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Mit ONE-SHOT HARRY begibt sich Garry Phillips auf eine Zeitreise ins Frühjahr 1963, in die letzten Tagen des Goldenen Zeitalters von LA und Hollywood. Doch Rassismus und der Kampf um Bürgerrechte prägen die Schattenseiten der Stadt. Koreakriegsveteran Harry Ingram verdient seinen Lebensunterhalt als Nachrichtenfotograf und Prozessbevollmächtigter. Seine Figur ist Harry Adams nachempfunden, einem damals bekannten schwarzen Fotografen, der den Spitznamen "One-Shot Harry" trug. Da die rassistischen Spannungen am Vorabend der Freedom Rally und der Rede von Martin Luther King zunehmen, läuft er Gefahr, an jedem Tatort, den er fotografiert, zum Opfer zu werden. Als er über Polizeifunk von einem tödlichen Autounfall erfährt, erkennt er, dass das beschriebene Fahrzeug einem alten Armeekameraden gehört, einem White-Jazz-Trompeter, dessen Mercury in eine Leitplanke am Mulholland Drive gekracht ist. Das LAPD erklärt den Zusammenstoß zum Unfall. Als Ingram seine Fotos entwickelt, bemerkt er jedoch Anzeichen eines Verbrechens. Er fühlt sich gezwungen, Detektiv zu spielen, auch wenn er dabei sein eigenes Leben aufs Spiel setzt. Schon bald sieht er sich angeheuerten Killern ausgesetzt, die für eine Gruppe weißer Rassisten arbeiten. Für Leser von Walter Mosley, Chester Himes, Raymond Chandler und James M. Cain.
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2024
Gary Phillips
Aus dem Amerikanischen von Karen GerwigHerausgegeben von Wolfgang Franßen
Polar Verlag
Der Roman ist seiner Zeit verpflichtet. Der Sprachgebrauch hat sich inzwischen gewandelt. Was zu jener Zeit, als die Handlung spielt, als angemessen erschien, ist es nun nicht mehr. Dem Wunsch des Autors entsprechend, wurde die Sprache im Amerika der Sechzigerjahre historisch getreu wiedergegeben.
Originaltitel: One-Shot Harry
Copyright: © 2022 by Gary Phillips
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2024
Aus dem Amerikanischen von Karen Gerwig
Mit einem Nachwort von Chris Harding Thornton
übersetzt von Karen Gerwig
© 2024 Polar Verlag e.K., Stuttgart
www.polar-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Lektorat: Nadine Helms
Korrektorat: Andreas März
Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann
Coverfoto: © Los Angeles Times Photographic Archive, Library Special Collections, UCLA
Autorenfoto: © Phillips, Gary
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign
Druck und Bindung: CPI Books GmbH, Ulm, Deutschland
ISBN: 978-3-948392-98-7
eISBN: 978-3-948392-99-4
Für Chelsey und Silas
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Das Chaos im Zaum halten
»Fünfzehn.« Josh Nakano legte seinen Dominostein zu den anderen auf den Tisch.
Von der LP, die sich auf dem Plattenspieler drehte, war die Reibeisenstimme von Comedian Redd Foxx zu hören, der für seine nicht ganz jugendfreien Gags bekannt war. »Ja, Ladies and Gentlemen, da sind wir wieder bei der Frage: Welche Salami macht das Rennen?« Im Hintergrund der Liveaufnahme kicherte das Publikum. Das Album trug den Titel The New Race Track.
»Schreib ruhig weiter.« Peter »Strummer« Edwards knallte grinsend einen Stein auf den Tisch. »Zehn.« Er war ein stattlicher dunkelhäutiger Mann mit großen Händen, mehrere seiner Fingerknöchel waren deformiert wie die eines langjährigen Boxers.
James »Shoals« Pettigrew notierte die Punkte auf einem linierten gelben Notizblock, dann legte er seinen eigenen Stein. Der Besitzer eines Eisenwarengeschäfts machte keinen Punkt.
Mit einer Hand nahm Harry Ingram seine umgedreht liegenden Steine auf, drehte sie zu sich herum, studierte sie. Zwischen zwei Fingern seiner anderen Hand glomm eine billige Zigarre.
»Und wenn du noch so lang hinstarrst, die werden nicht besser«, scherzte Pettigrew.
»Schon klar, Captain Hook.« Ingram legte seinen ausgewählten Stein und hoffte, dass Nakano dieses Mal nicht wieder Punkte machte.
»Na, herzlichen Dank auch«, sagte Nakano, der nach Ingram dran war. Er war ein durchschnittlich gebauter Mann mit dichten, an den Schläfen ergrauenden Haaren. Er trug eine Brille und ein buntes Hawaiihemd über einer zwanglosen Stoffhose. Wenn er nicht in Anzug und Krawatte erscheinen musste, wie es sich für einen Bestatter gehörte, wählte er gern grelle Sporthemden.
»Stets zu Diensten, der Herr.«
Als die LP endete, stand Ingram vom Kartentisch auf und ging zu seinem Plattenspieler unter mehreren Bücherregalen hinüber. Zwischen den Büchern standen zwei Polizeifunkscanner und ein Transistorradio. Ingram schob die Platte wieder in ihre Hülle, auf der die Aufnahme einer lächelnden jungen Frau auf einem Spielzeugpferd zu sehen war, deren Jockey-Kleidung aus einem Bikinioberteil und einer Netzstrumpfhose bestand.
»Schalt das Radio an, ja, Harry?« Edwards streckte sich gähnend. »Ich darf mich von Redd nicht zu scharf machen lassen, bevor ich dann doch wieder allein ins Bett geh.«
Pettigrew drohte ihm scherzhaft mit dem Finger. »Allein, sagst du?«
Alle glucksten.
Ingram schob das Foxx-Album in alphabetischer Reihenfolge zwischen andere Comedy-, Jazz- und Blues-Alben, die er in einer Ecke in gestapelten hölzernen Obstkisten aufbewahrte. Er schaltete das Radio ein, richtete die Antenne aus und drehte das Rad, um den Sender klarer reinzubekommen.
»… und die Jagd nach dem Bankräuber, den man den Morning Bandit nennt, geht weiter. Aber jetzt, meine lieben Zuhörer«, fuhr der DJ fort, »rufen wir von KGFJ alle vernünftig denkenden Angelenos auf, sich zu zeigen und sich anzuhören, was Martin Luther King zu sagen hat, wenn er in nicht ganz drei Wochen in die Stadt kommt. Wie viele von uns wissen, gilt seine Botschaft nicht nur dem Süden, sondern auch dem, was hier im angeblich so aufgeklärten Norden vor sich geht.«
»Du hast über den Reverend berichtet, als er schon mal in der Stadt war, nicht?«, sagte Nakano zu Ingram, als der sich wieder setzte. King war zwei Jahre zuvor das letzte Mal in Los Angeles gewesen, um in der Sports Arena zu sprechen. Das Stadion war zum Bersten voll gewesen und Tausende hatten draußen gestanden, um ihn über Lautsprecher zu hören.
»Ja, ich hatte auch diesmal wieder eine Anfrage über den Sentinel, Bilder zu machen, wenn er seine Rede hält. Aber inzwischen haben sie einen Reporter beauftragt, der seine Fotos selbst macht.« Ingram verdiente sich seinen Lebensunterhalt zum Teil als Fotograf für die Schwarze Presse.
»Und was ist mit dem Marsch im August?«, fragte Edwards. In den Fünfzigern hatte er die Interessen des Gangsters Jack Dragna im Schwarzen Teil von Los Angeles vertreten. Dieser Tage musste er sich um seine eigenen Interessen kümmern – einige legale und andere, für die er keine Steuererklärung abgab.
