Palarnor - Sophie Gaul - E-Book

Palarnor E-Book

Sophie Gaul

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Beschreibung

Nachdem es bei einem Fest in ihrer Heimatstadt Tynemi einen Zwischenfall gab, macht sich Anymi zusammen mit ihrem Vater, dem König von Gorgoras, dem Land der Eledras, und einigen Anderen auf den Weg in die Stadt Nunee um dort den Rat des weißen Zauberers Lioneer einzuholen. Doch auf dem Weg macht sie eine ungeahnte Entdeckung, die ihr Leben auf den Kopf stellt und sie plötzlich im Mittelpunkt der Ereignisse stehen lässt. Das Schicksal Drunyerds liegt nun in ihren Händen...

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

PROLOG

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHTZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREIßIG

KAPITEL EINUNDDREIßIG

EPILOG

GLOSSAR

PROLOG

Dorita war allein im Wald unterwegs. Sie musste einfach mal raus aus dem Palast. Außerdem waren ihre Heilkräuter so gut wie verbraucht. Also hatte sie ihre Tochter der Kinderfrau anvertraut und war mit einem Korb in der Hand aufgebrochen.

Der kleine Wald am Rand von Tynemis Stadtgrenze war gut zu Fuß zu erreichen, sodass sie nach einem kurzen Spaziergang über die Pegasiwiesen in den Schatten der Bäume getreten war.

In Gedanken war sie bei ihrer Tochter als sie zwischen den Bäumen umherschritt. Ob sie wohl Recht behalten würde? Die Bilder waren so klar gewesen. Als wenn sie real gewesen wären. Ein Schaudern lief über ihren Rücken, doch er rührte nicht von der Kühle unter dem Blätterdach her. Die schrecklichen Visionen von ihrer Tochter ließen Dorita nicht mehr los. Sie fühlte sich hilflos, trotz der riesigen Macht die in ihren Händen lag. Und auch von ihrem Mann konnte sie keine Unterstützung erhoffen, obwohl er der mächtigste Mann in ganz Gorgoras war. Er glaubte ihr nicht. Er wollte es nicht glauben.

Sie kam zu einer Quelle und trank ein paar Schlucke ehe sie ein kleines Messer hervorholte. Nicht weit vom Ursprung der Quelle wuchsen seltene Kräuter. Sie schnitt vorsichtig die Blätter ab und legte sie dann sorgsam in ihren Korb.

Es raschelte in den Bäumen um die Quelle herum. Dorita blickte sich aufmerksam um. Einige kleine Vögel flogen aus den Baumkronen auf und ein Windstoß fuhr zwischen die Äste. Wieder lief ihr ein Schauer den Rücken hinab. Vielleicht war es doch leichtsinnig gewesen, niemandem zu sagen, wo sie hingegangen war. Sie versuchte die Gedanken zu verscheuchen und ging weiter in den Wald hinein. In der Nähe einer alten Weide wuchsen weitere seltene Kräuter. Ihr Vorrat war bereits vor einiger Zeit zur Neige gegangen, daher wollte sie eine größere Menge schneiden.

Wieder raschelte es über ihr, diesmal lauter. Sie beschleunigte ihre Schritte und versuchte, sich zu beruhigen. In den Baumkronen leben viele Tiere, sagte sie sich. Es ist normal, dass es raschelt.

Es wurde still im Wald um sie herum. Alle Vögel schienen plötzlich verstummt zu sein. Langsam stellte Dorita ihren Korb auf den Boden und schuf einen Schutzzauber um sich herum.

Ein Schatten stürzte von einem der Bäume herab und stieß einen schrillen Schrei aus.

Ein Kreischer! dachte sie. Was will er bloß von mir?

Der Kreischer glitt über sie hinweg und landete wenige Schritte von ihr entfernt. Dorita war überrascht. Auf seinem Rücken saß kein Sorler, wie es üblich war, sondern ein hagerer Mann mit schwarzem, in filzigen Strähnen hängendem Bart, einer Glatze auf dem Kopf und dunklen Schatten unter den in tiefen Höhlen liegenden Augen. Der Mann glitt vom Rücken des Kreischers und trat einige Schritte auf sie zu. Er legte seine klauenartige Hand mit den dreckigen langen Fingernägeln auf den Knauf des Schwertes, welches ihm an einem Gürtel um die dürren, ausgemergelten Hüften hing. Dorita wich einige Schritte zurück und verstärkte ihren Zauber. Sie musterte den Mann genauer und erkannte, dass seine Haut über und über mit Tätowierungen unbekannter Runen und Narben versehen war.

„Wer seid Ihr und was wollt Ihr von mir?“, stieß sie atemlos hervor und wich weiter zurück als der Mann wieder einige Schritte auf sie zu machte. Viel zu schnell spürte sie die Rinde eines Baumes in ihrem Rücken.

„Aber, aber!“ Der Mann grinste böse. „Wollt Ihr, dreckige Hexe, mir etwa sagen, dass Ihr nicht wisst wer ich bin? Das verschlimmert Eure Lage um einiges.“ Er grinste böse. „Eigentlich kam ich nur, um Euch die Seele eurer Magie zu rauben, doch jetzt denke ich, sollte ich Euch wegen Eurer Unverschämtheit besser ganz aus dem Weg räumen.“ Er lachte leise und sein Blick heftete sich auf Doritas bleiches Gesicht.

Doritas Herz hämmerte in ihrer Brust. Wild huschte ihr Blick zwischen dem Mann und den sie umgebenden Bäumen hin und her und suchte nach einem Ausweg. Sie wollte zu einer Erwiderung ansetzen doch da hob der Mann blitzschnell eine Hand und zog mit der anderen sein Schwert. Ein starker magischer Schlag traf Doritas Schutzzauber. Er war so unvermittelt und mächtig, dass sie wusste, sie würde nichts erwidern können, denn sie musste all ihre Kräfte und ihre Konzentration auf den Erhalt ihres Schutzzaubers beschränken. Während sie verbissen ihren Zauber aufrechterhielt und versuchte einen Ausweg zu finden, betrachtete sie den Mann und das Schwert genauer. Er war ein mächtiger Zauberer, das stand fest. Mindestens genauso mächtig wie Lionier. Doch es gab nur einen Mann, auf den diese Beschreibung passte und es konnte doch unmöglich sein, dass sie den dunklen Zauberer Sadrüm vor sich hatte.

Immer heftiger trafen sie die magischen Schläge und erschütterten ihren magischen Schutz. Der Mann näherte sich weiter. Dorita wollte nicht glauben was mit ihr geschah, doch tief im ihrem Innern wusste sie, dass ihre Kräfte schwanden und sie in Kürze aufgeben musste. Das Schwert blitzte im Lichtkegel eines Sonnenstrahls auf, der es durch das Blätterdach geschafft hatte, und auch auf der Klinge konnte Dorita diese merkwürdigen Runen erkennen. Nirgends zuvor hatte sie solche Runen gesehen.

Doritas Zauber zerbarst plötzlich unter einem besonders mächtigen Schlag und mit einem Schrei ging sie zu Boden als der nächste magische Angriffszauber ihres Gegners sie mit voller Wucht traf. Sie lag benommen auf dem Waldboden und blickte in die Baumkronen hinauf.

