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"Mitternachtsbereich - bitte misstrauen Sie Ihren Uhren und nutzen Sie die Unsere." Ein zauberhaft-gruseliges Abenteuer voller Rätsel erwartet die vierzehnjährigen Zwillinge Arthur und Antonia. Mit glühenden Lampen, die nirgendwo eingesteckt sind und Türklopfern, die reden können, suchen sie nach einer Organisation voller Monster.
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Seitenzahl: 529
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Für meine marottenreiche Familie.
Mir ist langweilig, dachte der Mann und machte ein selbstmitleidiges Gesicht. Er mochte dieses Gesicht. Es war so schmollend, dass es dadurch albern wurde und so albern, dass es dadurch durchscheinen ließ, wie spielerisch es gemeint war. Und es war spielerisch gemeint.
Der Mann wusste nicht wirklich, was Selbstmitleid war. Das heißt, strenggenommen wusste er es schon, er erkannte es bei anderen, aber er selbst konnte es nicht formen. Er konnte die meisten Gefühle nicht formen, aber er tat gern so, als könnte er. Es war ein ewiges Spiel aus so-tun-als-ob und er liebte dieses Spiel. Zumindest glaubte er, dass er es liebte, auch in Sachen Liebe war er sich nicht ganz sicher...
Aber langweilig, langweilig war ihm wirklich. Er sah auf die Uhr, fand, dass er der einzig Pünktliche in dieser ganzen Geschichte hier war und sah dann wieder zu dem Reihenhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor ihm. Er war schon einmal hier gewesen und schon da war ihm aufgefallen, wie hübsch und gepflegt das Haus aussah. Es war hübsch und gepflegt und befand sich genau in der Mitte der Straße und damit hatte es etwas an sich, das ihn die Zunge gegen die oberen Zähne drücken ließ.
Einen kräftigen Stoß. Das ist es, was es vertragen könnte. Einen Stoß, durch den es aus seiner hübschen Bahn fällt.
Im Augenwinkel sah er plötzlich jemanden auf sich zukommen und im selben Moment öffnete sich die Haustür.
Na endlich, dachte er ohne zu wissen, was wirkliche Ungeduld war. Zeit, die hübsche Bahn zu verlassen.
Kapitel Eins: Mitternacht
Kapitel Zwei: Ärger
Kapitel Drei: Verspätung
Kapitel Vier: Die Zwillingsverbindung
Kapitel Fünf: Metall
Kapitel Sechs: Die Täuschung
Kapitel Sieben: Ein dreister Verstoß gegen die Regeln
Kapitel Acht: Die Definition eines Monsters
Kapitel Neun: Die Begegnung
Kapitel Zehn: Die Galerie
Kapitel Elf: Innerhalb und außerhalb der Wirklichkeit
Kapitel Zwölf: Zwei Nächte
Kapitel Dreizehn: Kasper Kopernik
Kapitel Vierzehn: Das zweite Dezernat des Weltenrats
Kapitel Fünfzehn: Das wichtigste Feld
Kapitel Sechzehn: Fast Mitternacht
Kapitel Siebzehn: Ein Mitternachtsbereich um Mitternacht
Kapitel Achtzehn: Eine Reise im Schlafanzug
Kapitel Neunzehn: Dieselbe Stufe
Kapitel Zwanzig: Tief im Innern
Kapitel Einundzwanzig: Jupiter
Kapitel Zweiundzwanzig: Höher und Höher
Kapitel Dreiundzwanzig: Erschütterung
Kapitel Vierundzwanzig: Jupiters Augen
Kapitel Fünfundzwanzig: Gebrüll!
Kapitel Sechsundzwanzig: Blut
Kapitel Siebenundzwanzig: Das rote Tor
Kapitel Achtundzwanzig: Welten aus Öl und Kupfer
Kapitel Neunundzwanzig: Ideen
Kapitel Dreissig: Der Luhia
Kapitel Einunddreissig: Auf ein Wort
Kapitel Zweiundzwanzig: Sommerstunden
Kapitel Dreiundzwanzig: Die Organisation
Kapitel Vierunddreissig: Der Einbruch
Kapitel Fünfunddreissig: Sommernachtswahnsinn
Kapitel Sechsunddreissig: Die unechte Wirklichkeit
Kapitel Siebenunddreissig: Hoch oben
Kapitel Achtunddreissig: Das Rauschen
Kapitel Neununddreissig: Der Riss
Kapitel Vierzig: Zwei Wesen
Kapitel Einundvierzig: Ende und Anfang
„Warum flüstern wir eigentlich?“, flüsterte Arthur Gressling.
„Zur Sicherheit. Falls Mum die Treppe hochkommt“, flüsterte seine Zwillingsschwester Antonia Gressling zurück.
„Das würden wir dann doch rechtzeitig hören.“
Antonia zuckte mit den Schultern. „Trotzdem. Das gehört einfach dazu.“
Sie hielt einen weiteren Flyer unter den schwachen Schein der Lampe und las leise vor: „Camp der Freundschaft.“
„Auf gar keinen Fall“, sagte Arthur und Antonia wiederholte zustimmend: „Auf gar keinen Fall“, und legte den Flyer auf den immer größer werdenden Abgelehnt-Stapel neben sich.
Die beiden vierzehnjährigen Geschwister saßen auf dem Boden von Arthurs Zimmer und gingen Prospekte von verschiedenen Ferienlagern durch. Strenggenommen war Fünf-Minuten-vor-Mitternacht nicht die beste Zeit für so etwas, aber wie es im Leben oft vorkommt, hatte sich die Uhrzeit im Laufe des Abends ungeahnt plötzlich so weit nach hinten verschoben.
Da ihre Mutter nicht wissen durfte, dass sie immer noch wach waren, hatten sie vorsichtshalber nicht Arthurs helle Deckenlampe angeknipst, sondern hatten stattdessen seine Nachttischlampe vom Nachttisch genommen und sie mit Hilfe eines Verlängerungskabels zu einer Art Taschenlampe umfunktioniert. Nun saßen sie sich gegenüber und Arthur hielt die Lampe ein Stück in die Höhe und Antonia überflog in deren Lichtkegel die Prospekte.
„Bei dem Camp hier... werden Rätsel vorbereitet, die man lösen muss, um Türen zu öffnen und Schätze zu finden und so...“
„Sind wir dafür nicht zu alt?“, fragte Arthur, der sich dafür definitiv zu alt fühlte. Er wollte eigentlich in gar kein Feriencamp. Aber er hatte seiner Mum versprochen sich die Flyer anzusehen.
„Du vielleicht“, meinte Antonia. „Aber es ist sowieso zu teuer.“
Die Idee mit dem Ferienlager stammte von ihrer Mutter, die ihnen aber gleichzeitig ein Preislimit genannt hatte, das nicht überschritten werden durfte.
„Bei diesem hier...“, Antonias Augen huschten über das Papier, „macht man Bootstouren auf kleinen Gondeln. Wie langweilig. Und bei dem hier...“, sie griff zu dem letzten Flyer, „gibt es Nachtwanderungen durch einen Wald und durch ein Spukhaus. Das klingt doch ganz cool.“
„Klingt eher gruselig.“
„Wo ist da der Unterschied?“, murmelte Antonia geistesabwesend, bevor sie den Flyer mit einem geseufzten: „Auch zu teuer“, auf den Stapel neben sich legte. „Das waren alle... Vielleicht sollten wir doch mit Dad in den Urlaub fahren. Vielleicht ist Camping mit Dad gar nicht so übel.“
Arthur stellte die Nachttischlampe zwischen sich und Antonia auf den Boden und schüttelte den Kopf. „Doch, es wäre übel. Da, wo Dad hinfährt, wird das gleiche Regenwetter wie hier sein und ich mag seine Freundin nicht. Sie ist so... ich weiß nicht, überdreht oder so. Außerdem hat Dad uns nur gefragt, damit wir uns nicht ausgeschlossen fühlen. Ich glaube, wir würden nicht mal alle in sein Wohnmobil passen...“
Antonia seufzte ein zweites Mal. „Aber wir können nicht hierbleiben. Hier ist es ätzend... und langweilig. Ätzend-langweilig.“
Arthur fand, dass das eine ziemlich zutreffende Beschreibung war. Das Ganze verhielt sich nämlich so: Morgen war der letzte Schultag vor den Sommerferien und morgen würde der langweilige Freund ihrer Mutter bei ihnen einziehen. Sein Name war Norbert, er arbeitete in einem Museum, das nie Besucher hatte und er trug immer Wollpullover. Dass Norbert nun plötzlich bei ihnen wohnen sollte, war ziemlich schlimm und mindestens genauso schlimm war, dass ihre Mutter wegen seines Einzugs beschlossen hatte das Haus renovieren zu lassen. Die Renovierungsarbeiten hatten bereits begonnen und daher wusste Arthur, dass er von nun an jedes Ausschlafen vergessen konnte, denn jeden Morgen, pünktlich um acht, machten sich die Leute von der Renovierungsfirma an die Arbeit. Sie redeten und lachten dabei andauernd und sie hörten die ganze Zeit Radiomusik. Es war ziemlich furchtbar.
In den Sommerferien nicht ausschlafen zu können war eine ganz schöne Ungeheuerlichkeit, wie Arthur fand, aber noch schlimmer als das und damit fast so schlimm wie Norbert, war die Tatsache, dass die Internetverbindung im Haus seit einigen Tagen plötzlich nicht mehr ging. Niemand wusste woran das lag und eine hinter langen Telefonschleifen verborgene Angestellte des Internetanbieters hatte zwar versprochen irgendwas zu machen, hatte dann aber scheinbar doch nichts gemacht.
