Our Last Resort - Teilst du dein Zimmer mit einem Mörder? - Clémence Michallon - E-Book

Our Last Resort - Teilst du dein Zimmer mit einem Mörder? E-Book

Clémence Michallon

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Beschreibung

Ein abgelegenes Luxus-Resort. Ein glückliches Wiedersehen. Ein brutaler Mord … Der neue packende Psychothriller von SPIEGEL-Bestsellerautorin Clémence Michallon.

Ein abgelegenes Luxus-Resort mitten in der Wüste von Utah: Die Geschwister Frida und Gabriel hoffen auf ein paar erholsame Tage. Und es fühlt sich tatsächlich an wie im Paradies – bis die Leiche einer jungen Frau gefunden wird. Als der Verdacht auf Gabriel fällt, wird Frida mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Denn es ist nicht das erste Mal, dass ihr Bruder des Mordes verdächtigt wird. Frida hat immer an seine Unschuld geglaubt, doch jetzt kann selbst sie die Beweise, die sich gegen ihn häufen, nicht mehr ignorieren. Sollte sie sich wirklich so sehr in ihrem Bruder getäuscht haben?

Lesen Sie auch Clémence Michallons nervenzerreißenden SPIEGEL-Bestseller »Das Gästezimmer«!

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Seitenzahl: 413

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Buch

Ein abgelegenes Luxus-Resort mitten in der Wüste von Utah: Die Geschwister Frida und Gabriel hoffen auf ein paar erholsame Tage. Und es fühlt sich tatsächlich an wie im Paradies – bis die Leiche einer jungen Frau gefunden wird. Als der Verdacht auf Gabriel fällt, wird Frida mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Denn es ist nicht das erste Mal, dass ihr Bruder des Mordes verdächtigt wird. Frida hat immer an seine Unschuld geglaubt, doch jetzt kann selbst sie die Beweise, die sich gegen ihn häufen, nicht mehr ignorieren. Sollte sie sich wirklich so sehr in ihrem Bruder getäuscht haben?

Autorin

Clémence Michallon wuchs in der Nähe von Paris auf. Sie hat Journalismus studiert und schreibt seit 2018 für die renommierte britische Tageszeitung The Independent, wobei ihre Artikel die Themen True Crime, Literatur und Starkultur umfassen. Ihre Zeit teilt sie zwischen zwei Wohnorten auf: New York City und Rhinebeck, NY. Nach ihrem Debütroman Das Gästezimmer, dessen Rechte in 30 Länder verkauft wurden, erscheint jetzt ihr neuer Psychothriller Our Last Resort bei Blanvalet.

Von Clémence Michallon bereits erschienen

Das Gästezimmer

Clémence Michallon

Our Last Resort

Teilst du dein Zimmer mit einem Mörder?

Psychothriller

Deutsch von Urban Hofstetter

Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel »Our Last Resort« bei Alfred A. Knopf, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright der Originalausgabe © 2025 bei Clémence Michallon

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2026 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Frauke Meier

Covergestaltung: © punchdesign

Covermotiv: © Adobe Stock (Hendrik Schwartz, Jason, pomphotothailand)

JaB · Herstellung: AnG

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-34068-1V001

www.blanvalet.de

Wieder für Tylerund für die Leser

War ich nicht die ganze Welt, und würde das Universum nicht zerfallen, wenn ich mal nicht mehr war?

Émile Zola, Der Tod von Olivier Bécaille

Man sitzt auf einer Sanddüne. Man sieht nichts. Man hört nichts. Doch etwas leuchtet in der Stille …

Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz

1Escalante, Utah

Die vierte Nacht

Manchmal macht sich echte Freude in mir breit.

Ich merke es.

Vor Jahren ist die Welt um mich herum völlig aus den Fugen geraten. Mein Gehirn hat sich neu verdrahtet, um mich zu beschützen. Sieh nach, ob die Tür verriegelt ist, bevor du dich schlafen legst, sagt es mir. Einmal, zweimal, dreimal. Sperr die Tür auf, um sicherzugehen, dass sie wirklich verschlossen war. Dann verriegele sie erneut.

Schau durch den Türspion. Überprüfe, ob der Ofen ausgeschaltet ist. Geht es dem Hund gut? Atmet er? Es spielt keine Rolle, dass du das schon gecheckt hast. Mach es noch einmal.

Ich bin immer nervös. Meine Welt gleicht einer Puppenstube. Ich weiß, wo alles ist, wie alles funktioniert. Es gibt keine Überraschungen.

Was die Ausnahmen umso bemerkenswerter macht. Glück sprießt an den unwahrscheinlichsten Orten – grüner Efeu, der sich um einen Stacheldraht rankt, Blumen, die im Gras auf einem flachen Grab erblühen.

Oder auch genau hier. Gabriel schläft in unserer gemeinsamen Suite, ich sitze auf der dazugehörigen Terrasse, über mir der Wüstenhimmel.

In ein paar Stunden wird der Tag anbrechen. Das Hotel, unsere unwirklich erscheinende Oase aus geraden Linien und moderner Architektur, wird mit Sonnenlicht durchflutet sein, die Luft mit morgendlichen Gerüchen geschwängert – mit intensivem Kaffeearoma, frisch aufgelegtem Parfüm und dem süßen Duft von Sonnencreme.

Doch noch ist alles ruhig, gehört alles mir. Das ist das Privileg der Schlaflosen.

Ich greife in die Tasche meines Hoodies, ziehe eine Zigarette aus der Schachtel und betätige das Feuerzeug. Leer. Ich zögere kurz, dann verwende ich stattdessen den vom Hotel bereitgestellten Kaminanzünder.

Ich nehme den ersten Zug. Ein Windstoß fährt unter den Saum meiner Shorts und hebt die drei weißen Streifen an.

Ich bin nicht allein, wird mir siedend heiß bewusst.

Zwei Stimmen durchdringen die nächtliche Stille.

Ich kenne sie. In den letzten vier Tagen habe ich sie immer wieder gehört, leise an- und abschwellend im Spa und kurz angebunden beim Abendessen.

Die junge Frau und ihr alter Ehemann.

An unserem ersten Tag habe ich die beiden am Pool erkannt, weil ich letztes Jahr eine Reportage über sie in 60 Minutes gesehen habe. Fast alles, was ich über die Welt weiß, habe ich aus dem Fernsehen.

Ich habe Gabriel den Ellbogen in die Rippen gebohrt. »Schau, das ist William Brenner.« Der Name sagte ihm nichts. »Ihm gehört eine große Boulevardzeitung«, habe ich ihm erklärt. »Er ist reich. Ich glaube, das ist seine dritte Ehefrau.«

Was für ein Paar.

Obwohl Sabrina Brenner noch keine dreißig ist, hat sie sich die Haut bereits mit Injektionen straffen lassen. Ihre langen Haare schimmern platinblond. Alles an ihr wirkt zierlich und lebhaft. Ein süßer Parfümduft umweht sie, der mich an die anheimelnden Zucker- und Vanillearomen auf Volksfesten erinnert.

Und dahinter ihr gedrungener Ehemann. William Brenner strahlt von seiner glänzenden Glatze bis zu den professionell polierten Halbschuhen draufgängerisches Selbstvertrauen aus. Er hat auch das dazu passende verschmitzte Lächeln eines Mannes, dem es noch nie an weiblicher Begleitung gemangelt hat. Der weiß, dass er zwar nicht gut aussieht, aber dafür über Charme verfügt, mit dessen Hilfe er alles erreicht, was er will.

In dem 60-Minutes-Beitrag ging es um die Boulevardblätter der frühen 2000er, vor allem darum, wie viele Existenzen sie zerstört hatten. »Die Leute lieben gute Geschichten«, hatte William Brenner gesagt, den massigen Leib in einen prunkvollen Sessel in seiner Wohnung in der Upper East Side gefläzt. »Und genau die bieten wir ihnen.«

Was sagt er jetzt gerade?