„Ihr seid schwächer als ich dachte, dreckige Hexe.“ Das Gesicht des Mannes tauchte über ihr auf. „Und wisst Ihr was? Ich werde nun mein Schwert in euren Leib rammen, direkt dort wo Euer Herz so hektisch vor sich hinschlägt. Dann werde ich einen Zauber sprechen, welcher sich mit meinem Schwert verbindet und Euch Eure magische Seele rauben wird. Damit lässt sich so einiges anstellen. Ich habe viele Versuche gebraucht, doch vor kurzem gelang es mir, die geraubten Seelen wieder in einen anderen Körper einzusetzen, sodass sich mehrere in einem Körper vereinigen können. Ist das nicht wunderbar?“ Er grinste erneut und setzte die Schwertspitze auf Doritas Brust. Sie war zu schwach um Widerstand zu leisten. Verzweifelt blickte sie den Mann an. Sie war sich mittlerweile sicher, dass es der dunkle Zauberer sein musste. Niemand sonst war so wahnsinnig und gleichzeitig so mächtig. Magische Seelen in einen anderen Körper einsetzten? Davon hatte sie noch nie gehört. Der Mann beugte sich so tief hinab, dass seine Nase die ihre berührte und sie seinen stinkenden Atem riechen musste. Die Bäume verschwanden gänzlich aus ihrem Blickfeld. „Niemand kann mich aufhalten. Niemand!“, zischte er. „Ich werde euch alle niedermachen. Ich stelle eine ganze Armee von Seelentieren auf. Und eure Pferdchen machen sich da ganz besonders gut.“ Er grinste hämisch. „Und was Eure Prophezeiung angeht: Ich hasse Lügen.“ Die Schwertspitze bohrte sich langsam durch Doritas Kleider und in die Haut über ihrem Herzen hinein. „Es gibt keine freilebenden, magischen Pegasi mehr. Ich habe sie euch alle gestohlen! Daher kann diese lächerliche Prophezeiung auch niemals erfüllt werden. Und damit du keine weiteren Lügen verbreiten kannst, werde ich dir jetzt dein Ende bescheren!“ Der dunkle Zauberer lachte laut auf. Dann stach er zu und Dorita keuchte auf als sich die Schwertspitze mit kalter Präzision ihren Weg zwischen den Rippen zum Herzen bahnte. Ihr wurde schwarz vor Augen und ein brennender Schmerz erfüllte ihre Brust als der Zauberer begann, eine magische Formel zu murmeln.

EINS

Es war ein schöner Morgen und die Luft war klar. Über den Weiden um Tynemi, der Hauptstadt von Gorgoras, lag eine Nebelschicht und irgendwo hörte man ein Wiehern und den Flügelschlag mächtiger Flügel. Gorgoras war das Land der Eledras, kleiner Leute, meist nicht großer als 1,50m, die immer fröhlich waren und fast ein wenig naiv wirkten. Außerdem besaßen sie Pegasi. Alle Eledras hatten spitze Ohren und die Ältesten hatten oft einen kleinen Bierbauch, da es so viele Wirtshäuser gab und sie dort mit dem Alter immer öfter einkehrten.

In der Stadt war es noch still, denn erst wenn die Sonne ganz aufgegangen war, würden sich die Straßen mit Leben füllen. Hoch über alle anderen Dächer hinaus ragte der Palast mit seinen vielen Türmen und dem großen Park.

Eine junge Frau lief die verlassene Straße entlang, die vom Palast aus hinunter zum Stadttor und hinaus auf die Weiden führte. Anymi hatte den Palast bereits früher als sonst verlassen. Es zog sie auf die großen Weiden der Pegasi.

Ja, dachte sie. Kein anderes Land hat diese schönen Pegasi.

Stolz blickte sie zu ihnen. Sie grasten friedlich und waren noch vom Tau bedeckt. Kleine Dampfschwaden stiegen von ihren muskulösen Körpern empor. Die Weiden waren nicht eingezäunt, denn die Pegasi liefen nicht weg, da sie schon seit tausenden von Jahren mit den Eledras zusammen lebten und ein gewisses Band zwischen beiden Völkern entstanden war.

Anymi mochte jeden der Pegasi sehr, doch am meisten mochte sie Palarnor, den tiefschwarzen Hengst ihres Vaters Salarson, dem König von Gorgoras. Palarnor war stolz, schön und mutig zugleich. Er hatte eine wunderschöne, sehr lange Mähne, die sich wie ein tiefschwarzes Tuch in Wellen über seinen muskulösen Hals legte. Sie war schon ein paar Mal auf ihm geritten, doch fliegen durfte sie auf ihm nicht, denn im Flug, meinte ihr Vater, sei er manchmal unberechenbar.

Anymis Pegasus hieß Sarnagi. Sie war eine zierliche Schimmelstute und sehr ruhig.

Palarnor und Sarnagi standen nahe beieinander. Manchmal galoppierten sie beide wie der Blitz los, liefen um die Wette und machten die wildesten Bocksprünge, erhoben sich in die Lüfte, nur um nach kurzer Zeit wieder zu landen und eng beieinander zu grasen.

Anymi wandte sich nach einiger Zeit wieder zu Tynemi um und machte sich auf den Weg zurück in die Stadt. Die Sonne war inzwischen schon hoch über den Horizont gestiegen und ihre Strahlen drangen bis tief in die Winkel der Stadt hinein. Es wehte ein warmer Wind, der mit ihren langen, dunkelbraunen Haaren spielte und sie durch die Luft und in Anymis Gesicht wehte. Ihre blauen Augen leuchteten und auf ihrem Gesicht lag ein Lächeln.

Als sie in der Stadt ankam, herrschte nun reges Treiben, denn am nächsten Tag wollte man in der Stadt das traditionelle Fest des Sommers feiern. Es gab auch ein großes Wettfliegen der besten Pegasi des Landes. Auch Palarnor sollte daran teilnehmen. Er galt als Favorit und mehrere tausend Eledras hatten schon auf ihn gewettet.

Anymi dachte an Palarnor. Dreimal in Folge hatte er schon diesen Wettbewerb gewonnen. Ob er es dieses Mal wieder schaffen würde? Ihr Vater trainierte ihn zwar jeden Tag und er war wirklich gut, doch sie hatte ein schlechtes Gefühl, das ihr sagte, das dieses Mal etwas passieren würde.

Langsam schritt sie die lange, gewundene Straße zum Palast hinauf. Rechts und links von ihr waren Eledras damit beschäftigt, Blumen an den Fenstern und Türen anzubringen. Als sie durch einige Fenster schaute, sah sie Mütter die das Haus putzten und Kinder mit dreckigen Schuhen wieder hinausjagten. Alle Eledras, die ihren Weg kreuzten, bedachten sie mit freundlichen Blicken und wünschten ihr einen guten Morgen.

„Prinzessin Anymi!“, rief plötzlich jemand hinter ihr.

Sie blieb stehen und wartete auf den kleinen Mann, der in die rote, mit goldenen Verzierungen bestickte Garderobe des königlichen Boten gekleidet war. Er kam in eiligem Laufschritt auf sie zu.

