der Welt er abstellen konnte, was in ihm hochkam, jedes Mal, wenn sie in seiner Nähe war. Dabei war er nach langem Grübeln zu dem Schluss gekommen, die nächsten drei Wochen durchzubeißen und anschließend gemeinsam mit Daria zu vergessen, was sich am Set zugetragen hatte.
Die Kantine war gut besucht, als er eintrat, doch von Daria war nichts zu sehen. Kameraleute, Visagisten und Darsteller rauften sich um die magere Ausbeute des Mittagsmenüs: Nudelauflauf, Chicken Wings, die aussahen, als hätte jemand McDonalds bestochen, seine Reste zum halben Preis zu verschenken, und ein schlampig abgemachter Tomatensalat, den bislang noch niemand angerührt hatte. Lange musste Charms nicht überlegen: Der Nudelauflauf schien das kleinste Übel und am wenigstens verdächtig, ihm einen verdorbenen Magen zu bescheren. Mit vollem Teller ließ er sich an einem der freien Plätze am Rande der Kantine nieder, möglichst weit weg von den tummelnden Plätzen, wo ihm der Verdruss über den gestrigen Patzer wie fauliger Gestank entgegenschlagen würde, denn natürlich war niemand sonderlich glücklich über den verlorenen Drehtag gewesen.
Mit zusammengepressten Lippen und angestrengt gesenktem Blick stocherte Charms in seinem Auflauf, als sich jemand auf dem freien Platz gegenüber niederließ, ein Tablett grauer Chicken Wings vor ihm abstellte, getränkt in einer abstoßenden Soßenkombi aus Ketchup und Mayo.
„Mahlzeit“, sagte sein Bruder Peter grinsend. Alarmiert sah Charms umher, doch niemand schien sie zu beachten.
„Wir sollen hier nicht miteinander reden!“, zischte er seinem Bruder zu, der belustigt die Brauen hob; tatsächlich war Peter und ihm von den Studios eine Art Kontaktverbot vier Wochen vor Drehbeginn und während des gesamten Drehs ausgesprochen worden. Ausnahmen waren Szenen, die ihr gemeinsames Auftreten erforderten. Nicht, dass diese Auflage unter normalen Umständen besonders schwer einzuhalten gewesen wäre, denn der Kontakt zwischen den beiden Brüdern gestaltete sich bereits seit Jahren porös. Aber normalerweise löste Daria ja auch keine Eifersuchtstobfälle in ihm aus. Und vor gut drei Wochen hatte Peter gegen das Kontaktverbot verstoßen, als er Charms zum ersten Mal überhaupt in dessen Wohnung aufgesucht hatte. Der Grund dafür war Daria gewesen, um deren Wohl sich sein scheinheiliger Bruder gesorgt hatte.
„Und außerdem sollen wir das Set nicht verlassen“, erwiderte Peter gelassen auf Charms‘ Einwand und bediente sich seiner soßendurchweichten Chicken Wings. „Trotzdem ist Daria gestern abgehauen und hat damit den Dreh ins Stocken gebracht. Am ersten Abend! Gutes Mädchen, ich habe gleich einen Kurzen auf sie getrunken, als ich davon erfahren habe.“
Charms horchte auf. „Du warst gestern saufen? Peter, wir dürfen nicht vom Set…“
„Anordnung von Joe“, unterbrach Peter ihn schulterzuckend. „Frag nicht, es war sowieso ziemlich seltsam: Keine Kameras, aber ein ganzes Aufpasser-Team, das sich in einem Club westlich der Stadt geradezu auffällig unauffällig um mich herumdrückte. Bescheuert.“
Joe hatte gewollt, dass Peter das Set verließ? Das fiel Charms schwer zu glauben, sowie er sich sonst immer über Peters Eskapaden echauffierte. „Verstehe ich nicht. Wozu das alles, wenn nicht gedreht wird?“
Nachdenklich blies Peter die Wangen zu Ballons auf, die er anschließend geräuschvoll zerploppen ließ. „Nun, offiziell hätte ich heute zu drehen begonnen. Eine absolut hirnrissige Erstszene, ich wache darin verkatert bei einem Kumpel auf und rede dann am Telefon mit Daria über unsere Beziehungsprobleme.“ Letzteres setzte Peter in übertrieben akzentuierte Anführungszeichen. Die Trennung von Daria war vor wenigen Wochen auf seine Initiative hin erfolgt und schien ihn nicht im Geringsten mitgenommen zu haben. Von Beginn an hatte Charms dies für merkwürdig befunden, war er doch der Ansicht gewesen, dass Peters Freundin immer einen überaus wichtigen Part in dessen Leben eingenommen hatte. Ein Irrtum, wie es schien, denn selbst die wunderbar unerwartete Entfaltung zwischen Charms und Daria hatte er bislang in keiner Weise kommentiert.