Meine Zigarette zischt leise, als ich sie auf der Sohle meiner Sandale ausdrücke. Das Konzept Tabak existiert nicht im Ara Hotel, genauso wenig wie Aschenbecher. Wieder drinnen halte ich im Badezimmer den Zigarettenstummel unter einen dünnen Wasserstrahl und vergrabe ihn, in Toilettenpapier gewickelt, im Mülleimer.

Gabriel schläft noch immer, in Embryonalhaltung. Wie damals, als wir noch Kinder waren – die Arme und Beine vor dem Körper miteinander verflochten, ein verknoteter Junge, der sich vor der Welt abschirmt.

Ich nehme meine Schlüsselkarte und gehe leise hinaus.

Die Stimmen führen mich nahe an den Rand der Anlage, zum letzten Fleckchen Sandstein, bevor das Hotelgelände endet und die Wüste beginnt.

Hier sind sie. Die Brenners.

Sabrina eilt vor ihrem Ehemann davon, noch immer in dem Outfit, das sie zum Abendessen getragen hat, dem weißen Satin, den hochhackigen Schuhen. Sie wirkt im Mondlicht beinahe fluoreszent, ein Leuchtfisch, der über den Grund eines Aquariums zischt. Die eleganten Falten ihres Kleides kräuseln sich wie Flossen im Wasser.

William stapft hinter ihr her. Auch er steckt noch in seiner Abendgarderobe, einem weißen Button-down-Hemd und einem Anzug, dessen Stoff ein wenig zu dick wirkt für die Wüste.

Ich stehe rund sechs Meter von ihnen entfernt, kauere mich zusammen und hoffe, dass ich nicht zu sehen bin.

»Es tut mir leid«, sagt Sabrina, im Tonfall einer Frau, die sich schon oft entschuldigt hat – immer vergeblich.

Ist es auch irgendjemand anderem aufgefallen?

Dass Sabrina stets außer Reichweite ihres Mannes bleibt? Dass ihr Blick ihm folgt, sobald er aufsteht? Dass sie jede seiner Bewegungen im Auge behält – und zweifellos auch all seine Stimmungen?

»Oh«, grollt William. »Jetzt tut es dir also auf einmal leid.«

Er langt nach dem Arm seiner Frau, greift daneben und gerät leicht aus dem Tritt.

»Hör auf, mich zu belügen.«

Sabrina hält beide Hände vor sich.

»Es tut mir leid«, wiederholt sie. »Ich belüge dich nicht. Lass uns zurückge…«

William packt ihre jungen Handgelenke. Ein Phantomschmerz durchzuckt meine rechte Seite – von einem Ruck an meiner Schulter vor vielen Jahren, nach dem mein Arm schlaff herabgehangen hatte.

»Du blöde Schlampe«, fährt er sie an.

Ich merke, dass ich den Atem anhalte.

Lass sie los. Nimm deine verdammten Finger von ihr.

Sabrina fährt zu ihrem Mann herum. »Ich bin nicht blöd.«

In ihrer Stimme liegt kein Bedauern mehr. Diese Sabrina ist mutig, willensstark und zornig.

William erstarrt.

»Was hast du gerade gesagt?«

»Ich sagte, ich bin nicht bl…«

Als Sabrina gerade an ihrem Mann vorbeigehen will, wandert ihr Blick nach oben.

Sie entdeckt mich.

Sie scheint die Schultern anzuspannen.

Sie muss davon ausgegangen sein, sie wären allein. Die anderen Gäste sind längst sicher in ihren Suiten untergebracht und schlafen hinter dicken Wänden und dreifach verglasten Fenstern.

Innerhalb der Anlage haben die Macher des Ara diskrete Blasen für die einzelnen Gäste geschaffen. Unsere Suiten sind freistehende, auf eigenen Fußwegen zu erreichende Gebäude, und die Tische im Speisesaal stehen so weit voneinander entfernt, dass die Gespräche der anderen nur als leises Gemurmel wahrzunehmen sind. Damit will das Hotel uns weismachen, wir müssten uns nicht mit den anderen Gästen befassen und wären voreinander sicher.

Sabrina sieht mich eine halbe Sekunde lang an. Dann schüttelt sie kaum merklich den Kopf.

Nicht einmischen.

Ich verstehe sie. In meiner Kindheit sind die Mütter wütend geworden, wenn wir nach Hilfe riefen. Was zum Teufel glaubst du, was du da tust? Wenn sie in der Stimmung für Schläge waren, schlugen sie härter zu. Sie sorgten jedes Mal dafür, dass wir unsere Hoffnung auf Rettung bereuten.

William folgt dem Blick seiner Frau.

Scheiße.

Ich ducke mich hinter einen großen Topf. Im Hotel stehen Dutzende davon herum: Sie sind oval, so voluminös wie kleine Badewannen und beherbergen jeweils einen einzelnen Baum. Die Erde ist unter einer Lage dekorativer Steine verborgen. »Viele Bäume in der Wüste entspringen Rissen im Gestein«, hat Catalina, die Hotelmanagerin, uns am ersten Tag bei der Führung durch die Anlage erklärt. Ihr dunkler Pferdeschwanz schimmerte in der Sonne. »Unser Architekt hat sich von ihnen inspirieren lassen.«

In den Töpfen liegen allerdings keine gewöhnlichen Steine. Nichts in diesem Hotel ist von der Stange. »Weiße Marmorbrocken aus Italien«, sagte Catalina. »Solche finden sie sonst nirgends in dieser Region.«

Ich ducke mich so tief wie möglich hinter den Pflanzkübel und die teuren Steine darin, mein Herzschlag dröhnt mir in den Ohren.

»Was gibt es da zu sehen?«, verlangt William zu wissen.

Klingt seine Stimme näher, oder bilde ich es mir nur ein?

»Nichts. Ich habe nichts angesehen.«

Noch immer in der Hocke, ziehe ich mich hinter eine Wand zurück.

Wie ein Feigling.

Nein.

Sabrina will nicht, dass ich mich einmische.

»Lass mich in Ruhe«, sagt sie zu ihrem Mann.

»Und was würdest du machen, wenn ich das wirklich täte?«, entgegnet er.

Ihre Antwort dringt gedämpft an meine Ohren, während ich zur Suite zurückweiche. Den Anfang kann ich nicht verstehen, dann sagt sie: »Ich würde aufblühen.«

Ihre Stimme klingt klar und selbstgewiss. Der Tonfall einer Frau, der bewusst ist, dass sie über unbeschränktes Potenzial verfügt, und die es satthat, ihre Stärken zu unterdrücken.

Morgen werde ich mich mit ihr unterhalten.

Ihren Ehemann werde ich mit keinem Wort erwähnen. So dumm bin ich nicht. Aber ich werde tun, wovor ich mich seit vier Tagen drücke: Ich werde mich ihr vorstellen, sie fragen, wie ihr der Aufenthalt hier gefällt, und eine Bemerkung über das Wetter machen.

Dann werde ich sie wissen lassen, dass sie nicht allein ist. Dass sie eine Freundin hat, wenn sie eine braucht.

Morgen. In ein paar Stunden.

Tagsüber ist alles leichter. Wir sind alle mutiger, wenn die Sonne scheint.

2Escalante, Utah

Die vierte Nacht

Vor zehn Jahren hat ein Immobilienentwickler diesen flachen Abschnitt der Escalante-Wüste gesehen und gedacht: Hier werde ich ein Hotel bauen. Daraus wurde das Ara. Vom Highway aus nicht zu sehen und nur über eine unbeschilderte, unbefestigte Straße zu erreichen. Es gibt hier ein Fitnessstudio, ein Spa, eine Boutique und natürlich den Pool. Eine nach oben offene Eingangslounge führt zur Lobby, an die sich wiederum der Speisesaal anschließt. Die schnittigen Linien des Hotels verschmelzen mit der Wüstenlandschaft. Um uns herum gibt es keine Barrieren, keine Zäune.

Ich spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht. Der Mond scheint direkt in unser Badezimmer, unter dem Bogenfenster schimmert der elfenbeinfarbene Bauch unserer tiefen Wanne. Als ich in unser Zimmer zurückkehre, ist es still.