Er verbeugte sich tief und sagte: „Ich soll Euch sagen, dass Euer Vater nach Euch sucht, Prinzessin. Ihr sollt sofort in den Palast kommen."

Anymi antwortete: „Gut, danke für die Nachricht. Ich bin schon auf dem Weg." Der Bote verneigte sich tief und ging davon.

Anymi mochte es nicht, wenn man sie Prinzessin nannte oder sich vor ihr verbeugte, doch sie konnte nichts daran ändern, das es die Diener doch taten.

Anymi beeilte sich, zum Thronsaal zu gelangen. Sie ging durch das große Palasttor, durch die Eingangshalle, die mit vielen Mosaiken geschmückt war, und mehrere Treppen hinauf und trat schließlich durch die großen Flügeltüren. Der Thronsaal hatte viele Säulen aus Marmor und große Fenster, durch das die Sonne hineinschien. Der Boden war mit Marmorfliesen bedeckt.

Ihr Vater, König Salarson, saß auf einem schlichten Steinthron. Er hatte seinen braunen, langen Bart in Zöpfe geflochten, doch sein langes Haar hing ein wenig wild über seine Schultern und er trug eine schlichte Goldkrone. Trotzdem war er nicht sonderlich wild, sondern eher friedlich und sanftmütig.

„Anymi!", empfing er sie. „Wo bist du gewesen? Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“

„Ich war bei den Weiden, um nach den Pegasi zu sehen. Es geht ihnen gut und Palarnor sieht kräftig aus."

„Das freut mich zu hören. Er wird sicher auch dieses Jahr das Wettfliegen gewinnen." König Salarson lächelte zuversichtlich.

Anymis Miene verdüsterte sich. „Vater! Ich habe ein ungutes Gefühl, welches mir sagt, dass dieses Mal etwas anders sein wird. Ich habe Angst, dass dir oder Palarnor etwas zustößt."

Salarsons Lächeln verschwand, doch dann lachte er. „Ach Anymi! Was soll denn schon passieren? Nein, ich bin zuversichtlich.“ Er stand von seinem Thron auf und nahm sie in den Arm. Liebevoll streichelte er ihr über das Haar.

„So, jetzt denke nicht mehr daran und geh auf dein Zimmer. Du musst noch dein Kleid für morgen anprobieren. Ich möchte doch, dass du schön aussiehst." Er lächelte Anymi an. Sie lächelte zurück, da sie ihn nicht weiter beunruhigen wollte und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer. Vielleicht hatte er ja Recht, immerhin war es ja nur ein Gefühl…

Als sie in ihrem Zimmer ankam, lag ein himmelblaues, mit Diamanten und Mustern verziertes Kleid auf ihrem Bett. Es passte sehr gut zu ihren Augen.

Es ist wunderschön…, dachte sie und probierte es an.

Sie betrachtete sich im Spiegel. Es passte wie angegossen und stand ihr gut. Vorsichtig zog sie es wieder aus und legte es sorgfältig zusammen. Dann trat sie an ihr Fenster, schaute auf die Straßen hinunter und dachte an das Wettfliegen des folgenden Tages. Der Gedanke daran wollte sie nicht mehr loslassen und sie zerbrach sich den Kopf darüber, was denn passieren konnte. Palarnor würde nicht abstürzen, dazu war er viel zu kräftig und den schnellen Flug über lange Strecken gewohnt. Aber was konnte sonst noch eine Gefahr darstellen? Sie entschloss sich, hinunter in den Park zu gehen, denn dort konnte sie besser nachdenken. Sie trat aus ihrem Zimmer und stieg die lange Wendeltreppe hinunter, denn ihr Zimmer lag in einem der höchsten Türme. Die Treppe endete in einem langen Gang. Sie folgte diesem und gelangte zu einer weiteren Treppe. Sie stieg rasch die Treppe hinunter und kam in eine der fünf großen Festhallen. Von dort aus war es nicht mehr weit. Sie wandte sich nach rechts und ging auf eine Seitentür zu. Sie öffnete die Tür und gelangte in einen engen Gang. Es war einer von vielen Dienstbotengängen, die den Palast einem Irrgarten gleich durchzogen. Man konnte sich in ihnen regelrecht verlaufen, wenn man nicht wusste, wohin sie führten.

Anymi eilte den Gang entlang und kam blad zu einer weiteren Tür. Sie stieß diese auf und wurde von einem frischen Wind begrüßt. Langsam ging sie auf einen der kleinen Brunnen zu, die sich über den ganzen Park verteilten. Sie ließ sich auf einer daneben stehende Bank nieder und begann von neuem über ihr ungutes Gefühl zu grübeln.

Was sollte das Fest oder das Wettfliegen stören?, versuchte sie zu ergründen. Es wird doch wohl niemand so dumm sein und einen Angriff oder Ähnliches wagen! Derjenige müsste schon sehr, sehr dumm oder ziemlich verwirrt sein, wenn er einen Angriff auf meinen Vater oder Palarnor oder die Stadt wagen würde, obwohl es nur so vor Soldaten wimmeln wird! Sie konnte einfach keinen Grund finden und blickte gedankenverloren auf das sich wellende Wasser.

Als sie, von lautem Vogelgezwitscher aus ihren Träumen gerissen aufschreckte, bemerkte sie, dass es schon zu dämmern begann. Sie stand auf, um zurück in ihr Zimmer zu gehen. Sie wollte schon zu Bett gehen, denn sie fühlte sich plötzlich sehr müde.

In ihrem Zimmer fand sie ihr Mittagessen, welches von den Dienern vor Stunden hereingebracht worden war. Sie aß es, obwohl es kalt war und legte sich dann ins Bett. Dort schlief sie beinahe sofort ein.

Am nächsten Tag war die ganze Stadt mit Blumen geschmückt, alle Wirtshäuser ausgebucht und das Volk voller Freude. Anymi wachte früh auf, zog das himmelblaue Kleid an und ging hinunter zu ihrem Vater.

„Anymi! Du siehst wunderschön in diesem Kleid aus. Du bist bestimmt die Schönste des ganzen Landes!", die Augen ihres Vaters leuchteten begeistert.

„Danke!", erwiderte sie und lachte. Sie wusste, dass ihr Vater sehr stolz auf sie, seine einzige Tochter, war.

„Die Stadt ist schon voller Leben! Aus ganz Gorgoras sind Eledras eingetroffen. Einige mussten sogar heute Nacht auf der Straße schlafen, da alle Wirtshäuser ausgebucht und keine Zimmer mehr verfügbar waren. Es wird wohl heute ein frohes Fest geben", meinte ihr Vater.

Anymi setzte sich und nahm sich etwas zu essen. Eine Dienerin brachte ihr ein Glas mit frischem Quellwasser. Anymi bedankte sich bei ihr und begann zu essen. Dabei ließ sie den Blick durch den Speisesaal schweifen. Der Saal, welcher normalerweise zu den Essenszeiten nur so von Eledras wimmelte, denn alle im Palast lebenden Personen durften hier essen, war nun wie ausgestorben. Die meisten waren schon früh in die Stadt gegangen um zu feiern, denn heute war es allen erlaubt, die Festlichkeiten zu genießen.

