Océane - Silja-Julie Chabilan - E-Book

Océane E-Book

Silja-Julie Chabilan

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Beschreibung

Brest, 1997: Die sechzehnjährige Océane wird in eine betreute Wohngemeintschaft aufgenommen, wo sie mit ihren Halluzinationen kämpft. Als schwer sozialisierbar eingestuft, triftt sie den neuen Musiktherapeuten Pierre Ducret, der sich bemüht mit Klavierspiel ihr Vertrauen zu gewinnen. Océanes Herz taut auf, als sie der älteren Mitschülerin Léa Hélias auf dem Heimweg ein Taschentuch reicht. Welchen Kummer versteckt die Mitschülerin? Zwischen den beiden Mädchen entsteht eine von Poesie getragene Freundschaft, doch Océane spürt, dass Pierres Misstrauen gegenüber Léa geweckt ist. Und sie weiß, so lange nicht jeder die behüteten Geheimnisse des jeweils anderen kennen lernt, kann es keinen Frieden geben.

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Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Frühlingsruhe (1812)

O legt mich nicht ins dunkle Grab

nicht unter die dunkle Erde hinab

soll ich begraben sein

legt mich ins tiefe Gras hinein

In Gras und Blumen lieg ich gern

wenn eine Flöte tönt von fern

und wenn hoch obenhin

die hellen Frühlingswolken ziehn

(Ludwig Uhland)

Wenn du fällst, wirst du nur so tief fallen, wie du glaubst,

dass du fällst. Und mit etwas Glück wirst du unverhofft

aufgefangen, bevor du auf dem Grund in tausend kleine

Spiegelscherben zerschellst.

Für

Ronja, die mich fliegen lehrte

Cecilia, als wir uns wiedererkannten

Lara, mein Alpha und Omega

INHALTSVERZEICHNIS

TEIL 1, LEA

1 SONNTAG, 5. JANUAR 1997: ERZÄHL MIR VON DAMALS – DER WANDEL

2 DIENSTAG, 8. OKTOBER 1996: BERNADETTE

3 DIENSTAG, 8. OKTOBER 1996: DAS ZIMMER - BLICKE ZURÜCK

4 MONTAG, 4. NOVEMBER 1996: MILLAIS

5 MITTWOCH, 22. JANUAR 1997: DIE BEGEGNUNG

6 SONNTAG, 2. FEBRUAR 1997: DIE FREMDE IN DIR UND MIR

7 DONNERSTAG, 13. FEBRUAR 1997, 20:21: DIE SIRENE

8 FREITAG, 14. FEBRUAR 1997: 00:34

9 FREITAG, 14. FEBRUAR 1997: 5:20

10 FREITAG, 14. FEBRUAR 1997: JEDEN MORGEN, JEDEN ABEND

11 FREITAG, 14. FEBRUAR 1997: LÉA

12 FREITAG, 14. FEBRUAR 1997: 20:45

13 FREITAG, 14. FEBRUAR 1997: 21:38

14 MONTAG, 17. FEBRUAR 1997: LOST NAME. NOM PERDU. NAME VERLOREN.

15 MONTAG, 17. FEBRUAR 1997: RAUCH AN DER HALTESTELLE

16 MONTAG, 17. FEBRUAR 1997: DEPRESSION? WIE BITTE?

17 MONTAG, 17. FEBRUAR 1997: PUPPENFÜTTERUNG

18 MONTAG, 17. FEBRUAR 1997: CAFÉ BRUNO

19 MONTAG, 17. FEBRUAR 1997: ERINNERUNGEN AN NACHTSCHICHTEN IM SALON

20 MONTAG, 17. FEBRUAR 1997, 16:45

21 VON DIENSTAG AUF MITTWOCHNACHT, 18. FEBRUAR-19. FEBRUAR 1997

22 DONNERSTAG, 20. FEBRUAR 1997, 18:30, BESUCH

23 DONNERSTAG, 20. FEBRUAR 1997: AN PIERRES MELODIE, 21:37

24 DIENSTAGNACHTS, 25. FEBRUAR 1997: SCHULDIG, AN DIESEM LEID. 4:48

25 DONNERSTAG, 6. MÄRZ 1997: ERSTICKEN AN RATIONALITÄT

26 DONNERSTAG, 6. MÄRZ 1997: DAS MESSER NEBEN MEINEM BETT

27 DONNERSTAG, 6. MÄRZ 1997, 19:30: EINFRIEREN

28 FREITAGABEND, 7. MÄRZ 1997: STRANDSPAZIERGANG

29 7. MÄRZ 1997, 21:30: VOR DEM EINSCHLAFEN

30 8. MÄRZ 1997: DISPARU – VERSCHWUNDEN.

