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Die ODYSSEE ist ein zeitloses Meisterwerk, das die Leser immer wieder fasziniert hat. Mit seiner reichen mythologischen Welt und den komplexen Charakteren fesselt das Buch sowohl Literaturkenner als auch Neulinge. Durch die epischen Abenteuer und moralischen Lehren eignet sich die ODYSSEE perfekt für alle, die sich für antike Kulturen und die menschliche Natur interessieren. Homer's ODYSSEE sollte auf keiner Leseliste fehlen und wird Leser jeden Alters begeistern. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 645
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Die Odyssee ist die Geschichte von Heimkehr und Identität im Widerstreit zwischen menschlicher List und übermächtigem Schicksal. Aus der Ferne des Krieges in die Nähe des eigenen Hauses spannt das Epos einen Bogen, der zugleich Reise und Prüfung, Erinnerung und Neuerfindung ist. Zwischen den unsteten Kräften des Meeres und den unverrückbaren Bindungen der Familie verhandelt es, was ein Mensch bewahren muss, um sich selbst treu zu bleiben. Zugleich entwirft es eine Weltordnung, in der Götter und Menschen einander spiegeln, Grenzen austesten und Grenzen wahren. So beginnt eine Erzählung, deren Bewegung zugleich äußerlich und innerlich ist.
Zugeschrieben wird die Odyssee dem Dichter Homer, dessen Name in der antiken Überlieferung mit zwei großen Epen verbunden ist: der Ilias und der Odyssee. Entstanden ist das Werk in der archaischen griechischen Literatur und wird von der Forschung gewöhnlich in das 8. Jahrhundert vor Christus datiert. Die Dichtung wurzelt in einer performativen, mündlichen Kultur und wurde später schriftlich fixiert. Als episches Gedicht im daktylischen Hexameter gehört sie zu den Grundtexten der europäischen Literatur. Schon früh galt sie als Schul- und Erinnerungsstoff, als Erzählmodell und als poetischer Maßstab, an dem sich Generationen von Autorinnen und Autoren orientierten.
Die Odyssee ist ein Klassiker, weil sie eine universelle Erfahrung in exemplarischer Form gestaltet: die Rückkehr aus der Ausnahme in die Ordnung des Alltags und die Frage, was sich unterwegs verändert. In ihren Szenen kristallisieren Muster, die Kulturgeschichte geprägt haben – das Verhältnis von Gast und Gastgeber, die Bewährung im Unbekannten, die Macht der Erzählung über Furcht und Vergessen. Das Epos verbindet Spannung, Psychologie und Weltdeutung, ohne in bloße Belehrung zu verfallen. Es zeigt, wie Erzählkunst Komplexität ordnet: durch wiederkehrende Motive, klangliche Formeln und ein Gedächtnis, das sowohl der Figur als auch der Gemeinschaft gehört.
Im Mittelpunkt steht Odysseus, der nach dem Ende des Trojanischen Krieges die Heimreise zu seiner Insel Ithaka, zu seiner Frau Penelope und zu seinem Sohn Telemachos antritt. Die Fahrt gerät zu einer langen Wanderung über Meere und Küsten, behindert von widrigen Kräften und gelenkt von göttlicher Aufmerksamkeit. In der Heimat wächst unterdessen Unruhe; die Ordnung des Hauses und der Stadt ist fragil. Die Erzählung verschränkt diese Ebenen: das Unterwegssein des Helden, die Lage daheim und den Blick der Götter. Daraus entsteht ein Spannungsraum, in dem Treue, Klugheit und Geduld zur entscheidenden Währung werden.
Berühmt ist die Odyssee für ihre Kunst der Komposition. Sie setzt in medias res ein, lässt Hintergründe nach und nach in Erzählungen der Figuren aufscheinen und wechselt souverän die Perspektiven. Erinnerungen, Prophezeiungen und Berichte weben ein dichtes Netz, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Erwartung einander kommentieren. Der epische Gesang arbeitet mit festen Formeln, epithetischen Beiwörtern und weit ausschwingenden Vergleichen, die Bildkraft und Rhythmus verbinden. Gleichzeitig besitzt das Werk eine deutliche Dramaturgie: Gefahr, Rettung, Verhandlung und Prüfung stehen in kalkulierter Folge. So entsteht eine Erzählbewegung, die das Zuhören und das Erzählen selbst zum Thema macht.
Als thematische Zentren treten Gastfreundschaft und Fremdheit, Selbstbeherrschung und Begierde, List und Gewalt hervor. Immer wieder wird geprüft, wie verlässlich Bindungen sind, wenn Zeit verging, wie standfest ein Name bleibt, wenn niemand Zeuge ist. Die Begegnungen unterwegs spiegeln Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Handelns; religiöse Dimensionen rahmen die Konsequenzen. Das Meer, Schauplatz und Figur zugleich, steht für Unsicherheit und Erneuerung. Der Heimweg ist nicht nur geografisch, sondern ethisch und politisch: Es geht um die Wiederherstellung eines geregelten Miteinanders. Dabei verhandelt die Odyssee, wie Autorität entsteht, wie sie gerecht ausgeübt wird und wann List legitim erscheint.
Odysseus erscheint als erfahrener, wendiger, in Sprache und Taten erfinderischer Held, dessen Stärke weniger im rohen Arm als im klugen Kopf liegt. Penelope verkörpert Geduld, Klugheit und Maßhalten; sie schützt Haus und Erbe mit innerer Festigkeit. Telemachos, noch unerprobt, sucht seinen Weg ins Erwachsensein und in die Verantwortung. Neben diesen drei stehen Gefährten, Dienende, Mächtige und Schutzgöttinnen, deren Eingreifen Beziehungsmuster zuspitzt und reflektiert. Das Figurenensemble ist breiter als ein Einzelporträt: Es bildet eine Gesellschaft im Umbruch ab, in der Loyalität, Vertrauen und Redekunst über die Zukunft eines Gemeinwesens mitentscheiden.
Die Wirkungsgeschichte der Odyssee ist außergewöhnlich. In der Antike beantwortete Vergil mit der Aeneis homerische Formen; Spätantike und Mittelalter überlieferten und kommentierten das Epos. Dante gestaltet die Gestalt des Ulysses neu, frühe Neuzeit und Moderne variieren Motive der Heimkehr, der Versuchung und der Prüfung. In der Weltliteratur steht James Joyces Ulysses als radikale Aktualisierung des odysseischen Tages- und Stadtabenteuers. Opern, Gemälde, Filme und Romane greifen Szenen und Strukturen auf und übersetzen sie in neue Medien. Die Odyssee wirkt weniger durch bloßes Vorbild als durch produktive Herausforderung: Sie ruft Widerspruch, Antwort und Weiterdenken hervor.
Die poetische Form trägt diese Wirkung. Der daktylische Hexameter, mit seinen Wellen aus langen und kurzen Silben, erzeugt ein Fließen, das Seefahrt und Rede gleichermaßen rhythmisiert. Formelhafte Wendungen und wiederkehrende Bilder geben Halt, schaffen Gedächtnisstützen und eröffnen Spielräume für Variation. Der ökonomische Umgang mit Namen und Attributen individualisiert, ohne auszuufern. Gleichzeitig erlauben similehafte Ausweitungen Ruhepausen und Deutungsräume. Das Ergebnis ist eine Sprache, die zugleich feierlich und beweglich, regelhaft und überraschend wirkt. Ihre Balance zwischen Muster und Einzelfall lässt die Odyssee als Kunstwerk entstehen, das in der Aufführung immer wieder neu wird.
Auch als Reflexionsraum über Macht, Recht und Verantwortung bleibt die Odyssee prägnant. Führung zeigt sich hier als Fähigkeit, zu sprechen, zuzuhören, zu entscheiden und Folgen zu tragen. Gastrecht und Gegenseitigkeit bilden soziale Grundlagen, deren Verletzung Unheil stiftet. Die Dichtung fragt, wann Täuschung kluge Vorsicht ist und wann sie Grenzüberschreitung wird. Sie zeigt ambivalente Heldenhaftigkeit: Stärke ohne Maß ist ebenso gefährlich wie Zögern ohne Mut. Diese Spannungen werden nicht belehrend aufgelöst, sondern im Handeln der Figuren erprobt. Darin liegt eine Modernität: Ethik erscheint als Praxis unter Unsicherheit, nicht als starre Vorschrift.
Heute spricht die Odyssee, weil sie Erfahrungen verdichtet, die vielen vertraut sind: unterwegs sein, ohne den Zielpunkt aus dem Blick zu verlieren; in wechselnden Rollen bestehen; mit Verlust, Verlockung und Verzögerung umgehen. Sie spiegelt Migration und Heimatsuche, aber auch die Kunst, in Krisen Orientierung zu bewahren. Wer das Epos liest, entdeckt einen Dialog über Identität, Erinnerung und Erzählbarkeit des eigenen Lebens. Beziehungen werden als Arbeit gezeigt, Vertrauen als Entscheidung, Sprache als Handlung. So wird die antike Welt nicht fernes Museum, sondern Resonanzraum, in dem Gegenwart ihre Fragen schärft und ihre Möglichkeiten erprobt.
Die Odyssee ist deshalb ein Klassiker: weil sie erzählerische Energie mit gedanklicher Tiefe verbindet und das Fremde in eine Form bringt, die Nähe schafft. Sie belohnt die erste Lektüre durch Spannung und Klarheit und eröffnet bei jeder Rückkehr neue Linien – in Figuren, Motiven und Tönen. Ihre Zeitlosigkeit liegt nicht in Unveränderlichkeit, sondern in Wandlungsfähigkeit: Das Epos lädt zur Aneignung ein, ohne sich erschöpfen zu lassen. Wer es heute liest, findet kein Relikt, sondern eine lebendige Schule der Aufmerksamkeit, der Selbstprüfung und des Maßes. Heimkehr wird hier zur Haltung, nicht nur zum Ziel.