Missmutig dachte Arthur an seinen besten Freund, der vor wenigen Monaten aufs Land gezogen war, weil seine Eltern mehr Natur um sich herum haben wollten.
Da ist das Internet bestimmt schlecht, aber das ist besser als nichts, fand Arthur.
Von Antonias Freunden war niemand weggezogen, aber ihre zwei besten Freundinnen verbrachten die ersten Wochen der Sommerferien auf irgendwelchen Inseln in irgendwelchen Weltmeeren.
„Ich weigere mich einfach“, sagte Antonia unerwartet und vergaß dabei zu flüstern.
„Shh, sonst hört Mum uns wirklich noch“, zischte Arthur möglichst lautlos, aber Antonia verstand ihn nicht.
„Was?“, fragte sie.
„Mum wird uns – … warte, wogegen weigerst du dich?“, fragte Arthur.
„Gegen alles... Gegen die Langeweile oder so. Ich weigere mich einfach so viel Langeweile haben zu müssen.“
„Und wie willst du –“
„Shh, ich glaub, Mum kommt die Treppe hoch.“
Arthur knipste schnell die Lampe aus, damit auch ja kein verräterisches Licht durch den Türspalt sickerte und lauschte den Schritten auf der Treppe. Seine digitale Armbanduhr gab dabei ein vertrautes Piep-Geräusch von sich, was hieß, dass die volle Stunde erreicht war.
„Mitternacht“, dachte Arthur und hörte, dass Antonia genau das Gleiche dachte. Das war ziemlich seltsam, aber unmittelbar darauf geschah noch etwas Seltsameres.
Arthurs Zimmer wurde auf einmal grau. Vorher war es ganz dunkel gewesen, aber nun wurde es grau. Grau und weit und alles darin begann zu verschwinden.
Was?
Die Möbel und die Wände wurden blasser und blasser und Arthur stand erschrocken auf und drehte sich in alle Richtungen. In derselben Sekunde verblasste auch der Rest vom Raum und Arthur sah nur noch graue Endlosigkeit. Sein Zimmer war vollständig verschwunden und stattdessen befanden sich er und Antonia an einem endlosen, grauen Nicht-Ort.
Was?
„Wo sind wir?“, fragte Arthur und starrte in die Endlosigkeit. Er fand, dass er erstaunlich ruhig blieb, aber er bemerkte, dass seine Augen und Ohren schärfer wurden.
„Wo sind wir?“, fragte er nochmal und sah sich um. Das Einzige, was es an dem grauen Ort gab, waren ein ewiger Boden und ein ewiger Himmel, die unendlich weit auseinanderlagen. Am Himmel waren Gewitterwolken zu sehen, aber sie waren fast nicht zu erkennen, so weit waren sie entfernt.
Gruselig. Wie, als wären wir auf dem Boden eines leeren Ozeans gelandet, dachte Arthur und Antonia stimmte ihm zu. Verwirrt drehte er sich in ihre Richtung.
„...Du hast gehört, was ich gedacht habe, du hast darauf reagiert.“
„Quatsch“, wehrte sie ab und begann dann zu rufen: „Mum? ...Irgendjemand?! Hallo?“
Sie rief, so laut sie konnte, aber ihre Stimme hallte nicht weit und niemand antwortete. „Was machen wir denn jetzt?“
„Ich weiß nicht. Ruhig bleiben“, sagte Arthur und fühlte sich ziemlich verloren, während seine schärfer gewordenen Ohren nichts hörten, außer dass alles absolut still war. „Das hier kann unmöglich echt sein... Vielleicht träumen wir nur oder...“
Oder vielleicht träum auch nur ich, überlegte Arthur weiter, vielleicht bin ich eingeschlafen und diese Antonia ist gar nicht echt.
„Als ob, ich bin mindestens genauso echt wie du...“, murmelte Antonia, während sie sich noch immer suchend umsah. Arthur klappte der Mund auf.
„Du hast schon wieder gehört, was ich gedacht habe!“, beschwerte er sich.
„Du hast nur gedacht, dass du es gedacht hast.“
„Habe ich nicht!“, protestierte Arthur in Gedanken und hielt sich dabei den eigenen Mund zu.
„Hast du – Oh! Okay, offensichtlich hast du recht.“ Irritiert sah Antonia ihn an und dachte: „Vielleicht ist das hier wirklich nur ein Traum.“
Bei diesem Gedanken verschwand der Nicht-Ort so plötzlich, wie er aufgetaucht war und mit einem Mal standen Arthur und Antonia wieder in der vertrauten Umgebung von Arthurs Zimmer. Alle Möbel und die Wände waren dort, wo sie hingehörten und außerhalb des Raums lief ihre Mutter die Treppe nach oben.
„Es muss was Paranormales gewesen sein. Aliens vielleicht.“
„Ach, ipf weipp nicht“, sagte Arthur und spuckte den Zahnpastaschaum aus seinem Mund ins Waschbecken. Es gefiel ihm nicht an sowas wie Aliens zu glauben.
„Was soll es sonst gewesen sein?“
Arthur zuckte mit den Schultern. Er hatte keine Ahnung. Seitdem der Nicht-Ort verschwunden war, konnten er und Antonia auch nicht mehr in Gedanken miteinander sprechen, aber da sie beide die gleichen Erinnerungen daran besaßen, war es unmöglich, dass sie sich das alles nur eingebildet hatten.
„Es muss irgendwas sein, was sich logisch erklären lässt“, sagte Arthur. Er und Antonia waren nach dem Nicht-Ort Erlebnis durchs Haus und in den Garten geschlichen, aber alles hatte ganz normal ausgesehen. Die ganze Nachbarschaft war ruhig gewesen und nur die Straßenlaternen hatten gebrannt.
Irgendwas, was sich auch logisch erklären lässt...
Arthur beugte sich über das Waschbecken und sein dunkelblond gelocktes Spiegelbild kam ihm entgegen. Es sah ähnlich verschlafen aus, wie er sich fühlte und hatte unter den braunen Augen bläuliche Schatten, die sich von der Nasenwurzel bis zu den äußeren Augenrändern erstreckten. Arthur neigte auch im ausgeschlafenen Zustand zu solchen Augenringen, aber heute waren sie besonders schlimm.
Antonia schob ihn zur Seite und begutachtete prüfend ihren Pferdeschwanz. Sie besaß die gleichen, niemals ganz verblassen wollenden Schatten wie Arthur und hatte eine ähnlich gebogene Nase, mit einem ähnlich störenden Höcker darauf sowie die gleichen, etwas zu schmalen Lippen. Im Gegensatz zu ihm waren ihre Haare aber eher braun als blond und sie schien, wie Arthur mit einiger Irritation feststellte, schon wieder gewachsen zu sein und war damit nun ein kleines Stückchen größer als er. Beunruhigt streckte er sich in die Höhe. Währenddessen sagte Antonia: „Was auch immer es war – wir dürfen auf gar keinen Fall Mum davon erzählen, sonst glaubt sie, wir hätten ihre und Dads Trennung nicht verkraftet und würden uns nun seltsame Dinge einbilden – als Schrei nach Aufmerksamkeit oder so.“
Das klang tatsächlich nach einer Theorie, die ihre Mutter aufstellen würde. Ihre Mum hatte eine Vorliebe für Begriffe wie 'Schrei nach Aufmerksamkeit' und sie war oft besorgt, die Trennung von vor einem Jahr würde Arthur, Antonia oder ihre jüngere Schwester Alice mehr bedrücken, als sie zugeben wollten.
„Antonia?“, ertönte es plötzlich aus dem Erdgeschoss. „Antonia kommst du mal bitte, ich möchte mit dir sprechen.“
Arthur zog bei diesen Worten seiner Mutter die Augenbrauen nach oben.
Klingt nach Ärger.
„Wieso klingt das, als würde ich gleich Ärger bekommen?“, flüsterte Antonia und Arthur zuckte mit den Schultern, während ihre Mutter ein zweites Mal vom Erdgeschoss nach oben rief: „Was macht ihr beiden da oben überhaupt noch? Es ist schon zwanzig-Minuten-vor-acht, müsstet ihr nicht längst los?“
Doch, das mussten sie tatsächlich und mit dieser Erkenntnis brach eine frühmorgendliche Hektik aus. Antonia antwortete ihrer Mutter, sie wären gleich unten und wollte dann in ihr Zimmer laufen, um ihre Schultasche zu holen, aber dabei stieß sie gegen Arthur, der ganz ähnliche Pläne hatte und knallte mit den Zehen gegen den Türrahmen, woraufhin etwas Seltsames geschah.
Obwohl er sich gar nicht gestoßen hatte, fühlte Arthur einen pochenden Schmerz in seinen Zehen. „Aua!“, beschwerte er sich.
„Du hast dir doch gar nicht wehgetan“, klagte Antonia, auf einem Bein stehend, empört.
„Aber es tut trotzdem weh... Wie seltsam... Glaubst du, das hat mit gestern Abend zu tun?“
„Weiß nicht... Aber seltsame Dinge hängen oft mit anderen seltsamen Dingen zusammen.“
Arthur wollte diesem weisen Spruch gerade zustimmen, als seine Mutter ein weiteres Mal nach ihnen rief und sie zur Eile drängte. Schicksalsergeben tauschten Antonia und er einen Blick aus, der das begonnene Gespräch auf später verschob, holten dann ihre Schultaschen aus ihren Zimmern und liefen die Treppe hinab.
