Pan Wolodyjowski: Der kleine Ritter - Henryk Sienkiewicz - E-Book

Pan Wolodyjowski: Der kleine Ritter E-Book

Henryk Sienkiewicz

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Beschreibung

In Henryk Sienkiewiczs Buch 'Pan Wolodyjowski: Der kleine Ritter' wird die Geschichte des tapferen polnischen Ritters Wolodyjowski erzählt, der im 17. Jahrhundert gegen die osmanischen Truppen kämpft. Sienkiewicz nutzt einen mitreißenden Erzählstil, der den Leser in die spannenden Schlachten und politischen Intrigen eintauchen lässt. Das Buch bietet einen interessanten Einblick in die Traditionen und Konflikte dieser Zeit und zeigt die moralischen Dilemmas, mit denen die Charaktere konfrontiert sind. Sienkiewicz gewinnt durch seine detaillierte Darstellung historischer Ereignisse und seiner tiefgreifenden Charakterentwicklung an Tiefe und Authentizität. Henryk Sienkiewicz, ein polnischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, wurde für seinen historischen Realismus und seine psychologische Tiefe bekannt. Seine eigene Erfahrung als Korrespondent während des polnisch-russischen Krieges beeinflusste seine Werke, die oft patriotische Themen und eine kritische Sicht auf politische Macht beinhalteten. 'Pan Wolodyjowski: Der kleine Ritter' ist ein weiteres Beispiel für Sienkiewiczs Fähigkeit, historische Ereignisse mit packenden Charakterstudien zu verbinden und den Leser in vergangene Epochen zu transportieren. Für Liebhaber historischer Romane und Fans von Abenteuergeschichten ist 'Pan Wolodyjowski: Der kleine Ritter' von Henryk Sienkiewicz ein must-read. Durch seine fesselnde Erzählkunst entführt Sienkiewicz den Leser in eine Welt voller Tapferkeit, Leidenschaft und politischer Intrigen, die noch lange nach der letzten Seite im Gedächtnis bleibt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 1142

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Henryk Sienkiewicz

Pan Wolodyjowski: Der kleine Ritter

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Sara Sauer
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Pan Wolodyjowski: Der kleine Ritter
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen privater Treue und öffentlicher Pflicht entscheidet sich das Schicksal eines Landes. In Pan Wolodyjowski: Der kleine Ritter stehen persönliche Bindungen und die Verteidigung einer bedrohten Gemeinschaft in unauflösbarer Spannung. Der Roman zeigt, wie Charakterfestigkeit, Freundschaft und Pflichtbewusstsein in Zeiten politischer Umbrüche auf die Probe gestellt werden. Er führt in eine Grenzregion, in der Entscheidungen unmittelbare Folgen haben und das individuelle Gewissen politischer Notwendigkeit gegenübersteht. So verwandelt Henryk Sienkiewicz die Geschichte eines Helden in eine Erkundung kollektiver Verantwortung – präzise, anschaulich und getragen von der Frage, welchen Preis Sicherheit und Ehre verlangen.

Henryk Sienkiewicz, 1905 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, schuf mit seiner sogenannten Trylogia ein Schlüsselwerk der polnischen Literatur. Pan Wolodyjowski, auf Polnisch Pan Wołodyjowski, ist der dritte Teil dieser Folge und schließt einen epischen Bogen, der historische Stoffe mit erzählerischer Spannung verbindet. Entstanden in einer Epoche der Teilungen Polens, sollten diese Romane die nationale Erinnerung stärken und der Gesellschaft Mut machen. Die Verbindung aus historischer Genauigkeit, dramatischer Zuspitzung und menschlicher Wärme erklärt, weshalb das Werk als Klassiker gilt und über die Grenzen Polens hinaus Wirkung entfaltet hat.

Pan Wolodyjowski erschien zuerst als Fortsetzungsroman in den Jahren 1887 und 1888. Er beschließt die zwischen 1884 und 1888 entstandene Trilogie, deren Handlung in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im polnisch-litauischen Commonwealth angesiedelt ist. Der Roman verlegt seinen Schwerpunkt in die südöstlichen Grenzgebiete, eine Zone ständiger Reibung zwischen Kulturen und Reichen. Zeitgeschichtlich markiert er die Phase nach verheerenden Kriegen, in der die Gesellschaft Kräfte sammelt und neue Bedrohungen abwehrt. Dieser Rahmen ermöglicht Sienkiewicz, zugleich politische Verwerfungen, militärische Strategien und alltägliche Lebenspraxis zu schildern.

Im Zentrum steht der gefeierte Fechter und Offizier Michał Wołodyjowski, dessen zierliche Statur ihm den Beinamen der kleine Ritter eingebracht hat. Nach Jahren des Kampfes sehnt er sich nach Ruhe, doch die instabile Lage der Grenzregion ruft ihn erneut in die Pflicht. An seiner Seite treten bewährte Gefährten und neue Bekanntschaften auf, deren Freundschaften, Rivalitäten und Hoffnungen die Handlung tragen. Ohne der Geschichte vorzugreifen, lässt sich sagen: Aus privaten Entscheidungen erwachsen öffentliche Konsequenzen. Der Roman entfaltet daraus eine Folge von Prüfungen, die Tapferkeit, Loyalität und Urteilsvermögen gleichermaßen verlangen.

Das Werk ist ein Klassiker, weil es Themen von dauerhafter Geltung bündelt: die Verlässlichkeit des Wortes, die Würde des Dienstes, die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft. Sienkiewicz zeigt, wie Tugenden nicht abstrakt bleiben, sondern im Alltag und in Grenzsituationen bewährt werden müssen. Liebe und Kameradschaft stehen nicht im Gegensatz zur Pflicht, sondern erhalten in ihr erst ihre Tiefe. Zugleich blenden die Figuren nicht vor den Härten des Krieges, sondern ringen um Maß, Mitleid und Gerechtigkeit. Diese Verbindung aus Idealismus und Realismus macht die erzählte Welt glaubwürdig und berührend.

