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Captain Winters, ein hochdekorierter Soldat und Leiter der Bedrohungsanalyse im Pentagon, macht eine entsetzliche Entdeckung: Offenbar hat Nordkorea drei Atomsprengköpfe an eine rechtsradikale Gruppe in den USA verkauft. Diese will mit aller Macht das Land ins Chaos stürzen und ein neues Amerika aus der Asche formen. Zusammen mit Keira Miller, einer FBI-Agentin, sowie Stéphane Dubois, einem Agenten des französischen Geheimdienstes, macht sich Winters auf, die Bomben zu finden und das Schlimmste zu verhindern. Unterdessen besteht der Generalstab in Washington auf Vergeltungsmaßnahmen, die den dritten Weltkrieg bedeuten könnten. Ein unerbittlicher Wettlauf gegen die Zeit beginnt...
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Seitenzahl: 377
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Vorwort
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Epilog
Glossar
Liebe Leserin, lieber Leser!
Heather und ich hoffen, dass wir Sie auf den kommenden Seiten mit einer spannenden Geschichte unterhalten. Da in diesem Buch Begriffe vorkommen, denen Sie im Alltag womöglich nicht häufig begegnen, haben wir ein Glossar für Sie zusammengestellt. Während des Lesens haben Sie die Möglichkeit, umzublättern, um eine Erklärung des Wortes oder gar eine technische Zeichnung zu erhalten.
Das Glossar finden Sie ab Seite →.
Dieser Politthriller besitzt außerdem zwei alternative Enden. Wir fanden es interessant, verschiedene Möglichkeiten in Betracht zu ziehen und auszuarbeiten, denn jede Einzelne hat ihren eigenen Reiz. Dadurch sind wir auf die Idee gekommen, dass es für beide Enden eine Fortsetzung geben wird.
Aber nun wünschen wir Ihnen viel Spaß beim Lesen!
Liebe Grüße aus Gorleben.
China
Provinz Hebei 38° 42' 0" N, 118° 6' 0" O
Hafen von Tianjin
Es war kurz nach fünf Uhr morgens auf den Docks von Tianjin.
Eine für Anfang September ungewöhnlich kühle Nacht neigte sich dem Ende entgegen.
Der Horizont lag in einem hellen, orangefarbenen Licht, und jeden Augenblick würde sich die Sonne über dem Meer erheben.
Vereinzelt saßen Möwen, aufgeplustert und dösend, auf den Pollern und genossen die aufkommende Wärme, bevor sie sich auf die Suche nach ihrem Frühstück machten.
Eine Brise kalter Seeluft wehte ihnen vom Wasser entgegen und brachte ihre Federn durcheinander.
Auch wenn die Tierwelt noch verschlafen wirkte, herrschte in der Hafenanlage bereits ein durchgängig hohes Arbeitsaufkommen.
Die riesigen Containerkräne waren rund um die Uhr im Einsatz, um Frachter zu be- oder entladen, die anschließend in alle Teile der Welt fuhren, um die in China produzierten Waren zu verteilen.
Eine Symphonie aus Kraft, Präzision und Timing sorgte dafür, dass die haushohen Containerschiffe pünktlich ablegten.
In diesem Moment fuhr eine edle Luxuskarosse auf das Hafengelände.
Eine Gruppe verschwitzter Hafenarbeiter, die gerade ihre Schicht beendet hatte, kreuzte ihren Weg.
Das Fahrzeug bremste abrupt, um die Männer vorbeizulassen.
Laut lachend und sich über das wütende Fuchteln des Fahrers amüsierend, ließen sich die Arbeiter besonders viel Zeit, um ihr Ziel zu erreichen – eine Kneipe, die rund um die Uhr geöffnet hatte.
Als der Chauffeur endlich weiterfahren konnte, dauerte es nicht mehr lange, bis er das gesuchte Schiff erreichte.
Die ,Xingfu‘ war eines der größten Containerschiffe, das zwischen den USA und Asien pendelte. Es war bereits zur Hälfte beladen, und langsam entstand ein Puzzle aus verschiedenfarbigen Stahlklötzen.
Während sich die hintere Tür des Wagens öffnete, kam ein Offizier in einer grellgelben Regenjacke die vom Salzwasser angefressene Treppe des Schiffs herunter.
Ein elegant gekleideter Mann, dessen klassischer Hut perfekt zu seinem grauen Anzug passte, war inzwischen aus der Limousine gestiegen.
Die beiden Männer begrüßten sich mit einem Handschlag.
»Kapitän Sudu, ich hoffe, Sie machen Ihrem Namen alle Ehre und liefern unser Paket schnellstmöglich ab.«
»Selbstverständlich. Es bekommt eine Sonderbehandlung und wird als Erstes an den Zielort gebracht«, antwortete der Chinese mit feierlichem Unterton.
»Das freut mich. Ich werde Ihre Loyalität nicht vergessen und Sie dafür großzügig belohnen«, erwiderte der Anzugträger.
»Vielen Dank, es ist mir eine Ehre«, winkte Sudu etwas zu theatralisch ab.
»Na gut. Wann soll es losgehen?«, hakte sein Gesprächspartner nach.
Er nahm den Hut ab, um sich das vor Schweiß glänzende Gesicht mit einem leichten Baumwolltuch abzuwischen.
»Das kommt nicht von der Temperatur, so viel ist sicher. Der steht wohl mächtig unter Druck«, dachte der Seebär und grinste innerlich.
Es war ihm gleichgültig – seine Aufgabe bestand lediglich darin, die Lieferung zur verabredeten Zeit am richtigen Ort abzugeben.
Sudus Blick wurde wie hypnotisch von dem großen Blutschwamm angezogen, der die Stirn seines Gegenübers zierte.
Als der Mann im Anzug bemerkte, dass er angestarrt wurde, kniff er verärgert die Augen zusammen.
Der Kapitän wurde verlegen und wandte den Blick ab, während sich sein Gesprächspartner mit einer zornigen Bewegung den Hut wieder aufsetzte.
»Mein Schiff wird planmäßig um 14.00 Uhr auslaufen. Wir liegen gut in der Zeit.«
Sein Gegenüber griff in die Innenseite des Sakkos und zog ein Satellitentelefon hervor.
»Wenn Sie das Paket übergeben haben oder es irgendwelche Komplikationen gibt, rufen Sie die gespeicherte Nummer an. Ich werde dann umgehend informiert«, erklärte er.
Sudu nickte, nahm das Telefon und steckte es in seine Jackentasche.
»Und denken Sie daran: Rufen Sie nur bei erfolgter Lieferung oder im Notfall an!«
Der Anzugträger drehte sich ohne ein weiteres Wort um und schlenderte zurück zu dem wartenden Wagen.
Sudus Blick folgte ihm. Für einen kurzen Moment meinte er, im Wageninneren einen Schatten zu erkennen – vielleicht wartete dort jemand.
»Es wäre interessant zu wissen, wer hinter dieser Geheimniskrämerei steckt.«
Mit diesem Gedanken im Kopf stieg der Kapitän wieder hinauf an Deck.
Das hintere Fenster des Wagens öffnete sich minimal, und der Mann im Anzug beugte sich hinunter.
»Gab es Schwierigkeiten?«, erkundigte sich eine Stimme aus dem Inneren.
»Nein, alles läuft genauso, wie du es wünschst«, lächelte er und wandte seinen Blick erneut dem Containerschiff zu.
»Dein Plan ist einfach perfekt!«
Washington 38° 52' 15.55" N 77° 3' 21.44" W Pentagon
Penny Wolf fuhr sich mit einer müden Bewegung über die Augen, darauf bedacht, ihre Wimperntusche nicht zu verwischen.
