Verlag: cbj Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Ostwind - Auf der Suche nach Morgen E-Book

Lea Schmidbauer

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Bestseller

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E-Book-Beschreibung Ostwind - Auf der Suche nach Morgen - Lea Schmidbauer

Der Frühling kommt nach Kaltenbach und Ostwinds Fohlen erobert alle Herzen im Sturm. Mika und Ora sind unzertrennlich. Doch in Maria Kaltenbach, die sich im Therapiebetrieb des Gestüts nicht gebraucht fühlt, erwacht der alte Ehrgeiz. Sie sieht das große Potenzial der jungen Stute und präsentiert sie auf einer Zuchtschau. Dort passiert etwas Schreckliches: Ora verschwindet spurlos! Als die Suche nach ihr im Sand verläuft, ist Mika am Boden zerstört und kurz davor, die Hoffnung aufzugeben. Bis Tausende Kilometer entfernt, in der Wildnis Andalusiens, ein schwarzer Hengst seine Herde verlässt und auf Petros Hacienda auftaucht. Wird Ostwind nach Kaltenbach zurückkehren – und wird es Mika und ihren Freunden gelingen, Ora zu finden?

Meinungen über das E-Book Ostwind - Auf der Suche nach Morgen - Lea Schmidbauer

E-Book-Leseprobe Ostwind - Auf der Suche nach Morgen - Lea Schmidbauer

Lea Schmidbauer

OSTWIND

Auf der Suche nach Morgen

Basierend auf Figuren und Fabel von

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

© 2016 Alias Entertainment GmbH © Ostwind-Filme: SamFilm GmbH Alle Rechte vorbehalten Satz: Frese München Covergestaltung: Astrid Reimann / artattack-design.de Fotos Cover: Tom Trambow eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-20037-4V003

/ostwindfilm

1. Kapitel

Ein riesiger silberner Vollmond tauchte die Ebene in kühles Licht, aber der Wind, der sanft durch das dürre Gras strich, war warm auf ihrer Haut. Im Schneidersitz saß sie da, hatte die Augen geschlossen und wartete. Noch war nichts zu hören, außer den Grillen und dem Rascheln des Grases. Doch dann spürte sie es. Etwas bewegte sich auf sie zu. Sie fühlte den leisen Luftzug, roch den warmen erdigen Geruch und als sie das sanfte Schnauben hörte, erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie öffnete die Augen und ihr Herz machte einen Doppelschlag, als sie das dunkle Pferd sah, das wenige Meter vor ihr stehen geblieben war. Sein schwarzes Fell war im fahlen Mondlicht kaum von der Dunkelheit zu unterscheiden, aber die goldbraunen Augen und der weiße Stern auf seiner Stirn schienen umso heller zu leuchten. Für einen Moment sahen die beiden sich an, dann streckte sie die Hand aus und das Pferd nahm ihre Bewegung auf. Es kam die letzten Schritte auf sie zu und senkte den Kopf. Behutsam tasteten die weichen Nüstern über ihren Arm und als sie ihre Stirn an seine legte, war es wieder da: Das vertraute Gefühl zweier Energien, die sich zu einer verbanden wie zwei Hälften eines Ganzen. Sie atmete tief ein und fühlte, wie … sie etwas am Ohr kitzelte.

Mika verzog das Gesicht, drehte sich um und kuschelte sich energisch tiefer in die karierte Wolldecke. Sie wollte jetzt noch nicht aufwachen! Sie hatte schließlich den ganzen Vormittag mit einem starrköpfigen Haflinger verbracht, der nur widerwillig eingesehen hatte, warum er dem mickrigen Zweibeiner, der ihm jeden Tag sein Heu brachte, erlauben sollte, auf seinen Rücken zu steigen. Jetzt war ihre Mittagspause und die hatte sie sich redlich verdient. Wieder kitzelte es, diesmal an ihrer Nase, und sie wollte den nervigen Heuhalm gerade wegschieben, als ihre Finger in etwas Wolliges griffen. Das war doch … ein schlaftrunkenes Grinsen breitete sich auf Mikas Gesicht aus, als sie weitertastete: ein flauschiges Ohr, eine kleine warme Nase.

»Ora!« Sie schlug die Augen auf und sah das schwarze Fohlen, das neben ihr stand und genüsslich lange Halme aus dem Heuballen zog, auf dem sie ihr Lager errichtet hatte. Als es seinen Namen hörte, hielt es inne, legte den Kopf schief und sah Mika fragend an. »Hey! Du hast mich geweckt!« Es sollte eigentlich streng klingen, aber wie immer konnte sie dem kleinen Pferd nicht wirklich böse sein. Ora trat einen Schritt näher und lehnte ihren Kopf an Mika, die sie liebevoll zwischen den Ohren kraulte. »Ach egal, solange du keinen Unsinn anstellst …«, doch weiter kam sie nicht, denn in diesem Moment ertönte ein gellender Schrei.