Zu still.

Ich blicke zu den beiden Doppelbetten. Meines befindet sich auf der rechten Seite. Die mit einer Million Fäden geknüpfte italienische Decke ist zurückgeschlagen. Auf Gabriels Seite sehe ich ein wirres Bettwäscheknäuel, wo eigentlich er liegen sollte. Im Kissen ist noch sein Kopfabdruck zu sehen. Die Alpakawolldecke, die er vom Sofa geholt hat, liegt auf dem Boden.

»Gabriel?«

Ich schalte das Deckenlicht an.

Er ist nicht hier.

Ich nehme mein Handy vom Nachttisch, sehe die letzte Nachricht in unserem Chat (von gestern Nachmittag, als Gabriel mir von der Poolbar schrieb, ob ich einen Smoothie wolle) und drücke auf das grüne Hörersymbol.

Ein Summen durchdringt die Stille. Mein Blick fällt auf Gabriels Handy, das auf seinem Nachttisch vibriert.

Shit.

Wo ist er? Um diese Uhrzeit kann man im Ara nichts tun außer schlafen. Bis zur nächsten Stadt muss man eine halbe Stunde fahren. Ich wüsste nicht, was Gabriel dort mitten in der Nacht wollen könnte. Außerdem haben wir hier kein Auto. Eines der glänzenden Hotelshuttles hat uns vom Flughafen abgeholt, eine klimatisierte Kapsel, um die sich die Wüste präsentierte wie ein fremder Planet.

»Gabriel?«

Ich blicke zur Terrasse hinaus. Leer. Er muss gegangen sein, während ich draußen war.

Bleib ruhig. Du bist nicht mehr die Gleiche wie vor fünfzehn Jahren. Ein Mädchen, das von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte und sich plötzlich in einer Welt wiederfand, wo sie sich nur mit einem Mann an ihrer Seite sicher fühlen durfte.

Jemand rüttelt am Türgriff.

Ich höre etwas gleiten. Das Schloss wird auf der anderen Seite mit der Karte entriegelt.

Gabriel zuckt zusammen, als er mich sieht.

»Da bist du ja«, sagt er.

»Ich … was?«

»Wo warst du?«

Ohne meine Antwort abzuwarten, zieht Gabriel die Tür hinter sich zu und sieht mit zusammengekniffenen Augen zur Deckenlampe hinauf.

»Stört es dich, wenn ich die abschalte?«

»Nein, mach nur«, sage ich.

Selbst im Dunkeln kann ich ihn ausmachen – seine nackten Arme und die weißen Buchstaben auf seinem T-Shirt. Tiberius & Domitian & Nero & Caligula. (Vier römische Kaiser, vier unterschiedliche Formen von Wahnsinn. Ich habe mich über sie informiert, als ich ihre Namen vor drei Jahren heraussuchte, um Gabriel das T-Shirt zu Weihnachten mit der Post zu schicken. Der Erste war ein Tyrann, der Zweite paranoid, der Dritte hat Menschen bei lebendigem Leib verbrannt und der Vierte verlangte, als Gott verehrt zu werden.)

»Ich habe nach dir gesucht«, erwidere ich. »Jetzt gerade erst.«

Gabriel verschwindet im Badezimmer. Ich höre Wasser plätschern und das schmatzende Geräusch, mit dem Seife auf Händen verrieben wird.

»Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll«, erwidert er hinter der Tür. »Ich bin aufgewacht, und du warst nicht da.«

Er kehrt ins Zimmer zurück und wischt sich die Hände an seiner Jogginghose ab. Einen Moment lang fällt ein Mondstrahl herein, dann schließt sich die Tür, und um uns herum wird es wieder dunkel.

»Wohin bist du verschwunden?«, fragt er.

»Ich war … draußen und habe eine geraucht.«

Sein Gesicht kann ich zwar nicht sehen, aber ich glaube, dass er den Kopf schüttelt.

»Du willst wohl, dass wir hier achtkantig rausfliegen? Von mir aus. Vergiss aber nicht, dass du für unseren Aufenthalt zahlst.«

Sein Tonfall ist locker, neckend. Ich versuche zu lachen, bringe aber nur ein Hüsteln zustande.

Ich höre seine Decke rascheln. Gabriel legt sich wieder ins Bett. Ich muss ihn nicht sehen, um zu wissen, dass seine Beine ein klein wenig angewinkelt sind. Das ist der Fluch der großen Männer, die beim Durchqueren von Türen und in U-Bahn-Abteilen immer den Kopf einziehen müssen.

»Legst du dich nicht schlafen?«, fragt er.

»Ich habe was gesehen«, flüstere ich.

»Was?«, fragt er. »Was hast du gesehen?«

Meine Kehle schnürt sich zusammen. Ich will mit Gabriel nicht über Sabrina und William Brenner sprechen, über Ehemänner und die Dinge, die sie ihren Frauen antun.

Genau deswegen hätte ich ihn vor neun Jahren fast verloren.

Wir haben seitdem zwar wieder zueinandergefunden, aber während unserer vier Tage im Ara hat es ein paar Momente gegeben, in denen er einfach entschlüpft ist. Einmal ist er mitten am Nachmittag von seiner Liege am Pool aufgestanden und in unsere Suite zurückgekehrt. Ein andermal hat er sich beim Abendessen plötzlich aus dem Gespräch ausgeklinkt und in die Ferne gestarrt.

Erst gestern hat er unsere morgendliche Wanderung ausfallen lassen. Ich habe ihm geglaubt, als er behauptete, er habe eine Migräneattacke. Gabriel leidet seit seinem sechzehnten Lebensjahr unter Migräneschüben. Aber ich weiß auch noch, was er vor ein paar Jahren zu mir gesagt hat, als er endlich die richtige Behandlungsmethode gefunden hatte: »Jetzt bekomme ich nur noch Migräne, wenn mein Körper es für angebracht hält.«

Was bedeutet, dass die Schübe nicht mehr rein zufällig erfolgen. Er bekommt sie, wenn er sich überarbeitet oder deprimiert fühlt. Sein Körper zwingt ihn so dazu, eine Pause einzulegen, und rettet ihn aus Situationen, die er gerne vermeiden möchte.

Wie zum Beispiel die gestrige Wanderung.

Wir sind hier, um miteinander zu reden. Aber wir haben es noch nicht getan und den Dokumentarfilm, der uns hergeführt hat, mit keinem Wort erwähnt. Ich habe ein paarmal versucht, das Gespräch darauf zu lenken, aber Gabriel fand immer irgendeinen Grund, wieso es gerade nicht passte. Er musste jemanden anrufen oder an der Rezeption etwas erfragen.

Es hat sich einiges zwischen uns angesammelt – unausgesprochene Dinge und versäumte Umarmungen.

Aber ich bleibe am Ball.

»Unsere Nachbarn«, sage ich. »Die Brenners. Der alte Typ und seine Frau.«

»Was ist mit ihnen?«

Gabriels Stimme klingt freundlich und geduldig.

»Sie haben gestritten«, berichte ich. »Es ging richtig zur Sache.«

»So was kommt vor.«

Obwohl er mich nicht sehen kann, schüttele ich den Kopf. »Das war was anderes. Echt übel. Es erinnerte mich an …«

Die Worte bleiben mir im Hals stecken.

Es gibt Dinge, die ich nicht sagen kann. Auch nicht zu meinem Bruder, nicht mal, wenn es dunkel ist.

»Komm her«, sagt er.

Vor meinem inneren Auge sehe ich uns beide als Kinder: Ich auf dem oberen Bett, Gabriel unten. Damals war ich noch die Mutigere von uns beiden.

Ich lasse mich auf alle viere nieder und taste mich zu ihm vor, bis ich mit den Schultern an sein Bett gelehnt dasitze.

»Es ist alles in Ordnung«, sagt er.

»Irgendetwas stimmt nicht mit Sabrina Brenners Ehemann.«

»Mit den meisten Ehemännern stimmt irgendwas nicht«, erwidert er.