»Gehst du hin?«, fragte Ingram.
»Ich denk drüber nach.« Edwards sah von seinen Dominos hoch, als die anderen drei ihn anstarrten. »Was denn? Alle möglichen Leute gehen hin, inklusive Moses.« Er meinte Charlton Heston, der beim Marsch auf Washington im August die Hollywood-Fraktion anführen würde.
»Ihr wisst, dass das schon der zweite Versuch wird, oder?«, fragte Nakano.
»Hm?« Edwards zündete sich eine Zigarette an und öffnete eine weitere Dose Hamm’s, die er sich aus Ingrams Kühlschrank geholt hatte.
»Damals in den Vierzigern hat Asa Philip Randolph einen Protestmarsch angedroht, wenn Roosevelt nicht die Rassentrennung bei den Streitkräften aufhöbe und Schwarzen, die in der Kriegsindustrie arbeiteten, denselben Lohn zahlte. Die Rassentrennung hob Franklin Delano nicht auf, aber er unterzeichnete ein Gesetz zur fairen Bezahlung. Und Randolph blies den Protestmarsch ab, auch wenn manche sagen, er hätte von vornherein nur geblufft.«
»King blufft nicht«, sagte Pettigrew.
»Verdammt, wieso weißt du eigentlich immer mehr über Schwarze Geschichte als ich, Josh?«, fragte Edwards.
»Vielleicht ist er einfach ein besserer Bruder als du«, lachte Ingram.
»Das stimmt wahrscheinlich.« Edwards trank noch einen Schluck von seinem Bier.
Nakano sagte: »Die Japanese American Citizens League schickt auch eine Abordnung. Ein Cousin von mir ist dabei.«
»Überlegst du hinzugehen?«, fragte Ingram ihn.
»Yep. Ich bin auf jeden Fall bei der Versammlung in der Stadt dabei.« Nakano sah mit einem ironischen Lächeln von seinen Dominosteinen hoch. »Gleiche Rechte sind gleiche Rechte, oder?«
»Unbedingt«, pflichtete ihm Pettigrew bei.
Die Freunde spielten bis kurz nach zehn Uhr abends. Als sie gegangen waren, faltete Ingram den Kartentisch zusammen, auf dem sie gespielt hatten, legte die Dominos in ihren Karton zurück und machte die Küche sauber, in der sie sich Sandwiches gemacht hatten. Eine Tür trennte die Küche von einer kleinen Loggia nach hinten hinaus. Dort gab es ein Spülbecken, in dem man auf einem Waschbrett Kleidung waschen konnte. Ingram hatte diesen Bereich mit Wäscheleinen, an denen er Abzüge aufhängen konnte, zu einer Dunkelkammer umfunktioniert. Im Wohnzimmer seines Apartments dachte er darüber nach, einen der Polizeifunkscanner einzuschalten, beschloss aber, sich etwas Härteres als Bier einzuschenken und sich in seinen bequemen Sessel zu setzen. Das Fenster, durch das man auf die Straße hinunterschauen konnte, stand einen Spalt offen, und die Geräusche einer ruhiger werdenden Stadt wehten herein, während er dasaß und trank. Das Radio lief immer noch, aber er hatte die Lautstärke heruntergedreht.
Ingram hatte einen seiner Ordner von einem Regal genommen, auf seinem Schoß aufgeschlagen und sah seine Fotos durch. Er runzelte die Stirn, als wäre es das erste Mal, dass er seine Arbeit von einem kritischen Standpunkt betrachtete. Auf den Schwarz-Weiß-Fotos waren alle Arten von Katastrophen abgebildet: von einem Mann in gutem Anzug und mit zweifarbigen Schuhen, der mit einem Messer im Kopf auf einem Gehweg lag, bis zu einer Frau mit Baskenmütze, die in Handschellen von einem Cop abgeführt wurde. In der Hand eines weiteren Cops sah man eine blutige Axt und einen Blutfleck unten an ihrem Rock.
»Kein Wunder, dass der Look mich nicht einstellen will«, murmelte er und trank genüsslich noch einen Schluck Bourbon. Er klappte den Ordner zu und legte ihn weg. Während er langsam wegdämmerte, beschloss Ingram, fröhlichere Bilder zu machen, zum Beispiel von Menschen beim Picknick im Park und lachenden Kindern, die Drachen steigen ließen.
Irgendwann wachte er auf, und auf KGFJ, einem Sender, der rund um die Uhr spielte, lief klassische Musik. Zu den Klängen von Debussys Nocturnes für Orchester stand er auf und ging zu Bett.
Nach tiefem Schlaf und einem Ausflug aufs Örtchen zog Ingram am nächsten Morgen seinen fadenscheinigen Baumwollmorgenmantel über seine Boxershorts und ein Sporthemd. Er schaltete einen seiner Scanner ein.
»… Verdächtiger, männlich, weiß, Anfang bis Ende zwanzig, rötlich blonde Haare, zu Fuß auf der Bronson von Venice nach Norden …«
Mit dieser Hintergrunduntermalung machte sich Ingram ein Frühstück aus Würstchen von dem kleinen Lebensmittelgeschäft unten im Haus namens Whitehead’s Market. Hinterher nahm er seine zweite Tasse Kaffee mit ins Bad, duschte und rasierte sich. Der Scanner lief immer noch. Die montagmorgendlichen Delikte beschränkten sich zumindest auf der Schwarzen East Side auf einen Handtaschendiebstahl und ein beschädigtes parkendes Fahrzeug mit Fahrerflucht. Das war nicht unüblich. Ingram wusste, dass farbige Jungs oft Samstagnacht von den Cops hochgenommen wurden und zu Beginn der neuen Woche auf ihre Anhörung warteten oder noch die Kaution organisierten.
Bis neun am Abend würde das Ganze Fahrt aufnehmen, überlegte er, während er seine Ausrüstung inklusive seiner Speed Graphic einpackte. Sie hatte zwei Dellen von Kugeln in ihrem Gehäuse, und Ingram rieb eine davon als Glücksbringer, wie er es immer tat. Er hatte die Kamera aus dem Krieg mit nach Hause gebracht. Flüchtig dachte er daran, normale Leute zu fotografieren, die normale Dinge taten. Aber wo blieb da der Kick? Melancholische Momente wie jenen letzte Nacht schwemmte er stets mit Schnaps weg.
Er steckte zwei seiner Zigarren in eine Innentasche seines Tweedsakkos, dann verließ er, ohne sich eine Krawatte umzubinden, seine Wohnung durch die hintere Tür und die Dunkelkammer und stieg die knarrende Holztreppe hinunter. Hinter dem Haus parkte auf einem der wenigen ausgewiesenen Parkplätze sein Auto. Unten begegnete er einem Mann in karierter Hemdjacke und Freizeithose.
»Na, wie läuft der Laden, Arthur?« Ingram versetzte dem anderen einen Klaps auf die Schulter, während der die Hintertür des Whitehead’s aufschloss. Ingrams Haus war ein Ziegelfachwerkbau aus den späten Zwanzigerjahren. Der Lebensmittelladen an der Ecke nahm den größten Teil des Erdgeschosses ein. Nach Süden hin lag der Haupteingang zu den Wohnungen, eine Treppe führte in den ersten und zweiten Stock mit den Mietwohnungen.
»Das übliche Chaos, Harry.«
Arthur Yarbrough schloss erfolgreich die Tür auf, schaltete aber in dem dunklen Raum das Licht nicht ein. Er war ein hellhäutiger Schwarzer, etwa Ingrams Größe, circa eins fünfundachtzig groß, wenn auch nicht so stabil gebaut. Über eine Seite seines Gesichts zog sich eine gezackte Narbe, was ihm ein eher interessantes als entstelltes Aussehen verlieh. Er trug eine Sonnenbrille mit schwerem Gestell, und der stilvolle Gehstock, den Ingram ihm ein paar Jahre zuvor geschenkt hatte, lehnte in Türnähe.
