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Harriet Beecher Stowes Werk 'Onkel Toms Hütte' ist ein bahnbrechender Roman, der die Abgründe der Sklaverei im Amerika des 19. Jahrhunderts gnadenlos aufzeigt. Der Roman erzählt die Geschichte von Onkel Tom, einem gutherzigen Sklaven, der trotz aller Widrigkeiten seine Menschlichkeit bewahrt. Stowe verwendet einen realistischen Erzählstil, der den Leser direkt in die Geschehnisse hineinzieht und eine starke emotionale Reaktion hervorruft. Durch die detaillierte Darstellung der Grausamkeiten der Sklaverei setzt Stowe ein starkes politisches Statement gegen die Institution ein und trug maßgeblich zur Abolitionistenbewegung bei. 'Onkel Toms Hütte' ist ein literarisches Werk von großer gesellschaftlicher Bedeutung und historischem Wert. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 762
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Ein Mensch wird zur Ware – und eine Nation muss sich entscheiden. Diese zugespitzte Konstellation trägt Onkel Toms Hütte, einen der wirkmächtigsten Romane des 19. Jahrhunderts. Das Buch konfrontiert Leserinnen und Leser mit der Frage, wie persönliches Gewissen, religiöse Überzeugung und staatliches Recht miteinander in Konflikt geraten können, wenn ein ganzes System auf der Entmenschlichung von Menschen beruht. Es erzählt nicht abstrakt, sondern über Schicksale, Begegnungen und Entscheidungen. Gerade in dieser Verbindung von moralischer Dringlichkeit und erzählerischer Anschaulichkeit liegt die Kraft des Werkes, das sein historisches Thema als unmittelbare Gegenwart erfahrbar macht.
Harriet Beecher Stowe, US-amerikanische Autorin aus einem reformerisch geprägten Umfeld, veröffentlichte Onkel Toms Hütte zunächst 1851–1852 als Fortsetzungsroman in der abolitionistischen Zeitung The National Era. 1852 erschien der Text als Buch und fand rasch eine gewaltige Leserschaft. Entstanden ist er im Klima erhitzter Debatten um die Sklaverei in den Vereinigten Staaten, verschärft durch das Fluchthilfegesetz von 1850, das die Verfolgung Geflohener national ausweitete. Stowe richtet ihren Roman an ein breites Publikum und verbindet literarische Mittel mit politischer Intervention – ein bewusstes Projekt, das das Lesen selbst als Form des Handelns versteht.
Im Zentrum steht ein versklavter Mann namens Onkel Tom, dessen Leben durch ökonomischen Druck und fremde Verfügungsgewalt eine entscheidende Wende nimmt. Parallel begleitet der Roman weitere Figuren, darunter eine Mutter mit ihrem Kind, die vor dem Zugriff der Behörden flieht. Die Handlung verknüpft unterschiedliche Regionen und Milieus, um das Netzwerk aus Gesetz, Markt und privater Moral sichtbar zu machen. Ohne vorzugreifen: Es ist eine Reise durch Orte der Hoffnung und der Bedrohung, durch Häuser, Felder und Städte, in denen Loyalität, Glauben, Angst und Mut zu täglichen Prüfsteinen werden.
Dass Onkel Toms Hütte als Klassiker gilt, verdankt sich nicht allein seiner historischen Wirkung, sondern auch seiner literarischen Gestaltung. Der Roman vereinte Moraldrama und Unterhaltung in einer Form, die Millionen erreichte, und machte das Leid der Versklavten für Leserinnen und Leser, die fern vom System lebten, konkret. Er prägte internationale Debatten, wurde früh in viele Sprachen – darunter Deutsch – übersetzt und löste Leserunden, Predigten, Vorträge und Gegenpublikationen aus. Diese Breitenwirkung, gepaart mit einer klaren ethischen Anrufung, macht das Buch zu einem Schlüsseltext moderner Öffentlichkeit.
Stowe greift auf Strategien der sentimentalen und häuslichen Literatur zurück, um Empathie als politisches Gefühl zu mobilisieren. Sie führt intime Innenräume vor, in denen familiäre Bindungen, Fürsorge und religiöse Praxis Bedeutung erhalten, und setzt sie in Kontrast zu Märkten, Gesetzen und Gewalt. Der Roman arbeitet mit wechselnden Perspektiven und Schauplätzen; er nutzt Pathos, Ironie, Dialog und erzählerische Kommentare, um Einsicht und Anteilnahme zu erzeugen. Diese Komposition, die Privatheit und Politik verschränkt, war innovativ und wirksam: Sie machte moralische Argumente sinnlich erfahrbar, ohne auf analytische Klarheit zu verzichten.
Der Einfluss des Werkes reichte weit über den Literaturbetrieb hinaus. Es kursierte in Lesekreisen, Kirchen und politischen Vereinen, befeuerte Pamphlete und Reden und stand am Beginn einer Welle von Bühnenbearbeitungen, die das Thema weiteren Publikumsschichten nahebrachten. Zugleich rief das Buch scharfe Gegenreaktionen hervor: Verteidigungsschriften der Sklaverei, Gegenromane und polemische Zurückweisungen zeugen davon, wie sehr es neuralgische Punkte traf. Man sollte seine Wirkung nicht vereinfachen, doch unstrittig ist, dass Stowes Erzählung die öffentliche Auseinandersetzung intensivierte und moralische Maßstäbe in ein breites Gespräch einspeiste.
Die lange Rezeptionsgeschichte umfasst Bewunderung und Kritik. Spätere Leserinnen und Leser problematisierten stereotype Darstellungen und paternalistische Tendenzen, und der Name Onkel Tom wurde in der Populärkultur verzerrt und missbräuchlich verwendet. Solche Einwände sind wichtig, um historische Repräsentationen differenziert zu betrachten. Zugleich lässt sich zeigen, wie Stowe innerhalb der ästhetischen Register ihrer Zeit die Menschenwürde betont und die Verantwortung Einzelner wie Institutionen adressiert. Eine kritische Lektüre, die Kontext und Intention zusammenliest, offenbart die Komplexität eines Textes, der beides ist: Kind seiner Zeit und bleibende Herausforderung.
Die Illustrierte Ausgabe knüpft an eine frühe Tradition an: Schon die erste Buchausgabe wurde mit Holzstichen von Hammatt Billings begleitet, die das Gelesene visuell verdichteten und Lektürerhorizonte prägten. Bilder rahmen Szenen, lenken Blicke auf Gesten und Kontraste und verstärken die emotionale Dramaturgie. Sie vermitteln, wie der 19. Jahrhundert-Lesekosmos Text und Bild zusammendachte. Diese Ausgabe lädt dazu ein, den Dialog von Wort und Bild als Teil der Wirkungsgeschichte zu sehen – und zugleich aufmerksam zu bleiben für die Bildcodes ihrer Entstehungszeit, die historische Vorstellungen spiegeln und interpretatorische Spielräume öffnen.
Thematisch kreist der Roman um Gewissen und Gesetz, Freiheit und Unfreiheit, Familie und Zerreißprobe, Glauben und Handlung. Er zeigt, wie ökonomische Interessen Beziehungen deformieren, wie Institutionen Privates durchdringen und wie Solidarität Handlungsspielräume schafft. In häuslichen Szenen, auf Wegen, Märkten und an Grenzlinien werden Normen auf die Probe gestellt. Dabei arbeitet der Text heraus, dass Mitleid allein nicht genügt: Es braucht Urteilsvermögen, beharrliche Praxis und den Mut, Konsequenzen zu tragen. Diese ethische Topografie verleiht dem Werk seine anhaltende argumentative Spannung.
Stowes Erzählweise zeichnet sich durch zugängliche Sprache, illustrative Beispiele und eine Erzählinstanz aus, die das Publikum direkt anspricht, ohne die Figuren zu übertönen. Detailbeobachtungen verbinden sich mit dramatischen Zuspitzungen; Kontraste schaffen Klarheit, ohne die Ambivalenzen des Alltags zu leugnen. Die Struktur mit verschränkten Handlungsfäden ermöglicht es, Erfahrungen verschiedener Personen und Orte nebeneinander sichtbar zu machen und so das Systemhafte der Sklaverei aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Aus dieser formalen Anlage erwächst eine Dynamik, die den Text bis heute lebendig hält.
Die Aktualität des Buches liegt nicht in einer eins-zu-eins-Übertragbarkeit, sondern in seinen Fragen: Wie verhalten sich Gesetz und Gerechtigkeit? Welche Verantwortung tragen Einzelne innerhalb ungerechter Strukturen? Wie entstehen Empathie und Zivilcourage? In einer Welt, in der Menschenhandel, Zwangsarbeit und rassistische Ausgrenzung fortbestehen, bietet der Roman einen Spiegel, der historische Distanz und Gegenwartsbezug zusammendenken lässt. Er ermutigt zu kritischem Lesen, zu historischer Aufklärung und zu der Einsicht, dass literarische Imagination gesellschaftliche Horizonte erweitern kann.
Onkel Toms Hütte ist deshalb heute noch relevant, weil es die moralische Vorstellungskraft herausfordert und die Verbindung von Gefühl und politischer Einsicht ernst nimmt. Als Klassiker behauptet es seinen Rang durch erzählerische Kraft, argumentative Klarheit und die Fähigkeit, Debatten über Recht, Verantwortung und Menschlichkeit zu entfachen. Eine Illustrierte Ausgabe verstärkt diese Wirkung, indem sie die historische Bildsprache sichtbar macht und die Lektüre um eine weitere, reflektierende Ebene bereichert. Wer dieses Buch aufschlägt, betritt einen Raum, in dem Vergangenheit zu sprechen beginnt – und die Gegenwart antworten muss.
