Original Linzer Tortur - Erich Wimmer - E-Book

Original Linzer Tortur E-Book

Erich Wimmer

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Beschreibung

Eine Verfolgungsjagd durch Linz, eine Schießerei in der Innenstadt und eine verschwundene alte Frau: Ein Dokument aus einer Zeit, die Linz gerne vergessen würde, stürzt die Stadt ins Chaos. Es ist eine Liste von Wohnungen, die das Hitlerregime den Juden wegnahm und linientreuen Nazis überließ. Deren Nachfahren haben es sich darin bequem gemacht. Detektiv Pius Korab erhält den Auftrag, die Liste zu beschaffen und für späte Gerechtigkeit zu sorgen. Doch einige Neonazis haben etwas dagegen und sie schrecken vor nichts zurück. Nicht nur Korab, sondern auch seine Freunde schweben bald in Lebensgefahr.

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Erich Wimmer:Original Linzer Tortur

Alle Rechte vorbehalten© 2017 Salomon, Wienwww.salomon-verlag.at

Cover: JaeHee LeeCoverfoto: Hongwei TangGestaltung: Lucas Reisigl

ISBN 978-3-90320-010-4

eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

PROLOG

»Ssheiiiszhauuh!«, fauchte Herr Wagner in den straffen Knebel, der wie eine feuchte Stoffwurst zwischen seinen Kiefern klemmte. Seit er aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht war, sah er die gewohnte Umgebung aus dem ungewohnten Blickwinkel einer aufgedunsenen Made. Eingehüllt in ein eierlikörgelbes Leintuch und gefesselt mit einem blaurot karierten Bergsteigerseil saß er schräg und verkrampft auf seinem Wohnzimmersofa und versuchte vergeblich, sich zu bewegen.

Warum fühlte sich dieser Alptraum so verflucht wirklich an? Wieso hatte es ausgerechnet ihn erwischt? Er war doch der Wirtschaftsmann. An ihm hing das Wohl aller. Aber wie, bitteschön, sollte er denn diesem Wohl dienen, wenn er sich nicht rühren konnte? Er war doch der mit Abstand vitalste Hecht im trüben Teich der österreichischen Wirtschaft. Außer ihm grundelte dort nichts Nennenswertes herum, abgesehen von ein paar alten Karpfen mit Moos am Rücken und ein paar blinden Karauschen. Nur ihm alleine, Ingenieur Ernst August Wagner, verdankte der österreichische Höhlenmensch den Schritt vom Pleistozän ins einundzwanzigste Jahrhundert. Er alleine hatte die Schöpfung vollendet, indem er den Arbeitsplatz erschaffen hatte. Und der Arbeitsplatz war das lebensrettende Schutzhäuschen am Gipfel einer bis dahin komplett unfertigen, schroffen und trostlosen Welt. Dank ihm hatte Gottes weitgehend sinnlose Vorarbeit eine sinnreiche Vollendung erfahren. Und dann, man stelle sich das vor, kommt irgendwer von irgendwo her und bindet ihn hier fest! In seiner eigenen Villa!

»Hosmochn! Chshofurt!«, röchelte Herr Wagner in die Stoffklemme, bevor ihm endlich ein plausibler Verdacht durch die Synapsen zitterte: die Vogeldoktoren der Jauregg-Klinik! Den Psychogockeln war alles zuzutrauen. Von diesen Traumtänzern wusste kein einziger, wo bei einer Schaufel hinten und vorne war. Herumsülzen und Mist verzapfen, bei sowas waren die Weltmeister – und natürlich bei der totalen Fehleinschätzung ihrer hirnamputierten Patienten. Wahrscheinlich war einer der abnormen Schwerverbrecher einfach bei der Krankenhaustüre rausmarschiert und auf den Linzer Froschberg gelaufen, um hier die Villen auszurauben. Diesem Perversen machte es offensichtlich einen ganz besonderen Spaß, hochangesehene, mit dem goldenen Verdienstkreuz ausgezeichnete Wirtschaftsmänner zu fesseln und zu erniedrigen.

Der Kontrollverlust über seinen Körper schmerzte Herrn Wagner noch mehr als die Vorstellung, dass dieser rohe Rüpel garantiert noch nie einen Arbeitsplatz erschaffen hatte. Der Verlust von irgendwelchem Klimbim war im Grunde genommen noch verkraftbar. Aber dass sich der Spielraum seiner Zunge nur im Millimeterbereich bewegte und sich seine Finger und Zehen anfühlten wie halbseitig gelähmte Würmer, das war die eigentliche Sauerei. Die Riesensauerei. Der einzige Teil an ihm, der nach wie vor die übliche Freiheit genoss, war sein Gaumenzapfen. Der hing frei und fidel über dem Schlund, als wäre nichts geschehen. Dass Herr Wagner einmal seinen eigenen Gaumenzapfen um dessen Freiheit beneiden würde, diese Vorstellung vernichtete seinen ohnehin bescheidenen Vorrat an halbwegs vernünftigen Gedanken. Herr Wagner spuckte weißliche Schaumbläschen, begleitet von Zisch- und Grunzgeräuschen: »Shaiiisau, hu hoide hchregsauhauhau! Hos hachn!«

Durch den straffen Knebel war seine Zunge klumpig gestaucht und verhunzte die Modulation sämtlicher Kraftausdrücke, die er so gerne klar und deutlich losgeworden wäre. Wegen seiner eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten blickte Herr Wagner notgedrungen auf die Wohnzimmerwand, die seinem Gesicht gegenüberlag. Der ausgestopfte Bisonschädel, das Herzstück seiner Jagdtrophäen, sah ihm direkt in die Augen und hatte nicht das geringste Mitleid mit ihm. Oder spielte da sogar ein Grinsen um die Bisonlefzen? Aber sicher. Das Drecksvieh lachte ihn aus. Und nach und nach fingen auch die anderen Schädel damit an. Jedes einzelne dieser hirnlosen Fellgesichter flappte mit seinen Lippen, zeigte ihm die Zunge und amüsierte sich köstlich über die Hilflosigkeit des großen Jägers. Am liebsten hätte Herr Wagner diesen Pelzzombies in die selbstgefälligen Gesichter gespuckt und ihnen seine Faust in die Schnauzen gerammt. Aber die Knoten der Stricke saßen so fest, als wäre nicht ein dürrer Pensionist, sondern ein wildes Raubtier in diesem Wohnzimmer gebändigt worden.

»Hohoarshcch sdrcksgfrhyyys«, wurde Herr Wagner nicht müde, in seiner Knebelsprache zu üben, während aus dem Nebenraum leise Geräusche drangen. Da ein Scharren, dort ein Klimpern und dazwischen das Geraschel frisch gestärkter Stoffe. Und mitten durch dieses Potpourri aus unbeseelten Lauten wehte ein Singsang, der Klang einer unbekümmert vorgetragenen Musik. Als die Melodie Herrn Wagners Trommelfell erreichte, verdickten sich seine dünnen Verdachtsmomente zur ersten Strophe von La Paloma. Er kannte dieses Lied. Er kannte es ebenso gut, wie er die ausgeleierten Stimmbänder kannte und die vertrocknete Maulfalte, aus der dieser Rotz heraussickerte. Aber er würde den Namen dieser Bestie, die im Nachbarzimmer so süffisant vor sich hin pfiff, weder denken noch aussprechen. Stattdessen würde er die Trägerin dieses Namens zermalmen, zerstampfen und in der Luft zerreißen. Aber dafür musste er zuerst diese Fesseln loswerden. Noch einmal bot er all seine Kräfte auf und versuchte, das Seil zu sprengen.

»Schhhitz … tzusau!«

Aussichtslos. Gegen die Macht der Stricke war ihm kein Muskel gewachsen. Hilflos und unbeweglich blieb er in seiner Roulade aus Knoten, Stricken und Wut gefangen.