Achtlos riss Peter mit den Fingern ein Stückchen von einem seiner Chicken Wings und warf sich dieses wie ein ausgehungerter Bär in den Schlund, ehe er sich die fettbeschmierten Finger der Reihe nach mit der Zunge säuberte. „Wer weiß schon, was dieses Trocken-Clubbing zu bedeuten hatte. Vielleicht soll ich mir vorsorglich den Kopf wegsprengen, weil Joe befürchtet, ich würde in meiner Debutszene ohne intensive Vorbereitung zu gut aussehen.“
Er zwinkerte Charms zu, doch dieser sah demonstrativ weg; Peters aufgeblasener Spott über das Filmprojekt ging ihm auf die Nerven. Er wusste ja, dass sein Bruder diesem Moment nie mit so freudiger Erwartung entgegengefiebert hatte wie er selbst, nichtsdestotrotz handelte es sich dabei um eine einmalige Chance zur finanziellen Absicherung, die gerade Peter sich bei Gott nicht leisten konnte zu vermasseln. Soweit er wusste, hatte dieser kürzlich mal wieder seinen Job verloren. Ein Grund mehr, dem Projekt eine dankbare Haltung darzubringen, doch Peter schien das anders zu sehen. Ungeachtet Charms‘ abweisender Haltung fuhr er mit vollem Mund fort: „Wir haben nach Darias Abgang abgebrochen. Keine Ahnung, was das Theater soll: Ich sehe umso beschissener aus, wenn sie mich zwei Tage in Folge durch die Saufmühle treten. Genau das, was sie haben wollen.“
Er lehnte sich auf seinem Sitzplatz zurück und verzog das Gesicht beim Anblick des offensichtlichen essenstechnischen Malheurs auf seinem Teller, das ihn aber nicht davon abhielt, es zeitgleich in Massen zu verzehren. „Scheint ja mit dem Dreh nicht ganz so zu laufen, wie sie es sich vorstellen.“
Zum ersten Mal seit Beginn ihrer deplatzierten Konversation sah Charms seinen Bruder direkt ins Gesicht. Wie er selbst war Peter groß und dunkelhaarig, doch im Gegensatz zu Charms hatte er vor Jahren begonnen, sich literweise Tinte unter die Haut pumpen zu lassen und sich das Gesicht mit Steckern und Ringen zu ornamentieren. Heute trug er kleine Tunnel an beiden Ohrläppchen, zwei Ringe in der linken Augenbraue und einen in der Unterlippe zusätzlich zu einem schwarzen Ring zwischen den Nasenlöchern, den er seiner stetig wachsenden Gesichtsblechsammlung erst vor Kurzem hatte hinzukommen lassen. Eine seiner Tätowierungen entblößte ein wohlbekanntes Frauengesicht, von Rosenblüten umschmeichelt, auf seinem rechten Unterarm. Darüber stand Darias Name in verschnörkelten Buchstaben. Wie schnell er sich doch seiner einstigen Muse entledigt hatte.
„Es ist ein Reality Movie“, sagte Charms auf Peters Bemerkung hin. „Es läuft genauso wie wir es darbieten. Das gestern war meine Schuld, wir mussten abbrechen, weil ich nicht damit umgehen konnte, dass Daria…“ Er unterbrach sich selbst. Peter war für das, was geschehen war, nicht der richtige Ansprechpartner. Doch wie es schien, hatte er bereits genug gesagt, damit dieser sich einen Reim auf die Geschichte machen konnte. Manchmal war sein Bruder tatsächlich gar nicht so kurzsichtig wie man vermuten würde.
„Mit Reality hat das nichts zu tun, wenn wir abbrechen müssen, weil du nicht damit klarkommst, dass Daria sich einem anderen an den Hals wirft. Korrigiere mich, wenn ich falsch liege, aber real wäre eine angepisste Reaktion darauf, oder? Aber nein, die passt ja nicht ins Konzept.“ Eine tiefe Falte bildete sich auf Peters Stirn. Er kaute grob an seinem Lippenring, während er zu überlegen schien. „Ich für meinen Teil finde diese Vorgaben der Szenen idiotisch. Warum soll ich mir sagen lassen, wie mein Leben aussieht, wenn die Kameras eben dieses porträtieren wollen?“
Angewidert schob er sowohl das Thema als auch die wenig gourmetwürdige Pampe auf seinem Teller von sich. „Was für ein widerlicher Fraß! Wie wär’s zur Abwechslung mal mit was, von dem man nicht entweder Dünnpfiff oder das Kotzen kriegt?“
Im nächsten Atemzug war Peter auf den Beinen, hatte das billige Plastiktablett in den Händen und ein laues Grinsen zu seinem bescheuerten Ring auf die Lippen getackert. „Ich spiele jetzt eine Runde Basketball, vielleicht macht wer aus dem Team mit. Einen guten Drehtag, wünsche ich dir!“
Damit schlenderte er davon. Charms beobachtete, wie Peter unterwegs seinen Pappteller voll ertrunkener Chicken Wings in den Müll kippte und ohne einen Blick zurück aus der Kantine verschwand.