Darm warf sie einen Blick auf ihre zierliche Armbanduhr.
»Schon wieder so spät«, seufzte sie frustriert.
Die Analystin teilte sich das Büro mit mehreren Kollegen.
Hamilton, der direkt gegenüber saß, legte akkurat seinen Bleistift in eine Reihe weiterer, identischer Stifte.
An dem ständigen Hin- und Herschieben dieser Reihe erkannte Penny, dass er dabei war, seine Gedanken zu ordnen.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, während sie sich eine Strähne der glatten, brünetten Haare hinters Ohr strich.
Gekleidet wie ein Banker, mit dem makellos aufgeräumten Schreibtisch eines Pedanten, war er das genaue Gegenteil von Steve, der sich in eine Ecke des Raums zurückgezogen hatte.
Sein Schreibtisch war übersät mit benutzten Kaffeebechern, Bonbonpapieren und leeren Chipstüten.
Nur das Rauchverbot im Gebäude hinderte ihn daran, auch noch einen überquellenden Aschenbecher dort zu haben. Dafür nutzte er regelmäßig den Raucherbereich.
»Reißt dich dieses ewige Hin- und Herwandern nicht aus dem Flow?«, hatte Penny einmal kopfschüttelnd gefragt.
»Ganz im Gegenteil – das regt die grauen Zellen an«, entgegnete er lakonisch und verschwand wieder.
Penny ließ den Blick über ihren eigenen Arbeitsplatz schweifen.
Was er wohl über sie erzählte?
Eine kleine, bunte Schüssel mit englischem Weingummi, eine Tasse mit einem Werbespruch von ,Stein Airways', ein Geschenk ihres Onkels Jack, und ein Foto ihres Freundes Chris – das war alles, was nicht zur Arbeit gehörte.
Plötzlich wurde die Bürotür schwungvoll geöffnet.
Alma, die Reinigungskraft, begann mit dem schrillen Geräusch des Staubsaugers ihre abendliche Runde.
Mit stoischer Ruhe manövrierte sie das unhandliche Gerät zwischen den Schreibtischen.
Steve bedachte sie wie immer mit einem grimmigen Blick.
Zwischen den beiden bestand eine unausgesprochene Abmachung: gegenseitige Ignoranz.
Für ihn verkörperte Alma alles, was er verabscheute – Ordnung und Sauberkeit.
Zurückgelehnt bis an die Wand, beobachtete er finster, wie sie die Krümel um seinen Tisch entfernte.
Steves Chaos war sein Heiligtum, das er nur zähneknirschend reinigen ließ, weil sein Chef, Captain Winters, es angeordnet hatte.
Hamilton hingegen begrüßte Alma freundlich und ließ sie ungestört arbeiten.
Als sie bei Penny fertig war, stellte sie den Staubsauger ab und griff nach einem leeren Müllbeutel.
»Guten Abend, Miss Wolf. Wieder ein langer Tag?«
»Hallo, Alma. Ja, leider.«
Penny warf einen düsteren Blick auf die Unterlagen vor sich.
Alma streckte die Hand aus, Penny reichte ihr einen leeren Kaffeebecher.
»Sie wollten doch mehr Tee trinken«, rügte Alma und deutete auf die Tasse mit dem Werbespruch.
»So recht will es mir nicht gelingen, aber ich arbeite daran.«
»Herzchen, eine hübsche Frau wie Sie sollte den Abend nicht in einem stickigen Büro mit Unmengen Kaffee verbringen, sondern sich vergnügen und Männern den Kopf verdrehen«, meinte Alma mit einem Augenzwinkern.
Wie automatisch wanderte Pennys Blick zu dem Foto ihres Freundes: Er stand am Ufer eines Sees, grinste breit und hielt einen gefangenen Fisch in die Höhe.
»Eigentlich wollte ich am Wochenende an den Lake Almanor, aber das wird wieder nichts.«
»Ist schon eine Weile her, oder?«
»Zwei Monate«, antwortete Penny bedrückt.
»Wenn Sie meinen Rat wollen, Herzchen: Entweder keine Fernbeziehung – oder Ihre Prioritäten neu ordnen.«
Penny lachte kurz.
»Ach, Alma, wenn das so einfach wäre.«
»Meiner Meinung nach ist es das.«
Doch Penny hörte schon nicht mehr zu.
Eine neu eingegangene E-Mail hatte ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Hektisch klickte sie einen Reiter an und der Drucker begann leise zu surren.
»Alma, es tut mir leid. Hier ist etwas Wichtiges reingekommen.«
Sie sprang auf und holte sich den Ausdruck.
»Schon gut, Herzchen. Machen Sie nur«, entgegnete Alma gutmütig und verließ pfeifend das Büro.
Hamilton und Steve warfen sich einen schnellen Blick zu und beobachteten dann, wie ihre Kollegin auf das Papier starrte.
»Was ist los, Pen?«
»Den Nordkoreanern fehlen drei Atombomben«, antwortete sie wie in Trance.
»Wie bitte?«
Steve blinzelte ungläubig.
»Der französische Geheimdienst hat ein Kommuniqué abgefangen: Drei Sprengköpfe sind verschwunden – keiner weiß, wohin.«
Die Kollegen sahen sich alarmiert an.
»Das muss sofort der Chef erfahren«, sagte Hamilton besonnen.
»Machst du Witze? Erst mal prüfen«, widersprach Steve.
»Ich rufe gleich in Frankreich an. Hier steht eine Nummer.«
Sie griff zum Telefon, wählte.
»Hallo? Mein Name ist Penny Wolf. Spreche ich mit Mister Dubois?«
»Nein, Madame. Er ist gerade nicht da, aber vielleicht kann ich Ihnen helfen?«
»Ich habe eine E-Mail von ihm erhalten, die sehr beunruhigend ist.«
»Um welche Abteilung handelt es sich?«
Penny konnte das amüsierte Lächeln des Franzosen förmlich sehen.
Sie korrigierte sich und sprach gefasster.
»Ich arbeite für die Bedrohungsanalyse im Pentagon. Mister Dubois schrieb, dass in Nordkorea drei Atomsprengköpfe fehlen.«
»Ja, Madame. Ich kenne den Vorfall und stehe Ihnen gern zur Verfügung«, erwiderte ihr Gesprächspartner charmant.
Penny sandte ein stummes Stoßgebet gen Himmel.
»Lieber Gott, lass es nur einen technischen Fehler sein.«
Richmond 37° 33' 36.96" N 77° 28' 22.60" W
Joe's Tavern, The Fan District
Begleitet von einem surrenden Geräusch, stiegen kleine Wasserbläschen in der Wurlitzer-Jukebox nach oben.
Ein leises, mechanisches Klackern ertönte, als eine Schallplatte aus der Vorrichtung gezogen und auf den sich drehenden Plattenteller gelegt wurde.
Die ersten Klänge des Songs ,Crocodile Rock' von Elton John suchten sich ihren Weg in das Gehör der Gäste in der alten Kneipe auf der 23. Straße.
In Joe’s Tavern waren an diesem Abend nur wenige Besucher.
Ein leicht angetrunkenes Pärchen mittleren Alters saß kichernd in einer Nische und schwelgte in musikalischen Erinnerungen.
Am Pooltisch im hinteren Teil der Bar stritten sich kameradschaftlich zwei Biker.