Harriet Beecher Stowes Roman Onkel Toms Hütte, erstmals 1852 erschienen, verortet seine Handlung im amerikanischen Süden vor dem Bürgerkrieg und konfrontiert Leserinnen und Leser mit dem System der Sklaverei. Im Mittelpunkt steht der gütige, gläubige Onkel Tom, der auf der Farm der Familie Shelby lebt. Finanzielle Not zwingt den Plantagenbesitzer, Menschen zu verpfänden, wodurch sich ein Entscheidungsdruck aufbaut, der die gesamte Gemeinschaft betrifft. Von Beginn an verwebt der Text private Bindungen, wirtschaftliche Zwänge und religiöse Überzeugungen. Der Roman entfaltet sich als Doppelgeschichte von Flucht und Verkauf, die in wechselnden Schauplätzen moralische Konflikte sichtbar macht.
Als der Schuldenberg des gutmütigen, aber kompromissbereiten Mr. Shelby wächst, verkauft er widerstrebend den kleinen Harry und den zuverlässigen Onkel Tom an den Sklavenhändler Mr. Haley. Die Entscheidung zerreißt Familienbande und legt die moralischen Bruchlinien eines Systems frei, das Menschen zu Ware macht. Eliza, Harrys Mutter und eine versklavte Hausangestellte, wird zufällig Zeugin des geplanten Verkaufs und erkennt, dass ihr Sohn unmittelbar bedroht ist. Zwischen Loyalität gegenüber den Shelbys und dem Instinkt, ihr Kind zu schützen, trifft sie eine folgenschwere Wahl. Der Roman setzt damit den zentralen Konflikt: persönliche Zuneigung gegen gesetzlich sanktionierte Besitzansprüche.
Eliza flieht in einer Winternacht mit Harry, verfolgt von Haley und dessen Helfern. Über vereiste Wege und feindselige Grenzlinien hinweg sucht sie Schutz, wobei der Roman sowohl körperliche Gefahren als auch die psychische Anspannung der Jagd schildert. Symbolträchtig ist die riskante Überquerung eines Flusses, die Entschlossenheit und Verzweiflung zugleich sichtbar macht. Unterwegs begegnet sie Menschen, die trotz der geltenden Gesetze Mitgefühl zeigen und ihr Unterschlupf gewähren. Das Netzwerk von Quäkerinnen und Quäkern, das Flüchtenden hilft, wird als Gegenbild zu staatlicher Härte gezeichnet und stellt die Frage, wann zivilgesellschaftliche Hilfe zur moralischen Pflicht wird.
Parallel entwickelt sich die Geschichte von George Harris, Elizas Ehemann, einem begabten Arbeiter, dem Bildung und Selbstbestimmung systematisch verwehrt werden. Seine Erfahrungen mit ausbeuterischen Herren, die sein Talent für eigene Zwecke ausschlachten, führen zu einem klaren Entschluss: Er will fliehen und seine Familie wiederfinden. Auf seiner Route treffen ideologische Grundsatzfragen auf unmittelbare Lebensgefahr: Ist Widerstand legitim, wenn das Gesetz Unrecht zementiert? Unterstützerinnen und Unterstützer aus Glaubensgemeinschaften bieten Zuflucht, doch die Reichweite des Fugitive Slave Act macht jeden Schritt riskant. Die Aussicht, jenseits nationaler Grenzen Sicherheit zu erlangen, verleiht dem Paar Hoffnung und Richtung.
Onkel Tom, der sich dem Verkauf nicht durch Flucht entzieht, wird den Fluss hinunter transportiert. Seine ruhige, pflichtbewusste Haltung macht ihn für Mitreisende bemerkenswert. Auf einem Dampfer entsteht eine Verbindung zu der jungen Evangeline St. Clare und ihrem Vater Augustine, die seine Menschlichkeit erkennen und ihn erwerben. In New Orleans eröffnet der Roman neue Milieus: ein großstädtischer Haushalt mit kulturellem Flair, rhetorischer Skepsis und haushälterischem Chaos. Augustines Verwandte Miss Ophelia aus Neuengland soll Ordnung schaffen und bringt nordstaatliche Prinzipien mit, die jedoch eigene Vorurteile nicht ausschließen. So prallen regionale Werte, Selbstbilder und gelebte Praxis aufeinander.
Im Hause St. Clare findet Tom vorläufige Stabilität und Verantwortung. Seine Integrität und Arbeitsamkeit gewinnen Vertrauen, während Evangelines Empathie einen stillen Reformgeist in der Familie weckt. Gespräche über christliche Nächstenliebe, Eigentum und die Möglichkeit freiwilliger Freilassung durchziehen den Alltag. Miss Ophelia ringt im Umgang mit Topsy, einem vernachlässigten Kind, mit eigenen Stereotypen und lernt, abstrakte Prinzipien in konkrete Fürsorge zu übersetzen. Gleichzeitig erkrankt Evangeline, und ihr fragiler Zustand bündelt die Gewissensfragen der Erwachsenen. Der Roman vertieft hier die Spannung zwischen moralischer Einsicht und sozialer Trägheit, ohne einfache Auswege anzubieten.
Ein Wendepunkt tritt ein, als familiäre und rechtliche Entwicklungen die bisherige Ordnung auflösen. Entscheidungen, die teilweise aus Schwäche, teilweise aus äußeren Zwängen fallen, führen dazu, dass Tom erneut verkauft wird. Sein neuer Besitzer, der Plantagenhalter Simon Legree, verkörpert einen besonders brutalen Zugriff auf Arbeit und Körper. Auf der abgelegenen Plantage verschärfen sich Zwang, Überwachung und Gewalt. Tom hält an Gewissen und Glauben fest und wird für andere Versklavte, darunter Cassy und Emmeline, zu einem stillen Bezugspunkt. Der Roman zeigt, wie autoritäre Systeme Angst säen, aber auch geheime Netzwerke des Beistands hervorbringen.
Während Eliza und George sich gefährlichen Sperren nähern und an Grenzorten über Freiheit verhandeln müssen, spitzt sich bei Tom der Konflikt zwischen Gehorsam, Überleben und moralischer Standhaftigkeit zu. Die Verfolgung der Flüchtenden legt die Gewaltbereitschaft eines Gesetzes offen, das Besitz über Person stellt. Szenen der Konfrontation fragen nach der Legitimität von Selbstverteidigung und nach der Kraft von Glauben und Gewissen unter äußerstem Druck. Auf Legrees Plantage gerät Toms Prinzipientreue in Widerspruch zu den Erwartungen des Herrn, was neue Risiken heraufbeschwört. Beide Handlungsstränge kreisen um die Möglichkeit, menschliche Würde gegen institutionalisierte Entwürdigung zu behaupten.
Der Roman mündet in eine eindringliche Auseinandersetzung mit individueller Verantwortung und gesellschaftlicher Schuld. Ohne sich mit juristischen Details zu begnügen, appelliert er an das Gewissen des Publikums und verbindet häusliches Mitgefühl mit politischer Dringlichkeit. Onkel Toms Hütte trug im 19. Jahrhundert maßgeblich zur Mobilisierung gegen die Sklaverei bei und wirkt bis heute als Debattenanstoß über strukturelles Unrecht, religiöse Moral und bürgerlichen Mut. Zugleich bleibt das Werk umstritten wegen vereinfachender Darstellungen und Stereotypen. Seine nachhaltige Bedeutung liegt in der Frage, wie Empathie in wirksames Handeln übersetzt werden kann und welche Verantwortung Einzelne in ungerechten Systemen tragen.
Onkel Toms Hütte spielt im Kontext der Vereinigten Staaten vor dem Bürgerkrieg, grob zwischen den 1830er und frühen 1850er Jahren. Das Setting ist durch die rechtlich verankerte Sklaverei in den Südstaaten, die Plantagenwirtschaft und die strengen Sklavengesetze geprägt. Gleichzeitig verschärfen territoriale Expansion und politische Kompromisse den Streit zwischen freien und Sklavenstaaten. Die Grenze zwischen Nord und Süd verläuft nicht nur geografisch, sondern auch in Kirchen, Gerichten und Familien. In dieser Atmosphäre entstehen Spannungen, die Alltag und Moralvorstellungen prägen. Das Buch positioniert sich inmitten dieser Konflikte als moralischer Appell an ein breites Lesepublikum.
Harriet Beecher Stowe, geboren 1811 in Connecticut, entstammte einer einflussreichen protestantischen Gelehrtenfamilie. Ihr Vater Lyman Beecher war ein prominenter Prediger der evangelikalen Reformbewegungen. 1832 zog sie mit der Familie nach Cincinnati, an den Rand der Sklavenstaaten. Dort arbeitete sie als Lehrerin und Autorin im intellektuellen Umfeld des Lane Seminary, wo ihr späterer Ehemann, Calvin Stowe, lehrte. Diese Grenzlage zwischen einem freien Bundesstaat und dem sklavenhaltenden Kentucky brachte Stowe in Kontakt mit Debatten und Erfahrungen, die ihr Verständnis der Sklaverei und ihrer sozialen Folgen nachhaltig prägten.
Cincinnati war in den 1830er Jahren ein Brennpunkt. Unweit des Ohio River verlief eine faktische Grenze zwischen Freiheit und Sklaverei. Flüchtende suchten über Netzwerke, die später als Underground Railroad bekannt wurden, den Weg in den Norden. Gleichzeitig gab es heftige Gegenreaktionen: 1836 kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen, bei denen eine abolitionistische Druckerei verwüstet wurde. In diesem Klima lernte Stowe sowohl die Entschlossenheit von Fluchthelfern als auch den Druck prosklavereilicher Kräfte kennen. Alltag und Politik kollidierten, und die Nähe zu Sklavenstaaten lieferte konkrete Geschichten von Trennung, Gewalt und Hoffnung.