… Charms beobachtete einen schnellen, unübersichtlichen Wortwechsel, dann hatte Daria auch schon ihre Hände im Stiernacken des Typen vergraben und es ihm erlaubt, sich zu ihr herabzubeugen. Kostja johlte ein albernes „Uuuuhu!“ und wartete auf Charms‘ Reaktion, doch die kam nur in Form eines spöttischen „Tz“, ehe er sich von dem Geschehen ab- und sich den Unterhaltungen in der Runde seiner Kommilitonen zuwandte.
Irgendwann im Laufe des Abends nahm Charms eine Prügelei im Eingangsbereich zur Kenntnis. Besoffene Idioten. Auf halbem Weg zur Toilette konnte er eben noch mitverfolgen, wie ein klapperdürrer, ungesund wirkender Kerl in seinem Alter von den Securities nach draußen bugsiert wurde, wobei er sich gebärdete wie ein rotsichtiger Stier und wüste Kraftausdrücke von sich gab.
Erst spätnachts, als die Gesellschaft der Juristen sich nach und nach auflöste, sollten sich die Wege von Charms und Daria wieder kreuzen, nämlich an der Eingangstür zum Eighty’s. Daria lehnte mit dem Rücken an der Wand. Sie sah mitgenommen aus, unter ihren Augen schmierte ihr Make-up, das rote Haar stand ihr ins Gesicht. Trotz des geistesabwesenden Eindrucks, den sie vermittelte, ließ Charms es sich nicht nehmen, ihr ein Wort zum Nachdenken mit auf den Weg zu geben.
„Denk ein bisschen über dich selbst nach, Daria, über dich und Peter, oder ob ihr beide überhaupt noch Bestand haben solltet.“
„Oh, willst du bei ihm petzen, oder was?“, erwiderte sie giftig. „Als ob! Ihr habt seit Jahren kein Wort miteinander gesprochen!“
„Ich misch mich da nicht ein“, gab Charms zurück. „Ich wollte es dir nur gesagt haben, vielleicht schämst du dich dann zumindest ein bisschen vor dir selbst. Man sieht sich.“Damit wandte er sich ab und spazierte in der Morgendämmerung zur Tür des Eighty’s hinaus.
„Cut!“
Am nächsten Tag hatte Charms einen wichtigen Termin mit einem seiner Universitätsdozenten. Zu seiner Schande musste er sich eingestehen, dass er diesen im Vakuum seines gestrigen Dahintreibens schlicht vergessen hatte, was ihn heute ungemein ärgerte, denn das bunte Nachtschwärmen bis in die frühen Morgenstunden war ihm wie ein losgelöster Dachziegel auf den Kopf gefallen.
Der Stadtverkehr war immerzu schrecklich und knappe drei Stunden Schlaf machten das Ganze noch viel unerträglicher; erst um fünf Uhr morgens hatte Charms sich endlich ins Bett begeben. Zu wenig Schlaf, um in aller Frische zu einem Termin zu erscheinen, der, wie er dumpf ahnte, seine jüngste Arbeit zum Thema haben würde. Es musste sich dabei um etwas Wichtiges handeln, wenn Professor Klein ihn in der vorlesungsfreien Zeit zu sich zitierte, ob nun im positiven oder negativen Sinne.
Mit pochenden Schläfen und geschwollenen Augen taumelte Charms durch den Bus der Linie 4, der ihn zur Uni bringen sollte, auf der Suche nach einem Sitzplatz, um sein schlafentzogenes Ego nach Bemühen zu schonen. Wie so oft war das Glück nicht auf seiner Seite und der letzte freie Platz wurde ihm kurzerhand von einer alten Dame im Fliederkostüm weggeschnappt, die einen geschniegelt aussehenden Pudel auf ihrem Schoß platzierte.