Die Odyssee, ein antikes Epos der griechischen Literatur, wird traditionell Homer zugeschrieben. Sie erzählt die lange Heimkehr des Königs Odysseus nach dem Trojanischen Krieg und verbindet Reiseabenteuer mit Reflexionen über Macht, List, Loyalität und göttliche Einwirkung. Im Zentrum stehen das Ringen um die Rückkehr nach Ithaka, die Bewahrung der Ordnung in der Heimat und die Belastungsproben für Familie und Gefolgschaft. Das Werk entfaltet seine Handlung in einer verschachtelten Struktur: Gegenwart, Rückblenden und göttliche Eingriffe verzahnen sich. Der Ton wechselt zwischen heroischen Prüfungen und alltäglichen Sorgen, wodurch das Epos sowohl als Abenteuererzählung wie als Menschenkunde verständlich wird.
Nach dem Fall Trojas ist Odysseus weit von Ithaka entfernt. Eine Meeresnymphe hält ihn auf einer abgelegenen Insel fest, während der Meeresgott Poseidon ihm feindlich gesinnt bleibt. Auf dem Olymp beraten die Götter über sein Schicksal; Athena setzt sich für ihn ein. Gleichzeitig droht in Ithaka der Zerfall der Ordnung: Vornehme Freier bedrängen Penelope, die Gemahlin des abwesenden Königs, und zehren die Güter des Hauses auf. Der junge Telemachos steht zwischen Ohnmacht und Verantwortung. Diese doppelte Ausgangslage – die blockierte Heimreise und die Belagerung der Heimat – legt den Grundkonflikt von Geduld, Klugheit und legitimer Herrschaft frei.
Die sogenannte Telemachie schildert, wie der Sohn des Helden seine eigene Bewährung sucht. Angestiftet von Athena bricht Telemachos auf, um in Pylos und Sparta Kunde über den Vater zu erfragen. Die Gespräche mit erfahrenen Königen zeigen ihm unterschiedliche Wege, mit Verlust, Ruhm und Vergeltung umzugehen. Er gewinnt Selbstvertrauen, erfährt von Spuren des Odysseus und lernt, in einer Welt der Intrigen auf Bündnisse und Diskretion zu setzen. Währenddessen wächst in Ithaka der Druck der Freier, deren Gewaltbereitschaft zunimmt. Die Episode bereitet thematisch und dramaturgisch vor, dass Reife nicht nur durch Taten, sondern auch durch Einsicht und Haltung entsteht.
Auf göttliche Veranlassung wird Odysseus von seiner Inselhaft entlassen. Doch der Zorn des Meeresgottes bringt ihn in einen Sturm, der sein Schiff zerschlägt. Mit Hilfe einer Schutzgöttin und eigener Ausdauer rettet er sich an das Ufer eines gastfreundlichen Volkes. Dort gewährt man ihm Aufnahme gemäß den Regeln der Gastfreundschaft, ohne seine Identität vorschnell zu erfragen. Eine junge Prinzessin und der Hof fördern die Ruhe des Gestrandeten und eröffnen einen Raum des Erzählens. In dieser sicheren Zwischenstation beginnt Odysseus, seine vorangegangenen Erlebnisse zu berichten, wodurch die Handlung in eine große, zusammenhängende Rückschau übergeht.
In der Rückschau stehen zunächst Begegnungen, die das Verhältnis von Neugier und Maß verhandeln. Odysseus und seine Gefährten geraten zu Völkern, deren Lebensweise sie verlockt oder betäubt, und zu einem gewaltigen Kyklopen, in dessen Höhle sie eingeschlossen werden. Mit Einfallsreichtum entkommen sie dem Riesen, doch der Triumph hat einen Preis: Die Selbstbehauptung des Helden zieht den bleibenden Zorn des Meeresgottes auf sich. Damit wandelt sich die Reise von einer Irrfahrt mit Chancen zur Heimkehr zu einer von göttlicher Feindschaft überschatteten Prüfung, in der jedes Manöver Gegenreaktionen der überlegenen Mächte provozieren kann.
Es folgen Stationen, die die Versuchungen des Reisens verdichten. Ein Herr der Winde bietet Hilfe, die jedoch durch Unwissen oder Ungeduld verspielt wird. Menschenfressende Riesen vernichten Schiffe, und eine Zauberin verwandelt Gefährten, bevor sie mit dem Helden einen Waffenstillstand findet und Warnungen ausspricht. In diesen Episoden ringt das Epos um Selbstbeherrschung, Vertrauen und die Grenzen von Loyalität. Magische Hilfe eröffnet Wege, aber jeder Gewinn ist fragil. Die Besatzung lernt, dass fehlgeleitete Neugier ebenso gefährlich ist wie blinder Gehorsam, und dass das Überleben oft am Zusammenspiel von Vorsicht, Planung und Glück hängt.
Auf Rat der Göttin sucht Odysseus die Schatten der Toten auf, um Weisungen für den weiteren Weg zu erhalten. Die Begegnung mit Gestorbenen vertieft die Themen Erinnerung, Ruhm und Sterblichkeit. Danach stellen Sirenen, Strudel und meerseitige Ungeheuer das Verhältnis von Wissen und Risiko auf die Probe. Schicksalhaft wird der Umgang mit dem Besitz eines Sonnengottes: Der kurze Vorteil eines verbotenen Mahls zieht eine Kette schwerer Folgen nach sich. Am Ende dieser Prüfungen ist Odysseus isoliert, doch seine Entschlossenheit bleibt. Der Fokus verschiebt sich von der Führung einer Schar zur Bewährung des Einzelnen gegenüber göttlichem Willen.
Die Erzählung kehrt in die Gegenwart bei den gastfreundlichen Seefahrern zurück. Die dortige Kultur der maßvollen Freigebigkeit bildet einen Gegenpol zur Anmaßung der Freier in Ithaka und schärft das Leitmotiv rechter Gastfreundschaft. Odysseus bereitet gedanklich seine Rückkehr vor, bei der Klugheit wichtiger sein soll als offene Kraft. Parallel spitzt sich in der Heimat der Konflikt zu: Penelope behauptet die Ordnung mit listigen Verzögerungen, während Telemachos aus der Ferne gestärkt zurückkehrt und Verbündete sucht. Der Ausgang konzentriert sich auf Fragen von Identität, Gerechtigkeit und maßvoller Vergeltung, ohne dass die endgültige Lösung vorweggenommen wird.
Im weiteren Verlauf kreuzen sich äußere Handlung und innere Entwicklung immer stärker. Verschweigen, Verkleidung und Prüfungen der Loyalität werden zu Instrumenten, um Wahrheit und Täuschung zu unterscheiden. Die Spannung entsteht aus der Frage, wie sich Anspruch auf Herrschaft und moralische Integrität in einer verwahrlosten Ordnung behaupten lassen. Die Götter greifen weiterhin ein, doch die Entscheidungen der Menschen bleiben bestimmend für Konsequenzen und Verantwortung. So entsteht ein Bild von Heimkehr als sorgfältig vorbereitetem Akt, der List, Selbstbeherrschung und die Fähigkeit zur richtigen Stunde verlangt, anstatt bloßer Rückkehr durch Zufall oder rohe Gewalt zu sein.
Die Odyssee ist im kulturellen Horizont des spätgeometrischen bis früharchaischen Griechenlands verankert, etwa im späten 8. bis frühen 7. Jahrhundert v. Chr. Als wahrscheinlicher Entstehungsraum gelten die ionischen Küstenstädte Kleinasiens und der Ägäis. Dominante Institutionen waren der oikos als wirtschaftliche Grundzelle, lokale basileis als Anführer von Adelshäusern, aufkommende stadtstaatliche Strukturen sowie panhellenische Heiligtümer. Politische Zentralgewalten waren begrenzt; Macht gründete auf Personenverbänden, Grundbesitz, Gefolgschaft und ritueller Autorität. In diesem Rahmen erzählt das Epos von Heimkehr, Reisen und Ordnungssicherung – Themen, die für Gemeinschaften mit fragiler politischer Integration und weitreichenden Seewegen unmittelbar relevant waren.
Die Zuweisung an Homer bleibt Gegenstand der sogenannten homerischen Frage. Antike Überlieferungen nennen den Namen, doch moderne Forschung betrachtet das Epos als Produkt einer langen mündlichen Tradition, die von aoidoi und später rhapsoden getragen wurde. Sprachliche Merkmale, Formeln und der daktylische Hexameter verweisen auf Komposition in der Performance. Die Odyssee ist damit weniger Werk eines isolierten Autors als Ergebnis eines kollektiven Gedächtnisses, das lokale Stoffe bündelte und panhellenisch verständlich machte. Diese offene, performative Entstehungsweise prägt die Struktur der Episoden, die Wiederholungstechnik und die Anschlussfähigkeit an unterschiedliche Publika der Ägäis.
Der historische Hintergrund greift in die Erinnerung an die mykenische Bronzezeit zurück, die um 1600–1100 v. Chr. ihre Blüte erlebte und um 1200 v. Chr. einen tiefen Zusammenbruch erlitt. Palastwirtschaft, Fernhandel und höfische Kriegerideale hinterließen Spuren im epischen Weltbild. Zugleich spiegeln sich frühe eisenzeitliche Verhältnisse: schlicht organisierte Herrschaften, regional begrenzte Macht und technische Veränderungen. Die Odyssee mischt sichtbar alte Prestigesymbole der Bronzezeit mit Praktiken der frühen Eisenzeit. Diese Schichtung macht das Epos zu einer kulturellen Brücke zwischen Vergangenheitserinnerung und der Gegenwart seiner ersten Hörerinnen und Hörer.