Bevor ich ihn fragen kann, was er damit meint, oder Nein, wirklich, Gabriel, ich meine es ernst sagen kann, dreht mein Bruder sich unter seiner Decke von mir weg.

»Uns geht es gut«, sagt er. Das letzte Wort wird von einem Gähnen verschluckt. »Alles wird gut.«

Und damit schläft er wieder ein.

Ich bleibe neben seinem Bett sitzen. Normalerweise würde ich, von Gabriels regelmäßigen Atemzügen eingelullt, ebenfalls auf der Stelle einschlafen.

Aber nicht heute Nacht.

Ich halte die Augen offen und lausche.

Nicht zum ersten Mal in meinem Leben.

3Der einzige Ort, den wir kannten, Hudson Valley

Vor fünfundzwanzig Jahren

Am Anfang war Émile.

Émile wusste alles. Sein Kopf steckte voller Ideen, Geschichten und Musik. Er hatte seine Gedanken wie Bausteine zusammengefügt und so eine ganze Welt für uns erschaffen.

In Émiles Welt wurden Geburtstage erwähnt, aber nicht gefeiert. Es gab weder Kuchen noch Lieder. Wir stellten fest, dass wieder ein Jahr vergangen war, und beließen es dabei.

Als ich acht wurde, kam Edwina zu mir, eine große Zwölfjährige, die gerade die Leitung unserer Holzwerkstatt-Kurse übernommen hatte.

Ich war im Freien und zeichnete mit einem Stock eine Acht in den Staub. Es war kurz vor dem Mittagessen und schon fast Zeit, zur Cafeteria zu gehen. Doch Edwina hatte andere Pläne.

»Komm mit«, sagte sie.

Ich folgte ihr. Sie führte mich über den alten Schulhof, vorbei an den Gemeinschaftsduschen, der Cafeteria, den Schlafsälen und der renovierten Kapelle.

Mein Bauch verkrampfte sich. »Wohin willst du …?«

»Psssch.«

»Aber …«

Edwina fuhr zu mir herum. »Stell keine Fragen.«

Zu meiner Verblüffung führte sie mich zu Émiles Gebäude.

Ins verbotene Land, den einzigen Teil des Anwesens, der sich in einwandfreiem Zustand befand. Ich war noch nie darin gewesen. Wir wussten alle, dass Émiles Büro im Erdgeschoss lag. Seine Privaträume, die wir genauso wenig betreten durften, waren oben. Er lebte allein – und arbeitete auch meistens allein.

Edwinas Rock flatterte durch ein kleines Foyer. Sie schob mich vor eine geschlossene Holztür.

»Bleib hier stehen.«

Sie klopfte und eilte davon, bevor ich sie fragen konnte, was sie da eigentlich tat.

Ich wappnete mich gegen das Schlimmste. Wir hatten gelernt, uns vor fest zupackenden Händen und tretenden Füßen zu fürchten.

Es gab auch Gerüchte. Über Hunger. Über Durst. Über einen geheimen, dunklen Ort, an den ungehorsame Kinder geschickt wurden.

»Komm rein«, ertönte auf der anderen Seite der Tür Émiles Stimme.

Er klang ruhig, als würde er mich erwarten.

Ich schob die Tür auf.

Als Kind erschien mir Émiles Büro riesig. Ich sah einen Schreibtisch und ein Bücherregal, so hoch wie drei Kinder übereinander, in dem er seine Werke aufbewahrte. Auf einer Konsole stand ein Globus.

Und mittendrin: Émile. Graublaue Augen funkelten hinter seiner Lesebrille. Er deutete auf einen der beiden Stühle vor dem Schreibtisch.

»Setz dich.«

Ich setzte mich.

»Weißt du, wieso du hier bist?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ich werde dir eine Frage stellen und möchte, dass du sie so ehrlich wie möglich beantwortest.«

Wahrheit war etwas, worüber er häufig sprach. Émile fand es extrem wichtig, den Blick nach innen zu richten und sich aufrichtig einzugestehen, wer man war.

»Es ist eine Prüfung«, sagte er. »Jeder hier hat sie abgelegt. Deine Antwort wird uns viel darüber verraten, was für ein Mensch du bist.«

Émile stand hinter seinem Schreibtisch auf. Mir kam er uralt vor. Jahre später war ich schockiert, als ich in einer Zeitung über sein Alter stolperte. Am Tag dieses Tests war er Ende dreißig, als die Welt unterging, Ende vierzig.

Die Frage war beleidigend simpel. Viel später wurde mir klar, dass er sie in einer ganz alltäglichen Situation, nämlich in einem Flugzeug gehört haben musste.

Damals wussten wir das jedoch nicht. Wir flogen nicht. Das tat nur Émile. Nicht häufig, aber manchmal musste er. Er war ein wichtiger Mann und traf sich mit bedeutenden Persönlichkeiten, die den Finger am Puls der Zeit hatten.

(Zumindest behauptete er das. Als alles herauskam, erfuhren wir, dass er in Wahrheit zumeist seine Familie besuchte. Nicht in seiner französischen Heimat – aus einer ganzen Reihe von Gründen konnte er das Land nicht verlassen –, sondern in Florida, wo er einen Onkel und ein paar Cousins und Cousinen hatte. Kurioserweise hatte er an der Nordspitze des Staates New York tatsächlich einmal den kanadischen Premierminister getroffen. Auf seinem Schreibtisch stand ein gerahmtes Foto, das zeigte, wie sie sich die Hand gaben. Später wurde es in allen Zeitungen abgedruckt.)

»Hühnchen oder Fisch?«

Für ein Kind in Émiles Welt ergab diese Frage keinen Sinn. Wir aßen keine Tiere. Die seien Gift, sagte Émile. In seiner Welt gab es nur Pflanzen, Bohnen, Hülsenfrüchte. Die Mütter bereiteten daraus riesige Eintöpfe zu. Die konnte man leicht verteilen. Dazu brauchte man nur einen großen Topf und eine Kelle. Am Morgen gab es Hafergrütze, die sich am Gaumen körnig anfühlte.

Émile merkte offenbar, dass ich Ansichtsmaterial benötigte. Er schaltete einen kleinen Fernseher an der hinteren Wand ein und schob eine schwarze Kassette in den Videorekorder.

»Hühnchen«, verkündete er.

Auf dem TV-Gerät blitzten Bilder auf. Kissenartige Stücke weißen Fleisches, die mit einer braunen Soße beträufelt waren. Eine Platte mit dunkleren Fleischstücken. Eine Familie, die sich um einen Tisch herum die Hände reichte. Kleinere mit Brotkrümeln panierte Stücke, die in heißes Öl getaucht wurden, bis sie fest und – Émile stellte den Fernseher lauter – knusprig waren.

Das Ganze war von Dialogfetzen und kakofonischer Musik untermalt, die ohne erkennbaren Sinn erklang und wieder abbrach. Das Video war vermutlich aus Fernseh-Werbespots, Serien und Filmen zusammengeschnitten. Damals war mir das jedoch nicht klar. Ich wusste nur, dass ich Hunger hatte.

Mein Magen knurrte, und mir lief das Wasser im Mund zusammen.

»Oder Fisch?«

Weitere Köstlichkeiten – unter einer goldenen Kruste gebacken, auf heißen Steinen gegrillt und mit saftigen Tomaten serviert. Zarte pinke Scheiben, dich sich unter einer Serviergabel auffächerten. Weiße Fleischstücke in hauchdünnem Teig und dazu Pommes in einer Papiertüte.

Eine Welt voller Hochgenüsse.

Hühnchen oder Fisch?

Es war die wichtigste Frage meines jungen Lebens, und ich hatte keine Ahnung, wie ich sie beantworten sollte.

Émile siebte schlechte Menschen aus. Sie wurden aus unserem Leben entfernt und verschwanden für immer. Wir hatten keine Ahnung, was mit ihnen geschah. In diesem schwarzen Wissensloch lauerten alle erdenklichen Albträume.