Figurenzeichnung und Ensemblewirkung zählen zu den besonderen Qualitäten des Buches. Wołodyjowski verkörpert einen Typus von Heldentum, der auf Bescheidenheit, Disziplin und Gewandtheit beruht. Um ihn gruppiert sich ein Kreis von Charakteren, die durch Humor, Mut oder Umsicht erkennbar werden und widersprüchliche Haltungen zum militärischen Ethos zulassen. Auch die Frauenfiguren erhalten Profil und Handlungsspielräume; sie handeln in schwierigen Lagen klug, entschlossen und moralisch eigenständig. Mit dieser Vielfalt vermeidet Sienkiewicz starre Rollen und zeigt, wie Gemeinschaft aus unterschiedlichen Gaben entsteht – und wie verletzlich sie ist, wenn Eitelkeit oder Leichtsinn Überhand gewinnen.

Stilistisch verbindet Sienkiewicz panoramische Breite mit dramatischer Zuspitzung. Rasche Dialoge, genaue Ortsbilder und pointierte Kampfschilderungen treiben die Handlung voran. Gleichzeitig pflegt der Autor eine erzählerische Gelassenheit, die Geschichte atmen lässt: Alltagsszenen, Rituale, Witze, taktische Abwägungen. Der Roman lebt von Kontrasten – zwischen Steppe und Festung, Festbankett und Alarmruf, Vertraulichkeit und öffentlicher Verpflichtung. Diese Komposition erzeugt Spannung, ohne den Leser zu überfordern, und verleiht der historischen Kulisse Anschaulichkeit. So entsteht eine Literatur, die gleichermaßen unterhält, belehrt und zum Nachdenken über politische und moralische Entscheidungen anregt.

Der literarische Einfluss des Romans reicht weit. In Polen prägte die Trylogia über Generationen hinweg das Geschichtsbild des 17. Jahrhunderts und stärkte das Bewusstsein einer geteilten Erinnerung. Pan Wolodyjowski wurde vielfach adaptiert, am bekanntesten in der Verfilmung von Jerzy Hoffman aus dem Jahr 1969, die dem Stoff neue Popularität verlieh. Auch außerhalb Polens inspirierte der Text Autoren historischer Romane mit seiner Mischung aus Recherchegenauigkeit, Abenteuer und psychologischer Glaubwürdigkeit. Sein Erfolg zeigt, dass historische Fiktion, wenn sie lebendig erzählt ist, mehr als Kulisse bietet – sie stiftet Identität und öffnet den Blick auf Gegenwarten.

Als historischer Roman ist Pan Wolodyjowski zugleich ein Medium des Nachdenkens über Vergangenheit. Die Darstellung des polnisch-litauischen Commonwealth, seiner Grenzposten, Bündnisse und Spannungen erlaubt einen nuancierten Blick auf eine Vielvölkerwelt. Zugleich spürt man die Entstehungszeit: Sienkiewicz schrieb unter den Bedingungen der Teilung, mit dem Ziel, moralische Energie freizusetzen. Dieser doppelte Fokus – historische Ferne und politisch-moralische Nähe – macht das Buch interessant, gerade wenn man romantisierende Züge kritisch mitliest. Es lädt ein, Traditionen zu würdigen, ohne Ambivalenzen zu verschweigen, und lehrt, dass Erinnerung verantwortungsbewusst gestaltet sein will.

Die bleibende Aktualität des Romans liegt in der Frage, wie eine Gemeinschaft auf Bedrohungen reagiert, ohne ihren inneren Kompass zu verlieren. Pan Wolodyjowski zeigt Führung als Dienst, Tapferkeit als Gewissensfrage, Loyalität als gelebte Solidarität. In Zeiten, in denen Grenzen erneut diskutiert, Allianzen geprüft und öffentliche Tugenden gesucht werden, wirkt diese Erzählung wie ein Resonanzraum. Sie erinnert daran, dass Sicherheit nicht nur mit Stärke, sondern mit Vertrauen, Maß und Integrität zu tun hat. Wer dem folgt, erkennt, dass heroische Geschichten nicht Ruhm verherrlichen, sondern Verantwortung sichtbar machen.

Für heutige Leserinnen und Leser bietet das Buch Orientierung ohne belehrend zu sein. Es lässt sich auch eigenständig lesen, gewinnt jedoch im Zusammenhang der Trilogie an Tiefe, weil Motive und Beziehungen über mehrere Bände hinweg reifen. Die deutsche Fassung trägt den treffenden Zusatztitel Der kleine Ritter, der das Wesen der Hauptfigur erfasst. Übersetzungen machen die sprachliche Musikalität und den feinen Humor zugänglich, die das Original auszeichnen. Wer sich auf die Namen, Orte und historischen Besonderheiten einlässt, wird mit einem klar geführten, bewegenden Leseerlebnis belohnt.