»Diesen Stoß hätte selbst ein van Boening1 nicht besser gemacht.«
»Das kannst du deiner Großmutter erzählen. Ich zeig’ dir mal, wie das geht.«
Eine Lederjacke mit Gang-Symbolen wurde auf einen Stuhl geworfen und im nächsten Moment schoss die weiße Kugel quer über den Tisch.
Geräuschvoll fielen zwei Weitere in die Ecktaschen des Pools.
Das Markenzeichen dieser Bar waren die unterschiedlich gestalteten Wände.
Eine von ihnen war übersät mit unzähligen Urlaubskarten, denn es war mittlerweile eine Tradition der Stammgäste aus Joe’s Tavern, dem Besitzer sonnige Grüße aus aller Welt zukommen zu lassen.
An einer anderen Wand prangten bunte Leuchtreklamen der außergewöhnlichsten Biersorten.
Es war Joe ein persönliches Anliegen, seinen Gästen Biere aus aller Welt anzubieten.
»Hey, noch eins für mich«, bestellte der einzige Tresengast laut, obwohl der Wirt direkt vor ihm stand.
»Ist ja schon gut, du brauchst nicht so zu brüllen«, brummte Joe gutmütig und legte das Handtuch, mit dem er ein gespültes Glas poliert hatte, beiseite.
Unter leisem Stöhnen beugte er sich zu einem Kühlschrank hinunter und holte eine eiskalte Flasche Rootbeer heraus.
»Mann, mein Rücken bringt mich um«, seufzte er.
Mit einer eleganten Bewegung löste er den Kronkorken, warf ihn geschickt in einen Metalleimer und stellte das Bier vor seinem Gast auf einen Pappdeckel.
Im Gegenzug ließ er die leere Pulle klirrend in einen Kasten neben dem Kühlschrank gleiten.
Joe nahm seine Arbeit wieder auf, und beim Polieren des nächsten Glases beobachtete er skeptisch, wie der Mann gierig die halbe Flasche in einem kräftigen Zug leerte.
Als er sie wieder absetzte, blieb sein Blick an dem Bildschirm eines alten Röhrenfernsehers hängen, der hinter dem Barkeeper angebracht war.
»Joe, mach das mal lauter«, rülpste er und fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund.
Das rüpelhafte Benehmen ließ den Wirt missbilligend den Kopf schütteln. Dann schlurfte er genervt zu der Flimmerkiste und drehte am Lautstärkeregler.
Im Moment lief eine Nachrichtensendung und die sonore Stimme eines Senators erklärte die neuesten Veränderungen in der zukünftigen Gesetzgebung.
»Ich unterstütze die geplante Steuererhöhung für Kleinunternehmen und sehe da keine großen wirtschaftlichen Risiken für unser Land. Meiner Meinung nach muss jeder seinen Beitrag leisten.«
Der Gast lauschte aufmerksam und schüttelte immer heftiger den Kopf. Dann knallte er die mittlerweile leergetrunkene Flasche hart auf den Tresen.
»Die haben doch echt den Arsch auf«, brüllte er wütend und drohte dem Fernseher mit erhobener Faust.
»So eine verlogene Drecksbande«, spuckte er aus, und dabei nahm seine Gesichtsfarbe ein dunkles Rot an.
Die Biker am Billardtisch warfen Joe einen fragenden Blick zu, doch dieser winkte dankend ab.
»Hey, was ist dein Problem? Komm runter, du erschreckst meine anderen Gäste«, beschwichtigte der Wirt, aber der Mann sprang aufgebracht von seinem Hocker.
»Diese Regierungspenner hauen immer auf die kleinen Leute. Eines Tages werden sie dafür büßen«, fauchte er und knallte die geballte Faust auf die Theke.
Die Biker amüsierten sich köstlich über den ausgeflippten Gast und das Pärchen entschied sich, beunruhigt zu zahlen.
»Das reicht jetzt, du Großmaul. Raus aus meinem Laden. Sofort!«, forderte Joe vehement.
»Ach, leck mich doch am Arsch. Ihr werdet euch alle noch wundern! Bald wird es keine Regierung mehr geben«, brüllte er zurück.
Auf dem Weg nach draußen warf ihm das Paar einen irritierten Blick zu und verließ schnell die Kneipe.
Der aufgebrachte Gast griff in seine Innentasche, holte einen zerknüllten Zehn-Dollarschein hervor und donnerte ihn wutentbrannt gegen Joes Brust.
Die Banknote prallte ab, tanzte und drehte sich einen Augenblick auf der lackierten Holztheke, bevor sich der Wirt das Geld schnappte.
»Behalte den Rest«, schnaubte der wütende Mann und stapfte zum Ausgang.
In dem feinen Nieselregen schimmerte das Neonlicht von Joes Leuchtreklame trüb auf dem nassen Asphalt des Parkplatzes.
Mit einem lauten Knall flog die Eingangstür der Bar auf und der Mann stürmte zielgerichtet zu einem geparkten Wagen.
Kurz bevor er ihn erreichte, klingelte in der Innentasche seiner Jeansjacke das Handy. Gestresst griff er nach dem Mobiltelefon und zog es mit einer schnellen Bewegung heraus. Ungeduldig klappte er es auf.
»Ja? Wer stört?«, brummte er missmutig.
Sein Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig und die Wutfalten auf der Stirn glätteten sich.
»Das sind hervorragende Neuigkeiten. Endlich geht es los!«
Der Mann lauschte konzentriert den weiteren Informationen des Anrufers und nickte immer wieder zustimmend. Derweil schloss er die Tür seines Autos auf und ließ sich auf den Fahrersitz fallen.
»Sehr gut. Ich kümmere mich darum. Drei Transporter werden morgen früh im Hafen von San Francisco bereitstehen.«
Erneut nickte der Mann und grinste dann erfreut.
»Das ist kein Problem und schon so gut wie erledigt. Du kannst dich auf mich verlassen«, sagte er mit großspurigem Ton.
Voller Anspannung warf er einen sichernden Blick aus dem Fenster seines Fahrzeugs.
»Ich melde mich, wenn es erledigt ist. AWN forever«, sagte er laut und hob die geballte Faust zu diesem Schlachtruf.
Mit einer triumphierenden, schwungvollen Bewegung schloss er das Klapphandy, warf es in die Mittelkonsole und sah nachdenklich in den Rückspiegel.
»Endlich«, seufzte er, holte tief Luft, startete den Motor und drehte das Radio laut auf.
Mit einem leichten Ruck legte sich der Handschalter auf ,D‘.
Auf der Fahrt ließ der Regen die Scheibenwischer im Intervallmodus regelmäßig aufquietschen.
In bester Laune fuhr der Mann durch die nächtliche Stadt und kam mit jeder Querstraße seinem Ziel näher.
Schließlich bog er in eine kopfsteingepflasterte Gasse ein und brachte den Wagen auf einem stockdunklen Hinterhof zum Stehen.
Zügig nahm er sein Handy aus der Konsole, zog den Zündschlüssel ab und stieg mit wiedergefundener Ruhe aus dem Auto.
Dann schlenderte er zu einem mickrig beleuchteten Eingang neben einem großen Rolltor.
Ein teilweise verrottetes Firmenschild mit der Aufschrift ,Bramfield internationaler Im- und Export' hing windschief darüber. Das moderne Tastenfeld an der Eingangstür stand dazu im harten Kontrast.
Nachdem der Mann den Zugangscode eingegeben hatte, erklang ein bestätigendes Piepsen und mit einem surrenden Geräusch wurde ihm der Zutritt gewährt.
Der Geschäftsinhaber betrat das Gebäude, bog links ab und stand in einem winzigen Büro.