Émile tappte mit dem Fuß.

Ich musste etwas sagen. Irgendwas.

»Hühnchen?«

Émiles Augen blitzten auf. Er holte tief Luft.

Das Ausatmen war ein Seufzen.

Émile warf die VHS-Kassette aus und schob eine andere ins Laufwerk.

»Das hier«, sagte er, »sind die Konsequenzen deiner Entscheidung.«

Die zweite Kassette war ebenfalls unverständlich. Hühnchen auf einem Fließband ergaben keinen Sinn. So etwas würde die Natur niemals zulassen. Hände in Plastikhandschuhen schossen ins Bild und packten die Hühnchen wie gekochte Tomaten, die man zu einer Soße zerquetscht. Es war ein unerträglicher Anblick: Hühnchen, die an die mahlenden Kiefer einer Metallmaschine verfüttert wurden. Zarte kleine Leben, die als Blutspritzer endeten.

Auf unserem Anwesen gab es auch Hühner. Wir aßen sie nicht – nur ihre Eier, die wir ihnen so respektvoll wie möglich wegnahmen. Dankbar für diese Köstlichkeiten, schlangen wir die Hände ganz vorsichtig um die Schalen, um sie ja nicht zu zerbrechen.

Mein Herz raste. Die massakrierten Hühnchen waren Émile natürlich ein Gräuel. Wer mit so etwas Bösem in Verbindung gebracht werden konnte, hatte keinen Platz in seiner Welt.

Émile schaltete den Fernseher aus. Wir saßen mindestens eine Minute lang schweigend da.

»Was soll ich deiner Meinung nach tun«, fragte er schließlich.

Noch so eine unmöglich zu beantwortende Frage. Allein Émile wusste, was jedermann tun sollte.

»Es tut mir leid.«

Émile lehnte sich zurück und verschränkte die Hände vor dem Bauch.

»Es tut dir also leid. Weißt du, wie du das zeigen kannst?«

Ich hatte keine Worte mehr, nur noch meinen hoffnungsvollen Blick, den ich fast weit genug hob, um seinem zu begegnen. Nur noch mein Herz, das offen vor ihm lag, sollte er es sich nehmen wollen.

»Vergiss es nicht. Bedenke immer die Konsequenzen deiner Handlungen. Sei dir stets bewusst, dass du diese Kraft in dir trägst und dass du nicht weißt, wie du mit ihr umzugehen hast.«

Ich nickte.

Émile beugte sich über den Schreibtisch.

»Deswegen musst du zuhören. Lernen. Merk dir, dass du nichts weißt. Du benötigst Führung. Wenn du zuhörst, hast du eine Chance.«

Ich nickte noch einmal, verschränkte die Finger und hob die Hände wie zum Gebet. Aber nein. Émile wollte nicht angebetet werden. Er wollte nicht, dass irgendwer ihn als Guru oder Gelehrten bezeichnete.

Mit einer knappen Geste schickte er mich fort.

»Du kannst jetzt gehen.«

Die Tür zu seinem Büro schloss sich fast lautlos hinter mir.

Was ich nicht wusste und erst sehr viel später herausfinden sollte: Es gab eine zweite Kassette mit Fischen. Darauf war eine Mischung aus Hochsee- und Tiefseefischen zu sehen – Hunderte von Kreaturen, die in Netzen gefangen wurden. Sie zappelten, ihre Augen schwollen an, und ihre Mägen quollen ihnen aus den Mäulern, während sie zu schnell an die Oberfläche gehievt wurden. Sie überlebten den rasanten Druckverlust nicht. Größere Tiere, deren Mäuler von Haken durchbohrt waren. Majestätische Raubtiere, die der Torheit der Menschen zum Opfer fielen.

Die einzige korrekte Antwort auf die Frage Hühnchen oder Fisch lautete: Weder noch.

Wieso hatte mich niemand vorgewarnt?

Laut Émile mussten sich alle dieser Prüfung unterziehen – doch keiner sprach darüber. Niemand hatte mir zugeflüstert, dass ich mich darauf gefasst machen solle. Ich hatte noch nicht mal Gerüchte darüber gehört.

Natürlich nicht.

Jeder unterzog sich dieser Prüfung, und alle scheiterten daran.

Und so schwiegen wir darüber. Jeder einzelne von uns.

Émile musste uns nicht eigens dazu auffordern. Er musste sich nicht auf unsere Loyalität verlassen.

Wir alle schwiegen aus Scham.

Ich für meinen Teil hatte ganz sicher nicht das Bedürfnis, irgendwem von dieser Erfahrung zu berichten.

Später, als alles in sich zusammenfiel, stellten die Leute immer wieder dieselbe Frage: Wie konnten ihn so viele Menschen so lange für vertrauenswürdig halten?

Sie verstanden es einfach nicht. Für uns Kinder fing alles an, sobald wir acht wurden. Die Lehre aus diesem Test senkte sich wie ein Kettenhemd auf unsere Schultern: In uns tobten Wirbelstürme, in unseren Körpern wüteten vernichtende Kräfte. Ohne Émile, der uns beibrachte, uns vor uns selbst zu schützen, würden wir alles zerstören. Unsere finsteren Herzen würden die Welt in den Untergang treiben.

4Escalante, Utah

Der fünfte Tag

Als Gabriel nach Seattle zog – nach der Vermisstenmeldung, dem Leichenfund und den Polizeiverhören –, blieben wir in Verbindung. Wir schrieben einander jeden Tag E-Mails. Ich besuchte ihn dreimal pro Jahr. Manchmal verreisten wir zusammen. Wir trafen uns im Yosemite-Park oder in Portland, einmal sogar in Vancouver. Aber die Zeiten ändern sich. Unsere E-Mails wurden kürzer, weniger detailliert. Bald schon trudelten sie nur noch einmal pro Monat ein. Die persönlichen Besuche verschwanden aus unseren Kalendern. Wir sahen uns zweimal pro Jahr, dann nur noch an Weihnachten und schließlich – wie konnte das bloß geschehen? – so gut wie gar nicht mehr.

Aber dann meldeten sich diese Dokumentarfilmer. Sie planten etwas zum zehnten Jahrestag von Annies Tod. Ich habe ihre Nachricht vor einem Monat an Gabriel weitergeleitet.

Von: [email protected]

An: [email protected]

Hast du das auch bekommen?

Von: [email protected]

An: [email protected]

Jepp.

Als Nächstes erwartete ich einen sarkastischen Kommentar oder zumindest die Bestätigung, dass er die E-Mail in den Papierkorb verschoben hatte. Doch stattdessen schrieb er:

Von: [email protected]

An: [email protected]

Ich glaube, ich werde es tun.

Von: [email protected]

An: [email protected]

Wirklich??

Bisher hatten wir noch nie etwas zur Berichterstattung beigetragen. Doch Gabriel war offensichtlich bereit für eine Veränderung.

Von: [email protected]

An: [email protected]

Es ist fast neun Jahre her. Alle haben sich dazu geäußert, nur ich nicht.

Von: [email protected]

An: [email protected]

Ich bin jetzt dazu bereit. Glaube ich.

Von: [email protected]

An: [email protected]

Ich muss etwas sagen.

Von: [email protected]

An: [email protected]

Wenn du mitmachst, tue ich es auch.

So war es zwischen uns beiden schon immer gewesen: Wenn du springst, springe ich auch. Allerdings hatten wir uns mittlerweile seit fünf Jahren nicht mehr gesehen.

Von: [email protected]

An: [email protected]

Ich würde dich gerne sehen. Vor den Dreharbeiten. Ich glaube, es wäre ganz schön, erst mal ohne Kameras miteinander zu sprechen.

Es fiel mir schwer, diese Worte zu tippen. Gabriel war derjenige, der weggezogen war und aufgehört hatte, mir zu schreiben. Aber ich musste es versuchen.