Die soziale Ordnung war im oikos verankert. Produktion, Schutz und Ehre bündelten sich im Haushalt; Abhängige, Verwandte und Gefolgsleute bildeten ein arbeitsteiliges Kollektiv. Die Norm der Gastfreundschaft, xenia, regelte Kontakte zwischen Fremden und Gastgebern und ersetzte verlässliche staatliche Institutionen. Gabe und Gegengabe, rituelles Speisen und öffentliche Rede schufen Vertrauen und Rang. Die Odyssee nutzt diese Praxis als moralisches Prüfverfahren: Wohl geordnete Haushalte erkennen den Gast an und stiften Gemeinschaft; Missachtung von xenia markiert soziale Störung. So verknüpft das Epos Alltagsnormen mit narrativer Ethik und politischer Ordnung.
Seefahrt prägte den ägäischen Alltag. Küstennahe Navigation, Sternbeobachtung und Inselhopping verbanden bäuerliche Produktionsräume mit Märkten und Heiligtümern. Phoinikische Händlernetzwerke transportierten Edelgüter, Schriftformen, Handwerkstechniken und Erzählmotive über das östliche Mittelmeer. Ohne Magnetkompass orientierten sich Crews an Landmarken, Strömungen und Gestirnen; saisonale Winde setzten Grenzen. Die Odyssee spiegelt diese Erfahrungswelt: Schiffbruch, Landungen, Verhandlungen und Tausch bestimmen den Rhythmus der Reise. Technische Details bleiben allgemein, doch die ständige Unsicherheit der See bildet die materielle Bühne für Entscheidungen über Klugheit, Vertrauen und Vorsicht.
Im 8.–6. Jahrhundert v. Chr. setzte eine breite griechische Siedlungsausweitung ein, von der Schwarzmeerregion bis nach Süditalien und Sizilien. Diese Bewegung schuf neue Häfen, vermischte Bevölkerungen und eröffnete Chancen wie Risiken. Berichte über ferne Küsten, fremde Bräuche und Grenzerfahrungen kursierten in Handel und Migration. Die Odyssee vermittelt diese Dynamik, indem sie die Spannung zwischen Heimkehrsehnsucht und Entdeckungszwang gestaltet. Ihre Inselwelten verarbeiten reale Kontaktzonen in mythische Landschaften. So wird das Epos zum Medium, das die Erwartungen und Ängste einer Gesellschaft verhandelt, die sich maritim neu vernetzt.
Die Religion der archaischen Zeit war öffentlich, rituell und vielgestaltig. Opfer, Feste und Orakel strukturierten politische Entscheidungen und private Hoffnungen. Der Olympische Götterhorizont ist im Epos präsent, doch kultische Einzelheiten bleiben typisch episch verallgemeinert. Besonders wichtig ist Zeus Xenios als Garant der Gastfreundschaft, während Athene als Schutzgöttin von Klugheit und Technik hervortritt. Die göttliche Ebene spiegelt dabei keine dogmatische Theologie, sondern kommentiert die gesellschaftlichen Normen: Götter fördern die Bewahrung des Hauses, sanktionieren Frevel und rahmen menschliche Praxis, ohne sie vollständig zu determinieren.
Politische Ordnung formierte sich in lokalen Versammlungen, Räten und unter Führung von basileis, deren Autorität auf Konsens, Ruhm und Ressourcen beruhte. Schriftlich fixierte Gesetze setzten sich erst später allgemein durch; daher entschied soziale Anerkennung häufig über Recht und Unrecht. Die Odyssee inszeniert diese Lage, indem sie Konflikte um Eigentum, Heiratsallianzen und Führung als öffentliche Angelegenheiten zeigt. Eine geordnete Versammlung kann legitimieren, aber sie ist nicht allmächtig. Das Epos reflektiert so die Übergangsphase von personalen Herrschaften zu stabileren politisch-rechtlichen Institutionen in der aufkommenden Poliswelt.
Die Geschlechterordnung der frühen Eisenzeit verband weibliche Arbeit im Haushalt – Weben, Vorratshaltung, Pflege – mit symbolischer Autorität über Treue, Erbe und Netzwerkpflege. Männliche Ehre knüpfte an Kampf, Redekunst und Gastrecht. Die Odyssee legt besonderes Gewicht auf weibliche Handlungsräume im oikos: Haushaltsführung, Entscheidung über Heirat, Prüfung von Loyalität. Diese Darstellung verweist auf reale Machtpositionen innerhalb aristokratischer Haushalte, auch wenn öffentliche Politik männlich dominiert blieb. Das Epos nutzt diese Konstellation, um Stabilität des Hauses als Voraussetzung politischer Ordnung zu markieren und damit soziale Erwartungen zu formulieren.
Unfreie und abhängige Menschen waren integraler Teil des oikos. Kriegsgefangene, geborene Haussklaven und zugekaufte Arbeitskräfte verrichteten Feld-, Herd- und Hütedienste. Ihre Loyalität konnte hoch geschätzt werden; zugleich waren sie rechtlich verwundbar. Die Odyssee zeigt Bindungen zwischen Herrschaft und Dienerschaft, die durch Gaben, Anerkennung und Schutz gestützt wurden. Solche Beziehungen spiegeln die ökonomische Realität kleiner Herrschaftsräume: Ohne abhängige Arbeit war weder Stapelung von Vorräten noch die Repräsentation von Rang möglich. Das Epos verhandelt dabei, wie Treue bewertet und Verrat geahndet wird, und macht soziale Bindung zur moralischen Frage.
Die Form des Epos – daktylischer Hexameter, Formelhaftigkeit, stehende Epitheta – ist Produkt einer ausgefeilten oralen Kompositionstechnik. Vortrag mit Leierbegleitung, improvisierende Variation und Publikumserwartungen prägten Aufbau und Tempo. Performances fanden bei Festen, Gelagen und in Heiligtümern statt; Rhapsoden wetteiferten um Prestige. Diese Praxis erklärt die episodische Struktur der Odyssee, die Wiederholung von Begrüßungs- und Opferabläufen und die bildkräftigen Gleichnisse. Sie macht verständlich, wie das Werk über Generationen aktualisiert werden konnte und dennoch einen erkennbaren Kern behielt, der panhellenisch als gemeinsame Erzählung akzeptiert wurde.
Das griechische Alphabet etablierte sich im 8. Jahrhundert v. Chr. und eröffnete die Möglichkeit, lange mündliche Dichtungen zu notieren. Wann die Odyssee schriftlich fixiert wurde, ist umstritten; Vorschläge reichen vom späten 8. bis zum 6. Jahrhundert v. Chr. Antike Stimmen schreiben athenischen Peisistratiden eine Redaktion zu, doch ihre historische Genauigkeit bleibt fraglich. Sicher ist, dass Schriftlichkeit die Stabilisierung des Textes und seine weite Verbreitung förderte. So verschob sich das Epos allmählich von einer variablen Aufführungstradition zu einem Autoritätstext, der in Schulen, Bibliotheken und rituellen Kontexten zirkulierte.
Im 8.–7. Jahrhundert v. Chr. intensivierten sich Kontakte zum Vorderen Orient. Kunst und Handwerk zeigen orientalisinge Motive; Techniken, Erzählstoffe und Götterbilder bewegten sich entlang phoinikischer und anatolischer Routen. Epen des Nahen Ostens bieten in Themen wie Reise, Prüfung und Weisheit Parallelen, ohne dass direkte Abhängigkeit gesichert wäre. Die Odyssee steht damit in einem größeren mediterranen Kommunikationsraum, in dem Geschichten als kulturelle Güter wandern. Diese Lage erklärt die Mischung aus vertrauten griechischen Normen und exotisch anmutenden Räumen, die dem Publikum des Ägäisraums neue Weltdeutungen anboten.
Ökonomisch oszillierte der adelige Lebensstil zwischen Tausch, Fernhandel und bewaffnetem Beutemachen. Das Mittelmeer kannte keine strikte Trennung zwischen Händler und Räuber; Anlandungen bedeuteten Chance und Gefahr. Reichtum wurde in Vieh, Metallgeräten, Sklaven und Gefäßen gemessen; Gaben zirkulierten als Zeichen von Rang. Die Odyssee spiegelt dies in Fragen nach Herkunft und Absicht von Fremden, in Feiern der Freigebigkeit wie in der scharfen Kritik an maßlosem Konsum. Der Text erkundet, wie wirtschaftliche Praxis und Ehre einander bedingen – und wo fehlgeleitete Gier den sozialen Frieden zerstört.
Die Odyssee trägt zur Bildung eines panhellenischen Gedächtnisses bei. Indem sie an den Trojanischen Sagenkreis anschließt, bietet sie verschiedenen Regionen eine gemeinsame Vergangenheit. Sprachlich vereint sie Elemente mehrerer Dialekte in einer kunstvollen Kunstsprache, die überall verstanden werden konnte. Diese Verallgemeinerung schafft Anschlussfähigkeit für unterschiedliche lokale Traditionen und macht das Epos zu einem Medium überregionaler Identität. Spätere rhapsodische Wettbewerbe und Schulpraxis vertieften diese Funktion, indem sie die Odyssee als Referenztext des Griechentums etablierten, der Normen, Werte und Sprachformen über Generationen überlieferte.
Die geografische Imagination spiegelt den Wissensstand einer Küstenkultur ohne präzise Karten. Mythische Ränder – Okeanos, Unterwelt, ferne Inseln – markieren Grenzen der Erfahrung. Zugleich korrespondieren viele Stationen mit realen nautischen Lagen: Engpässe, Strudel, unbewohnte Eilande, mächtige Flussmündungen. Das Epos nutzt solche Merkmale, um Erzählräume auszuspannen, in denen Normen getestet werden. Für Hörerinnen und Hörer einer expandierenden Seefahrtsgesellschaft bot diese Topografie Orientierung: Sie verband das Bekannte mit dem Spekulativen und rahmte das Meer als Feld moralischer Bewährung, nicht bloß als Transportstrecke.
