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Eigentlich stand auf der Tagesplanung des Autors lediglich ein Klassentreffen und ein Friedhofsbesuch. Zwei Ball spielende Kinder ließen diese Vorhaben in den Hintergrund treten. Er erinnerte plötzlich eigene Kindheitserlebnisse und beschloss spontan diesen nachzuspüren. Eine kurze Autofahrt führte ihn zum Schauplatz seiner damaligen Abenteuer. Der Autor erzählt unterhaltsame, spannende und nachdenkliche Begebenheiten aus seiner Spandauer Kindheit der 1950er Jahre. Sie fanden fast ausschließlich draußen statt. Als Stubenhocker galt, wer den ganzen Tag in der Wohnung saß. Nach den Schulhausaufgaben klingelte es schon an der Tür und die Nachbarskinder fragten: Kommst du runter? Die Leserinnen und Leser werden vom Autor auf eine Reise in die Vergangenheit - ganz ohne Smartphone, Computer oder Tablet - mitgenommen.
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Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorwort
Aufbruch
Alte Wege
Die Sache mit dem Drachen
Drachenstolz
Autobus
Zwischenspiel
Avus-Rennen mit Folgen
Penny und die Suche nach dem Silberpfeil
Rettung
Angriff
Verhandlung
Ich gewinne. Punkt!
Vereinbarung
Verhaltenes Schweigen
Fahrradreifen gegen Lupe
Entscheidung
Zwischenspiel
Schneemann
Schlittenfahrt mit Käfer
Zwischenspiel
Ost-Berlin und Oranienburg
Fotos im Minutentakt
Abspann
Als Autor wird man immer wieder gefragt: „Wie bist du denn auf diese Geschichte gekommen?“ Die Wahrheit ist: Man kommt nicht drauf, sie fliegt einem zu, man ergreift sie oder lässt sie unverrichtet vorbeisegeln.
Im vorliegenden Fall wollte ich ursprünglich eine Kriminal- oder Detektivgeschichte schreiben, so als kleine Fingerübung. Aber auch eine Fingerübung sollte geplant und gründlich recherchiert werden, sonst läuft man Gefahr, die falschen Akzente zu setzen. Dann wäre die ganze Arbeit unglaubwürdig.
Glücklicherweise erinnerte ich mich an ein fast vergessenes Erlebnis aus meiner Kindheit, das einer Detektivgeschichte schon recht nahe kommt.
Es spielte sich Anfang der 50er Jahre ab. Damals klauten drei Jungs aus einer benachbarten Straße mein Modellauto. Es war klar, dass ich den Renner wiederhaben wollte. Doch das gestaltete sich schwieriger als zunächst vermutet.
Die Erinnerung an dieses Erlebnis war plötzlich so präsent, dass ich beschloss, diese Geschichte aufzuschreiben. Die Recherche konnte ich mir zum größten Teil sparen, ich war ja hautnah dabei. Nach und nach ploppten während des Schreibens weitere Abenteuer aus meiner Kindheit auf und daraus entstand eine Reihe von Geschichten, die letztlich dieses Buch ergaben.
Die Erlebnisse spielen in den Jahren 1953 und 1954. Das „Deutsche Wirtschaftswunder“ kam gerade in Fahrt. Den Menschen ging es finanziell schon etwas besser. Das Geld floss aber noch nicht in Strömen. Der Frieden wurde genossen, auch wenn er vorerst nur provisorisch war.
Beim Arbeiten an diesem Projekt fiel mir auf, dass wir Kinder damals unsere Freizeit ganz anders gestalteten, als es heutzutage üblich ist. Unsere Spiele fanden ausschließlich draußen statt. Den ganzen Tag in der Wohnung zu sitzen, wäre uns nie eingefallen. Nach den Schulhausaufgaben klingelte es schon an der Tür und die Nachbarskinder fragten: „Kommst du runter?“ Wer sich am helllichten Tag zu Hause eingrub, war ein Stubenhocker – mit dem war nichts los. Selbst zum Lesen gingen wir nach draußen. Wir nahmen eine Wolldecke mit und breiteten sie einfach auf der Straße oder in den Grünanlagen (zum Leidwesen des Hausmeisters) aus. An manchen Tagen ließen wir alles stehen und liegen, wenn sich die anderen Kinder zu einem Abenteuerspiel versammelten. Gemeinsam spielten wir dann „Cowboy und Indianer“, „Schnitzeljagd“ oder „Straßentreibball“.
Bei meinen Enkelkindern sehe ich eine andere Art der Freizeitgestaltung. Heutzutage überwiegt „Indoor“ und „Outdoor“ ist fast „out“.
Auch die Gestaltung des Familienlebens hat sich im Vergleich zu früher grundlegend verändert. Während der Nachkriegszeit herrschte das klassische Rollenmodell: Der Mann verdiente das Geld, die Frau versorgte Haus/Wohnung und Kinder. Heute sind Frauen im Durchschnitt ebenso gut ausgebildet wie Männer und beide verdienen den Lebensunterhalt für die Familie. Die Betreuung der Kinder übernehmen Kitas, Schulen und oft auch die Großeltern bis in den Nachmittag hinein. Die Unterrichtsgestaltung wurde dementsprechend angepasst. Wer will beurteilen, welche Form wohl besser ist?