„Alice hat nicht auf euch gewartet und ist schon längst mit dem Rad losgefahren“, erklärte seine Mutter mit vorwurfsvoller Stimme. „Sie war heute wieder sehr blass. Ich finde, sie ist zu oft alleine.“
„Sie ist gern alleine, Mum. Sie hat extra nicht gewartet. Und bis zur Schule sind es doch nur zwanzig Minuten, danach ist sie den ganzen Vormittag dann ja nicht mehr alleine“, sagte Arthur und sah sich suchend nach seiner Jacke und seinen Schuhen um. Die Inneneinrichtung von Wohnzimmer, Küche und Eingangsbereich bestand momentan aus Farbeimern, Trittleitern und einer halb eingerissenen Wand, die später einmal durch moderne Stützpfeiler ersetzt werden sollte, damit mehr Licht in die Küche fiel. Auf dem Boden lag abgebröckelter Putz, alle Möbel waren zur Seite gerückt und mit milchigen Plastikplanen verdeckt und aller Kleinkram befand sich in aufeinander getürmten Kartons und Wäschekisten.
Seine Mutter seufzte tief. „Ich finde, ihr beide könntet trotzdem mehr Zeit mit eurer jüngeren Schwester verbringen. Habt ihr euch die Flyer von den Ferienlagern angesehen? War etwas Nettes dabei? Vielleicht könntet ihr Alice überreden mitzukommen.“
„Es war nichts Nettes dabei und Mum“, sagte Antonia und gab dem Wort 'Mum' einen drängenden Klang, „worüber wolltest du mit mir sprechen? Ich und Arthur müssen los.“
Ihre Mutter machte ein strenges Gesicht.
„Ach ja. Du hast mir nicht zufällig etwas zu sagen, Antonia? Du weißt, ich bin nie böse, wenn du mir von vornherein die Wahrheit sagst.“
„Was? Nein, wieso sollte ich sonst fragen, worüber du mit mir...“, begann Antonia, beendete den Satz aber nur mit einem ungläubigen Kopfschütteln.
„Wenn ich dein Fahrrad erwähne, klingelt auch nichts? ...Also schön, dann komm bitte mit in die Garage. Hast du all deine Sachen? Du wirst den Bus bereits verpasst haben, aber ich kann dich auf dem Weg zur Arbeit an einer der hinteren Haltestellen rauslassen. Mit den ganzen Umwegen, die der Schulbus fahren muss, erwischst du ihn dann wahrscheinlich noch.“
„Und was ist mit mir?“, mischte sich Arthur ein und warf Antonia ihre Schuhe zu, bevor er sich die eigenen zuband.
Seine Mutter drehte sich in seine Richtung und sagte: „Dein Rad steht schon vor der Haustür. Du siehst müde aus, Liebling und die frische Luft wird dir guttun.“
Hinter dem Rücken ihrer Mutter machte Antonia für Arthur ein ratloses Gesicht, das sich plötzlich verfinsterte, als das Geräusch von einem drehenden Schlüssel erklang und Norbert das Haus betrat.
Er hat also schon einen Schlüssel, dachte Arthur und erinnerte sich dunkel daran, dass Norbert seine Arbeitszeit auf den Nachmittag verschoben hatte, um die Renovierungsarbeiten zu beaufsichtigen.
Norbert schien Antonias finsteren Blick zu bemerken, denn er grüßte sie nur mit einem schwachen Lächeln, aber bei Arthur wagte er sich an ein 'Guten Morgen' heran, was Arthur erwiderte. Er hatte nichts gegen Norbert an sich, er wünschte sich nur, Norbert würde weniger hässliche Wollpullover tragen und noch nicht – oder am besten niemals – bei ihnen einziehen.
Bei diesen stummen Verbesserungsvorschlägen für Norberts Aussehen und Zukunft hatten seine Mutter und Antonia das Haus verlassen und Arthur hörte, wie das Garagentor nach oben gelassen wurde. Er hätte gern gewusst, worum es bei dieser ganzen Angelegenheit ging, aber er schien warten zu müssen, bis er Antonia in der Schule –
Arthurs eigene Gedanken wurden jäh unterbrochen, als ein ganzer Schwall aus fremden Gedanken flutwellenartig in seinen Kopf hineinströmte.
„Mum, ich war das nicht!“, hörte er Antonia protestieren und er sah durch ihre Augen ihr zerbeultes, plattes Fahrrad. Der Vorderreifen war ganz verbogen und zerschlitzt, der Sattel saß fast falsch herum und am luftleeren Hinterrad war das Rücklicht zerbrochen. Das Rad sah aus, als wäre es entweder unter ein Auto gekommen oder mit einem Baseballschläger bearbeitet worden.
Arthur hörte seine Mutter sagen: „Das Rad lag heute früh im Vorgarten und die Garage war aufgeschlossen – und ich sage aufgeschlossen und nicht aufgebrochen, es muss also jemand den Schlüssel –“
„Wieso sollte ich mein eigenes Fahrrad kaputt machen?!“
Antonias Wut schoss schäumend durch Arthurs Kopf und er hatte einige Schwierigkeiten, seine eigenen Gedanken beisammen zu halten. Er wusste, dass Antonia ihr Rad nicht zerstört hatte, aber wer immer es gewesen war, musste viel Glück gehabt haben, dass er dabei nicht erwischt worden war.
Wir waren ja noch nach Mitternacht draußen, dachte Arthur und hörte gleichzeitig seine Mutter sagen: „Ich sage ja gar nicht, dass du es absichtlich kaputt gemacht hast. Vielleicht hattest du einen Unfall, von dem du mir nicht erzählen magst?“
„Ja klar, und danach lass ich das Rad einfach vor dem Haus liegen, oder was?“, fauchte Antonia sarkastisch und Arthur überlegte, ob sie ihn wohl auch hören konnte.
„Antonia? Hallo?“
Sie reagierte nicht und allmählich verblasste die seltsame Verbindung zwischen ihren beiden Köpfen wieder. Als Arthur in seinem Kopf mit seinen Gedanken wieder allein war, zuckte er die Schultern. „Dann eben nicht.“
„Was?“ Norbert drehte sich zu ihm um.
„Ach nichts, ich muss jetzt auch los.“ Und mit einem unverbindlichen: „Bis dann“, ließ er die Haustür hinter sich ins Schloss fallen.
Arthur ließ die Wohnsiedlung mit den weißen Häusern und den gemähten Vorgärten hinter sich und bog auf einen gepflasterten Fahrradweg ab. Neben ihm lag nun ein winziges Waldgebiet, aus dem selbst zu dieser frühen Uhrzeit schon die ersten Jogger hinaus joggten.
Es war wirklich noch früh, aber für Arthur nicht früh genug. Er war spät dran und er hatte Gegenwind und –
Mindestens fünf Minuten. Ich komm mindestens fünf Minuten zu spät. Vielleicht sogar zehn.
Er verspätete sich nur selten, aber wenn es dann doch mal vorkam, machte ihn das Ganze irgendwie nervös. Er konnte sich schon vorstellen, wie sein Klassenlehrer ihn mit einem kühlen: 'Wie schön, dass Sie uns auch noch beehren, Herr Gressling', begrüßte. Sein Lehrer sagte das zu absolut jedem unpünktlichen Schüler und Arthur wusste, dass er selber danach kurz stehen bleiben musste, um irgendwas zu antworten. Er wusste aber nicht was und er mochte es nicht, wenn seine ganze Klasse ihn dabei anguckte.
Er verstand selbst nicht warum. Seiner Klasse war es ziemlich egal, ob er zu spät kam oder nicht und seinem Lehrer reichte es, wenn er auf das 'Wie schön, dass Sie uns auch noch beehren, Herr Gressling' einfach verlegen lachte. Danach konnte er sich setzen und die Situation war vorbei, aber –
Es ist trotzdem irgendwie unangenehm. Arthur verzog das Gesicht und dachte an seine Zwillingsschwester, die wegen sowas nicht nervös geworden wäre. Antonia war fast nie wegen irgendwas nervös. Testweise – und um sich abzulenken – versuchte er ihre Gedanken zu erahnen, aber er konnte nichts hören.
Schade.
Falls er sich nicht irrte, funktionierte der neu aufgetauchte Gedankenlese-Trick nur bei Antonia, aber diese Zwillingsverbindung ließ sich offensichtlich nicht auf Kommando hervorrufen. Vielleicht trat sie wahllos auf oder sie funktionierte nur, wenn einer von ihnen von irgendwas überrascht wurde, von plötzlichen Schmerzen zum Beispiel oder von der eigenen Wut oder –
Arthur erschreckte sich und trat auf die Bremse. Nur wenige Meter vor ihm lag eine überraschend große, überraschend schwere Eiche quer über dem Fahrradweg und vor dieser umgestürzten Eiche stand ein großes, orangefarbenes Verkehrsschild mit dem Wort 'Umleitung' darauf. Es zeigte auf einen angrenzenden, breiten und gradlinigen Waldweg.
Seit wann ist hier ein Weg?, dachte Arthur. Er fuhr diese Strecke fast jeden Morgen und er konnte sich nicht erinnern diesen Waldweg schon früher einmal gesehen zu haben. Allerdings konnte der breite Weg unmöglich über Nacht entstanden sein und da Arthur mit seinem Rad definitiv nicht über die Eiche kam, drehte er schicksalsergeben seinen Lenker und bog in den unbekannten Waldweg ein.
Der Waldweg blieb breit und gradlinig, aber er war ein bisschen zu sandig, um als gut befahrbar zu gelten und Arthur malte sich schon aus, wie er nicht nur zu spät, sondern auch noch verschwitzt vor seiner versammelten Klasse erschien.