Seufzend fügte sich Charms seinem Schicksal und lehnte sich an eine der Haltestangen. Das Wetter hatte sich im Vergleich zu gestern nur minimal gebessert; immer noch stoben kampflustige Tröpfchen vom Himmel, die ihm auf dem Weg zum Bus das Haar angefeuchtet hatten. Gedankenverloren versuchte Charms, das nässende Etwas auf seinem Kopf zu ordnen. „Besser wird’s nicht“, bemerkte eine Stimme unmittelbar neben ihm, und Charms fuhr erschrocken aus seinen leer blubbernden Gedanken. Im Versuch seiner optischen Schadensbegrenzung hatte er von seiner Umgebung kaum Notiz genommen, und so war ihm der großschlanke blonde Kerl, der an derselben Haltestange klammerte, nicht aufgefallen. Dieser nickte ihm mit einem tiefen Grienen auf dem Gesicht zu. „Du hättest einen Schirm mitnehmen sollen.“
Charms blinzelte. „Ja, ich denke das nächste Mal dran.“
„Das hoffe ich.“ Der Tonfall, den der Blonde anschlug, verriet, dass er noch nicht fertig war mit was auch immer er zum Ausdruck bringen wollte. Charms konnte sich kaum vorstellen, dass der einzige Anstoß des Kerls ihn anzusprechen sein wirres Haar gewesen sein mochte, obwohl er im Gegensatz zu ihm in der Tat vorbildlich gekämmt war und in seinem Anzug und den polierten Schuhen einen geradezu übertrieben formsicheren Eindruck machte. Einzig der leicht verfärbte Bereich rund um sein linkes Auge trübte seine tadellose Erscheinung. Ein Zeichen sich aneinanderreihender schlafloser Nächte? Oder hatte er sich erst kürzlich ein Veilchen an einer Faust gestoßen? Wenn ihre Begegnung heute keine Ausnahme darstellte, sondern der Kerl dazu neigte, Wildfremde in Bussen von der Seite anzuquatschen, hätte zweites Charms keineswegs verwundert. Obwohl er nach gutem Willen den Blick aus dem Fenster gerichtet hielt, konnte Charms das penetrante Lächeln des Fremden an seiner Wange brennen spüren. Ungeduldig wandte er sich ihm zu. „Kann ich dir irgendwie helfen?“
Der Blonde schien sich keineswegs an Charms‘ schroffem Ton zu stören. „Ah, das bezweifle ich doch. War eine lange Nacht im Eighty’s, oder?“
Was sollte das? Charms verzog das Gesicht. „Kenne ich dich?“
„Tust du gewiss nicht“, gab der Blonde zurück und ein süffisantes Lächeln öffnete von neuem auf seinem aufgeräumten Gesicht. „Ich selbst habe dich lediglich wegen deines Bruders erkannt. Du siehst ihm ähnlich.“
Das hatte Charms schon öfter gehört, zumindest als Peter und er noch jünger gewesen waren. Außenstehende hatten sie lange Zeit aufreibend oft für Zwillinge gehalten, obwohl Peter zwei Jahre älter, allerdings einer jener Teenager gewesen war, die den Startschuss zum Wachstum überhört zu haben schienen und erst Jahre später mit immenser Geschwindigkeit in die Höhe geschossen waren. Seit er sich jedoch regelmäßig neue Löcher ins Gesicht und launenhafte Motive unter die Haut stechen ließ, war die zuvor so gern besungene Ähnlichkeit bald schon eines absurden optischen Dualismus gewichen. Es musste das erste Mal seit etwa sieben Jahren sein, dass Charms auf seine Ähnlichkeit mit Peter angesprochen wurde.
„Ich sehe ihm gar nicht mehr so ähnlich“, sagte Charms und fragte sich zeitgleich, warum er dem Unbekannten nicht schlicht den Vogel zeigte und sich einen neuen Platz suchte. „Allzu viel zu tun habe ich auch nicht mit ihm.“
Der Blonde nickte. „Ich weiß.“
„Bist du ein Kumpel von ihm?“, fragte Charms misstrauisch. Auch wenn ihr Verhältnis seit Jahren ein beschlagenes war, konnte er sich nur schwer vorstellen, dass Peter jemanden von der Sorte seines Gegenübers zu seinem Freundeskreis zählen würde. Er wusste, welchen Umgang sein Bruder pflegte und dieser Kerl mit seinem tadellos gekämmten Blondhaar, den förmlichen Klamotten, der Markentasche und dem egozentrischen Auftreten passte so gar nicht in dieses Konzept.
Zumindest schien der Unbekannte in dieser Hinsicht seiner Meinung zu sein, denn er stieß ein ungläubiges, lautes Lachen aus. „Nicht direkt, aber ich kenne Peter sehr, sehr gut. Aus dem Jugendheim, vom Polizeirevier, von verschiedenen Veranstaltungen …Du verstehst?“
Charms verstand gar nichts. Natürlich, er wusste, dass sein Bruder kein unbeschriebenes Blatt war. Er wusste auch, dass Peter die Zeit von seinem zwölften Lebensjahr bis zur Volljährigkeit mehr in einem Jugendheim für Schwererziehbare denn zu Hause verbrachte hatte. Wie sollte er es auch nicht wissen, schließlich war Peter sein Bruder, so selten er ihn in den vergangenen Jahren auch zu Gesicht bekommen haben mochte. Nichtsdestotrotz war Charms sich in diesem Moment ganz und gar uneins, was er von dem merkwürdigen Unbekannten halten sollte, was dieser überhaupt versuchte, ihm mitzuteilen. Dass Peter geradezu prädestiniert dafür war, seinen Lebensabend hinter Gittern zu verbringen oder auf der Straße zu hausen? Das hätte er sich sparen können, dessen war Charms sich spätestens zu Peters zwanzigstem Geburtstag gewiss gewesen, als dieser gemeinsam mit Freunden ein Ferienhaus nahe ihres Elternhauses in die Luft gesprengt hatte und dafür in eine unsaubere Schlacht vor Gericht gezogen war, aus der er sich schließlich mit der Ausrede hatte winden können, dass er zum Tatzeitpunkt aufgrund eines komatösen Alkoholspiegels als unzurechnungsfähig einzustufen war. Kurzum, er kam mit einem Bußgeld, hundert Sozialstunden und der Empfehlung um ein Besserungsgespräch davon, die er selbstverständlich in den Wind schlug.