31 8. MÄRZ 1997: DER BRIEF

TEIL 2, ANTOINE

1 UNBESTIMMTE ZEIT, DAVOR, FAMILIE

2 UNBESTIMMTE ZEIT, DAVOR, GESCHICHTEN HIER UND ANDERSWO

3 UNBESTIMMTE ZEIT, DAVOR, EINE SEELE?

4 UNBESTIMMTE ZEIT, DAVOR, GEBURTSTAGE

5 UNBESTIMMTE ZEIT, DAVOR, ÜBER WASSER

6 UNBESTIMMTE ZEIT, DAVOR, EIN GESCHENK DES OZEANS

7 UNBESTIMMTE ZEIT, DAVOR, FRAGEN

8 UNBESTIMMTE ZEIT, DAVOR, VERBRANNT

9 UNBESTIMMTE ZEIT, DAVOR, SCIPIO

10 UNBESTIMMTE ZEIT, DAVOR, WO FINDE ICH HIER BEI EUCH EINE HEXE?

11 UNBESTIMMTE ZEIT, DAVOR, METAMORPHOSE

12 UNBESTIMMTE ZEIT, DANN, WAHRHEIT REDEN, HEIßT LEUCHTEN UND BRENNEN

13 UNBESTIMMTE ZEIT, DANN, DAS FEST

14 UNBESTIMMTE ZEIT, DER ALPTRAUM VON DER WARNUNG EINER SCHULD

15 UNBESTIMMTE ZEIT, DANN, DER ERSTE TANZ

16 UNBESTIMMTE ZEIT, DANN, SELBE NACHT, VIELLEICHT IST ES WIE…

17 OZEAN DER ZEIT

18 UNBESTIMMTE ZEIT, DANN, WIE ES IST...

19 UNBESTIMMTE ZEIT, DANN, LESEN

20 JEDER TAG IN UNBESTIMMTER ZEIT, AN EINEM SOMMERTAG AM SEE

21 IN UNBESTIMMTER ZEIT, DIE ANDEREN TAGE

23 AM 4. NOVEMBER, TAGE SPÄTER, BRECHEN

24 MEINE NACHT

25 NACHTS, 4. NOVEMBER AUF DEN 5. NOVEMBER AN DIESEM TAG, SEIN TOD

26 EINE VERGANGENE ERINNERUNG, MÄRZ IM FOLGENDEN JAHR.

27. MÄRZ IM SELBEN JAHR, DIE RACHE, DIE EINE UND KEINE IST

28 FORT FAHREN – AUF DER DAUERFLUCHT.

5. JULI IM JAHR DANACH: DER KOMPASS

29 1. DEZEMBER IN DEN JAHREN DANACH, WINTERNÄCHTE

Teil 1, Léa

1 Sonntag, 5. Januar 1997: Erzähl mir von damals – der Wandel

Ich blicke auf die Flut.

Weiße Wellen schäumen, brechen dann die Klippen berührend auf Sand.

Sie werden danach fragen, sie alle.

Genauso wie ich selbst fragte.

Genauso, wie du immer und immer wieder gefragt hast, als du noch ein Kind warst:

Wie war das damals?

Ich meine, früher?

Wie habt ihr noch gespielt, gelebt, hatte der Himmel die gleiche Farbe, wie unserer heute?

Das wolltest du damals wissen, als du jung warst.

Das wollte ich wissen, als ich noch jung war.

Wir wollten es wissen, die Geschichten hören und wir wollen es heute noch –

Wir wissen nichts.

Meine Antwort wird nicht gefallen: Alles ändert sich. Nichts ist von Dauer.

Wäre das meine Antwort?

Ambivalenter Ernst. Das Meer ist nicht dasselbe. Es ist geblieben, meine Familie ist mittlerweile tot. Sie sind ausgestorben, wie viele andere. Irgendwann müssen Eltern und Kinder sterben. Das ist in Ordnung. Ich warte manchmal darauf, keine Ahnung, ob ich das wirklich will.

Ich kann die Augen schließen, sehe meine Heimat vor mir. Meeresspiegel. Alles fort. Nur noch Staub im Grund meiner Oberfläche.

Natürlich glauben die Menschen nicht an Märchen.

Das tue ich auch nicht.

Es ist nur schwer sich daran zu erinnern, dass Leben wie ein einziges Wunder ist.

Das Wasser klingt in Tönen: Indigoblau, stahlgrau, regentropfengrau, silbern, schäumendes-grün, türkis, lila. Wenn du deinen Blick zum Horizont schweifen lässt, wo tapfer die Kolonie von Wolkenschafen ziehen, erkennst du dort einen Schnitt.

Deine Welt hört dort auf.

Für einen Anderen beginnt sie dort.

Die Wolken ertönen: Drängen sich zu Herden in der Ferne zusammen. Die Menschen erzählen manchmal, dass dort die Toten wandeln. Das behaupten sie zur Beruhigung. Aber nicht alle lassen sich beruhigen, regen sich auf – andere regen sich gar nicht erst auf– niedriger Blutdruck, längeres Leben. Verständlich.

Ohne die Erdatmosphäre, ohne die Sonne, sähe ich die Pracht des schwarzen Universums, Sterne. Das Licht ist da, der Himmel gibt sich dämmrig grau und die Temperaturen jagen gegen 0 Grad Celsius. Der verbliebene Nordwind weht ein Hauch von Eis mit sich. Der Rest fast weggeschmolzen. Und bald werden die Wellen den letzten Meter Sand verschlungen haben. Ich schlüpfe aus meinen Schuhen. Ich habe keine Socken. Ich hasse Socken. Muss meine Hände aus meinen Jackentaschen holen, um mir die Hosenbeine hochzukrempeln. Ich komme dem Wasser entgegen.

Wasser, das den Sand leckt und sich nach den Menschen sehnt. Der erste Schritt im Wasser ist immer noch so, als wolle mein ganzer Körper augenblicklich hinein springen.

Meine Füße schmerzen.

Auf Messersschneide.

Man kann sich an alles gewöhnen.

Das heißt Hoffnung.

Kein Ticken. In meiner Brust ist es gerade still. Kein Rad dreht sich. Meine Füße werden mamorweiß. Das Meer ist durchsichtig, rein wie Kristall. Der Wind streichelt über mein rotes Haar. Irgendwann ist man gegen die Kälte abgehärtet, weil sie sich Innen eingenistet hat, mehr als Außen. Der Wind zupft an meinem Schal. Ich lasse ihn spielen.