Pan Wolodyjowski: Der kleine Ritter ist ein Klassiker, weil er das Zeitgebundene mit dem Zeitlosen verbindet. Er bewahrt historische Erfahrung, ohne museal zu werden, und erzählt von Liebe, Pflicht und Mut, ohne in Pathos zu erstarren. Sein literarischer Rang beruht auf erzählerischer Ökonomie, lebendigen Figuren und einer Ethik, die das Handeln prüft, statt es nur zu feiern. Darum bleibt das Buch relevant: Es hilft, die Gegenwart in der Sprache der Vergangenheit zu befragen, und zeigt, wie verantwortliche Freiheit entsteht – im Dialog von Charakter und Gemeinschaft, Entschlossenheit und Maß.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Pan Wolodyjowski: Der kleine Ritter von Henryk Sienkiewicz ist der abschließende Roman der Trilogie über die Adelsrepublik Polen-Litauen. Er führt in das späte 17. Jahrhundert, an einen von Grenzkriegen und Machtkämpfen geprägten Schauplatz. Im Mittelpunkt steht Michał Wolodyjowski, ein kleiner, legendär gewandter Fechter, dessen Mut zum Symbol eines bedrohten Gemeinwesens wird. Sienkiewicz verbindet Abenteuer, Kriegsdarstellung und Sittenbild des Adels mit einer Reflexion über Loyalität und Verantwortung. Der Roman richtet den Blick sowohl auf politische Spannungen zwischen Krone, Magnaten und Heer als auch auf persönliche Bindungen, deren Stabilität im Angesicht äußerer Gefahren auf die Probe gestellt wird.

Zu Beginn zieht sich Wolodyjowski aus der Welt zurück. Er ist von Verlusten und Enttäuschungen gezeichnet und erwägt ein Leben jenseits der Waffen. Freunde und Weggefährten – allen voran der gewitzte Zagłoba – konfrontieren ihn mit der Frage nach Pflicht und Berufung. Zwischen stiller Abkehr und öffentlichem Dienst entsteht ein Spannungsfeld, das seine weitere Entwicklung prägt. Die Rückkehr an die Grenze ist weniger Triumph als bewusste, aus Einsicht getroffene Entscheidung: Der kleine Ritter lässt sich erneut in den Dienst des Landes stellen, wohl wissend, dass persönlicher Frieden in unruhigen Zeiten nur bedingt zu erreichen ist.

Sienkiewicz entfaltet sodann eine fein gezeichnete Liebes- und Charakterkonstellation. Krystyna Drohojowska tritt auf, eine junge Adelige, deren Haltung und Loyalität Wolodyjowski beeindrucken. Gleichzeitig erscheint Ketling, ein schottischer Offizier in polnischen Diensten, der durch Mut und Ritterlichkeit auffällt. Aus Bewunderung, Zuneigung und Pflichtgefühl entsteht ein Gefüge aus Rücksicht und Selbstverzicht. Der Roman zeigt, wie private Wünsche mit gesellschaftlichen Erwartungen kollidieren, und wie Größe sich darin erweist, Glück nicht zu erzwingen. Diese Phase markiert einen Wendepunkt: Wolodyjowski ordnet seine Gefühle neu und gewinnt jene innere Freiheit, die ihn für kommende Prüfungen rüstet.

Mit Basia Jeziorkowska tritt eine zweite prägende Frauenfigur in den Vordergrund. Energiegeladen, furchtlos und lebensklug, verkörpert sie eine unkomplizierte, doch standhafte Form der Tapferkeit. In der Grenzregion, wo Überfälle und Alarm zur Routine gehören, erweist sich ihr Temperament als Stärke. Zwischen Basia und Wolodyjowski entsteht Vertrauen und Nähe, die dem Soldaten Halt geben. Alltagsbilder aus Garnison und Gutshof kontrastieren mit der Unruhe des Vorfeldes: Unterricht im Reiten und Schießen, Dialoge über Ehre und Bescheidenheit, kleine Feste. Diese ruhigeren Passagen vertiefen die Figuren und verankern die spätere Kriegsdarstellung in persönlicher Bindung.

Während die innere Ordnung wächst, verdichtet sich die äußere Bedrohung. Tatarenzüge und osmanischer Druck nehmen zu; Grenzfestungen werden zu strategischen Zähnen eines brüchigen Kiefers. In dieses Umfeld tritt Azya Tuhaj-bejowicz, ein talentierter Reiterführer ungeklärter Loyalität, dessen Ehrgeiz und Herkunft Spannungen nähren. Heeresreform, Versorgung und Kommandofragen konkurrieren mit Rivalitäten unter Magnaten. Sienkiewicz zeigt, wie politische Eitelkeit und regionale Interessen das gemeinsame Handeln erschweren. Der kleine Ritter muss fortan nicht nur gegen äußere Feinde, sondern auch gegen Trägheit, Misstrauen und Selbstüberschätzung im eigenen Lager ankämpfen – ein wiederkehrendes Motiv der Trilogie.

Die latenten Spannungen entladen sich in einem Verratskomplex, der die Sicherheitslage im Grenzland erschüttert. Azya nutzt seine Stellung, um Pläne zu verfolgen, die persönliche Ambition und ethnische Konfliktlinien überlagern. Aus Schleichwegen werden Hinterhalte, aus Schutztruppen Bedrohungen. Ein kühner Anschlag zielt auf die Ehre und Unversehrtheit des Adels und bringt Basia in unmittelbare Gefahr. Diese Episode fungiert als Wendepunkt: Vertrauen zerbricht, die Verteidiger werden misstrauischer und zugleich entschlossener. Für Wolodyjowski wird klar, dass Schutz nicht allein in Schwertkunst liegt, sondern in vorbeugender Klugheit, verlässlicher Führung und dem Mut, unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen.

Die Handlung weitet sich zur großen politischen Bühne. Das Osmanische Reich richtet sein Augenmerk auf Podolien; die Festung Kamieniec Podolski gewinnt Schlüsselbedeutung. Wolodyjowski und Ketling übernehmen zentrale Aufgaben in der Vorbereitung der Verteidigung, während Diplomatie, Bündnisse und Truppenbewegungen ein unruhiges Mosaik bilden. Sienkiewicz kontrastiert Feldtüchtigkeit mit Hofpolitik: Zögerliche Befehle, späte Entscheidungen und persönliche Rivalitäten kosten Zeit und Chancen. Der Roman zeichnet die Logik einer Grenzverteidigung nach, die auf Initiative, Ortskenntnis und moralische Autorität angewiesen ist – drei Ressourcen, die unter Druck zu erlöschen drohen und doch erstaunliche Kräfte freisetzen.