Das Geschäft hatte ursprünglich einer weißen Familie namens Whitehead gehört. Als es in Schwarzen Besitz überging, blieb der Name bestehen; zum einen, weil er den Bewohnern in der Nachbarschaft vertraut war, zum anderen als Insiderwitz.
»Brauchst du mich für irgendwas?«
»Danke, Mann, ich hab alles im Griff.«
»Ja, das hast du.«
Yarbrough war erblindet, als er im Koreakrieg während einer Patrouille auf eine Landmine getreten war. In etwa einer Stunde würde einer seiner sehenden Angestellten zur Arbeit kommen. Bis dahin war er durch den Laden gegangen, hatte die Artikel in den Regalen geordnet, die Gänge gefegt und so weiter. Ingram stellte sich gern vor, dass er den Grundriss des Geschäfts als Blaupause im Kopf hatte.
Ingram verließ Yarbrough und schloss den Kofferraum seines alten Plymouth Belvedere auf. Darin befand sich sein mobiles Fotolabor. Wenn er eine Abgabefrist, aber keine Zeit hatte, nach Hause zurückzufahren und seine Dunkelkammer zu benutzen, entwickelte er seine Fotos im Kofferraum. Er kontrollierte, ob er genug von den erforderlichen Chemikalien dabeihatte und ob die Behälter sicher verschlossen waren.
Nachdem er den Kofferraum wieder zugeklappt hatte, stieg er ein und setzte zurück. Die Seitenstraße hinter seinem Haus bestand fast nur aus Spurrillen und Schlaglöchern, deshalb fuhr er langsam. An der 43. Straße bog er links ab in Richtung Westen, dann an der Figueroa nach rechts, vorbei an mehreren Geschäften mit Wahlkampfplakaten in den Ecken ihrer Schaufenster, die dafür warben, Tom Bradley in den Stadtrat zu wählen. Er fuhr weiter, erreichte den Imperial Highway, fuhr wieder westwärts Richtung Inglewood zum Hollywood Park Racetrack. Die Pferderennbahn lag meilenweit südlich von Hollywood, sie verdankte ihren Namen der Tatsache, dass Hollywood-Studioboss Jack L. Warner und andere Hollywood-Größen wie Bing Crosby, Ralph Bellamy und Walt Disney in den Dreißigerjahren zu den Hauptgeldgebern gehört hatten. Die Stars kamen immer noch, aber Ingram war nicht wegen eines heimlichen Schnappschusses von Doris Day dort, wie sie ein Vollblut mit einem Apfel fütterte.
An der Rennstrecke angekommen, bog er auf eine Seitenstraße ein und folgte ihr um eine Kurve in ein Areal, wohin sich die meisten Besucher nicht vorwagten – zu den Ställen. Er parkte an einer freien Stelle und ging über den heuübersäten Boden, nahm den Anblick und den allgegenwärtigen Pferdegeruch in sich auf. Er kam an einem Stallburschen im Teenageralter vorbei, der Pferdeäpfel zusammenharkte, und entdeckte seinen Kontakt, Dolby Markham. Dieser spritzte gerade ein Pferd in einer Box ab. Ingram hob die Kamera, die er um den Hals trug, und knipste ein paar Bilder.
»Hey, Harry«, sagte Markham, als er die Blende klicken hörte.
Ingram hob die Hand. »Mach weiter. Sieht toll aus, Dolby.«
Die Berühmtheiten, die oft auf den Zuschauertribünen oder an der Bahn fotografiert wurden, waren normalerweise weiß, obwohl auch Leute wie Nat King Cole und Lena Horne ihre Bilder dort machen ließen. Die Klatschpostillen interessierten sich nicht dafür, wer hinter den Kulissen arbeitete. Viele der Trainer, Stallburschen und Pferdeausführer waren Schwarz oder Mexiko-Amerikaner, ein paar Filipinos waren auch darunter. Ingram hatte mit dem für die Westküste zuständigen Redakteur des Jet gesprochen, der ihm sagte, er würde für ein paar Aufnahmen der farbigen Männer bezahlen, die sich um die Pferde kümmerten. Ingram könne auch ein paar Absätze zu den Fotos schreiben, der Redakteur hielt das für eine brauchbare menschliche Hintergrundstory. Der Jet war eine Wochenzeitschrift mit kurzen Berichten aus der Schwarzen Community. Herausgegeben wurde er von Johnson Publications, die auch das umfangreichere, monatlich erscheinende Magazin Ebony herausgaben. Es gab die Zeitschrift nicht an Zeitungskiosken; der anspruchsvolle Käufer konnte den Jet in einem Ständer an der Kasse seines örtlichen Lebensmittelmarkts oder Spirituosengeschäfts finden. Jede Ausgabe enthielt auf einer Doppelseite in der Mitte die Schönheit der Woche, eine junge Frau im Badeanzug.
Markham machte Pause, als Ingram die Box betrat.
»Entschuldige bitte, ich habe kalte Finger.«
Sie schüttelten sich die Hände. »Kein Problem.«
Der drahtige Markham war deutlich kleiner als der Fotograf. Früher einmal war er Jockey gewesen. Doch er hatte sich bei einem besonders bösen Sturz einen doppelten Beinbruch zugezogen. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass es knallte, doch die ständigen Verletzungen hatten sich im Lauf der Jahre summiert, und Markham hatte sich aus dem aktiven Rennsport zurückgezogen. Etwas anderes als Pferde kannte er aber nicht, und in irgendeiner Funktion wollte er mit den Tieren zu tun haben.
»Wie wär’s, wenn du mich den Jungs vorstellst?«, fragte Ingram.
»Du kannst Gedanken lesen.«
Sie verließen die Box und Markham brachte ihn zuerst zu dem Jungen mit der Harke.
»Yo, Tally, das hier ist ein Freund von mir, Harry Ingram. Ein zertifizierter Teufelskerl und rasender Reporter für die Schwarzen in Los Angeles.«
Der Junge hörte auf zu harken und warf einen Blick auf Ingram. »Wie war das?«
»Dolby veräppelt dich«, erwiderte Ingram und warf seinem Freund einen Seitenblick zu.
»Ich hab gesehn, wie du den Redneck-Bullen Paroli geboten hast«, sagte Markham. Er tippte an eine dünne Narbe an Ingrams Schläfe, ein Präsent eines Gummiknüppels vor ein paar Jahren.
»Ach, hör auf, ich bin in offizieller Funktion hier«, wechselte Ingram das Thema.
»Ist irgendwas mit den Pferden?« Der junge Mann deutete mit dem Daumen auf die Ställe.
»Nee, Sohn, Harry macht dich berühmt.« Markham hieb ihm auf den Rücken.
Der Teenager grinste. »Dann mal los.«
Ingram blieb mehr als eine Stunde, machte Fotos, aber hauptsächlich trieb er sich mit den Stallburschen und anderen Arbeitern der Rennbahn herum, ließ sie von ihren Aufgaben erzählen, fragte sie, wie sie zum Pferderennsport gekommen waren und so weiter. Er füllte mehrere Seiten seines Notizblocks. Als er fertig war, überlegte er, ob er nicht vielleicht eines der weißen Hochglanzmagazine dafür interessieren könnte, wenn er die Story noch ausarbeitete.
»Danke, dass du Zeit mit uns Unsichtbaren verbracht hast, Harry.« Markham schüttelte ihm noch mal die Hand.
»Wie gesagt, ich lass dir ein paar Exemplare zukommen, wenn sie gedruckt sind«, sagte Ingram. Er hatte zwei Filmrollen verknipst.