Super, dachte er unglücklich und fragte sich, wann der sandige Weg endlich einen Bogen schlug und ihn auf die eigentliche Strecke zurückführte.
Er müsste doch längst einen Bogen machen, oder nicht? Unsicher sah Arthur hinter und dann wieder vor sich in den stur geradeaus führenden Weg.
Wer hat sich nur diese Umleitung ausgedacht? Das kann unmöglich der richtige Weg zur Schule sein.
Damit sollte er recht behalten und wie es der Zufall so wollte, geschah etwas Seltsames. Es erklang ein lautes Knacken und eine Art Reißen. Arthur bremste und suchte mit den Augen nach einem umstürzenden Baum, aber keiner der schmalen Laubbäume bewegte sich, obwohl das Knacken und Reißen lauter wurde.
Klingt wie eine einbrechende Eisschicht, aber es ist Sommer, also –
Arthur ließ Fahrrad und Schultasche zu Boden fallen, als er sah, was tatsächlich dabei war, einzubrechen.
Unmöglich, dachte er und meinte damit die Welt, die begonnen hatte winzige Risse zu bekommen. Bei jedem Knacken und Reißen entstanden vor ihm in der Luft hundert neue feine Linien, die zu immer größer werdenden Rissen wuchsen. Und aus diesen Rissen sickerte ein dichter Nebel.
Und noch bevor Arthur die Entscheidung treffen konnte, dieses merkwürdige Spektakel sicherheitshalber aus einer größeren Entfernung zu beobachten, zerbrach das Stück Welt und eine Welle aus brausendem, zischenden Nebel stürzte auf ihn herunter und verschlang ihn im Ganzen.
Antonia drückte sich tiefer in den karierten Bussitz. Ihre Mutter hatte sie, wie versprochen, bis zu einer der letzten Haltestellen mitgenommen und nun saß sie in dem stickigen Schulbus.
Unzufrieden dachte sie über ihr kaputtes Fahrrad nach. Ihre Mum glaubte ihr inzwischen, dass sie es nicht selber kaputt gemacht hatte, aber das ließ das Rad auch nicht wieder ganz werden.
Wer hat was davon, mein Fahrrad kaputt zu machen? Ein Einbrecher hätte es doch höchstens geklaut.
Ihre Mum hatte vorgeschlagen, dass vielleicht Norbert helfen könnte das Rad wieder zu reparieren. Sie hatte es deshalb vorgeschlagen, weil sie wollte, dass Antonia anfing Norbert zu mögen und weil Norbert ein Mann war und Männer angeblich Fahrräder reparieren konnten. Ganz unabhängig davon, wie kaputt diese Räder waren.
Tja, er kann’s gerne versuchen, überlegte Antonia mit einem Humor, der hauptsächlich aus Gereiztheit bestand. Sie war unausgeschlafen und sie war schlecht gelaunt, weil Norbert nun bei ihnen wohnen würde.
Zu Hause nur mit mir, Arthur, Alice und Mum funktioniert alles gut, also wieso –
Norberts Gesicht tauchte vor ihrem inneren Auge auf und ohne den Gedanken ganz zu Ende zu denken, trat sie wütend gegen den Vordersitz. Ganz erschrocken drehte sich der darauf sitzende Zweitklässler zu ihr um. Sie hatte ihn nicht gesehen, aber der Bus war so voll, dass sie sich hätte denken können, dass dort jemand saß. Sie schnitt dem blässlichen Zweitklässler eine Grimasse und schwenkte ihre Gedanken fort von Norbert und hin zu den mysteriösen Ereignissen der letzten Stunden.
Sie hätte gerne gewusst, ob sich diese heute Morgen so plötzlich aufgetauchte Zwillingsverbindung wiederholen ließ und ob diese Verbindung so eine Art Gedankenlesen war. Testweise versuchte sie Arthurs Gedanken zu erahnen, aber sie konnte absolut gar nichts hören.
Schade.
Antonia seufzte. Sie hätte das mit dem Gedankenlesen wirklich gerne gekonnt. Sie war in den meisten Sachen nur durchschnittlich begabt und sie hätte wirklich gern irgendein besonderes Talent gehabt.
Dann wäre ich wenigstens ein besonders talentierter Zwilling, überlegte sie.
Der Bus gab unerwartet ein ächzendes Rumpeln von sich und Antonia guckte hoffnungsvoll aus dem Fenster, aber sie waren schon fast bei der Schule, was bedeutete, sie würde definitiv nicht um die ersten beiden Unterrichtsstunden herumkommen, selbst wenn der alte Bus nun kaputt ging.
Da heute der letzte Schultag vor den Ferien war, endete der Unterricht mit der Zeugnisausgabe in der dritten Stunde und die beiden Schulstunden vorher waren deswegen ziemlich unwichtig. Es gab eine Menge Lehrer, die das Gegenteil behaupteten, aber Antonia hatte die Vermutung, dass sich gerade solche Lehrer heimlich über die Gelegenheit freuten, besonders viel über unaufmerksame Schüler schimpfen zu können.
Sie zog ihr Smartphone aus der Jackentasche und sah auf die Zeitanzeige. Anders als Arthur und sehr zur Sorge ihrer Mutter hatte sie das Handy ständig bei sich.
Genau pünktlich.
Sie verzog das Gesicht und überlegte, ob sie heimlich auf Arthur warten sollte, um so zu tun, als hätten sie sich zusammen verspätet. Allerdings war das Risiko hoch, dass sie sich verschätzt hatte und er gar nicht zu spät kam und da er so gut wie nie auf sein stummgeschaltetes Handy sah, konnte sie es auch nicht herausfinden. Sie wünschte, sie könnte ihre Gedanken einfach zu ihm rüberschicken oder zumindest vor ihrem geistigen Auge sehen, wo er war. Aber –
Vermutlich könnte er in diesem Moment von einem Monster gefressen werden und ich würde absolut gar nichts –
Urplötzlich sackte ihr Oberkörper nach vorne und sie hatte das Gefühl, einen kräftigen Schlag in den Magen verpasst bekommen zu haben. Ihre Haut begann zu prickeln und zu brennen und...
Ich bekomme keine Luft.
Sie sah Nebel vor ihren Augen und sie hörte Arthur denken: „Ich bekomme keine Luft!“
Arthur? Was –
Plötzlich füllten sich Antonias Lungen wieder. Das war so angenehm, dass sie für einen Moment glaubte, sie wäre auf einmal schwerelos geworden, aber dann setzte die ganze Kraft der Schwerkraft auch schon wieder ein und sie hatte das Gefühl, schnell und tief, sehr, sehr tief zu fallen.
Und dann war es vorbei und Antonia nahm ihre äußere Umgebung wieder wahr. Die Busfahrt war zu Ende und der Zweitklässler vor ihr sah sie mit großen, beunruhigten Augen an. Antonia ignorierte ihn, sprang mit wackligen Knien aus dem Bus und rief Arthur an.
Arthur fühlte Erde in Nase und Mund, ganz offensichtlich lag er auf dem Boden, er wusste nur nicht mehr warum. Mühsam hob er den Kopf. Er lag auf einer Wiese mit hohem, stachligen Gras und um ihn herum standen ein paar Nussbäume.
Arthur blinzelte ein paar Mal und richtete sich dann auf. Irgendwo in ihm formte sich zähflüssig die Frage, was genau er hier machte. Er erinnerte sich langsam und dann immer schneller an den Nebel, an ein Prickeln und Stechen auf seiner Haut, an Atemnot und an das Gefühl, tief zu fallen.
Noch immer leicht benommen, drehte er sich zu allen Seiten.
Was...?
Wo auch immer er war, aber er war definitiv nicht mehr auf dem sandigen Waldweg. Rechts von ihm lag ein dichter Nadelwald, aber der war zu sehr Nadelwald, um der richtige Wald zu sein, links von ihm streckte sich die Wiese mit den Nussbäumen in die Weite, vor ihm fiel die Wiese in einiger Entfernung flach ab und hinter ihm – … hinter ihm, befand sich tatsächlich ein ähnlicher Nebel wie der auf dem Waldweg. Die brausende Masse hatte sich zusammengeballt und schwebte nun einen Meter über dem Wiesengras. Es war unmöglich durch sie hindurchzusehen, aber trotz dem einheitlichen Weiß erkannte Arthur, wie sich die vielen Nebelschwaden stürmisch durcheinander mischten.
Was ist das? Er erinnerte sich an die feinen Risse in der Luft, aus denen der Nebel hervorgequollen war und dachte skeptisch: So etwas wie ein Loch in der Welt? Oder ein Loch zwischen zwei Orten auf der Welt?
Arthur überlegte, ob er den Nebel einfach nochmal anfassen sollte, um so wieder auf den Sandweg zurückzukommen. Er streckte die Hand aus, aber hielt dann doch inne.
Ich kann mich hier wenigstens mal umsehen.
Er drehte dem Nebel also den Rücken zu und ging an den weit auseinanderstehenden Nussbäumen vorbei. Er wusste nur deshalb, dass es Nussbäume waren, weil sie voller Nüsse hingen. An jedem Baum wuchsen mindestens zwei oder drei verschiedene Sorten und Arthur warf den Bäumen staunende Blicke zu, während er dort hinging, wo die Wiese abfiel. Überall um ihn herum brummten und summten Insekten und es war sehr viel wärmer, als es auf dem Waldweg gewesen war.
