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Lasst uns froh und munter sein! Oh, du Fröhliche! Leise rieselt der Schnee... Gilt das auch für das Lohengrün'sche Familienweihnachtstreffen? Großfamilien, die allesamt in einem geräumigen Haus wohnen, sind heute eher eine Ausnahme. Auch bei den Lohengrüns reisen die Familienmitglieder aus der Umgebung oder sogar aus weiter Ferne an, um gemeinsam ein schönes Familienfest feiern zu können. Unverhofft können aber friedliche Gemüter aus der Reserve gelockt werden: Kleinere oder größere Krisen arten schnell in witzige Turbulenzen aus. Dann wieder sind es nur Niggeligkeiten oder sorgsam gesetzte verbale Piekser, die manch einem Familienmitglied einen 'dicken' Hals bescheren. Auch bei der Familie Lohengrün entwickeln sich überraschende Geschehnisse, die dem geplanten Fest eine etwas andere Richtung geben. Nicht nur der Schnee spielt eine Rolle...
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Eröffnung
Ein Schnäppchen
Nachtgespräch
Die Opsis
Ein Unfall
Der Theodor im Fussballtor
Das Foto
Familienauflauf
Licht aus
Immer diese Piekserei
Ich bin dann nochmal weg
Unerwarteter Besuch
Zeit zu gehen
Bescherung
Das ist doch Firlefanz
Unfassbar
Achchen
Gute Stimmung
Die Verirrten
Vergesslichkeit
Da bahnt sich was an
Wer hat hier eigentlich geplant?
Nachwort
Impressum
Die Vorweihnachtszeit ist in vollem Gange. An jeder Ecke steht ein Tannenbaum. Die Kaufhäuser und Geschäfte überbieten sich mit weihnachtlich dekorierten Sonderangeboten.
Weihnachtssongs plärren aus allen zur Verfügung stehenden Lautsprechern. Es wird gekauft, als würden ab morgen alle Regale dieser Welt leergefegt. Weihnacht, Weihnacht überall.
Die Familie Lohengrün sitzt am Frühstückstisch. Es ist Samstag und der vierzehnjährige Hans-Balduin, noch etwas verschlafen, findet endlich auch den Weg dorthin.
Mama Ruth stellt eben noch die Teekanne auf das Stövchen und nimmt dann selbst Platz. Umständlich rückt sie noch einmal ihr Frühstücksgeschirr zurecht.
„Habt ihr schon überlegt, wie wir in diesem Jahr Weihnachten feiern?“ Alle schauen sie irritiert an.
„Äh, was soll das? Das geht doch wie jedes Jahr, oder?“, bemerkt Hannibal gleichgültig und schmiert ungerührt sein Brötchen. Tommy, der Jüngste der drei Kinder, reißt ängstlich die Augen weit auf.
„Fällt Weihnachten dieses Jahr etwa aus?“
„Blödmann, das kann gar nicht ausfallen, steht ja im Kalender“, gibt Cheyenne altklug zur Antwort.
Wilhelm kennt seine Frau und ahnt, dass hier gerade der allgemeine Familienfrieden in Gefahr gerät.
„Ich verstehe deine Frage nicht, Ruth“, tastet er sich behutsam vor und rückt nervös seine Brille mit Daumen und Mittelfinger zurecht.
„Na, ich habe mir gedacht, dass wir dieses Jahr mal ein richtig großes Familienweihnachtsfest feiern. Sonst haben wir die Feierei doch immer aufgeteilt, Heiligabend nur unsere Familie, 1. Weihnachtstag meine Eltern und Opi, 2. Weihnachtstag unsere Geschwister. Wir könnten doch mal alle gemeinsam dieses Fest begehen. Was meinst du, Wilhelm? Außerdem hätten wir dann alles in einem Rutsch erledigt.“
„Wie, alle hier bei uns an Heiligabend?“ Leichte Panik ist in Wilhelms Gesicht zu sehen. Er liebt es eher geruhsam.
„Ja, das wär‘ doch schön, was meint ihr, Kinder?“ Ruth ist, wie immer, schwer begeistert von ihrer Idee.