Auf dem Weg zu seinem Wagen sah Ingram drei Männer vor einer der Pferdeboxen stehen. Einer davon war ein Trainer, den er kurz kennengelernt hatte, als er mit Markham und den anderen sprach. Er trug einen schweißfleckigen Hut, der in grauer Vorzeit einmal eine Form gehabt hatte. Der Weiße, mit dem er sprach, war jenseits der fünfzig, schätzte Ingram, mit maßgeschneiderter Kleidung und einem sorgfältig gestutzten silbrigen Haarschopf. Doch es war der Dritte, der Ingrams Aufmerksamkeit auf sich zog. Er stand etwas abseits, und als er näher kam, konnte er sehen, dass der Mann den Kopf in seine Richtung drehte.
»Harry, bist du das, Bruder?«
»Ben? Scheiße, du bist es wirklich.« Ingram legte seine Kamera auf einem kleinen Regal ab, auf dem Flaschen mit Einreibemittel für die Pferde standen.
Die zwei eilten aufeinander zu und umarmten sich, klatschten einander auf den Rücken.
»Seit wann bist du wieder in der Stadt?«
»Seit ein paar Wochen. Wollte schon die ganze Zeit nach dir sehen, Junge«, sagte Ben Kinslow. An den silberhaarigen Mann gewandt fügte er hinzu: »Wir waren zusammen im Einsatz, Mr. Hoyt.«
Der silberhaarige Mann nickte knapp. »Das ist doch was. Korea, ja?«
»Ja, Sir«, antwortete Ingram lächelnd. Er nahm an, der ältere Mann war Kinslows Arbeitgeber, deshalb wollte er nichts Vulgäres sagen, wenn er es vermeiden konnte.
Hoyt und der Trainer betraten die Box, die schwielige Hand des Trainers ruhte auf dem Hinterteil des Pferdes.
»Ich hab gehört, du knipst immer noch«, sagte Kinslow.
»Und du quälst noch deine Trompete?«
»Ab und zu.«
Sie hatten sich von der Box entfernt, aber Ingram hatte genug gehört, um zu wissen, dass Hoyt der Besitzer des Pferdes war, das gerade untersucht wurde. Leise sagte er zu Kinslow: »Hör zu, ich will nicht, dass du Stress mit deinem Boss kriegst. Er will sicher, dass du jede Perle der Weisheit beachtest, die aus seinem privilegierten Mund kommt.«
Kinslow lächelte und schaute zu dem Mann hinüber. »Gib mir deine Nummer. Ich ruf dich an.«
Ingram schrieb sie auf ein Blatt seines Notizblocks, riss es ab und gab es ihm. »Aber mach dich nicht immer so rar«, sagte er in seiner normalen Lautstärke.
»Niemals«, erwiderte sein Kumpel. »Her mit der Pranke.«
Sie klatschten die Hände ineinander. Ingram ging seine Kamera holen und dann weiter zu seinem Wagen. In der Nähe stand ein kohlschwarzer Lincoln Continental von 1962. Er pfiff anerkennend. Einen Anflug von Neid unterdrückend, stieg er in sein Auto und startete nach mehreren Fehlversuchen den Motor. Unterwegs hielt er an einem Münztelefon an der Imperial.
»Hi, Doris. Hast du was für deinen Lieblingslaufburschen?«
»Ich glaube ja, Harry«, sagte Doris Letrec. Er hörte, wie sie den Hörer ablegte, danach Papierrascheln, bevor sie wieder in der Leitung war. »Hab einen Scheidungsfall, eine Regressklage wegen eines Wagens und irgendeinen Rechtsstreit um eine Lkw-Ladung Kühlschränke.« Sie hielt inne, las in den Papieren weiter. »Oh, aber das ist in Glendale.«
Er unterdrückte einen Fluch. »Du hättest auch gleich Mississippi sagen können.«
»Ich weiß, was du meinst.« Letrec war weiß, aber sie wusste von weißen Orten wie Glendale. Wenn du Schwarz warst, solltest du dich dort besser nicht nach Sonnenuntergang erwischen lassen – weder von den Cops noch von den selbstgerechten Bewohnern. Ingram hatte auch bei Tag nicht vor, dorthin zu fahren, wenn es sich vermeiden ließ. »Okay, ich komm wegen der Scheidung und dem Auto vorbei.«
»Bis gleich.« Sie legte auf.
Ingram fuhr ins Stadtgebiet von L.A. zurück zu Galton Process Services & Legal Papers, einem Zustellservice für juristische Dokumente an der Grand Avenue, nicht weit von den Gerichten in der Innenstadt entfernt. Letrec, die Büroleiterin, saß am Empfang und tippte einen Bericht, als Ingram eintrat. Sie war eine Frau mittleren Alters, die mit ihrer Mitbewohnerin, einer jüngeren Bibliothekarin, in einer Gartenwohnung in East Hollywood lebte.
Sie trug eine Cateye-Brille an einer Kette und nahm sie ab, als sie von ihrer Underwood aufblickte. »Ich hab die Sachen gleich hier, Harry.« Sie reichte ihm die Papiere herüber.
»Danke.« Er warf einen Blick auf die Adressen, dann steckte er die Papiere ein.
Das Büro bestand zum größten Teil aus einer Reihe grauer Aktenschränke, ein paar Stühlen, zwei Schreibtischen – es gab einen Mann, der fürs Geschäft außerhalb der Bürozeiten von vier bis Mitternacht hereinkam – und aus einem abgetrennten Büroraum. Der hatte eine Tür mit einem großen Glaseinsatz, dahinter eine Jalousie. Wie üblich war die Jalousie heruntergelassen.
Ingram reckte das Kinn in Richtung der Tür. »Ist seine Lordschaft da?«
»Er war schon da, als ich reinkam«, sagte sie und zog eine Schulter hoch. »Er hat aber einmal den Kopf rausgestreckt, um was zu fragen.«
»Wie das Murmeltier«, sinnierte Ingram.
Tremane Galton, der Geschäftsinhaber, war britischer Abstammung, lebte aber seit seinen Zwanzigern in den Staaten, was jetzt etwas mehr als fünfzig Jahre war. Er hatte eine Agoraphobie, schaffte es aber mindestens dreimal die Woche, von seinem Haus in Frogtown ins Büro zu fahren.
Ingram wandte sich zum Gehen. »Ich sag dir Bescheid, wie es läuft.«
»Halt die Ohren steif, Harry.«
»Mich kriegt so schnell keiner klein.«
Die Brille wieder auf der Nase, warf sie ihm einen letzten Blick zu, dann begann sie wieder zu tippen.
Auf dem Weg zu seinem ersten Ziel kam Ingram an einem flott gekleideten Teenager vorbei, der an der Ecke stand und Ausgaben des Sentinel verhökerte.
»Schwarze Arbeiter bei Bethlehem Steel verlangen faire Bezahlung«, brüllte der junge Mann. »Holen Sie sich Ihren Sentinel, holen Sie sich Ihre Zeitung.«
Die Scheidungspapiere zuzustellen war nicht schwierig. Der unrasierte Mann, der auf Ingrams Klopfen hin öffnete, wischte sich den Schlaf aus den Augen. Er arbeitete Nachtschicht bei einem Tiefkühlfischhändler draußen in San Pedro.
»Mr Efrain Martinez?«, fragte Ingram freundlich.
»Ja.« Er beäugte Ingram argwöhnisch.
»Bescheid zugestellt.« Ingram hielt ihm die gefalteten Papiere hin, die seine Anwesenheit bei Gericht vorschrieben.
»Diese Puta-Schlampe«, knurrte der Mann, nahm die Papiere und brummelte noch etwas auf Spanisch und Englisch, als er die Tür zuknallte.