Nachdem sie aufgegessen hatte sagte ihr Vater: „So. Anymi könntest du bitte in den Stall gehen und nach Palarnor schauen. Er wurde gestern Abend unter großen Bemühungen in den Stall gebracht. Er ist sicher aufgeregt. Kümmere dich dann um ihn. Er muss heute in guter Verfassung sein."

„Ja, das mache ich gern", sagte Anymi und verließ eilig den Palast.

Sie ging durch die geschmückten Straßen zu dem prächtigen Stallgebäude. Als sie den Stall betrat, hörte sie schon aufgebrachtes Wiehern und eine laute Männerstimme: „Wirst du jetzt wohl still sein! Beruhige dich doch endlich!“

Sie lief schnell zum Ende der Stallgasse, wo Palarnor seine Box hatte, und sah, wie er sich immer wieder aufbäumte, mit den Flügeln schlug und lauthals wieherte. Vor seiner Box stand der Stallaufseher und versuchte ihn zu beruhigen. Als er Anymi sah, sagte er verzweifelt: „Ich schaffe es einfach nicht, ihn zu beruhigen. Heute Morgen hätte er schon fast seine Box zerschlagen!“

Anymi betrachtete Palarnor. Der Hengst blickte seinerseits zu ihr und schlug unruhig mit dem Kopf. Sie bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick und meinte dann zu dem Stallaufseher: „Geh du wieder an deine Arbeit. Ich werde ihn beruhigen und für den Wettbewerb fertig machen. Mein Vater wird sicher bald kommen, dann muss er bereit sein.“

Der Stallaufseher ging erleichtert und Anymi sprach auf Palarnor ein: „Du brauchst dich doch nicht so aufregen. Es ist alles in Ordnung und du bist doch bald wieder raus hier. Also stell dich mal nicht so an. Ich passe jetzt auf dich auf!“

Palarnor spitzte die Ohren. Er schien ihre Worte zu verstehen, denn er beruhigte sich langsam und begann leise vor sich hin zu schnobern während sie seine Stirn kraulte.

„Na siehst du! Ist doch nicht so wild!“

Anymi freute sich sehr darüber, das Palarnor auf sie reagiert hatte. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass er sie sehr mochte und absichtlich so ungebärdig war, nur damit sie zu ihm kam.

Sie öffnete die Boxentür und Palarnor schritt hinaus und blieb mitten auf der Stallgasse stehen. Anymi begann, ihm mit einem feuchten Tuch und einer weichen Bürste den Schweiß und den Staub abzuputzen bis er überall glänzte. Dann säuberte sie noch seine Hufe und ging danach in die nahe gelegene Sattelkammer, um den Sattel, der aus ganz dünnem, sehr bequemem Leder bestand, zu holen. Sie sattelte ihn und wartete auf ihren Vater. Sie musste nochmals an ihr ungutes Gefühl denken. Aber dann redete sie sich ein, dass es sicher nur Einbildung war. Wenn über hunderttausend Eledras anwesend waren, würde doch niemand irgendetwas Verrücktes machen. Aber ganz sicher war sie sich da nicht.

Im selben Moment öffnete sich die Stalltür und ihr Vater kam hineingestürmt. „Oh!“, rief er erleichtert und verlangsamte seine Schritte. „Du hast ihn schon fertig gemacht. Das ist gut so, denn wir müssen uns beeilen. Der Start ist in zehn Minuten und den wollte ich nicht verpassen. Du kannst ja schon mal zum Platz gehen! Ich reite mit Palarnor sofort hinüber" Er bedeutete seinen Dienern, ihm auf den Pegasus zu helfen und Anymi machte sich auf den Weg zu dem großen Wettbewerbsplatz.

Dort angekommen, begegnete sie vielen Freunden und Bekannten. Sie unterhielt sich hier und dort ein Weilchen und ging dann zu den Zuschauerbänken.

Dort traf sie ihre beste Freundin Ornia. Zusammen suchten sie eine Bank, von der aus sie gut sehen konnten. Bald hatten sie eine in der Mitte des Platzes gefunden. Dort setzten sie sich und blickten erwartungsvoll in Richtung Start. Es kamen inzwischen schon die Pegasi in Sicht und stellten sich an der Startlinie auf.

Palarnor muss drei Runden um den Platz fliegen und dabei auch noch der schnellste sein, dachte Anymi aufgeregt.

Plötzlich erklang die laute Stimme des Ansagers und die Menge verstummte. Anymi fragte sich immer wieder, wie er so eine laute Stimme haben konnte, doch sie wollte sich nun nicht den Kopf darüber zerbrechen, es hatte wahrscheinlich eh mit Magie zu tun, denn der Ansager begann zu sprechen:

„Meine Damen und Herren!“, begrüßte der Ansager die Zuschauer. „Wie ich sehe, sind Eledras aus dem ganzen Land hierher gereist, um dieses einmalige Fest des Sommers zu feiern!“ Begeistert jubelte die Menge auf. „Ich sehe die Stimmung ist wunderbar! Jetzt kommen wir zum Höhepunkt dieses Festes: Dem Sommer-Wettfliegen!“ Aus der Menge ertönten erneut Jubel und Applaus.

Der Ansager sprach weiter: „An den Start gehen König Salarson auf seinem schwarzen Hengst Palarnor, Getrod auf dem braunen Hengst Detros, Shadro auf seiner cremefarbenen Stute Hijumni und Felè auf der grauen Stute Jemni!“ Wieder brach Jubel in der Menge aus. Hier und da wurden die Namen gerufen.

„So, und nun, alle bereit? Also dann, auf die Plätze, fertig, los! ...“

Die Stimme des Ansagers ging im Rauschen der Schwingen unter, die Pegasi und Reitern nun in atemberaubendem Tempo um den Platz trugen.

Anymi verfolgte Palarnor, der an zweiter Stelle war. Vor ihm flog Hijumni und als Dritter folgte Detros. Jemni war gar nicht gestartet, da sie sich zu Boden geworfen hatte und bockte. Ihr Besitzer war in die Luft geschleudert worden und hatte nun, nachdem er wieder auf die Beine gekommen war, Mühe sie zu bändigen.

Palarnor versuchte derweil an Hijumni vorbeizuziehen, als plötzlich ein Schatten über den Platz schoss. Anymi blickte höher hinauf. Über den Pegasi flog noch jemand oder etwas anderes und begann Kreise zu ziehen. Der Schatten war jedoch so weit oben, das Anymi nicht erkennen konnte was es war. Auf einmal schlug Palarnor verzweifelt mit den großen Schwingen, schien in der Luft zu straucheln und konnte sich dann jedoch nicht mehr in der Luft halten. Die großen Schwingen trugen den Pegasus und seinen Reiter nicht mehr und sie rasten mit großer Geschwindigkeit rücklings dem Boden entgegen. Es gab einen dumpfen Aufschlag und aus der Zuschauermenge kamen entsetzte Schreie. Anymi kletterte panisch und entsetzt durch die Absperrung und lief aufgeregt zu ihrem Vater und Palarnor hinüber. Der König lag einige Meter von Palarnor entfernt auf dem Boden.