Tommy bekommt strahlende Augen: „Super, da bekomme ich alle meine Geschenke an einem Tag.“
Cheyenne meldet sich in allerhöchsten Tönen kreischend: „Oh mein Gott, die kommen alle zu uns? Übernachten die dann auch hier? Dann muss ich wohl für die Zeit mit Tommy und Hannibal in einem Zimmer schlafen? Das ist ja tödlich! Tommy pupst dann ständig und es stinkt wie Hölle. Ohnemich, dann ziehe ich für die paar Tage aus und schlafe bei Jule.“
„Das ist absoluter Kack! Onkel Bernd mit seiner dämlichen Fragerei - wie geht’s denn in der Schule, was macht Mathe? Der tut immer so, als wär‘ er als Schüler der große Überflieger gewesen. Ist der nicht in der 10. mal hängen geblieben?“ Hannibal, der älteste der Geschwister, schmeißt wutentbrannt und angewidert sein angebissenes Brötchen auf den Teller.
„Hallo, hallo“, meldet sich Papa Lohengrün lautstark, „könntet ihr bitte euren Sprachschatz überprüfen? Eure Wortwahl ist völlig daneben. Hier ist im übrigen noch gar nichts entschieden. Dies ist lediglich ein Vorschlag eurer Mutter.“
Hannibal und Cheyenne ziehen grummelnd die Köpfe ein. Mamas Ideen kommen immer etwas aus dem Hinterhalt. Papa versucht dann vermittelnd zu beruhigen. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass nur kleine Korrekturen zugestanden werden, die große Linie aber bleibt.
Tommy ist weiterhin begeistert, ihn interessieren nur die Geschenke. Wie das Ganze abläuft, ist ihm schnurzegal.
Es folgen zähe Verhandlungen über das Für und Wider des Weihnachtsevents. Hannibal, eigentlich ist sein Name Hans-Balduin, die Kurzform hat sich aber durchgesetzt, Cheyenne und Tommy werden mit der Aussicht auf mögliche kleine finanzielle Spritzen von Onkel und Tanten geködert und Tommy wird für die Besuchszeit mit in das elterliche Schlafzimmer verfrachtet. Wie vorauszusehen war, die große Linie bleibt - mit kleinen Zugeständnissen. Der Familienfrieden ist erst einmal wieder hergestellt. Ruth hat Wilhelm noch die gemeinsame Planung und Durchführung der Weihnachtsaktion abgerungen. Die Geschichte nimmt ihren Lauf.
Den obligatorischen Hausputz organisiert und überwacht natürlich Ruth. Der Unmut der Kids hält sich in Grenzen. Ruths pädagogisches Geschick hilft, größere Kampfgelüste und Zwistigkeiten der Geschwister untereinander in effiziente Energie umzuwandeln. Bald blitzt und blinkt das ganze Haus. Mit Lob von Seiten der Eltern an die Kinder für die geleistete Arbeit, wird nicht gespart.
Zu Familienfesten, das kennt wohl jeder - biegen sich immer die Tische, dass es nur so kracht. Nicht weil sie schlecht gebaut sind, sondern, hier wird in der Regel mit tollen und ausgefallenen Speisen und Rezepten geprotzt. Immer steht die Überlegung des Ausrichters im Raum, es könnte vielleicht nicht für alle Gäste reichen oder die Auswahl der Speisen sei nicht interessant genug.
Ruth lassen solche Gedanken allerdings völlig kalt. Sie ist sehr praktisch veranlagt und hat längst gelernt, dass sie nur zwei Hände und der Tag nur vierundzwanzig Stunden hat. Den gesamten Speiseplan hat sie schnell ausgearbeitet. Am Computer entstehen Listen wer, was, wann zu tun hat. An die Großeltern und Geschwister werden die herzustellenden Gerichte und Backwaren verteilt. Für die Getränke ist Wilhelm zuständig. Hier wird nicht nur gemeinsam gefeiert, hier wird auch gemeinsam vorbereitet.
Ruths Planungs- und Delegationsfähigkeit in Sachen Haushalt und Festvorbereitung verschafft ihr regelmäßige Auszeiten, in denen sie sich ausgiebig mit ihren Mal- und Zeichenkünsten beschäftigen kann. Ihre Spezialität ist die Portraitmalerei. Mit den Arbeiten hat sie sich inzwischen eine Fangemeinde aufgebaut, die weit über das Kreisgebiet hinaus reicht. Immer wieder erhält sie Anfragen aus allen Teilen des Landes für Portraitaufträge. Wilhelm wird ihr ein kleines Atelier einrichten. So kann sie endlich ihre Malutensilien ordentlich aufbewahren und muss nicht nach jeder Arbeitssitzung eine umständliche Aufräumaktion starten.