Verunsichert starrte Charms den Blonden an. „Er ist etwas schwierig“, brachte er schließlich zur halbherzigen Verteidigung seines Bruders vor, denn auch, wenn die Worte des Unbekannten in keiner Weise vorwurfsvoll gesprochen sein mochten, so hatte er dennoch das Gefühl, Peter in Schutz nehmen zu müssen.
Abermals lachte der Blonde auf. „Geschickte Analyse, Herr Anwalt, gedenken Sie das bei all Ihren zukünftigen Fällen vor Gericht so darzubringen? Vielleicht fallen die Urteile für Ihre Mandanten dann ja milder aus.“
Doch Charms blieb keine Zeit, dem Blonden eine passende Antwort zu geben, als ihm erschrocken bewusst wurde, dass er seine Haltestellte erreicht hatte und der Bus bereits Anstalten machte, die Türen für die Weiterfahrt zu schließen.
Ohne ein weiteres Wort sprang Charms aus dem Bus, der keine Sekunde später davon brauste. Weg war der seltsam geartete Fremdling, und aufrichtiger Weise musste Charms zugeben, dass er darüber nicht unbedingt beleidigt war. Er hatte Wichtigeres zu tun als sich mit Peters dubiosem Bekanntenkreis herumzuschlagen, woher auch immer dieser so viel über ihn wusste.
Mit angezogenen Schultern gegen den wütenden Sprühregen gewappnet stapfte Charms quer über den grünenden Campus Richtung Hauptgebäude der Siggs Universität.
Es dauerte seine Zeit, bis Peter es an diesem Tag schaffte aufzustehen und ihm war, als sei er dornröschengleich aus einem Jahrzehnte währenden Schlaf auferstanden. Im ersten Moment war er vollkommen orientierungslos, bis ihm einfiel, dass er die Nacht auf der Couch eines Kumpels verbracht hatte, mit dem er bis in die frühen Morgenstunden durch die Stadt gezogen war. Es war keine gute Nacht gewesen. Gegen fünf Uhr morgens hatte er sich mit Daria am Telefon gestritten, weil diese ihn angerufen und wüst beschimpft hatte. Sie hatte getrunken, denn im Normalfall war sie der freundlichste und umgänglichste Mensch der Welt - ein Zug, der leider immer dann schwand, wenn sie zu tief ins Glas schaute. Heute Morgen musste sie den Kater ihres Lebens haben, dem Lallen nach zu urteilen, das sich bissig in Peters Kopf verfangen hatte. Im Streit hatten sie einander schon einiges an den Kopf geworfen, doch selten war die Sache so ausgeartet wie vergangene Nacht. Fast war Peter froh, dass es sich lediglich um einen Telefonstreit gehandelt hatte, denn wäre Daria urplötzlich vor seiner Nase aufgetaucht und hätte ihn auf eine derlei aufgebrachte Art und Weise in die Enge getrieben, wäre es vermutlich noch schlimmer gekommen.
Daria war neunzehn und damit ein paar Jahre jünger als Peter, doch das hatte sie beide nie gestört: Bereits seit vier Jahren waren sie ein Paar, auch wenn es in den vergangenen Monaten vermehrt in ihrer Beziehung gekriselt hatte. Seit langem schon ahnte Peter, dass Daria etwas fehlte und sie ihn hinterging, um sich eben jenes Stück des Kuchens zu holen, das er ihr nicht bieten konnte. Ja, es war sein Fehler gewesen: Gegen ihre gestrige Abmachung hatte er sie versetzt und war mit ein paar seiner Kumpels statt mit ihr umhergezogen. Es waren in den meisten Fällen seine Fehler, die Zwist säten, aber entschuldigte das ihre Untreue?
Peter tastete nach seinem Handy, entschlossen, Daria anzurufen und die Sache von gestern zu bereinigen. Er hasste es, mit ihr zu streiten, es war so ziemlich das Unangenehmste, was er sich vorstellen konnte.
Der Freizeichenton piepste unglaublich laut in seinem Kopf, ehe Daria sich mit dünner Stimme meldete: „Ja?“„Ich bin‘s.“ Sein Mund war plötzlich ungemein trocken. Er musste sich räuspern. „Wie geht’s dir, Daria?“
„Es ging schon mal besser.“ Ihre Stimme brach weg. Schweigen.