Bramfield betätigte den Lichtschalter und die Neonröhren benötigten einen Moment, bis sie den Raum mit einem kalten, grellen Licht erhellten.
Hier herrschte das pure Chaos!
Der Schreibtisch war kreuz und quer mit Papieren bedeckt. Leere und volle Papphüllen lagen verstreut im Raum herum.
Die Schubladen eines grauen Metallaktenschranks standen offen und hier ragten ebenso unterschiedlich farbige Dokumente ohne jegliche Ordnung heraus.
Der Mann setzte sich in den Chefsessel aus billigem Lederimitat und schob ein paar Aktenordner auf der Arbeitsfläche achtlos zur Seite. Dadurch kam ein Tastentelefon zum Vorschein. Hektisch hämmerte er sofort eine Telefonnummer hinein.
»Hier ist Bramfield!«, sagte er und lehnte sich entspannt zurück.
»Mir ist egal, wie spät es ist. Ich habe einen Job für dich. Aber wenn du kein Interesse hast, eine Menge Geld zu verdienen, dann finde ich jemand anderen«, schnauzte er.
Der Mann drehte den Stuhl mit Schwung zu einem kleinen Bürofenster herum und betrachtete sein Spiegelbild in der dunklen Scheibe.
»Klingt schon besser. Ich brauche morgen früh drei Kleintransporter im Hafen von San Francisco.«
Bramfield schloss genervt die Augen.
»Ja, sagte ich doch. Morgen früh.«
Gelangweilt wickelte er die Telefonschnur um seinen Zeigefinger.
»Okay, und denk daran: Ich bekomme den Familienrabatt!«
Er drehte seinen Sessel wieder zurück zum Schreibtisch.
»Und schöne Grüße an meine Schwester«, schob er lachend hinterher.
Zufrieden knallte er den Hörer auf, ließ sich erneut nach hinten fallen, öffnete mit der linken Hand die unterste Schreibtischschublade und holte eine Flasche Whiskey hervor.
Triumphierend goss er das goldfarbene Getränk in ein schon am Vormittag benutztes Glas und leerte es in einem Zug.
Dabei starrte er boshaft auf die große Landkarte der USA, die nachlässig mit nur drei Heftzwecken an der gegenüberliegenden Wand befestigt war.
Blaue Pins waren auf ihr verteilt und markierten Städte und Ortschaften.
Drei Metropolen waren besonders durch größere rote Nadelköpfe gekennzeichnet.
Washington D. C., Pittsburgh und New York.
Diabolisch grinsend betrachtete der Mann abwechselnd die Städte, füllte erneut sein Glas und hob es zu einem sarkastischen Trinkspruch.
»Auf ein neues Amerika!«
1 van Boening – siehe Glossar Seite →
Washington D.C. 38° 52' 15.5" N 77° 3' 21.4" W
Pentagon
Mit langen Schritten lief Captain Winters über die schier endlosen Gänge des Pentagons.
Dem hochgewachsenen Leiter der Bedrohungsanalyse war unter der gut sitzenden Uniform anzusehen, dass er seinen Körper durch täglichen Sport gestählt hatte.
Die kleinen Lachfältchen um seine nussbraunen Augen zeugten davon, dass er eine große Portion Humor besaß, nun aber reagierte er nur beiläufig auf die Begrüßung vorbeigehender Soldaten.
Es war allerdings keine Arroganz, sondern er hatte es ausgesprochen eilig.
Winters steuerte direkt auf eine Tür zu, die von zwei Männern in schicken, dunklen und maßgeschneiderten Uniformen bewacht wurde.
Die beiden Wachen rissen gleichzeitig und in einer zackigen Bewegung ihren rechten Arm in Richtung Stirn, um den auf sie zukommenden Vorgesetzten mit militärischem Respekt zu grüßen.
Einer der Männer öffnete schwungvoll die Tür und schob schnell ein »Sir!« hinterher, doch der Captain war bereits in dem Raum verschwunden.
In dem für amerikanische Büros üblichen Vorzimmer befand sich ein Schreibtisch sowie abschließbare hohe Aktenschränke.
An einem von ihnen stand Leutnant Landry, eine blonde Frau Mitte 30, deren mehrfarbige Ordensspange auf der linken Brustseite zeigte, dass sie in diversen Einsätzen unterschiedliche Auszeichnungen bekommen hatte.
Der Schreck über den hereinstürmenden Captain ließ sie überrascht die Augen aufreißen.
»Ist er allein?«, fragte Winters den Leutnant, doch man sah ihm an, dass er nicht auf eine Antwort warten würde.
Ohne langsamer zu werden, hielt er auf die mit rotbraunem Leder verkleidete Tür direkt gegenüber dem Schreibtisch zu.
»Sie können da nicht einfach ...«, weiter kam die entrüstete Frau nicht, denn der Captain hatte die Tür schon geöffnet und stand im nächsten Moment mitten in dem angrenzenden Raum.
Leutnant Landry stolperte mit zwei Aktenordnern in ihren Armen hinterher.
»Sir, ich konnte ihn nicht aufhalten!«
»Ich rufe dich später zurück.«
Der telefonierende Mann reagierte nicht auf ihre Entschuldigung, sondern ließ mit einer fließenden Handbewegung sein Handy in der Sakkotasche verschwinden.
»Schon gut, Leutnant. Sie können wegtreten«, sagte er dann.
Landry nickte kurz, drehte sich auf dem Absatz um und schloss mit einem vernichtenden Blick auf Winters die Tür, der beim Eintreten seine Schirmmütze abgenommen hatte.
Mit einer gestressten Übersprunghandlung fuhr er sich durch die akkurat geschnittenen, mittelbraunen Haare.
In dem mit edlem Mahagoniholz getäfelten Raum stand ebenfalls ein großer ovaler Tisch, um den zehn schwarze und bequem aussehende Ledersessel gruppiert waren.
Der Blick des Offiziers blieb für einen Moment an ihnen hängen und in Gedanken stellte er sich vor, wie das weiche Polster unter ihm nachgab.
»Eine Pause könnte ich jetzt gut gebrauchen.«
»Nun, Captain, sagen Sie mir, was so dringend ist, dass Sie in das Büro des Verteidigungsministers stürmen und ein wichtiges Telefonat unterbrechen?«, wurde er unsanft aus seiner Träumerei gerissen.
Winters richtete seinen Fokus wieder auf den Mann vor ihm.
Der Minister trug keine Uniform, sondern einen anthrazitfarbenen Anzug mit einer dazu passenden Krawatte.
An dem Revers auf der linken Seite seines Jacketts war ein kleiner Pin mit der amerikanischen Flagge befestigt.
Die graumelierten Schläfen machten ihn zu einem gut aussehenden Mann von Mitte 50, der jetzt erwartungsvoll seinen musternden Blick auf den Soldaten gerichtet hatte.
»Sir, wir haben ein Problem, dem Sie sich unbedingt widmen müssen«, entgegnete der Captain ungerührt, wobei er militärisch präzise salutierte, und legte sorgsam eine Akte, die mit zwei großen roten Stempeln versehen war, auf den Tisch.
»TOP SECRET? CONFIDENTIAL? Was hat das zu bedeuten?«, fragte der Minister skeptisch und blätterte in den Papieren.
Unterdessen fiel Winters Blick auf das silberne Schild direkt vor ihm.
William Traken – Secretary of Defense.
Er erinnerte sich daran, dass die demokratische Präsidentin vor zwei Jahren die Welt überraschte, als sie den Politiker gegen den heftigen Widerstand aus ihrer eigenen Partei zum Verteidigungsminister ernannte.