Die Belagerung bringt die Figuren an körperliche und seelische Grenzen. Ausfällen stehen Verlustlisten gegenüber; Ingenieurskunst trifft auf Munitionsmangel, Tapferkeit auf Erschöpfung. Zivilisten, Geistliche und Soldaten bilden eine Schicksalsgemeinschaft, deren Hoffnung sich an wenigen entschlossenen Gestalten festmacht. Wolodyjowski verkörpert standhafte Führung; Ketling bewährt sich durch Disziplin und Loyalität; Zagłoba steuert Klugheit und Improvisation bei. Sienkiewicz schildert Dilemmata zwischen Ehrenkodex und militärischer Notwendigkeit, zwischen Rettung des Augenblicks und Schutz der Zukunft. Die Frage, ob die Festung zu halten ist, bleibt als Spannungskern bestehen und treibt die Handlung unerbittlich voran.

Nach und nach rückt der Roman von heroischem Einzelglanz zu einer Betrachtung über Gemeinschaft und Opferbereitschaft. Private Sehnsüchte werden gegen öffentliche Pflichten abgewogen, ohne einfache Antworten zu bieten. Sienkiewicz macht deutlich, dass Identität in Grenzzeiten aus Handlungen erwächst: aus Treue im Kleinen, Entschlossenheit im Großen und dem Willen, Verantwortung zu tragen. Pan Wolodyjowski: Der kleine Ritter hinterlässt das Bild einer bedrohten, doch innerlich widerständigen Welt, in der Mut und Anstand Orientierung geben. Die nachhaltige Bedeutung liegt in der Verbindung von packender Erzählung und einer zeitlosen Meditation über Ehre, Loyalität und die Kosten der Freiheit.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Pan Wołodyjowski: Der kleine Ritter spielt im späten 17. Jahrhundert in der Adelsrepublik Polen-Litauen, vor allem in den südöstlichen Grenzgebieten Podoliens und der Ukraine. Diese Kresy waren Kontakt- und Konfliktraum zwischen der Republik, dem Osmanischen Reich und dem Krimkhanat. Politisch prägte eine elektive Monarchie mit starker Adelsmitbestimmung das Land; der König regierte im Zusammenspiel mit Sejm und Senat. Regionale Adelsversammlungen, die Sejmiks, strukturierten die Provinzpolitik. In diesem Rahmen entfaltet sich der Roman, der militärische Vorposten, Burgen, Klöster und Städte zeigt, deren Alltag vom ständigen Alarm der Grenzlage und von Adelsnetzwerken bestimmt ist.

Der Roman setzt nach verheerenden Jahrzehnten ein: Nach dem Kosakenaufstand unter Bohdan Chmelnyzkyj (ab 1648) und der „Schwedischen Sintflut“ (1655–1660) waren weite Landstriche entvölkert, Wirtschaft und Verwaltung geschwächt. Das Traktat von Andrusowo (1667) zwischen Polen-Litauen und dem Zarenreich teilte die Ukraine etwa entlang des Dnepr; die linke Uferseite geriet unter Moskauer Kontrolle. Diese Neuordnung verschob Machtgleichgewichte und ließ das rechte Ufer zum umkämpften Pufferraum werden. Sienkiewicz spiegelt diese Nachkriegswirklichkeit: eine Gesellschaft in Erschöpfung, die zugleich Verteidigung, Wiederaufbau und politische Selbstbehauptung leisten muss.

Die Adelsrepublik beruhte auf der „goldenen Freiheit“ der Szlachta. Das liberum veto konnte den Reichstag blockieren und brachte, besonders seit der Mitte des 17. Jahrhunderts, legislative Lähmung. Magnatenhäuser bauten regionale Machtbasen aus, oft mit eigenen Truppen und Patronagenetzen. Diese institutionelle Fragilität erschwerte Steuererhebungen und Heeresreformen. Im Roman erscheint dies als Hintergrund für improvisierte Verteidigungsbündnisse, persönliche Verpflichtungen und die Notwendigkeit charismatischer Führung. Die Spannung zwischen Ideal der Freiheit und praktischer Handlungsunfähigkeit gehört zur historisch verbürgten Strukturkrise, die das Staatswesen in den Grenzkonflikten verwundbar machte.

Militärisch stützte sich die Republik auf das Kron- und Litauische Heer sowie auf Grenzbesatzungen. Hetmane führten die Armeen, doch ständiger Geldmangel begrenzte Mannschaftsstärken und Ausrüstung. Wichtige Stützpunkte waren Stern- und Bastionsfestungen wie Kamieniec Podolski, die nach neuzeitlichen Grundsätzen ausgebaut waren. Lokale Garnisonen, leichte Reiterei und private Truppen von Magnaten ergänzten die schwachen Linien. Der Roman nutzt diese Militärtopografie: Vorposten, Wachzüge und schnelle Reaktionskräfte bestimmen den Rhythmus des Alltags, in dem Alarmritte und Ausfälle ebenso wichtig sind wie Verhandlungen mit Nachbarn, Verbündeten und Gegnern.