Wie in einer verdrehten Version der Narnia Geschichte, überlegte Arthur und zuckte im nächsten Moment zusammen. Das, was unten im Tal lag, glänzte und glühte in der Sonne und in der allerersten Sekunde hatte Arthur gedacht, es würde sich bewegen, aber –
Nur ein Dorf. Das ist nur ein Dorf.
Das Dorf im Tal bestand aus einem kupferroten, flammenden Metall. Das Metall reflektierte das Sonnenlicht und Arthur musste schützend seine Hand vor die Augen halten.
Es sieht, begann er beobachtend, ...wirklich irgendwie beweglich aus. Wie eine optische Täuschung oder so.
Das Dorf war von einer Mauer umschlossen und es umfasste mindestens hundert eng stehende Häuser. Jedes Haus bestand aus dem flammenden Metall, jedes spiegelte das Sonnenlicht und jedes hatte ziemlich viele Kanten und Winkel. Die Häuser unterschieden sich alle voneinander, aber weil sie so eng zusammenstanden, wirkte es so, als würden die ganzen, perfekt ausgemessenen Kanten und Winkel ineinander überfließen und –
Arthur schloss die Augen für einen Moment, weil er das unangenehme Gefühl hatte, die Häuser würden alle durcheinander rutschen. Er blinzelte im nächsten Moment wieder gegen das Sonnenlicht an und sah, dass das sowieso schon umzäunte Dorf außerdem noch voller langer Backsteinzäune war. Jeder Zaun grenzte an einen anderen, kein Zaun verlief ohne Abzweigungen und fast alle von ihnen grenzten mehr als nur ein Haus ein. Über einige Zäune wucherte dichtes Unkrautgestrüpp und Arthur entdeckte noch schiefe Wäscheleinen, auf denen bunte T-Shirts und lange Socken trockneten.
Seltsam, dachte er, weil das Unkraut und die schiefen Wäscheleinen nicht so recht zu dem Rest des perfekt ausgemessenen Dorfs passten. Seine Augen wanderten weiter und plötzlich runzelte er die Stirn.
Was ist das?
Er war auf irgendwas Großes, Metallisches aufmerksam geworden, das ganz am Rand des Dorfes zwischen zwei Hausdächern klemmte. Arthur erkannte außer der metallischen Farbe noch so etwas wie Reifen, wodurch sein Verstand begriff, dass das Etwas ein verkehrt herum hängendes Auto sein musste.
...Aber wie ist es da hingekommen? Es kann doch nicht vom Himmel gefallen sein.
Eine andere Erklärung wollte ihm allerdings weder einfallen, noch konnte er eine sehen und außer ein paar Hühnern, die unter den langen Socken im Staub pickten, konnte er im Dorf auch keine lebendigen Wesen entdecken.
Aber wer auch immer hier wohnt, kann vielleicht Autos durch die Luft werfen und muss mindestens genauso seltsam wie das Dorf sein, überlegte er besorgt. Im nächsten Moment raschelte es plötzlich hinter ihm und er drehte sich – nun noch besorgter – um.
Die Wiese mit den Nussbäumen war nach wie vor verlassen, aber das plötzliche Umdrehen hatte sein Handy aus der Hosentasche fallen lassen. Sich selbst verwünschend, weil er nicht eher daran gedacht hatte, hob er es auf und ließ den Bildschirm aufleuchten, aber das Smartphone hatte keinen Empfang. Außerdem zeigte es das falsche Datum und die falsche Uhrzeit an, was Arthur als kein gutes Zeichen auffasste, aber auf der Suche nach Mobilfunk schwenkte er es trotzdem ein bisschen durch die Luft. Den Blick auf den Bildschirm gerichtet, sah er nicht, dass er dabei geradewegs gegen ein Monster lief.
Arthur stieß sich den Kopf, stolperte ein paar Schritte zurück und blickte in das gesichtslose Antlitz eines zwei Meter hohen Wesens. Es war lang wie eine Vogelscheuche, aber anstelle eines Kopfes besaß es eine Flamme oder eine Art Licht, das rötlich glimmte und das keinerlei Gesichtszüge aufwies. Das Wesen streckte die langen Arme nach Arthur aus und mit einem erstickten Schrei flüchtete er rückwärts und geriet strauchelnd auf den abschüssigen Teil des Geländes. Augenblicklich verlor er das Gleichgewicht und purzelte den Abhang hinunter und als er mit schwankender Sicht und Gras in den Haaren am unteren Ende angelangt war, wankte das Wesen bereits auf ihn zu. Hals über Kopf ergriff Arthur die Flucht.
Vor ihm lag nun das hoch umzäunte Dorf und eine Flucht durchs Dorf, fort von dem Nebel, hielt Arthur für keine besonders gute Idee, aber hinter ihm wurde der Flammenkopf bereits schneller und so rannte er, allen besseren Möglichkeiten beraubt, durch einen offenen Torbogen ins Dorf hinein, kam aber gleich wieder ins Straucheln, denn unmittelbar vor ihm prangten zwei große, untereinander gehängte Schilder mit den Worten: „Mitternachtsbereich – bitte misstrauen Sie Ihren Uhren und nutzen Sie die Unsere“, und „In seliger Gefangenschaft all jene, die im Schatten wandeln.“
Arthur überflog die Sätze in rekordverdächtiger Zeit, wusste mit dem Gelesenen aber nichts anzufangen und flüchtete dann in einen von gleich fünf zur Auswahl stehenden roten Kieswegen. Der Weg, in den er rannte, gabelte sich kurz darauf in drei Teile auf, der nächste wieder in fünf und der darauffolgende endete in einer Sackgasse. Erschrocken drehte Arthur sich um, aber der Flammenkopf war verschwunden.
Gut, dachte er und versuchte einigermaßen leise zu atmen, während er wieder aus der Sackgasse herausschlich. Die kupferroten Hauswände rechts und links von ihm spiegelten ihn dabei und vorsichtig berührte er das merkwürdige Metall. Es war sogar noch ein bisschen wärmer, als er gedacht hatte.
Seltsames Zeu-
Urplötzlich wurde hinter ihm ein Fenster aufgerissen und zwei lange, gelbstichige Arme packten ihn an der Kapuze seiner Jacke.
„Sieh an, es stimmt, wir haben Besucher. Freut mich, dich kennenzulernen, schwächliches Wesen“, murrte eine monotone Stimme an Arthurs Ohr, während sich eine rötliche, Kopf-große Flamme in sein Sichtfeld schob. Das sprechende Monster zog ihn mühelos zurück, wodurch der Reißverschluss seiner Jacke schmerzhaft gegen seinen Hals drückte und einer plötzlichen Eingebung folgend, ließ Arthur sich nach unten gleiten, schlüpfte aus der Jacke und entkam so dem schimpfenden Wesen.
War sowieso viel zu warm mit dem Ding.
Tatsächlich mussten es an diesem Ort mindestens dreißig Grad sein und die Tatsache, dass Arthur rannte und eine lange Hose trug, ließ die Hitze schnell anstrengend werden. Außerdem tauchten in Ecken und Türrahmen immer mehr von den Flammen-Wesen auf und bei jedem Ausweichen oder erschrockenem Kehrtmachen verlor Arthur ein weiteres Stück seiner Orientierung, bis er schließlich gar nicht mehr wusste, wo im Dorf er war. Er versuchte verzweifelt zur äußeren Mauer zu gelangen, um dieser so lange zu folgen, bis er einen Ausgang fand, aber so sehr er sich auch bemühte, er konnte die Mauer nicht finden.
So komme ich niemals zu dieser Nebelstelle zurück.
Erschöpft drückte er sich in den Schatten einer Hauswand und sah sich um. Die Flammenkopf-Wesen waren verschwunden, aber er konnte ihre Schritte auf den anderen Kieswegen hören. Sie waren entweder nicht besonders schnell, nicht besonders klug oder sie strengten sich bei der ganzen Verfolgungssache nicht besonders an.
Oder es liegt an diesem komischen Dorf hier.
Arthur war aufgefallen, dass er in einem Weg stand, den er eigentlich schon kannte. Er war sich ganz sicher, dass er ihn schon kannte, aber –
Er hat sich verändert. Er hat sich definitiv verändert. Vorher hatte der Weg nur zwei Abzweigungen gehabt, aber nun hatte er auf einmal fünf. Arthur machte ein finsteres Gesicht und sah nacheinander in die Wege. Einer machte einen Bogen nach rechts, einer führte geradeaus, in zwei wucherte Unkraut an den Seitenrändern, drei machten einen Bogen nach links und einer flimmerte vor Sonnenschein und Hitze. Weil ihm sowieso schon viel zu heiß war, strich Arthur den letzten Weg von seiner Liste und wollte dann wahllos in einen von den vier im Schatten liegenden einbiegen, aber das Wort Schatten brachte seine Gedanken ins Stolpern und er hielt inne. Er erinnerte sich an das merkwürdige Schild am Anfang des Dorfes.
Irgendwas mit gefangen im Schatten hat da draufgestanden, dachte Arthur und wiederholte dann nochmal: Gefangen im Schatten... Er zuckte die Schultern. Ein Versuch ist es wert.
Er bog in den einzigen Weg, der nicht im Schatten lag und folgte ihm so lange, bis er zu einer Weggabelung kam, bei der wieder nur ein einziger Weg nicht im Schatten lag. Er folgte diesem Sonnenweg, traf dann wieder auf nur einen, der nicht im Schatten lag und immer so weiter und schließlich fand er den Dorfausgang.
Es war der falsche Ausgang, denn Arthur hatte eigentlich den Ausgang gesucht, der genau auf der anderen Dorfseite lag und außerdem sprangen zwei Monster hinter einem Haus hervor, genau dann, als Arthur ihn betrat, aber immerhin war es ein Ausgang.