»AHHHHHHH!« Erschrocken riss Ora den Kopf hoch – und nun sah Mika den verdächtigen dunkelbraunen Bart um ihr rosa Maul. Und den schmierigen Fleck, den sie auf ihrem T-Shirt hinterlassen hatte. Alarmiert sprang sie auf. »Ihhh, was ist das? Was hast du gemacht?«

»ORAAAAAAA!!«, hallte es prompt über den Hof und zu Mikas Entsetzen erkannte sie die kräftige Stimme ihrer Großmutter. Doch Ora sah nicht aus, als hätte sie den Ernst der Lage erkannt und antwortete stattdessen mit einem fröhlichen Wiehern. Fieberhaft hielt Mika dem überraschten Fohlen das Maul zu. »Pschhht!« Aber es war zu spät, schon hörte sie, wie sich hastige Schritte dem Heu­lager näherten, in das sie sich für ihren Mittagsschlaf zurückgezogen hatte. Mika hielt den Atem an und versuchte, kein Geräusch zu machen. Noch war sie sicher, denn sie hatte sich vorsorglich hinter einer dichten Mauer aus Heuballen versteckt, doch im nächsten Moment schwand auch diese Hoffnung. Ein Kopf reckte sich über die Heumauer und Mika atmete erleichtert aus, als sie in Sams braune Augen sah. Nur verhieß sein ernster Blick nichts Gutes.

»Mann, Mika! Da bist du ja! Und wo zur Hölle ist …« In diesem Moment lockerte Mika den Griff um Oras Maul und das Fohlen stieß ein empörtes Schnauben aus. »Ora?« Sam musste grinsen. Auch er war dem Charme der kleinen Stute längst verfallen. Mika lächelte entschuldigend.

»Ich hab nur ganz kurz die Augen zugemacht, ich schwör’s. Ich dachte, Tinka passt auf.« Sam verdrehte die Augen.

»Tinka? Superidee. Die hat ja schon mit ihrem durchgeknallten Pony alle Hände voll zu tun.« Er schob sich durch den schmalen Spalt zwischen den Heuballen in Mikas Versteck und erst jetzt sah sie seinen merkwürdigen Aufzug. Seine widerspenstigen braunen Haare waren akkurat gescheitelt und er trug statt des gewohnten Karohemds einen dunklen Anzug, der ihm deutlich zu klein war. Mika musste ein Kichern unterdrücken.

»Warum siehst du aus wie ein Staubsaugervertreter?« Sams Augenbrauen zogen sich drohend zusammen.

»Weil ich im Gegensatz zu dir nicht vergessen habe, dass heute der TERMIN ist!« Mika erstarrte.

»Heute wie … heute?«

Sam nickte.

»Heute wie jetzt. Und jetzt wie in fünf Minuten. Sie sind jeden Moment da. Und dann gab es da dieses kleine Missgeschick mit der Sachertorte …«

»Oh nein!«

»Oh doch!« Er nickte in Oras Richtung, die mit Unschuldsmiene neben Mika stand und ihn aufmerksam ansah. »Frau Kaltenbach ist … wie heißt das Wort, das ich suche? Ungehalten?«

»Fuchsteufelswild?«, schlug Mika kleinlaut vor und legte eine Hand auf Oras Rücken. Wie konnte sie das nur vergessen? Seit Wochen sprach ihre Großmutter von nichts anderem als dem Besuch ihrer alten Freundin. Mika hatte jede Anekdote gehört, die die beiden in ihrer aktiven Zeit als Springreiterinnen erlebt hatten, sie kannte den Namen jedes Pferdes, den Punktestand jedes Turniers. Wie ein Feldwebel war Maria Kaltenbach in den letzten Tagen über den Gutshof gefegt, um Kaltenbach in vollem Glanz erstrahlen zu lassen. Sie hatte Mika sogar ein Kleid bestellt, in dem sie laut Fanny zwar aussah wie ein Transvestit, das ihrer Großmutter aber Tränen der Rührung in die Augen getrieben hatte. Und dieses Kleid hing jetzt unerreichbar in ihrem Schrank! Mit schreckgeweiteten Augen sah sie Sam an, der offenbar denselben Gedanken hatte und bedauernd den Kopf schüttelte.

»Vergiss es. Das schaffst du nie. Und Zuspätkommen ist schlimmer.«

Mika schluckte und sah an sich hinab. So schlimm war es nicht. Die Jeans hatte kein Loch, ihre roten Turnschuhe waren nur ein bisschen schlammig und das weiße T-Shirt hatte sie heute Morgen frisch angezogen. Nur hatte es jetzt einen tellergroßen dunkelbraunen Fleck an der Schulter, der, wie sie nun wusste, wohl von Mariannes berühmter Sachertorte herrührte.

»Oh Gott«, entfuhr es ihr unwillkürlich. Sam sah sie mitleidig an.

»Na komm, es hilft nichts. Wir müssen nur den Satansbraten irgendwo einsperren. Vor der berühmten, unvergleichlichen, hochwohlgeborenen Ingeborg Rauschenberg wird deine Oma dir sicher nicht den Kopf abreißen.« Er grinste und Mika fühlte sich sofort ein bisschen besser. »Und wenn doch, kannst du ihr ja einfach zur Ablenkung einen Staubsauger verkaufen.«

Als Mika und Sam wenig später die Terrasse betraten, thronte Maria Kaltenbach bereits am Ende des festlich gedeckten Kaffeetischs. Das Erste, das Mika sah, war die Sachertorte. Marianne hatte sich redlich bemüht, sie mit Sahneverzierung und Marzipanrosen zu retten, aber nach Oras Attacke erinnerte sie doch eher an einen Kuhfladen. Neben ihrer Großmutter saß eine hagere Frau mit grauem Dutt und Hakennase, die in ihrer hochgeschlossenen grünen Seidenbluse ein bisschen aussah wie ein Habicht auf einem Jagdausflug. Kleinlaut schob Mika sich neben Sam an den freien Platz am Tisch und versuchte ein Lächeln in Richtung ihrer Großmutter. Doch die warf ihr nur einen kurzen Blick zu, der gereicht hätte, die Hölle gefrieren zu lassen und wandte sich dann wieder der Habichtfrau zu, die so laut sprach, als wäre Maria Kaltenbach schwer­hörig.