Die Geräusche aus dem Nebenraum verebbten. Im Türrahmen zum Wohnzimmer erschien eine menschliche Silhouette. Eine alte Frau, kaum größer als ein fünfzehnjähriges Mädchen, sah prüfend auf ein Honigglas in ihren Händen und versuchte, es zu öffnen. Erst nach ein paar vergeblichen Drehbewegungen gelang es ihr, den Deckel vom Glas zu schrauben. Mit dem Behälter in der Hand marschierte sie auf den Gefesselten zu und goss ihm den zähflüssigen Inhalt über den Kopf. Herr Wagner wirkte erstaunlich gefasst, während die alte Dame darauf achtete, dass nichts von dem goldbraunen Honigstrom in seine Augen sickerte. Noch während der Honig gleichmäßig über Hinterkopf, Nacken und Schultern strömte und sich Haut und Stoff in eine Art Fliegenstreifen verwandelten, stellte sie das leere Glas auf eine von einer nackten Marmorsklavin getragene, gläserne Tischplatte und verschwand wieder im angrenzenden Raum.

In Herrn Wagners Nasenflügel entstand ein Beben, die Ausläufer eines Sturmes, dessen Epizentrum in seinem Kleinhirn tobte. Als die alte Frau den Raum erneut betrat, hielt sie ein Album in den Händen. Beim Anblick des teuren Ledereinbandes steigerte sich das Beben der Altmännernase zu einem Zucken des ganzen Körpers, als würden Herrn Wagners nackte, feuchte Hoden gegen einen stromführenden Kuhdraht pendeln. Unbekümmert von diesen Signalen öffnete die alte Frau das Album, strich mit der flachen Hand über die Seiten und wischte eine Briefmarke nach der anderen aus ihrem Falz, bis sie das Album weitgehend geleert hatte. Mit dem zarten Gestus sterbender Schmetterlinge, die nach ihrem Hochzeitsflug zur Erde taumeln, hefteten sich die Marken an Herrn Wagners mit Honig glasierten Körper.

»Sie hat dich gehonigt und gebriefmarkt«, fasste der Bisonschädel die Handlungen der letzten Minuten pointiert zusammen. Auf einer Frequenz, die Herr Wagner nur in diesem Moment seines Lebens wahrnehmen konnte, musste er den zynischen Kommentar des Bisons über sich ergehen lassen und dieses viehische Lachen ertragen, das sich immer wieder neu entzündete an dem Bild eines grotesken Gnoms, das er gerade abgab.

Die alte Frau kehrte zurück in den Nebenraum, schlüpfte in die Träger eines bis an den Rand gefüllten Rucksacks und ergriff eine vollbepackte Reisetasche. Damit marschierte sie vorbei an dem Gefesselten, blieb aber in der geöffneten Tür stehen, um die Tasche noch einmal abzusetzen.

»Weißt du, Ernst«, sagte sie mit einem Ton, der zugleich entschlossen und wehmütig klang, »dein Lebtag lang hast du alles andere lieber mögen als mich. Deine Waffen, die Jagd und diese … Briefmarken. Drum war es höchste Zeit, dass ihr einmal heiratet, du und deine Marken … und noch was, Ernst … schau endlich einmal Richtung Gott. Wird nicht mehr lange dauern und du stehst vor ihm. Dann wirst du dich vor ihm verantworten müssen … und er wird dich nicht fragen, warum du unschuldige Viecher aus dem Hinterhalt abgeknallt hast. Er wird dich was ganz anderes fragen: Warum hast du in deinem ganzen Leben kein einziges gutes Wort für einen anderen Menschen gehabt? Das wird er dich fragen. Und an deiner Stelle würde ich mir die Antwort gut überlegen. Weil die Ausrede, dass du selber eine schwere Jugend gehabt hast, die kannst du vergessen. Die gilt nicht vor Gott. Er hat dir ein langes Leben gegeben und dich reich beschenkt. Aber statt es ihm zu danken, hast du den anderen immer ins Gesicht gespuckt. Und ich war blöd genug, dass ich so lange zugeschaut hab … aber jetzt ist Schluss.«

Ruhig und zielstrebig nahm sie die Tasche wieder auf und verließ die Wohnung.

»Thudhu Shräggshau dhuhoihoide hohoarshshau«, krakeelte Herr Wagner, bevor seine allerletzten Kraftreserven verpufften. Völlig erschöpft sackte er in sich zusammen. Ihm blieb nur noch eine einzige konkrete Hoffnung: das Putzschwein. Dieser Trampel hatte sich sein schönes Geld noch nie entgehen lassen. Das würde sie auch heute nicht tun, dieses Rindvieh! Wenigstens einmal in ihrem nichtsnutzigen Leben konnte auch sie zu etwas nütze sein und ihm diese verfluchten Stricke vom Körper schneiden. Und dann würde er aufstehen, zu seinem Waffenschrank gehen, die Elefantenbüchse herausnehmen, sie mit dem größten Kaliber laden und seiner von Gott verdammten und vom Teufel zum Abschuss freigegebenen Gattin nachlaufen und ihr zeigen, was er von ihrem Abgang hielt.

Dass sie irgendwann abgehen würde wie ein entzündeter Nierenstein, das hatte er im hintersten Hirnwinkel vielleicht für möglich gehalten, besonders in letzter Zeit, seit sie gar nicht mehr aus der Kirche herausgekommen war und sich immer wieder bei diesen verfluchten Priestern wichtig gemacht hatte. Aber diese hinterfotzige Art und Weise ihres Abgangs hatte er so nicht auf der Rechnung gehabt. Damit hatte sie ihn kalt erwischt. So viel musste er der Wahrheit halber zugeben. Ein derartiges Spektakel hätte er ihr nicht zugetraut, diesem verlotterten Luder, dieser pfaffenhörigen Frömmlerin, dieser dreckigen Mistsau.

Die Vorstellung, wie ihr kleiner Körper durch die Wucht des schweren Kalibers abhebt und durch die Luft fliegt, quer durch das Wohnzimmer, bevor er schließlich auf den nadelspitzen Gazellenhörnern landet, der imaginäre Anblick seiner zwischen den Tierschädeln von der Wand hängenden Gattin, das Bild ihres mit Blei vollgepumpten, blutleeren, schlaffen Kadavers, den er den Geiern vorwerfen wird, damit die ihn bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln, diese Vision verschaffte Herrn Wagner eine Welle der Genugtuung, die sich zu einem breiten, inneren Grinsen auswuchs. Ein Gefühl, das er dringend brauchen konnte, um die Wartezeit bis zu seiner Befreiung zu überbrücken.

1. TeilGroßraum Linz

1

Ein mongolisches Zelt am Eingang zum Fegefeuer, bewohnt von drei diabolischen Hexenmeistern, die unlösbare Knoten in seinen mausgrauen Schicksalsfaden knüpften …

Mit diesem Bild nahm Pius Korab seine allernächste Zukunft vorweg. Und das Schlimmste dabei war, dass er keine Wahl hatte. Er würde diesen Ort in Kürze erreichen und dann eintreten müssen in diesen mirakelschwangeren Kultraum. Kein Wunder, dass sein innerer Angsthase panisch an einem Fluchtplan feilte, während er seinem Freund Isonzo und dessen Hund Mooser scheinbar unbekümmert folgte. Die beiden marschierten zielsicher durch die Traunau, obwohl die Pfade kaum zu erkennen waren. Der beginnende Frühling hatte seine Bärlauchteppiche bis in die letzten Auecken gebreitet. Frischer Knoblauchduft hing wie eine unsichtbare Wolke zwischen den Pappeln.

»Keine Angst, Pius«, sagte Isonzo, »du belangst den Falschen mit irgendwelchen Sorgen. Spätestens morgen sind deine Skrupel Sterngeschnupel. Du hörst dir einfach sein Angebot an. Und wenn es dir zu steil wird oder zu geil klirrt oder zu wenig wohlfeil schwirrt – dann sagst du ganz einfach Nein.«

»Nichts ist komplizierter als ein einfaches Nein«, entgegnete Korab hilflos, »warum sagst du mir nicht ganz einfach Näheres über dieses … Angebot?«

Isonzo breitete pathetisch die Arme aus, als wäre er der Heilige Franz von Assisi, der einem verwirrten Nagetier die drei Hauptaspekte der Frettchenfrage erklärt.