Es erstaunte mich, dass er bei der Doku mitwirken wollte. Gabriel war zweitausend Meilen weit von zu Hause weggezogen, um möglichst anonym bleiben zu können. Und selbst danach konnte er sich der Aufmerksamkeit nie ganz entziehen. Und nun war er plötzlich dazu bereit, sich wieder zu zeigen, sich der Welt zu präsentieren?

Und nicht nur das – er wollte auch »etwas sagen«?

Was denn?

Ich musste unbedingt mit ihm sprechen. Persönlich und ganz offen. Nicht am Telefon oder per E-Mail oder in irgendeiner anderen Weise, die zurückverfolgt werden könnte.

Gabriel kam. Er bestieg sein Flugzeug in Seattle, ich reiste aus New York an. Wir trafen uns am hiesigen Flughafen. Es erschien fast zu einfach. Gerade noch hatten wir uns ein halbes Jahrzehnt lang nicht mehr gesehen, und nun stand er vor mir: groß, mit verschiedenfarbigen Augen, eines braun, das andere blau, die Hände fest um meine geschlossen.

Natürlich hat er sich ein Stück weit verändert. Immerhin sind fünf Jahre vergangen. Seine blonden Haare sind ein klein wenig dunkler. Auf seiner Stirn sind neue Falten zu sehen. Er hat sich sogar ein Tattoo stechen lassen: Sein Geburtsjahr – das auch meines ist – prangt in kleinen römischen Ziffern auf der Innenseite seines linken Handgelenks.

Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen. Menschen verändern sich und werden einander fremder.

Die ersten Sonnenstrahlen rahmen unsere Verdunkelungsvorhänge ein. Draußen erstrahlen die Berge sicher gerade in bernsteinfarbenem Licht. Die nachtaktiven Tiere huschen in ihre Verstecke zurück. »Nachts könnten Sie Kojoten sehen«, hat Catalina uns an unserem ersten Tag gewarnt. Im Dunkeln ist die Wüste wie eine andere Welt.

Einen Moment lang kann ich mich dazu bringen, an heute zu glauben.

Heute werde ich mit Sabrina Brenner sprechen.

Heute werden kleine freundliche Gesten zu ungeahnten Ergebnissen führen.

Ich fühle es, bevor ich es höre.

Es ist überall um uns herum, eine Vibration im Boden. In ein paar Sekunden wird es Vögel aus den Baumwipfeln schütteln, Hotelgäste aus ihren Betten reißen, ihren Puls beschleunigen und ihre Sinne schärfen.

Dieses Ding.

Dieses Geräusch.

Dieser fiebrige, schrille Schrei, der wie ein Hammer auf die Kuppel aus heiliger Stille eindrischt, die sich über der Wüste wölbt.

5Escalante, Utah

Der fünfte Tag

Gabriel setzt sich auf und schnappt panisch nach Luft.

»Was war das?«, flüstert er und springt aus dem Bett.

Ich rappele mich mühsam in eine stehende Position auf. Meine Beine sind von der Nacht auf dem Boden ganz taub.

Gabriel hebt seine Nachttischlampe hoch, die Finger fest um den eisernen Sockel geschlossen. Er ist bereit, sie als Waffe zu verwenden. Aber gegen was? Oder wen?

»Stell sie ab«, sage ich.

Vor der Suite erklingen hastige Schritte. Sie entfernen sich. Ich strecke die Hand nach dem Türgriff aus.

»Warte!«

Gabriel legt mir eine Hand auf den Arm.

»Wir haben keine Ahnung, was da draußen los ist«, sagt er.

Aber ich weiß es.

Ich sehe es ganz deutlich vor mir.

»Komm schon«, sage ich.

Bevor er ein weiteres Mal protestieren kann, entriegele ich die Tür.

Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck.

Ich weiß, wo es langgeht.

Am fraglichen Ort haben sich bereits drei Hotelangestellte eingefunden. Zwei stehen, eine kniet.

Wir befinden uns an der Grenze zwischen zwei Welten, dort, wo die Hotelanlage in die Wüste übergeht. Nur ein paar Schritte von der Stelle entfernt, wo die Brenners sich letzte Nacht gestritten haben.

Die drei Hotelangestellten blicken nach unten.

Gabriel nähert sich ihnen. Ich komme mit. Ich will nicht hinsehen, aber ich muss. Davor kann ich mich nicht drücken.

Sabrina Brenner liegt auf dem Boden.

Ihr Körper hat die Form eines Blitzes. Ihr Kopf sieht aus wie die Büchse der Pandora, ihr Schädel wie der geborstene Deckel. Blut – so viel Blut – auf dem kostbaren Sandstein des Ara.

Meine Knie geben nach.

Gabriel packt meinen Arm und hält mich fest.

Weitere Gäste eilen herbei, in Pyjamas, Bademänteln und schlabberigen Sweatshirts. Sie bilden einen Halbkreis, die Gesichter noch vom Schlaf aufgedunsen, die Augen gegen die Morgensonne zusammengekniffen. Münder klappen auf. Gesichter wenden sich vom Geschehen ab.

Eine der stehenden Hotelangestellten – jetzt merke ich, dass es Catalina ist – beugt sich über ihre kniende Kollegin. Letztere hat offensichtlich die Leiche entdeckt und uns mit ihrem Schrei aus den Suiten getrieben. Catalina schlingt der anderen Frau die Arme um die Schultern und drückt sie fest an sich.

»Treten Sie bitte zurück!«

Zwei Notfallsanitäter, eine Frau und ein Mann, hasten durch die Menge, ihre Stiefel knallen auf den gefliesten Weg. Die Gäste machen ihnen Platz. Die Frau kniet sich neben Sabrina, der Mann hält sich ein Funkgerät vor den Mund. »Einheit eins-drei-vier an Einsatzzentrale. Wir brauchen einen Krankentransporter und die Polizei.«

»Lassen Sie mich durch.«

Diese Stimme.

William Brenner drängt sich zu den Sanitätern vor. Unter seinem nachlässig zugebundenen Bademantel kommt sein beträchtlicher blasser Bauch zum Vorschein. Dieser Mann, den wir immer nur makellos gekleidet gesehen haben, der zum Abendessen einen Anzug trug und selbst am Pool ein Poloshirt anbehielt, ist nun halb entblößt: seine weißen Brusthaare, seine mit Leberflecken übersäte Haut, sein in der morgendlichen Hitze schwitzender Leib. Seine Beine ragen aus verwaschenen blauen Boxershorts.

William sieht Sabrina und krümmt sich zusammen.

»Meine Frau«, sagt er mit einem ungläubigen Keuchen, das wie ein Schluchzer klingt. »Meine Frau«, wiederholt er, diesmal unter Tränen. »O Gott«, fleht er. »Mein Schatz. Mein süßer, süßer Schatz.« Er presst sich die Hände an den Kopf. Seine Schultern beben, während er angestrengte, tiefe Atemzüge macht. »Meine arme Süße.«

Er fällt auf die Knie und streckt die Hände nach ihr aus.

»Sir, bitte bleiben Sie noch einen Moment zurück«, sagt die kniende Sanitäterin. Sie ist jung und drückt Sabrina zielstrebig zwei Finger an den Hals.

»Sagen Sie mir nicht, was ich zu tun habe«, heult William auf und greift nach der Hand seiner Frau.

Die Sanitäterin sieht zu ihrem männlichen Kollegen hoch. Der nähert sich William und legt ihm behutsam eine Hand auf die Schulter.

»Sir, bitte«, sagt er. »Sie müssen uns unsere Arbeit machen lassen. Es ist besser für …«

»Ich sagte«, faucht William, »sagen Sie mir nicht, was ich tun soll.«

Er stößt den jungen Mann von sich. Ein paar Sekunden lang herrscht absolute Stille, niemand rührt sich.

William beginnt wieder zu schluchzen. Er zittert am ganzen Leib.

Ich spüre, wie sich links von mir etwas bewegt.

Gabriel.

Er tritt aus der Menge, den Blick fest auf Sabrina gerichtet. Seine Arme hängen kraftlos herunter.

»Hey«, flüstere ich ihm zu.

Wie ein Schlafwandler geht er in die Hocke.