»… und mit Persephone haben wir letztes Jahr in ­Aachen gewonnen, 23 Sekunden, fehlerfrei. Ich habe einfach einen Blick für gutes Genmaterial, und das sage ich in aller Bescheidenheit.« Der dickliche Mann, der neben ihr saß, nickte Mika und Sam freundlich zu.

»Das sagst du, wie immer, ohne alle Bescheidenheit, Liebste«, sagte er dann gutmütig und fügte hinzu: »Aber es stimmt. Es lief gut für uns in der letzten Saison. Wie sieht es denn bei dir aus, Maria? Ach … ist das deine berühmte Enkelin? Man hat ja schon einiges von ihr gehört!« Die hagere Frau schien die Neuankömmlinge erst jetzt zu bemerken. Sie drehte den Kopf und lächelte erwartungsvoll – für ungefähr eine halbe Sekunde. Offenbar hatte sie etwas ganz anderes erwartet als ein schlaksiges Mädchen mit wilden roten Haaren und einem fleckigen T-Shirt. Ihr Lächeln wurde deutlich schmaler. Maria räusperte sich.

»Ja, das ist Mika. Wir sind alle sehr stolz auf sie.«

»Viel gehört, ja, ja«, echote sie und sah Maria Kaltenbach mitfühlend an.

»Sie hat ein außergewöhnliches Talent.« Ingeborg legte ihre knochige Hand wohlwollend auf Marias.

»Natürlich von dir. Wie gesagt, gute Gene …« Sie wandte sich an Mika. »Und, wie sieht dein Turnierplan aus in diesem Jahr? Springen oder Dressur, ich habe das nicht genau mitbekommen?«

Mika lächelte. »Weder noch.« Die buschigen Brauen des Habichtgesichts zogen sich zusammen.

»Ach, wie enttäuschend. Dann Military? Vielseitigkeit vielleicht?« Mika schüttelte den Kopf und sah die Frau her­ausfordernd an.

»Nein. Und ich finde auch …« In diesem Moment spürte sie einen schmerzhaften Tritt gegen ihr Schienbein und Sam neben ihr hustete.

»Mika beschäftigt sich mehr mit … alternativen Methoden«, fiel er schnell ein. »Wir haben den Betrieb letztes Jahr umgestellt und arbeiten mit schwierigen und traumatisierten Pferden.«

Ingeborg sah ehrlich ratlos aus und wandte sich an Maria. »Was? DU trainierst nicht mehr?« Maria Kaltenbach schüttelte würdevoll den Kopf.

»Nein.«

»Dann züchtest du also? Eine gute Entscheidung! Der Name Kaltenbach ist doch immer noch ein Begriff. Und hast du nicht diesen Hengst gekauft? Aus Hallas Nachzucht? Ich würde meinen linken Arm für so ein Tier geben! Diese Gene!« Sie sah Maria erwartungsvoll an.

Mika senkte den Kopf. Sie wusste, was nun kommen würde. Ihre Großmutter hatte sich zwar alle Mühe gegeben, zu verstehen, warum Mika Ostwind in Andalusien freigelassen hatte – aber sie war doch nur schwer über den Verlust ihres wertvollsten Pferdes hinweggekommen. Und das führte immer wieder zu Streit und Vorwürfen.

Doch zu ihrem Glück war Ingeborg die Sorte Mensch, die am liebsten selber redete und so konnte Maria nur ein schwaches »Ja, Ostwind« erwidern, bevor Ingeborg wie ein Wasserfall weiterblubberte: »Ostwind, richtig! Ein etwas schlichter Name, aber gut. Mein Gott! Das bringt mich auf eine Idee! Wir sind just auf dem Weg zur Landeszuchtschau. Die haben dieses Jahr eine Sonderausstellung für Nachfahren berühmter Pferde. Und, wenn ich das in aller Bescheidenheit sagen darf, ich rechne mir mit Starlight Princess Chancen aus. Sie ist immerhin die Großnichte zweiten Grades von Retina Z!«

Mikas Ohren dröhnten, denn Ingeborgs laute Stimme hatte sich vor Enthusiasmus zu einem ausgewachsenen Brüllen gesteigert, das die Niagarafälle mühelos übertönt hätte. Für einen Moment sagte niemand etwas.

»Du musst kommen und Ostwind zeigen«, schrie Ingeborg in die Stille und Maria zuckte zusammen.

»Das ist eine schöne Idee. Aber leider unmöglich«, sagte sie schließlich leise und sah Mika dabei nicht an. Doch ihre alte Freundin war nicht zu bremsen.