„Du hast mich gestern angerufen“, begann Peter vorsichtig, doch Daria hatte ihn bereits unterbrochen.
„Ja, ich weiß, tut mir leid. Es war alles nicht so gemeint, ich war einfach wütend auf dich, und ich war im Eighty’s, hab ein bisschen zu viel erwischt und so kam eines zum anderen – es tut mir leid.“
Peter nickte, bis ihm bewusst wurde, dass sie ihn nicht sehen konnte. „Ist okay.“ Er wollte die ganze Sache eigentlich schon abhaken, doch er musste es jetzt von ihr wissen, andernfalls würde ihn die Ungewissheit auffressen. „Daria, betrügst du mich?“
„Ich – nein!“, widersprach sie heftig. „Nein. Wie kommst du darauf?“„Du hast gestern so komisch geredet, da dachte ich…“
„Nein, Peter, nein, sowas darfst du nicht denken! Ich war gestern einfach nicht ich selbst, das hast du ja mitbekommen. Ich habe das alles nur gesagt, um dir irgendwie heimzuzahlen, dass du mich versetzt hast. Es tut mir leid.“
„Okay.“ Er wusste, dass sie ihn belog und das war fast noch bitterer als die Tatsache, dass sie sich mit ihm allein nicht mehr zufrieden gab. „Sehen wir uns heute noch?“
„Ehrlich gesagt, es geht mir gar nicht gut und am Nachmittag habe ich noch eine Musikstunde.“
„Wie immer.“
Unangenehm knisterte das Schweigen in der Leitung. Keiner von beiden wusste mehr, was es noch zu sagen gab, und so verabschiedeten sie einander knapp mit dem Versprechen, sich morgen und in Zukunft mehr Zeit füreinander zu nehmen. Aber sie nahmen sich schon lange keine Zeit mehr füreinander, nicht richtig. Immer wusste Daria eine Musikprobe oder eine Ballettstunde dazwischenzuschieben, oder es handelte sich um den allerletzten Durchgang ihrer Theatergruppe vor dem großen Auftritt, zu dem Peter natürlich wieder herzlich eingeladen war.
Gedankenverloren betrachtete Peter das Foto, das auf dem Hintergrund seines alten Nokia i32 angezeigt wurde. Es war von mieser Qualität, wie alles was er besaß, und es war ein verdammt altes Foto, das ihn und Daria Arm in Arm auf der Sitzbank eines Biergartens zeigte, das vor wenigen Monaten dichtgemacht hatte. Sie war damals glücklich gewesen. Damals hatte er sie noch glücklich machen können.
Auf der Innenseite seiner Wange kauend sah Peter sich um und erblickte das weiße Pulver, das von gestern übrig geblieben war. In einem durchsichtigen kleinen Säckchen auf dem gläsern verschmierten Wohnzimmertisch schien es ihm kokett zuzuwinken.
Er zuckte zusammen, als jäh sein Handy losbimmelte, und hoffte, dass es Daria war, die ihm noch ein tröstendes Wort hinterhersagen wollte, doch wurde seine Hoffnung schnell zunichte gemacht, als er den Anruf entgegennahm.
„Was willst du?“
Es war er. Wie oft schon hatte Peter seine Handynummer gewechselt und wie oft war es ihm gelungen, ihn trotzdem aufzuspüren? Schlagartig wurde Peter klar, dass er zitterte, wenn er auch nicht genau zu unterscheiden wusste, ob aus Zorn oder Angst ob der unheimlichen Beharrlichkeit, die er an den Tag legte. Dass es ihm abermals gelungen war, ihn aufzuspüren.
„Oh, ich will mich nur ein wenig mit dir unterhalten, Peter“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. „Mir kommt es Ewigkeiten vor seit ich dich zuletzt gesprochen habe. Wie fühlen wir uns denn?“
„Ich lege jetzt auf.“Ein aufreizend sanftes Lachen krabbelte durch das Netz tief in Peters Ohr. „Sei nicht so bockig, Peter, ich möchte mich nur nach deinem Wohlergehen erkundigen. Wenn ich die letzte Nacht so Revue passieren lasse, könnte ich mir vorstellen, dass du heute ein kleines bisschen neben dir stehst, habe ich Recht?“
Er war in seiner Nähe gewesen. Oder er hatte jemanden ausgeschickt, um ihm nachzustellen. Und jetzt versuchte er, ihn zu irritieren, über billige Psychospielchen noch mehr Informationen aus ihm heraus zu kitzeln. Den Gefallen würde Peter ihm nicht tun, dazu war er schon viel zu oft auf ihn hereingefallen.