»Weil es dir der Krake höchstpersönlich unterbreiten möchte. Vom Grund seiner Seele, durch Schlund und Mundhöhle will er dich alleine sprechen, ohne frechen Störfunk von irgendeinem Skunk.«

Nach dieser Antwort verstummte Korab, als hätte man ihm den Mund mit Schaumrollenschaum ausgespachtelt. In seiner magischen Innenwelt war mit dem Aussprechen bestimmter Worte und Namen Unheil verknüpft. Und der Krake war ohne Zweifel der Inbegriff eines solchen Namens. Dahinter stand eine Persönlichkeit, die laut Isonzos Definition zur Speerspitze der global agierenden AntiKa-Bewegung gehörte. Dieser lose über sämtliche Kontinente verstreute Bund diverser Kapitalismuskritiker war effizient vernetzt und hatte es sich zum Ziel gesetzt, den geldgeilen Moloch mit seinen eigenen Mitteln zu bekämpfen. Man wollte nicht die alten Fehler wiederholen und alles mit allen teilen, wie das Kommunisten, Hippies und sonstige rührige Spinner versucht hatten. Die humane Gleichheit war eine Illusion, die nur für Paragraphen in schwülstigen Verfassungen reichte, aber in der Praxis immer an den unterschiedlichen Charakteren und Mentalitäten der Menschen scheitern musste. Die AntiKa wollte dieser Diversität Rechnung tragen und gleichzeitig auf eine solidarische Weise jene ökonomischen Grenzen definieren und als verbindlich einfordern, an denen das Kapital kontraproduktiv wurde. Geld sollte weiterhin benutzt werden, aber wieder als Mittel zum Zweck und nicht als Zweck an sich, der sich immer wieder zu einer unkontrollierbaren Instanz auswuchs, die den überwiegenden Teil der Menschheit versklavte. Diesem Programm hatten sich der Krake und seine Mitstreiter mit einer Vehemenz verschrieben, die einem Teufelspakt in nichts nachstand. Aus der absoluten Illegalität diverser Großvermögen, die einzelne oder Konzerne besaßen, leitete die AntiKa das absolute Recht ab, bei ihrem Kampf um ökonomische Gerechtigkeit ebenso auf illegale Mittel zurückzugreifen. Dazu gehörte unter anderem das Fälschen von Geld und Dokumenten – und genau hier lag das Quellgebiet von Korabs nicht geringer Sorge.

Auf Vermittlung Isonzos, der zusammen mit dem Kraken Biologie studiert hatte und seither einer seiner engsten Freunde war, fälschte die AntiKa für Korab seit Jahren diverse Ausweise und ersparte ihm damit eine Menge Ausgaben. Wenn Korab ins Kalkül zog, dass er als freischaffender Privatdetektiv, diplomierter Kunstvermittler und selbst ernannter Fishing Guide gerade einmal genug verdiente, um die Standgebühr für seinen Wohnwagen zu bezahlen und sich halbwegs passabel zu ernähren, dann war die Geldmenge, die er sich ersparte, weil er jedes Jahr eine kostenlose Karte für die öffentlichen Verkehrsmittel in Linz bekam, geradezu zu einem Grundpfeiler seiner Existenz geworden. Ganz zu schweigen von den Fischereilizenzen und den diversen Ausweisen, mit denen er seine Identität je nach Bedarf wechseln konnte. Dass er immer wieder glaubhaft als Polizist, Tierarzt oder Universitätsprofessor für Kunstgeschichte auftreten konnte, hatte er ausschließlich dem Kraken und der fälschungstechnischen Brillanz seiner Truppe zu verdanken. Theoretisch konnte Korab eine Bitte des Kraken ablehnen, aber in der Praxis stand er soweit in seiner Schuld, dass er deutlich spürte, wie das Wort Nein langsam aus seinem Wortschatz verdunstete.

»Der Krake ist bei weitem nicht so arg wie der Sarg, in den ihn deine Gespenstermaler stecken«, verteidigte Isonzo seinen Kumpel erneut, weil es nicht schwer war, das ungewöhnlich lange Schweigen Korabs richtig zu interpretieren.

»Nein, nur noch ärger.«

»Pius, du rostiger Schibus«, seufzte Isonzo theatralisch und blieb stehen. Er legte seine Hand auf Korabs Schulter und improvisierte eine kleine Familienaufstellung. Mooser stand an der Stelle der milchreichen Mutter, während Isonzo den väterlichen Freund, den netten Onkel sowie das milde Auge des Gottes Saturn repräsentierte.

»Ich hab viele Semester lang mit dem Kraken Biologie studiert«, begann Isonzo. »Der gebiert Wunderzunder, eminent vehement. Aber seinen Freunden gibt er immer mehr Energie, als er abzapft. Er ist ein sturmgepeitschtes Meer, aber gleichzeitig auch ein äußerst großzügiges bed of roses, verstehst du? Und er rechnet nie mit einem Energieausgleich. Aber manchmal, in ganz seltenen und speziellen Fällen, beim Herandräuen von Schicksalsdellen, braucht sogar ein Titanenmann wie er eine Klitzekleinigkeit an Unterstützung. Und nur darum geht’s. Um kleine Zuarbeiten, um konsensuale Momente. Hast du gewusst, dass der Krake neben seinem Studium als Grabredner und Mediator gewerkelt hat? Außerdem war er der wuchtig-geniale Schlagzeuger bei den Fetten Föten, damals eine absolute Kultband. Und er war auf allen diesen Gebieten ziemlich erfolgreich.«

»Das ist mir neu«, gab Korab zu.

»Siehst du«, sagte Isonzo, »und jetzt beruhigen wir uns wieder, atmen tief den Bärlauchmief und geben ihr unsere mildeste Segnung, der nahenden Begegnung. Glaub mir, Pius, der Krake freut sich auf euer Treffen. Bis jetzt kennt er dich nur von Passfotos. Und seien wir ehrlich. Auf Fotos wirkst du so unscheinbar wie eine Nennformgruppe in einem engen Schacht in einer dunklen Nacht.«

»Dafür hältst du mich?«, fragte Korab.

»Ja, und nicht nur ich«, bestätigte Isonzo, »sogar der Krake hat mich gefragt, ob das wirklich Haare sind, die da auf deinem Kopf liegen, oder gebleichte Salatblätter, die du gepresst hast, um eine Glatze zu verdecken.«

»Und was hast du ihm gesagt?«

»Weder Haare noch Salatblätter«, gab Isonzo zu, »sondern ein speziell präparierter Pappendeckel, den du zuerst in einer Lauge einweichst, dann im Toaster trocknest und mit einer hautverträglichen Salbe auf deine Kopfhaut klebst.«

»Ihr seid bloß neidisch auf meinen Seitenscheitel«, sagte Korab.

»Ja, und nicht nur auf den«, gestand Isonzo, »wir hätten auch gerne so eine fantastische Beulen-Jacke wie du. Ich habe dem Kraken und seinen Begleitern erzählt, dass du sie sogar in der Sauna trägst und neben den Ausweisen, die sie dir gemacht haben, noch jede Menge anderes Equipment reinstopfst: Notfischerausrüstung, Handschellen, Schreckschusspistole, Messer, Signalspray und Müsliriegel. Und nicht zu vergessen: deine extraverknitterten, sich aber teilweise selbstentfaltenden Plastiksackerl. Deine Jacke ist eine Legende, eine tragbare Gemischtwarenhandlung, die gleichzeitig in drei verschiedenen Grüntönen schimmelt.«

»Du meinst schimmert«, verbesserte Korab.

»Nein, Pius«, sagte Isonzo, »ich meine schimmeln im guten Sinn des Wortes. Jeder Grasfleck und jeder einzelne Pilz auf deiner Jacke zeugt von deiner Naturnähe und beweist, dass du evolutionär schon auf der nächsten Stufe stehst. Du bist einer der ersten Menschen, die sich nach einer langen Periode der Entfremdung wieder mit der Natur versöhnen.«

In Korabs Mundwinkeln sammelten sich kleine, säuerliche Grinser. Isonzo sprach unbeirrt weiter.

»Im Prinzip wirkst du so epochal wie die erste Kaulquappe, die ihren Kopf aus dem Wasser gestreckt und das Land erobert hat, nur umgekehrt. Angeführt von Vorpreschern wie dir kehrt die Menschheit zurück in den Schoß der Mutter Natur. Was glaubst du denn, wie diese Einschätzung dem Kraken und seiner Truppe imponiert hat?«

»Ich hör euch jetzt noch wiehern und nach Luft schnappen«, sagte Korab. Isonzo überging diese Anmerkung und legte noch eins drauf.