Der Fugitive Slave Act von 1850 verschärfte die Lage. Das Gesetz verpflichtete auch Bürger freier Staaten zur Mithilfe bei der Verfolgung Geflohener und bedrohte Helfende mit Strafen. Bundeskommissare konnten Rückführungen anordnen, während den Beschuldigten nur eingeschränkter Rechtsschutz zustand. In mehreren Nordstaaten erwuchsen daraus sogenannte Personal Liberty Laws als Gegenwehr. Diese gesetzliche Zuspitzung traf auf ein wachsendes moralisches Unbehagen im Norden und wurde zu einem unmittelbaren Auslöser für Stowes literarische Reaktion. Ihr Roman adressiert genau diese Zwangslage und die Frage nach Verantwortlichkeit über juristische Grenzen hinweg.
Veröffentlicht wurde Onkel Toms Hütte zunächst 1851–1852 als Fortsetzungsroman in der abolitionistischen Wochenzeitung The National Era in Washington, D.C. Die Buchausgabe erschien im Frühjahr 1852 bei John P. Jewett in Boston. Die Resonanz war außerordentlich: Innerhalb kurzer Zeit erreichte das Werk ein Massenpublikum, wurde diskutiert, nachgedruckt und adaptiert. Bühnenfassungen folgten bereits im Erscheinungsjahr und trugen den Stoff in Städte und Kleinstädte. Die außergewöhnliche Reichweite verankerte den Roman rasch im öffentlichen Bewusstsein und machte ihn zu einem Referenzpunkt in der politischen Debatte seiner Zeit.
Die Veröffentlichung traf auf eine vielfältige Abolitionsbewegung. Radikale Aktivisten um William Lloyd Garrison setzten auf moralische Dringlichkeit, während andere sich parteipolitisch organisierten, zunächst im Umfeld der Liberty Party und später von Free-Soil- und republikanischen Kreisen. Kirchen, Frauenvereine und lokale Komitees stritten über Strategien zwischen Reform, Boykott und politischem Druck. Stowes Roman bediente sich der moralischen Überzeugungskraft der Erzählung. Er spiegelt Spannungen innerhalb der Bewegung, die zwischen kompromissloser Anklage und pragmatischen Schritten oszillierte, und lieferte Anschauungsmaterial für Predigten, Vorträge und öffentliche Lesungen.
Ökonomisch beruhte die Sklaverei in der ersten Jahrhunderthälfte stark auf der Baumwollproduktion, befördert durch die Entkörnungsmaschine seit Ende des 18. Jahrhunderts. Baumwolle dominierte die Exporte, verband den Süden mit globalen Märkten und verknüpfte zugleich den Norden durch Textilfabriken, Handel, Versicherung und Transport. Nach dem Verbot des transatlantischen Sklavenhandels 1808 wuchs der interne Handel; Menschen wurden von den Oberen Südstaaten in den tiefen Süden verschoben. Diese Dynamik zerstörte Familienverbände und soziale Netzwerke, ein wiederkehrendes Motiv des Romans, das wirtschaftliche Interessen mit menschlichen Tragödien konfrontiert.
Politisch war die Epoche von Kompromissen und Konflikten gezeichnet. Der Missouri-Kompromiss von 1820, die territoriale Expansion nach dem Krieg gegen Mexiko und die Auseinandersetzung um das Wilmot Proviso befeuerten die Frage, ob neue Gebiete Sklaverei zulassen sollten. Der Kompromiss von 1850 schuf nur vorläufige Ruhe und machte zugleich Flucht und Rückführung zum nationalen Zankapfel. In den Jahren nach der Romanveröffentlichung verschärften der Kansas-Nebraska Act (1854) und das Dred-Scott-Urteil (1857) die Risse weiter. Stowes Werk steht an der Schwelle dieser Eskalation und reflektiert ihre Ursachen.
Religiöse Strömungen spielten eine zentrale Rolle. Die Erweckungsbewegungen der frühen bis mittleren 19. Jahrhunderts förderten persönliche Bekehrung, soziale Reform und einen moralischen Blick auf Politik. In diesem Milieu entstanden Bibelgesellschaften, Missionswerke und Reformvereine. Abolitionisten griffen auf das Konzept eines höheren Gesetzes zurück, das ungerechte Normen überbot. Stowe knüpft daran an, indem sie christliche Gewissensentscheidungen ins Zentrum rückt. Der Roman nutzt das vertraute Vokabular von Sünde, Erlösung und Nächstenliebe, um Leserinnen und Leser jenseits juristischer Rechtfertigungen emotional und spirituell zu erreichen.
Zugleich prägte das 19. Jahrhundert eine bürgerliche Ideologie von Häuslichkeit und weiblicher Tugend. Frauen galten als moralische Instanz des Haushalts und gewannen dadurch Autorität in Fragen der Erziehung und Wohltätigkeit. Schriftstellerinnen nutzten den populären sentimentalen Roman, um ethische Anliegen öffentlich zu verhandeln. Stowe bewegt sich in dieser Tradition: Sie schreibt über Familie, Mutterschaft und Pflege als moralische Kraft. Damit öffnet sie Räume, in denen Frauen nicht nur als Lesepublikum, sondern als Akteurinnen der Meinungsbildung auftreten, etwa in Petitionen, Spendenaktionen und lokalen Unterstützungsnetzen.
Die Erfahrungen afroamerikanischer Gemeinschaften bildeten eine unerlässliche Grundlage für antisklavereiliche Argumente. Bereits vor 1852 veröffentlichten ehemalige Versklavte autobiografische Berichte, darunter Frederick Douglass. Schwarze Gemeinden organisierten eigene Kirchen, Schulen und Selbstschutzstrukturen, besonders in Grenzstädten und im Nordosten. Vigilanzkomitees koordinierten Fluchten und Rechtsbeistand. Der Roman spiegelt diese Umwelt, indem er Fluchtwege, Nachbarschaften und Solidarität thematisiert. Zugleich steht er neben den Stimmen Schwarzer Aktivistinnen und Aktivisten, die die Öffentlichkeit informierten und das moralische Fundament der Abschaffung mit konkreten Lebensgeschichten untermauerten.
Die Verteidiger der Sklaverei reagierten bald mit Gegenliteratur, Reisenarrativen und politischen Traktaten. Sie beriefen sich auf paternalistische Argumentationsmuster, ökonomische Notwendigkeit und biblische Lesarten. In manchen Südstaaten wurden Verbreitung und Lektüre abolitionistischer Schriften überwacht oder verboten; die Post wurde kontrolliert, Versammlungen eingeschränkt. Diese Gegenbewegung zielte darauf, das Bild der Sklaverei zu normalisieren und Kritik als Einmischung des Nordens zu diskreditieren. Die scharfe Reaktion unterstreicht, wie stark Stowes Roman in bestehende Deutungsmacht eingriff und etablierte Narrative in Frage stellte.
Transatlantisch stieß Onkel Toms Hütte auf großes Interesse, besonders in Großbritannien, wo die Sklaverei im Empire 1833 abgeschafft worden war. Britische Leserinnen und Leser sahen in dem Roman eine Bestätigung abolitionistischer Prinzipien und unterstützten amerikanische Aktivisten durch Vortragsreisen, Spenden und Publikationen. Stowe besuchte 1853 Großbritannien und traf Unterstützerkreise, die den moralischen Druck auf die USA verstärkten. Diese Resonanz machte deutlich, dass Sklaverei nicht allein eine nationale, sondern eine internationale Frage von Handel, Diplomatie und öffentlicher Meinung war, eingebettet in einen transatlantischen Reformdiskurs.
Die Verbreitung des Romans profitierte von technischen Innovationen. Dampf- und Zylinderdruckpressen ermöglichten hohe Auflagen, und stereotype Platten erleichterten Nachdrucke. Holzstich-Illustrationen ließen sich günstig integrieren und prägten die visuelle Kultur. Frühe illustrierte Ausgaben enthielten Arbeiten des Künstlers Hammatt Billings; eine erweiterte illustrierte Ausgabe erschien 1853. Bilder von Szenen wie Flucht, Auktion oder häuslicher Andacht wurden zu Ikonen, die Anzeigen, Buchumschläge und Theaterfassungen beeinflussten. Zugleich verbreiteten populäre Bühnenversionen den Stoff weit, teils verzerrt durch zeitgenössische Unterhaltungskonventionen, einschließlich problematischer Minstrelsy-Formate.
Stowe unterlegte ihre Darstellung mit dokumentarischen Bezügen. 1853 veröffentlichte sie A Key to Uncle Tom’s Cabin, um juristische Fälle, Zeitungsberichte und Berichte ehemaliger Versklavter zu sammeln, die den Romanhintergrund stützen sollten. Dabei verwies sie auf einschlägige Prozesse, Anzeigen über entlaufene Menschen und autobiografische Texte, unter anderem von Josiah Henson. Die Key zielte darauf, die Authentizität der geschilderten Abläufe zu belegen, insbesondere die Zerrissenheit von Familien, das Funktionieren des Rückführungsapparats und die religiöse Argumentation. So verschränkte Stowe literarische Fiktion mit überprüfbaren Zeitzeugnissen.
Die 1850er Jahre verschärften die Polarisierung. Mit neuen Territorien, Parteibildungen und gerichtlichen Entscheidungen rückte die Sklavereifrage ins Zentrum nationaler Politik. Lesekreise, Predigten und Vereine griffen Stowes Erzählung auf, um moralische Anliegen in Wahlkämpfe und Gesetzesinitiativen zu tragen. In mehreren Nordstaaten erstarkten persönliche Freiheitsschutzgesetze, während im Süden Abwehr und Kontrolle zunahmen. International blieb die Debatte präsent, befeuert durch Reisen, Zeitungen und den transatlantischen Buchmarkt. Der Roman wurde so Teil einer Öffentlichkeit, die Moral, Recht und Ökonomie unablässig gegeneinander abwog.