Bis zum Weihnachtsfest wird Ruth aber doch erst einmal die künstlerische Arbeit ruhen lassen.
Plätzchen Backen ist angesagt. Während Ruth mit beiden Händen dem Kuchenteig eine ordentliche Konsistenz abringt, darf Cheyenne aus dem schon fertig ausgerollten Teig Plätzchen ausstechen. Klar, der eine oder andere Teigfetzen, der auf dem Brett kleben bleibt, soll nicht verloren gehen. Kann er gar nicht, Cheyenne hat flinke Finger und solche Köstlichkeit muss vernichtet werden.
„Kind, iss nicht zu viel davon, das gibt Bauchschmerzen.“ Ruths Mahnung verliert sich im Äther und erreicht mit Sicherheit nicht Cheyennes Ohren.
Das Handy klingelt.
„Mama, Telefon, dein Handy!“ Ruth nimmt kurz die Hände aus dem Teig, der will sie aber nicht loslassen und klebt beharrlich an ihren Fingern. Sie begreift die Aussichtslosigkeit, das Smartphone zu bedienen.
„Ich kann gerade nicht annehmen“, ruft Ruth, „gehst du mal bitte ran, Hannibal?“
„Kann nicht, telefoniere gerade mit Betty.“ Halb abwesend und in sein eigenes Gespräch vertieft, hält er ihr das Handy ans Ohr. Dankbar dreht sie ihm ihren Kopf entgegen. So ganz bei der Sache ist Hannibal allerdings nicht, er telefoniert ja selbst gerade. Eine ungeschickte Bewegung lässt Ruths Handy aus seiner Hand rutschen und flupp, landet es, aufrecht stehend, im Kuchenteig. „Mensch, Hans-Balduin!“ Oh weh, der offizielle Name bedeutet Ärger der Alarmstufe rot. Hannibal erkennt entsetzt das Malheur. Mit schnellen Schritten flüchtet er aus der Küche, nach oben in sein Zimmer. Das wird ihm nichts nützen, die Gewitterwolke schwebt schon über ihm. Die entlädt sich später.
Tommy ist wieder einmal der rettende Engel. Mit seinen acht Jahren ist er der Jüngste und Kleinste im Haus, macht das aber locker mit seiner Pfiffigkeit wett. Während Ruth noch mit ihren Teighänden in der Luft herumfuchtelt und Hannibal wüste Beschimpfungen hinterher schickt, betritt er in aller Gelassenheit die Küche, klärt mit einem kurzen Blick die Lage, fischt das Handy aus dem Teig, streicht die untere Teigfahne mit dem Zeigefinger vom Handyrand und meldet sich: „Guten Tag. Hier spricht Tommy Lohengrün.“ Er hört - dann: „Hi Opi! Ich glaub‘ du rufst im denkbar schlechtesten Moment an. Hannibal hat gerade Mamas Handy im Kuchenteig versenkt. Jetzt ist sie etwas stinkig“, dabei gluckst er vor Vergnügen, „außerdem ist hier die Weihnachtshölle los. Soll ich irgendwas ausrichten?“ Tommy hört wieder gespannt zu und schiebt mit dem Zeigefinger seine Harry-Potter-Brille zurecht. „Ok, ich sag‘s ihr, tschüüüß, Opi!“ Tommy wischt das Handy mit einem Handtuch makellos sauber. Er ist ein Schatz, immer korrekt und hilfsbereit. Wahnsinn!
Opi ist übrigens Wilhelms Vater. Omi gibt es leider nicht mehr. Ruths Eltern sind Oma und Opa. Damit ist klargestellt, wer zu wem gehört. Sie wohnen, seit Omi nicht mehr lebt, zusammen mit Opi in einem gemeinsamen Haus, gleich drei Grundstücke weiter. Sie fanden das praktisch, außerdem unternehmen sie ohnehin alles gemeinsam und haben einen riesigen Spaß. Die drei sind unglaublich fit. Sie sind begeisterte Bergwanderer und zeigen ihren Altersgenossinnen und -genossen meist die Hacken.
„Mama, ich soll dir sagen, dass Opi und Papa jetzt einen Weihnachtsbaum kaufen fahren“, berichtet Tommy pflichtgemäß.