„Was macht sie da?“

„Sie wollte ans Meer, kann gar nicht oft genug herkommen. Heute ist zum Glück kein Sturm angekündigt worden. Manchmal glaube ich, nichts auf der Welt könnte sie abhalten, zum Meer zugehen.“ Dann blickt der Mann in die Wolken, „Es könnte Regen geben…ja.“

„Und ihr Name?“

„Sie sagt, sie habe ihn vergessen, muss ein Unfall gewesen sein, ihre Familie sei tot. Wir waren bei der Polizei, verifizieren, sie wird nicht vermisst. Unser Psychotherapeut meint, sie müsse ihr Gedächtnis wiederfinden.“

Eine Pause entsteht zwischen dem Geflüster. Der, der angefangen hat zu sprechen, weiß offensichtlich nichts zu erwidern. Der andere, mit der alten Stimme, fährt fort „Du hast Recht, wir mussten sie benennen. Wir haben sie gefragt, sie zuckte nur mit den Schultern, meint, wir sollen sie Findelkind rufen.“

„War das ihr ernst?“ lacht der andere Mann.

„Ja. Und die Krankenversicherung? Ich weiß nicht. Ihr Aussagen sind manchmal – egal, wir haben alle an diesem Abend in der Küche gesessen und über einen Namen gegrübelt. Ich glaube, sie schlief. Dann kam Bernadette auf die Idee, sie Ophélie zu nennen, nur weil sie angeblich aussieht wie diese Opheliadarstellung auf irgendeinem Gemälde. Das sei doch lächerlich, dann hätte sie auf der Schule Schwierigkeiten und Ophélie, was für ein lächerlicher Name. Dann stand das Mädchen in der Küche, meinte, es sei ihr gleichgültig. Ich glaube, sie würde auf jeden Namen hören. Also heißt sie jetzt Ophélie. Wir nennen sie Phélie. Hört sich netter an.“

„Habt ihr ihr schon mal vorgeschlagen zu –“

„Wir sagen ihr ständig, sie solle mit unserer psychiatrischen Beratung sprechen.“

„Und?“

„Sie behauptet, es könne ihr nicht weiter helfen. Aber wenn du mich fragst –“

„Wo kommt sie her?“

„Weiß der Himmel, du musst Bernadette fragen. Sie hat sie gefunden. Ich meine, das Mädchen ist still und macht keinen Ärger. Das ist schon etwas, im Vergleich zu den anderen, die wir betreuen müssen. Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Tabak, keine Gras. Sie nimmt keine anderen Drogen. Jedenfalls habe ich bei den Kontrollen nichts gefunden.“

„Scheint ein klassisches Musterkind zu sein. Keine anderen Auffälligkeiten? Aufgeräumtes Zimmer, bodenständig veranlagt, pragmatisch denkend? Sie wirkt so kontrolliert.

Wette, sie liest. Geplant, in allem, was sie tut.“ meint der Erste wieder.

Der Zweite sagt: „Ein beunruhigend, stilles Verhalten. Das ist bei vielen am Anfang so. Jede Verhaltensweise, jede Entscheidung ist ein Kontrollbestätigung. Ein Stück Eroberung der Sicherheit. Wir wissen nur nicht, von was. Ich bin gespannt, wann sie zu sprechen beginnt.“

„Sie ist ein Naturmensch.“ meint der erste Mann. „Eher introvertiert als extrovertiert. Wie reagiert sie auf Fremde?“ fragt er.

„Probiere es aus.“ sagt der Andere.

„Höflich distanziert. Sinn für Sicherheit.“ meint der Erste.

„Ich wünschte, alle deine Beschreibungen träfen auf unser Meereskind zu. Ich habe sie jeden Tag beobachtet, seit sie bei uns ist. Eins kann ich dir sagen, sie ist wie das Meer, in leichten Wogen, hübsch von außen anzusehen, so schlimm wird es wohl nicht sein, du willst nicht in die Flut gelangen, unter die Oberfläche, darüber ein Teppich aus gemäßigten Wellen. Ein Himmel, der sich mit Wolken vollsaugt und abregnet.

Sie lebt in ihrer Welt. Ich meine, du hast Recht, sie liest, sie unterbricht sich dabei und starrt oft Minuten lang ins Leere. Das ist nicht die Konzentration von der du sprichst, das ist Trance. Und alles Verstaubte und Vergessene, darin kramt sie, als könne sie es nicht in Ruhe lassen außer ihr Gedächtnis. Vor ein paar Monaten hätte ich den Speicher und den Keller nie abgeschlossen. Heute ist das anders. Manchmal scheint alles in Ordnung zu sein, dann bricht sie aus und wir können nichts machen. Ein Heisskaltbad. An einem Tag ist sie ausgeglichen, an anderen Tagen ist sie unkonzentriert – im Vergleich zu den anderen, eher harmlos. Nur… sie spricht immer noch nicht. Wir warten.“

„Deshalb bin ich jetzt hier.“ meint der Fremde.

„Ja,“ sagt der andere. „Was du noch wissen solltest… zwar lässt sie niemanden wirklich an sich heran, trotzdem ist ihr Bindung nicht gleichgültig. Sie baut immer so viel Vertrauen auf, dass sie von allen respektiert wird. Sie verbindet uns alle neu zusammen, ich kann es nicht erklären.“

George. Das ist er. Er schweigt. Ich wusste nicht, was er über mich denkt. Seit wie vielen Monaten? Es kann mir gleich sein. Was er sagt, stimmt.

„Sie ist immer abseits?“ fragt wieder der erste Mann.

„Wir müssen abwarten.“ sagt George.

Die Herren warten auf eine Antwort. Die sie nicht bekommen. Vielleicht nie.

Was hätte ich ihnen schon zu erzählen?

Sie haben alles gesagt. Ich bin nicht schwer zu durchschauen. Halte ich jetzt die Wahrheit fest? Nach Jahren? Warum? Was ist schon Wahrheit. Letzte Chancen könnte man vergeben. Nicht an mich. Das wäre redundant.

Eines Tages werde ich gehen aus dem „Heim“. Weil die Zeit davor steht, die Welt sich immer noch weiter dreht, weiß nicht, was dann kommen wird, mit neuem Namen. Zuvor könnte ich das ablegen.