Zeitgleich veränderten sich Alltagswelten durch Mobilität und Kommunikation. Eisenbahnen, Dampfschiffe und der Telegraph beschleunigten Transporte und Nachrichtenströme. Bücher, Zeitungen und Theater wanderten rasch über Regionen hinweg. Diese Infrastruktur machte es möglich, dass eine literarische Einmischung wie Onkel Toms Hütte nicht nur städtische Zentren, sondern auch kleinere Orte erreichte. Bilder aus illustrierten Ausgaben verstärkten den Wiedererkennungswert und geographische Reichweite. Dadurch erhielt der moralische Appell des Textes zusätzliche Schlagkraft: Er wurde wiederholt gesehen, zitiert, nachgestellt und so im kollektiven Gedächtnis verankert, weit über die Erstlektüre hinaus. Schließlich kommentiert der Roman seine Gegenwart, indem er wirtschaftliche Interessen, religiöse Rhetorik und staatliche Macht unmittelbar gegenüberstellt. Stowe kritisiert eine Ordnung, die Recht gegen Gewissen stellt, und fordert Leserinnen und Leser auf, Verantwortung zu übernehmen. Die illustrierten Fassungen intensivieren diese Wirkung, indem sie Szenen verdichten und Empathie visuellen Ausdruck geben. So verbindet das Buch Literatur, Dokument und Bildpolitik zu einer Intervention, die die moralischen Konturen der Epoche sichtbar macht und deren Widersprüche bis heute nachvollziehbar hält.
Harriet Beecher Stowe (1811–1896) war eine US-amerikanische Autorin des 19. Jahrhunderts, deren Werk die Debatten um Sklaverei und Moral im Vorkriegsamerika nachhaltig prägte. Ihr Roman Onkel Toms Hütte machte sie 1852 weltweit bekannt und zählt zu den einflussreichsten Büchern der Abolitionismus‑Ära. Stowe schrieb in verschiedenen Gattungen, von sentimentaler Erzählprosa bis zu regionalen Skizzen und religiös geprägten Gesellschaftsromanen. Sie verband populäre Erzählmuster mit politisch‑ethischen Anliegen und erreichte ein Massenpublikum in den USA und Europa. Als öffentliche Intellektuelle jener Zeit trug sie zur Umformung bürgerlicher Vorstellungswelten bei und wurde zu einer der meistdiskutierten Schriftstellerinnen ihrer Generation.
Stowe erhielt ihre Ausbildung am Hartford Female Seminary, einer fortschrittlichen Bildungseinrichtung für Frauen in Neuengland. Dort vertiefte sie Sprachen, Rhetorik und Literatur und entwickelte eine auf protestantischer Frömmigkeit basierende moralische Perspektive, die ihr Schreiben dauerhaft prägte. Frühe literarische Einflüsse reichten von britischer Erzählliteratur bis zu Predigt‑ und Traktatliteratur des sogenannten Second Great Awakening. In den 1830er‑Jahren lebte sie in Cincinnati, wo sie literarische Zirkel besuchte, öffentliche Debatten über Sklaverei verfolgte und erste Skizzen veröffentlichte. Diese Phase schärfte ihren Blick für soziale Spannungen an der Grenze zwischen freien und Sklavenstaaten und bereitete den Übergang zur professionellen Schriftstellerin vor.
Ihre berufliche Entwicklung begann mit Beiträgen für Periodika und mit The Mayflower (1843), einer Sammlung von Skizzen über Neuengland‑Charaktere und ‑Sitten. Stowe setzte früh auf die Reichweite serieller Publikationsformen und arbeitete mit Zeitungen und Magazinen zusammen. Ab 1851 erschien Onkel Toms Hütte zunächst als Fortsetzungsroman in der abolitionistischen Wochenzeitung The National Era, bevor 1852 die Buchausgabe folgte. Stilistisch verband sie sentimentales Erzählen, religiöse Argumentation und anschauliche Alltagsszenen, um moralische Empathie zu wecken. Diese Mischung prägt auch ihre späteren Werke und erklärt einen Teil der zeitgenössischen Resonanz bei einem breiten, nicht nur literarisch spezialisierten Publikum.
Onkel Toms Hütte wurde unmittelbar zu einem internationalen Bestseller und prägte Vorstellungen über die Grausamkeit der Sklaverei in einer breiten Leserschaft. Das Werk löste Debatten, Lob und scharfe Kritik aus, inspirierte zahlreiche Bühnenfassungen und Übersetzungen und wurde zum Bezugspunkt in politischen Auseinandersetzungen der frühen 1850er‑Jahre. Zeitgenössische Gegner warfen dem Roman Verzerrungen vor, während Befürworter seine moralische Dringlichkeit betonten. Die enorme Verbreitung verschaffte Stowe eine prominente öffentliche Stimme. Sie nutzte diese Sichtbarkeit, um argumentativ nachzulegen und ihre Quellen sowie ihre Absichten gegenüber skeptischen Lesern zu erläutern, ohne den erzählerischen Charakter ihres Werks aufzugeben.
Als direkte Reaktion veröffentlichte Stowe A Key to Uncle Tom’s Cabin (1853), ein dokumentarisches Begleitbuch, mit dem sie Belege und Hintergründe präsentierte. In Dred: A Tale of the Great Dismal Swamp (1856) kehrte sie zur Sklavereiproblematik zurück und kombinierte dramatische Handlung mit rechtlichen und theologischen Reflexionen. Mit The Minister’s Wooing (1859) wandte sie sich stärker religiösen und gesellschaftlichen Fragen Neuenglands zu. Daneben verfasste sie Haushalts‑ und Ratgeberliteratur, darunter The American Woman’s Home (1869), das häusliche Ökonomie, Gesundheitsfragen und Bildungsaspekte bündelte. Diese Vielseitigkeit festigte ihr Profil als Schriftstellerin, die moralische Anliegen in populären Formen verhandelte.
Nach dem Bürgerkrieg erweiterte Stowe ihr thematisches Spektrum. Sie schrieb Regionalromane und Erinnerungsprosa wie Oldtown Folks (1869) sowie The Pearl of Orr’s Island (1862) und Agnes of Sorrento (1862). Mit Palmetto‑Leaves (1873) legte sie Reiseskizzen und Beobachtungen aus dem Süden vor. Öffentlich sorgte sie mit Lady Byron Vindicated (1870) für Kontroversen, einer Streitschrift zur Byron‑Debatte, die Fragen von Öffentlichkeit, Moral und Geschlechterrollen berührte. Über Jahrzehnte blieb sie als Vortragsrednerin und Essayistin präsent. Ihre spätere Prosa reflektiert häufig die Suche nach religiöser Orientierung und die Erinnerung an eine verschwindende Neuengland‑Welt, ohne den gesellschaftlichen Blick zu verlieren.
In ihren späteren Jahren lebte Stowe überwiegend in Neuengland; sie starb 1896 in Hartford. Ihr literarisches Vermächtnis ist ambivalent diskutiert: Einerseits gilt sie als maßgebliche Stimme gegen die Sklaverei und als Meisterin populärer Erzählkunst, die moralische Empathie politisch wirksam machte. Andererseits untersucht die Forschung kritisch Stereotypisierungen, sentimentale Strategien und die Grenzen des zeitgenössischen Reformdiskurses. Ihr Werk bleibt in Literatur‑ und Geschichtskursen präsent, und Onkel Toms Hütte wird weiterhin als Kulturphänomen gelesen, dessen Wirkungsgeschichte transnational ist. Ihr Haus in Hartford ist als Museum erhalten, was die andauernde öffentliche Auseinandersetzung mit Leben und Werk sichtbar macht.
Inhaltsverzeichnis
Spät nachmittags an einem kalten Februartage saßen zwei Gentlemen in einem gut ausmöblierten Speisesaal in der Stadt P. in Kentucky bei ihrem Weine. Bediente waren nicht anwesend, und die beiden Herren schienen mit dicht aneinander gerückten Stühlen etwas mit großem Interesse zu besprechen.
Wir haben bisher, um nicht umständlich zu sein, gesagt, zwei Gentlemen. Eine der beiden Personen schien jedoch bei genauerer Prüfung strenggenommen nicht unter diese Kategorie zu gehören. Es war ein kleiner, untersetzter Mann mit groben, nichtssagenden Zügen und dem prahlerischen und anspruchsvollen Wesen, das einem Niedrigstehenden eigen ist, der sich in der Welt emporzuarbeiten versucht. Er war sehr herausgeputzt und trug eine grell bunte Weste, ein blaues Halstuch mit großen gelben Tupfen und zu einer renommistischen Schleife geschlungen, die zu dem ganzen Aussehen des Mannes vortrefflich paßte. Die großen und gemeinen Hände waren reichlich mit Ringen besteckt, und mit einer schweren, goldenen Uhrkette mit einem ganzen Bündel großer Petschafte von allen möglichen Farben pflegte er im Eifer der Unterhaltung mit offenbarem Behagen zu spielen und zu klappern. In seiner Rede bot er ungeniert und mutvoll der Grammatik Trotz und verbrämte sie in geeigneten Zwischenräumen mit passenden Flüchen, welche niederzuschreiben uns selbst nicht der Wunsch, graphisch zu sein, vermögen wird.
Der andere, Mr. Shelby, hatte das Äußere eines Gentlemans, und die Anordnungen des Hauses und seine wirtschaftliche Einrichtung machten den Eindruck von Wohlhabenheit und sogar Reichtum. Wie wir schon vorhin sagten, beide waren in ein ernstes Gespräch vertieft.
»So würde ich die Sache abmachen«, sagte Mr. Shelby.
»Auf diese Weise kann ich das Geschäft nicht abschließen – es ist rein unmöglich, Mr. Shelby«, sagte der andere und hielt ein Glas Wein gegen das Licht.