„Schlaues Schwachbein –“, tönte einer der beiden Flammenköpfe hinter ihm und der andere rief: „Hast das Schattenrätsel ja ziemlich schnell gelöst.“
Arthur wusste nicht, ob es ein gutes oder schlechtes Zeichen war, dass die hinter ihm herrennenden Monster intelligent genug zum Sprechen waren, aber zumindest die Tatsache, dass sie hinter ihm herrannten, deutete er als ein schlechtes.
Vor ihm lag nun ein breiter, rötlich gekiester Weg, der bei jedem Schritt Staub auspustete und der vom Dorf wegführte. Am Horizont flimmerten Getreidefelder und nach kurzer Zeit tauchte am linken Seitenrand eine Obstplantage auf. Die Plantage war ganz grau und verströmte eine seltsam eisige Luft, aber Arthur überlegte, ob er es wohl schaffte, zwischen die Bäume dort zu flüchten.
Vielleicht verlieren sie mich dann wieder, dachte er und sah sich nach den Flammenköpfen um, die ein ganzes Stück zurückgefallen waren.
Sie sind mindestens dreißig Meter hinter mir...
Arthur machte einen kleinen Schlenker nach links und schlagartig veränderten sich die Geräusche hinter ihm. Wieder sah er sich um.
Die Monster rannten auf einmal sehr viel schneller. Es war, als wäre ihnen plötzlich wieder eingefallen, dass sie das ja konnten. Beide hatten sich vorgebeugt und beide schossen nun über den Kiesboden. Innerhalb von Sekunden schmolz Arthurs Vorsprung zu zwanzig Metern, fünfzehn, zehn...
Sie hätten mich schon die ganze Zeit einfangen können...
Arthur hielt an. Die Monster bremsten abrupt, schlitterten ein wenig und kamen dann schwankend zum Stehen.
„Was sollte das denn!?“, beschwerten sich beide gleichzeitig. Und Arthur, der seine Hände auf die Knie gelegt hatte, japste: „Wieso jagt ihr mich nur, anstatt –“
„Dich einzufangen?“
„Dachten das spart Zeit. Bist immerhin fleißig in die richtige Richtung gerannt –“
„Und wir hatten halt keine Lust –“
„Dich die ganze Strecke zu tragen.“
Bei diesen monotonen Worten packten die beiden Flammenköpfe Arthur plötzlich unter den Achseln und hoben ihn in die Höhe. Er wehrte sich heftig, aber obwohl er in dieser Position viel Raum zum Zappeln und sich Wehren hatte, schienen die beiden Wesen seine Kraftanstrengungen
gar nicht zu bemerken. Mit jeweils einem Arm trugen sie ihn mühelos vorwärts oder besser gesagt rückwärts. Für Arthur war es rückwärts, er wurde entgegen der Fahrtrichtung gehalten und er konnte deswegen nicht sehen, wohin dieser unfreiwillige Spaziergang führte. Was er aber sehen konnte, waren die seltsamen Köpfe der Wesen. Wie zwei ruhige, breite Kerzenflammen schwebten sie über den halslosen Rümpfen der Monster und für Arthur waren sie nicht zu unterscheiden. Anhand ihrer Köpfe hätte er die beiden Wesen niemals auseinanderhalten können.
Wo bin ich hier nur gelandet?
Die Flammenköpfe trugen farbige T-Shirts, kurze Khakihosen und große Turnschuhe und sie besaßen eine gelbstichige, feste Gelee-Haut, durch die man hindurch gucken konnte. Staunend stellte Arthur fest, dass die Wesen keine roten Adern hatten, sondern weiße, die sich in einem kaum sichtbaren Wirrwarr durch die gesamte Haut zogen und das die Knochen in der Mitte von diesem Wirrwarr offensichtlich aus Holz bestanden.
Verrückt, dachte er und wurde dabei auf die Aufdrucke auf den beiden T-Shirts der Wesen aufmerksam. Auf dem ersten T-Shirt stand: „Verband für total tollen Tourismus“, unter dem Motiv eines Schaum spukenden Werwolfs und auf dem anderen prangte ein Schutzschild, um das sich die Worte: „Weder gefressen, noch gebraten, noch gevierteilt. Sicher reisen mit Simon Siechers Reisefirma“, schlängelten.
Verrückt, dachte Arthur noch einmal und hörte mit dem Herumgezappel auf. Stattdessen fing er an Fragen zu stellen.
„Wer seid ihr?“
Keine Antwort.
„Was wollt ihr von mir?“
Keine Antwort.
„Bitte lasst mich runter... Ich gehöre hier gar nicht hin, ich wollte hier gar nicht hin, ich schwöre es... Lasst mich runter, ich will nur zu der Stelle mit dem Nebel zurück, dann verschwinde ich von hier, versprochen.“
Strenggenommen wusste Arthur gar nicht, ob ihn der brausende Nebel tatsächlich zurückbrachte, aber eine solche Wahrheitstreue schien ihm im Moment nicht besonders zweckdienlich.
„Wohin bringt ihr mich?“
Die Monster sagten noch immer nichts, aber plötzlich fiel ein gewaltiger Schatten auf sie alle und Arthur beugte den Kopf, so weit er konnte in den Nacken, um verkehrt herum zu sehen, was vor ihm lag.
Es war ein monströses Haus. Es war enorm breit und enorm hoch, mindestens elf Stockwerke hoch, und genau wie die Häuser im Dorf bestand es aus einem rötlichen, glühenden Metall. Aber anders als die Häuser im Dorf war es nicht kantig und voller Winkel, sondern aalglatt. Jedes Stockwerk saß glatt und gerade auf dem unteren, jedes Fenster befand sich entweder horizontal, senkrecht oder diagonal zu einem anderen und das gesamte Bauwerk hätte wie ein großer, schwerer, glühender Klotz ausgesehen, wären die vielen Außentreppen nicht gewesen.
Vom zweiten bis zum zehnten Stockwerk schlängelte sich eine Treppe um die andere und da sie alle aus dem roten Metall bestanden und sie dadurch alle das Sonnenlicht und die Treppen um sich herum spiegelten, sah es so aus, als würden sie sich alle schlangenartig bewegen.
Arthur konnte die Täuschung nicht ansehen, ohne das ihm dabei schwindelig wurde.
Wer baut sowas?, dachte er und blinzelte nach oben. Oben, noch viel höher als all die Schlangentreppen, saß eine schneeweiße Turmuhr. Sie war unter einem Dachvorsprung in die Wand eingelassen und sie wirkte groß und unheimlich. Auf ihr ließ sich die Uhrzeit: Zehn-Minuten-nach-zwölf ablesen.
In meiner Welt war es gerade mal acht Uhr, als der Nebel mich verschluckt hat..., ging Arthur durch den verkehrt herum gehaltenen Kopf. Der Gedanke an seine Welt und an einen Ort der außerhalb davon lag, verursachte ein flaues Gefühl in seinem Bauch, aber ihm blieb wenig Zeit weiter darüber nachzudenken, denn die zwei Monster stießen die Flügeltür zum Erdgeschoss auf und trugen ihn ins Haus hinein.
Es war eine Küche, in die sie ihn trugen und nichts darin bestand aus dem glühenden Metall.
Die Küche war groß und ihre Wände waren gelb gestrichen. Sie hatte Fenster, an denen weiße Gardinen hingen und sie roch nach Mehl. Mitten in ihr drin stand ein langer Esstisch, auf dessen hölzerner Oberfläche mehrere Flammenköpfe saßen und an der Küchenzeile dahinter gab es gleich zweimal einen Herd und Ofen. Darüber hingen ziemlich viele Regalbretter und – Arthur zuckte ein bisschen zusammen, als er sah, dass an den Regalbrettern eine Sammlung aus spitzen Messern baumelte. Dass er in eine Küche getragen wurde, musste zwar nicht zwangsläufig bedeuten, dass er als gekochte Mahlzeit enden würde, aber Arthur war trotzdem beunruhigt.
Die große Küche war gleich das erste Zimmer hinter der Eingangstür gewesen und Arthur hatte nur einen kurzen Moment, um sich darin umzusehen, bevor er auf einen der Stühle des Esstisches verfrachtet wurde und sich zahlreiche rote, flammende Köpfe in seine Sicht schoben. Ein entscheidendes Detail der Küche nahm er allerdings noch wahr: Sie hatte keine Decke. Oder zumindest keine unmittelbare, denn an den Wänden der über ihr liegenden Stockwerke befand sich eine Galerie mit Bildern. Wie eine Art Laufgang mit schützender Holzbalustrade zog sich die Galerie, immer im Viereck der Wände verlaufend, über die nächsten drei Stockwerke hinweg.
„Was willst du hier?“, unterbrach einer der Flammenköpfe Arthurs Beobachtungen und mehrere andere tönten nacheinander: „Bist du wegen den Mitternachtsführungen hier?“
„Die machen wir nicht mehr. Sind zu gefährlich geworden.“
„Aber das weiß doch auch jeder. Wir hatten schon seit einem halben Jahr keine Touristen mehr zu Besuch. Also warum bist du hier?“
„Und warum bist du vor uns weggelaufen?“
„Hast du etwas gestohlen?“
Arthur konnte nicht ausmachen, welcher der Flammenköpfe was gesagt hatte. Ihre gesichtslosen Köpfe bewegten sich beim Sprechen nicht mehr und nicht weniger, als beim Nicht-Sprechen und ihre monotonen Stimmen klangen allesamt exakt gleich, also sah er abwechselnd irgendeinen von ihnen an.