Zusammenfassend kommentiert die Odyssee ihre Entstehungszeit, indem sie die Sicherung des Hauses, die Regulierung von Gastrecht und die Selbstbehauptung kleiner Herrschaftsgemeinschaften zum Maßstab macht. Klugheit, Beredsamkeit und Maß treten neben rohe Gewalt; göttliche Sanktion stützt, ersetzt aber nicht menschliche Verantwortung. Das Epos kritisiert Maßlosigkeit, Verletzung von xenia und Missbrauch gemeinsamer Ressourcen, während es Loyalität und geregelte Vergeltung als Wiederherstellung der Ordnung darstellt. So wird die Odyssee zum Spiegel einer Gesellschaft im Übergang von mykenischer Erinnerung zur Poliswelt – und zu einem dauerhaften Kommentar über Risiko, Heimkehr und gerechte Herrschaft.
Unter dem Namen Homer versammelt die abendländische Tradition den oder die Dichter, denen die großen griechischen Epen Ilias und Odyssee zugeschrieben werden. Über die historische Person ist kaum Gesichertes bekannt; meist wird eine Entstehungszeit im späten 8. oder frühen 7. Jahrhundert v. Chr. angenommen. Ungeachtet der Unsicherheiten prägten die sogenannten homerischen Gedichte die griechische Sprache, das Bildungsideal und das Selbstverständnis der antiken Welt in einzigartigem Maße. Ihre Erzählungen von Krieg und Heimkehr, von Göttern und Menschen wurden zu Ausgangspunkten der europäischen Literaturgeschichte und bilden bis heute einen Maßstab für epische Kunst, Dramaturgie und poetische Imagination.
Seit der Antike begleitet die Figur Homers die sogenannte homerische Frage: Wer verfasste die Epen, unter welchen Bedingungen, und wie wurden sie überliefert? Die Forschung sieht die Texte als Höhepunkte einer langen mündlichen Dichtungstradition, die schließlich schriftlich fixiert wurde. Biografische Anekdoten aus späterer Zeit sind legendarisch und nicht verifizierbar. Vor diesem Hintergrund dient der Name Homer vor allem als Chiffre für einen poetischen Höhepunkt der archaischen griechischen Kultur. Die historische Bedeutung liegt weniger in einer individuellen Lebensgeschichte als in der formenden Kraft der überlieferten Dichtung, die Generationen von Hörern, Lesern und Interpreten geprägt hat.
Über Homers Bildung ist nichts zuverlässig überliefert. Plausibel ist, dass die Gedichte in einem Umfeld professioneller Sänger und Vortragender entstanden, die in Ionia und angrenzenden Regionen wirkten. In dieser mündlichen Kultur wurden Formeln, typische Szenen und Erzählmuster in daktylischem Hexameter tradiert und kreativ variiert. Solche Spezialisten, später oft als Rhapsoden bezeichnet, trugen Dichtung bei festlichen Anlässen vor. Die Sprachgestalt der Epen spiegelt eine kunstvolle Mischung überwiegend ionischer mit äolischen Elementen und konserviert Formen, die für die archaische Epik charakteristisch sind. Diese Rahmenbedingungen erklären Vieles an Technik, Umfang und Performanz der überlieferten Texte.
Als Stoffreservoir dienten weit verbreitete Mythenkreise über den Trojanischen Krieg und die Heimkehr der Helden, die bereits vor der schriftlichen Fixierung in vielfältigen Liedern umliefen. Die Epen greifen auf einen gemeinsam geteilten Sagenschatz zurück und ordnen ihn in großbogige, straff komponierte Handlungen. Parallelen zu Erzählmotiven anderer östlich-mediterraner Traditionen sind in der Forschung beschrieben worden, doch direkte Abhängigkeiten bleiben umstritten. Sicher ist, dass die Gedichte die Möglichkeiten der bestehenden epischen Sprache und Technik ausschöpfen und weiterentwickeln. In diesem Sinne sind sie Ergebnis und Höhepunkt einer kollektiven poetischen Praxis, nicht das Produkt isolierter Gelehrsamkeit.
Die Ilias erzählt – in einem begrenzten Zeitfenster des Trojanischen Krieges – vom Zorn des Achilleus und den verheerenden Folgen für Freunde und Feinde. Der Fokus auf eine zentrale Leidenschaft ermöglicht psychologische Tiefe, während ausgreifende Gleichnisse, sorgfältige Kampfbeschreibungen und kunstvolle Reden den epischen Atem sichern. Die Komposition nutzt Wiederholungsformeln und motivische Sequenzen, ohne die Spannung zu mindern. Der Hexameter schafft rhythmische Strenge und Flexibilität zugleich. In der Antike galt die Dichtung als vorbildlich für heroische Erhabenheit; zugleich verleiht sie dem Leiden im Krieg eine eindringliche Stimme, die jenseits von einfachen Siegeserzählungen wirkt.
Die Odyssee gestaltet den schwierigen Heimweg des Odysseus nach Ithaka als Abenteuer- und Familiengeschichte. Verschiedene Erzählstränge – die Lage auf Ithaka, die Irrfahrten des Helden, die Perspektive der Gattin und des Sohnes – werden kunstvoll verschachtelt. Der Held siegt weniger durch Kraft als durch Gewandtheit; Gastfreundschaft, Loyalität und Täuschung werden auf die Probe gestellt. Berühmt sind die eingebetteten Erzählungen des Helden über seine Erlebnisse sowie die Übergänge zwischen menschlicher und göttlicher Sphäre. Die abwechslungsreiche Szenenfolge und die fein austarierte Schlussphase gaben dem Werk anhaltende Resonanz in Literatur, Pädagogik und Philosophie.
Beiden Epen gemeinsam sind eine hochentwickelte epische Kunstsprache und ein Arsenal poetischer Mittel. Die sogenannten homerischen Gleichnisse öffnen den Blick vom Schlachtfeld oder der häuslichen Szene in Natur- und Alltagswelten. Typenszenen – etwa Bewirtungen, Rüstungen, Aufbrüche – strukturieren den Ablauf, während feste Beiwörter Personen und Dinge wiedererkennbar machen. Die Balance von Direktheit und Formelhaftigkeit ermöglicht sowohl mündliche Performanz als auch schriftliche Stabilisierung. Die Figurenrede trägt wesentlich zur Charaktergestaltung bei. So entsteht eine Erzählweise, die durch Wiedererkennbarkeit Sicherheit bietet und zugleich genuin neue Konstellationen entfaltet.
Die Überlieferung der Epen wurde früh Gegenstand philologischer Sorgfalt. Hellenistische Gelehrte in Alexandria erstellten Vergleichsausgaben, markierten Varianten und kommentierten sprachliche wie inhaltliche Fragen. Diese Arbeit prägte den späteren Textbestand und begleitende Scholien. In Schulen und in der öffentlichen Vortragskultur blieben die Gedichte zentrale Referenzpunkte. Dramendichter, Historiker und Rhetoren setzten sich mit ihnen auseinander, indem sie Motive aufgriffen oder poetische Maßstäbe reflektierten. Diese Antikrezeption trug wesentlich dazu bei, dass die Epen als gemeinsames kulturelles Gedächtnis fungierten, das Normen, Werte und sprachliche Eleganz zugleich verkörperte.
Über persönliche Überzeugungen des Autors ist nichts Belastbares bekannt. Die Gedichte selbst verhandeln jedoch Grundfragen menschlicher Existenz in einer Welt, in der Götter handeln und Menschen Verantwortung tragen. Ehre, Ruhm und Schicksal stehen Konflikten um Loyalität, Gastfreundschaft und Gerechtigkeit gegenüber. Hybris wird sanktioniert, Umsicht belohnt, doch Zufall und göttliche Willkür bleiben mächtig. Solche Konstellationen machen die Epen anschlussfähig für ethische und politische Diskussionen, ohne eindeutige Lehrsätze zu formulieren. Sie entfalten einen Erfahrungsraum, in dem Werte ausgehandelt und geprüft werden, anstatt als starre Vorgaben präsentiert zu sein.
In der antiken Bildungswelt galten die homerischen Gedichte als Fundus für sprachliche Schulung, historische Vorstellungswelten und moralische Beispiele. Philosophen diskutierten ihren Status: Kritisch-prüfend bei Platon, analytisch-würdigend bei Aristoteles. Diese Auseinandersetzungen zeugen weniger von einem dokumentierten Programm des Autors als von der Offenheit der Dichtung für konkurrierende Lesarten. Öffentliche Anliegen im modernen Sinn sind nicht überliefert; vielmehr wurde das Material in verschiedensten Kontexten angeeignet – von politischen Reden bis zu religiösen Praktiken. Diese Vielstimmigkeit erklärt den nachhaltigen Gebrauch der Epen als kulturelle Ressource über Jahrhunderte.
Über Homers späte Jahre, Aufenthaltsorte oder Todesumstände gibt es keine gesicherten Informationen. Berichte über Geburtsorte, Reisen oder Blindheit entstammen späteren Legenden und dienen eher der Verehrung als der Biografie. Auch eine Chronologie persönlicher Lebensstationen lässt sich nicht rekonstruieren. Entscheidend ist, dass die Ilias und die Odyssee in der Form überliefert sind, in der sie bereits in klassischer Zeit Autorität erlangten. Ob diese Gestalt auf redaktionelle Prozesse nach einer längeren Phase mündlicher Perfektionierung zurückgeht, bleibt Gegenstand der Forschung, die Textgestalt und Performanzgeschichte gleichermaßen untersucht.