»Ich sage Ihnen, Haley, Tom ist ein ganz ungewöhnlicher Kerl; er ist gewiß diese Summe überall wert – er ist ordentlich, ehrlich, geschickt und verwaltet meine Farm wie eine Uhr.«
»Sie meinen so ehrlich, wie Nigger sind«, sagte Haley und schenkte sich ein Glas Branntwein ein.
»Nein, ich meine wirklich, Tom ist ein guter, ordentlicher, verständiger, frommer Bursche[1q]. Er lernte seine Religion vor vier Jahren bei einem Camp-Meeting[1]; und ich glaube, er hat sie wirklich gelernt. Ich habe ihm seitdem alles, was ich habe, anvertraut – Geld, Haus, Pferde, undhabe ihn frei im Lande herumgehen lassen und habe ihn stets treu und ordentlich gefunden.«
»Manche Leute glauben nicht, daß es fromme Nigger gibt, Shelby«, sagte Haley, »aber ich glaube es. Ich hatte einen Burschen in der letzten Partie, die ich nach Orleans brachte, den beten zu hören, war wahrhaftig so gut, als ob man in einem Meeting wäre; und er war ganz ruhig und sanft. Er brachte mir auch ein gut Stück Geld ein; denn ich kaufte ihn billig von einem Manne, der losschlagen mußte, und ich kriegte 600 für ihn. Ja, ich betrachte Religion für eine wertvolle Sache bei einem Nigger, wenn sie wirklich echt ist.«
»Nun, bei Tom ist sie echt, wenn sie jemals echt war«, war die Antwort.
»Letzten Herbst ließ ich ihn allein nach Cincinnati gehen, um für mich Geschäfte abzumachen und 500 Dollar zurückzubringen. ›Tom‹, sagte ich zu ihm, ›ich traue dir, weil ich glaube, du bist ein Christ – ich weiß, du wirst mich nicht hintergehen.‹ Und Tom kommt auch wirklich zurück – ich wußte, daß er das tun würde. Einige schlechte Kerle, hörte ich, sagten zu ihm: ›Tom, warum machst du dich nicht nach Kanada auf die Beine?‹ – ›Ach, Master hat mir Vertrauen geschenkt, und ich könnte es nicht!‹ Man hat mir alles erzählt. Es tut mir leid, Tom zu verkaufen, das gestehe ich. Sie sollten mit ihm den ganzen Rest der Schuld getilgt sein lassen; und Sie würden es, Haley, wenn Sie nur einen Funken Gewissen hätten.«
»Nun, ich habe genausoviel Gewissen, als ein Geschäftsmann vertragen kann – ein klein wenig, um darauf zu schwören, wissen Sie«, sagte der Handelsmann scherzend, »und dann bin ich bereit, alles, was man verständigerweise erlangen kann, zu tun, um Freunden gefällig zu sein; aber das hier ist ein bißchen zu viel verlangt – ein bißchen zu viel.«
Der Handelsmann seufzte nachdenklich und schenkte sich noch ein Glas Branntwein ein.
»Nun, Haley, was machen Sie denn für einen Vorschlag?« sagte Mr. Shelby nach einer gelegenen Pause im Gespräch.
»Können Sie denn nicht noch einen Jungen oder ein Mädchen zu Tom zugeben?«
»Hm! – Ich könnte keinen gut entbehren, um Ihnen die Wahrheit zu sagen, nur die äußerste Not bringt mich dazu, überhaupt zu verkaufen. Ich gebe ungern einen meiner Leute hin, das ist die Sache.«
Hier ging die Tür auf, und ein kleiner Quadroonknabe[2], zwischen 4 und 5 Jahre alt, trat ins Zimmer. Es lag in seiner Erscheinung etwas merkwürdig Schönes und Gewinnendes. Das schwarze, seidenweiche Haar wallte in glänzenden Locken um das runde Gesicht mit Grübchen in Kinn und Wangen, während ein paar große dunkle Augen voll Feuer und Sanftheit unter den vollen, langen Wimpern hervorsahen, wie er neugierig in das Zimmer lugte. Eine bunte, rot und gelb karierte Kutte, sorgfältig gearbeitet und hübsch gemacht, hob den dunklen und reichen Stil seiner Schönheit noch mehr hervor, und eine gewisse komische Miene von Sicherheit mit Verschämtheit verbunden zeigte, daß es ihm nicht ungewohnt war, von seinem Herrn gehätschelt und beachtet zu werden.
»Heda! Jim Crow!« sagte Mr. Shelby, indem er dem Knaben pfiff und ihm eine Weintraube zuwarf. »Hier nimm das!«
Mit aller Kraft seiner kleinen Beine lief das Kind nach der Traube, während sein Herr lachte.
»Komm zu mir, Jim Crow«, sagte er.
Das Kind kam zu ihm, und der Herr streichelte den Lockenkopf und griff ihm unter das Kinn.
»Nun, Jim, zeige diesem Herrn, wie du tanzen und singen kannst.«
Der Knabe fing an, eines der unter Negern üblichen wilden und grotesken Lieder mit einer vollen klaren Stimme zu singen und begleitete den Gesang mit vielen komischen Bewegungen der Hände, der Füße und des ganzen Körpers, wobei er mit der Musik auf das strengste Takt hielt.
»Bravo!« sagte Haley und warf ihm das Viertel einer Orange zu.
»Nun, Jim, zeige uns einmal, wie der alte Onkel Cudjoe geht, wenn er die Gicht hat«, sagte sein Herr.
Auf der Stelle nahmen die biegsamen Glieder des Kindes den Anschein von Gebrechlichkeit und Verkrüppelung an, wie es mit gekrümmtem Rücken und den Stock des Herrn mit der Hand im Zimmer herumhumpelte, das kindische Gesicht in kläglichem Jammer verzogen, und bald rechts, bald links spuckend, ganz wie ein alter Mann.
Beide Herren lachten hell auf.
»Nun, Jim«, sagte sein Herr, »zeige uns, wie der alte Älteste Robbins den Psalm vorsingt.«
Der Knabe zog sein rundes Gesichtchen zu einer schrecklichen Länge und fing an, eine Psalmenmelodie mit unzerstörbarem Ernst durch die Nase zu singen.
»Hurra! Bravo! Was für ein Blitzkerlchen!« sagte Haley. »Das Bürschchen ist ja prächtig. Ich will Ihnen was sagen«, sagte er und schlug Mr. Shelby auf die Schulter, »geben Sie das Kerlchen zu, und das Geschäft soll abgemacht sein. Das ist doch gewiß anständig, nicht wahr?«
In diesem Augenblick wurde die Tür leise geöffnet, und ein junges Quadroonweib, dem Anschein nach ungefähr 25 Jahre alt, trat ins Zimmer.
Man brauchte bloß das Kind und sie anzusehen, um in ihr sogleich die Mutter zu erkennen. Dasselbe große, volle, schwarze Auge mit den langen Wimpern, dasselbe seidenweiche, schwarze, lockige Haar. Ihre braunen Wangen röteten sich merklich, und die Glut wurde noch tiefer, als sie den Blick des Fremden in kecker und unverhohlener Bewunderung auf sich ruhen sah. Ihr Kleid saß wie angegossen und hob die schönen Verhältnisse ihrer Gestalt vortrefflich hervor. Eine kleine, schön geformte Hand und ein zierlicher Fuß waren Einzelheiten, welche dem raschen Auge des Handelsmannes, der gewöhnt war, mit einem Blick die Schönheiten einer vortrefflichen weiblichen Ware abzuschätzen, nicht entgingen.
»Nun, Elisa?« sagte ihr Herr, als sie stehen blieb und ihn zögernd anblickte.
»Ich suchte Harry, Sir, wenn Sie erlauben«, und der Knabe sprang auf sie zu und zeigte ihr die geschenkten Früchte, die er im Schoß seiner Kutte trug.
»Nun, so nimm ihn mit«, sagte Mr. Shelby, und sie entfernte sich rasch, das Kind auf dem Arm tragend.
»Beim Jupiter!« sagte der Handelsmann und wendete sich voll Bewunderung gegen ihn. »Das ist ein Stück Ware! Mit dem Mädchen können Sie jeden Tag in Orleans zum reichen Mann werden. Ich habe zu meiner Zeit mehr als tausend Dollar für Mädchen zahlen sehen, die nicht ein bißchen hübscher waren.«
»Ich mag an ihr nicht zum reichen Mann werden«, sagte Mr. Shelby trocken und entkorkte eine frische Flasche Wein, indem er den andern frug, wie das Getränk ihm schmecke, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.
»Vortrefflich, Sir – prima Ware!« sagte der Handelsmann; dann schlug er wieder Shelby vertraulich auf die Schulter und setzte hinzu: »Wollen wir ein Geschäft mit dem Mädchen machen? Was soll ich dafür bieten? Was wollen Sie haben?«
»Mr. Haley, sie ist nicht zu verkaufen«, sagte Shelby, »meine Frau würde sie nicht für ihr Gewicht in Gold hingeben.«
»Ja, ja, das sagen die Weiber immer, weil sie nichts vom Rechnen verstehen. Man zeige ihnen nur, wieviel Uhren, Federn und Schmucksachen man für jemandes Gewicht in Gold kaufen kann, und das würde die Sache gleich anders machen, rechne ich.«
»Ich sage Ihnen, Haley, es kann nicht davon die Rede sein. Ich sage nein, und ich meine nein«, sagte Shelby mit Entschiedenheit.
»Nun, dann bekomme ich aber den Knaben, nicht wahr?« sagte der Handelsmann. »Sie müssen gestehen, daß ich ziemlich anständig für ihn geboten habe.«
»Aber was wollen Sie denn mit dem Kinde machen?« sagte Shelby.