Die südöstliche Grenze wurde von osmanischer Expansion und Krimtatarenzügen geprägt. Das Krimkhanat, osmanischer Vasall, führte Raubzüge in die ukrainischen und podolischen Ebenen, wobei Menschenverschleppung für den Sklavenhandel ein zentrales Ziel war. In Istanbul stärkten die Köprülü-Großwesire die Militär- und Verwaltungskraft des Reiches und suchten Grenzgewinne. Diese Konstellation erklärt die im Roman allgegenwärtige Bedrohung: Überfälle, Geiselnahmen und Verhandlungen über Freikäufe gehören zur Erfahrungswelt der Kresy. Zugleich wechseln Fronten durch Bündnisse, Waffenstillstände und lokale Arrangements, die die Unsicherheit weiter erhöhen.

Unmittelbarer Rahmen ist der Polnisch-Osmanische Krieg von 1672–1676. 1672 fiel eine große osmanische Armee in Podolien ein und belagerte Kamieniec Podolski, dessen Kapitulation Schockwellen auslöste. Im anschließenden Frieden von Buczacz musste die Republik hohe Tributzahlungen leisten und Podolien mit Kamieniec abtreten. Diese demütigenden Bedingungen wurden im Land heftig kritisiert und später teilweise revidiert. Sienkiewicz verknüpft die Ereignisse mit persönlicher Tapferkeit und Tragik, zeigt aber zugleich die geopolitische Dimension: Grenzverluste resultieren aus internationaler Kräfteverschiebung, nicht nur aus individuellem Versagen.

Aus der Krise erwuchs der Aufstieg von Jan Sobieski, der mit Siegen wie Podhajce (1667) und Khotyn/Chocim (1673) militärisches Prestige gewann und 1674 zum König gewählt wurde. Sobieski nutzte bewegliche Reiterei, kombinierte mit Infanterie und Artillerie, und setzte auf schnelle Operationen gegen Tataren und Osmanen. Im Roman ist diese historische Figur Teil der Hoffnungserzählung einer Erneuerung der Republik, die ihre Grenzräume zurückfordert. Der militärische Umschwung bleibt jedoch in politische Begrenzungen eingebettet: Ressourcenknappheit, Fraktionskämpfe und die Langsamkeit legislativer Prozesse bremsen groß angelegte Gegenoffensiven.

Die Kosakenfrage prägt die Region. Nach dem Andrusowo-Vertrag blieb das rechte Ufer ein umkämpftes Hetmanat, dessen Führer zeitweise mit dem Osmanischen Reich oder dem Krimkhanat koalierten, um eigene Autonomie zu sichern. Führungswechsel, innere Spaltungen und der Druck der Großmächte machten die Ukraine zum Schauplatz permanent wechselnder Loyalitäten. Im Roman erscheint dies als beweglicher, schwer berechenbarer politischer Horizont, in dem Lokalfürsten, Kosakenführer und Adelskommandanten um Burgen, Übergänge und Zolleinnahmen ringen, während die Bevölkerung zwischen Einquartierungen, Requirierungen und Abgaben die Last der Konflikte trägt.

Religiös war die Republik plural: Katholiken, Orthodoxe, Unierte (griechisch-katholisch), Protestanten, Juden, Muslime und Armenier lebten unter dem Dach rechtlicher Garantien, die auf die Warschauer Konföderation von 1573 zurückgingen. Im 17. Jahrhundert setzte jedoch die Gegenreformation Akzente; Jesuitenkollegien prägten Elitenbildung und öffentliche Frömmigkeit. In den Kresy trafen zudem islamische Traditionen der Tataren und armenische Kaufmannskolonien aufeinander. Der Roman spiegelt diese Vielfalt in Stadtbildern, Ritualen und Alltagspraktiken, zugleich aber auch die Spannungen, die aus Kriegszeiten, Missionsbestrebungen und politischer Instrumentalisierung religiöser Zugehörigkeiten erwuchsen.

Die Adelskultur der Sarmatismus-Ideologie formte Habitus und Selbstverständnis. Ehre, Gastfreundschaft, eine stark ritualisierte Konfliktlösung und der Gebrauch der polnischen Säbelklinge (Szabla) gehörten zum Kanon. Kleidung, Reiterkultur und Festmahle inszenierten eine vermeintlich uralte Freiheitstradition. In den Grenzräumen verband sich dies mit der Figur des Wachritters, der Mobilität, Ortskenntnis und persönliche Tapferkeit vereint. Sienkiewicz greift dieses Ethos auf, kontrastiert es aber mit der Notwendigkeit moderner Organisation: Mut allein kann Festungen nicht halten und Versorgungswege nicht sichern, wenn politische Einmütigkeit und Ressourcen fehlen.

Ökonomisch stützte sich die Republik auf das Gutswirtschaftssystem mit Getreideexporten über die Weichsel nach Danzig. Nach den Verwüstungen der 1650er und 1660er Jahre mussten Felder, Mühlen und Handelsrouten erneuert werden. Städtische Zentren wie Lemberg (Lwów), Kamieniec oder Lublin verbanden regionale Märkte; armenische und jüdische Händler spielten in Kredit- und Pachtwesen eine wichtige Rolle. Für die Kresy bedeutete der Kriegsdruck unsichere Transporte, erhöhte Zölle und Schutzgelder. Im Roman zeigt sich dies in Belagerungen, unterbrochenen Lieferketten und der Bedeutung von Vorräten, Winterquartieren und Pferdebeständen für die Kriegsführung.

Technologisch war die Militärwelt im Übergang: Die Reiterei, darunter die weiterhin schlagkräftigen Husaren, agierte mit leichteren Reiterverbänden und Dragonern, die mit Musketen kämpften. Feuerwaffen wechselten schrittweise von Luntenschloss zu Steinschloss; Artillerie gewann in Belagerungen an Gewicht. Festungen nach trace-italienne-Prinzipien verlangten Ingenieurwissen, Minenkrieg und Artilleriestellungen. Auf der Gegenseite nutzten Tataren schnelle Reiterangriffe und Bogenschützen, Osmanen kombinierten Janitscharen, Sipahis und schwere Belagerungsartillerie. Sienkiewicz bettet seine Handlung in diese reale Taktikvielfalt ein und macht Logistik, Aufklärung und Nachrichtendienst zu Schlüsselfaktoren.