Ich hebe mein Gesicht gen Himmel, strecke meine Arme aus, sodass meine Hände die Tropfen einfangen. In Bangladesch ertrinken Menschen. Auch im Südosten Pakistans heißt es. „Was macht sie jetzt schon wieder?“

Ich lasse das Leben auf mich regnen. Ob das Wasser auf meinen Lippen nun Regentropfen sind? Muss ich nicht gestehen. Ich habe nur einen Augenblick an meinen Vater, an meine Schwestern, an Scipio, an Antoine gedacht. Und an diese Erde. Und über die Worte aufgehen, untergehen – all die, die ich untergehen ließ, ich habe schon mehr als genug dazu beigetragen. Ich versuche nichts zu bereuen. Es ist alles gekommen, wie es kam. Es ist ein weiterer Schritt, bei dem ich lernen soll, zu gehen. Jemand berührt mich an der Schulter.

„Komm du wirst noch ganz durchnässt sein. George wartet im Wagen.“ Ich lass meine Arme sinken und schaue ihm in seine haselnussbraunen Augen. Der Wind weht uns das Haar aus dem Gesicht. „Wann werden wir wieder hier herkommen?“ Beim Klang meiner Stimme zuckt er zusammen. „Nicht in den nächsten Tagen. Wir müssen abwarten bis das Wetter stabiler wird.“ Der Mann ist vor ein paar Tagen angekommen. Er wohnt im selben Stockwerk. Meine Füße schlüpfen in Schuhe. „Komm.“ Er wartet mit seinen Händen in den Manteltaschen. Ich tue es ihm gleich und beeile mich durch den Kiessand zu stapfen. Über die Schulter blicke ich noch einmal zurück. Wenn ich wiederkomme, hat es sich verändert, ich mag Veränderung.

Ich werde Kindern von meiner Welt erzählen, erklären, warum es keinen Schnee mehr gibt, warum wir so viel Durst nach Wasser und Leben haben und so wenig Trinkwasser und zu viel Ozean. Warum Menschen in Bangladesch ertranken. Warum es keine Fabelwesen und Tiere mehr gibt. Weil sie für jemanden sterben mussten. Sie werden mir nicht glauben, eine Welt kann gar nicht so schön sein. Sie werden nichts anderes gewöhnt sein, als ihr Grau. Manchmal wäre es schön, wenn alles bliebe, wie ein war. Stillstand als Pflichtbewusstsein? Ich sehe zu Boden, damit der Mann mein Gesicht nicht sieht. Ihm ist die Wahrheit unterschwellig bewusst. Er ist genauso hilflos. Der Wind bläst mir eine Strähne ins Gesicht. „Schönes Haar. Hat eine ungewöhnliche Farbe.“ Er hat auf mich gewartet.

„Es ist echtes Hexenhaar,“ antworte ich.

Er kann sich nicht vorstellen, wie ich zuvor ausgesehen habe. „Ich mag es.“, meint er. Durch die Fensterscheibe: Die Küste, das Meer, der Regen zieht den Vorhang zu. Jetzt, jetzt ist es hinter uns. Wieder weit weg. Endgültig weg, und wieder hinein in das sichere Inland.

2 Dienstag, 8. Oktober 1996: Bernadette

Ich weiß noch, wie sie an einem Oktobermorgen vor unserer Haustür steht. „Hallo, ist das ein Haus für Verrückte? Ich bräuchte einen Ort, wo ich bleiben kann.“ Ihre Haare sind ein einziges Gestrüpp, nicht gekämmt, noch geschnitten. Am Körper trägt sie das, was wohl einst ein blaugraues Kleid war, zu leicht angezogen für dieses Wetter. Sie ist dünn, nicht dürr. Es ist schwer zu sagen – sie insgesamt zu beschreiben. „Wie ist dein Name? Wie alt bist du? Wo kommst du her? Wo sind deine Eltern und wer hat dir die Adresse zu unserem Heim gegeben?“ frage ich. Etwas sagt mir schon in diesem Moment, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Sie scheint sich all diese Fragen nicht zu stellen. In ihrer Realität gibt es solche Fragen nicht. Sie zuckt mit den Schultern als Antwort. Sie muss geistig verwirrt sein. Kriminell oder gefährlich sieht sie nicht aus. Sie sieht aus, wie auf der Flucht. Und da mir kurzfristig nichts Besseres einfällt, nehme ich sie mit in die Küche. Ich würde in den Nachrichten erfahren, ob sie vermisst werde. Und die Polizei anrufen. Vielleicht ist sie eine Schiffbrüchige, die Einzige, die überlebt hat. Das Meer ist nicht weit von hier. Mit dem Auto, vielleicht eine Viertelstunde. Ich muss sie damals mit hinein nehmen. Damals regnet es in Strömen.

3 Dienstag, 8. Oktober 1996: Das Zimmer - Blicke zurück

Sie wirkt unentschlossen als sie den Raum betritt. Ich habe ihr Georges alten, blauen Pullover gegeben, der ihr bis knapp über die Knie baumelt. Sie sieht sich um...

Meine Füße gleiten dumpf über die glatten Dielen. Will ich hier bleiben? Der Raum ist rau verputzt. Die Wände reiben an meiner Haut. Es gibt zwei Fenster im Eckzimmer. Es ist das Letzte auf dem Gang. Das Letzte im Stockwerk. Ich trete an das kleine Fenster. Am Dach hinunter führt die Landschaft hinaus. Ein Blick zeigt: Weite, Weite, Weite... und ein Ahnen von Meer. Kann ich überhaupt hier bleiben? Dass andere Fenster zeigt auf grüne Wiesen und Felder. Eine Wüste für Traktoren, weiße Rinder und weiße Schafe.