»Nun, ich habe einen Freund, der sein Geschäft beginnen will und hübsche Knaben kaufen möchte, um sie für den Markt aufzuziehen. Ganz und gar ein Modeartikel – man verkauft sie als Bediente usw. an reiche Kerle, die hübsche Kerle bezahlen können. Es putzt ein großes vornehmes Haus, wenn so ein wirklich schöner Bursche die Tür öffnet und aufwartet. Sie werden gut bezahlt; und der kleine Teufel ist ein so komisches, musikalisches Kerlchen, daß er vortrefflich passen würde.«
»Ich möchte ihn lieber nicht verkaufen«, sagte Mr. Shelby gedankenvoll. »Die Sache ist, Sir, ich bin ein menschlicher Mann und kann es nicht über mich bringen, den Knaben seiner Mutter zu nehmen.«
»O wirklich – hm! Ja – das ist so eine Sache. Ich verstehe vollkommen. Es ist manchmal verwünscht eklig, mit Weibern durchzukommen. Wenn sie erst zu schreien und zu heulen anfangen, kann ich es nicht ausstehen. Das ist verwünscht eklig; aber wie ich die Sache einrichte, vermeide ich das gewöhnlich, Sir. Wenn Sie nun das Mädchen auf einen Tag oder eine Woche fortschickten? Da läßt sich die Sache ganz ruhig abmachen – und alles ist vorbei, wenn sie wiederkommt. Ihre Frau schenkt ihr dann noch ein Paar Ohrringe oder ein neues Kleid oder so was zur Entschädigung.«
»Ich fürchte, das geht nicht.«
»Ich sage Ihnen, es geht! Diese Leute sind nicht wie die Weißen, müssen Sie wissen; sie halten es aus, wenn man es nur recht anfangt. Sehen Sie«, sagte Haley und nahm eine aufrichtige und vertrauliche Miene an, »die Leute sagen, diese Art Handel mache die Menschen hartherzig; aber ich habe das nie gefunden. Die Sache ist, daß ich mich nie dazu bringen konnte, das Ding anzugreifen, wie es manche Burschen tun. Ich habe gesehen, wie einer Frau das Kind aus den Armen gerissen und verauktioniert wurde, während sie die ganze Zeit über jammerte und schrie wie verrückt; – sehr schlechte Politik – macht sie manchmal ganz untauglich zum Verkauf. Ich weiß von einem wirklich schönen Mädchen in Orleans, das durch so ein Verfahren ganz und gar ruiniert wurde. Der Mann, der das Weib kaufen wollte, wollte ihr Kind nicht haben, und sie war eine von der rechten, stürmischen Art, wenn ihr Blut einmal in der Hitze war. Ich sage Ihnen, sie drückte das Kind an ihre Brust und schwatzte und machte einen grauenhaften Lärm. Die Haut schauert mir noch, wenn ich daran denke; und als sie das Kind wegnahmen und sie einsperrten, wurde sie verrückt und starb in acht Tagen. Ein reiner Verlust von 1000 Dollar, Sir, bloß durch solche Behandlung. – Das ist die Sache. Es ist immer das beste, die Sache menschlich zu machen, so ist meine Erfahrung.«
Und der Handelsmann lehnte sich mit einer Miene tugendhafter Entschiedenheit in den Stuhl zurück und schlug die Arme über der Brust zusammen. Offenbar hielt er sich für einen zweiten Wilberforce.
Der Gegenstand schien den Herrn besonders zu interessieren, denn während Mr. Shelby nachdenklich eine Orange schälte, fing Haley mit schicklicher Bescheidenheit, aber als zwänge ihn die Macht der Wahrheit, noch ein paar Worte zu sagen, von neuem an:
»Es nimmt sich nicht gut aus, wenn sich ein Mann selber lobt; aber ich sage es nur, weil es die Wahrheit ist. Ich glaube, ich stehe in dem Ruf, die schönsten Herden Neger auf den Markt zu bringen – wenigstens hat man mir es gesagt, und gibt man es mir einmal zu, so muß es für alle hundertmal gelten –, und stets in gutem Zustand – dick und ansehnlich –, und es gehen mir so wenig zugrunde, als jedem andern Kaufmann in dem Geschäft, und ich schreibe das alles meiner Behandlung zu, Sir, und Menschlichkeit, Sir, möchte ich sagen, ist der große Pfeiler meiner Behandlung.«
Mr. Shelby wußte nicht, was er sagen sollte, und warf daher bloß ein »So?« ein.
»Man hatte mich wegen meiner Ideen ausgelacht und deshalb beredet. Sie sind nicht populär, und sie sind nicht gewöhnlich; aber ich habe an ihnen festgehalten, Sir, ich habe an ihnen festgehalten und habe mich wohl dabei befunden; ja, Sir, sie haben ihre Fahrt bezahlt, kann ich wohl sagen.« Und der Handelsmann lachte über seinen Witz.
Diese Beispiele von Menschlichkeit hatten etwas so Pikantes und Originelles, daß Mr. Shelby nicht umhin konnte, zur Gesellschaft mitzulachen. Vielleicht lachst Du auch, lieber Leser, aber Du weißt, daß heutzutage die Menschlichkeit in einer großen Verschiedenartigkeit seltsamer Gestalten erscheint, und daß menschliche Leute nie müde werden, Sonderbares zu sagen und zu tun.
Mr. Shelbys Lachen ermutigte den Handelsmann, fortzufahren.
»Es ist merkwürdig, aber ich könnte es niemals andern Leuten begreiflich machen. Da war der Tom Loker, mein alter Kompagnon in Natchez unten; der war ein gescheiter Kerl, der Tom, aber ein wahrer Teufel mit den Negern – aus Prinzip müssen Sie wissen, denn ein gutherzigerer Bursche ist nie geboren worden; es war sein System, Sir. Ich habe oft Tom Vorstellungen darüber gemacht. ›Aber, Tom‹, habe ich zu ihm gesagt, ›wenn deine Mädchen schreien und heulen, was nutzt es denn, wenn du ihnen eins über den Kopf gibst und mit der Peitsche unter ihnen herumfährst? 's ist lächerlich‹, sage ich, ›und nützt zu nichts. Ich sehe nicht ein, was ihr Heulen schaden soll?‹ sage ich. ›Es ist Natur, und wenn die Natur sich nicht auf die eine Weise Luft machen kann, so tut sie es auf eine andere; außerdem, Tom‹, sage ich, ›verdirbst du deine Mädchen damit; sie werden kränklich und melancholisch, und manchmal werden sie häßlich, vorzüglich gelbe Mädchen. Warum heiterst du sie nicht lieber auf und sprichst freundlich mit ihnen? Verlaß dich darauf, Tom, ein wenig Menschlichkeit bei passender Gelegenheit reicht viel weiter, als all dein Schimpfen und Prügeln, und es lohnt sich besser‹, sage ich, ›verlaß dich drauf.‹ Aber Tom konnte sich nicht daran gewöhnen, und er verdarb mir so viele Mädchen, daß ich mich von ihm trennen mußte, obgleich er ein gutherziger Kerl und ein tüchtiger Geschäftsmann war.«
»Und finden Sie, daß Ihre Art und Weise, das Geschäft zu machen, bessern Erfolg hat als die Toms?« fragte Mr. Shelby.
»Gewiß, Sir. Sehen Sie, wenn ich irgend kann, nehme ich mich mit den unangenehmen Auftritten, wie mit dem Verkaufen von Kindern und so, ein bißchen in acht, schicke die Mädchen aus dem Wege – aus den Augen, aus dem Sinn, wissen Sie ja –, und wenn es geschehen ist und nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, gewöhnen sie sich natürlich daran. Es ist nicht wie bei den weißen Leuten, die von Haus aus gewöhnt sind, zu erwarten, daß sie ihre Kinder und ihre Weiber behalten werden. Nigger, wissen Sie ja, die ordentlich erzogen sind, erwarten so etwas ganz und gar nicht; darum vertragen sie so etwas leichter.«
»Ich fürchte dann, die meinigen sind nicht ordentlich erzogen«, sagte Mr. Shelby.
»Wohl möglich. Hier in Kentucky verzieht man die Nigger. Sie meinen es gut mit ihnen, aber es ist im Grunde keine wirkliche Güte. Sehen Sie, gegen einen Nigger, der in der Welt herumgestoßen und an Tom und Dick und Gott weiß wen verkauft wird, ist es keine Güte, ihm Ideen und große Erwartungen beizubringen und ihn gut zu erziehen; denn er fühlt das Herumstoßen hernach nur um so tiefer. Ich will darauf wetten, Ihre Nigger würden ganz melancholisch sein an einem Ort, wo ein echter Neger aus den Plantagen singen und jauchzen würde, als wäre er besessen. Natürlich hält jedermann seine Verfahrensweise für die beste, Mr. Shelby, und ich glaube, ich behandle die Neger genausogut, als es der Mühe wert ist, sie zu behandeln.«
»Wohl dem, der mit sich zufrieden ist«, sagte Mr. Shelby mit einem leichten Achselzucken und einigen Empfindungen unangenehmer Art.
»Nun, was meinen Sie?« sagte Haley, nachdem sie beide eine Weile lang schweigend Nüsse gegessen hatten.
»Ich will mir die Sache überlegen und mit meiner Frau sprechen«, sagte Mr. Shelby. »Unterdessen, Haley, wenn Sie die Sache ruhig abgemacht wissen wollen, so ist es das beste, Sie lassen hier herum nicht bekannt werden, weshalb Sie da sind. Es wird sonst unter meinen Burschen ruchbar, und es wird dann nicht besonders leicht sein, einen meiner Kerle fortzuschaffen, das versichere ich Ihnen.«
»O gewiß werde ich mir nichts merken lassen. Aber ich sage Ihnen, ich habe verwünscht wenig Zeit und möchte so bald als möglich wissen, worauf ich mich verlassen kann«, sagte er, indem er aufstand und den Überrock anzog.
»Nun, so kommen Sie diesen Abend zwischen 6 und 7 wieder her, und Sie sollen Antwort haben«, sagte Mr. Shelby, und der Handelsmann entfernte sich grüßend.