Die Nachwirkung der homerischen Epen ist außergewöhnlich. In Rom prägten sie Dichtung und Geschichtsvorstellungen; später bewahrten byzantinische Gelehrte Text und Kommentare. Humanisten der Renaissance machten sie im Westen erneut präsent; Übersetzungen und philologische Editionen bestimmten den Kanon. Archäologisches Interesse an Troja wurde auch durch die epische Überlieferung belebt, ohne dass Dichtung und Befund deckungsgleich wären. Moderne Literatur, Musik, Bildkunst und Film greifen Motive, Figuren und Erzähltechniken immer wieder auf. So wirken die Epen als Reservoir für neue Deutungen und als Prüfstein für die Frage, wie Erinnerung, Mythos und Geschichte zusammenfinden.
Ratschluß der Götter, daß Odysseus, welchen Poseidon verfolgt, von Kalypsos Insel Ogygia heimkehre. Athene, in Mentes Gestalt, den Telemachos besuchend, rät ihm in Pylos und Sparta nach dem Vater sich zu erkundigen, und die schwelgenden Freier aus dem Hause zu schaffen. Er redet das erste Mal mit Entschlossenheit zur Mutter und zu den Freier. Nacht.
Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung, Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat, Und auf dem Meere so viel’ unnennbare Leiden erduldet,
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Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft. Aber die Freunde rettet’ er nicht, wie eifrig er strebte, Denn sie bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben: Toren! welche die Rinder des hohen Sonnenbeherrschers Schlachteten; siehe, der Gott nahm ihnen den Tag der Zurückkunft,
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Sage hievon auch uns ein weniges, Tochter Kronions.
Alle die andern, so viel dem verderbenden Schicksal entflohen,
Waren jetzo daheim, dem Krieg’ entflohn und dem Meere: Ihn allein, der so herzlich zur Heimat und Gattin sich sehnte, Hielt die unsterbliche Nymphe, die hehre Göttin Kalypso,
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In der gewölbeten Grotte, und wünschte sich ihn zum Gemahle. Selbst da das Jahr nun kam im kreisenden Laufe der Zeiten, Da ihm die Götter bestimmt, gen Ithaka wiederzukehren; Hatte der Held noch nicht vollendet die müdende Laufbahn, Auch bei den Seinigen nicht. Es jammerte seiner die Götter;
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Nur Poseidon zürnte dem göttergleichen Odysseus Unablässig, bevor er sein Vaterland wieder erreichte.
Dieser war jetzo fern zu den Äthiopen gegangen;
Äthiopen, die zwiefach geteilt sind, die äußersten Menschen, Gegen den Untergang der Sonnen, und gegen den Aufgang:
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Welche die Hekatombe der Stier’ und Widder ihm brachten. Allda saß er, des Mahls sich freuend. Die übrigen Götter Waren alle in Zeus’ des Olympiers Hause versammelt.
Unter ihnen begann der Vater der Menschen und Götter;
Denn er gedachte bei sich des tadellosen Ägisthos,
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Den Agamemnons Sohn, der berühmte Orestes, getötet; Dessen gedacht’ er jetzo, und sprach zu der Götter Versammlung:
Welche Klagen erheben die Sterblichen wider die Götter[1q]!
Nur von uns, wie sie schrein, kommt alles Übel; und dennoch Schaffen die Toren sich selbst, dem Schicksal entgegen, ihr Elend.
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So nahm jetzo Ägisthos, dem Schicksal entgegen, die Gattin Agamemnons zum Weib’, und erschlug den kehrenden Sieger, Kundig des schweren Gerichts! Wir hatten ihn lange gewarnet, Da wir ihm Hermes sandten, den wachsamen Argosbesieger, Weder jenen zu töten, noch um die Gattin zu werben.
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Denn von Orestes wird einst das Blut Agamemnons gerochen, Wann er, ein Jüngling nun, des Vaters Erbe verlanget. So weissagte Hermeias; doch folgte dem heilsamen Rate Nicht Ägisthos, und jetzt hat er alles auf einmal gebüßet.
Drauf antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:
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Unser Vater Kronion, der herrschenden Könige Herrscher, Seiner verschuldeten Strafe ist jener Verräter gefallen. Möchte doch jeder so fallen, wer solche Taten beginnet! Aber mich kränkt in der Seele des weisen Helden Odysseus Elend, welcher so lang’, entfernt von den Seinen, sich abhärmt,
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Auf der umflossenen Insel, der Mitte des wogenden Meeres. Eine Göttin bewohnt das waldumschattete Eiland, Atlas’ Tochter, des Allerforschenden, welcher des Meeres Dunkle Tiefen kennt, und selbst die ragenden Säulen Aufhebt, welche die Erde vom hohen Himmel sondern.
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Dessen Tochter hält den ängstlich harrenden Dulder, Immer schmeichelt sie ihm mit sanft liebkosenden Worten, Daß er des Vaterlandes vergesse. Aber Odysseus Sehnt sich, auch nur den Rauch von Ithakas heimischen Hügeln Steigen zu sehn, und dann zu sterben! Ist denn bei dir auch
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Kein Erbarmen für ihn, Olympier? Brachte Odysseus Nicht bei den Schiffen der Griechen in Trojas weitem Gefilde Sühnender Opfer genug? Warum denn zürnest du so, Zeus?
Ihr antwortete drauf der Wolkenversammler Kronion:
Welche Rede, mein Kind, ist deinen Lippen entflohen?
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O wie könnte doch ich des edlen Odysseus vergessen? Sein, des weisesten Mannes, und der die reichlichsten Opfer Uns Unsterblichen brachte, des weiten Himmels Bewohnern? Poseidaon verfolgt ihn, der Erdumgürter, mit heißer Unaufhörlicher Rache; weil er den Kyklopen geblendet,
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Polyphemos, den Riesen, der unter allen Kyklopen, Stark wie ein Gott, sich erhebt. Ihn gebar die Nymphe Thoosa, Phorkyns Tochter, des Herrschers im wüsten Reiche der Wasser, Welche Poseidon einst in dämmernder Grotte bezwungen. Darum trachtet den Helden der Erderschüttrer Poseidon,
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Nicht zu töten, allein von der Heimat irre zu treiben. Aber wir wollen uns alle zum Rat vereinen, die Heimkehr Dieses Verfolgten zu fördern; und Poseidaon entsage Seinem Zorn: denn nichts vermag er doch wider uns alle, Uns unsterblichen Göttern allein entgegen zu kämpfen!
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Drauf antwortete Zeus’ blauäugichte Tochter Athene:
Unser Vater Kronion, der herrschenden Könige Herrscher, Ist denn dieses im Rate der seligen Götter beschlossen, Daß in sein Vaterland heimkehre der weise Odysseus; Auf! so laßt uns Hermeias, den rüstigen Argosbesieger,
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Senden hinab zu der Insel Ogygia: daß er der Nymphe Mit schönwallenden Locken verkünde den heiligen Ratschluß, Von der Wiederkehr des leidengeübten Odysseus. Aber ich will gern Ithaka gehn, den Sohn des Verfolgten Mehr zu entflammen, und Mut in des Jünglings Seele zu gießen;
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Daß er zu Rat berufe die hauptumlockten Achaier, Und den Freiern verbiete, die stets mit üppiger Frechheit Seine Schafe schlachten, und sein schwerwandelndes Hornvieh; Will ihn dann senden gen Sparta, und zu der sandigen Pylos: Daß er nach Kundschaft forsche von seines Vaters Zurückkunft,
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Und ein edler Ruf ihn unter den Sterblichen preise.
Also sprach sie, und band sich unter die Füße die schönen
Goldnen ambrosischen Sohlen, womit sie über die Wasser Und das unendliche Land im Hauche des Windes einherschwebt; Faßte die mächtige Lanze mit scharfer eherner Spitze,
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Schwer und groß und stark, womit sie die Scharen der Helden Stürzt, wenn im Zorn sich erhebt die Tochter des schrecklichen Vaters. Eilend fuhr sie hinab von den Gipfeln des hohen Olympos, Stand nun in Ithakas Stadt, am Tore des Helden Odysseus, Vor der Schwelle des Hofs, und hielt die eherne Lanze,
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Gleich dem Freunde des Hauses, dem Fürsten der Taphier Mentes.
Aber die mutigen Freier erblickte sie an des Palastes
Pforte, wo sie ihr Herz mit Steineschieben ergötzten, Hin auf Häuten der Rinder gestreckt, die sie selber geschlachtet. Herold’ eilten umher und fleißige Diener im Hause:
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Jene mischten für sie den Wein in den Kelchen mit Wasser; Diese säuberten wieder mit lockern Schwämmen die Tische, Stellten in Reihen sie hin, und teilten die Menge des Fleisches.
Pallas erblickte zuerst Telemachos, ähnlich den Göttern.
Unter den Freiern saß er mit traurigem Herzen; denn immer
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Schwebte vor seinem Geiste das Bild des trefflichen Vaters: Ob er nicht endlich käme, die Freier im Hause zerstreute, Und, mit Ehre gekrönt, sein Eigentum wieder beherrschte. Dem nachdenkend, saß er bei jenen, erblickte die Göttin, Und ging schnell nach der Pforte des Hofs, unwillig im Herzen,
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Daß ein Fremder so lang’ an der Türe harrte; empfing sie, Drückt’ ihr die rechte Hand, und nahm die eherne Lanze, Redete freundlich sie an, und sprach die geflügelten Worte:
Freue dich, fremder Mann! Sei uns willkommen; und hast du
Dich mit Speise gestärkt, dann sage, was du begehrest.
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Also sprach er, und ging; ihm folgete Pallas Athene.
Als sie jetzt in den Saal des hohen Palastes gekommen; Trug er die Lanz’ in das schöngetäfelte Speerbehältnis, An die hohe Säule sie lehnend, an welcher noch viele Andere Lanzen stunden des leidengeübten Odysseus.
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Pallas führt’ er zum Thron, und breitet’ ein Polster ihr unter, Schön und künstlich gewirkt; ein Schemel stützte die Füße, Neben ihr setzt’ er sich selbst auf einen prächtigen Sessel, Von den Freiern entfernt: daß nicht dem Gaste die Mahlzeit Durch das wüste Getümmel der Trotzigen würde verleidet;
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Und er um Kundschaft ihn von seinem Vater befragte.