Das umkämpfte Auto war eine andere Sache. Die Adresse führte Harry in eine Wohnstraße, die im Norden von der Western Avenue abging. Unterwegs kam er am mit Brettern vernagelten Fox Uptown Theater vorbei. Ein paar Jahre zuvor hatte er ein Date dorthin ausgeführt, um Vincent Price in einem Kinofilm namens The Tingler zu sehen. Der Film war ziemlich zahm für einen Horrorfilm. Ingram hatte gehofft, seine Freundin würde ganz nähebedürftig werden. Stattdessen war sie noch vor der Hälfte eingeschlafen.
Etwas langsamer fuhr er an einem California Bungalow vorbei und überprüfte noch einmal die Adresse. Der fragliche Wagen stand nicht draußen, aber am Ende der Einfahrt gab es eine frei stehende Garage. Zunächst fuhr er aber die Straßen der Umgebung ab und hielt nach dem Auto Ausschau, dessen Nummernschild und andere Einzelheiten er sich eingeprägt hatte. Nachdem er nun schon seit einiger Zeit Gerichtspapiere zustellte, kannte Ingram die Tricks der Fahrer, mit denen sie Autos versteckten, für die sie noch Zahlungen schuldig waren – zum Beispiel, indem sie Nummernschilder austauschten. Er rollte an einen Buick LeSabre heran, doch Farbe und Nummernschild stimmten nicht. Er glaubte nicht, dass der Fahrer, ein gewisser Scott Jayson, den Wagen hatte neu lackieren lassen. Wenn er sich das leisten konnte, hätte er versucht, die Raten zu bezahlen.
Ingram parkte mehrere Häuser von dem Bungalow entfernt und ging zu Fuß zurück. Er warf einen kurzen Blick in die Garage. An der Doppeltür hatte man dort, wo einmal die Schlösser gewesen waren, eine Kette durchgezogen, und die war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Doch zwischen den Türen war genug Spiel, dass Ingram sie weit genug aufdrücken konnte, um mit seiner Taschenlampe hineinzuleuchten. Der LeSabre war da.
»Hey, was machst du da?«
Ingram drehte sich um und sah einen weißen Mann in Jeans, sein Hemdzipfel hing heraus. Er war mit einem Baseballschläger in der Hand zur Hintertür herausgekommen.
Ingram hob die Hand. »Ganz ruhig. Sie müssen Mr Jayson sein.« Es war nicht das erste Mal, dass ihm mit Gewalt gedroht wurde, wenn er versuchte, jemandem Papiere zuzustellen. Der Krieg hatte ihn gelehrt, mit seiner Angst umzugehen.
»Worum geht’s?«
»Ihr Wagen ist Gegenstand einer Klage, und ich bin hier, um Ihnen Dokumente dazu von Triton Auto Sales zuzustellen.« Er hatte außerdem gelesen, dass der Betreiber der Gebrauchtwagenfirma Jaysons Schwager war.
»Für Triton arbeiten keine Farbigen.«
»Ich werde für den Lieferservice bezahlt.«
»Na, dann stell mir die Pizza in die Küche und schneid sie schon mal vor.« Der Mann kicherte.
»Kein Grund, unhöflich zu werden.«
Jayson kam schlägerschwingend näher. »Und was machst du, wenn ich’s doch tue? Was, wenn ich dir mit dem hier ’ne Lektion erteile, dich nicht in Sachen einzumischen, die dich nichts angehen? Wie wäre das … Boy?«
»Das wäre ein Fehler, Mr Ofay*.«
Jason riss die Augen auf, als hätte er eine Ohrfeige bekommen. »Was hast du grade gesagt?«
Er schwang den Schläger, und Ingram drehte sich ein, sodass die Hauptkraft des Schlags seinen Arm traf. Es tat weh, aber er blieb konzentriert. Er hielt den Schläger fest und schlug Jayson gleichzeitig mit seiner freien Hand.
»Was fällt dir ein, Nigger?«, knurrte der andere Mann, stolperte rückwärts, ließ dabei aber den Schläger nicht los.
Ingram ließ sich vom Schwung des anderen Mannes mit ihm zusammen weitertragen, sein Muskelgedächtnis holte das rudimentäre Jiu-Jitsu hervor, das er irgendwann einmal gelernt hatte. Jayson zielte mit der Faust auf Ingrams Kinn, doch der wich aus und der Schlag streifte ihn nur. Ingram stellte den Fuß hinter Jaysons Hacke und stieß ihn. Damit landeten sie beide auf dem Boden, Ingram so hart, wie er konnte auf dem anderen Mann.
»Geh runter von mir, verdammt!«
Sie rangen um den Schläger, rollten sich auf dem Boden herum. Ingram rammte Jayson den Ellbogen ins Gesicht, was den benommen machte. Ein wütender Jayson ließ den Schläger los, legte beide Hände um Ingrams Hals und würgte ihn.
»Ich werd dich lehren, Nigger!«
Ingram streckte sich flach auf dem Rücken aus, und als Jayson ihm den Hals zudrückte, schaffte es der Teilzeit-Gerichtszusteller, ein Knie gegen Jaysons Brustbein zu stemmen und sich mit ihm zu drehen. Ingram sprang auf, schnappte sich den Schläger. Die Brusttasche seines Jacketts war ausgerissen.
Jayson stemmte sich auf ein Knie hoch. »Den solltest du besser weglegen. Ich lass dich verhaften, darauf kannst du dich verlassen.«
Ingram war sauer genug, ihn zu schlagen, fürchtete aber, ihn ins Krankenhaus zu schicken, womit er selbst schnell im Knast landen würde. Wenn bei der Zeugenaussage das Wort eines Schwarzen gegen das eines Weißen stand, welche Chance hatte er dann vor einem sogenannten ordentlichen Gericht? Dennoch. Er rammte Jayson das andere Ende des Schlägers in den Magen.
»Du Hurensohn!«, keuchte der Mann vornübergebeugt und hielt sich die Mitte.
Ingram packte ihn am Hemdkragen und stellte ihn auf. »Hör zu, du Weißbrot, wenn ich wiederkommen muss, zünde ich deinen Buick an, und du wirst nie beweisen können, dass ich es war. Dann hast du richtig Schulden.« Er ließ ihn los und warf ihm den Gerichtsbeschluss vor die Füße. »Dokument zugestellt, Arschloch.«
»Was ist mit meinem Schläger?«
»Was ist damit?« Ingram machte eine Bewegung auf ihn zu und Jayson zuckte zurück. Ingram lachte schroff, dann drehte er sich und warf den Schläger mit Kraft durch ein geschlossenes Schlafzimmerfenster. »Da hast du ihn.«
Und weg war er. Sein Bein zitterte.
Als er im Auto saß, bebte er am ganzen Leib und umklammerte mit Tränen in den Augen das Steuer. Jayson war ihm scheißegal. Er wusste, es war die Gewalt, die ihn verfolgte. Der Krieg wollte ihn nicht loslassen.
Nach ein paar Minuten ging es ihm wieder besser. Mit ruhiger Hand steckte er den Schlüssel in die Zündung, startete den Wagen und fuhr davon.
• • •
Shoals Pettigrew schloss seinen Laden ab, als sich die Dämmerung herabsenkte. Ein neuerer Buick LeSabre in trister Farbe fuhr vor und parkte. Heraus stieg ein ziemlich junger weißer Mann in Hemdsärmeln und mit Krawatte. Mit einem Diplomatenkoffer in der Hand betrat er das Eisenwarengeschäft Shop Rite.
»Guten Abend, Mr Pettigrew«, sagte er.
»Mr Westmore«, erwiderte der Besitzer mit einem knappen Nicken.