»Ich wollte, ich hätte den Kerl die Treppe hinunterwerfen können mit seiner unverschämten Zuversicht«, sagte Mr. Shelby zu sich, als die Tür ordentlich zu war, »aber er weiß, wie sehr er mich in der Hand hat. Wenn mir jemand jemals gesagt hätte, daß ich Tom unten nach dem Süden an einen dieser Kerle verkaufen würde, so hätte ich gesagt: ›Ist dein Diener ein Hund, daß er das tun sollte?‹ Und jetzt muß es geschehn, soweit ich sehen kann. Und auch Elisas Kind! Ich weiß, ich werde darüber einigen Trödel mit meiner Frau haben, und auch wegen Tom. Das kommt von den Schulden – o weh! Der Kerl kennt seinen Vorteil und benutzt ihn aufs äußerste.«
Das Sklavenwesen in seiner mildesten Form ist wahrscheinlich im Staat Kentucky zu finden. Das allgemeine Vorherrschen von Kultursystemen von ruhiger und allmählicher Art, ohne das periodisch eintretende Bedürfnis, die Leute übermäßig zu beschäftigen, welches der landwirtschaftlichen Industrie der südlichen Distrikte eigen ist, macht die Arbeit des Negers zu einer gesunderen oder vernünftigeren, während der Herr, mit einem allmählicheren Erwerb zufrieden, nicht der Versuchung zur Hartherzigkeit ausgesetzt ist, welcher die schwache Menschennatur oft unterliegt, wo der Aussicht auf plötzlichen und raschen Gewinn kein schwereres Gewicht die Waage hält, als die Interessen der Hilflosen und Unbeschützten.
Mr. Shelby war ein Mann, wie man sie oft und stets gern findet, gutherzig und liebevoll und geneigt, seine ganze Umgebung mit freundlicher Nachsicht zu behandeln, und er hatte es nie an etwas fehlen lassen, was zum physischen Wohlsein der Neger auf seiner Besitzung beitragen konnte. Er hatte jedoch stark und unüberlegt spekuliert, war tief verschuldet, und auf ihn laufende Wechsel auf bedeutende Summen waren Haley in die Hände gekommen. Dies wird genügen, um das eben erzählte Gespräch zu erklären. Elisa hatte, während sie sich der Tür näherte, genug von der Unterhaltung gehört, um zu wissen, daß ein Handelsmann ihrem Herrn für jemanden ein Gebot mache.
Sie wäre gern an der Tür stehengeblieben, um zu horchen, als sie draußen war; aber ihre Herrin rief sie gerade, und sie mußte forteilen. Dennoch glaubte sie, den Handelsmann auf ihr Kind bieten gehört zu haben, konnte sie sich geirrt haben? Ihr Herz schwoll und bebte, und sie drückte den Kleinen unwillkürlich so fest an sich, daß er sie erstaunt ansah.
»Elisa, was fehlt dir heute?« sagte ihre Herrin, als sie den Wasserkrug und den Stickrahmen umgeworfen und ihrer Herrin zerstreut einen langen Nachtmantel anstatt des seidenen Kleides, das sie hatte holen sollen, dargereicht hatte.
Elisa schrak auf. »Ach, Missis!« sagte sie und erhob die Augen; dann stürzten ihre Tränen hervor und sie setzte sich auf einen Stuhl und fing an zu schluchzen.
»Aber Elisa, Kind! Was hast du?« sagte ihre Herrin.
»Ach, Missis, Missis!« sagte Elisa. »Ein Handelsmann spricht mit dem Herrn im Speisezimmer! Ich habe es gehört.«
»Nun, was schadet das, Närrchen?«
»Ach, Missis, glauben Sie wohl, daß der Herr meinen Harry verkaufen würde?« Und das arme Mädchen warf sich in einen Stuhl und schluchzte krampfhaft.
»Ihn verkaufen! Nein, du törichtes Mädchen! Du weißt, daß dein Herr niemals mit diesen Handelsleuten aus dem Süden Geschäfte macht und keinen seiner Leute verkauft, solange sie sich gut aufführen. Und wer soll denn deinen Harry kaufen? Meinst du denn, alle Welt ist so vernarrt in ihn wie du? Komm, beruhige dich und hake mir das Kleid zu. So, nun flechte mir das Haar in den hübschen Zopf, den du neulich gelernt hast, und horche nicht mehr an den Türen.«
»Also, Missis, Sie würden niemals Ihre Einwilligung geben, daß . . .«
»Unsinn, Kind! Natürlich würde ich es nicht. Warum sprichst du so? Ebensogut würde ich eins meiner Kinder verkaufen lassen. Aber wahrhaftig, Elisa, du wirst viel zu stolz auf den kleinen Burschen. Es darf nur einer die Nase zur Tür hereinstecken, so glaubst du gleich, er müsse ihn kaufen wollen.«
Wieder beruhigt durch den zuversichtlichen Ton ihrer Herrin setzte Elisa rasch und geschickt ihre Toilettendienste fort und lachte sich selbst aus wegen ihrer Furcht.
Mrs. Shelby war eine Frau von hoher geistiger und sittlicher Bildung. Neben der natürlichen Großmut und dem Edelsinn, welche oft die Frauen von Kentucky auszeichnen, besaß sie ein lebhaftes, sittliches, ein religiöses Gefühl und Grundsätze, die sie mit großer Energie und Geschicklichkeit in praktische Ausübung brachte. Ihr Gatte, der keine besondere Religiosität beanspruchte, hatte doch große Ehrfurcht vor der Konsequenz ihrer religiösen Überzeugung und hatte vielleicht ein wenig Scheu vor ihrer Meinung. Jedenfalls ließ er ihr ganz freie Hand in ihren wohlwollenden Bemühungen um das Wohlbehagen, den Unterricht und die Erziehung ihrer Leute, obgleich er selbst keinen tätigen Anteil daran nahm. Obgleich er nicht gerade an die Lehre von den überflüssigen guten Werken der Heiligen glaubte, so schien er doch im Grunde auf eine oder die andere Weise zu denken, daß seine Frau Frömmigkeit und Wohlwollen genug für zwei habe, und sich mit einer dunklen Hoffnung zu schmeicheln, durch ihren Einfluß an Eigenschaften, auf die er keinen besonderen Anspruch machte, in den Himmel zu gelangen.
Die schwerste Last auf seiner Seele nach seiner Unterredung mit dem Handelsmann war die unvermeidliche Notwendigkeit, seiner Gattin das besprochene Arrangement mitzuteilen und den Vorstellungen und dem Widerstand die Spitze zu bieten, die er schon voraussetzen konnte.
Mrs. Shelby, die von ihres Gatten Geldverlegenheit nicht das mindeste wußte und die nur die allgemeine Gutherzigkeit seines Charakters kannte, war in der vollständigen Ungläubigkeit, mit der sie Elisas Befürchtung aufnahm, ganz aufrichtig gewesen. Wirklich schenkte sie der ganzen Frage keinen einzigen Gedanken mehr; und da sie mit den Vorbereitungen zu einem Abendbesuch beschäftigt war, hatte sie die Sache bald vergessen.
Inhaltsverzeichnis
Mrs. Shelby war zum Besuch ausgefahren, und Elisa stand in der Veranda und sah etwas niedergeschlagen dem verschwindenden Wagen nach, als sie eine Hand auf ihrer Schulter fühlte. Sie drehte sich um, und ein helles Lächeln glänzte sofort in ihren schönen Augen.
»Georg, du bist's? Wie du mich erschreckt hast! Nun, es freut mich, daß du da bist! Missis ist für den Nachmittag ausgefahren: So komm mit in mein Stübchen, wir wollen den ganzen Nachmittag miteinander verbringen.«
Mit diesen Worten zog sie ihren Mann in ein nettes Zimmerchen, das auf die Veranda hinausging, und wo sie gewöhnlich im Bereich der Stimme ihrer Herrin mit Nähen beschäftigt saß.
»Wie froh ich bin! – Warum lächelst du nicht? – Und sieh nur Harry wie – er wächst!« Der Knabe blickte durch seine Locken scheu den Vater an und hielt sich am Rock seiner Mutter fest. »Ist er nicht wunderschön!« sagte Elisa, indem sie ihm die Locken aus dem Gesicht strich und ihn küßte.
»Ich wollte, er wäre nie geboren worden!« sagte George bitter. »Ich wollte, ich wäre selbst nie geboren worden!«
Überrascht und erschrocken setzte sich Elisa hin, legte ihren Kopf auf ihres Gatten Schultern und brach in Tränen aus.
»Ach, Elisa, es ist zu schlecht von mir, dir so weh zu tun, armes Mädchen!« sagte er zärtlich. »Es ist zu schlecht! O wie ich wünsche, ich hätte dich nie gesehen – du hättest glücklich sein können.«
»George, George! Wie kannst du so reden? Was ist Schreckliches geschehen, oder was soll geschehen? Gewiß sind wir sehr glücklich gewesen bis vor ganz kurzem.«
»Jawohl, liebes Weib«, sagte George. Dann nahm er sein Kind auf dieKnie, blickte ihm in die schönen, dunklen Augen und fuhr mit der Hand durch seine langen Locken.