William hebt den Kopf. Als sein Blick auf Gabriel fällt, verzerrt sich sein Gesicht vor Wut.

»Was zum Teufel wollen Sie?«

Gabriel bewegt sich nicht.

»Sie«, sagt William und steht auf. »Was ist Ihr Problem? Weshalb sehen Sie sie so an?«

Er geht drohend auf Gabriel zu.

»Steh auf«, sage ich, lauter diesmal. Ich ziehe Gabriel hoch.

Im Kopf meines Bruders scheint sich ein Schalter umzulegen. Er sieht William blinzelnd an, als würde er ihn erst jetzt bemerken, und tritt einen Schritt zurück.

»Entschuldigung«, sagt er. »Ich wollte nicht …«

Doch William hört ihm nicht zu. Er schiebt sein Gesicht knapp vor Gabriels und packt ihn mit beiden Händen am T-Shirt.

»Das ist meine Frau«, sagt er.

Gabriel kneift die Augen zusammen. Er hebt die Hände, hat Williams Zorn aber nichts entgegenzusetzen. Ein Bild direkt aus unserer Kindheit: mein Bruder, der in Schwierigkeiten steckt und sich auf einen Schlag gefasst macht, eine mütterliche Hand fest um seinen Unterarm geklammert.

»Das ist meine tote Frau«, schreit William mit hochrotem Gesicht. »Gefällt es dir, sie so zu sehen?« Bei jedem Wort schüttelt er meinen Bruder. »Geht dir davon einer ab, du kranker Perverser?«

Er stand unter Schock, werden die Leute später erklären. Er wusste nicht, was er sagte.

Ich schiebe mich zwischen William und Gabriel.

»Lassen Sie ihn in Ruhe.«

Ich packe Williams Fäuste und versuche, sie von Gabriels T-Shirt zu lösen. William versetzt mir einen Stoß ans Schlüsselbein. Er ist stark, sein Hieb präzise und schmerzhaft. Ich packe ihn am Bademantel, der sich ganz zu öffnen droht.

»Aufhören«, sagt jemand leise.

Für einen Moment schaut William sich suchend um, dann sieht er wieder mich an.

»Halt dich da raus, du Fotze.«

Ich öffne den Mund, um ihn anzuschreien. Doch bevor ich ein Wort herausbringe, sagt Gabriel: »Schon gut.«

Mit einem jähen Kraftakt windet er sich aus Williams Griff und tritt mit erhobener Hand ein paar Schritte zurück, um Abstand zwischen ihn und uns beide zu bringen.

»Es tut mir leid«, sagt er, ein wenig atemlos. »Ich wollte Sie nicht verärgern. Entschuldigen Sie bitte.«

Er streicht die Vorderseite seines T-Shirts glatt. William sieht ihn verblüfft an, als wäre er selbst noch nie auf die Idee gekommen, einem Kampf aus dem Weg zu gehen.

»Entschuldige dich nicht bei ihm«, sage ich. »Er hat uns angegriffen …«

»Schon okay«, schneidet Gabriel mir das Wort ab. »Es war mein Fehler. Es tut mir sehr, sehr leid.«

Mein Bruder sieht die versammelte Menge an. »Ich möchte mich bei Ihnen allen entschuldigen. Ich wollte keine Szene machen.«

Ich schüttele den Kopf.

Gabriel legt mir einen Arm um die Schultern und zieht mich fort.

»Es ist schon gut«, murmelt er, aber ich spüre, dass er unter Schock steht. Seine Hand auf meinem Arm zittert, sein Herz pocht an meinen Rippen.

Bald schon führt Gabriel mich nicht mehr, sondern stützt sich beim Gehen auf mich.

Ich schlinge einen Arm um seinen Rücken.

Bestimmt denkt er auch ängstlich an das schwarze Loch zurück, das vor knapp zehn Jahren beinahe sein gesamtes Leben verschlungen hätte. Daran, was mit Ehemännern geschieht, wenn ihre Frauen tot aufgefunden werden.

6Escalante, Utah

Der fünfte Tag

Die meisten Menschen erleben höchstens eine persönliche True-Crime-Story. Gabriel bekam es mit zwei zu tun.

Erst Émile, dann Annie.

Gabriel war einundzwanzig, als sie sich kennenlernten. Ihre Liebesgeschichte entwickelte sich rasant, wie ein Zusammenschnitt in einem Hollywoodfilm: Dates, Drinks, Abendessen. Nach sechs Monaten Beziehung ein Ring. Ein Haus in New Jersey.

Es ging schnell, aber die beiden Liebenden hatten es eilig. Vielleicht spürten sie, dass ihnen nicht viel Zeit blieb.

Nach nur zwei Jahren Ehe kehrte Gabriel eines Abends in ein leeres Haus zurück. Er wartete, versuchte, Annie zu erreichen. Nichts. Gabriel wählte den Notruf und meldete seine Frau als vermisst. Dann rief er mich an. Als ich eintraf, hatte die Polizei das Haus bereits komplett vereinnahmt und ihm gesagt, dass er draußen warten solle, während sie es durchsuchten. Anschließend nahmen sie Gabriel zum Verhör aufs Revier mit.

Zwei Wochen später entdeckten sie Annies Leiche in einem Fluss, ein paar Meilen entfernt von einem Wasserfall an einer ihrer liebsten Laufstrecken.

Gabriel sprach im Laufe des folgenden Monats noch zweimal mit der Polizei. Jedes Mal ließen sie ihn wieder gehen, und er wurde nie vor Gericht gestellt.

Doch den Leuten ließ die Sache keine Ruhe. Monatelang machte der Fall Schlagzeilen. Es half nicht, dass die Polizei keinen anderen Verdächtigen präsentierte, geschweige denn jemanden anklagte. Und so lag der Fokus die ganze Zeit auf Gabriel. Sämtliche Nachrichtensender und Zeitungen stürzten sich auf die Geschichte. Der Mord an Annie war nach ihrer Lesart ein tragischer Fall von häuslicher Gewalt, der die gesamte Nation anging. »Anonyme Quellen« freuten sich, ja überschlugen sich geradezu, von Streits zu erzählen, die sie in Annies und Gabriels Haus gehört haben wollten. Mal hatte jemand geweint. Mal hatte Annie sich über ihre finanzielle Situation beklagt.

Ich tat, was ich konnte. Wenn jemand flüsterte, erhob ich die Stimme. Wenn jemand Gabriel einen vernichtenden Blick zuwarf, starrte ich unverhohlen zurück.

Doch das reichte nicht. Als Gabriel eines Morgens sein Auto aufsperrte, sah er, dass die Seitenspiegel abgeschlagen waren. Und als er es ein paar Stunden später in die Garage fahren wollte, hatte jemand in grellen roten Lettern das Wort KILLER auf das Tor gesprüht.

Wer hätte so weiterleben können? Gabriel jedenfalls nicht. Also zog er an die Westküste und fing in Seattle ein neues Leben an.

Ich verstand, dass er unbedingt wegwollte. Aber wieso ausgerechnet nach Seattle? Wir waren nie zuvor dort gewesen.

»Ganz genau«, sagte er, als ich diesen Einwand erhob.

»Was ist mit Florida?«, fragte ich. »Oder Texas? Illinois?«

Was ist mit irgendeinem anderen Ort, der sich nicht in der Tri-State Area befindet und zu dem ich einigermaßen problemlos gelangen kann?

Doch er wollte nicht nachgeben. Gabriel war fest entschlossen, so viel Distanz wie möglich zwischen sich und den Staat New Jersey zu bringen.

Und wozu?

Er hat diesen Fall noch immer an den Hacken. Seit mittlerweile fast neun Jahren labt sich ein Teil des Internets nun schon daran. Diese Leute ersinnen ständig neue abseitige Theorien und fordern Einblick in die Ermittlungsakten.

Ich habe versucht, Gabriel festzuhalten, und habe ihn letzten Endes auf so gut wie jede denkbare Weise verloren.

Das werde ich nicht noch einmal zulassen.