Der Mann stellte seine Tasche auf den Tresen. »Wie ich schon am Telefon erwähnte, freut sich die Vereinigung, die ich vertrete, der Kirche eine weitere Spende für den Baufonds zukommen zu lassen.« Er ließ die Schlösser des Diplomatenkoffers aufschnappen und hob den Deckel an. Dann zog er einen versiegelten Umschlag heraus, den er vor Pettigrew hinlegte, und klappte seinen Koffer wieder zu. »Wie auch die letzten Male wünschen wir keine übertriebene Zeremonie. Eine Erwähnung von der Kanzel kommenden Sonntag genügt vollkommen.«
»Ja, Sir.«
»Ich wünsche Ihnen einen guten Abend.«
»Ebenfalls.«
Der Mann verließ das Geschäft und fuhr davon.
Pettigrew, Leiter des Bauausschusses seiner Kirche, der Ward African Methodist Episcopal, war von seinem Pastor mit der Aufgabe betraut worden, diese speziellen, von Westmore überbrachten Spenden entgegenzunehmen. Die Finanzspritzen waren an gewisse Vereinbarungen gebunden. Durch die Mittel wurden Kirchengelder für Messstipendien und Ähnliches frei. Die Stipendien wiederum flossen als Beiträge Einzelner in bestimmte, vorher festgelegte politische Aktionen in Schwarzen Stadtvierteln. Die Steuergesetze untersagten Kirchen direkte politische Spenden. Momentan war das Geld für Tom Bradleys Stadtratswahlkampf bestimmt. Es war nicht der Pastor gewesen, der Pettigrew erklärte, wie das lief, sondern eine ehemalige Gemeindesekretärin, mit der er eine Zeit lang ausgegangen war. Was die Bücher anbelangte, war alles einwandfrei und legal.
Und Pettigrew war der Meinung, wenn in der weißen Welt auf diese Art Geschäfte gemacht wurden, warum dann nicht auch in seiner Kirche, die schließlich Gutes für die Gemeinschaft tat? Dazu gehörte auch Bradleys Wahl.
Er schloss den Laden ab. Den Umschlag nahm er mit.
* Schimpfwort für Weiße
Ingrams Army-Kumpel Ben Kinslow meldete sich wirklich und lud ihn zu einer Party in Sugar Hill ein, einer Wohngegend im Stadtteil West Adams mit Häusern im Queen-Anne- und Beaux-Arts-Stil. Der Name Sugar Hill, eine Huldigung des ursprünglichen Sugar Hill in Harlem, war dieser Wohngegend von wohlhabenden Schwarzen verliehen worden: von Ärzten, Anwälten und Besitzern von Geschäften an der Central Avenue. Berühmtheiten wie Hattie McDaniel und Eddie »Rochester« Anderson besaßen hier Häuser. Sie und andere Schwarze Schauspieler wurden auf den großen Leinwänden und den kleinen Bildschirmen oft mit stereotypen Rollen wie Hausmädchen und Diener abgespeist, aber in Sugar Hill schätzte man sie dafür, dass sie Schranken niederrissen.
Doch selbst hier entkam man den Angriffen einer weiß dominierten Bürokratie nicht. Der Santa Monica Freeway, mit dessen Bau man 1957 begonnen hatte, sollte am Ende den Ozean erreichen. Er hatte eine erhebliche Schneise durch das Wohngebiet geschnitten. Trotz des gemeinsamen Versuchs der Anwohner, seinen Verlauf zu ändern, waren dafür Wohnhäuser enteignet und eingeebnet worden.
Kinslow war noch nicht da, aber Ingram, daran gewöhnt, ein Eindringling zu sein, war völlig unbefangen. Er stand in der geräumigen Küche eines dreistöckigen viktorianischen Hauses und packte Chips auf den Pappteller, auf dem er bereits ein Salamisandwich gestapelt hatte. Er verzog das Gesicht, sein geprellter Arm schmerzte, wo er den Schläger abbekommen hatte. Auf dem Tisch neben den Snacks standen ein paar Flaschen harter Alkohol, unter anderem Old Grand-Dad und Wild Irish Rose. Bier gab es in einem Waschzuber voll Eis auf dem gefliesten Boden. Die Hintertür stand offen, und Gäste plauderten im Hof – den man bei einem derartigen Haus vermutlich den Garten nannte. Irgendwann einmal hatte ihm die betuliche Charlotta Bass, ehemalige Herausgeberin des California Eagle, erzählt, damals in den Zwanzigern, als die Anwohner größtenteils weiß waren, sei manch eines der ehrwürdigen Domizile in dieser Gegend Schauplatz von Orgien gewesen. Mit einem prüfenden Blick in die ethnisch gemischte, aber gesetzte, freundlich plaudernde Menge dachte er sich, die Leute würden an diesem Abend wahrscheinlich nicht mehr allzu viele Hemmungen fallen lassen. Nur für den Fall hatte er aber eine Kamera im Kofferraum.
»Harry, wie läuft’s?«
Ingram schaute in ein vertrautes Gesicht. »Johnny, hey, wie geschmiert, Baby.«
»Das hab ich gehört.« Sie schüttelten sich kräftig die Hand.
Johnny Otis war Vibraphonist und Bandleader und irgendwann einmal Mitbesitzer eines Nachtclubs in Watts namens Barrelhouse gewesen. Er war griechischer Abstammung, bekundete aber oft, er sehe sich als Schwarzer und identifiziere sich mit dem Kampf der Schwarzen für Gerechtigkeit. Die beiden verließen die Küche, um sich zu unterhalten.
»Ich spiele einen Spenden-Gig für Bradley, wenn du vorbeikommen und ein paar Bilder machen möchtest«, sagte Otis und kaute geräuschvoll eine Handvoll Chips.
»Aber sicher. Wann und wo?«
»Das Datum steht noch nicht fest, weil der Reverend in die Stadt kommt und Toms Leute helfen, den Abend klarzumachen. Aber wahrscheinlich nur ein paar Wochen danach.« Er fügte hinzu: »Ich versuche, King Cole dazu zu bringen, dass er auch vorbeikommt und auftritt.«
»Habt ihr schon überlegt, wo ihr’s machen wollt?«
»Oh ja.« Otis rieb seine jetzt leeren Hände aneinander, um seine Chipskrümel loszuwerden. »Das Hotten Tot hat sich für die Benefizveranstaltung angeboten.«
»Er hat ’ne Chance, oder?«
»Müsste. Verdammt, er wird vielleicht unser erster Schwarzer Bürgermeister, wenn er die Wahl gewinnt.«
»Scheiße, wir sind hier in L.A., Johnny.«
Sie lachten beide. Otis drehte leicht den Kopf, ließ den Blick durch den Raum wandern, dann tippte er Ingram auf den Arm und zeigte in eine Richtung.
»Komm, ich stell dir die Mieze da vor, die hat’s drauf.«
»Die Große?« Die Frau hatte schulterlange schwarze Haare, sprach mit einem Mann und warf gerade lachend den Kopf zurück.
»Ja, komm mit.« Otis hob die Hand. »Hey, Anita.«
Die Frau schaute herüber, als Ingram und Otis sich durch ein Gästeknäuel schlängelten. Sie kamen an zwei der Dandridge-Schwestern vorbei, Dorothy und Vivian, und Otis sagte Hallo.