Politisch kriselten die Institutionen weiter. Die Neigung des Adels, in Konföderationen zusammenzutreten, erlaubte legale Kollektivwehr, konnte aber zu bewaffneten Lagerbildungen führen. Der Lubomirski-Aufstand Mitte der 1660er Jahre hatte die Krone geschwächt und die Bereitschaft zu Reformen gemindert. In den 1670er Jahren blieben Sejmverhandlungen anfällig für Obstruktion, auch unter ausländischem Einfluss. Der Roman nutzt diesen Hintergrund, um die Kluft zwischen Frontsoldaten und Entscheidungsträgern zu zeigen: Während an der Grenze dringende Maßnahmen nötig sind, blockieren in Warschau oder Wilna Mandate, Eitelkeiten oder Klientelbeziehungen den politischen Prozess.

Das Rechtssystem der Republik – Kronrecht und die Statuten Litauens – räumte dem Adel weitreichende Garantien ein. Lokale Gerichte, Patronagenetzwerke und persönliche Bürgschaften strukturierten soziale Ordnung, oft wirksamer als zentralstaatliche Durchgriffe. Diese Mischung aus Formalrecht und persönlicher Bindung erscheint im Roman in Duellen, Fehden, Versöhnungen und Ehebündnissen. Sie erklärt, warum Befehlsketten im Feld mit Vertrauenspersonen doppelt abgesichert werden mussten und warum Grenzverteidigung ohne familiäre Netzwerke, Standesehre und Kreditlinien der Magnaten kaum funktionierte.

Sienkiewicz schrieb seinen Roman in den 1880er Jahren, als Polen-Litauen seit den Teilungen des späten 18. Jahrhunderts von Russland, Preußen und Österreich beherrscht war. Nach dem Januaraufstand von 1863 hatten Repressionen und Zensur das öffentliche Leben geprägt. Historische Romane boten Freiräume für nationale Selbstvergewisserung. Pan Wołodyjowski erschien zunächst in Fortsetzungen in der polnischen Presse des russisch kontrollierten Teilungsgebiets, bevor Buchausgaben folgten. Die Rückkehr zur heroischen, konfliktgeladenen Vergangenheit sollte Identität stärken, ohne direkte politische Agitation – ein Ansatz, der sein gesamtes historisches Œuvre kennzeichnete.

Die Figur des „kleinen Ritters“ bündelt Tugenden, die zeitgenössische Leser als Gegenmodell zur Ohnmacht der Gegenwart lasen: Disziplin, Loyalität, Maßhaltung und Mut. Zugleich anerkennt der Text die strukturellen Schwächen der Adelsrepublik – zerstrittene Eliten, finanzielle Not, zögerliche Reformen. Gegner werden nicht ausschließlich dämonisiert; osmanische und tatarische Kommandeure erscheinen mit strategischer Logik und gelegentlicher Ritterlichkeit. Diese Balance erhöht die Glaubwürdigkeit der historischen Kulisse und erlaubt eine Lektüre, die Tapferkeit würdigt und zugleich Institutionen und Strategien als entscheidend für Staatlichkeit betont.

Der Roman kommentiert seine Zeit doppelt: Er zeigt, wie Grenzen nicht allein durch Heldentaten, sondern durch verlässliche Bündnisse, Finanzen und Reformen gesichert werden. Und er spricht in chiffrierter Form zu Lesern der 1880er Jahre, die nationale Selbstbehauptung ohne Staatlichkeit einüben mussten. Die Erinnerung an Siege und Niederlagen der 1670er Jahre fungiert als Mahnung gegen politische Zersplitterung und als Plädoyer für Gemeinsinn. So wird Pan Wołodyjowski zu einem historischen Spiegel: Er idealisiert den Grenzritter, kritisiert aber die Strukturen, die aus Tapferkeit keinen dauerhaften Schutz für Land und Menschen zu machen vermochten.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Henryk Sienkiewicz (1846–1916) war einer der prägenden polnischen Erzähler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sein Werk verbindet realistische Beobachtung mit epischer Gestaltungskraft und diente in der Zeit der Teilungen als kulturelle Stütze der nationalen Identität. Als Romancier, Publizist und Reiseschriftsteller erreichte er ein Massenpublikum; mit Quo Vadis fand er weltweite Leserschaft. 1905 erhielt er den Nobelpreis für Literatur für herausragende Verdienste als epischer Schriftsteller. Seine historischen Romane, Novellen und Reisebriefe verknüpfen Abenteuer, religiöse und moralische Fragen sowie eine starke Geschichtsauffassung, deren Wirkungs- und Streitgeschichte bis heute anhält. Er gilt als Symbol eines engagierten, zugleich populären Erzählens.

Geboren wurde Sienkiewicz in Wola Okrzejska im damaligen Kongresspolen; aufgewachsen in einem Milieu, das polnische Geschichte und Sprache hochhielt. In den späten 1860er-Jahren studierte er an der Szkoła Główna in Warschau, der späteren Universität, und wandte sich vom anfänglichen Berufsplan dem Studium der Geschichte und Literatur zu. Früh schloss er sich dem Warschauer Positivismus an, dessen Programm praktischer Aufklärung und gesellschaftlicher Nützlichkeit seine journalistische Praxis prägte. Literarisch wirkten die Tradition des historischen Romans, insbesondere Walter Scott, sowie realistische Erzählweisen auf ihn ein. Seine frühen Feuilletons, Rezensionen und Skizzen verfeinerten Ton, Beobachtungsgabe und Sinn für dramatische Struktur.