»Ganz dein Gesicht, Elisa, und du bist die schönste Frau, die ich jemals gesehen habe, und die beste, die ich zu sehen wünsche; aber ach ich wünschte, ich hätte dich nie gesehen, und du nie mich!«
»Aber George, wie kannst du so sprechen!«
»Ja, Elisa, es ist alles Jammer, Jammer, Jammer! Mein Leben ist bitter wie Wermut; die Lebenskraft zehrt sich selbst auf in mir. Ich bin ein armes, elendes, unglückliches Packholz[3]: Ich werde dich nur mit mir zu Boden ziehen, weiter nichts. Was nützt es, zu versuchen, etwas zu tun, etwas zu wissen, etwas zu werden? Was nützt es, zu leben? Ich wollte, ich wäre tot!«
»Aber das ist wirklich gottlos, lieber George! Ich weiß, wie dir der Verlust deiner Stelle in der Fabrik zu Herzen geht, und du hast einen harten Herrn; aber bitte, habe Geduld, und vielleicht kann etwas –«
»Geduld!« unterbrach er sie. »Habe ich nicht Geduld gehabt? Habe ich ein Wort gesagt, als er kam und ohne den geringsten Grund mich von einem Platze wegnahm, wo mich jedermann gut behandelte! Ich habe ihm jeden Cent meines Verdienstes gewissenhaft bezahlt, und alle sagen, daß ich ein tüchtiger Arbeiter war.«
»Ja, es ist schrecklich«, sagte Elisa, »aber trotz alledem ist er dein Herr, weißt du.«
»Mein Herr! Und wer hat ihn zu meinem Herrn gemacht? Das ist's, was ich wissen möchte – welches Recht hat er auf mich? Ich bin ein Mensch, so gut wie er; ich bin ein besserer Mensch als er; ich verstehe mehr als er; ich wirtschafte besser als er; ich kann besser lesen als er; ich schreibe eine bessere Hand; und ich habe das alles von selbst gelernt und schulde ihm keinen Dank – ich habe es wider seinen Willen gelernt; und welches Recht hat er nun, aus mir ein Packholz zu machen? – Mich von einer Arbeit zu entfernen, die ich verrichten kann, und zwar besser als er, und mich bei einer anzustellen, die jedes Stück Vieh verrichten kann? Er versucht es und sagt, er will meinen Stolz brechen und mich demütigen, und er gibt mir mit Absicht die gröbste und schlechteste und schmutzigste Arbeit.«
»Ach, George – George, du erschreckst mich! Ich habe dich noch nie so sprechen hören; ich fürchte, du gehst mit etwas Schrecklichem um. Ich wundere mich durchaus nicht über deine Empfindungen; aber ach, sei vorsichtig – sei es um meinetwillen, sei es um Harrys willen!«
»Ich bin vorsichtig gewesen und habe Geduld gehabt; aber es wird schlimmer und schlimmer – Fleisch und Blut können es nicht länger tragen. Er ergreift jede Gelegenheit, um mich zu beschimpfen und zu quälen. Ich glaubte, ich würde meine Arbeit verrichten und mich ruhig halten und einige Zeit übrigbehalten können, um außer den Arbeitsstunden zu lesen und zu lernen; aber je mehr er sieht, daß ich arbeiten kann, desto mehr bürdet er mir auf. Er sagt, obgleich ich nichts äußere, sehe er doch, daß ich den Teufel im Leib habe, und er wolle ihn mir austreiben; und zu seiner Zeit wird er herauskommen in einer Weise, die ihm nicht gefallen wird, oder ich irre mich gewaltig.«
»O Gott, was sollen wir anfangen?« sagte Elisa trauervoll.
»Erst gestern«, sagte George, »als ich eben Steine in einen Karren lud, stand der junge Master Tom da und klatschte mit der Peitsche so nahe beim Pferde, daß es scheute. Ich bat ihn, so freundlich ich konnte, es sein zu lassen, aber nun fing er erst recht an. Ich bat ihn noch einmal, und dann wendete er sich gegen mich und schlug mich. Ich hielt seine Hand fest, und dann schrie er und strampelte und lief zum Vater und sagte, ich hätte ihn geschlagen. Der kam voller Wut herbei und sagte, er wolle mir zeigen, wer der Herr sei; und er band mich an einen Baum und schnitt Ruten für den jungen Herrn ab und sagte ihm, er sollte mich schlagen, bis er müde sei; und er hat es getan. Wenn ich ihm dafür nicht noch einmal ein Denkzeichen gebe!« Und die Stirn des Jünglings verfinsterte sich, und in seinen Augen brannte eine Flamme, welche seine junge Gattin zittern machte. »Wer hat diesen Mann zu meinem Herrn gemacht – das will ich wissen«, sagte er.
»Ach«, sagte Elisa traurig, »ich habe immer geglaubt, ich müßte meinem Herrn und meiner Herrin gehorchen, sonst wäre ich keine gute Christin.«
»In deinem Fall ist doch noch einige Vernunft darin; sie haben dich auferzogen wie ein Kind – haben dich ernährt, gekleidet, gepflegt und unterrichtet, so daß du eine gute Erziehung hast – so haben sie doch Grund zu einem Anspruch auf dich. Aber mich haben sie geschlagen und gestoßen und beschimpft und im besten Falle mir selber überlassen; und was bin ich schuldig? Ich habe für meine Unterhaltung schon mehr als hundertmal bezahlt. Ich ertrage es nicht länger – nein gewiß nicht!« sagte er und ballte mit wilder Gebärde die Faust. Elisa zitterte und schwieg. Sie hatte ihren Gatten früher nie in dieser Stimmung gesehen; und ihre sanften Begriffe von Pflicht schienen sich vor einem solchen Sturm der Leidenschaft wie Binsen zu biegen.
»Du kennst ja den kleinen Carlo, den du mir geschenkt hast«, fuhr George fort. »Er war fast mein einziger Trost. Er schlief des Nachts bei mir und ging mir des Tags auf Schritt und Tritt nach und sah mich an, als ob er wüßte, wie es mir ums Herz war. Nun, neulich gab ich ihm ein paar Abfälle, die ich an der Küchentür aufgelesen hatte, und der Herr kam dazu und sagte, ich fütterte ihn auf seine Kosten, und er hätte das Geld nicht dazu, daß jeder Nigger sich seinen Hund halten könne, und befahl mir, ihm einen Stein an den Hals zu binden und ihn in den Teich zu werfen.«
»Aber George, das hast du doch nicht getan?«
»Ich – nein; aber er. Der Herr und Tom steinigten das arme Tier, wie es im Teiche zappelte. Das arme Tier! Es sah mich so traurig an, als wunderte es sich, daß ich es nicht rettete! Ich mußte mich auspeitschen lassen, weil ich es nicht selbst tun wollte, 's ist mir gleich; Master wird schon entdecken, daß ich nicht einer von denen bin, die das Auspeitschen zahm macht. Auch meine Zeit wird kommen, ehe er sich's versieht.«
»Was hast du im Sinn? Ach George! Tue nichts, was unrecht ist. Wenn du nur Gott vertraust und suchst recht zu tun, so wird er dich erlösen.«
»Ich bin nicht Christ wie du, Elisa; mein Herz ist voller Haß; ich kann nicht auf Gott vertraun. Warum läßt er es so sein?«
»Ach George, wir müssen glauben und vertrauen! Meine Herrin sagt,wenn alles mit uns schlechtgeht, so müssen wir glauben, daß Gott es zum allerbesten lenkt.«
»Das können wohl Leute sagen, die auf ihrem Sofa sitzen und in ihren Kutschen fahren; aber sie sollten nur in meiner Lage sein, und es würde ihnen härter ankommen. Ich wollte, ich könnte gut sein; aber mein Herz brennt und kann sich nicht mehr fügen. Du könntest es auch nicht an meiner Stelle; du wirst es jetzt nicht können, wenn ich dir alles sage, was ich zu sagen habe. Du weißt noch nicht alles.«
»Was hast du noch?«
»Nun, neulich hat Master gesagt, er sei ein Narr gewesen, daß er mich habe von der Plantage wegheiraten lassen; er hasse Mr. Shelby und sein ganzes Geschlecht, weil sie stolz sind und über ihn hinwegsehen, und ich wäre durch dich stolz geworden; und er sagt, er wolle mich nicht mehr hierher gehen lassen, sondern ich solle auf seiner Plantage ein Weib nehmen und dort wohnen. Anfangs schalt er und brummte das vor sich hin; aber gestern sagte er, ich müsse Mina heiraten und mit ihr in eine Hütte ziehen, sonst wolle er mich nach dem Süden verkaufen.«
»Aber du bist mir doch durch den Pfarrer angetraut, so gut, als ob du ein Weißer gewesen wärest!« sagte Elisa.
»Weißt du nicht, daß ein Sklave nicht heiraten kann? Dazu haben wir kein Gesetz hierzulande; ich kann dich nicht als Frau behalten, wenn es ihm einfällt, uns voneinander zu trennen. Deshalb wünsche ich, ich hätte dich nie gesehen; deshalb wünsche ich, ich wäre nie geboren; es wäre besser für uns beide – es wäre besser für dieses arme Kind, wenn es nicht geboren worden wäre. Alles, alles kann ihm noch widerfahren!«
»Ach! Aber Master ist so gut!«
»Ja, aber wer weiß – er kann sterben, und dann kann er an wer weiß wen verkauft werden. Was nützt es, daß er schön und gescheit und klug ist? Ich sage dir, Elisa, für jede gute und angenehme Eigenschaft, die unser Kind hat, wird dir ein Schwert durch das Herz fahren – sie wird es viel zu wertvoll machen, als daß du es behalten könntest.«
Diese Worte trafen Elisas Herz schwer; das Bild des Handelsmannes trat ihr vor die Augen, und als ob sie jemand tödlich getroffen hätte, wurde sie blaß und schnappte nach Atem. Unruhig blickte sie auf die Veranda, wohin sich der Knabe, von dem ernsten Gespräch gelangweilt, zurückgezogen hatte und wo er frohlockend auf Mr. Shelbys Spazierstock galoppierte. Sie wollte ihrem Gatten ihre Befürchtungen mitteilen, besann sich aber eines ändern.
»Nein, nein, der Arme hat genug zu tragen!« dachte sie. »Nein, ich will es ihm nicht sagen; außerdem ist es auch nicht wahr; Missis belügt uns nie.«