Traken war in Regierungskreisen bekannt dafür, ein gemäßigter Republikaner zu sein, und darüber hinaus galt er auch als treuer Familienmensch. Deshalb hatte er seinerzeit lange gezögert, diesen Posten anzunehmen.
Der Minister sank mit einem leisen Seufzer zurück in den Sessel und studierte dabei weiter die Akte.
»Stehen Sie bequem«, sagte er beiläufig.
Seine Entscheidung, ohne Voranmeldung in das Büro eines der mächtigsten Männer der Welt zu stürmen, ließ in Winters langsam ein unbehagliches Gefühl aufkommen.
»Hoffentlich war das kein Fehler«, dachte er beunruhigt.
Um sich abzulenken, nutzte der Soldat die Gelegenheit und sah sich um.
An allen Wänden hingen Ölgemälde mit bekannten Szenerien aus großen amerikanischen Schlachten, die in edlen Goldrahmen eingebettet waren.
Er registrierte an der linken Wand diverse Fotos, auf denen Traken mit anderen wichtigen Persönlichkeiten in Amt und Würden abgelichtet worden war. Über all diesen hing das Bild des Momentes, als die Präsidentin ihm bei der Ernennung zum Verteidigungsminister die Hand schüttelte.
Winters sah ebenfalls einen Silver Star und ein Purple Heart sowie andere militärische Auszeichnungen.
Traken schaute nicht einmal von der Akte hoch.
»Erster Golfkrieg.«
Der Offizier wandte sich überrascht dem Minister zu, der weiterhin in den Unterlagen versunken war.
»Ja, Sir«, entgegnete er respektvoll.
»Gut zu wissen, dass mein Boss auch gedient hat und militärische Erfahrungen vorweisen kann.«
Doch Winters hatte nicht genug Zeit, diesen Gedanken weiterzuführen.
»Was zum Teufel ...?«, murmelte der Minister und seine Miene verfinsterte sich zusehends.
Tiefe Sorgenfalten breiteten sich auf seiner Stirn aus.
»Das glaube ich nicht.«
Traken schaute beunruhigt auf.
»Captain, wie sicher sind diese Informationen? «
»Sir, wir haben eine äußerst glaubwürdige Quelle. Das können Sie auf Seite zwölf nachlesen.«
Hastig blätterte der Verteidigungsminister weiter, um die entsprechende Notiz zu lesen.
»Verdammte Scheiße«, stöhnte er frustriert.
Winters empfand dies als extrem sympathisch, denn noch nie hatte ein Politiker in seinem Beisein einen derartigen Fluch ausgesprochen.
Traken griff eilig zu dem Tischtelefon.
»Landry! Sofort eine abhörsichere Leitung ins Weiße Haus. Ich brauche umgehend die Präsidentin.«
Er legte auf, erhob sich aus seinem Sessel und wanderte wie ein gefangener Löwe hinter dem Schreibtisch auf und ab.
Leise vor sich hin murmelnd, schien er Ordnung in seine Gedanken zu bringen.
Der wartende Offizier schwieg.
Nach einigen Sekunden klingelte das Telefon, doch diesmal drückte der Minister auf einen Knopf, ohne den Hörer abzunehmen.
»Hier ist das Weiße Haus. Ich verbinde Sie mit der Präsidentin«, ertönte eine Männerstimme aus dem Lautsprecher.
Es knackte leise, als das Telefonat weitergeleitet wurde.
»Benson«, sagte eine gut gelaunte Stimme am anderen Ende der Leitung.
»Hier ist Secretary Traken. Ebenfalls anwesend bei dem Gespräch ist Captain Winters.«
Dieser nahm augenblicklich und unbewusst Haltung an, was von dem Politiker mit einem Lächeln quittiert wurde.
»Madam President, wir haben ein ernstes Problem«, erklärte der Minister mit sachlicher Stimme.
»Will, bitte. Wir haben doch ausgemacht, dass wir uns in solchen Gesprächen mit dem Vornamen anreden«, entgegnete die weibliche Stimme freundlich.
Eine untypische Vertrautheit war der Begleiter bei diesem Telefonat und erweckte das Interesse des Offiziers.
»Ist am Telefon wirklich die Präsidentin der Vereinigten Staaten? Meine Oberbefehlshaberin? Es ist erstaunlich, wie normal sie mir auf einmal vorkommt. Das hätte ich nie vermutet.«
Diese Situation erschien Winters immer surrealer.
»Also William, worum geht es?«, fragte Benson entspannt.
»Kelly, wir stecken wirklich tief im Mist«, sagte Traken unverblümt und blätterte in der Akte.
»Die NSA2 hat glaubwürdige Fakten zu Nordkoreas Atomwaffenprogramm beziehungsweise über potenzielle Terroristen. Alles deutet auf eine vorliegende nukleare Bedrohung für unser Land hin.«
An dem knarrenden Geräusch des Leders erahnte Traken, dass die Präsidentin alarmiert ihre Sitzposition geändert hatte.
»Du meinst doch wohl nicht einen Grünen Kobold?«
Es herrschte für einen Augenblick Stille.
Der Minister schaute den vor seinem Schreibtisch stehenden Mann rückversichernd an und dieser nickte bestätigend.
»Kelly, ich muss auf die Mehrzahl bestehen. Wir wissen sogar von drei möglichen Kobolden!«
Für einen weiteren angespannten Augenblick blieb es ruhig.
Benson holte hörbar tief Luft und schien dabei in Gedanken ihre Optionen durchzugehen.
»Ich berufe sofort den Krisenstab ein. Das volle Programm«, entschied sie.
»Da stimme ich dir zu.«
»Einen Moment bitte, Will.«
Die beiden Männer hörten ein leises Rufzeichen.
»Mister Sands! Sofortige Einberufung des kompletten Generalstabs! Rufen Sie Chief Clancy an, und ich brauche auch meinen Vize. Bereiten Sie den Situation Room für eine außerordentliche Sitzung vor, inklusive Videolink zu Homeland, FEMA3 FAA,4 Küstenwache und STRATCOM!5 Das Treffen ist in einer Stunde.«
Das Denken der Präsidentin war zielgerichtet und klar.
»Jawohl, Madam President«, knarzte es aus dem Lautsprecher zurück.
Dann wandte sie sich wieder ihrem Anrufer zu.
»William, woher genau hast du deine Informationen?«, fragte sie nach.
»Nun Kelly, bei mir steht ein junger Mann, der Verbindungsoffizier zwischen den Nachrichtendiensten und dem Pentagon ist«, entgegnete er und gab dem Offizier ein aufforderndes Zeichen.
»Guten Tag, Madam President. Hier spricht Captain Winters!«
»Winters? Sind Sie verwandt mit Eddy Winters?«
Es folgte ein irritiertes Zögern.
»Ja, Madam President. Edward Winters ist mein Vater«, antwortete der Captain überrascht.
»Auch wenn diese Umstände ungewöhnlich sind, freut es mich trotzdem, Sie kennenzulernen«, begrüßte Benson ihn freundlich, und der Soldat lächelte.
»Woher haben Sie Ihre Informationen bezüglich der Grünen Kobolde? Wie gesichert ist das Infomaterial?«, bohrte die Präsidentin nach.
Der Offizier präsentierte eine kurze Zusammenfassung der gesammelten Daten, die in der Akte aufgeführt waren.
Immer wieder vernahm Winters dabei ein »Hm« oder ein »Aha« aus dem Lautsprecher.
Der Code ,Grüner Kobold' wurde von einem Geheimdienstmitarbeiter der CIA6 in den frühen 80er-Jahren geprägt.