„Ich habe nichts gestohlen, ich –“
„Du arbeitest also nicht mit diesen Zwergen zusammen?“, fragte eines der Wesen und andere brummten gleichzeitig: „Wirklich nicht? Wirklich nicht?“
„Nein“, sagte Arthur, weil er wirklich nicht mit irgendwelchen Zwergen zusammenarbeitete.
„Bist du ein Mensch?“, fragte irgendein Flammenkopf direkt neben ihm.
„Ja. Was denn sonst?“, fragte Arthur zurück und die Monster gaben Geräusche von sich die klangen, als gäbe es da noch ziemlich viele Möglichkeiten.
Arthur sagte schnell: „Ich bin nicht freiwillig hier. Sondern durch eine Art Unfall –“
„Unfall? Ein Unfall mit dem Nebel?“
Arthur nickte erstaunt und alle Flammenköpfe warfen ihre Hände in einer Sag-das-doch-gleich-Geste in die Luft und einer sagte: „Sag das doch gleich. War eine Flutwelle schuld? Oder nur ein Missgeschick beim Wechseln? So ein Missgeschick kommt selbst bei den Besten mal vor –“
„Und du bist bestimmt nicht der Beste.“
„Mit wem sprecht ihr da?“ Das hatte eine andere Stimme gesagt. Eine weibliche Stimme. Sie klang streng, aber sie war viel weniger monoton als die von den Flammenköpfen. Arthur drehte seinen Kopf in ihre Richtung... und unterdrückte nur mit Mühe einen Schrei. Er hatte geglaubt, unter den gegebenen Umständen eine gewisse Immunität gegenüber Merkwürdigkeiten entwickelt zu haben, aber damit lag er wohl falsch. Das Wesen, das sich an den Flammenköpfen vorbei und auf ihn zubewegte, war furchtbar gruselig. Es hatte Hufe und Fell an den Beinen und es besaß Ziegenaugen, die offensichtlich niemals zu blinzeln brauchten. Hörner hatte es keine, aber dafür abstehende, dünnhäutige Ohren und eine Haut, die sich vor allem im Gesicht straff über die schmale Stirn, die spitzen Backenknochen und flache Nase spannte. Durch die Straffung traten die glänzenden Augen noch gruseliger und glubschiger hervor und hinter den zurückgezogenen Lippen ließen sich Zähne erkennen, die spitz und gefährlich aussahen, aber Arthur tröstete sich mit dem Gedanken, dass das Wesen immerhin nicht größer war als er selber und dass es außerdem einen sehr zivilisierten Eindruck machte, denn es trug ein Sommerkleid mit braunen Bändern und aufgenähten, im Licht glitzernden Plastikknöpfen.
Wo bin ich hier nur gelandet?
Mittlerweile stand das schmalschultrige Wesen unmittelbar vor ihm, während die Flammenköpfe dessen Frage beantworteten.
„Wir reden mit einem Schwachbein, einem Menschenkind, besser gesagt. Es ist aus Versehen hier gelandet.“
„Ein Mensch, tatsächlich?“, wiederholte das Wesen mit den Ziegenaugen und stellte dann mit einem prüfenden Blick auf Arthur fest: „Tatsächlich, ein Mensch.“
„Menschenkind“, brummte ein Flammenkopf.
„Pappelerpapp“, winkte das kleine Wesen ab und hielt Arthur dann die Hand hin. „Ich bin eine Tinteak und meine Name ist...“, an dieser Stelle sagte es irgendetwas sehr Schnelles, das aus mehreren Tripp- und Trapplauten zu bestehen schien. „...aber du kannst Camellia sagen, das ist die ungefähre Überschlagung in deine Sprache.“
„Übersetzung“, verbesserte ein Flammenkopf, während Arthur mit einigem Unwillen Camellias raue Hand schüttelte und erklärte, er sei Arthur und darüber hinaus, in der Tat, ein Menschenkind. Camellia strahlte glücklich und gruselig.
„Und sag, Arthur, als Mensch der du bist, arbeitest du da für Oriksons Organisation? Viele Menschen tun das.“
Noch bevor Arthur: „Für was?“, fragen konnte, schob sich Camellia näher an sein Gesicht heran: „Bitte, du musst mit deinem Vorher-gesetzten reden. Sag ihm, er muss hierherkommen. Er soll irgendetwas machen, hier wird es jeden Tag schlimmer.“
„Aller-los und Zweifel-dings!“, riefen andere Tintik-irgendwas Wesen. Offensichtlich gab es mehrere von ihnen und zielstrebig schoben sich immer neue Hände und gerüschte Ärmel an den langgliedrigen Flammenköpfen vorbei. Diese sahen darin allerdings nicht den geringsten Anlass, auch nur einen Millimeter zurückzuweichen und so überkam Arthur langsam ein Gefühl von Platzangst.
„Du kennst Oriksons Organisation doch? Seine große Organisation zur Erforschung der Welt?“, wollte ein männliches Tintik-irgendwas Wesen wissen.
Arthur kannte die Organisation selbstverständlich nicht, aber es klang, als würden die Monster ihn gehen lassen, wenn er versprach irgendeinem Vorgesetzten irgendetwas auszurichten.
Er fragte: „Wenn ich verspreche eure Nachricht zu überbringen, kann ich dann zurück? Zurück zu dem Nebel?“
„Selbst-natürlich, selbst-natürlich“, sagte Camellia. „Und das mit dem Nebel, das ist es ja gerade. Immer öfter und öfter stürzen Nebelflutwellen in unseren Bereich. Sie reißen Nützliches fort und spülen Unnützes an.“
Um Arthur herum erhoben sich zustimmende und sich ins Gespräch einmischende Stimmen.
„Vor einer Woche ist eine Auto-mobile ins Dorf gefallen!“
„Es ist zwischen zwei Häusern steckengeblieben.“
„Wir haben Angst, dass auch eins auf unser Haus fällt!“
„Solche Flutwellen hat es früher nicht gegeben! Arbeiter von der Organisation sollen herkommen und etwas dagegen machen!“
Weitere entschlossene Zustimmungen erklangen und Camellia erklärte über deren Lärm hinweg: „Gestern Nacht war es besonders schlimm und ganz nah am Haus. Ich dachte schon, der Nebel würde uns aus dem Haus reißen und an einen Ort ohne alles bringen.“
Was? Bei Camellias Worten regten sich in Arthurs Kopf verschiedene Erinnerungen, aber vor lauter durcheinander sprechenden Monstern konnte er kaum einen klaren Gedanken fassen.
„Es gibt keinen Ort ohne alles“, brummte ein Flammenkopf, an Camellia gewandt. „Das ist nur eine Spukgeschichte, die sich ein paar Trickster ausgedacht haben.“
„Aber ich und meine Schwester waren an so einem Ort“, mischte sich Arthur nun doch ein und alle Augen und flammenden Köpfe drehten sich in seine Richtung.
„Ähm...“, machte er. „Also... Gestern Nacht plötzlich. Alles hat sich aufgelöst und dann gab es überhaupt nichts mehr... und dann hat irgendwann alles wieder genauso ausgesehen wie vorher.“
Selbst vor einem Publikum aus Monstern klang das Ganze noch verrückt.
„Du bist nicht besonders helle, was Schwachbein?“, sagte einer der Flammenköpfe monoton, „Was daran klingt für dich nicht nach einem Trickster? Es wird eine Illusion gewesen sein, etwas in deinem Kopf, sonst nichts.“
Camillia legte nachdenklich den Kopf schief.
„Klingt tat-sächelich nach einem Trickster, aber nach einem sehr gemeinen. Wenn er nicht gerade einer deiner Freunde ist, solltest du auf ihn zeigen –“
„Ihn anzeigen, heißt das“, verbesserte ein Flammenkopf und Camellia redete weiter: „Schließ-letztlich müssen sich auch Trickster an Gesetze halten.“
„Aber erst soll er zur Organisation!“, rief ein anderes Tin-irgendwas Wesen und Camellia nickte.
„Richtig“, sagte sie. „Also? ...Worauf wartest du noch? Du solltest dich sofortig auf den Weg machen. Auf, auf!“
Camellia scheuchte die dicht stehende Schar aus Tinteaks und Flammenköpfen auseinander und um seine Flucht nicht zu gefährden, schluckte Arthur alle Fragen, die er zu dieser Welt, den Monstern und dem Trickster hatte, herunter und trat aus dem Haus hinaus und in die sommerliche Hitze hinein.
Mehrere Flammenköpfe folgten ihm. Arthur drehte sich unsicher zu ihnen um und einer brummte: „Nimm nicht den Hauptweg“, während er dabei auf den breiten Kiesweg zeigte, der das Haus mit dem Dorf verband. „Der dauert viel länger als ein Gang über das Gras.“
Ein völlig anderer zeigte nun auf die weite Graslandschaft neben dem Hauptweg.
„Oh, okay“, meinte Arthur und betrat die Graslandschaft. Sie lag ein Stückchen tiefer als das monströse Haus und in ihrer Ferne konnte Arthur den Nadelwald ausmachen, an dessen Grenzen die Stelle mit dem Nebel lag. Falls er sich nicht irrte, gab es an diesem Ort zwei Anhöhen. Auf der einen befand sich das monströse Haus, der Hauptweg und die Obstplantage und auf der anderen der Nadelwald und die Nussbaumwiese und in dem Tal dazwischen lag das umzäunte Dorf, die Graslandschaft und die Getreidefelder... und außerdem noch eine Windmühle, wie Arthur jetzt feststellte. Arthur sah sie nur aus der Ferne, aber sie machte auf ihn einen irgendwie schwächlichen Eindruck –
Weil sie gar nicht aus diesem roten Metall ist, begriff er. Sie bestand einfach nur ganz normal aus Steinen und Holz.