Gabriel öffnet eine Wasserflasche aus der Minibar. Nach ein paar Schlucken reicht er sie mir.

Ich könnte mir selbst eine Flasche nehmen. Die Minibar ist im Preis inbegriffen. Wenn wir die Suite verlassen, wird sie jedes Mal wie von Zauberhand wieder aufgefüllt. Aber manche Angewohnheiten kann man einfach nicht ablegen. Da wir viele Jahre nicht genug zu essen bekamen, essen wir auch heute noch immer unsere Teller leer, packen halb aufgegessene Riegel wieder ein und halten uns Chipstüten über die Gesichter, um uns die letzten Krümel in die Münder zu schütteln. Und wenn Charlie zu Hause ausnahmsweise mal nicht sein ganzes Frühstück verputzt, schütte ich sein Trockenfutter wieder in die Packung zurück.

Ich trinke aus derselben Flasche wie mein Bruder und stelle sie in den kleinen Kühlschrank zurück.

Gabriel sitzt auf seiner Bettkante. Ich nehme ihm gegenüber auf meinem Bett Platz und vergrabe das Gesicht in den Händen.

»Ich muss mit den Polizisten sprechen«, sage ich durch meine gekrümmten Finger.

»Was?«

Er sieht mich an.

»Ich muss ihnen sagen, was ich gestern Nacht gesehen habe«, erwidere ich. »Was zwischen Sabrina und William war. Die Polizei sollte davon erfahren.«

»Ach ja.«

Plötzlich kommt mir ein Gedanke, und ich hebe den Kopf.

»Hey. Hast du die beiden eigentlich nicht gesehen?«

Gabriel runzelt die Stirn.

»Letzte Nacht, meine ich. Als ich zurückkam und du nicht hier warst, warst du doch draußen, stimmt’s? Hast du sie gehört?«

Gabriels Miene verfinstert sich, und ich weiß, was er als Nächstes sagen wird.

»Ja, ich habe … etwas gehört. Gesprächsfetzen. Ich habe mitbekommen, dass jemand streitet.« Aber. »Ich bin in die Gegenrichtung gegangen. Zur Lobby.«

Gabriel starrt auf seine Füße und errötet.

»Ich wollte nicht in irgendetwas hineingezogen werden. Ich habe es nicht fertiggebracht. Ich versuche, Konfrontationen aus dem Weg zu gehen.« Gabriel streicht sein T-Shirt glatt, wo William Brenner es mit den Fäusten zerknüllt hat. »Na ja, so gut es eben geht.«

Ich stelle ihn mir vor – den schlaftrunkenen Gabriel in seiner Jogginghose unter dem Sternenhimmel. In der Dunkelheit ertönen laute Stimmen. Sein Entschluss gerät ins Wanken. So kenne ich Gabriel: immer ein bisschen zu ängstlich, um allein etwas zu unternehmen. Er ist zu großem Mut fähig, aber nur, wenn er jemanden an seiner Seite weiß.

Er hebt den Kopf und beißt auf die Innenseite seiner Wange. »Ich wünschte, ich hätte besser aufgepasst. Vielleicht hätte ich … Ach, ich weiß nicht.«

Sein Atem stockt.

»Wir …«, beginnt er. »Sabrina, wir …«

Seine Augen werden feucht, und er sieht aus dem Fenster – weg von mir.

Sabrina, wir was?

Sabrina, wir hätten ihr irgendwie helfen müssen?

Sabrina, wir hätten sie retten können?

Oder meint er »wir« im Sinne von »Sabrina und ich«?

Ich habe sie nur einmal miteinander reden sehen. An unserem ersten Tag im Hotel. Gabriel und ich gingen gerade vom Pool zu unserer Suite zurück. Er prallte gegen Sabrina, oder vielleicht auch sie gegen ihn. Sie blieben stehen und entschuldigten sich beieinander. Zwischen den beiden war keine Wut, keine Spannung zu spüren. Ich sehe noch vor mir, wie sie sich seitlich an den Kopf fasste und mit den Fingerspitzen über ihre Haarspange strich. Wie sie die Umrisse des Schmetterlings darauf nachzeichnete, während sie Gabriel anlächelte und seine Entschuldigung zurückwies. Nein, das war mein Fehler. Ich habe nicht aufgepasst.

Gabriel zwickt sich in den Nasenrücken.

»Was glaubst du, was mit ihr passiert ist?«, fragt er.

Ich zucke die Achseln.

»Sie haben sich gestritten. Er hat sie geschubst. Oder mit irgendetwas angegriffen.«

Wir sitzen schweigend da.

Als ich die Brenners zum ersten Mal sah, wäre ich ihnen fast auf den Leim gegangen. Das war, bevor ich William erkannte und begriff, wer die beiden waren. In diesem Moment hatte ich nur das Bild gesehen, das die beiden von sich vermitteln wollten. Es war wie die Anfangsszene eines Films: das Motorendröhnen, mit dem William vor dem Hotel vorfuhr, die kinetische Energie, die durch die Umstehenden wogte, als sich unser aller Augen auf das Fahrzeug richteten. Es war ein elegantes Modell, ein Coupé, ziemlich schnittig, das grellrot in der Sonne funkelte und mich in gewisser Weise an eine E-Gitarre erinnerte.

William, in einem weißen Leinenanzug, der jemandem vom Parkservice den Schlüssel reichte. Sabrina, die sich aus dem Beifahrersitz schälte, die Augen hinter einer smaragdgrünen Sonnenbrille verborgen, deren Gläser tiefschwarz und so undurchsichtig wie eine unbeleuchtete Kinoleinwand waren.

Nachdem ich sie ein paar Stunden beobachtet hatte, fand ich sie als Paar nicht mehr ganz so überzeugend. Aber ein gewaltsamer Tod? Ernsthaft?

Es gibt natürlich auch noch eine andere Möglichkeit: Es könnte ein Unfall gewesen sein. Streng genommen wäre das denkbar.

Aber ich weiß, was ich gesehen habe: Sabrina Brenner hat leblos mit eingeschlagenem Hinterkopf auf dem Bauch gelegen.

Gabriel massiert sich die Schläfen. Vielleicht geht er auch gerade die potenziellen Erklärungen durch und schließt eine nach der anderen aus.

Wenn das, was Sabrina widerfahren ist, ein Unfall gewesen wäre – wäre sie zum Beispiel gestürzt –, dann befände sich die Verletzung höchstwahrscheinlich auf der Vorderseite ihres Kopfes – oder auf welche Seite auch immer sie gefallen ist. Auf jeden Fall hätte sie noch immer auf dieser Verletzung gelegen, als jemand sie fand.

Außer Sabrina ist hingefallen, hat sich den Kopf aufgeschlagen und sich anschließend noch bewegt. Könnte sie beim Versuch, Hilfe zu holen, ein kurzes Stück gekrabbelt sein und erst dann das Bewusstsein verloren haben?

Nein.

Wieso bin ich mir dessen so sicher?

Es hat irgendetwas mit dem Fundort zu tun. Ach ja, richtig …

Das Blut.

Wenn Sabrina sich selbst verletzt und anschließend bewegt hätte, wäre es überall. Sie hätte ihre Wunde berührt. Es gäbe Handabdrücke oder irgendwelche Schlieren.

Aber da war nichts.

Das weiß ich ganz genau. Wenn eine Frau, wenige Stunden, nachdem man ihr nachts hinterherspioniert hat, plötzlich tot ist, achtet man auf solche Sachen.

Womit nur noch eine Theorie übrigbleibt: Sie ist angegriffen worden. Jemand hat sie mit einem schweren Gegenstand erschlagen oder mit Wucht auf eine harte Oberfläche geknallt.

Ein Schauder läuft mir über den Rücken. Mittlerweile sind bestimmt Polizisten vor Ort, Ermittler oder Streifenbeamte. Mir ist beides recht.

Ich stehe auf.

»Gehst du jetzt sofort?«, fragt Gabriel.

»Ich kann nicht warten.«

Es stimmt. Ich kann es nicht.