»Außerdem habe ich ihnen von deinen drei Berufen erzählt. Sie wissen jetzt, dass du als Kunstvermittler arbeitest und die Museumsbesucher mit deinen Metaphern in den Orbit ihrer eigenen Begeisterung katapultierst. Und wie ich dem Kraken dann noch auseinandergesetzt habe, dass du als Fliegenfischer-Guide schon Stammkunden hast, die extra aus Amerika einfliegen, nur um einen Tag mit dir an der Gmundner Traun zu fischen, und du in deinem dritten Nebenjob als Ein-Mann-Detektei weniger Detektiv bist als vielmehr ein South African Ridgeback, also ein Löwenjagdhund, der sich so lange und so tief in einen Fall verbeißt, bis er seinen Klienten ihren kleinen Notgroschen wieder zurückgebracht hat, da sind dem Kraken und seinen Begleitern vor lauter Hochachtung und Rührung endgültig die Nasenrammel geschmolzen und als Vorboten einer freundschaftlichen Zuneigung aus der Nase geträufelt.«

»Ich habe einen einzigen amerikanischen Kunden«, schränkte Korab ein, »und der war bisher zwei Mal mit mir fliegenfischen.«

»Pius, wer wird denn so pingelig sein«, sagte Isonzo. »Ich habe dein Licht nicht über den Scheffel gestellt, sondern nur dein Wesen erhellt. Äußerlich erscheinst du als Motte, aber innerlich bist du eine Flugzeugträgerflotte, ein starkstromdurchzucktes Bündel aus Feuerkobolden und ungeheuer holden Rittern, die in Gewittern gegen Blitze kämpfen. So ein seltenes Phänomen bedarf schon einer näheren Erläuterung. Das ist nicht so wie bei uns Durchschnittsbürgern, wo Schein und Sein zusammenfallen.«

Korab lachte laut auf.

»Du hast mit einem Durchschnittsbürger so viel gemeinsam wie eine Kernfusion mit einem Karpfenrülpser. Im Mittelalter hätten sie dich mit deiner Lästerzunge schon längst an ein Burgtor genagelt.«

»Mein lieber Specht«, sagte Isonzo, »da hast du recht. Ich würde aber glatt auf den Burgtorfichten weiterdichten. Mit Blut und Tränen und Hyänenhumor. Schließlich ist jeder noch so schlechte Reim heiß und ein Paradiesbeweis. Wenn sich Worte aufeinander reimen, dann können wir Menschen das auch. Wir müssen die Reime nur melken und ausloten. Sie sind die Vorboten einer blühenden Harmonie, wie Käsekeime im Brie, wie Erbse und Schote, wie Boote und Ruder, wie Lack und Luder.«

»Und außerdem«, überging Korab den lyrischen Lobgesang seines Freundes, »Ein-Mann-Detektei stimmt auch nicht. Wäre ich Sherlock Holmes, dann wäre Anita mein Dr. Watson. Manchmal glaube ich sogar, dass sie nur pro forma an der Museumskassa sitzt. Den Großteil ihrer Arbeitszeit verbringt sie im Internet und recherchiert für mich. Ohne ihre Hilfe wäre ich hilflos.«

»Und wie geht’s ihr, wenn sie nicht für dich recherchiert?«, erkundigte sich Isonzo. »Hat sie sich schon wieder halbwegs erholt von dem … Schreck?«

»Schreck?«, wiederholte Korab, als hätte er sich verhört. »Das war der Schock ihres Lebens. Keine Ahnung, ob man so ein Trauma überhaupt verdauen kann.«

Obwohl er damals nicht unmittelbar dabei gewesen war, sondern nach einer schweren Unterkühlung im Krankenhaus gelegen hatte, wurde Korab sofort von den Bildern umlagert, die Isonzos Frage heraufbeschwor. Korab sah den gläsernen Behälter mit der Batteriesäure, das Gesicht des krankhaft rachsüchtigen Mesners, der sich an ihm revanchieren wollte, indem er seine beste Freundin verunstaltete, und Isonzo, wie er seine Gummischleuder spannte und dem wahnsinnigen Typen eine hartgepresste Karpfenfutterkugel an die Stirn knallte.

»Ich bin kein Psychologe«, fuhr Korab fort, »aber seit ihr das passiert ist, verändert sie sich.«

»Inwiefern?«

»Sie ist konsequenter geworden«, sagte Korab. »Gleich nach dem Schock hat sie die Scheidung eingereicht und sich damit das nächste Problem eingefangen. Ihr Ex, ein gewisser Krainer, hat der Scheidung nicht zugestimmt. Stattdessen stalkt er sie. Momentan verschickt er Nacktfotos von ihr. Nicht nur im Netz, sondern auch als Ausdrucke, denen er noch abartige Informationen beifügt. Anita ist natürlich verzweifelt. Sie versteht einfach nicht, woher er als Notstandsbezieher das Geld hat für so viel Porto, und wie er diese irre Konsequenz aufbringt, wo er doch sonst das faulste Schwein ist, das man sich vorstellen kann.«

»Verdammte Vampire«, fluchte Isonzo. »Es ist immer das Gleiche. Sie saugen dir Zeit und Chi aus deinem Körper. Und wenn du sie zurückweist, bevor sie dich leergesoffen haben, dann explodiert ihre Wut. Sie wollen dich dafür töten, dass du dich ihrer Willkür entziehst und dein Blut womöglich jemand anderem schenkst. Gedenk dieser Worte: Es gibt nur die eine und die andere Menschensorte: Sauger und Ausgesaugte.«

»Und zu welcher Gruppe gehören wir?«, fragte Korab.

Isonzo lächelte breit. »Wir sind Forellen in Wellen und Wirbel. Aber vorher, du Zwirbel, treffen wir noch den lieben Kraken und quaken mit ihm und seinem Assistententeam.«

»Was heißt Assistenten?«, fragte Korab. »Wer sind die überhaupt?«

»Leute, harmlose, liebe, wie scheue Sonnenstrahldiebe«, blieb der Angesprochene auf der lyrischen Welle, bevor er wieder eine Spur sachlicher wurde. »Seinfreund ist ein Computergenie und ein begnadeter Didgeridoo-Spieler, Molly Müller ist Anthropologin. Sie kommt gerade aus Neuguinea. Hat dort ihre Dissertation geschrieben über ein Pygmäenvolk, bei dem sie ein paar Jahre gelebt hat.«

»Was macht eine Anthropologin in der Krakentruppe?«

»Frag sie«, sagte Isonzo, »der Krake rekrutiert ständig neue Leute. Gestern am Grillenweg hab ich Molly Müller zum ersten Mal gesehen.«

»Das heißt«, schlussfolgerte Korab, »die drei sind in deiner Stadtwohnung abgestiegen?«

»Genau«, bestätigte Isonzo, »aber treffen wollten sie dich hier draußen in der Jurte. Ist gemütlicher.«

»Und anonymer«, sagte Korab so leise, dass Isonzo es unmöglich hören konnte.

2

Isonzos Jurte stand auf einem fünf Hektar großen Augrundstück zwischen Traunmündung und Donau. Dieses Areal hatte sein früh verstorbener Vater, der durch eine Fleischhauerei reich geworden war, vor Jahrzehnten billig gekauft. Damals waren die Baumarten im Auwald – vorwiegend Pappeln und Weiden – wirtschaftlich uninteressant gewesen, ebenso wie der Wert eines Rückzugsgebietes für bedrohte Tierarten und die Bedeutung einer immobilienfreien Überschwemmungszone.

Nachdem er den Auwald und ein Zinshaus in Linz geerbt hatte, war Isonzo in die Mongolei gefahren und hatte so lange bei den Einheimischen gelebt und von ihnen gelernt, bis er eine Jurte selbst bauen konnte. Dann war er wieder zurückgekommen und hatte sich durch die Mitarbeit als Wildfütterer bei den hiesigen Jägern so beliebt und unentbehrlich gemacht, dass die nichts anderes als Ja sagen konnten, als er ihnen den Plan von der Aufstellung seiner Jurte vorlegte. Offiziell war die exotische Rundhütte ein transportables Futtermitteldepot für Rehe. Diese Funktion seines Bauwerks war das Bollwerk gegen den immer und überall drohenden Einfall von Beamtenhorden aus der Linzer Baubehörde, die den Hunnen und Hussiten an Abrisswut in nichts nachstanden.