Er und sein Team hatten die Aufgabe, alle möglichen Szenarien durchzuspielen, die den USA oder ihren Verbündeten eines Tages schaden könnten.
Die Analysten des Geheimdienstes gaben dem Mann mit irischen Wurzeln intern den Spitznamen ,Leprechaun', weil er selten sein höhlenartiges Büro verließ.
In einem der Szenarien, das der Kobold untersucht hatte, handelte es sich um den Verkauf eines Atomsprengkopfes an eine Terrororganisation.
Da die meisten Sprengköpfe aus hochangereichertem und in Dunkelheit grün leuchtendem Uran hergestellt sind, benannte man dieses Szenario ,Green Leprechaun' oder zu Deutsch ,Grüner Kobold'.
Nach Captain Winters Ausführung brachte Präsidentin Benson es nochmals auf den Punkt.
»Sie glauben also, Nordkorea hat tatsächlich drei Sprengköpfe an eine Gruppe fanatischer Patrioten verkauft?«
»Sieht wohl so aus, Madam President.«
»Gut, meine Herren, dann werde ich gleich alles Weitere mit dem Krisenstab besprechen. Danke für die ausführlichen Erläuterungen, Captain.«
»Es war mir eine Ehre, Madam President«, erwiderte Winters.
»Und grüßen Sie bitte Ihren Vater recht herzlich von mir«, fügte die Präsidentin an, bevor sie sich von dem Verteidigungsminister ebenfalls verabschiedete.
»Will, wir sehen uns nachher.«
Traken lehnte sich nachdenklich in seinem Sessel zurück und schwang langsam hin und her.
»Haben Sie heute schon was vor?«, fragte er den Offizier nach einer Pause.
»Nichts, das nicht warten könnte, Sir.«
Der Minister zeigte auf ihn, um dem nachfolgenden Satz mehr Ausdruck zu verleihen.
»Gut, dann begleiten Sie mich gleich ins Weiße Haus.«
Winters hatte keine Zeit, einen Einwand vorzubringen, denn schon im nächsten Moment sprach Traken in das Tischtelefon.
»Leutnant Landry. Bitte organisieren Sie sofort einen Wagen zum Weißen Haus. Abfahrt in zwanzig Minuten.«
»Jawohl, Sir!«
Der Minister schloss die Akte auf seinem Schreibtisch und reichte sie dem Captain.
»Hier Winters, das wird gleich im Weißen Haus Ihre Show.«
Mit einem mulmigen Gefühl nahm der Offizier die Akte wieder an sich und nickte nur überrascht, denn es fehlten ihm die Worte.
2 NSA – siehe Glossar Seite →
3 FEMA – siehe Glossar Seite →
4 FAA – siehe Glossar Seite →
5 STRATCOM – siehe Glossar Seite →
6 CIA – siehe Glossar Seite →
Paris, 48° 52' 19.522" N 2° 24' 30.868" O
20. Arrondissement, Boulevard Mortier 141
Zentrale französischer Geheimdienst DGSE7
Stéphane Dubois saß gelangweilt an seinem Schreibtisch und blätterte in einer Fallakte.
Er war Anfang 40 und bei einer Größe von 1,81 m wog er sportlich durchtrainierte 85 kg.
Sein hellbraunes Haar war mit Geheimratsecken verziert und seine blaugrauen Augen wirkten sanft.
Den Vorstellungen des klassischen Geheimagenten entsprach er definitiv nicht, sondern er war mehr der Typ, mit dem man gerne ein Bier trinken würde.
Als das Telefon klingelte, nahm er lässig den Hörer ab.
»Ja, Dubois hier.«
Augenblicklich wurde sein Blick aufmerksam.
Er fixierte seinen Computerbildschirm und klickte systematisch einige Male mit der Maus.
»Ja, ich habe die Mail erhalten«, sagte er zögernd.
Sein Blick flitzte über den Bildschirm.
»Wie sicher ist das?«, fragte er skeptisch den Anrufer und schloss dann die Augen, um ein Dankesgebet gen Himmel zu schicken.
»Chérie, du hast was bei mir gut. Au revoir«, sagte er sanft und legte den Hörer wie schlaftrunken zurück auf das Telefon.
Gedankenverloren starrte er einen Moment auf den Bildschirm vor sich.
»Endlich habe ich dich«, murmelte er triumphierend und ließ das Bild vor sich nicht aus den Augen.
Der dunkle, stechende Blick von Mohammad Al Sakri, einem weltweit gesuchten Terroristen mit saudi-arabischen Wurzeln, starrte feindselig zurück.
Al Sakri war Anfang der 2000er-Jahre einer IS8 nahestehenden Organisation beigetreten. Dort war er zunächst aktiv an Bombenanschlägen beteiligt, bei denen Dutzende unschuldige Menschen ihr Leben ließen. Später spezialisierte er sich dann auf gezielte Mordanschläge oder leitete kleine Terrorzellen in Frankreich beziehungsweise im Nahen Osten.
Stéphanes Blick trübte sich und sein Gesicht war plötzlich von schmerzhaften Erinnerungen gezeichnet, die ihn gealtert wirken ließen.
Seine Gedanken führten ihn vier Jahre zurück zu einem strahlend schönen Tag im späten April, an dem er der Meinung war, dies sei der glücklichste seines Lebens.
Frühling in Paris, der Stadt der Liebe!
Die Sonne verwöhnte die französische Metropole und die Menschen genossen den Tag in den unzähligen kleinen Cafés und Restaurants des 6. Arrondissements, dem Künstlerviertel Montmartre.
Stéphane und seine Verlobte Emilie saßen gemütlich auf den roten Korbstühlen vor dem Eingang des berühmten Cafés de Flore und beobachteten das bunte Treiben der vorbeiziehenden Flut an Touristen.
Er war stolz darauf, dort zu leben, wo andere Urlaub machten.
Gerade als er einen großen Schluck Caffé Latte aus der elegant aussehenden Bol nahm, ergriff Emilie seine Hand.
»Stéphane, ich muss mit dir reden.«
Mit schüchternem Blick sah sie ihn von unten herauf an, was er gar nicht von ihr kannte, denn Emilie war sonst eine selbstbewusste, quirlige Person.
»Weißt du noch, worüber wir letzten Sommer gesprochen haben?«
Der Agent stellte seine Tasse ab und runzelte fragend die Stirn.
»Mon Amour, das ist viel verlangt. Wir reden über so manches«, antwortete er, und ein verliebtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
»Wir sprachen von Veränderungen in unserem Leben und darüber, sesshaft zu werden. Wir wollten eine Familie gründen, n’est-ce pas?«
Verlegen umfuhr sie den Rand ihrer Tasse mit der Fingerspitze.
Ein seltsames Gefühl in Stéphanes Magengegend und sein plötzlich schneller werdender Herzschlag verrieten ihm, was sie erzählen wollte.
»Emilie! Willst du mir sagen, dass du ...?«
Er zögerte, um tief einzuatmen und sein Inneres zu beruhigen.
»... schwanger bist?«
Emilie lächelte und nickte glücklich.
»Oh, mein Gott!«, stieß er hervor und sprang von seinem Stuhl direkt vor einen vorbeilaufenden Kellner.
Der Mann war so erschrocken, dass er ein volles Tablett mit Geschirr fallen ließ. Der Agent wiederum blieb davon völlig unberührt und umarmte ihn kräftig.
»Ich werde Vater!«, brüllte er den um Fassung ringenden Mann an, der nicht so recht mitbekam, wie ihm geschah.