„Nicht so groß und glühend wie die anderen Bauten hier, was?“, erriet ein Flammenkopf seine Gedanken und die anderen sagten abwechselnd: „Tja, dafür ist sie auch nicht so verrückt wie die.“
„War aber trotzdem ziemlich aufwendig, die Mühle zu bauen.“
„Wir mahlen darin unser Getreide und sammeln darin unsere anderen Vorräte, bis sie abgeholt werden.“
„Von wem werden sie abgeholt?“, fragte Arthur, bereute die Frage aber sofort, als er bemerkte, wie die gesichtslosen Monster aufhorchten.
„Von Oriksons Organisation natürlich, von wem auch sonst?“, bekam er zur Antwort und er verfluchte seine Neugierde, aber einer der anderen Flammenköpfe brummte: „Er meint, welche Abteilung sie abholt.“
Arthur nickte dankbar für die Ausrede.
„Tausch und Transport von Nahrungsmitteln, so oder so ähnlich heißt die.“
„Ahh“, machte Arthur und hoffte, dass der Laut nach großer Wissenserlangung klang. Aber tatsächlich hatte er etwas Neues erfahren, denn diese Orikson-Organisation musste ganz schön groß sein, wenn sie sich in Abteilungen unterteilen ließ.
Die Flammenköpfe erzählten weiter: „Aber es dauert noch –“
„Bis die von Orikson hier wieder auftauchen. Erst irgendwann im Herbst wieder.“
„Deswegen ist es gut, dass du nun da bist, um sie herzuholen.“
„Wird Zeit, dass irgendwer irgendwas gegen diese Flutwellen macht. Außerdem –“
„Haben wir noch ein paar andere Beschwerden. Hier gehen seit ein paar Monaten ’ne Menge seltsamer Sachen vor sich.“
„Irgendwer soll sich das mal ansehen.“
„Wissenschaftlich ansehen.“
„Am besten irgendein Wissenschaftler, der keine Angst vor Mitternachtsbereichen hat.“
Arthur hätte gern gewusst, was genau ein Mitternachtsbereich war, traute sich aber nicht nachzufragen und die Flammenköpfe sprachen nahtlos weiter.
„Also versuch irgendwen Wissenschaftliches oder irgendwen Hochrangiges von der Organisation herzubringen, ja? Das würde auch den Tinteaks gefallen, sie haben eine Schwäche für hohe Ränge. Für einen Abteilungsleiter würden sie fast aus ihrem Haus geraten.“
Alle Flammenköpfe gaben eine Art Rattern von sich, das Arthur als Lachen deutete und einer erklärte: „Tinteaks gehören nämlich zur Familie der Nister, deswegen der Witz mit dem Haus. Warte, weißt du überhaupt, was Nister sind?“
Arthur schüttelte den Kopf.
„Nister sind Wesen, die ihr Zuhause über alles lieben und die Angst vor dem freien Himmel haben. Die meisten Nister bleiben immer unter ihrem Dach.“
„...Sie gehen nie nach draußen?“, fragte Arthur ungläubig, woraufhin ihm ein Flammenkopf, der ein T-Shirt mit den verwaschenen, kaum noch zu lesenden Worten: „Natascha Nachthalls Reisen im Schatten der Nacht – Für Vampire und Nachtschatten aller Art“, trug, recht gab.
„Diese Nister hier zumindest nicht. Keiner von den fünfunddreißig Tinteaks hier ist jemals unter den freien Himmel gegangen –“
„Stattdessen durchwandern sie die vielen Räume ihres merkwürdigen Hauses. Lauschen an Wänden, drehen an Bildern, flüstern mit Statuen, das ganze Programm eben.“
„Aber genug davon, wir sind fast da.“
Das entsprach der Wahrheit. Vor ihnen lag nun die Anhöhe, die zu den Nussbäumen und dem Nebel führte und ein anfänglich nur flaues Gefühl in Arthurs Magen plusterte sich zu einer nervösen Übelkeit auf.
„Ähm, also die Sache mit dem Nebel...“, begann er angespannt, wurde aber gleich wieder unterbrochen.
„Hast das mit dem Wechseln wohl noch nicht so oft gemacht, was?“
„Tja, wir auch nicht –“
„Sind nicht dafür gemacht, unsere Köpfe sind nicht fest genug. Wir sterben, wenn wir den Nebel berühren.“
„Aber dein Kopf sieht ziemlich fest aus, du musst wohl einfach nur geradeaus durch –“
„Und auf das Beste hoffen.“
Einer der Flammenköpfe klopfte ihm kräftig auf die Schulter und Arthur bedankte sich für die Geste mit einem angespannten Lächeln.
Die Nebelstelle war noch da, aber sie war kleiner geworden und neben ihr stand ein neuer Flammenkopf. Er schwenkte ein Seil hin und her.
Die Flammenköpfe neben Arthur erklärten abwechselnd: „Das binden wir um einen von den Bäumen und um dich –“
„Dann kannst du wieder zurückfinden, falls du dich im Nebel verirrst.“
„In einem gefährlichen Bereich landest –“
„Oder deinen eigentlichen Bereich nicht finden kannst –“
Der neue Flammenkopf fing an das Seil um Arthur zu binden und Arthur merkte währenddessen, wie seine Gehirnzellen die Aussagen der Monster zu einer ziemlich schrecklichen Schlussfolgerung verknüpften. Bislang hatte er gehofft, der dichte Nebel wäre so eine Art Öffnung zwischen seiner Welt und diesem Ort hier, aber das, was die Monster gesagt hatten, klang eher so, als würde der Nebel zu einer ganzen Reihe von Orten führen.
„Na, na Schwachbein. Kein Grund so blass zu werden“, meinte der neue Flammenkopf und schob ihn vorwärts.
„Die von Oriksons Nebel-Abteilung werden dir jawohl die Grundlagen beigebracht haben –“
„Kann also fast nichts schief gehen –“
„Einfach immer geradeaus“, brummten alle Monster gleichzeitig und stießen ihn dann in die brausende Nebelmasse.
Arthur fühlte Erde in Nase und Mund, offensichtlich lag er wieder auf dem Boden, aber dieses Mal wusste er sofort warum. Der Nebel hatte ihn mitgerissen und irgendwo abgeworfen und dieses Irgendwo...
Arthur atmete erleichtert durch.
Dieses Irgendwo war zum Glück der nasse Sandweg mit seinem Fahrrad und seinem Rucksack.
Er atmete nochmal durch und drückte sich dann mit den Armen vom Sand hoch. Seine Schultern taten dabei weh und er fragte sich, ob wegen dem Nebel zu viel Druck auf seinen Körper eingewirkt hatte. Er sah zur brausenden Masse hinter sich und wurde dabei auf das Seil aufmerksam, das in einer kompliziert aussehenden Überkreuz-Weise um seine Schultern, seinen Brustkorb und seinen Bauch gewickelt war und das ihn mit dem Nebel verband. Er versuchte sich daraus zu befreien, aber im selben Moment klingelte sein Handy.
„Arth-“, Antonia schaffte es nicht mal seinen Namen zu sagen, bevor er ihr schon ins Wort fiel.
„Mir geht’s gut, keine Sorge. Aber du glaubst nicht, wo ich gerade war.“
Antonia atmete tief durch und sagte dann: „Muss ziemlich weit weg gewesen sein, ich habe gemerkt, wie du irgendwo runtergefallen bist. Wo warst du? Wo bist du jetzt?“
„Du hast es gemerkt? Jetzt echt? Was genau hast du –“
„WO BIST DU?“
„Auf einem Sandweg, ist nicht so wichtig. Ich erzähle dir alles, wenn ich in der Schule bin. Ich muss nur erst dieses Seil, warte mal –“, Arthur klemmte sich das Handy zwischen Schulter und Ohr und befreite sich mühsam aus dem Seil. Währenddessen sagte Antonia am anderen Ende, dass die Schule doch jetzt ganz egal wäre.
„Ist sie nicht“, widersprach Arthur. „Wir bekommen Zeugnisse! Da kann man nicht einfach fehlen. Wie spät ist es eigentlich?“
„Die ersten beiden Stunden sind seit fünf Minuten um. Es ist gerade Pause, du hast dein Zeugnis also noch nicht verpasst. Außerdem habe ich gesagt, dir wäre heute Morgen schlecht gewesen.“
Arthur überschlug in Gedanken, wie lange er wohl an dem anderen Ort gewesen war. „Okay, das kommt zeitlich ungefähr hin.“
Mittlerweile hatte er es geschafft, sich aus dem Seil zu befreien und nun wickelte er es um einen Baum. Die brausende Nebelstelle tauchte dabei wieder in seinem Sichtfeld auf und Arthur hoffte, dass keine Jogger oder Radfahrer auf die Idee kamen, den Nebel einfach mal anzufassen. Er sah sich suchend nach anderen Leuten um, konnte aber niemanden entdecken.
„Was kommt zeitlich ungefähr hin?“, fragte Antonia.
Arthur antwortete nicht. Ihm war aufgefallen, dass der Sandweg, auf dem er sich umsah, viel, viel schmaler war, als er ihn in Erinnerung hatte.
„Hallo?“
„Was?“, fragte er zurück. „Achso. Ich erkläre es später, bis gleich in der Schule.“ Er legte auf, hob seinen Rucksack und sein Fahrrad vom Boden und drehte dem Nebel dann den Rücken zu.