»Wieso ist das unmöglich? Ich kenne den Showleiter und wenn ich ihm sage, niemand Geringerer als Maria Kaltenbach zeigt einen Hengst, dann – Ahhhhh! Hilfe!« Ingeborg war plötzlich aufgesprungen und schlug wild um sich. Alle am Tisch sahen sich verwirrt an, bis sie zur Seite sprang. Und den Blick freigab auf ein kleines schwarzes Fohlen, das mit einem Fetzen im Maul munter davontrabte. Ingeborg drehte sich um ihre eigene Achse und nun sah man, dass auf dem Rücken ihrer zartgrünen Seidenbluse ein großes Loch klaffte. Sam schoss hoch.

»Verdammt! Ich hatte sie eingesperrt, wirklich Frau Kaltenbach!« Und damit rannte er los, hinter der kleinen Stute her, die nun, da endlich jemand mit ihr Fangen spielte, begeistert in schwungvollen Galopp verfiel. Am Hoftor blieb sie stehen, schüttelte den erbeuteten Stofffetzen, doch kurz bevor Sam sie erreichte, drehte sie um und galoppierte in die andere Richtung. Sprachlos sah die Tischgesellschaft dem ungleichen Wettrennen zu.

»Oraaa!« Mikas warme Stimme hallte über den Hof und die kleine Stute blieb prompt stehen. Sie drehte den Kopf, sah Mika an und ihre pelzigen Ohren zuckten aufmerksam, als wollte sie sagen: »Ja? Was ist?« Atemlos kam Sam bei ihr an und nahm ihr behutsam den Seidenfetzen aus dem Maul. Als er mit dem Fohlen bei Fuß zurück zum Tisch kam, hatten sich alle wieder gesetzt. Kleinlaut reichte Sam Ingeborg das fehlende Stück ihrer Bluse. »Entschuldigung«, murmelte er und sank erschöpft auf seinen Stuhl. Und als sei nichts gewesen, trottete Ora zu Mika, legte den Kopf auf ihre Schulter und sah interessiert in die betretene Runde. Maria Kaltenbach ließ den Kopf sinken und selbst Ingeborg hatte es für den Augenblick die Sprache verschlagen. Nur ihr dicklicher Ehemann hatte ein anerkennendes Lächeln auf den Lippen.

»Also, wenn ich etwas sagen darf? In aller Bescheidenheit, dieses Fohlen hat den spektakulärsten Galopp, den ich seit Langem gesehen habe! Und jetzt hätte ich gerne ein Stück dieser sehr interessanten Torte.«

Herr Kaan schaukelte friedlich in seiner Hängematte, als Mika mit Ora an ihrer Seite neben ihm auftauchte.

»Na, ihr zwei? Ist der alte Habicht endlich weg?«, sagte er, ohne die Augen zu öffnen und Mika fragte sich einmal mehr, wie er das machte. Sie kletterte auf den niedrigen Ast der Trauerweide, unter der Herr Kaan seine geliebte Hängematte aufgespannt hatte, und umschlang mit ihren langen Armen ihre Knie. Ora stupste Herrn Kaan neugierig an und versetzte ihn damit in sanfte Schwingungen.

»Ich weiß nicht. Ich wurde … entschuldigt. Es gab einen Zwischenfall.« Herr Kaan lächelte.

»Handtasche oder Porzellan?« Mika grinste.

»Sachertorte und Seidenbluse. Aber das war es nicht. Also nicht nur. Es ist immer …«

»Ostwind«, vollendete Herr Kaan ihren Satz. »Ich weiß. Es ist einfach schwer für sie.« Mika runzelte trotzig die Stirn und rupfte ein paar silbrige Blätter von einem Ast.

»Wieso ist das schwer für sie? Sie hat ihn doch nie wirklich gemocht. Wenn es für jemanden schwer ist, dann für mich«, fügte sie leise hinzu. Herr Kaan sah sie überrascht an.

»Ist es das? Schwer für dich?« Sie zuckte die Schultern.

»Ich vermisse ihn jeden Tag. Aber ich weiß, dass es das Richtige war. Und es ihm gut geht.«

»Du träumst von ihm?« Es war keine echte Frage, sondern eher eine Feststellung. Mika sah nun ihrerseits überrascht auf. Herr Kaan und sie sprachen wenig über ihre Gabe, wie er es nannte. Er wusste, dass Mika es immer noch nicht leicht fand, zu akzeptieren, dass sie etwas Besonderes war. Seit ihrer Rückkehr aus Spanien vor sechs Monaten, hatten sie über Ostwind auch nur wenig gesprochen. Herr Kaan war einer der wenigen, der verstand, warum sie tun musste, was sie getan hatte: ihn freizulassen. Doch jetzt nickte sie. Und als ihr auffiel, dass Herr Kaan die Augen wieder geschlossen hatte, fügte sie ein knappes »Ja« hinzu.

»Ihr habt eben eine starke Verbindung«, stellte er fest und Mika fühlte, wie ihr Herz warm wurde. Es tat gut, über Ostwind zu reden und es tat gut, wenn es dabei ausnahmsweise keine Vorwürfe hagelte.

»Und Sie klingen manchmal wie das grüne Männchen aus Star Wars«, sagte sie und grinste schelmisch ihrem alten Meister zu.

»Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet – aber ich nehme es als Kompliment«, kam es ruhig zurück. Mikas Blick fiel auf Ora, die angefangen hatte, das saftige Gras unter dem lichtgrünen Dach der Trauerweide zu rupfen. Auch wenn sie es nicht zugab, war es vor allem Ostwinds Tochter, die ihr half, die Trennung von ihrem Pferd zu verkraften. Mika lehnte sich zurück an den mächtigen Stamm und lächelte liebevoll auf das flauschige schwarze Tier hinab.

»Brav. Ausnahmsweise benimmst du dich mal wie ein Pferd«, sagte sie und schloss ebenfalls die Augen. Doch schon wenige Minuten später öffnete sie sie wieder, denn ein Gedanke ließ ihr keine Ruhe. »Als Sie vorhin gesagt ­haben, es ist schwer für Oma, haben Sie gar nicht Ostwind gemeint, oder?« Herr Kaan öffnete die Augen und sah sie an.

»Nein. Ich meinte, es ist schwer für sie, loszulassen.« Mika setzte sich auf.

»Was muss sie denn bitte loslassen? Kaltenbach geht es doch gut, auch ohne Ostwind.« Der alte Mann schüttelte den Kopf.

»Die Vergangenheit, Mika. Sie kann die Vergangenheit nicht loslassen. Das Therapiezentrum ist die Zukunft, das weiß sie – und du bist die Zukunft. Aber sie hat ihr ganzes Leben mit Pferden gearbeitet und jetzt wird sie nicht mehr gebraucht.«

»Quatsch! Natürlich wird sie gebraucht. Sie macht die Termine und redet mit den Leuten und bestellt das Futter und …« Mika stockte, als sie die Erkenntnis traf. Ihre Augen wurden groß. »Sie macht nichts mehr mit den Pferden.«

Vor ihrem inneren Auge tauchte das vertraute Bild ihrer Großmutter in der Mitte des Reitplatzes auf. Es war als höre sie ihre kräftige Stimme, mit der sie ihren verzweifelten Reitschülern unermüdlich Anweisungen zurief. Sie sah das kaum merkliche Lächeln, das ihre Lippen umspielte, wenn etwas gelang und sie zufrieden war. So hatte sie Maria Kaltenbach vor zwei Jahren kennengelernt und so hatte ihre Großmutter ihr halbes Leben verbracht. Doch seit aus Kaltenbach ein Therapiezentrum geworden war, war sie aus dem Stall und vom Reitplatz verschwunden. Sam, Milan, Herr Kaan und allen voran Mika erledigten die Arbeit mit den Pferden. Ungläubig schüttelte Mika den Kopf.

»Aber sie könnte doch auch … irgendwas machen? Vielleicht Bodenarbeit?« Noch während sie ihn aussprach, wurde ihr klar, wie absurd dieser Gedanke war. Die Pferde, die nach Kaltenbach kamen, hatten verletzte Seelen und würden vor Angst wahrscheinlich die Bande hinaufklettern, sobald Maria Kaltenbach mit ihrem preußischen Stechschritt die Halle betrat. Herr Kaan konnte Mikas Gedanken offensichtlich an ihrem Gesichtsausdruck ablesen, denn er nickte zustimmend.

»Genau. Ihr Leben ist der Sport. Oder die Zucht. Und egal wie gering die Hoffnung war – mit Ostwinds Freilassung ist der letzte Funke davon erloschen.« Betroffen betrachtete Mika ihre Fußspitzen.

»Sie hat nie irgendwas gesagt. Und jetzt hat diese komische Frau, die aussieht wie ein abgemagerter Raubvogel, mit ihrem Gequatsche von Turnieren und Ausstellungen und Genen alles noch schlimmer gemacht!« Frustriert sprang Mika von ihrem Ast. »Ich glaube, ich muss mit ihr reden.« Herr Kaan schwang ebenfalls die Beine über den Rand seiner Hängematte.

»Tu das. Reden ist immer eine gute Idee«, sagte er und sah sich zerstreut auf dem Boden um. »Wo ist eigentlich mein zweiter Schuh?« Und dann sahen die beiden erst sich an – und dann Ora, die mit angelegten Ohren und entschlossenem Gesichtsausdruck hinter ihnen stand und sie mit unverkennbarem Stolz ansah. Ein abgewetzter Lederschuh hing quer in ihrem kleinen Maul. Herr Kaan, den sonst wenig aus der Ruhe brachte, entfuhr ein entrüsteter Schrei. Er machte einen Schritt auf das Fohlen zu – was Ora als klare Aufforderung deutete und mit freudigen Bocksprüngen über die große Koppel davonschoss. Mika biss sich auf die Lippe und lächelte Herrn Kaan kleinlaut an. »Sie will wirklich nur spielen.«

»Dann los – und bring mir bitte meinen Schuh«, knurrte der alte Mann und ging, so würdevoll es mit nur einem Schuh möglich war, in Richtung seines Wohnwagens davon.