„Gefällt es dir? Ist der Ausblick nicht schön? Die meisten, die hier herziehen haben nicht das Glück gleich zwei so schöne Ausblicke zu haben, so viel Licht. Es ist etwas klein, aber du kannst die Wände nach Belieben gestalten.“ Sie redet in einem fort weiter. Ihre Stimme ist wie das Gurgeln eines Abflusses. Ich halte sie nicht davon ab, gehe die Wände entlang. Der raue Putz streicht unter meinen Händen, wie die Zunge einer Katze.

Es ist kein Ort.

Ein normales Menschenkinderzimmer.

Ein Ort zum Wohnen, nicht zum Vegetieren. Zuhause. Das erste Zuhause? Aber was ist das „Zuhause auf der Erde“ sein?

Ich kann mich nicht erinnern je ein Zimmer besessen zu haben. Scipios Zwischenräume. Ich will nicht dran denken.

„Der Putz ist ganz schrecklich, wir wollten es schon vor längerer Zeit tapezieren lassen -“

„Es ist gut. Es bleibt so, wie es ist.“ Die Frau verstummt.

„Hier hat niemand für eine lange Zeit gewohnt, oder?“ frage ich. Es riecht kalt. Abgestanden. Vielleicht liegt es am Wind, der um die Ecke des Zimmers weht.

„Wann kann ich einziehen?“ frage ich.

Sie hat etwas, als sie mich unterbricht. Ihr Schweigen hielt ich nicht aus, ich fing an zu reden. Sie wirkt weder erleichtert, noch angewidert, noch begeistert – und egal was ich sagte, als würden meine Worte gar nicht zu ihr durchdringen.

Ich weiß, es ist kein schöner Raum. Dumpf, mit spärlichem Licht.

„Wann kann ich einziehen?“ fragt sie.

„Nun, … also, wir, ich würde sagen sofort. Wir müssen nur ein Bett für dich finden und es herauf tragen. Außerdem brauchst du sicher noch andere Sachen. Und du bist sicher, dass du nicht noch etwas ändern willst, wie die Farbe oder-“

„Nein. Ich schlafe auch auf dem Boden. Ich mag keine Betten. Kann ich heute schon hier schlafen?“

Was sie sagt und was sie ist, will nicht passen, zwei Puzzelteile die falsch zusammengepresst werden. Ihr ganzer Körper drückt aus, dass sie sich in dem Raum nicht wohl fühlt.

Vielleicht will sie allein sein.

„Ich sehe nach einer Matratze. Einen Moment.“ Ich haste nach unten. Die meisten unserer Schützlinge sind über die freien Herbsttage zu ihren verbliebenen Familien oder zu Freunden gefahren, sind Waisen oder kommen aus einem zerrütteten Familienverhältnis.

Die Zimmer sind ihre Freiräume.

Das Haus ist keine Anstalt, kein Krankenhaus, wir sind eine Wohngemeinschaft.

Jeder ist für jeden Familie, mit der Möglichkeit, sich zurückziehen– ins Außerhalb, da liegen wir. Es gibt eine Bushaltestelle. Ein Ort im Nirgendwo, den viele brauchen. Und sie braucht ihn sicher auch. Die Polizei hat sich noch nicht gemeldet. Unser Arzt hat sie untersucht. Sie scheint körperlich gesund zu sein. Ich krame auf dem Dachboden. All die Gedanken. Eine Matratze. Aufgeregt bin ich noch nicht.

„Bis wir dir ein richtiges Bett besorgt haben, wird es wohl vorerst damit gehen.“ sage ich.

Sie nickt.

„Ich danke Ihnen. Sie sind wirklich nett.“

„Nenne mich Bernadette, ja?“

Sie nickt wieder. „Dürfte ich schlafen?“

Ich lasse sie also allein, im Gedanken, sie in zwei Stunden zum Abendessen zu wecken. Aber sie schläft wie ein Stein.

Hier ist es warm und trocken. Ich musste eingeschlafen sein.

Nachts. Ich bin wach. Und du weißt ja wie das ist, wenn du dann nicht sofort weiß, wo du bist und was mit dir passiert ist. Antoine. Scipio. Niemand da. Wie schon Nächte zuvor. Warum trifft mich das immer noch? Wieder und wieder. Diese Schleife von Erinnerungen müsste mich doch irgendwann loslassen, oder?

4 Montag, 4. November 1996: Millais

Ich dämmere vor mich hin. Ich mag es, wenn ich die Schritte auf dem Flur knarren höre, mich das Tropfen der Wasserleitung aus Jetzt reißt. Ich habe Licht, das notfalls die ganze Nacht brennt. Einen alten Tisch am kleineren Fenster. Habe begonnen meine bisherigen Erinnerungen in die einzige Schublade zu stecken. Irgendwann versuchen sie mich auf die Schule in der Stadt zuschicken. Dass muss jetzt im Oktober gewesen sein. Eine Woche, nachdem ich ankam.

Sie versuchen mich „Phélie“ zu nennen. Ophelia. Diese Frau im Wasser. Hamlet. Es gibt ein Gemälde im Katalog auf Bernadettes Nachttisch. Ich bin einmal hinein geschlichen, als sie nicht da war, Einkäufe. Gemälde von Waterhouse und Millais. Da waren andere Gemälde, damals. Und so stellen sie mich in der Schule vor, „Ophélie Millais, wie im Gemälde, aber bitte nennt sie einfach Phélie.“

Reaktionen sind – ja, genau. Zu erwarten. Genauso eingetreten. Manchmal bin ich auch da, also in der Schule. Aber es fällt ja nicht auf, wenn es mal nicht so ist. Hier wurde noch nicht angerufen. Unsichtbar zu sein, hat Vorteile.