„Du kannst die Nummer gleich wieder aus deinem Adressbuch löschen“, sagte Peter, bemüht gelassen, während sein Herz zu platzen drohte. „Die ist mit dem heutigen Tag Geschichte. Mach’s gut.“
„Ich habe deinen Bruder getroffen.“
Peter erstarrte. Er hatte Charms getroffen. Der Mistkerl schreckte doch vor nichts zurück und er wusste genau, dass er ihn jetzt an der Angel hatte, dass Peter mit jener letzten Offenbarung nichts anderes übrig blieb, als auf seine Spielchen einzusteigen, so wenig er das auch wollte. Um Kontenance ringend, schloss Peter die Augen, froh, dass er ihn in diesem Moment nicht sehen konnte. Zumindest hoffte er, dass er es nicht konnte.
„Wo?“„Während einer Busfahrt mit der Linie 4. Wir hatten ein nettes Gespräch miteinander, ehe er bei der Uni ausstieg. Er sieht dir ähnlich. Ich glaube, er ist dir auch ansonsten ähnlicher als er glaubt.“
Sekundenschnell quollen heißbrennende Zorngefühle in Peter empor wie billiger Prosecco aus einer übereifrig entkorkten Flasche. „Halt dich gefälligst von ihm fern, kapiert?“
„Rührend, deine brüderliche Fürsorge, Peter, und doch überrascht sie mich ein wenig, wie ich zugeben muss. Immerhin musstest du von zu Hause fort, während der Kleine sich in Mamas Nest gemütlich ausbreiten konnte. Sie hat ihn verzärtelt und ihm jeden Wunsch von den Augen abgelesen, doch dich hat sie von sich gestoßen, nicht wahr? Du bist nicht so selbstlos, ihnen zu verzeihen, Peter, weswegen also diese plötzliche Sorge um ihn?“
Doch Peter hatte aufgelegt. Er wollte sich das nicht länger anhören, konnte das Brodeln in seinem Inneren nicht länger unter Kontrolle halten. Wohin musste er noch, ehe er endlich seine Ruhe vor ihm haben würde - ans Ende der Welt?
Von einer gigantischen Welle der Frustration ergriffen, schleuderte er sein Handy gegen die Wand, wo es krachend zerschellte. Jetzt konnte der Mistkerl so oft er wollte versuchen, ihn zu erreichen, er würde es nicht mehr schaffen. Doch das änderte nichts daran, dass er zu allem Überfluss nun Charms auf seinem Radar hatte, seinen ach-so-perfekten Bruder, den aufstrebenden Anwalt, den Wunderjungen.
Peter musste ihn warnen. Mit Theodor Linello - viel zu lange hatte er seinen Namen nicht mehr gedacht, geschweige denn ausgesprochen, hatte ihn ins hinterste Eckchen seines Verstandes gestellt und ihn dort bewusst verstauben lassen - war nicht zu spaßen, und Charms war zu naiv und verblendet, als dass er die nahende Gefahr von alleine erkennen würde. Und er war trotz allem immer noch sein kleiner Bruder.
Das Handy war nicht mehr zu reanimieren. Per Telefon konnte er Charms also nicht mehr erreichen, wenngleich er sich nicht mal sicher war, ob er dessen Nummer zuletzt noch in seinem Telefonspeicher gehabt hatte; wenn man diverse familiäre Festivitäten ausließ, hatte er mit seinem Bruder seit etwa einem Jahr keinen Kontakt mehr gehabt und Verbindungsstörungen hatte es zuvor bereits reichlich gegeben.
Zerknirscht ließ sich Peter auf die Couch fallen, auf der er die vergangene Nacht zugebracht hatte. Sein Blick fiel abermals auf das weiße Pulver in dem gut durchsichtbaren Säckchen. Er hatte schon länger nicht mehr gekokst, hatte das Vergnügen lieber anderen überlassen, so auch letzte Nacht. Nicht zuletzt, weil sein Hang zum Konsum regelmäßig Streitgegenstand zwischen Daria und ihm gewesen war. Soeben jedoch hatte sich sein Leben wieder auf Übelkeit erregende Weise gedreht, denn Theodor Linello war es wie so oft gelungen, ihn ausfindig zu machen und es war nur eine Frage der Zeit, ehe er einen riesigen Eimer Unheil über seinem Leben auskippen würde. Angesichts der Tatsache, dass er Charms in sein krankes Netzt miteinzuspinnen drohte, würden die herabregnenden Spritzer dieses Mal wohl besonders weit reichen.
Ohne weiter zu überlegen hatte Peter sich eine kleine Line aus dem weißen Pulver zusammengebastelt und sie sich die Nase hochgezogen. Er ließ sich in die weiche Tiefe der Couch sinken, ehe er sämtliche Beweise seiner Tat beseitigte und sich benebelt vornahm, so bald wie möglich mit Charms Kontakt aufzunehmen.