Zeiten ändern sich, und damit verändern sich auch unsere Gedanken und Handlungen. Das ist auch gut so! Wo wären wir nur, wenn alles beim Alten bliebe? Gehen wir zuversichtlich der Zukunft entgegen. Vielleicht schreiben unsere Enkel in fünfzig Jahren eine ähnliche Erinnerungsgeschichte, die sie mit ihren spannenden Kindheitserlebnissen füllen.
Was denn? Kann ich da nun hinein fahren, oder? Egal, ich bin Besucher, also darf ich.
Vorsichtig fahre ich die enge Straße entlang, vorbei an dem verwaisten Pförtnerhäuschen und den Rasengräbern auf der linken Seite. Nur wenige Menschen sind hier zu so früher Stunde unterwegs. Ein leichter Wind bewegt die Bäume und Sträucher am Wegesrand. Immer wieder schwingen ihre Äste und Blätter in die gleiche Richtung, als wollten sie die Besucher hereinwinken: Kommt, hier findet jeder seine eigene Ruhe.
Ich fahre langsam weiter. Plötzlich öffnet sich vor mir eine freie Fläche und ich erreiche den Friedhofsparkplatz. Ich habe Glück, direkt vor mir bietet sich ein Stellplatz an. Fast scheint es so, als spräche er zu mir: Dieser Platz ist nur für dich, ich habe auf dich gewartet. Es ist ein wichtiger Tag für dich.
Ich bin hier, um ein letztes Mal das Grab meiner Eltern zu besuchen. Das heißt nicht, dass ich nie mehr hierherkommen könnte, ich will ja nicht auswandern. Nein, die Liegezeit oder die Verweildauer der Grabstätte, wie es im Amtsdeutsch heißt, ist abgelaufen.
Meine Schwester hat mich vor einigen Tagen darüber unterrichtet. Ich möchte ein inneres Bild mitnehmen, deshalb habe ich den Weg auf den Friedhof gewählt.
Der Zufall wollte es, dass ich heute zum Klassentreffen nach Berlin eingeladen bin. So verbinde ich diese beiden Ereignisse, besuche zuerst den Friedhof und dann das Klassentreffen.
Nachdem ich mein Auto abgestellt habe, schaue ich mich um. Es hat sich nichts verändert. Die Friedhofsgärtnerei, die Wartehalle für die Trauergesellschaft, der Weg zur Kapelle, die Kapelle selbst, alles ist wie vor dreißig Jahren. Die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein.
Langsam gehe ich den Weg, den wir zur Beerdigung unserer Eltern gegangen sind. Daran habe ich nur eine vage Erinnerung. Ich weiß aber, dass es dieser Weg sein muss. Ein anderer ergäbe keinen Sinn.
Ich biege um eine Hecke und betrete das Gräberfeld. Mir fallen einige neue Grabstellen auf, die meisten in diesem Abschnitt waren wohl abgelaufen.
Die Ruhestätte meiner Eltern sehe ich schon von Weitem. Davor stehen zwei Friedhofsmitarbeiter. Sie laden aus ihrer Schubkarre Hacke, Spaten und andere Gerätschaften ab. In mir läutet eine Alarmglocke. Heute soll es also aufgelöst werden. Ich eile schnell auf sie zu.
„Nur einen kleinen Augenblick, es ist das Grab meiner Eltern“, bitte ich die beiden.
Sie schauen mich an, nicken in meine Richtung, treten wortlos ein paar Meter zur Seite und legen eine Zigarettenpause ein.
Hier stehe ich jetzt und weiß, dass es wieder ein Ende ist, eine Auflösung. Im Stillen schicke ich ein Dankeschön an meine Eltern. Wo auch immer es ankommen mag, der Äther nimmt alles auf und gibt präzise Anweisungen zur Weiterleitung. So hoffe ich jedenfalls.
Ich schaue die Mitarbeiter an, bedanke mich mit einem verhaltenen Nicken und verlasse gedankenversunken den Ort.
Auf dem breiten Hauptweg kommt mir ein Ehepaar mit zwei Kindern entgegen. Ein Mädchen und ein Junge. Sie werfen sich fröhlich einen kleinen Ball zu. Als sie an mir vorübergehen, fliegt der Ball in meine Richtung und droht im Gebüsch zu landen. Blitzschnell greife ich zu und für einen Moment bin ich Mitspieler, der Dritte im Bunde. Die Kinder lachen vergnügt auf, die Mutter mahnt zur Ruhe. Ich drehe mich zu den Eltern um und sage: „Das ist Leben, lassen Sie es zu!“
„Aber es ist doch ein Friedhof“, erwidert die Mutter leise.
Ich flüstere zurück: „Aber vielleicht freut es sie“, und zeige mit einer ausholenden Geste auf die vielen Gräber.
Ihr Mann hebt fragend die Hände und grinst. Wir winken uns fröhlich zu und setzen unsere Wege fort.