Ich glaube, die Menschen um mich herum haben den albernen Namen zu dem unsichtbaren Gesicht leicht vergessen. So schwebe ich über den Gang. Studiere ihre Handschriften. Und ihre aktuellen Gespräche. Bewundere die Größe des Treppenhauses. Und dass sie alle zusammen lernen, Männer und Frauen. Das ist alles ganz anders, als damals. Seit wann gibt es öffentliche Schulen? Antoine hat mir Lesen beigebracht. Er hat mir ein Buch geschenkt.

Das tut weh. Das erzähle ich später.

In der Schule stehen auf den Gängen Regale, gefüllt mit Büchern. Viele Bücher. Bibliotheken, reihenweise gefüllt mit Gedanken, Wissen und Fantasie – bereit mich mitzunehmen. Da stehen Geschichten, über mich, ohne meinen Namen zu nennen. Und über andere Menschen. Dort suche ich zusammen. Über Menschen. Und über ihre Ängste.

Das Zusehen ist nicht genug. Manchmal spannend, oft nur verwirrend. Sie raufen sich die Haare. Sie fragen einander, wer mehr weiß, wer was besser kann, schneller und schlauer ist und am Ende schreiben sie sich Zahlen auf. Und messen ihren Wert ab und berechnen ihr Gefühl. Ich weiß noch nicht, ob ich diesen Ort mögen oder hassen soll. Ob er Himmel oder Hölle ist.

5 Mittwoch, 22. Januar 1997: Die Begegnung

Es ist noch dunkel, als ich in den Bus steige. Die zweite Station in der ländlichen Einöde. Eine Stunde bis zur Stadt.

Zur Schule gehen, einen Ort betreten, der mir mittlerweile fremd-vertraut ist.

Léa

Im Hinterkopf bin ich noch in Gedanken an ihn. Und ich kann mir noch nicht eingestehen. Kann mir nicht eingestehen – ich weiß, ich hätte wissen müssen.

Ein Fehler.

Wie sehr es nicht ist.

Was habe ich nur getan?

Durchatmen. Nicht aufhören damit.

Du, Léa, kannst mit jedem eine Nacht verbringen. Es ist so gleich. Ein Wunder, dass meine Eltern heute Nacht nichts bemerkt haben. Um wie viel Uhr -

egal. Ich werde nie wissen können, was in ihm geschehen ist. Nie wissen können, wie es ist, jemand anderes zu sein, denn ich werde nie Er sein.

Manchmal wäre ich gerne Antoine gewesen. Nein. Ich halte den Flashback auf.

Der Bus rollt langsam an. Mein Kopf an der Scheibe, die Regentropfen rinnen draußen herab. Sturmhöhe draußen. Wärme innen.

Léa.

Verdammt, bald sind Prüfungen und ich habe noch nichts gelernt. Noch nichts gelernt für mein Leben. Keine Prüfung bereitet mich auf das Jetzt vor. Wie es ist, so angefasst zu werden.

Ich war gut darin geworden vorzutäuschen, zu lächeln. Ich lächle und alle Gedanken, Antoine, sieht niemand. Niemand sieht, ich sehe, da fehlt es. In mir ist ein Loch, das schluckt. Nicht mehr einschlägt. Der Klang. Und ich werde noch lange brauchen, um zu wissen, was mir wirklich fehlt. Außer meiner Familie.

Der Bus kriecht dahin und hält Mitten am Waldrand, die fünfte Station. Die Glastür schwingt knirschend auf. Fast lautlos tritt sie ein. Nur das Wasser tropft von ihrer Regenjacke, ihren patschnassen Haaren. Blasse Haut. Wie die meine. Ringe unter den Augen. Wie die meinen. Blickt sich kaum nach der Stille um. Der Bus fährt an. Reflexartig schließen sich ihre Hände bei der Bewegung um die Busstange. Sehnen treten hervor. Netz aus Haut mit Schnitten. Kaum noch Fingernägel, kurz gepfeilt, wie die meinen. Sie knabbert an ihrer Lippe, schwingt sich dann auf den freien Platz. Neben mich. Ich sehe ihr Profil: Das Grübchen ihres Kinns, die Augenlider, die runde Stupsnase, die feinen Augenbrauen, die ungeschminkte Haut. Den Blick nach unten gesengt. Pur. Fast gewöhnlich. Fast wie jedes Mädchen. Ich weiß nicht wie lange wir so still nebeneinander sitzen.

Léa,

Es gibt Tage da glaube ich mich unsichtbar. So wenig sehen mich Leute. So leicht komme ich herum. Ist das gut? Vergingen Sekunden? Minuten? Eine halbe Stunde? Es steigen weitere Leute ein. Sehen sie mich alle an? Ich glaubte mich jetzt gerne unsichtbar.

Es ist wie unter Wasser. Stumm wie ein Fisch. So ist ihr Atem. Eine Träne rinnt ihr die Wange hinab. Ich erschrecke, das habe ich nicht erwartet. Sie ist keine Maske. Ich vergesse oft, dass alle Menschen um mich herum fühlen und denken. Oft wirken sie nicht real. Sie wirken faszinierend, immer noch, wenn sie so sind, wie das Mädchen, da gerade neben mir, manchmal sehr real, das ist verwirrend. Sie erinnert mich an eine meiner Schwestern, Amandine. Durchhalten. Durch gehalten. Ich ziehe eine Packung Taschentücher heraus und reiche ihr eines.

“Danke.“

6 Sonntag, 2. Februar 1997: Die Fremde in dir und mir

Das mit mir, weißt du, es gibt Tage, da wache ich auf, sehe in den Spiegel und betrachte die Fremde mit den roten Haaren, die mich da ansieht.

Ich stehe neben mir im Waschraum mit den weißen Kacheln. Ganz. Wo ist mein Ich geblieben? Fragt man sich das vielleicht, damit andere gefälligst herausfinden, wo man ist?