Mika stand für einen Moment da und sah ihm nach. Dann drehte sie sich um und blickte direkt in Oras unschuldiges Fohlengesicht. Die kleine Stute hielt ganz still und sah sie aufmerksam an, nur der kleine Puschelschweif schlug erwartungsvoll hin und her. Mika nahm ihr den braunen Mokassin aus dem Maul und stellte ihn vorsorglich auf einen unerreichbaren Ast der alten Weide. Sie sah auf die Uhr. »Wir haben noch eine halbe Stunde. Was schlägst du vor?« Ora legte den Kopf schief. Mika tat es ihr gleich. Dann grinste sie. »Ich bin für … fang das Fohlen!« Und als hätte Ora genau dasselbe gedacht, stieß sie ein jauchzendes Wiehern aus, vollführte eine kleine Schraube in der Luft und zusammen jagten sie hinaus auf die grüne Wiese.

2. Kapitel

Die Sonne stand schon tief am Himmel, als Mika durch die große Hofeinfahrt zurück nach Kaltenbach kam. Ihr Gesicht war gerötet und ihr Herzschlag von der wilden Jagd beschleunigt. Ora trottete müde an ihrer Seite und wie immer lag Mikas Hand locker auf dem warmen Rücken des Fohlens. Sie sah sich um und stellte erleichtert fest, dass auf dem Parkplatz nur noch der alte Jeep des Gestüts stand.

»Keine Sorge, die Luft ist rein«, bestätigte eine Stimme hinter ihr. Mika drehte sich um und vor ihr stand Sam, der wieder aussah wie er selbst, mit seiner speckigen Lederschürze. Er hielt an einem Strick Hugo, das gewaltige Shire Horse, das mit hängenden Ohren und traurigem Gesicht neben ihm stand.

»Ah! Der Schmied ist da«, schlussfolgerte Mika und kraulte das riesige Ross liebevoll unter dem Kinn. »Armer Hugo.« Sam grinste.

»Ja. Er wird wohl nie verstehen, dass es als stolzes Kaltblut unter seiner Würde ist, sich vor dem Hufschmied zu fürchten.«

»Oder vor Schubkarren. Oder Fahrrädern. Oder gruseligen Hühnern«, ergänzte Mika lachend. Dann wurde sie wieder ernst. »Sam, meinst du, Oma ist immer noch sauer auf mich?« Sam zuckte die Schultern.

»Na ja, sie hat sich so lange auf diesen Besuch gefreut und dann lief es, milde ausgedrückt, nicht optimal.« Mika sah betreten zu Boden.

»Manchmal hab ich das Gefühl, dass ich sie immer enttäusche, egal was ich mache.« Sam boxte sie aufmunternd in die Schulter.

»Quatsch! Du hast Kaltenbach gerettet, das darfst du nicht vergessen. Okay, du hast ein eine halbe Million teures Springpferd in der spanischen Wildnis zurückgelassen, aber das kann ja mal passieren.« Er grinste Mika an, doch die sah immer noch zu Boden. »Hey, das war’n Witz. Jetzt mach dir mal keine Sorgen. Es war ja noch ganz nett. Der dicke Mann konnte sich wegen Ora gar nicht einkriegen. Wollte alles über ihre Abstammung wissen und hat immer wieder gesagt, dass man sie unbedingt auf dieser Ausstellung zeigen sollte.« Mika hob den Kopf.

»Ora?« Sie sahen beide das Fohlen an, das gerade zärtlich an Hugos kugelrundem Bauch knabberte, was das mächtige Kutschpferd für den Moment sein bevorstehendes Martyrium vergessen ließ. Sam zuckte die Schultern.

»Na ja, 34 war ja auch ein ziemlich schönes Pferd. Ich hab das auch nie so gesehen, aber wenn man mal darauf achtet … sie ist wirklich außergewöhnlich.«

»Hm«, murmelte Mika vage. Sie verstand nicht warum, aber sie fühlte eine seltsame Unruhe in sich aufsteigen. Doch ehe sie diesem Gefühl weiter nachspüren konnte, drang ein vertrautes Geräusch aus dem Fenster über ihren Köpfen an ihr Ohr. Ein melodischer Dreiklang, der verkündete, dass auf dem Laptop in ihrem Zimmer gerade ein Videoanruf einging. Sam hörte es auch und seine Miene verdüsterte sich.

»Sieh an, da wird wohl dein Typ verlangt«, sagte er und es klang ungewohnt schnippisch. Mika rollte innerlich mit den Augen. Äußerlich jedoch setzte sie ein beruhigendes Lächeln auf.

»Das ist nur Milan, nicht Fanny.«

»Ach so. Na dann, grüß ihn. Und sag ihm, ich habe gestern den Roundpen in 45 Sekunden abgemistet. Damit ist sein Rekord im Eimer«, plapperte Sam hastig, um seine Erleichterung zu verbergen. »Geh schon, ich füttere Ora und bring sie nachher zu Archi auf die Koppel, okay?« Diesmal boxte Mika ihn liebevoll in die Schulter.

»Danke! Du bist der Beste.« Sam nickte traurig.

»Wenn du das sagst«, murmelte er, dann nahm er Ora am Halfter und stapfte mit ihr und Hugo davon.