Eine Dienerin trug in der schönen goldenen Kanne,
Über dem silbernen Becken, das Wasser, beströmte zum Waschen Ihnen die Händ’, und stellte vor sie die geglättete Tafel. Und die ehrbare Schaffnerin kam, und tischte das Brot auf,
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Und der Gerichte viel aus ihrem gesammelten Vorrat. Hierauf kam der Zerleger, und bracht’ in erhobenen Schüsseln Allerlei Fleisch, und setzte vor sie die goldenen Becher. Und ein geschäftiger Herold versorgte sie reichlich mit Weine.
Jetzo kamen auch die mutigen Freier, und saßen
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All’ in langen Reihen auf prächtigen Thronen und Sesseln. Herolde gossen ihnen das Wasser über die Hände. Aber die Mägde setzten gehäufte Körbe mit Brot auf Jünglinge füllten die Kelche bis oben mit dem Getränke, Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
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Und nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war, Dachten die üppigen Freier auf neue Reize der Seelen, Auf Gesang und Tanz, des Mahles liebliche Zierden. Und ein Herold reichte die schöngebildete Harfe Phemios hin, der an Kunst des Gesangs vor allen berühmt war,
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Phemios, der bei den Freiern gezwungen wurde zu singen. Prüfend durchrauscht’ er die Saiten, und hub den schönen Gesang an.
Aber Telemachos neigte das Haupt zu Pallas Athene,
Und sprach leise zu ihr, damit es die andern nicht hörten:
Lieher Gastfreund, wirst du mir auch die Rede verargen?
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Diese können sich wohl bei Saitenspiel’ und Gesange Freun, da sie ungestraft des Mannes Habe verschwelgen, Dessen weißes Gebein vielleicht schon an fernem Gestade Modert im Regen, vielleicht von den Meereswogen gewälzt wird. Sähen sie jenen einmal zurück in Ithaka kommen;
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Alle wünschten gewiß sich lieber noch schnellere Füße, Als noch größere Last an Gold’ und prächtigen Kleidern. Aber es war sein Verhängnis, so hinzusterben; und keine Hoffnung erfreuet uns mehr, wenn auch zuweilen ein Fremdling Sagt, er komme zurück. Der Tag ist auf immer verloren!
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Aber verkündige mir, und sage die lautere Wahrheit. Wer, wes Volkes bist du? und wo ist deine Geburtstadt? Und in welcherlei Schiff kamst du? wie brachten die Schiffer Dich nach Ithaka her? was rühmen sich jene vor Leute? Denn unmöglich bist du doch hier zu Fuße gekommen!
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Dann erzähle mir auch aufrichtig, damit ich es wisse: Bist du in Ithaka noch ein Neuling, oder ein Gastfreund Meines Vaters? Denn unser Haus besuchten von jeher Viele Männer, und er mocht’ auch mit Leuten wohl umgehn.
Drauf antwortete Zeus’ blauäugichte Tochter Athene:
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Dieses will ich dir alles, und nach der Wahrheit, erzählen. Mentes, Anchialos Sohn, des kriegserfahrenen Helden, Rühm’ ich mich, und beherrsche die ruderliebenden Taphos. Jetzo schifft’ ich hier an; denn ich steure mit meinen Genossen Über das dunkle Meer zu unverständlichen Völkern,
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Mir in Temesa Kupfer für blinkendes Eisen zu tauschen. Und mein Schiff liegt außer der Stadt am freien Gestade, In der reithrischen Bucht, all des waldichten Neïon Fuße. Lange preisen wir, schon von dein Zeiten unserer Väter, Uns Gastfreunde. Du darfst nur zum alten Helden Laertes
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Gehn und fragen; der jetzt, wie man sagt, nicht mehr in die Stadt kommt, Sondern in Einsamkeit auf dem Lande sein Leben vertrauret, Bloß von der Alten bedient, die ihm sein Essen und Trinken Vorsetzt, wann er einmal vom fruchtbaren Rebengefilde, Wo er den Tag hinschleicht, mit müden Gliedern zurückwankt.
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Aber ich kam, weil es hieß, dein Vater wäre nun endlich Heimgekehrt; doch ihm wehren vielleicht die Götter die Heimkehr. Denn noch starb er nicht auf Erden der edle Odysseus; Sondern er lebt noch wo in einem umflossenen Eiland Auf dem Meere der Welt; ihn halten grausame Männer,
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Wilde Barbaren, die dort mit Gewalt zu bleiben ihn zwingen. Aber ich will dir anitzt weissagen, wie es die Götter Mir in die Seele gelegt, und wie’s wahrscheinlich geschehn wird; Denn kein Seher bin ich, noch Flüge zu deuten erleuchtet. Nicht mehr lange bleibt er von seiner heimischen Insel
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Ferne, nicht lange mehr, und hielten ihn eiserne Bande; Sinnen wird er auf Flucht, und reich ist sein Geist an Erfindung. Aber verkündige mir, und sage die lautere Wahrheit. Bist du mit dieser Gestalt ein leiblicher Sohn von Odysseus? Wundergleich bist du ihm, an Haupt und Glanze der Augen!
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Denn oft haben wir so uns zu einander gesellet, Eh’ er gen Troja fuhr mit den übrigen Helden Achaias. Seitdem hab’ ich Odysseus, und jener mich nicht gesehen.
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Dieses will ich dir, Freund, und nach der Wahrheit, erzählen.
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Meine Mutter die sagt es, er sei mein Vater; ich selber Weiß es nicht: denn von selbst weiß niemand, wer ihn gezeuget. Wär ich doch lieber der Sohn von einem glücklichen Manne, Den bei seiner Habe das ruhige Alter beschliche! Aber der Unglückseligste aller sterblichen Menschen
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Ist, wie man sagt, mein Vater; weil du mich darum befragest.
230
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Fremdling, weil du mich fragst, und so genau dich erkundest; Ehmals konnte dies Haus vielleicht begütert und glänzend Heißen, da jener noch im Vaterlande verweilte: Aber nun haben es anders die grausamen Götter entschieden, 235 Welche den herrlichen Mann vor allen Menschen verdunkelt! Ach! ich trauerte selbst um den Tod des Vaters nicht so sehr, Wär’ er mit seinen Genossen im Lande der Troer gefallen, Oder den Freunden im Arme, nachdem er den Krieg vollendet. Denn ein Denkmal hätt’ ihm das Volk der Achaier errichtet, 240 Und so wäre zugleich sein Sohn bei den Enkeln verherrlicht. Aber er ward unrühmlich ein Raub der wilden Harpyen; Weder gesehn, noch gehört, verschwand er, und ließ mir zum Erbteil Jammer und Weh! Doch jetzo bewein’ ich nicht jenen allein mehr; Ach! es bereiteten mir die Götter noch andere Leiden. 245 Alle Fürsten, so viel in diesen Inseln gebieten, In Dulichion, Same, der waldbewachsnen Zakynthos, Und so viele hier in der felsichten Ithaka herrschen: Alle werben um meine Mutter, und zehren das Gut auf. Aber die Mutter kann die aufgedrungne Vermählung 250 Nicht ausschlagen, und nicht vollziehn. Nun verprassen die Schwelger All mein Gut, und werden in kurzem mich selber zerreißen!Und mit zürnendem Schmerz antwortete Pallas Athene:
Götter, wie sehr bedarfst du des langabwesenden Vaters, Daß sein furchtbarer Arm die schamlosen Freier bestrafe! 255 Wenn er doch jetzo käm’, und vorn in der Pforte des Saales Stünde, mit Helm und Schild und zween Lanzen bewaffnet; So an Gestalt, wie ich ihn zum erstenmale gesehen, Da er aus Ephyra kehrend von Ilos, Mermeros’ Sohne, Sich in unserer Burg beim gastlichen Becher erquickte! 260 Denn dorthin war Odysseus im schnellen Schiffe gesegelt, Menschentötende Säfte zu holen, damit er die Spitze Seiner gefiederten Pfeile vergiftete. Aber sie gab ihm Ilos nicht, denn er scheute den Zorn der unsterblichen Götter; Aber mein Vater gab ihm das Gift, weil er herzlich ihn liebte: 265 Wenn doch in jener Gestalt Odysseus den Freiern erschiene! Bald wär’ ihr Leben gekürzt, und ihnen die Heirat verbittert! Aber dieses ruhet im Schoße der seligen Götter, Ob er zur Heimat kehrt, und einst in diesem Palaste Rache vergilt, oder nicht. Dir aber gebiet’ ich, zu trachten, 270 Daß du der Freier Schar aus deinem Hause vertreibest. Lieber, wohlan! merk’ auf, und nimm die Rede zu Herzen. Fodere morgen zu Rat die Edelsten aller Achaier, Rede vor der Versammlung, und rufe die Götter zu Zeugen. Allen Freiern gebeut, zu dem Ihrigen sich zu zerstreuen; 275 Und der Mutter: verlangt ihr Herz die zwote Vermählung, Kehre sie heim in das Haus des wohlbegüterten Vaters. Dort bereite man ihr die Hochzeit, und statte sie reichlich Ihrem Bräutigam aus, wie lieben Töchtern gebühret. Für dich selbst ist dieses mein Rat, wofern du gehorchest. 280 Rüste das trefflichste Schiff mit zwanzig Gefährten, und eile, Kundschaft dir zu erforschen vom langabwesenden Vater; Ob dir’s einer verkünde der Sterblichen, oder du Ossa, Zeus’ Gesandte, vernehmest, die viele Gerüchte verbreitet. Erstlich fahre gen Pylos, und frage den göttlichen Nestor, 285 Dann gen Sparta, zur Burg Menelaos’ des Bräunlichgelockten, Welcher zuletzt heim kam von dein erzgepanzerten Griechen. Hörst du, er lebe noch, dein Vater, und kehre zur Heimat; Dann, wie bedrängt du auch seist, erduld’ es noch ein Jahr lang. Hörst du, er sei gestorben, und nicht mehr unter den Menschen; 290 Siehe dann kehre wieder zur lieben heimischen Insel, Häufe dem Vater ein Mal, und opfere Totengeschenke Reichlich, wie sich’s gebührt, und gib einem Manne die Mutter. Aber hast du dieses getan und alles vollendet, Siehe dann denk’ umher, und überlege mit Klugheit, 295 Wie du die üppige Schar der Freier in deinem Palaste Tötest, mit heimlicher List, oder öffentlich! Fürder geziemen Kinderwerke dir nicht, du bist dem Getändel entwachsen. Hast du nimmer gehört, welch ein Ruhm den edlen Orestes Unter den Sterblichen preist, seitdem er den Meuchler Ägisthos 300 Umgebracht, der ihm den herrlichen Vater ermordet? Auch du, Lieber, denn groß und stattlich bist du von Ansehn, Halte dich wohl, daß einst die spätesten Enkel dich loben! Ich will jetzo wieder zum schnellen Schiffe hinabgehn, Und den Gefährten, die mich, vielleicht unwillig, erwarten. 305 Sorge nun selber für dich, und nimm die Rede zu Herzen.Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Freund, du redest gewiß mit voller herzlicher Liebe, Wie ein Vater zum Sohn, und nimmer werd’ ich’s vergessen. Aber verweile bei uns noch ein wenig, wie sehr du auch eilest; 310 Lieber, bade zuvor, und gib dem Herzen Erfrischung: Daß du mit froherem Mut heimkehrest, und zu dem Schiffe Bringest ein Ehrengeschenk, ein schönes köstliches Kleinod Zum Andenken von mir, wie Freunde Freunden verehren.Drauf antwortete Zeus’ blauäugichte Tochter Athene:
315 Halte nicht länger mich auf; denn dringend sind meine Geschäfte. Dein Geschenk, das du mir im Herzen bestimmest, das gib mir, Wann ich wiederkomme, damit ich zur Heimat es bringe; Und empfange dagegen von mir ein würdiges Kleinod.Also redete Zeus’ blauäugichte Tochter, und eilend
320 Flog wie ein Vogel sie durch den Kamin. Dem Jünglinge goß sie Kraft und Mut in die Brust, und fachte des Vaters Gedächtnis Heller noch an, wie zuvor. Er empfand es im innersten Herzen, Und erstaunte darob; ihm ahnete, daß es ein Gott war.Jetzo ging er zurück zu den Freiern, der göttliche Jüngling.