Manchmal denke ich so nach einem Alptraum. Und manchmal denke ich so, wenn ich nur von der Leere aufwache.

Ich muss an das Mädchen denken. Ich muss daran denken, wie ihre Haare rochen. Nach Vanille. Da hat sie sich leicht nach vorne gebeugt und die Hand ausgestreckt. Und wie rau ihre Hände waren, als diese das Taschentuch nahmen. Ich hätte gerne ihren Namen gekannt. Ich habe mir gewünscht. Was ich mir lange nicht gewünscht habe. Das mir jemand in die Augen sieht. Und habe es mir doch nicht gewünscht. Hast du jemals eine Geschichte mit Anfang und Ende geschrieben? Kannst du träumen? Und wünscht nicht jeder seine Träume zu leben?

Und wenn das für mich bedeutete, aufzuwachen und einem Menschen in die Augen sehen zu können? Ich hätte gerne mit ihr geredet, die Stunde im Bus, ich kannte sie nicht, ein Grund, sie anzusprechen.

Ich denke immer noch, dass sie schön ist, so wie Amandine. Alle meine Schwestern waren schön, auf diese schwesterschöne Weise. Die Fremde sah das Schöne nicht, weil sie auf ihre Oberschenkel und nicht in die dunkle Scheibe blickte. Wenn ich die Fremde aus mir heraus zeichnen könnte, sie würde aussehen, wie sie, abschreckend. Sie wird es wahrnehmen. Etwas sagt mir, dass wir uns wiedersehen müssen, dass wir uns wiedersehen werden.

7 Donnerstag, 13. Februar 1997, 20:21: Die Sirene

„Darf ich hereinkommen?“ fragt es hinter der Tür. Ich nicke, sehe, dass die Stimme es nicht sehen kann. Ich öffne die Tür. Der Neue steht vor mir.

„Danke.“ Er lächelt. Ich trete zur Seite, er schreitet an mir vorbei. Ich beobachte seine Statur, wie er mich überragt. „Ich habe etwas für dich. Hier, lies das!“ Er reicht mir ein dünnes Heft.

Ich sehe auf den Buchumschlag.

„Was soll das sein?“

„Lies es!“ wiederholt er mit Nachdruck. Auf dem Umschlag steht „Die Sirene – eine Novelle“.

Ich schlage die erste Seite auf. Das dünne Taschenbuch ist leicht abgegriffen, hat einen blauen Einband und noch seidendünneren Seiten mit winziger Schrift. Die Buchecken sind leicht angestaucht. Klappentext. Blättern. Auf der ersten Seite ist ein Auszug aus dem Lexikon der antiken Mythologie aufgeführt.

Die Sirenen lebten auf einer Insel vor der italienischen Küste. Wenn sich Schiffe nährten, sangen sie so betörend, dass die Seeleute ihre Heimat vergaßen und..

Ich kann nicht weiter lesen, nein, nicht hochkommen lassen.

„Was soll das?“

„Lies weiter.“ Ich sehe in haselnussbraune Augen.

„Nein, das werde ich nicht.“ Abwesend.

Das Buch entgleitet meinen Händen. Vielleicht ist es übertrieben. Mir erscheint es angemessen.

„Es ist doch nur eine Geschichte. Du magst doch Bücher, oder?“ bohrt er nach. Was soll ich darauf antworten, außer „Gute Bücher. Nicht schlechte Bücher.“

„Der Autor hat schon zahlreiche Preise gewonnen. Es wird dir gefallen, glaub mir.“

Also schlage ich das Buch wieder auf. Ich sehe, wie er manche Sätze mit Bleistift markiert, an manchen Rändern der Seiten kleine Skizzen gemacht hat.

„Hübsch verziert.“ meine ich. Einzelne Worte werden zu Sätzen, zu Absätzen, schlagen über mir zusammen.

Ich bin verrückt (...) sie werden mich für verrückt halten (...) Sie kennen mich ja nicht. lese ich. Fragen: Glauben Sie dass man sich trennen kann? Trennen und vergessen? Kann man das? Oder nur einzelne Worte, wie wesenlose Unbestimmtheit, Spurlosigkeit, Tierschreie, Antiquitäten, wachsendes Befremden, Allein auf der Welt.

Es ist ein Schlag ins Gesicht.

Wohl gesetzt, dass man danach Zusammenzucken kann. Ich muss die Augen schließen. Zum Schutz nach Luft schnappen, merke, wie mein Körper bebt. Die Angst kriecht durch meinen Magen nach oben in den Hals. Meine Stimme natürlich klingen lassen.

„Etwas zu schwermütig für meinen Geschmack.“ will ich sagen, aber es kommt: „Das bin ich nicht.“

Ich stocke. Das wollte ich nicht sagen. Es war ehrlich. Ich sehe auf meine bebenden Hände und spüre seinen Blick auf mir ruhen. Wie viel weiß er? Die Schublade. Bewege mich nicht. Er kann nichts wissen, er weiß nichts.

„Habe ich gesagt, dass du wie die Protagonistin in der Geschichte bist?“

„Ganz ehrlich, was soll das?“

Mit meinem schlichten Satz habe ich verraten. Was er sich denkt, zusammenreimt, muss ich nicht bestätigen.

„Lies die Novelle. Vielleicht möchtest du dann –“

„Was möchte ich dann? Ich meine warum willst du, dass ich es lese? Du sagst nur, dass der Autor für seine Texte Preise gewonnen hat – ja, und? Der Literaturbetrieb, wenn ich das richtig verstanden habe, ist doch sowieso nur ein subjektiver, eleganter Saftladen. Ich meine, die meisten Menschen lesen Bücher, mit denen sie sich identifizieren.