In den 1870er-Jahren profilierte sich Sienkiewicz als Reporter und Kolumnist in der Warschauer Presse, bevor er 1876 in die Vereinigten Staaten reiste. Die dort verfassten Reisebriefe, bekannt als Listy z podróży do Ameryki, verbinden genaue Milieuschilderungen mit Reflexionen über Moderne, Migration und Demokratie. Nach Stationen in Westeuropa kehrte er zu Prosaformen zurück, die sein Renommee festigten: Novellen wie Janko Muzykant, Latarnik oder Sachem zeigen Empathie für Außenseiter, Exil und kulturelle Brüche. Stilistisch schärfte er Rhythmus, Ironie und szenische Verdichtung, während journalistische Schnelligkeit und erzählerische Weiträumigkeit ein fruchtbares Spannungsfeld bildeten, weiter.

Den Durchbruch als Romancier markierte die Trylogia, drei große historische Romane über das Polen-Litauen des 17. Jahrhunderts: Ogniem i mieczem (1884), Potop (1886) und Pan Wołodyjowski (1888). Die Werke verbinden packende Handlung, farbige Figuren und detailreiche Kriegsszenen mit einer Erzählhaltung, die nationale Selbstbehauptung feiert. Zeitgenössische Leserinnen und Leser verfolgten die zunächst in Zeitungen erscheinenden Teile mit Begeisterung; zugleich entstanden Debatten über Idealiserungen und das Verhältnis von Mythos und Geschichte. Die Trilogie begründete Sienkiewiczs Ruf als Meister epischer Prosa und prägte die polnische Vorstellung vom heroischen Barock nachhaltig. Ihre Popularität setzte Maßstäbe für den historischen Fortsetzungsroman.

Nach der Trilogie diversifizierte Sienkiewicz sein Werk. Der Tagebuchroman Bez dogmatu (1891) lotet modern anmutende psychologische Unsicherheiten aus; Rodzina Połanieckich (1894) spiegelt Wirtschaftsgeist und bürgerliche Moral. Den internationalen Durchbruch brachte Quo Vadis (1895–1896), ein römisches Sittengemälde von großer dramatischer Wucht. Mit Krzyżacy (1899–1900) wandte er sich erneut historischer Epik zu, während W pustyni i w puszczy (1911) als Jugendabenteuer weltweite Leserinnen und Leser gewann. Kurzprosa, Reisebilder und Reden ergänzen das Œuvre. Wiederkehrende Themen sind Gewissen, Glauben, Patriotismus, Loyalität und die Bewährung des Einzelnen unter Druck. Seine Listy z Afryki (1891) erweiterten das Spektrum um kolonialzeitliche Beobachtungen.

Seine ästhetischen Entscheidungen verband Sienkiewicz mit einem klaren öffentlichen Ethos. Er verstand Literatur als Dienst an Sprache, Geschichte und Gemeinsinn im von Fremdherrschaft geprägten Polen. 1900 würdigte ihn die Gesellschaft zum 25-jährigen Schriftstellerjubiläum mit dem Gut Oblęgorek, das als Symbol bürgerlicher Dankbarkeit galt. 1905 nahm er den Nobelpreis entgegen und nutzte die Bühne, um auf Polens Lage aufmerksam zu machen. In den Kriegsjahren engagierte er sich in der Schweiz; 1915 war er Mitbegründer eines Hilfskomitees für Opfer des Krieges in Polen in Vevey, das Spenden sammelte und internationale Solidarität mobilisierte.

Seine späten Jahre verbrachte Sienkiewicz vor allem im Ausland; als der Erste Weltkrieg ausbrach, lebte er in der Schweiz und starb 1916 in Vevey. Sein literarisches Ansehen blieb ungebrochen. In Polen zählen die Trilogie, Krzyżacy und zahlreiche Novellen zum festen Bildungskanon; Quo Vadis gehört weltweit zu den meistgelesenen historischen Romanen seiner Epoche. Moderne Lesarten diskutieren neben erzählerischer Virtuosität auch Idealisierungen, Nationalmythen und koloniale Blickwinkel. Ungeachtet der Kontroversen prägt sein Werk weiterhin Auffassung und Reichweite des historischen Romans, und es inspiriert Adaptionen, Übersetzungen und neue Debatten über Erinnerung und Identität, weiterhin.

Pan Wolodyjowski: Der kleine Ritter

Hauptinhaltsverzeichnis
Einleitung
Erster Teil
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
Zweiter Teil
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
Dritter Teil
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
Epilog

Pan Wolodyjowski, der kleine Ritter Studienkopf von P. Stachiewicz.

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

Nach Beendigung des ungarischen Krieges, als die Vermählung des Herrn Andrzej Kmicic mit Fräulein Aleksandra Billewicz gefeiert worden war, wollte ein ebenso berühmter Kavalier, der sich keine geringen Verdienste um die Republik erworben hatte, Herr Jerzy Michal Wolodyjowski, Obrist der Laudaschen Heeresabteilung, ein Ehebündnis mit Fräulein Anna Borzobohata Krasienski eingehen.

Indessen traten ihm allerlei Hindernisse in den Weg, wodurch die Heirat verzögert und hinausgeschoben wurde. Fräulein Borzobohata war von der Fürstin Jeremiowa Wisniowiecki erzogen worden, ohne deren Einwilligung sie nimmermehr in die Heirat willigen wollte. Daher mußte Herr Michal, der unruhigen Zeiten wegen, seine Verlobte in Wodokty zurücklassen und sich allein nach Zamos aufmachen, um die Einwilligung und den Segen der Fürstin zu erbitten.