325 Vor den Freiern sang der berühmte Sänger; und schweigend Saßen sie all’, und horchten. Er sang die traurige Heimfahrt, Welche Pallas Athene den Griechen von Troja beschieden.Und im oberen Stock vernahm die himmlischen Töne
Auch Ikarios Tochter, die kluge Penelopeia. 330 Eilend stieg sie hinab die hohen Stufen der Wohnung, Nicht allein; sie wurde von zwo Jungfrauen begleitet. Als das göttliche Weib die Freier jetzo erreichte, Stand sie still an der Schwelle des schönen gewölbeten Saales; Ihre Wangen umwallte der feine Schleier des Hauptes, 335 Und an jeglichem Arm stand eine der stattlichen Jungfraun. Tränend wandte sie sich zum göttlichen Sänger, und sagte:Phemios, du weißt ja noch sonst viel reizende Lieder,
Taten der Menschen und Götter, die unter den Sängern berühmt sind; Singe denn davon eins vor diesen Männern, und schweigend 340 Trinke jeder den Wein. Allein mit jenem Gesange Quäle mich nicht, der stets mein armes Herz mir durchbohret. Denn mich traf ja vor allen der unaussprechlichste Jammer! Ach den besten Gemahl bewein’ ich, und denke beständig Jenes Mannes, der weit durch Hellas und Argos berühmt ist!345
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Meine Mutter, warum verargst du dem lieblichen Sänger, Daß er mit Liedern uns reizt, wie sie dem Herzen entströmen? Nicht die Sänger sind des zu beschuldigen, sondern allein Zeus, Welcher die Meister der Kunst nach seinem Gefallen begeistert. 350 Zürne denn nicht, weil dieser die Leiden der Danaer singet; Denn der neuste Gesang erhält vor allen Gesängen Immer das lauteste Lob der aufmerksamen Versammlung: Sondern stärke vielmehr auch deine Seele, zu hören. Nicht Odysseus allein verlor den Tag der Zurückkunft 355 Unter den Troern; es sanken mit ihm viel andere Männer. Aber gehe nun heim, besorge deine Geschäfte, Spindel und Webestuhl, und treib an beschiedener Arbeit Deine Mägde zum Fleiß! Die Rede gebühret den Männern, Und vor allen mir; denn mein ist die Herrschaft im Hause!360
Staunend kehrte die Mutter zurück in ihre Gemächer,
Und erwog im Herzen die kluge Rede des Sohnes. Als sie nun oben kam mit den Jungfraun, weinte sie wieder Ihren trauten Gemahl Odysseus; bis ihr Athene Sanft mit süßem Schlummer die Augenlider betaute.365
Aber nun lärmten die Freier umher in dem schattichten Saale,
Denn sie wünschten sich alle, mit ihr das Bette zu teilen. Und der verständige Jüngling Telemachos sprach zur Versammlung:Freier meiner Mutter, voll übermütiges Trotzes,
Freut euch jetzo des Mahls, und erhebt kein wüstes Getümmel! 370 Denn es füllt ja mit Wonne das Herz, dem Gesange zu horchen, Wann ein Sänger, wie dieser, die Töne der Himmlischen nachahmt! Morgen wollen wir uns zu den Sitzen des Marktes versammeln; Daß ich euch allen dort freimütig und öffentlich rate, Mir aus dem Hause zu gehn! Sucht künftig andere Mähler; 375 Zehret von euren Gütern, und laßt die Bewirtungen umgehn. Aber wenn ihr es so bequemer und lieblicher findet, Eines Mannes Hab’, ohn’ alle Vergeltung zu fressen; Schlingt sie hinab! Ich werde die ewigen Götter anflehn, Ob euch nicht endlich einmal Zeus eure Taten bezahle, 380 Daß ihr in unserm Haus’ auch ohne Vergeltung dahinstürzt!Also sprach er; da bissen sie ringsumher sich die Lippen,
Über den Jüngling erstaunt, der so entschlossen geredet. Aber Eupeithes’ Sohn Antinoos gab ihm zur Antwort:Ei! dich lehren gewiß, Telemachos, selber die Götter,
385 Vor der Versammlung so hoch und so entschlossen zu reden! Daß Kronion dir ja die Herrschaft unseres Eilands Nicht vertraue, die dir von deinem Vater gebühret!Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
O Antinoos, wirst du mir auch die Rede verargen? 390 Gerne nähm’ ich sie an, wenn Zeus sie schenkte, die Herrschaft! Oder meinst du, es sei das Schlechteste unter den Menschen? Wahrlich, es ist nichts Schlechtes, zu herrschen; des Königes Haus wird Schnell mit Schätzen erfüllt, er selber höher geachtet! Aber es wohnen ja sonst genug achaiische Fürsten 395 In dem umfluteten Reiche von Ithaka, Jüngling’ und Greise; Nehm’ es einer von diesen, wofern Odysseus gestorben! Doch behalt’ ich für mich die Herrschaft unseres Hauses, Und der Knechte, die mir der edle Odysseus erbeutet!Aber Polybos’ Sohn Eurymachos sagte dagegen:
400 Dies, Telemachos, ruht im Schoße der seligen Götter, Wer das umflutete Reich von Ithaka künftig beherrschet; Aber die Herrschaft im Haus und dein Eigentum bleiben dir sicher! Komme nur keiner, und raube dir je mit gewaltsamen Händen Deine Habe, so lange noch Männer in Ithaka wohnen! 405 Aber ich möchte dich wohl um den Gast befragen, mein Bester. Sage, woher ist der Mann? und welches Landes Bewohner Rühmt er sich? Wo ist sein Geschlecht und väterlich Erbe? Bracht’ er dir etwa Botschaft von deines Vaters Zurückkunft? Oder kam er hieher in seinen eignen Geschäften? 410 Warum eilt’ er so plötzlich hinweg, und scheute so sichtbar Unsre Bekanntschaft? Gewiß, unedel war seine Gestalt nicht!Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Hin, Eurymachos, ist auf immer des Vaters Zurückkunft! Darum trau’ ich nicht mehr Botschaften, woher sie auch kommen, 415 Kümmre mich nie um Deutungen mehr, wen auch immer die Mutter Zu sich ins Haus berufe, um unser Verhängnis zu forschen! Dies war ein taphischer Mann, mein angeborener Gastfreund. Mentes, Anchialos’ Sohn, des kriegserfahrenen Helden, Rühmt er sich, und beherrscht die ruderliebende Taphos.420
Also sprach er; im Herzen erkannt’ er die heilige Göttin.
Und sie wandten sich wieder zum Tanz und frohen Gesange, Und belustigten sich, bis ihnen der Abend herabsank. Als den Lustigen nun der dunkle Abend herabsank; Gingen sie alle heim, der süßen Ruhe zu pflegen.425
Aber Telemachos ging zu seinem hohen Gemache.