Als sie ankam rührte sich Salarson nicht. Auch Palarnor lag ganz still da, Anymi konnte den Schaft eines Pfeils aus seiner linken Schulter ragen sehen. Der Pegasus bewegte sich nicht, Anymi konnte sehen, dass er Schmerzen hatte. Sie kniete sich neben ihren Vater und schüttelte ihn unter Tränen. Verzweifelt rief sie: „Vater! Vater! So sag doch etwas!“ Sie warf sich auf seinen leblosen Körper und klammerte sich an ihn.

Nach einer Weile rührte Salarson sich wieder und Anymi wich zurück. Vorsichtig setzte sich Salarson auf.

„Was ist los? Was ist mit Palarnor passiert?“, fragte er und stöhnte.

„Oh Vater! Ich bin so froh, dass du wieder wach bist. Geht es dir gut?“, fragte Anymi erleichtert.

„Ja. Ich glaube, bei mir ist alles Ok.“, meinte Salarson und bewegt seine Arme und Beine. „Aber was ist mit Palarnor. Warum sind wir abgestürzt?“

„Ich weiß es nicht. Es scheint, als seid ihr von einem schwarzen Pfeil getroffen worden. Dann ist Palarnor abgestürzt, weil er sich nicht mehr in der Luft halten konnte und ihr seid auf dem Boden aufgeschlagen…“, erzählte Anymi und bekam wieder feuchte Augen.

Salarson blickte sich um und betrachtete Palarnor. Der schwarze Pegasus lag immer noch reglos am Boden, doch sein Blick wirkte schmerzerfüllt. Eine kleine Menge Eledras hatte sich um ihn gesammelt, alle Zuschauer waren verstummt, die anderen Teilnehmer des Wettfliegens in der Nähe gelandet. Alle hielten den Atem an. Mühsam stand Salarson auf und ging zu Palarnor hinüber. Dann beugte er sich hinunter und begutachtete den Pfeil sehr genau.

„Mh…“, machte er und winkte dann einen Boten heran. „Such sofort den besten Heiler der Stadt und schick ihn her. Er soll sich um Palarnor kümmern“, beauftragte er den Boten und dieser eilte schnell davon.

Salarson machte sich auf den Weg zum Ansager. Er wollte das Rennen für beendet erklären. Die anderen Pegasi und ihre Reiter warteten, was der Ansager ihnen nach dem Gespräch mit dem König ausrichten würde.

Nachdem Salarson alle Angelegenheiten mit dem Ansager besprochen hatte und dieser es dem Publikum verkündet hatte, kam er zurück zu Anymi und Palarnor. Anymi hatte sich mittlerweile wieder etwas beruhigt und schaute ihren Vater erwartungsvoll an. Sie war neugierig und gleichzeitig ein wenig besorgt, was er zu dem Pfeil sagen würde. Salarsons Mine war ernst.

„Anymi, ich mache mir große Sorgen. Dieser Pfeil wurde von einem Sorler abgeschossen. Das erkenne ich an den roten und schwarzen Federn, die an den Seiten angebracht sind“, erklärte er mit grimmigem Blick. „Du weißt, dass sich die Sorler schon vor Jahren dem dunklen Zauberer Sadrüm angeschlossen haben. Es kann sich also nur um eine Art Attentat auf Palarnor oder mich handeln.“

„Was? Aber Vater! Warum sollte der dunkle Zauberer Palarnor töten wollen? Er ist doch nur ein Pegasus!“ Anymi war nun wieder den Tränen nahe und sah ihren Vater bittend an. „Sag, dass es keinen Krieg geben wird. Wir leben doch hier in Frieden und haben mit dem dunklen Zauberer nichts zu schaffen.“

„Nicht jetzt, Anymi. Komm später zu mir. Ich werde dir alles erklären. Bitte kümmere dich um Palarnor, sobald der Heiler da ist, ich muss nun in den Palast und einiges klären.“ Damit wandte Salarson sich mit einem letzten Blick auf Palarnor ab, winkte seinen Soldaten, ihm zu folgen und machte sich auf den Weg durch die Menge. Anymi blieb schweigend sitzen und streichelte Palarnor die Stirn. Sie konnte einfach nicht glauben, dass dieser Pfeil von einem Sorler stammte. Der dunkle Schatten am Himmel hatte sie nicht genau identifizieren können, daher hätte es auch ein anderer Pegasus sein können. Außerdem wollte sie sich nicht ausmalen, was ein solcher Angriff bedeuten würde. Eins war ihr jedoch klar: sollte ihr Vater vorhaben, zurückzuschlagen, würde sie ihn um jeden Preis begleiten.

Als der Heiler endlich ankam, zitterte Palarnor heftig, sein Atem ging keuchend und es durchliefen ihn immer wieder Schauer. Anymi saß an seiner Seite und streichelte ihm immer wieder über den Hals während sie ihm beruhigende Worte zuflüsterte.

„Er wurde von einem Giftpfeil getroffen“, sagte der Heiler und betrachtete den Pfeil eingehender. „Ich glaube nicht, dass schon viel Gift in seinem Blut ist, denn der Pfeil steckt nicht sehr tief drin.“

Der Heiler langte in seine Tasche und zog eine Zange heraus. „Ich werde ihn nun herausziehen. Drück seinen Hals nach unten, dann kann er sich nicht aufrichten“, riet er Anymi.

Weil sie nicht sehr viel Kraft mit ihren Händen ausüben konnte, legte Anymi sich über Palarnors Hals und streichelte seinen Kopf.

„Ich ziehe jetzt“, bereitete der Heiler sie auf das Kommende vor. Und kaum hatte er das gesagt, schrie Palarnor vor Schmerzen auf und versuchte aufzuspringen. Anymi musste sich so schwer machen wie sie konnte, damit sie ihn unten halten konnte.

„Er ist draußen!“, rief der Heiler hinter ihr und sie richtete sich erleichtert auf. Er legte den Pfeil neben seine Tasche und begutachtete die Wunde noch einmal genau.

„Er ist sauber heraus gekommen. So wird es gut verheilen können“, meinte er.

Dann langte er in seinen Kräuterkasten und mischte mehrere Kräuter zusammen. Er fügte ihnen Wasser bei und goss dieses Gemisch dann auf die Wunde. Palarnor schrie abermals auf und wollte sich aufrichten, doch er wurde von dem Schmerz wieder in die Knie gezwungen.

„Ist doch gut, mein Junge!“, versuchte Anymi ihn zu beruhigen, doch es half nichts. Er schien sie überhaupt nicht wahrzunehmen. Immer und immer wieder versuchte er sich aufzurichten und er kämpfe mit seinem Schmerz.

Doch Anymi versuchte es nochmals und sprach mit beruhigenden Worten auf ihn ein. „Alles ist in Ordnung Palarnor! Der Heiler wird dich gesund machen und dann wirst du keine Schmerzen mehr haben. Ich bin bei dir!“ Palarnors Ohren zuckten in ihre Richtung. Endlich schien Palarnor ihre Stimme zu hören und wurde ruhiger. Die Eledras, die in der Nähe standen, warfen erstaunte Blicke auf Anymi. Eine junge Prinzessin, die einen wilden Pegasus bändigt? Auch der Heiler betrachtete sie verwundert, doch dann fuhr er fort und begann, Palarnors Schulter zu massieren.