Stéphane hielt seinen Kopf mit beiden Händen so fest, dass der Arme meinte, er wäre in einem Schraubstock.
Zur allgemeinen Belustigung der anderen Gäste drückte er ihm einen schmatzenden Kuss auf die Wange.
Dann ließ er von dem Kellner ab und zog überschwänglich vor Glück seine strahlende Verlobte von ihrem Stuhl.
Stéphane umarmte sie so fest, dass sie lachend quiekte, und versuchte, sich zu befreien.
»Ich liebe dich, Chérie«, flüsterte er ihr zärtlich ins Ohr.
Einige Gäste der umliegenden Tische applaudierten, und Passanten, die stehen geblieben waren und die Szene neugierig betrachteten, machten ebenfalls mit.
Emilies fröhlich gerufenes »Ich dich auch« wurde von dem lauten Quietschen eines Autos übertönt.
Zwei schwarze Minivans waren nicht weit von dieser ausgelassenen Szene abrupt zum Stehen gekommen.
Scheppernd wurden die seitlichen Schiebetüren aufgerissen und Männerstimmen schrien etwas in arabischer Sprache.
Im nächsten Augenblick peitschten Schüsse durch die warme Frühlingsluft.
Instinktiv riss der Agent seine Verlobte zu Boden und zog seine Dienstwaffe aus dem Holster.
Er wirbelte blitzartig herum und warf sich hinter einem umgeworfenen Tisch in Deckung. Dabei versuchte er, die Angreifer zu lokalisieren.
»Runter auf den Boden«, brüllte er immer wieder den panisch umherlaufenden und kreischenden Menschen zu.
Direkt neben ihm wurde ein flüchtender Passant von einer Kugel in den Rücken getroffen und Stéphane hörte den dumpfen Einschlag.
Der Agent entdeckte einen schwarz gekleideten Mann mit Skimaske, der ohne Sinn und Verstand weitere Salven in die panische Menschenmenge feuerte.
Durch seinen jahrelang trainierten Instinkt veranlasst, zielte er blitzschnell und schoss.
Drei schnell aufeinander folgende Schüsse später sackte der Angreifer zu Boden.
Ein Projektil hatte ihn direkt in die Stirn getroffen.
Noch im Fallen drückte seine verkrampfte Hand weiter den Abzug, bis das Magazin der Waffe leer war.
Kugeln und Querschläger zischten und pfiffen durch die Luft.
Sirenen von sich nähernden Polizei- und Rettungskräften hallten durch das Viertel, während die Schüsse sich langsam entfernten.
Stéphanes Blicke schossen wild umher, um sich zu vergewissern, dass im Augenblick keine weitere Gefahr drohte.
Seine Verlobte lag in circa zwei Metern Entfernung, zusammengekauert hinter einem halb zerschossenen Blumenkübel, und starrte ihn panisch mit weit aufgerissenen Augen an.
Einen Sekundenbruchteil später registrierte der Agent, dass sie die Hände fest an ihren Hals presste, und hechtete zu ihr hinüber.
»Emilie! Bist du verletzt?«
Erst dann sah er entsetzt, dass sich eine Blutlache unter ihrem Kopf gesammelt hatte.
Bei dem Versuch zu antworten, gab sie ein gurgelndes Geräusch von sich, das von einem Schwall Blut begleitet wurde.
Der Agent suchte hektisch nach der Verletzung.
Er zog Emilies Hände weg, und eine kleine Fontäne spritzte ihm entgegen. Geschockt sah er einen Einschuss an ihrer linken Halsseite.
Hastig versuchte er, die Wunde abzudrücken, doch ihr Leben rann unaufhaltsam durch seine Finger.
»Alles wird wieder gut, ich verspreche es dir!«, redete er beruhigend auf sie ein, doch er wusste, dass sie verloren war.
Nur sein Herz wollte es nicht akzeptieren.
»ICH BRAUCHE HIER HILFE!«, brüllte er fordernd.
Seine Worte wurden jedoch in dem Chaos nicht gehört.
»HILFE! VERDAMMT NOCHMAL, ICH BRAUCHE HIER HILFE!«, schrie er nun flehend und bemerkte, dass Emilie ein letztes Mal verzweifelt um Luft rang.
Mit einer plötzlichen Ruhe im Blick sah sie ihn sanft an und sackte dann in sich zusammen. Hilflos musste er mitansehen, wie der letzte Lebenshauch seine große Liebe verließ.
Eng umschlungen hielt er Emilie fest, bis ein Sanitäter ihn sanft an der Schulter berührte, um sich von jetzt an um sie zu kümmern.
Stéphanes Hände waren eiskalt und es war unendlich schwer für ihn, seine Finger von den ihren zu lösen. Endlich erhob sich der Agent und stand dann eine Weile verloren und mit totem Blick vor den Scherben seiner Existenz.
Was zur Hölle war passiert?
Vor wenigen Augenblicken war er noch einer der glücklichsten Menschen in Paris, aber jetzt zerfetzten düstere Bilder seine Seele.
Ein Teil von ihm war mit Emilie gestorben!
Regungslos sah er mit an, wie man die junge Frau und sein ungeborenes Kind aus seinem Leben trug.
»Heute wirst du bezahlen. Du bist schuld, dass meine Familie tot ist«, wisperte er, voller Hass und unbändige Wut spiegelte sich in seinen Augen, bevor er mit schwerer Hand seinen Monitor ausschaltete.
Stéphane öffnete eine Schublade des Schreibtisches, nahm seine Dienstwaffe und steckte sie in das Holster.
Wie in Trance griff er dann nach einem kleinen Gegenstand, umklammerte ihn fest und schloss versonnen die Augen.
»Heute ist der Tag, an dem ich meine Rache bekomme, und ich schwöre, dass du unsäglich leiden wirst.«
7 DGSE siehe Glossar Seite →
8 IS siehe Glossar Seite →
Washington D. C. 38° 52' 51.3" N 77° 2' 11.7" W
Weißes Haus
Presidential Emergency Operations Center
Als der Verteidigungsminister und Captain Winters den Situation Room betraten, fiel ihr Blick auf das große Rechteck aus zusammengestellten Tischen.
Kleine silberne Tabletts mit umgedrehten Gläsern und Karaffen standen gleichmäßig verteilt in der Mitte der Tischplatte.
Viele Plätze waren bereits besetzt und einige Anwesende steckten leise tuschelnd ihre Köpfe zusammen.
Vizepräsident Theo Warren steuerte auf die beiden Männer zu.
In seiner aalglatten Art und einem gewinnenden Lächeln reichte er Traken die Hand.
»Hallo William. Es ist schön, dich zu sehen«, begrüßte er den Minister mit einem kurzen Seitenblick auf seinen Begleiter.
Traken nickte freundlich, und nachdem sie einige höfliche Floskeln ausgetauscht hatten, zeigte er auf den Soldaten.
»Mr. Vice-President, das ist Captain Winters. Er wird uns gleich über die neuesten Ereignisse in Kenntnis setzen.«
»Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich hoffe, Sie können Licht ins Dunkel bringen. Im Moment weiß hier noch niemand, worum es eigentlich geht.«
»Ja, Sir, ich werde mein Bestes geben«, antwortete der Analyst hölzern, und sein Lächeln wirkte durch die Anspannung etwas verrutscht.
»Davon gehe ich aus, Captain«, entgegnete Warren und ein besonderer Ausdruck in seinem Blick ließ den Offizier vorsichtig werden.
Er wollte noch etwas sagen, doch ein Mitarbeiter des Secret Service kündigte das Eintreffen der Präsidentin an.