„Na, alles klar?“
Joe klopfte Peter auf die Schulter, vielleicht etwas zu kräftig, denn er wäre beinahe seiner Pranke in die Knie gegangen. Er hatte grundsätzlich nicht vorgehabt, wieder zu koksen, aber der Anruf soeben, auf den ihn niemand vorbereitet hatte, der mit keinem Wort in seinem Script gestanden hatte –Theodors verhasste Stimme, auf magenverdrehende Weise hohnlachend und gleichzeitig bedrohlich –, jener Anruf war der Todesstoß seiner Vernunft gewesen, die sich standhaft gegen den Gebrauch der verdammten Drogen stemmte. Nun rotierte etwas sagenhaft Lebendiges in seiner Bauchgegend und in seinem Schädel, und er hatte das Gefühl, sich bewegen zu müssen, um die durch seine Adern pumpende Lebensenergie irgendwie ausschöpfen zu können, weil er andernfalls implodieren würde.
„Ist okay“, gab er Joe zur Antwort, und seine eigene Stimme erschien ihm endlos weit weg, als befände sein leiblicher Körper sich am Ende einer Höhle und rief mit hallender Stimme nach ihm. „Ist nur ungewohnt…“
Joes Stimme kratzte ebenso hämisch an seinem Gehör wie Theodors Stimme vor wenigen Minuten. „Du willst mir doch nicht etwa erzählen, dass das dein erstes Mal war?“
Auf der Suche nach Joes Blick schlug er mehrmals daneben, schüttelte verwirrt den Kopf, ehe ihm einleuchtete, was Joe mit seiner Frage aus ihm heraus zu kitzeln versuchte.
„Dass ich Koks nehme? Nein.“ Er musste plötzlich laut loslachen, bekam sich gar nicht mehr ein, wobei ihm Joes missbilligender Blick nicht entging.
„So benimmst du dich aber. Reiß dich gefälligst zusammen!“
Damit wollte er wegtreten, doch Peters Lachen versiegte, als ihm einschoss, was soeben geschehen war, kurz bevor er von sich selbst abgedriftete war. Er wusste, weshalb sich sein Kopf so dermaßen aufgeblasen anfühlte. Es war nicht nur wegen des Kokses. Es war Zorn im Gespann mit seiner alten Freundin, der Furcht, auf die das weiße Pulver nieder geregnet war wie Asche und die sich nun winkend wieder an die Oberfläche seiner Empfindungen kämpften.
„Joe!“, rief er ihm mit vibrierender Stimme hinterher und sprang auf die Füße, wobei er leicht ins Wanken geriet. „Hey, Joe! Er hat Charms nicht wirklich getroffen, oder? Das war nur im Film, stimmt‘s?“
Prompt fuhr Joe herum, kam mit großen Schritten zurück. Peter wusste nur zu gut, wie Joe aussah, wenn er wütend war. Die Kameras waren aus. Das Wohnzimmer ringsum schien zu verschwimmen, als seine fleischigen Züge sich kristallklar vor Peters Gesicht abzeichneten. „So, nur im Film. Glaubst du?“
Es musste so sein. Himmel, es konnte nicht anders sein! Kopfschüttelnd trat Peter vor der geröteten Kampfvisage zurück.
„Er soll Charms da raushalten, okay? Er soll ihn in Ruhe lassen.“ Diese Stelle markierte den Punkt, an dem er wohl besser den Kopf einziehen und abhauen sollte, doch irgendetwas ließ ihn wie angewurzelt stehen bleiben. Das Verlangen nach Gewissheit, dass dieser dämliche Film nicht soweit gehen würde, Charms mit seinen Dreck zu bewerfen. Joes verhärtete, bullige Miene sprach eine andere Sprache.
„Wir handeln hier nach eurem Drehbuch“, knurrte er Peter an. „Dir hätte klar gewesen sein sollen, dass sich eine Konfrontation zwischen Charms und Theodor auf lange Sicht nicht vermeiden lässt! Es ist Teil eurer Geschichte und es bringt eine gute Storyline. Es wäre hirnlos, sie auszusparen!“
Seine Worte trafen Peter wie ein Schlag. Die letzte Hoffnung, dass er, Theo,gelogen hatte, wie schon so oft, lag zerschlagen am Boden. Er hatte Charms getroffen und er hatte sich mit ihm unterhalten, wahrlich, außerhalb jeder Fiktion. Realität, kein Film.
Charms. Nach so vielen Jahren würde er ihm die Wahrheit brennend heiß servieren müssen.
„Er ist gefährlich…“, hob Peter hilflos an, als Joe ihn grob am Kragen packte und zu sich herabzog, mit geweitetem, zornrotem Blick in ihn bohrte. Die Filmcrew war mit dem Abbau des Equipments in dem zerrütteten Wohnzimmer beschäftigt, in dem ihre Szene gespielt hatte, und schenkte Peter und Joe keine Beachtung.