Als der Heiler mit seiner Prozedur fertig war, lag Palarnor ganz entspannt auf dem Boden. „Du kannst ihn jetzt in den Stall bringen“, meinte der Heiler, packte seine Sachen zusammen. Er gab ihr noch ein paar Anweisungen für die weitere Behandlung der Wunde und ging dann.

Anymi machte sich daran, Palarnor zum Aufstehen zu bewegen. Als er sich endlich mühsam auf die Beine kämpfte, ging sie langsam mit ihm zum Stall zurück. Palarnor lahmte zwar ein wenig, aber die Schulter schien ihn nicht mehr allzu sehr zu schmerzen. Sie streichelte ihn und flüsterte beruhigende Worte an sein Ohr. Palarnor beobachtete sie aufmerksam und lauschte ihren Worten.

ZWEI

Nachdem sie Palarnor in den Stall gebracht hatte, lief Anymi so schnell sie konnte zum Palast. Dort sah sie, wie mehrere Offiziere und einige Gelehrte aus dem großen Tor herauskamen. Eilig ging sie in den Thronsaal und hörte ihren Vater mit jemandem reden. Sie versteckte sich hinter einer der vielen Säulen und lauschte.

„Aber das kann doch nicht sein. Wie um Himmels Willen sollte er davon erfahren haben?“, hörte sie den Fremden sagen.

„Vielleicht hat er nur durch Zufall erfahren, wer Palarnor wirklich ist“, meinte ihr Vater.

„Ja, das könnte möglich sein. Oder er hat es durch seine Spione erfahren. Ich bin sicher wir konnten nicht alle erwischen und beseitigen. Und jetzt hat er Angst vor Palarnor und versucht ihn zu töten oder für sich zu bekommen“, bemerkte der Fremde.

Anymi linste um die Säule herum. Jetzt erkannte sie den Fremden. Es war Gledré, der Freund ihres Vaters und König von Geedoneer, dem Elfenland. Er hatte kurze, braune Haare und einen kurzen Kinnbart. Seine Rüstung war fast vollständig aus Leder, nur der Brustpanzer glänzte silbern. Außerdem trug er hohe Lederstiefel, die auffällig verziert waren.

Was bespricht er bloß mit meinem Vater? Und warum ist er überhaupt hier, fragte sie sich. Es war schon länger her, dass Gledré da gewesen war. Vielleicht wollte er sich ja unser Fest ansehen, dachte sie.

Aber das kam ihr dann doch ein wenig komisch vor. Wer würde die weite Strecke von Geedoneer bis nach Tynemi antreten, um sich ein Fest anzusehen, dass sowieso nur einen Tag dauert? Vielleicht wollte Gledré ihren Vater ja auch besuchen. Wenn ich nur hier herumstehe, werde ich nie den Grund seiner Anwesenheit erfahren, dachte sie. Also trat sie hinter der Säule hervor und ging auf ihren Vater und Gledré zu.

„Anymi!“, rief ihr Vater, doch er klang nicht sehr fröhlich.

„Was wolltest du mir erklären? Und warum ist König Gledré hier?“, fragte Anymi schnell.

Ihr Vater schaute sie durchdringend an und sagte dann: „Ich weiß nicht, ob du davon wusstest, aber es gibt ein Geheimnis um Palarnor. Er ist der letzte magische Pegasus. Der dunkle Zauberer Sadrüm hat durch irgendwen oder irgendwas davon erfahren. Und er weiß anscheinend genauso wie wir, dass Palarnor besondere, magische Kräfte besitzt, die man auch im Kampf einsetzen kann. Vorausgesetzt, man weiß, wie.“ Salarson seufzte. „Sadrüm wird nun befürchten, dass wir ihn mit Hilfe von Palarnor besiegen wollen.“

„Aber Vater! Wir wollen doch nicht gegen ihn in den Krieg ziehen! Ich meine, er ist zwar böse und durchtrieben und grausam, aber da er uns bis jetzt relativ in Frieden leben lassen hat, gibt es doch keinen Anlass dafür“, sagte Anymi.

„Na ja, ich habe schon öfter daran gedacht, gegen Sadrüm in den Krieg zu ziehen. Man muss Sandrüms Treiben endlich ein Ende setzen! Auch die Könige der meisten anderen Länder sind dafür, doch bis jetzt haben wir uns zurückgehalten. Aber nun, da er offensichtlich sogar auf meinen Pegasus geschossen hat und es scheinbar töten oder besitzen will, werde ich mich nicht länger zurückhalten! Das geht zu weit, zumal ich es langsam nicht mehr ertragen kann, zu hören, dass er unschuldige Menschen unterjocht und versklavt.“ Er machte eine Pause und schien darüber nachzudenken, wie er das, was er als nächstes sagen wollte, in Worte fassen konnte. Endlich sagte er: „Ich werde morgen früh aufbrechen, um nach Nunee, zu dem weißen Zauberer Lionier zu reisen. Dort werde ich ihn bitten uns im Kampf gegen Sadrüm zu helfen. Auch Gledré wird mitkommen. Er ist gestern eigentlich hergekommen um sich das Fest anzusehen. Da er auch etwas gegen Sadrüm unternehmen will, wird er morgen mit mir aufbrechen. Lionier hilft uns bestimmt. Er ist weise und wird Rat wissen.“

Anymi war während der Ausführungen ihres Vaters immer unruhiger geworden. Das klang alles sehr gefährlich und sie konnte ihren Vater unmöglich alleine gehen lassen. Ihr Entschluss stand fest. „Und ich werde mitkommen!“, stieß Anymi aus.

„Du wirst nicht mitkommen!“, rief Salarson außer sich. „Das ist zu gefährlich für dich. – Du bleibst hier“, fügte Salarson mit erhobener Stimme hinzu.

„Bitte, Vater!“, flehte Anymi aufgebracht. „Ich möchte so gerne mit. Ich kann dich nicht alleine gehen lassen und ich wollte schon immer einmal nach Nunee. Ich möchte dich und Palarnor nicht alleine lassen. Ich möchte euch begleiten und an eurer Seite kämpfen!“

„Anymi, ich möchte dich nicht verlieren. Wir werden sicher in Kämpfe verwickelt werden…“

„Und ich kann kämpfen!“, führte Anymi den Satz ihres Vaters weiter. „Das weißt du. Ich will euch auch nicht verlieren!“

„Ich weiß, ich weiß“, sagte Salarson. „Ich habe dich ja selbst unterwiesen und du bist sehr gut, aber…“

„Na, siehst du! Also, bitte, lass mich mit dir gehen“, unterbrach sie ihn mit fester Stimme.

Salarson seufzte. „Na gut. Du darfst bis Nunee mitkommen, aber versprich mir, immer aufmerksam und vorsichtig zu sein. Was uns danach erwartet kann ich nicht sagen, aber du wirst ganz bestimmt nicht daran teilnehmen, sondern wieder hierher zurückkehren“, fügte er bestimmt hinzu.