Was hat dieses Buch mit mir zu tun? Woher hast du es? Siehst du eine Verbindung zwischen mir und dieser Protagonistin? Ja, ist das so? Du schüttelst jetzt den Kopf, ich habe den Klappentext gelesen. Es handelt von einer Frau, die übers Telefon einen Typen verführt, als Sirene bezeichnet wird und permanent an Liebeskummer leidet. Weißt du, wonach sich das anhört? Nach Langeweile. Purer Langeweile, ich habe Besseres mit meiner Zeit anzufangen.“

Bebe aus Wut oder Angst, das weiß ich nicht, weiß nicht woher das kommt. Während ich ausgerastet bin, hat er sich nur leicht zurückgelehnt und mich mit diesem Blick angesehen. Als er anfängt zu sprechen, klingt seine Stimme vollkommen glatt.

„Ich habe dieses Buch in einem Antiquariat zufällig entdeckt, als ich nach einem Geschenk suchte. Und wie du, dachte ich, der Inhalt sei…ungewöhnlich. Ich kaufte es, des Titels wegen. Den Titel fand ich ungewöhnlich, ich meine, du wusstest was eine Sirene ist, ich nicht. Ein fiktives Wesen mit menschlichen Zügen, ich glaube, sie ist eine Metapher, ich habe das nicht genau verstanden, als ich es las, ich meine, du hast nichts mit dieser Hauptfigur in der Geschichte gemeinsam, ich kenne dich kaum, ich dachte nur, du liest recht viel, vielleicht verstehst du den Text, der ist ungewöhnlich, wie du, wenn ich ehrlich bin.“

Er ist direkt. Ist er, oder? Ist er.

„Das bin ich aber nicht.“

„Lies doch den Text und entscheide dann, vielleicht kommst du hinter das Geheimnis der Hauptperson. Und dann kannst du es mir erklären.“

Ich reiße das Fenster hinter mir auf.

Ich höre die Tür leise ins Schloss fallen. Ich drehe mich nicht um. Er sagt, ich habe nichts mit der Hauptfigur gemeinsam und selbst wenn ich ihr ähnle – ich bin keine Worte in einem Buch, sage ich mir. Sie versteckt sich zwischen ihren Seiten. Ich kann das nicht, ich muss klüger sein. Vorsichtiger.

Mir fällt wieder auf, ich kenne immer noch nicht seinen Namen. Er sitzt am Tisch beim Essen. Ich glaube, wir haben schon mal miteinander geredet.

Verdammt, diese schwarzen Löcher im Kopf. Ich muss an das Busmädchen denken.

Sollte ich sie nach ihrem Namen fragen? Sollte ich ihn nach seinem Namen fragen?

Ich sehe auf die Novelle. Nehme sie in die Hand. Lasse die Seiten gegeneinander schlagen. Es raschelt in meinen Ohren. Antoine hat sie so gegeneinander geblättert, vor dem Einschlafen. Ich beginne zu lesen.

8 Freitag, 14. Februar 1997: 00:34

Ich weiß nicht, warum er mich so aufgewühlt hat. Warum er in mir gewühlt hat, wie zwischen Stoffen, Kleidern, gekritzelten Bildern aus Wasserfarbe, Wachsmalstiften, Muscheln, Glasmurmeln und altem Goldpapier von Sternen. Wäre es schlimm, wenn er es wüsste? Er würde meiner Geschichte nicht glauben. Geht es darum?

Vielleicht, ganz vielleicht, ahnt er das schon. Ich glaube mir nicht, nicht genug. Ich bin zeitlos. Die verdammte Zeit los. Schneller Lauf der Zeit. Was haben sie gestern in der Schule gesagt? Proben meiner Haut, meines Speichels untersucht im Labor, mein genetischer Code wird geknackt, dass wird den Grund für alle Ungereimtheiten zwischen meinen schwarzen Löchern ans Licht bringen.

Mir ist es ein Paradoxon. Am Handgelenk spüre ich einen kleinen, regelmäßigen Schlag. Ich habe zu wenig Ahnung von dem, was Menschen Biologie nennen. Ein paar Stunden Biologie…so viel begreife ich. Wenn ich rede, werde ich als Experiment enden. Ganz sicher. Wer will das schon?

Vielleicht denken manche Menschen, ich sei das, was man „unsterblich“ nennt. Das hört sich nach dem Motto an: „Die ist unverletzlich.“ Aber das ist eine Lüge. Ich bin verletzlich, bin sterblich.

Ich habe gar keine Bedürfnisse mehr. Keinen wahren Hunger oder Durst. Oder Schlaf. Und es ist leicht zu sagen: Werde leben, brennen, Supernova, wie die Sterne.

Ich ziehe meine Schreibtischlampe etwas näher heran um die schwarzen Buchstaben besser sehen zu können. Ein Windzug streift mir um die Schultern. Ach ja, das Fenster. Vorsichtig drücke ich das Glas wieder in den Rahmen. Es geht auf zwei Uhr zu. Nachts. Die eine Gehirnhälfte ist in die Novelle vertieft. Die andere in Gedanken bei…

Er soll nicht… das sei lächerlich, oder? Das wäre es doch!

Labortisch oder Psychiatrie sind meine Aussichten. Psychiatrien sind Räume, in denen Menschen zu Untersuchungszwecken gelagert werden, manchmal freiwillig, manchmal unfreiwillig. Das motiviert mich nicht. Diese Zukunft hatte Scipio nie erahnen können, er hätte mich sonst…Sätze, die mit „Was wäre wenn…“, muss ich aus meinen Denkschema endlich löschen – abgesehen davon, ich wüsste jetzt nicht, wie die Sirene ausgeht; ich würde nicht hier sitzen und lesen.

Eigentlich mag ich es nicht, dass es mir näher kommt, das Buch mit jeder Seite. Gerade mag ich sowieso nichts und niemanden.