Als sie bei der Frau ankamen, sagte Otis: »Harry Ingram, das hier ist Anita Claire.«
»Hallo«, grüßte sie Ingram. Sie deutete auf ihren Begleiter, einen älteren Weißen mit Brille und einem kastenförmigen Sakko, und sagte zu dem Bandleader: »Das ist Frank Wilkerson, du hast vielleicht von ihm gehört.«
»Mann, ja, Sir, hab von Ihnen gehört und steh echt auf Sie.« Otis wandte sich an Ingram. »Der Junge war für uns arme Leute ganz vorn mit dabei während der Immobilienkrise.«
»Ich weiß. Wir sind uns ein paarmal begegnet.«
Wilkerson betrachtete Ingram. »Wo?«
»Die Bürgerrechtskundgebung im 5-4 Ballroom«, antwortete Ingram. »Das war direkt nachdem Sie aus dem Knast kamen, weil Sie sich gegen den Kongress gestellt hatten, ich erinnere mich, dass Sie das erwähnt haben. Ich war dort und habe Fotos gemacht.« Wilkerson war einer der Sprecher auf der Veranstaltung gewesen. Ingram wusste, dass ein Fotograf ähnlich wie ein Kellner wahrgenommen wurde, oder wie jemand, der den Boden wischte: sichtbar, aber unsichtbar, das Gesicht zusätzlich oft von der Kamera verdeckt.
»Ah, natürlich«, sagte Wilkerson, wirkte aber nicht, als erinnerte er sich.
»Anita arbeitet in Toms Wahlausschuss. Sie ist ein Genie, was Zahlen und Statistiken angeht, solche Sachen.« Otis strahlte sie an.
»Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte Ingram.
»Ebenso«, erwiderte sie.
Ingram wollte sie nicht anstarren. Sie erschien ihm selbstsicher, und wenn sie sich mit Zahlen auskannte, war sie auch klug. Ingram hatte schmerzhafte Erinnerungen an seine Versuche, in der Highschool Textaufgaben zu lösen, all die Züge, die mit verschiedenen Geschwindigkeiten von entgegengesetzten Bahnhöfen losfuhren. Hätte er eine Lehrerin gehabt, die aussah wie sie, wären seine Gedanken aber natürlich so oder so nicht bei Algebra gewesen.
Er kehrte in die Umlaufbahn des Gesprächs zurück, das die anderen drei darüber führten, welche Pläne Tom Bradley möglicherweise umsetzen wollen würde, falls er gewählt wurde.
»Seine Hauptsorge sollte sein, die verdammten Cops vom Parker Center im Zaum zu halten«, sagte Otis.
»Amen dazu«, erwiderte Ingram.
»Als Tom im Department Captain wurde«, begann Wilkerson, »wollte kein weißer Streifenpolizist einen farbigen Mann als seinen Boss akzeptieren. Er bekam die Nachtschicht, ein Trupp von mexikanischen und Schwarzen Officers.«
»Wir haben noch einen langen Weg vor uns«, warf Otis ein.
Die anderen beiden nickten.
Als er später herumlief, fing Ingram ein Gespräch mit einem Weißen namens Eddie Burrows an, der freiberuflich für die Zeitschrift The Nation berichtete. Er trug kurze Ärmel, und seine ziemlich langen Haare waren ungepflegt.
»Ich berichte bei der Kundgebung über King«, erzählte er Ingram.
»Das ist toll.« Ingram hatte nicht erwähnt, was er beruflich machte. Er wollte nicht wirken, als wolle er unbedingt über die Kundgebung berichten, auch wenn es so war.
»Ich denke, der Marsch auf Washington wird ein Wendepunkt, was meinen Sie?«
»Vielleicht. Aber die Reaktion auf jede Vorwärtsbewegung, die wir Farbigen je versucht haben, ist ja bisher meistens, dass diese Weißbrote sich gegen alles stemmen, weil sie das Leben behalten wollen, das ihnen gefällt.«
»Das ist irgendwie zynisch, oder?«
»Oder einfach eine realistische Feststellung.«
Burrows nickte. »Und was tun Sie so, Harry?«
Am Ende tauschten sie Karten, und Burrows sagte, er wolle sehen, ob er Ingram für die Kundgebung unterbringen könne. The Nation hatte es nicht so mit Fotos, aber das hier war ein besonderes Ereignis, ein Probelauf für August.
»Könnte natürlich sein, dass Sie dann aussehen wie ein Roter«, sagte Burrows. »Wenn Sie mit den Leuten rumhängen, die ich kenne.«
»Mir wurde schon Schlimmeres vorgeworfen.«
Kurz darauf war Ingram draußen und plauderte mit Ben Kinslow, der endlich aufgetaucht war. Von drinnen mischten sich Piano-Riffs mit der warmen Abendbrise. Er und Kinslow tranken großzügig von dem Old Grand-Dad aus der Küche.
»Ich glaub nicht, dass ich noch lange für Hoyt arbeite.« Kinslow zwinkerte Ingram zu. Die beiden saßen auf ausgeblichenen Adirondack-Stühlen im hinteren Teil des ummauerten Gartens. An einer Wäscheleine hingen zur Dekoration aus buntem Papier ausgeschnittene Buddhas und Tag-der-Toten-Masken.
»Verlegst du dich wieder in Vollzeit aufs Trompetenspiel?«
»Vielleicht – das heißt, vielleicht hab ich bald mehr Zeit, meinen Ansatz zu üben.«
»Was meinst du damit?«
Kinslow sagte: »Ich red nur so vor mich hin. Die großen Träume, die wir hatten, als wir in einem Schützenloch saßen und versuchten, uns nicht in die Hose zu scheißen.«
»Du wolltest einen eigenen Club aufmachen.«
»Richtig«, stimmte Kinslow zu. Das war der Grund gewesen, warum er das erste Mal nach L.A. gekommen war. Er hatte es mehr als einmal fast geschafft, aber der Plan war dann doch nie aufgegangen. Kinslow lehnte sich zurück und beschrieb mit den Händen einen Bogen in der Luft, als enthüllte er einen Schriftzug. »Wie gefällt dir der Name Club Central? Du kannst der Hausfotograf werden, Harry.«
»Das weiß ich zu schätzen«, sagte Ingram und nahm noch einen Schluck. Ein groß gewachsener Mann mit rotblonden Haaren lachte schallend auf. Eine Frau hielt ihm kichernd die Hand vor den Mund, um ihn zu beruhigen. Die zwei alten Freunde ließen das Schweigen nachklingen, den Blick auf die Scherenschnitte gerichtet, die vor ihnen baumelten, dann ergriff Kinslow wieder das Wort.
»Hast du dich je gefragt, wie sie aussah?«
»Wer?«
»Deine Freundin, Seoul City Sue«, sagte er.
»Du warst derjenige, der abends im Bett davon geträumt hat, sie in den Armen zu halten, Loverboy.«
Seoul City Sue war während des Krieges der Name der Sprecherin eines Propagandasenders aus Pjöngjang im Norden gewesen. Sie hatte eine samtige Stimme und erklärte den G.I.s liebevoll, dass ihre Sache aussichtslos sei, las die Namen von den Hundemarken toter amerikanischer Soldaten vor und spielte Platten wie I’ll Be Seeing You. Viele hörten sie einfach wegen ihrer beruhigenden Stimme und dachten dabei an das Mädchen, das sie in den Staaten zurückgelassen hatten. Darum ging es natürlich, aber soweit Ingram wusste, lief niemand ihretwegen über.
»Sie war keine Asiatin«, sagte er.
»Doch, war sie. Ich hab Bilder gesehen«, erwiderte Kinslow.
Ingram hob eine Schulter. »Das war auch nur dummes Gerede von den Roten, Mann. Sie war nicht nur keine Asiatin, sie war auch so weiß, wie’s nur geht. Sogar noch weißer als du.«
»Du glaubst, nur weil ich beduselt bin, kannst du mir Blödsinn erzählen?« Kinslow leerte sein Glas und stellte es neben seinem Stuhl ab.