In tiefer Verehrung hob Winters reflexartig salutierend den Arm.
Dass die an ihm vorbeigehende, gertenschlanke Frau wirklich die Präsidentin eines so großen Staates war, überraschte ihn immer wieder, denn sie wirkte, als könnte sie seine Nachbarin sein.
Warren warf dem Verteidigungsminister einen belustigten Blick zu und trieb damit dem Soldaten eine leichte Röte ins Gesicht.
Respektvoll erhoben sich alle Anwesenden von ihren Stühlen.
Benson lief mit zügigem Schritt an der Gruppe aus Traken, Warren und Winters vorbei.
Ein kleines Kopfnicken und ein freundliches »Hallo« waren die kurze Begrüßung für die Männer.
»Captain, nehmen Sie jetzt Ihren Arm runter«, flüsterte Traken und knuffte ihn unauffällig in die Seite.
Nachdem die Präsidentin den Kopf des Tisches erreicht hatte, legte sie ihre Akten vor sich ab und forderte die Anwesenden kühl auf, Platz zu nehmen.
»Wir haben heute einen straffen Zeitplan und viel Arbeit. Lassen Sie uns beginnen.«
Sie fuhr sich mit einer Bewegung durch das kurz geschnittene blonde Haar und gab ihrem Stabschef ein Zeichen.
Einen Moment später erklang ein leises Surren.
An den Wänden, an denen sich eben noch wohnliche Holzvertäfelungen mit kleinen, pittoresken Landschaftsgemälden befunden hatten, erschienen nun moderne Großbildschirme. Jeder von ihnen zeigte ein anderes Bild, da verschiedene Behörden gleichzeitig per Videokonferenz an der Sitzung teilnahmen.
Benson richtete eine einladende Geste an Traken.
»Wir werden nun über die beunruhigenden Informationen aufgeklärt.«
Der Minister klopfte dem Captain auffordernd auf die Schulter und beugte sich zu ihm hinüber.
»Showtime!«, flüsterte er und nickte ihm zu.
Winters räusperte sich kurz und begann mit fester Stimme seinen Bericht.
»Madam President. Danke, dass Sie mir das Wort erteilen. Mein Name ist Captain Winters. Ich bin Verbindungsoffizier zwischen dem Pentagon und den verschiedenen Nachrichtendiensten. Mein Spezialgebiet ist die Zusammenfassung, Analyse und Auswertung von Daten, damit wir eventuelle Bedrohungen frühzeitig erkennen können.«
Umständlich klappte er seine Akte auf und nutzte den Moment, um sich zu sammeln und seiner Stimme einen angemessenen professionellen Ton zu geben.
»Ich muss die Damen und Herren dieser Sitzung leider darüber informieren, dass wir einen ,Grünen Kobold' haben.«
Diese Nachricht schlug ein wie die sprichwörtliche Bombe.
Heftiges Tuscheln breitete sich aus und überall sah er in fragende und ungläubige Gesichter.
Der Vizepräsident erhob sich und stützte sich aufgebracht auf den Tisch.
»Wiederholen Sie das bitte«, forderte er.
Winters wurde in diesem Moment von den vielen skeptisch dreinschauenden Augen förmlich niedergedrückt.
Es wurde schlagartig so still, dass ihm seine eigene Atmung unangenehm laut vorkam.
»Wir haben einen ,Grünen Kobold'. Um ganz genau zu sein: Einen dreifachen Grünen Kobold«, wiederholte der Offizier.
Warren fiel mit ungläubigem Blick zurück auf den Stuhl und wischte sich mit einem großen weißen Stofftaschentuch hektisch den Schweiß von der Stirn.
Auch der Vize-Direktor der FEMA, des amerikanischen Katastrophenschutzes, war bei der Videokonferenz zugeschaltet.
Vehement versuchte er immer wieder, eine Frage zu stellen, doch die entstandene Unruhe im Raum verhinderte das.
»Entschuldigung! ENTSCHULDIGUNG!«
Der Mann winkte ungeduldig in die Kamera, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Letztlich gelang es ihm und der Geräuschpegel sank langsam auf ein leises Murmeln herab.
»Entschuldigung, aber anscheinend haben nicht alle Behörden den gleichen Kenntnisstand. Ich kann mit diesem Code nichts anfangen. Was zum Teufel ist ein Grüner Kobold?«
»Die Kurzfassung und präzise Antwort lautet: Verkauf einer nuklearen Waffe an eine terroristische Organisation zum Zwecke der Zündung auf amerikanischem Boden«, beantwortete Winters sachlich die Frage.
Nach dieser Erklärung, die wie ein Elefant im Raum stand, war es totenstill.
Nur das leise Surren der Computeranlage war zu hören. Man sah an den betretenen Mienen der Anwesenden, dass sie diese Information erst einmal verdauen mussten.
Doch Captain Winters fuhr seine Erklärung mit weiteren Hiobsbotschaften fort.
»Erst heute konnte ich das letzte Teil eines großen Puzzles zusammenfügen, nachdem ich einen neuen Geheimdienstbericht aus Frankreich sowie fehlende Frachtpapiere aus San Francisco erhalten hatte.«
Der Offizier holte tief Luft und zog ein Papier aus der Akte.
»Lee Son Hoi ist ein in Nordkorea eingeschleuster französischer Agent. Seit Jahren liefert er den Franzosen wertvolle Daten über das Atomprogramm des Landes. Ihm haben wir es auch zu verdanken, dass ein Kommuniqué abgefangen wurde, dass Nordkorea zurzeit 37 einsatzfähige Atomsprengköpfe besitzt. Ein Abgleich mit unseren Daten besagt jedoch, dass es 40 sein müssten.«
»Vielleicht haben sie drei Sprengköpfe eingemottet oder bereiten neue Tests vor«, unterbrach Warren mit arrogantem Unterton.
Winters sah den skeptischen Blick der Präsidentin.
»Mister Vice-President, bei allem nötigen Respekt, aber selbst Ihrer ehemaligen Behörde sind zurzeit keine Testtermine bekannt. Das bestätigte auch unser Informant.«
Der frühere Direktor der CIA und jetzige Vizepräsident Warren verstand diesen Seitenhieb.
Sein Gesicht nahm eine unnatürlich gefährliche Röte an.
»Sie glauben irgendeinem fremden Spitzel mehr als dem besten Geheimdienst der Welt? Wir sind dafür bekannt, an jeden heranzukommen und ich weiß, wie die Mannschaft arbeitet. Ich sage Ihnen, wenn etwas Derartiges passiert wäre, würden wir es wissen.«
Davon unbeeindruckt fuhr der Offizier mit seiner Erklärung fort.
»AMERICAN WHITE NATIVES oder kurz AWN. Das ist eine Gruppe selbst ernannter Patrioten in unserem Land. Das FBI beobachtet sie bereits seit geraumer Zeit und dieser Name fällt immer wieder in den Geheimdienstberichten, die im Zusammenhang mit dem Kauf von nuklearem Material stehen. Wir konnten eine Zahlung von einem Offshore-Konto in Höhe von 500 Millionen US-Dollar bis zu dem Office 39 in Nordkorea zurückverfolgen.«
»Office 39?«
»Das ist eine geheime Einrichtung des Regimes, mit der Unsummen von Geldern aus kriminellen Aktivitäten generiert werden. Das Frachtdokument, das mir heute aus San Francisco zugespielt wurde, beweist, dass bei einem chinesischen Frachter ein Container doppelt eingecheckt war. Genau dieser macht uns jetzt Sorgen, da er verschwunden ist.«