„Ich verspreche es dir!“, sagte sie und nickte erleichtert.

„Ich verlasse mich auf dich. Morgen werden wir schon früh aufbrechen. Ich denke, du solltest jetzt lieber auf dein Zimmer gehen. Du musst dich ausruhen und deine Sachen packen“, endete Salarson und wandte sich wieder Gledré zu, der sich aus ihrer Unterhaltung herausgehalten hatte. Zusammen gingen sie in Richtung Park.

Anymi machte sich auf den Weg in ihr Zimmer und dachte schon an den nächsten Tag.

Als Anymi am nächsten Tag aufwachte, sprang sie schnell aus ihrem Bett und zwängte sich in eine extra für sie geschmiedete Rüstung, die schon auf einem Ständer für sie bereit hing. Die Rüstung war aus Teilen in Silber und Gold und Teilen aus Leder zusammengesetzt, verziert mit Edelsteinen und Diamanten, behinderte sie aber nicht in ihrer Beweglichkeit und betonte zudem auch noch leicht ihre weiblichen Reize. Unter der Rüstung trug sie ein Kettenhemd aus einem Metall, welches von keinem Schwert oder anderem Kriegsgerät durchbrochen werden konnte gleichzeitig aber sehr leicht und anschmiegsam war. Dann schnappte sie sich ihre vollen Satteltaschen und eilte in den großen Speisesaal. Dort waren bereits ihr Vater und alle Soldaten, die mitkommen sollten, versammelt. Als ihr Vater sie sah, bedeutete er ihr, sich hinzusetzen und zu essen. Dann redete er wieder mit den Hauptleuten, die zu seinen Seiten saßen. Ihrem Vater war es stets wichtig gewesen, sich mit seinen Soldaten und Untergebenen zu unterhalten. Er legte keinen Wert darauf, sich von ihnen abzugrenzen und an einem eigenen Tisch zu essen. Dies bewunderte Anymi sehr. Gledré saß auch bei ihrem Vater am Tisch und beteiligte sich hin und wieder am Gespräch, schien aber die meiste Zeit eher interessiert zuzuhören.

Also nahm Anymi sich reichlich Brot und eine Falsche voll Quellwasser und setzte sich auf eine freie Bank. Während sie aß, beobachtete sie die Soldaten. Alle wirkten verschlafen und auf manchen Gesichtern konnte Anymi Unwohlsein erkennen. Anymi hörte, wie einige sich über die Gerüchte unterhielten, die sich seit dem letzten Tag in der Stadt ausgebreitet hatten. Einige hielten es für sehr wahrscheinlich, das Sadrüm hinter dem Anschlag steckte, andere wiederrum konnten sich dies überhaupt nicht vorstellen. Dementsprechend ging es an den Tischen hin und her.

Als sie gegessen hatte, ging Anymi hinunter in den Stall, wo bereits alle Pegasi bereit standen. Auch Palarnor, die Stute Hijumni und Sarnagi waren dabei. Anymi ging zu Sarnagi, streichelte ihr den Kopf und überprüfte noch einmal die Ausrüstung. Dann hängte sie die Satteltaschen an und achtete darauf, dass alles gut saß.

Anymi war gerade dabei, den Inhalt ihrer Satteltaschen durchzusehen, als ihre Freundin Ornia in der Stalltür erschien.

„Anymi!“, rief sie und ihre Stimme hörte sich traurig an.

„Ornia, was hast du?“, fragte Anymi, ging zu ihrer Freundin und nahm sie in den Arm.

Ornia schniefte und sagte: „Warum gehst du fort mit deinem Vater? Sie ziehen doch in den Kampf! Ich möchte nicht, dass du stirbst! Es kann euch auch auf der Reise so viel zustoßen! Ihr könntet von den Soldaten Sadrüms angegriffen oder im Weißgebirge von Trollen überfallen werden!“

„Aber Ornia, es wird schon nichts passieren. Es kommen Soldaten mit, die mein Vater eigens ausgewählt hat, und sie werden uns beschützen. Außerdem kann ich selbst gut mit dem Schwert umgehen und mich verteidigen“, versuchte Anymi ihre Freundin zu beruhigen. Doch dann viel ihr etwas ein und sie fragte verdutzt: „Und woher weißt du davon? Ich dachte, die Leute wüssten nur, dass wir eine Reise machen um den weißen Zauberer um Hilfe zu bitten.“ Anymi schaute Ornia verwundert an, denn sie hatte gedacht, dass die Stadtbewohner bis auf die Gerüchte um einen Anschlag von Sadrüm und ihrem Vorhaben, den weißen Zauberer Lionier um Hilfe zu bitten, nichts wusste. Ihr Vater hatte sich sehr bemüht es so wirken zu lassen, dass sie zunächst nicht mit dem Ziel, gegen den dunklen Zauberer in den Krieg zu ziehen, zur Weißen Stadt aufbrechen würden.

„Die ganze Stadt weiß es schon. Irgendein Soldat hat damit im ‚Weinfass‘ angegeben. Oh Anymi, ich mache mir solche Sorgen!“

Ornia fing an zu weinen, doch Anymi versuchte sie zu trösten: „Du wirst sehen, wir werden uns bald wieder sehen und ich werde fröhlich wie eh und je sein! Also mach dir keine Sorgen.“ Anymi warf einen Blick zur Tür. „Ich glaube, du solltest gehen, mein Vater ist auf dem Weg hierher, ich kann ihn sehen. Er wird nicht erfreut sein, dich hier zu sehen.“ Anymi drückte Ornia wieder fest an sich. Ornia schluchzte und drückte Anymi ebenfalls fest, dann ging sie eilig hinaus.

Kurz darauf betrat Salarson mit seinen Soldaten den Stall. Es waren ungefähr hundert Mann, die sie als Leibgarde begleiten sollte. Anymi war bereits auf ihre Pegasusstute gestiegen und wartete ungeduldig. Auch Sarnagi war nervös und trat unruhig mit den Hufen hin und her. Als endlich alle aufgestiegen waren, ritten sie auf den Hof hinaus und die Soldaten stellten sich Reihen auf. Anymi nahm die Position neben ihrem Vater ein.

Der Hof war voll von Eledras, die den König, die Prinzessin und die Soldaten verabschieden wollten. Unter ihnen waren auch viele Verwandte der Soldaten und Angehörige der Königsfamilie. Anymi konnte auch Ornia sehen, der immer noch Tränen in den Augen standen. Sie winkte Anymi zu und Anymi winkte mit einem aufmunternden Lächeln zurück.

König Salarson stellte sich vor die Reihen der Soldaten und richtete ein paar Worte an sie. „Ehrenvolle Krieger meines Hauses, ihr seid auserwählt, meine Tochter und mich zu begleiten. Wir werden uns während der Reise wahrscheinlich vielen Gefahren stellen müssen. Deshalb frage ich euch: Wollt ihr meine Tochter und mich auf unserem Weg beschützen und viele Gefahren auf euch nehmen?“

Aus den Reihen der Krieger erklang ein einstimmiges „Ja!“.

„Dann fürchtet euch nicht vor den Gefahren und Kreaturen des Bösen und kennt kein Erbarmen im Angesicht des Feindes, denn ihr werdet auch keines erfahren!“, rief Salarson mit kräftiger, bestimmter Stimme.