»Nee, sie war eine Methodistin aus Arkansas.«
»Woher weißt du das, bist du Criswell?«
Ingram hob die Hände und wiegte den Oberkörper. »Ich sehe alles und ich weiß alles.« Dann fügte er hinzu: »Hab ich in der Saturday Evening Post gelesen.«
»Ehrlich?«
»Ehrlich. Sie lebt immer noch dort in Nordkorea.«
»Natürlich. Wär sie heimgekommen, wär sie wegen Landesverrats erschossen worden.«
»Das ist der kleine Haken dabei.«
»Und wie sieht sie aus? Ist sie ’ne Wucht?«, fragte Kinslow.
»Würdest du dein Land für ’nen hübschen präsentierten Knöchel verkaufen, Junge?«
Kinslow nahm den Tonfall eines befehlshabenden Offiziers an: »Patriotismus oder Pussy, Soldat. Was wäre Ihre Wahl?«
»Kein Wunder, dass ich es kaum durch den Krieg geschafft hab.« Ingram hatte es leichthin sagen wollen, doch seine Worte klangen matt.
Kinslow tätschelte ihm die Schulter.
Irgendwann verzogen sie sich wieder nach drinnen. Kinslow sagte nichts weiter über seine Pläne. Er hatte seine Trompete mitgebracht, die er auf einer Einbauanrichte unter einem impressionistischen Gemälde verstaut hatte. Joe Sample, ein Musiker, den Ingram mit einer Gruppe namens Jazz Crusaders in den Clubs der Stadt gesehen hatte, improvisierte einen Song. Nat King Cole stand etwas abseits hinter ein paar anderen, die Hände in den Taschen, den Fedora nach hinten geschoben, und nickte im Takt.
Kinslow hatte seine Trompete ausgepackt, wartete und wippte mit dem Fuß im Takt, während er die Muster heraushörte, die sich in der scheinbaren Nichtstruktur der Musik versteckten. Er hielt sich fast eine Minute zurück, bewegte die Finger auf den Tasten, hob das Instrument aber nicht an die Lippen. Er stimmte ein, als Sample anfing, ein schnelles Tempo zu trommeln. Gemeinsam arbeiteten sie sich in einen Song vor, der melodiös war und mitreißend. Ingram stand am Rand und genoss einfach, was die beiden da hinlegten. Dann gesellte sich Johnny Otis dazu, improvisierte mit Löffeln auf dem Boden eines geleerten Metallmülleimers subtile Synkopierungen. Der Groove ging noch ungefähr zwanzig Minuten weiter. Als sie aufhörten, gab es lebhaften Applaus. Das temporäre Trio verneigte sich, und die Gespräche im Salon wurden wieder lauter.
»Ich habe Sie und den Trompeter vorhin miteinander sprechen sehen.« Anita Claire war hinter ihn herangetreten.
Was? Hatte sie ihn etwa im Auge? Mit neutralem Gesichtsausdruck antwortete er: »Yeah, wir waren zusammen in Korea.«
»Verstehe. Einer meiner Cousins war auch dort.«
»Wie hat er es verkraftet?«
»Er hat es nicht nach Hause geschafft.«
»Tut mir leid, das zu hören.«
»Ich wollte nicht trübsinnig sein.«
»Könnte auch an den Zeiten liegen, Anita. Als ich von drüben wiederkam, dachte ich mir, ich und all die anderen Schwarzen Soldaten würden Anerkennung dafür bekommen, dass wir für die Demokratie und alles geblutet haben. Wie hätte uns Mr Charlie an der Heimatfront verweigern können, was uns rechtmäßig zustand?«
»Aber dann war es dasselbe wie immer.«
»Was für eine Überraschung.«
»Holen wir uns was zu trinken.«
»Ich gehe was essen. Ich glaube, ich habe mein Limit erreicht. Beim Plaudern mit Ben, meine ich. Sonst trinke ich nicht so viel.«
Sie wandte sich in Richtung Küche. »Sehe ich für Sie wie eine Nonne aus, Harry?«
Ihm wäre beinahe herausgerutscht: »Nein, Ma’am, Sie sehen traumhaft aus«, er schaffte es aber, sich zu bremsen. Stattdessen ertappte er sich bei einem peinlichen Glucksen und wie er sagte: »Das klingt nach einer Fangfrage.«
Als er ihr folgte, bemerkte er, dass er wieder ein bisschen nüchterner war. Aus dem Augenwinkel erspähte er Kinslow, der mit Sample und Vivian Dandridge sprach.
In der Küche befanden sich zu späterer Stunde nicht mehr so viele Gäste. Aber eine weiße Frau in einem grünen Swingkleid mit Augen, die zu ihrem Aufzug passten. Claire legte ihr den Arm um die Taille, während die andere Frau weiter einen Drink mixte.
»Das ist meine Joggingfreundin Judy Berkson«, sagte Claire zu Ingram. Die beiden Frauen strahlten einander an.
»Freut mich, Sie kennenzulernen.« Er streckte die Hand aus. Sie schüttelte sie mit Nachdruck.
»Prost.« Berkson stieß mit Claire an und verließ die Küche.
Claire holte sich ein Bier aus der Wanne, die jetzt hauptsächlich voller Wasser war. Er reichte ihr einen Flaschenöffner.
»Also, was tun Sie so, wenn Sie nicht gerade einem Kandidaten zur Wahl verhelfen?«
»Ich bin Aushilfslehrerin. Ich unterrichte Algebra und Geometrie an Highschools und ein paar Community Colleges. Aber ich arbeite in letzter Zeit mehr für Bradley.«
»Wie funktioniert das in der jetzigen Lage?«
»Ich suche nach Mustern und arbeite Profile aus. Die Wählerdichte in einem Gebiet – ich schlüssle es nach denen auf, die zur Kirche gehen, zum Eltern-Lehrer-Ausschuss und so weiter. Das ist langweiliges Gerede über die Arbeit, aber Sie haben gefragt.«
»Nein, ich steh drauf. Sie schlüsseln also auf, wie einzelne Wählergruppen wählen?«
»Genau. Letzten Endes ermittle ich, was sie dazu bringt, rauszugehen und zu wählen. Diese Zigarren rauchenden weißen Kerle in den oberen Rängen der demokratischen Partei im Bundesstaat stellen sich vor, es würde reichen, einen Schwarzen Kandidaten aufzustellen, um Farbige an die Wahlurnen zu bringen. Was zugegebenermaßen bis zu einem gewissen Punkt auch zutreffend ist.«
Ingram nickte. »Aber wir denken nicht alle gleich. Ein Mechaniker hat wahrscheinlich andere Sorgen als eine Bibliothekarin.«
»Ganz genau.« Sie lächelte ihn an. »Eigentlich geht es darum, Informationen zusammenzustellen, um Verhalten vorherzusagen. Beim Stadtratswahlkampf ist es enger gefasst, aber Kennedy hat für seinen Wahlkampf einen Computer benutzt, um diese Art von Informationen zu sammeln und zu nutzen.«
»Wirklich?«
»Yep. Wir sitzen alle im selben Boot, aber wir rudern nicht immer in dieselbe Richtung.«
»Wie die Unterschiede zwischen Kings Ansatz und dem, worum es Malcolm X geht?« Ein Jahr zuvor hatten die Cops die Zentrale der Black Muslims oder die Moschee, wie sie sie nannten, auf dem South Broadway beschossen und dabei einen Mann getötet und einen weiteren gelähmt. Daraufhin war Malcolm X in die Stadt gekommen und hatte im Statler-Hilton eine feurige Pressekonferenz gegeben. Ingram hatte für den Herald Dispatch von der ganzen Sache berichtet.
»In welche Richtung tendieren Sie, Harry?« Ihre Frage holte ihn in die Gegenwart zurück.