»Moment«, rief Korab, als die Jurte schon in Sichtweite gekommen war, »mein Schuhband ist offen.«

Er kniete nieder und zwirbelte so langsam und ausführlich an den Bändern, als sollte er anstelle der Schlaufe eine Lotosblüte knüpfen. Um sich zu beruhigen, verdrängte er den Kraken und seine Truppe und klammerte sich an die Aura der Gegenstände in Isonzos rundem Heim. Das erdweiche Ocker und das krustige Blutrot der Nomadenteppiche, der kleine, mit feinen Ziselierarbeiten versehene Ofen, auf dem immer irgendein Fischeintopf vor sich hin köchelte, der gläserne Bücherkasten, der die Quintessenz von Isonzos papierenen Freunden enthielt, sowie die beiden einzigen Bilder an den Jurtenwänden. Auf einem war Dostojewski mit Ölfarben verewigt. Er stand in einem dunklen Keller, der sich in eine unüberschaubare Zahl von immer noch dunkler werdenden Abteilen verliert. Das zweite Bild war eine DIN-A3-Fotografie von Anna Politkowskaja. Auch sie war eine von Isonzos Heldinnen. Zwei Russen, zwei Seelen so tief wie der Baikalsee, unbeugsam und ohne Angst vor den großen Dämonen. Borgt mir etwas von eurem Drachentötermut, bat Korab im Stillen, erhob sich neu motiviert, ging noch die paar Schritte und trat endlich ein.

»Howdy, Pius«, hörte er jemanden sagen. Ein Cowboygruß. Wie sollte er diese transkontinentale Grußvariante beantworten? Wieder einmal stand ihm sein Vorausdenken so sehr im Weg, dass er sich für seinen Notgruß entschied: »Ahoi.«

Im Nachklang fand er diesen maritimen Ton gar nicht so unstimmig. Kuhbuben und Seebären. Grüne Weide und blaue Weite.

»Fein von dir, dass du dir Zeit nimmst für uns«, sagte ein fleischig-muskulöser Mittdreißiger, der entspannt auf den Teppichen lümmelte und auf dessen Kopf ein totgegrillter Oktopus lag, mit verkohlten Tentakeln, die über Schläfen, Nacken und Schultern hingen. Dreadlocks, hörte Korab seinen inneren Modefachmann flüstern, dessen Stimme von den vielen vergeblichen Beratungen ganz heiser geworden war, das sind Dreadlocks, kein toter Oktopus, du modischer Totalausfall.

»Ja«, antwortete Korab ausufernd. Es war nicht der Anblick des Kraken oder gar seine zwanglos freundliche Begrüßung, die Korab verwirrten. Es war auch nicht der erstaunlich normalhaarige, ein wenig dehydriert wirkende Seinfreund, der im Hintergrund der Jurte in seinem Laptop versunken war, als wäre der Bildschirm seine aufgeklappte Bauchhöhle. Es war Molly Müller. Diese Frau, diese junge Frau hatte Korabs innerem Teufelandiewandmaler mit ihrem Anblick glatt die Kehle durchgeschnitten. Nicht einmal ein kleines Röcheln war noch zu hören in der umfassenden Stille, die Korabs Staunen immer weiter in die Unendlichkeit dehnte. Molly Müller war nackt. Zumindest vom Nabel aufwärts. Mit gekreuzten Beinen saß sie auf einem der Teppiche, zwischen dem Kraken und Seinfreund, und bemalte ihre linke Brust mit Henna. Im Gegensatz zur Weichheit des feinen Pinsels waren ihre Brüste so hart und voluminös wie zwei mit Haut überzogene Sturzhelme für Hochgeschwindigkeitsschirennen. An der Spitze dieser mammagenen Haubitzen wirkten die Warzen wie zwei Zyklopenaugen, weil Molly feine Adern malte, die von einem dieser Augen weg ins Innere der milchschweren Berge führten. Aber das alles war noch harmlos verglichen mit dem eigentlichen visuellen Ereignis: Molly Müller trug einen kapitalen Nasenpflock und Ohrringe, die ihre Läppchen zu kleinen Lassos dehnten. Damit kannst du mindestens ein Kalb einfangen, sollten den Cowboys einmal die Schnüre ausgehen, kam endlich wieder eine halbwegs pragmatische Einflüsterung aus Korabs Innerem. Und außerdem, sinnierte sein innerer Prähistoriker weiter, freut sich jedes Pfahlbaudorf, sollte Molly einmal die Lust an ihrem Nasenpflock verlieren und ihn spenden wollen. Der Krake und Isonzo wechselten ein paar verständnisinnige Blicke, die Korabs beredtem Schweigen galten, während Molly weitermalte und Seinfreunds Finger wie Hagelschauer auf die Tastatur niedergingen.

»Wir haben da ein kleines Problem«, setzte der Krake frisch an, obwohl sich die Halbwertszeit von Korabs Staunen noch nicht einmal halbiert hatte, »bei dem wir deine Hilfe benötigen.«

Wobei, fragte sich Korab, kann eine Blattlaus drei ausgewachsene Nilpferde unterstützen?

»Wir brauchen dein Museum«, wurde der Krake konkreter. »Du hast da einen unauffälligen Zugang. Sollst was deponieren. Vorübergehend …«

»Was denn deponieren?«, brachte Korab eine Rückfrage zuwege.

»Bloß ein Bildchen«, antwortete der Krake. »Braucht aber perfekte Lagerbedingungen. Du weißt schon, richtige Luftfeuchtigkeit, staubfrei und immer schön gleichmäßig temperiert. Sowas hat’s nur im Museum.«

»Aber …«, begann Korab, wurde aber von Molly Müller unterbrochen, die mit ihrer Malarbeit innehielt und ihm plötzlich mit voller Aufmerksamkeit ins Gesicht sah.

»Soll ich dir’n Safd ausbrrressn?«, fragte Molly schneeflockenweich, mit flappenden Labiallauten, blubbernden Lippenwülstchen und Augen, die sich immer weiter vergrößerten, wie zwei über einem Bergrücken nebeneinander aufgehende Vollmondscheiben. Korabs Seele zerfloss in einem See voll heißem Kakao.

»Ich … na ja … was …«, stammelte er.

»Du gefällst mir«, sagte der Krake trocken, »bist ein Scherzkeks.«

»Museumsmäßig betrachtet bin ich sogar noch weniger«, ergänzte Korab, »ich bin sowas wie das letzte Segment vom Enddarm. Freiberuflicher Kunstvermittler. Ich hab’ zwar ein Kunstgeschichtestudium abgeschlossen und sogar eine Diss geschrieben, über Stahlskulpturen und die ästhetische Bedeutung von Rost, falls ihr es genau wissen wollt, aber das hilft mir überhaupt nichts. Ughde, das ist die Abkürzung für Unser geliebter Herr Direktor Ebner, der Oberboss des LinzMuseums, also Ughde, mein Herr und Gebieter, kennt noch nicht einmal meinen Namen. Kunstvermittler wie ich, die durch sein Museum schwirren, haben für ihn den gleichen Stellenwert wie die Bakterien, die durch seine Darmzotten wandern. Wir freien Mitarbeiter haben null hoch minus null Befugnisse. Ich kann nicht einfach den Direktor fragen, ob ich etwas in seinem Depot abstellen darf.«

»Du sollst auch niemanden fragen«, erklärte der Krake. »Stellst das Bild einfach unauffällig ins Eck, zwischen die anderen Bilder. Dort, wo garantiert kein Mensch nachschaut. Ist ja zeitlich beschränkt.«

Der fleischige Kopf des Kraken machte einen Schwenk Richtung Tisch. Beim Anblick der dort abgestellten schmalen, aber professionellen Klimakiste sprangen Korab die letztwöchigen Zeitungs-Schlagzeilen wie eine bösartige Affenbande vor den inneren Projektor: Wertvolles Schiele-Bild aus dem Lentos gestohlen. Professionelle Kunstdiebe stehlen Schieles Gemälde »Frau mit Katze«. Unersetzlicher Verlust für Linz. Profibande raubt den teuersten Schiele.