Nun wandte Salarson sich an sein Volk, denn er hatte sich überlegt, dass er dem Volk den wahren Grund der Reise doch verraten würde. „Ihr seid ein fröhliches und glückliches Volk. Und damit das so bleibt, werden wir nach Nunee reisen und den Zauberer Lionier um Rat und Unterstützung bitten, denn König Gledré und ich wollen gegen den Zauberer Sadrüm vorgehen, da er sich langsam als Bedrohung für alle Länder Drunyerds herausstellt. Dies wäre zwar noch kein richtiger Grund für uns, denn bis jetzt haben wir es immer geschafft, ihn zurückzuschlagen, doch da er es gewagt hat, einen Anschlag auf Palarnor ausüben zu lassen und dieser Anschlag ebenso für mich bestimmt gewesen sein könnte, werden wir uns das nicht mehr bieten lassen. Wenn es sein muss werden wir in den Krieg gegen Sadrüm ziehen und für den Frieden und die Gerechtigkeit in Drunyerd kämpfen, doch ich hoffe, dass es auch eine andere Lösung geben wird.“ Er machte eine Pause und sagte dann: „In meiner Abwesenheit wird mein Berater Usterni über euch regieren. Ich habe ihm verschiedene Pläne anvertraut, die euch retten werden, falls Tynemi angegriffen werden sollte. Ich hoffe, dass ich euch alle bald wieder sehen werde und wir dann wieder ein glückliches Fest zusammen feiern können.“

Als er endete war es still in der Menge. Alle hatten die Augen auf den König gerichtet und schienen auf eine Erklärung zu warten, warum der Anschlag überhaupt ausgeübt worden war, doch nichts dergleichen geschah. Salarson wandte sich ab und ritt hinaus auf die Straße, Anymi und die Soldaten folgten. Erst langsam löste sich die Sprachlosigkeit der Eledras auf und es erklang vereinzeltes Wehklagen und Verwünschungen gegen Sadrüm aus ihren Reihen, ebenso wie Glückwünsche für die Reise und Kraft und Ausdauer für den Kampf.

DREI

Am Stadttor erwartete sie Gledré mit seinen Soldaten. Es waren ungefähr zwanzig Elfen, die auf ihren Greifen saßen. Salarson und Gledré begrüßten einander und besprachen, wie sie am einfachsten und sichersten nach Nunee kämen.

„Ich schlage vor, dass wir, nachdem wir das Weißgebirge hinter uns gelassen haben, zuerst nach Stepf gehen. Ich habe einen Boten geschickt, der die besten Krieger meines Landes zusammen rufen wird. Wenn wir dort ankommen, wird ein kleines Heer bereitstehen, das uns begleiten kann. Außerdem können wir dort unseren Proviant auffüllen und uns erholen“, sagte Gledré.

Salarson runzelte die Stirn und meinte: „Soll es im Weißgebirge nicht Bergtrolle geben? Sie könnten uns überfallen.“

„Soweit ich weiß, sind schon lange keine Trolle mehr gesehen worden. Sie haben sich an die Gebirgsausläufer am Hyenozean zurückgezogen“, erwiderte Gledré.

„Gut. Dann stimme ich deinem Plan zu, aber wir sollten bald klären, wie wir durch das Gebirge kommen, denn ich würde nicht über den großen Pass gehen“, sagte Salarson.

„Du hast Recht, aber ich schlage vor, dass wir das später besprechen, wenn wir rasten“, meinte Gledré und gab das Zeichen zum Aufbruch.

Zunächst ritten sie über die Weiden, denn sie wollten keine Panik unter den Pegasi auslösen, die dort friedlich grasten. Diese würden vielleicht, durch die über ihnen davon fliegenden Gefährten mitgezogen, also ritten sie in lockerem Trab über die Wiesen. Als sie das Weideland verließen schwangen sich Pegasi und Greife in die Luft. Sie hatten vor, zuerst bis zum Rand des Eichenwaldes zu fliegen und dort für die Nacht zu lagern. Der Sonnenstand zeigte bereits die Mittagszeit an.

Anymi saß entspannt auf Sarnagis Rücken und lauschte dem gleichmäßigen Flügelschlag. Neben ihr flog ein Elf, mit hellbraunem Haar und grünen Augen, auf einem Greifen mit einem grauen Adlerkopf. Er blickte sich neugierig um, hielt den Blick aber nach vorn gerichtet. Anymi wunderte sich, dass die Pegasi so ruhig neben den Greifen flogen, denn in der Natur jagten Greifen beinahe alles, was ihnen in den Weg kam.

Es muss schwer sein, einen Greifen so gut zu zähmen, dachte Anymi. Sie hatte gehört, dass die Greifen auch ein sehr schwankendes Gemüt haben sollten und daher auch leicht zu reizen waren. Dann betrachtete Anymi den Elfen eingehender. Bisher war der einzige Elf dem sie begegnet war Gledré gewesen. Die Haut des Elfen sah jung aus und verriet nichts über sein Alter. Er trug einen grünen Mantel und darunter einen hellgrünen, mit Gold verzierten Brustpanzer. Der Rest seiner Rüstung war kunstvoll aus Leder angefertigt. Auf seinen Mantel war ein Muster mit vielen Blättern gestickt. Der Elf machte einen netten Eindruck auf Anymi und sie wollte ihn gern näher kennenlernen. Sie konnte es kaum abwarten, am Abend mit ihm zu sprechen, wenn sie rasteten.

Bestimmt hat er einen sehr schönen Namen, dachte sie und musste lächeln.

Als sie den Eichenwald erreichten, schlugen sie ihr Lager auf und Gledré schickte ein paar seiner Bogenschützen aus, um Wild zu jagen, denn die Bogenschützen der Elfen waren viel schneller und wendiger als die der Eledras, da sie nicht so schwere Rüstungen trugen. Und vor allen Dingen hatten sie schärfere Augen und waren sehr treffsicher mit Pfeil und Bogen. Außerdem konnte sich kein anderes Volk so leichtfüßig in den Bäumen bewegen wie die Elfen.

Die anderen Soldaten waren eifrig damit beschäftigt, die Zelte aufzubauen und mehrere kleine Feuer zu entzünden.

Gledré und Salarson setzten sich in die Nähe eines der Feuer und beratschlagten, wie sie von Stepf aus vorgehen sollten.

„Wir können entweder über den Finysee fahren oder durch den Geedonwald, den Totensumpf und danach durch den Tomuwald gehen. Fliegen sollten wir nicht, wenn wir unentdeckt bleiben wollen. Wir wollen ja nicht von unseren Feinden gesehen werden. Ich habe Nachricht erhalten, dass die Menschen in Wevü von den Soldaten Sadrüms angegriffen wurden und ihre Verteidigung langsam ins Wanken gerät. Wer weiß? Vielleicht streifen ja ein paar von den Schwarzmenschen im Lande herum und auf dem Finysee herrscht immer reger Betrieb von Bewohnern aus vielen Ländern“, meinte Gledré und nahm ein Stück Pökelfleisch, dass ihm gebracht wurde.