„Ahja, na, das wird ja was. Hoffentlich kaufen sie nicht wieder so ein krummschiefes erbärmliches Bäumchen, dass einem die Tränen kommen.“ Das Debakel um diesen Weihnachtsbaum ist Ruth noch sehr gegenwärtig. Wilhelm musste wegen dieser Panne gehörigen Spott der ganzen Familie ertragen.
„Ich fand den Baum im letzten Jahr ganz schön“, verteidigt Tommy dieses arme Gewächs.
Oma und Opa kommen die Auffahrt hoch geradelt und bremsen so scharf, dass ihre Federgabeln einen kurzen Diener zur Begrüßung machen. Schick sehen sie in ihrem sportlichen Outfit aus. Der Fahrradhelm ist selbstverständlich.
„Na, Lotte“, fragt Opa und wischt mit einem Taschentuch die Wassertropfen von den Brillengläsern, „wie viel Kilometer haben wir heute geschafft?“
„Gerade mal 25“, antwortet Oma mit einem Blick auf ihren Fahrradcomputer und wiegt unzufrieden ihren Kopf. Es ist ja nicht gerade Sommerwetter heute, fünf Grad Außentemperatur und ein stetiger Wind fegt durch die Landschaft. Dazu gesellt sich allmählich ein sehr feiner Schneegriesel. Ein unangenehmes Wetter. Hut ab vor diesen beiden.
Ruth öffnet die Haustür. „Bei dem Wetter seid ihr unterwegs? Könnt ihr es euch nicht mal zu Hause gemütlich machen?“, empfängt sie lachend ihre Eltern.
„Gemütlich geht später, in der Einraumwohnung“, grinst Opa. Oma schüttelt missbilligend den Kopf. „Ach Karl, halt dich mal zurück.“
Aus dem Haus stürmen Cheyenne und Tommy auf die Großeltern zu. Man sieht sich zwar jeden Tag, aber die Begrüßung ist immer fröhlich und herzlich.
„Ist Walter schon hier?“, fragt Opa und schaut suchend um sich.
„Sollte er? Wilhelm und Walter kaufen gerade einen Weihnachtsbaum“, erwidert Ruth.
„Oh, oh! Wenn das mal nicht schief geht“, unkt Oma.
„Ach, lass mal, Lotte, wir gehen dann mit dem Bügeleisen drüber“, scherzt Opa.
Tommy schaut verdutzt: „Geht das wirklich, Opa?“ Pfiffigkeit hin oder her, manchmal hakt es eben doch bei Tommy. Alle lachen.
„Oh nee, ihr sollt mich nicht immer veräppeln!“, aber lachen muss er nun selbst.
Die Fahrräder werden in das Carport gestellt und alle drängen ins warme Haus.
Cheyennes Plätzchen sind schon fertig gebacken und kühlen gerade ab. Tommy schleicht vorsichtig an das Backblech heran. Es duftet betörend. Die rechte Hand schwebt schon über den Plätzchen, aber…
„Wag‘ es nicht“, zischt Cheyenne und funkelt ihn gefährlich an. Tommy fühlt sich ertappt, die Gelegenheit ist verpatzt. Ich kann warten, denkt er, schlendert um den Tisch herum und setzt sich zu Oma.
„Oma, was kriege ich zu Weihnachten?“ Sie schaut ihn an, überlegt lange, dann: „Ich glaube, nichts.“
„Waaas?“ Entsetzen macht sich auf Tommys Gesicht breit. „Warum nicht?“
„Wer Kekse stibitzt geht Weihnachten leer aus, so einfach ist das“, erwidert sie mit todernstem Gesicht.
„Aber ich hab‘ doch gar nicht geklaut! Cheyenne hat doch schon ihre Krallen ausgefahren. Da war nichts zu machen. Opa, hilf mir!“
„Oh nee, das ist ja nun gar nicht meine Baustelle. Außerdem habe ich gar nichts gesehen. - Allerdings gibt es da noch eine andere Regel“, wendet er verschmitzt ein.
„Und die heißt?“, frohlockt Tommy.
„Wer extrem gut duftende Weihnachtsplätzchen bäckt, sie aber der Familie verweigert, muss ebenfalls mit Geschenkentzug rechnen.“ Opa blickt siegessicher in die Runde.
„Opa, du bist ein Schlitzohr!“ Cheyenne füllt lachend einen Teller mit ihren Plätzchen, stellt ihn auf den Tisch und ruft: „Auf zur großen Plätzchenschlacht!“ Tommy denkt: Na bitte, geht doch! - und greift hinein ins volle Keksvergnügen.