Korab räusperte sich. Dieses Bild, das da so ruhig und unsichtbar in seiner Holzverschalung lag, war mit grässlicher Wahrscheinlichkeit eine Ikone der Moderne. Eine der Ikonen. Unbezahlbar, einzigartig und von dubiosen Kunstsammlern sicherlich begehrt wie ein reifer Apfel von der Schwerkraft. Daran bestand für Korab kein Zweifel. Der bestand nur darin, ob er diesem Moment und den in diesem Moment auf ihn einstürmenden Ansprüchen gewachsen war.

Der Krake ist ein konsensualer Typ, hörte Korab Isonzo in Gedanken wiederholen. Es geht da nur um eine kleine Gefälligkeit. Eine winzige Zuarbeit. Natürlich hatte er es besser gewusst. Natürlich hatte sein Problemabwehrzentrum völlig zu Recht den Großalarm zeitgerecht ausgelöst. Und jetzt stand er da, mit den Zähnen im Mund, wie sein Großvater gerne formuliert hatte. Korab wäre sogar bereit gewesen, in ein Kanonenrohr zu steigen, nur um sich von hier wegzuschießen.

»Ich überlege …«, sagte Korab und erlebte einen Glücksfall, der viel zu ideal war, um real zu sein. Aus seiner rechten Hosentasche kam sein neuester Klingelton, das plätschrige Klatschen eines original ungarischen Wallerholzes, mit dem man laut Isonzo sogar die vorsichtigsten Welse aus ihren Unterwasserhöhlen locken konnte. Korab entschuldigte sich bei den Anwesenden, griff nach seinem Telefon und verließ die Jurte.

Im Freien marschierte er sofort Richtung Nordpol, bevor er sich mit seiner Detektivstimme meldete, die er deutlich rauer anlegte als seine Kunstvermittlerstimme. Er sprach seinen Namen sogar ein wenig unwillig aus, als hätte er einen Haufen anderer Fälle am Hals, die dringend nach einer Lösung verlangten.

»Guten Tag. Hier spricht Sarah Rabental«, erklärte ihm die Stimme einer vermutlich etwas älteren Frau. »Sind Sie der Detektiv aus der Zeitung?«

»Ja«, bestätigte Korab, »ich hab da ein kleines Inserat geschaltet.«

»Gut. Sehr gut. Ich habe nämlich ein dringendes Anliegen, Herr Detektiv. Meine Bekannte ist verschwunden. Jetzt brauche ich jemanden, der sie sucht.«

»Das ist sehr bedauerlich, aber da müssen Sie sich an die Polizei wenden«, versuchte Korab, die Affäre zu umschiffen. »Die hat ganz andere Möglichkeiten. Ich suche aus Prinzip keine Verschollenen. Verschollene waren entweder nur besoffen und liegen dann in irgendeiner Bar länger am Klo – und niemand will dafür etwas zahlen, wenn ich die heimbringe – oder sie sind tatsächlich verschollen und daher mit noch so viel Aufwand unauffindbar. Und für ergebnislose Recherchen zahlt auch niemand gern. Verschollene sind für einen Detektiv eine echt miese Mission.«

»Das verstehe ich schon«, antwortete Frau Rabental, »aber an die Polizei kann ich mich nicht wenden. Die soll meine Bekannte gar nicht finden.«

»Und warum?«, fragte Korab mit erhöhter Aufmerksamkeit.

»Weil sie unschuldig ist.«

»Woran?«

»Kommen Sie einfach zu mir, bitte«, forderte Frau Rabental, »dann erkläre ich Ihnen alles ausführlich.«

Korabs inneres Sparschwein machte ein paar heftige Grunzer. Seine letzte Fütterung lag ein gefühltes Jahrhundert zurück, irgendwann zu der Zeit, als Picasso sein erstes abstraktes Bild gemalt hatte.

»Falls ich zu Ihnen komme, Frau Rabental«, sagte Korab wenig enthusiastisch, »dann kostet dieser Besuch in jedem Fall einhundert Euro. Ohne Rechnung und bar auf die Hand und ohne neuerliche Aufforderung in genau dem Moment, wo ich bei Ihnen eintrete. Und unabhängig davon, was bei unserem Gespräch rauskommt. Nur wenn Sie damit einverstanden sind, schaue ich heute noch bei Ihnen vorbei.«

»Ich bin einverstanden«, sagte Frau Rabental, ohne zu zögern, »sehr sogar. Ich mag Menschen mit Prinzipien …«

Nachdem sie ihre Adresse durchgegeben hatte, legte Frau Rabental auf. Korabs Bewegungen zurück Richtung Jurte waren so zäh, als wäre der Auboden mit klebrigen, kurz vorgekauten Kaugummiklumpen gepflastert.

»Also …«, sagte Korab beim Eintreten, »es war echt nett mit euch, aber ich muss jetzt los. Ich hab einen neuen, extrem dringenden Auftrag … ja, und … also … genau, das Bild … was das betrifft, da rede ich heute noch mit unserem Archivar. Ohne den und seine Zustimmung geht gar nichts. Aber der ist ein Freund von mir, schwer in Ordnung, ein patentes, unkompliziertes Bürschchen …«

»Kann der auch das Maul halten?«, wollte der Krake wissen.

»Absolut«, bestätigte Korab.

Der Krake nickte nachdenklich, während Molly Müller gerade damit anfing, auch noch ihre rechte Brust zu bemalen. Mit einem Rundumnicken verabschiedete sich Korab von den Anwesenden.

»Und was ist mit Mampf?«, fragte Isonzo vorwurfsvoll. »Der Eintopf köchelt schon. Brachsen und Schleien werden uns freuen.«

»Heb mir was auf«, bat Korab, »ich komm irgendwann später wieder … aber jetzt muss ich wirklich los.«

Vor der Jurte atmete Korab tief durch. Hier war die Luft deutlich weniger mit Altlasten kontaminiert und frischer, trotz der omnipräsenten Bärlauchschwaden. Pro Kubikzentimeter schwirrten genug Sauerstoffatome herum, um Korabs Gedankenglut neu anzufachen. So viel stand fest: Frau Doktor Molly Müller war das unkomplizierteste weibliche Wesen, das ihm je begegnet war. Ihr Nacktsein war derart selbstverständlich gewesen, dass sie gar nicht unbekleidet gewirkt hatte. Im Gegenteil. In ihrer Gegenwart waren es eher die mit Gewand Behängten gewesen, die den Anschein erweckt hatten, als übertünchten sie mit Ihrem Bedeckungsfimmel irgendwelche gröberen Psychoprobleme. Aber was hatte Molly mit diesem ausgepressten Saft gemeint? In Isonzos Jurte gab es weder eine Presse noch irgendwelche Früchte.

Während er auauswärts schritt, spürte Korab, dass in dem Wort Molly ein konkreter Gegenstand enthalten war: der Lolly. Eine klebrig süße Tiefbohrschraube aus buntem Kringelzucker, die so weit durch Mund und Gurgel dringen konnte, bis man den eigenen Seelensee erreichte und an dessen Ende Gondwana, den Urkontinent. Dort stand er zusammen mit Molly, Hand in Hand, und sah voller Erstaunen, mit welchen Pflöcken, Ringen und Tätowierungen sie ihren restlichen Körper geschmückt hatte. Mit diesen Bildern im Kopf erreichte er den Rand der Au und stapfte hinüber in die Zivilisation. Ein besonders hybrider Linzer Stadtteil, die sogenannte Solar City, tauchte vor ihm auf und mit ihr die Ausläufer eines Straßenbahnnetzes, dessen Modernität ihm in diesem Moment so unglaubwürdig und trostlos erschien, als wäre er durch ein Wurmloch gefallen und in einer viel zu sauberen, unheimlich glatten, trostlosen und komplett unfruchtbaren Zukunft gelandet.

3

Ein grüner Teppich, gewoben aus unschuldigen Blättern und Blüten. Stärker als je zuvor sah Lotte das Bild in ihrer Erinnerung. Sie kauerte in ihrem Geheimversteck am Rande des Schulhofs. In der Geborgenheit hinter den Büschen war sie eine Fee mit übernatürlichen Kräften. Sie schloss die Augen, murmelte einen Zauberspruch und verwandelte ihre lautstark herumtollenden Mitschülerinnen in einen Vogelschwarm. Dann überlegte sie, wer im Schulhof bleiben durfte und wen sie nach Afrika schicken würde.