Der Videoanruf klingelte immer noch, als Mika zwei Stufen auf einmal die breite Treppe des Gutshauses hochsprang. Ihr Herz schlug schneller bei dem Gedanken, Milan zu sehen. Er war schon eine Woche weg und es kam Mika vor wie eine halbe Ewigkeit. Sie rannte über den knarzenden Holzboden des Flurs zu ihrem Zimmer, stieß die Tür auf und hechtete über das Chaos aus Klamotten, Büchern und Schuhen zu ihrem Computer wie ein Torwart beim Elfmeter. Der dunkle Bildschirm erwachte zum Leben – und da war Milans lachendes Gesicht. Es war zwar verzerrt und etwas unscharf, aber die dunklen Locken und das schiefe Grinsen waren unverkennbar.

»1:44 Minuten. Nicht schlecht, Babe.« Mika rückte den Stuhl heran, ließ sich vor dem Laptop nieder und zog eine Augenbraue hoch.

»Babe? Ernsthaft?«

Milan nickte.

»Jep. Das sagt man hier so. Howdy, Babe.« Er griff neben sich und setzte schwungvoll einen Cowboyhut auf, der ihm allerdings zu groß war und gleich vor die Augen rutschte. Lachend schob er ihn auf den Hinterkopf. »Muss ich wohl noch üben. Aber den habe ich heute geschenkt bekommen. Vom Kursleiter. Bin jetzt offiziell Cowboy.«

Mika lachte. Sie vermisste ihren Freund zwar, aber genauso freute sie sich auch. Und war stolz auf ihn. Er hatte die Reise in die USA gewonnen, weil er die Ausbildung zum Pferdewirt als Bester seines Jahrgangs bestanden hatte, und nun durfte er drei Wochen lang auf einer großen Pferderanch in Arizona lernen, wie man Mustangs zuritt.

»Und wie sieht’s bei euch aus? Wie geht’s Tunichtgut?«

»Bestens. Wir hatten heute eine eher mittlere Bilanz.« Milans Lächeln wurde breiter. Nachdem sein Pferd 34, Oras Mutter, letztes Jahr gestorben war, hatten sie das verwaiste Fohlen gemeinsam mit der Flasche aufgezogen, und er hing mindestens genauso an der kleinen Stute wie Mika.

»Lass mich raten … hm, Ausbruch aus dem Paddock, Möh­rendiebstahl und wahrscheinlich hat sie wieder den ar­men dreibeinigen Kater gejagt.« Mika schüttelte den Kopf.

»Fast. Ausbruch stimmt. Aber dann war es eher Sachertorten-Diebstahl und Seidenblusen-Attacke.« Milans Gesicht wurde ernst.

»Ups. Das wird deiner Großmutter aber nicht gefallen haben.« Mika schüttelte den Kopf. »Hat es auch nicht. Sie war ziemlich sauer. Und ich habe das Gefühl, dass ich es irgendwie wiedergutmachen muss«, fügte sie hinzu und war im gleichen Augenblick überrascht von dieser Erkenntnis. Milan schien ihren Gedanken nicht folgen zu können.

»Du meinst, du willst ihr ne Sachertorte backen? Sei mir nicht böse, Mika, aber ich weiß nicht, ob das irgendwas wiedergutmachen würde. Ich erinnere mich da an meinen Geburtstagskuchen, der war eher …« Doch Mika hörte nur noch halb zu. In ihr kämpften gerade zwei Seiten und diesen Kampf kannte sie nur zu gut: Sie wusste, dass sie ihre Großmutter enttäuscht hatte, aber sie wusste auch, dass sie ihrem Gefühl nach das Richtige getan hatte.

»Mika? Bist du noch da?«, kam es aus dem Laptop und Mika schüttelte sich energisch aus dem Gedankenkreisel.

»Ja, sorry. Bin da.«

»Schon gut. Ich muss nur leider los, hier warten noch drei andere Jungs auf den Computer. Und morgen reiten wir für ein paar Tage ins Reservat. Ich weiß also nicht, wann ich wieder anrufen kann«, sagte Milan sanft und Mika schluckte.

»Ich vermiss dich«, murmelte sie leise und Milan lä­chelte.

»Ich dich auch. Und Tunichtgut. Und Sam. Und Kaltenbach. Aber in zwei Wochen bin ich wieder da und bis dahin wird ja wohl nichts Weltbewegendes passieren.« Mika schüttelte den Kopf.

»Nein. Wir haben heute Morgen den letzten Patienten gehabt und jetzt ist für eine Woche Ruhepause. Wobei, Ruhe ist mit Ora natürlich relativ …« Auf Milans Seite waren missmutige Stimmen zu hören und es knisterte laut in der Leitung.

»Okay, okay. Ich muss aufhören. Hab dich lieb.«

»Ich hab dich auch lieb … Babe«, sagte Mika – doch Milan war bereits verschwunden. Sie seufzte.

»Und ich hab dich erst lieb!«, kam plötzlich eine geisterhafte Stimme aus dem Laptop und Mika stieß einen erschrockenen Schrei aus. Dann tauchte Fannys Gesicht auf dem Bildschirm auf, wo eben noch Milan gewesen war. »Babe? Ernsthaft?« Fanny sah Mika belustigt an.

»Mann, hast du mich erschreckt«, schimpfte die und musste dann doch lachen.

»Entschuldige die Störung. Ich wollte mich nur in Erinnerung bringen: Fanny? Ein Meter dreiundsechzig, blond, Locken? Wir kennen uns aus dem Kindergarten?« Mika blickte gespielt nachdenklich in die Kamera.