Auf dem prächtigen Hof’, in weitumschauender Gegend; Dorthin ging er zur Ruh mit tiefbekümmerter Seele. Vor ihm ging mit brennenden Fackeln die tüchtige alte Eurykleia, die Tochter Ops, des Sohnes Peisenors, 430 Welche vordem Laertes mit seinem Gute gekaufet, In jungfräulicher Blüte, für zwanzig Rinder: er ehrte Sie im hohen Palast, gleich seiner edlen Gemahlin, Aber berührte sie nie, aus Furcht vor dem Zorne der Gattin. Diese begleitete ihn mit brennenden Fackeln; sie hatt’ ihn 435 Unter den Mägden am liebsten, und pflegt’ ihn, als er ein Kind war.Und er öffnete jetzt die Türe des schönen Gemaches,
Setzte sich auf sein Lager, und zog das weiche Gewand aus, Warf es dann in die Hände der wohlbedächtigen Alten. Diese fügte den Rock geschickt in Falten, und hängt’ ihn 440 An den hölzernen Nagel zur Seite des zierlichen Bettes, Ging aus der Kammer, und zog mit dem silbernen Ringe die Türe Hinter sich an, und schob den Riegel vor mit dem Riemen.Also lag er die Nacht, mit feiner Wolle bedecket,
Und umdachte die Reise, die ihm Athene geraten.Am Morgen beruft Telemachos das Volk, und verlangt, daß die Freier sein Haus verlassen. Antinoos verweigert’s. Ein Vogelzeichen von Eurymachos verhöhnt. Telemachos bittet um ein Schiff, nach dem Vater zu forschen; Mentor rügt den Kaltsinn des Volks; aber ein Freier trennt spottend die Versammlung. Athene in Mentors Gestalt verspricht dem Einsamen Schiff und Begleitung. Die Schaffnerin Eurykleia gibt Reisekost. Athene erhält von Noemon ein Schiff, und bemannt es. Am Abend wird die Reisekost eingebracht; und Telemachos, ohne Wissen der Mutter, fährt mit dem scheinbaren Mentor nach Pylos.
Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern[1] erwachte[3q], Sprang er vom Lager empor der geliebte Sohn von Odysseus, Legte die Kleider an, und hängte das Schwert um die Schulter, Band die schönen Sohlen sich unter die zierlichen Füße, 5 Trat aus der Kammer hervor, geschmückt mit göttlicher Hoheit, Und gebot den Herolden, schnell mit tönender Stimme Zur Versammlung zu rufen die hauptumlockten Achaier. Tönend riefen sie aus, und flugs war alles versammelt. Als die Versammelten jetzt in geschlossener Reihe sich drängten, 10 Ging er unter das Volk, in der Hand die eherne Lanze, Nicht allein, ihn begleiteten zween schnellfüßige Hunde. Siehe mit himmlischer Anmut umstrahlt’ ihn Pallas Athene, Daß die Völker alle dem kommenden Jünglinge staunten. Und er saß auf des Vaters Stuhl, ihm wichen die Greise.15
Jetzo begann der Held Ägyptios vor der Versammlung,
Dieser gebückte Greis voll tausendfacher Erfahrung. Dessen geliebter Sohn war samt dem edlen Odysseus Gegen die Reisigen Trojas im hohlen Schiffe gesegelt, Antiphos, tapfer und kühn; den hatte der arge Kyklope 20 In der Höhle zerfleischt, und zum letzten Schmause bereitet. Noch drei andere hatt’ er: der eine, Eurynomos, lebte Unter den Freiern, und zween besorgten des Vaters Geschäfte; Dennoch bejammert’ er stets des verlorenen Sohnes Gedächtnis. Tränend begann der Greis, und redete vor der Versammlung:25
Höret mich jetzt, ihr Männer von Ithaka, was ich euch sage!
Keine Versammlung ward und keine Sitzung gehalten, Seit der edle Odysseus die Schiffe gen Troja geführt hat. Wer hat uns denn heute versammelt? Welcher der Alten Oder der Jünglinge hier? Und welche Sache bewog ihn? 30 Höret’ er etwa Botschaft von einem nahenden Kriegsheer, Daß er uns allen verkünde, was er am ersten vernommen? Oder weiß er ein andres zum Wohl des Landes zu raten? Bieder scheinet er mir und segenswürdig! Ihm lasse Zeus das Gute gedeihn, so er im Herzen gedenket!35
Sprach’s; und Telemachos, froh der heilweissagenden Worte,
Saß nicht länger; er trat, mit heißer Begierde zu reden, In die Mitte des Volks. Den Scepter reichte Peisenor Ihm in die Hand, der Herold, mit weisem Rate begabet. Und er wandte zuerst sich gegen den Alten, und sagte:40
Edler Greis, nicht fern ist der Mann, gleich sollst du ihn kennen:
Ich versammelte euch; mich drückt am meisten der Kummer! Keine Botschaft hört’ ich von einem nahenden Kriegsheer, Daß ich euch allen verkünde, was ich am ersten vernommen; Auch nichts anderes weiß ich zum Wohl des Landes zu raten: 45 Sondern ich rede von mir, von meines eigenen Hauses Zwiefacher Not. Zuerst verlor ich den guten Vater, Euren König, der euch mit Vaterliebe beherrschte. Und nun leid’ ich noch mehr: mein ganzes Haus ist vielleicht bald Tief ins Verderben gestürzt, und all mein Vermögen zertrümmert! 50 Meine Mutter umdrängen mit ungestümer Bewerbung Freier, geliebte Söhne der Edelsten unseres Volkes. Diese scheuen sich nun, zu Ikarios’ Hause zu wandeln, Ihres Vaters, daß er mit reichem Schatze die Tochter Gäbe, welchem er wollte, und wer ihm vor allen gefiele; 55 Sondern sie schalten von Tag zu Tag’ in unserm Palaste, Schlachten unsere Rinder und Schaf’ und gemästeten Ziegen Für den üppigen Schmaus, und schwelgen im funkelnden Weine Ohne Scheu; und alles wird leer; denn es fehlt uns ein solcher Mann, wie Odysseus war, die Plage vom Hause zu wenden! 60 Wir vermögen sie nicht zu wenden, und ach auf immer Werden wir hilflos sein, und niemals Tapferkeit üben! Wahrlich ich wendete sie, wenn ich nur Stärke besäße! Ganz unerträglich begegnet man mir, ganz wider die Ordnung Wird mir mein Haus zerrüttet! Erkennt doch selber das Unrecht, 65 Oder scheuet euch doch vor andern benachbarten Völkern, Welche rings uns umwohnen, und bebt vor der Rache der Götter, Daß sie euch nicht im Zorne die Übeltaten vergelten! Freunde, ich fleh euch bei Zeus, dem Gott des Olympos und Themis, Welche die Menschen zum Rat versammelt, und wieder zerstreuet: 70 Haltet ein, und begnügt euch, daß mich der traurigste Kummer Quält! Hat etwa je mein guter Vater Odysseus Euch vorsätzlich beleidigt, ihr schöngeharnischten Griechen, Daß ihr mich zum Vergelt vorsätzlich wieder beleidigt; Warum reizet ihr diese? Mir wäre besser geraten, 75 Wenn ihr selber mein Gut und meine Herden hinabschlängt! Täter ihr’s, so wäre noch einst Erstattung zu hoffen! Denn wir würden so lange die Stadt durchwandern, so flehend Wiederfodern das Unsre, bis alles wäre vergütet! Aber nun häuft ihr mir unheilbaren Schmerz auf die Seele!80
Also sprach er im Zorn, und warf den Scepter zur Erde,
Tränen vergießend, und rührte die ganze Versammlung zum Mitleid. Schweigend saßen sie all’ umher, und keiner im Volke Wagte Telemachos Rede mit Drohn entgegen zu wüten. Aber Eupeithes’ Sohn Antinoos gab ihm zur Antwort:85
Jüngling von trotziger Red’ und verwegenem Mute, was sprachst du
Da für Lästerung aus? Du machtest uns gerne zum Abscheu! Aber es haben die Freier an dir des keines verschuldet; Deine Mutter ist schuld, die Listigste unter den Weibern! Denn drei Jahre sind schon verflossen, und bald auch das vierte, 90 Seit sie mit eitlem Wahne die edlen Achaier verspottet! Allen verheißt sie Gunst, und sendet jedem besonders Schmeichelnde Botschaft; allein im Herzen denket sie anders! Unter anderen Listen ersann sie endlich auch diese: Trüglich zettelte sie in ihrer Kammer ein feines 95 Übergroßes Geweb’, und sprach zu unsrer Versammlung: Jünglinge, die ihr mich liebt, nach dem Tode des edlen Odysseus, Dringt auf meine Vermählung nicht eher, bis ich den Mantel Fertig gewirkt (damit nicht umsonst das Garn mir verderbe!) Welcher dem Helden Laertes zum Leichengewande bestimmt ist, 100 Wann ihn die finstre Stunde mit Todesschlummer umschattet: Daß nicht irgend im Lande mich eine Achaierin tadle, Läg’ er uneingekleidet, der einst so vieles beherrschte! Also sprach sie mit List, und bewegte die Herzen der Edlen. Und nun webete sie des Tages am großen Gewebe: 105 Aber des Nachts, dann trennte sie’s auf, beim Scheine der Fackeln. Also täuschte sie uns drei Jahr, und betrog die Achaier. Als nun das vierte Jahr im Geleite der Horen herankam Und mit dem wechselnden Mond viel Tage waren verschwunden; Da verkündet’ uns eine der Weiber das schlaue Geheimnis, 110 Und wir fanden sie selbst bei der Trennung des schönen Gewebes. Also mußte sie’s nun, auch wider Willen, vollenden. Siehe nun deuten die Freier dir an, damit du es selber Wissest in deinem Herzen, und alle Achaier es wissen! Sende die Mutter hinweg, und gebeut ihr, daß sie zum Manne 115 Nehme, wer ihr gefällt, und wen der Vater ihr wählet. Aber denkt sie noch lange zu höhnen die edlen Achaier, Und sich der Gaben zu freun, die ihr Athene verliehn hat, Wundervolle Gewande mit klugem Geiste zu wirken,