»Du unterschreibst das jetzt«, befahl eine herrische Stimme direkt auf der anderen Seite der grünen Wand, hinter der Lotte saß. Dorothea, durchfuhr es die unfreiwillige Lauscherin, während sie vor lauter Schreck noch tiefer in ihre Deckung sank. Dorothea war zwei Jahrgänge über ihr, aber mit Sicherheit eine der ersten, die sie ganz weit fortschicken würde. Die Silhouette der älteren Mitschülerin wirkte gespannt und unheilvoll, wie die Figur eines Boten, der eine üble Nachricht brachte.

»Aber warum? Er hat mir nichts getan«, widersetzte sich eine andere Mädchenstimme dem Befehl.

»Jetzt pass einmal gut auf, Klara Artner«, sagte Dorothea, jede Silbe straff betonend, »der Gruber muss weg. Er hat mir auf den Busen gegriffen. Ich hab gesagt, er soll aufhören, aber er hat nur dreckig gegrinst und mich weiter bedrängt. Wäre nicht zufällig jemand gekommen, dann hätte er mich vergewaltigt. Solange der Gruber an unserer Schule ist und hier weiter unterrichtet, kann das jeder von uns passieren. Also muss er weg. Und deswegen unterschreibst du das jetzt.«

»Aber das kann ich mir nicht vorstellen«, sagte Klara, »der Herr Gruber tut so was nicht. Er ist ein guter Lehrer. Er würde nie …«

»Halt endlich dein Maul«, unterbrach Dorothea den Einwand, »wer Volksschädlinge unterstützt, ist selber einer. Und wenn ich das melde, und das werde ich, dann kommst du auch weg. Zusammen mit deiner ganzen Familie. Möchtest du das?«

Das Gewicht dieser Frage erdrückte die Worte der Vernunft. Hinter der Hecke war es ruhig geworden. Lotte betete für Klara, wünschte ihr Widerstandskraft und rief sich ganz bestimmte Bilder in Erinnerung, als könnte sie damit die Situation doch noch zum Guten wenden. Den etwas korpulenten Dr. Gruber, wie er schwer atmend das Klassenzimmer betritt und lächelnd das Buch über die oberösterreichische Geschichte verteilt, das er selbst für seine Kinder geschrieben hat. Dr. Gruber als Fußballspieler, wie er in der schwarzen Ordenstracht nach dem mehlweißen Lederball tritt, angefeuert von einer Unzahl von Jugendlichen, die alle mehr in ihm sehen als einen bloßen Lehrer. Und schließlich seinen unvergesslichsten Satz: »Aus Waisenkindern werden hier weise Erwachsene, das verspreche ich euch.« Dr. Gruber, ihr väterlicher Mentor, hatte seine Versprechen immer gehalten. Und nie, niemals hätte er einem Schüler Schaden zugefügt.

Nach diesem Tag hatten die Dinge ihren Lauf genommen. Und es gab kein Wort in keiner Sprache, um die Ungerechtigkeit auch nur annähernd zu beschreiben, die ihrem verehrten Lehrer in weiterer Folge widerfahren war. Denn mit der großen, unfassbaren Leidensgeschichte Dr. Grubers hatte auch ein kleinerer Leidensweg begonnen, der, weil er viele Jahrzehnte dauerte, in Summe vielleicht nicht weniger schmerzvoll gewesen war. Allen Gefühlen voran war es die Ohnmacht, diese absolute Ohnmacht, die Lotte zeitlebens Tätern gegenüber verspürte. Dieses Gefühl, nichts tun zu können, war in sie hineingewachsen wie eine giftige Wurzel und hatte ihre Widerstandskraft gelähmt. Deshalb habe sie auch einen Täter geheiratet, hatte ihr die Psychologin erklärt, weil sie in der Beziehung zu ihm das Trauma der Ohnmacht wiederholen und überwinden wollte. Die Psychotante hatte allerdings nicht erwähnt, wie das gehen sollte, mit dem Täter fertigzuwerden, wenn man ein geborenes Opfer ist.

Jetzt, ganz am Ende ihres Lebens, nach mehr als siebzig Jahren der Erniedrigung, hatte sie vom Schicksal einen Trumpf in die Hand bekommen, den sie unter allen Umständen ausspielen musste. Dieses Spiel war furchtbar, weil sie keine Erfahrung damit hatte. Zu jedem Zug, zu jedem Schritt musste sie sich erst mühsam überwinden. Ernst hatte ihr wirklich leidgetan. Ihn zu betäuben, zu fesseln und mit Honig zu übergießen war ein Kraftakt gewesen, der sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt hatte. Aber nach ihrem Abgang aus der Villa war hinter den Wolkenfetzen aus Schuld und Selbstgeißelung auch ein Horizont sichtbar geworden, der eine freiere Landschaft in Aussicht stellte, auf der zu leben sich unbeschwerter und selbstbestimmter anfühlte.

Lotte Wagner stand im Wohnzimmer einer Gründerzeitvilla an der Linzer Landstraße, in der Nähe der Eingangstür. Ihr schräg gegenüber, hinter einem barocken Sekretär, thronte Dorothea Porofsky und erhob eine Stimme, die noch genauso herrisch klang wie vor mehr als siebzig Jahren, als sie Klara Artner und weitere drei Mitschülerinnen, lauter Mauerblümchen und Duckmäuschen, zu dieser unsäglichen Unterschrift gezwungen hatte.

»Und was willst du machen, wenn ich nicht kooperiere?«

»Herrn Doktor Gruber wurde im KZ Gusen in den Bauch geschossen«, sagte Lotte Wagner mit klarer und fester Stimme, »fünf Mal. Und dann hat man den Schwerstverletzten über Nacht in eine fensterlose, ungeheizte Baracke gesperrt. Damit er dort drinnen krepiert. Aber am nächsten Tag, als man seine Leiche entsorgen wollte, da hat Herr Gruber noch immer gelebt … stell dir das vor! Und stell dir auch vor, was er in diesen nächtlichen Stunden mitgemacht hat, während er mit zerschossenem Bauch auf seinen Tod gewartet hat! Und das alles wegen der Falschaussage von einigen Mädchen, die ihn eines Verbrechens bezichtig haben, das er nie begangen hat.«

»Diese Behauptung ist eine Lüge, dummdreist und unerheblich«, sagte Dorothea Porofsky. »Jeder Mensch bekommt den Tod, den er verdient.«

Lotte Wagner überging diese fragwürdige Feststellung.

»Weißt du, Dorothea, ich war mein ganzes Leben kleinmütig. Ich habe zu oft nachgegeben. Ich wurde zu oft enttäuscht. Das Nachgeben hat mich ausgelaugt und erschöpft. Und es hat nichts gebracht, gar nichts, außer einer fortschreitenden Selbstauslöschung. Jetzt will ich nur noch eins: dass Johann Gruber seliggesprochen wird. In all der Würde, die ihm kraft seines integren Lebens und seines furchtbaren und ungerechten Todes zusteht. Dafür werde ich alles tun, was in meiner Macht steht. Und du solltest das auch. Deine Erklärung ist von größter Bedeutung. Ich habe aufgeschrieben, was damals im Schulhof wirklich passiert ist. Und jetzt bitte ich dich, diesen Bericht zu unterschreiben. Dann werde ich ihn der Kommission vorlegen. Du kannst auch gerne deinen eigenen Bericht schreiben oder meinen ergänzen, wo es dir sinnvoll erscheint. Aber was ich unbedingt brauche, das ist deine Unterschrift. Schreib auf, wie es wirklich gewesen ist, und steck den Brief in das Kuvert, das ich dir schon vorbereitet habe.«

»Sonst was?«, insistierte die Porofsky. »Du hast meine Frage noch immer nicht beantwortet.«

»Sonst«, sagte Frau Wagner, »werde ich ein Dokument aus dem Nachlass von Pfarrer Gruber meinem Anwalt übergeben. Ein Dokument, das jahrelang verschwunden war. Es beweist, dass euer Immobilienbesitz illegal ist. Und dann werdet ihr dieses große, schöne Haus, das euer Großvater damals einer jüdischen Familie gestohlen hat, eben dieser Familie zurückgeben müssen. Ich habe hier eine kopierte Seite des Originals für dich vorbereitet. Schau es dir in Ruhe an.«

Frau Wagner legte das vorbereitete Schuldgeständnis und die Kopie des Gruberdokuments auf den Sekretär, zog sich dann aber wieder rasch zurück auf ihren alten Platz.