Kinder sind so herrlich unkompliziert, denke ich bei mir. Waren wir auch so?
„Na klar!“, bestätige ich laut.
In dem Moment geht ein älterer Herr an mir vorbei und sieht mich verdutzt an. Ich lächle und steige in mein Auto.
Der Beginn des Klassentreffens ist noch in weiter Ferne. Eigentlich wollte ich direkt ins Hotel fahren. Motiviert durch das eben Erlebte ändere ich meinen Plan. Ich will die freie Zeit nutzen und schaue jetzt mal nach meiner Kindheit.
Ich fahre die Pionierstraße entlang, vorbei an Steinmetzwerkstätten. Eine Auswahl ihrer Grabsteine sollen die Blicke der Vorübergehenden anziehen. Du liebe Güte, hier ist in den vergangenen Jahren kräftig gebaut worden! Auf beiden Straßenseiten gab es früher Gartenkolonien, die teilweise ganzjährig bewohnt waren. Kein Wunder, denn nach dem Krieg herrschte Wohnungsnot. Jetzt stehen rechts der Straße neue Wohnblocks. Die Parzellen auf der linken Seite bestehen zwar noch, hier wohnt aber niemand mehr.
Im Rückspiegel sehe ich, dass hinter mir ein Autobus naht. Die Linie existiert also noch. Die Erinnerung an meinen ersten selbst gebastelten Drachen flammt kurz auf. Mein Vater und ich ließen ihn damals auf dem ehemaligen Schrebergärtengelände steigen.
Beim Überqueren der Zeppelinstraße fällt mir ein, dass hier irgendwo meine Großeltern, Muttis Eltern, gewohnt haben. Die Erinnerung daran ist aber zu weit weg, ich war damals vielleicht zwei Jahre alt.
Ich erreiche die Zweibrücker Straße und befinde mich nun in vertrautem Terrain. Kurz darauf biege ich in den Hohenzollernring ein. Kastanienbäume säumen noch heute den Straßenrand. Inzwischen sind sie riesig hoch geworden. Noch ein Stück weiter zweigt rechts der Wolmirstedter Weg ab.
Es ist noch früher Vormittag, mitten in der Woche. Die meisten Anwohner sind sicher „auf Arbeit“, wie der Berliner sagt. Die Straße ist, bis auf wenige parkende Autos, leer. Das fühlt sich fast vertraut an, allerdings nur fast. In den 1950er Jahren sah man hier tagsüber kein einziges Auto, am Abend standen vielleicht ein oder zwei Fahrzeuge am rechten Straßenrand.
Vor der Gaslaterne – sie steht noch immer – parke ich, schalte den Motor aus und bleibe zunächst sitzen. Stille umfängt mich. Meine Augen tasten die nähere Umgebung ab. Hausnummer 3, erster Stock links, da haben wir gewohnt, Vater, Mutter, meine Schwester und ich. Unsere Wohnung bestand aus zwei Zimmern, Bad, Flur, Küche und war mit einer Ofenheizung ausgestattet. Meine Schwester erzählte mir, dass es inzwischen natürlich eine Zentralheizung und fließend warmes Wasser gibt. Für uns heute eine Selbstverständlichkeit, damals ein frommer Wunsch und scheinbar unerreichbar. Erst viel später wurde hier saniert.
Werner Piffer, einer meiner Spielkameraden, wohnte mit seiner Familie auf der gleichen Etage wie wir. Unter uns, im Parterre, lebten die Pahlens mit vier Kindern und die Mittenfelds mit fünf Kindern. Spielkameraden gab es also ohne Ende.
Ab und an durfte ich das Fahrrad der Pahlens leihen, es war goldfarben und hatte Ballonreifen. Keiner meiner Spielkameraden besaß ein Rad. Gerne hätte ich dieses Fahrerlebnis mit anderen geteilt, aber das kam nicht infrage. Meine Eltern verboten es strikt. Die Zeit der Nutzung war auch für mich begrenzt, ich wuchs zu schnell und plötzlich passten wir, das Fahrrad und ich, nicht mehr zueinander. Ein eigenes war in weiter Ferne.
Der Hauseingang ist jetzt von rotbraun glasierten Steinfliesen umrandet. Aber die Tür ist noch original erhalten, aus den 1930er Jahren. Ich erkenne es an dem gelben Grund, der unter der abgeplatzten Farbe hervorlugt, und bin beeindruckt.
In den letzten Kriegstagen gab es um diese Häuserblocks heftige Kämpfe. Noch lange nach Kriegsende legten die Einschusslöcher in den Mauern davon Zeugnis ab. Die stark zerschossenen Häuserfassaden sind mir noch gut in Erinnerung. Glücklicherweise fand nur eine Bombe während der letzten Tage ihr Ziel mitten auf unserer Straße. Sie zog das Dach des Eckhauses Nr. 3 ebenfalls in Mitleidenschaft. Dieser Schaden wurde schnell behoben, doch die Straße konnte vorerst nur mit einer Kiesaufschüttung repariert werden.
Ich steige aus dem Auto. Eine gleißende Hitze schlägt mir entgegen, trotz des Vormittags.