»Fanny, Fanny, hm, nee, tut mir leid.«

»Ich hab dein Zeugnis angezündet? Klingelt’s jetzt?«

»Ach, DIE Fanny. Mein Gott! Sag das doch gleich.« Auf dem Bildschirm winkte Fanny ihr gutmütig zu.

»Okay, dann hätten wir das ja geklärt. Und jetzt die eigentliche Frage: Wann kommst du endlich?«

Mika ließ ihren Kopf hängen.

»Nein, nein, nein! Nicht das mit dem Kopf!«, kam es prompt zurück. »Ich seh dich, schon vergessen?«

Mika hob den Kopf. »Du weißt doch, dass ich nicht weg kann. Ora ist noch so klein und …« Auf der anderen Seite hob Fanny müde die Hand.

»Ja, ich weiß. Wobei ich immer noch Zweifel habe, ob das mal ein Pferd wird. Für mich ist das ne Mischung aus Hund, Schimpanse und nem Fünfjährigen mit Verhaltensproblemen.« Mika lachte.

»Also bitte. Das ist ein Topfohlen mit spektakulären Gängen und einer Super-Abstammung!« Es sollte lustig klingen, aber irgendwie hatte sich ein scharfer Ton in ihre Stimme gemogelt. Fanny runzelte die Stirn.

»Ok…ay!«

»Was denn?«

»Na, das klang jetzt eben überhaupt nicht nach dir.« Das war typisch Fanny. Sie konnte über alles Witze machen, aber sie merkte sofort, wenn Mika etwas bedrückte. »Was ist los?«, fragte sie ruhig.

»Nichts!« Mika schob trotzig ihr Kinn vor und vergaß erneut, dass Fanny sie sehen konnte.

»Genau.«

»Ach«, entfuhr es ihr endlich. Wieder ließ sie den Kopf hängen – und diesmal sagte Fanny nichts dazu. Und dann brach es aus ihr heraus: »Es ist Oma. Sie ist immer noch sauer wegen Ostwind und jetzt waren diese Leute da, von früher, und haben ihr vorgeschlagen, ihn auf so einer Zuchtschau zu zeigen. Und das geht ja nicht. Und ich glaube, sie ist unglücklich, weil sie nicht mehr die große Maria Kaltenbach ist, sondern nur noch Maria Kaltenbach. Und das ist meine Schuld.« Fanny schwieg einen Moment und wartete, ob Mika fertig war. »Und zu guter Letzt hat Ora ihrer berühmten Reiterfreundin Ingeborg ein Loch in die Bluse gerupft«, endete sie kleinlaut und sah wieder auf.

Fanny nickte nachdenklich. »Sag ich ja. Schimpanse. Aber jetzt mal ernsthaft: Vielleicht braucht deine Oma einfach mal wieder ein Erfolgserlebnis. Du könntest doch ­einen Ausflug mit ihr machen, so wie damals, als ihr zu diesem Springturnier gefahren seid.« Mika runzelte die Stirn.

»Meinst du, das würde sie aufmuntern?«

»Na klar!«, schoss Fanny zurück. »Sie hat damals mindestens zwei Wochen von nichts anderem mehr geredet. Es war ganz schrecklich! Aber sie war eben mal sowas wie ein Star in dieser komischen Pferdewelt – und vielleicht muss sie sich daran einfach manchmal erinnern.« Mika dachte nach. Ihr wurde zwar ganz anders bei der Vorstellung, einen ganzen Tag mit ihrer Großmutter auf irgendeinem langweiligen Turnier zu verbringen, aber wenn sie ihr damit eine Freude machen konnte … Sie ballte entschlossen die Hand zur Faust.

»Du bist genial, Fanny, weißt du das?« Ihre Freundin nickte frustriert.

»Ja, ja, das weiß ich. Vor allem aber bin ich beste-Freundin-los und echt gelangweilt! Kannst du nicht doch ein paar Tage in die Stadt kommen? Ich würde ja sofort nach Kaltenbach fahren, aber du weißt ja … die Stallburschen-Situation …«

Mika atmete lang aus. Ja, sie kannte die Stallburschen-Situation, und es nervte sie ungemein, dass ihre beiden besten Freunde sich momentan benahmen wie zwei alberne Teenager. Okay, streng genommen waren sie Teenager, aber trotzdem. Fanny schien Mikas Gedanken zu lesen, denn sie fügte rasch hinzu.

»Ich hab ihm gesagt, wir können Freunde bleiben, aber er schaut mich immer nur an wie ein angefahrenes Reh und … ich bin 17! Ich will noch was erleben! Ich bin noch nicht bereit, zum Heiraten und Kinderkriegen und Zusammen-Altwerden!«

»Ähhh«, machte Mika und Fanny, merkte, dass sie wohl übers Ziel hinausgeschossen war.

»Okay, von Heiraten und Kinderkriegen und Altwerden war nie die Rede – aber du weißt, was ich meine«, sagte sie trotzig. Mika lächelte ihre Freundin an.

»Ich weiß nur, dass er dich echt mag und du ihn und dass ihr das bitte bald hinkriegt, damit wir alle zusammen alt werden können, okay?«