»Du bist komplett verrückt«, sagte Dorothea Porofsky, »du gehörst in eine Anstalt für geistige Krüppel.«

»Und noch etwas, Dorothea«, ließ sich Frau Wagner nicht mehr beirren, weil sie spürte, dass sie in dieser verbiesterten Wut, die in ihrer Gesprächspartnerin ungehemmt aufkochte, doppelt geschützt war, von der Wahrheit und vom Geist ihres verstorbenen Mentors, »mir persönlich ist an einer möglichen Restitution überhaupt nichts gelegen. Gar nichts. Mich interessiert das alles nicht mehr – Besitz, Geld und dieser Tanz ums Goldene Kalb. Mir geht es nur darum, dass Dr. Gruber Gerechtigkeit widerfährt. Unterschreibe, dass ihr damals Dr. Gruber verleumdet habt, und das Immobilen-Dokument wird nie vor die Augen eines Richters gelangen. Du hast die Wahl.«

»Das kann doch alles nicht dein Ernst sein«, sagte Porofsky. »Du kommst hier herein, nach so langer Zeit, und drohst mir mit Geschichten, die deiner wirren Fantasie entspringen? Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich an derlei Humbug auch nur einen Gedanken verschwende. Für mich hat dieses Gespräch nie stattgefunden. Und jetzt verschwinde und lass dich hier nie wieder blicken.«

»Ja«, bestätigte Lotte Wagner, »ich werde verschwinden, so wie wir alle. Aber vorher hast du noch ein wenig Zeit, um dein Gewissen zu erleichtern.«

»Geh endlich!«, rief Porofsky.

»Du hast genau eine Woche«, sagte Lotte, bevor sie sich umwandte und den Raum verließ.

Nachdem die schwere Eichentür ins Schloss gefallen war, griff Dorothea Porofsky zu ihrem Mobiltelefon, wählte eine Nummer und hielt sich nicht mit einer Begrüßungsfloskel auf.

»Komm sofort her«, befahl sie in einem Ton, durch den jeder Spielraum für den Anderen verschwunden war. Dieser Andere war es offensichtlich nicht gewohnt, derart angeherrscht zu werden. Dorothea Porofsky schnitt ihm das Wort ab, wiederholte ihren Befehl und fügte noch etwas an.

»Wenn du nicht in zehn Minuten vor dem Haus stehst, dann ist dein Porsche weg. Dann fährst du in Zukunft mit dem Waffenrad. Und ich mache keine Scherze. Also beweg deinen verweichlichten Arsch hierher.«

4

»Herzlichen Dank, gnädige Frau«, sagte Korab, nahm den Hundert-Euro-Schein mit dezenten, pinzettenartigen Fingerbewegungen in Empfang und versenkte ihn sorgsam in der gähnenden Ledergurgel seiner Geldbörse. Gleichzeitig visualisierte er seine Hauptnahrungsmittel, um fünfzig Prozent verbilligte Brote vom Vortag, deren Erwerb mit diesem Geld für die nahe Zukunft gesichert war. Für Korab wurde jede Art von Nahrung geschmacklich umso interessanter, je näher sie ihrem Ablaufdatum und damit ihrer Verramschung rückte. Außerdem ergaben sich aus der Kombination wegwerfgefährdeter Nahrungsmittel originelle Rezepte, die in keinem Kochbuch der Welt zu finden waren. Altlachs mit Joghurt, Biopilzen und glasigen Bauchspeckstreifen auf Vortagsbrot. Realistisch betrachtet waren sogar solche aus der Not geborenen Experimente reiner Luxus. Aber noch billiger war kaum möglich. Das hatte das entsetzte Gesicht des Bäckers klar zum Ausdruck gebracht, den Korab einmal gefragt hatte, ob es auch Brote vom Vortag des Vortages gäbe, mit entsprechender Vorvortagsvergünstigung. Aktuell hatte sich das Blatt vorübergehend gewendet. Hundert ganze Euro. Es war doch richtig gewesen, hier vorbeizuschauen.

»Kommen Sie weiter«, sagte die alte Dame, »und lassen Sie die Schuhe an. Das ist bei mir so üblich.«

Frau Rabentals Backsteinhäuschen stand mitten im Linzer Wasserwald und war mit diesem billigen, aber unverwüstlichen Nachkriegsrieselputz versiegelt, der Korab immer schon als Folie eines Alptraums erschienen war. Spitze Finger und Zungen, die eine betongraue Meeresoberfläche durchbrechen wollen, aber in dem Moment erstarren, wo sie die Freiheit berühren. In den Innenräumen roch es nach billigen Putzmitteln. Auf alten, aber gepflegten Truhen standen haufenweise kleine menschliche Holzfiguren mit ernsten, psychologisch vieldeutigen Gesichtern, die aber in ihrer Gesamtheit ironisch wirkten, weil sich ihre Kleinheit und ihre Ernsthaftigkeit aneinander brachen.

»Haben Sie die Nachrichten der letzten Woche verfolgt?«, kam Frau Rabental sofort zur Sache, während Korab Platz nahm in einem süßsenfbraunen Polstersessel, dessen Stoffbezug an manchen Stellen verblichen war, als hätte man ihn mit feinem Schmirgelpapier bearbeitet. Räude, schnöder Götterfunken, verballhornte Korabs inneres Amt für die Erneuerung alter Wortdenkmäler.

»Im Großen und Ganzen«, antwortete er, dachte dabei an die Gratiszeitungen, denen er notgedrungen seine Informationen verdankte, und suchte schließlich nach Schubladen für sein Gegenüber. Alte Lady. Mitte bis Ende Siebzig. Hoher, windschlüpfriger Haarhelm mit milchkaffeeweißem Grundton. Adlernase und Adlerblick, unheimlich heimlich und scharf. Kann wahrscheinlich trotz ihres Alters immer noch aus hundert Metern Höhe eine kleine Wiesenmaus orten, würde die Maus aber nach dem Sturzflug bestimmt laufen lassen und sich von Grashalmen und Kräutern ernähren.

»Gut«, sagte Frau Rabental, »dann haben Sie sicher von dem Mord am Froschberg gelesen, diesem Mord an dem pensionierten Waffengroßhändler Ernst August Wagner.«

»Hab ich«, bestätigte Korab, während er einen Bleistift und sein Sudelbuch zückte, in dem er sich die Eckdaten zu notieren gedachte. »Soweit ich das mitbekommen habe, sucht die Polizei dringend nach seiner Frau. Die ist seither verschwunden.«

»Aber Lotte Wagner hat nichts mit dem Mord zu tun!«, ereiferte sich Frau Rabental. »Rein gar nichts!«

»Woher wissen Sie das?«, fragte Korab.

»Genau darum geht es«, sagte Frau Rabental, »aber damit Sie das verstehen, muss ich ein wenig ausholen. Vor einiger Zeit habe ich diesen Brief bekommen …«

Aus einer unscheinbaren Mappe, die auf dem Wohnzimmertisch lag, nahm Frau Rabental ein einzelnes Blatt und reichte es Korab.

»Anfänglich«, fuhr sie fort, »habe ich das Ganze für eine Seniorenabzocke gehalten. Ich war sogar kurz davor, den Brief in den Müll zu werfen. Jorge, ein unbekannter Neffe aus Südamerika, schreibt ausgerechnet mir, weil ihm mein Schicksal so sehr am Herzen liegt. Mehr Klischee geht gar nicht. Aber dann habe ich aus Spaß weitergelesen und wurde stutzig. Dieser Jorge wusste Dinge über meine Schwester, die man unmöglich erfinden kann. Zum Beispiel die Nummer, die man Esther damals ins Handgelenk tätowiert hatte, und die genaue Stelle von einem Muttermal. Meine Schwester und ich, wir waren beide als Kinder zusammen mit unseren Eltern im KZ Mauthausen und Gusen. Dort wurden wir getrennt. Ich habe überlebt und glaubte, dass man alle anderen ermordet hat. In seinem Brief behauptet dieser Neffe, dass es umgekehrt genauso war. Esther sei überzeugt gewesen, dass meine Eltern und ich das Lager nicht überlebt hatten. Ihr war das auch von verschiedenen Seiten bestätigt worden, und deshalb hat sie auch keine Nachforschungen angestellt, nachdem sie bei einer Adoptivfamilie