Doch ihm leuchtete kein günstiger Stern, denn die Fürstin befand sich nicht mehr in Zamos, sondern hatte sich, der Erziehung ihres Sohnes wegen, an den kaiserlichen Hof nach Wien begeben. Der beharrliche Ritter folgte ihr dorthin, wiewohl dies viel Zeit in Anspruch nahm.

Nachdem er aber die Angelegenheit zu seiner Zufriedenheit erledigt hatte, kehrte er wohlgemut in die Heimat zurück.

Es waren unruhige, bewegte Zeiten hier, ein großes Kriegsheer wurde zusammengezogen, denn in der Ukraine dauerte der Aufruhr fort und an der Ostgrenze brannte die Kriegsfackel immer noch. Neue Heerkörper wurden gebildet, um die Grenzen auf irgend eine Art zu schützen. Bevor daher Herr Michal Warschau erreicht hatte, erhielt er ein auf seinen Namen lautendes Inhibitionsschreiben von der Hand des Wojwoden in Rus. Von der Ansicht geleitet, daß Privatangelegenheiten immer zurückstehen müssen, wenn das Wohl des Vaterlandes in Betracht kommt, gab er den Gedanken an eine baldige Heirat auf und eilte nach der Ukraine. Dort nahm er einige Jahre am Feldzuge teil und während des Kriegsgetümmels stets gegen unsägliche Mühseligkeiten und Beschwerden ankämpfend, fand er kaum Gelegenheit, von Zeit zu Zeit einen Brief an seine sehnsüchtig auf Nachricht harrende Braut abzuschicken.

Dann ging er als Gesandter nach der Krim, und nun brach jener unglückselige Bürgerkrieg aus, in welchem er auf der Seite des Königs gegen Lubomirski, den schändlichen Verräter, kämpfte. Später zog er unter Sobieski abermals nach der Ukraine.

Der Ruhm seines Namens wuchs dadurch so sehr, daß er allgemein als der erste Held der Republik galt, aber in all der Zeit war sein Herz von Sorge, Kummer und Sehnsucht erfüllt. Schließlich, als das Jahr 1668 herankam, ward er auf Befehl des Kastellans der Erholung wegen beurlaubt und begab sich bei Beginn des Sommers zu der Geliebten, um dann mit ihr von Wodokty aus nach Krakau zu reisen.

Die Fürstin Gryselda, welche unterdessen zurückgekehrt war, hatte Herrn Michal eingeladen, die Hochzeit in Krakau zu feiern und sich erboten, Mutterstelle bei der Braut zu vertreten.

Herr Kmicic und dessen Gattin blieben in Wodokty zurück, wohin sie sich Nachricht von Wolodyjowski erbeten hatten, ihre Gedanken waren jedoch vollständig von einem neuen Gast in Anspruch genommen, der sein Erscheinen in Wodokty angekündigt hatte. Bisher hatte ihnen die Vorsehung die Aussicht auf Kindersegen versagt, jetzt aber sollte eine glückliche Wendung eintreten und ihre Wünsche sollten in Erfüllung gehen.

Es war ein außerordentlich fruchtbares Jahr, die Ausbeute an Getreide so reichlich, daß die Scheunen sie nicht zu fassen vermochten und das ganze Land weit und breit mit Schobern bedeckt war. In der durch den Krieg verwüsteten Umgegend wuchs der Fichtenwald in einem Frühjahr so mächtig, wie zu andern Zeiten nicht in zwei Jahren. Es herrschte ein solcher Ueberfluß an Tieren im Forste, an Fischen in den Gewässern, als hätte die ungewöhnliche Fruchtbarkeit der Erde sich auch allen darauf lebenden Wesen mitgeteilt.

Daher glaubten Wolodyjowskis Freunde diesem nur Gutes und Schönes für seine Heirat prophezeien zu dürfen, aber das Schicksal hatte es anders beschlossen.

Erster Teil

I

Inhaltsverzeichnis

An einem schönen Herbsttage saß Herr Andrzej Kmicic unter dem schattigen Dache seines Gartenhauses und zuweilen einen Krug mit Meth[1] an die Lippen setzend, betrachtete er durch das von wildem Hopfen bewachsene Gitterwerk seine Ehegemahlin, welche auf einem sorgfältig gesäuberten Wege vor dem Gartenhause lustwandelte.

Sie war eine ungewöhnlich schöne Frau mit ihren hellen Haaren und den fast engelhaften Zügen, in denen sich Heiterkeit und Frohsinn ausdrückte. Langsam und vorsichtig schritt sie dahin, getragen von der Empfindung, daß Gottes Segen auf ihr ruhe.

Herr Andrzej Kmicic schaute sie mit unendlicher Liebe an. Sein Blick verfolgte sie fortwährend mit der Anhänglichkeit eines treuen Hundes, der seinen Herrn nicht aus den Augen läßt. Manchmal lächelte er, denn große Freude erfüllte sein Herz bei ihrem Anblick, und er drehte wohlgefällig seinen Schnurrbart in die Höhe.

Dabei malte sich aber auch eine gewisse Leichtfertigkeit in seinem Gesichtsausdruck. Offenbar war er ein Kriegsmann, der Vergnügen an allerlei Scherz und Kurzweil fand, und der in seinen Junggesellenjahren viele lustige Streiche gemacht hatte.

Die Stille im Garten wurde nur hie und da durch das Herabfallen einer überreifen Frucht und durch das Summen der Insekten unterbrochen. Es war im Anfang des September und das Wetter schön und beständig. Die Sonne brannte nicht mehr so heiß, sandte aber immer noch goldene Strahlen hernieder. In ihrem Scheine schimmerten rotbackige Aepfel in solcher Fülle unter den graugrünen Blättern hervor, daß die Aeste vollständig davon übersät zu sein schienen. Auch die Zweige der Zwetschenbäume bogen sich förmlich unter der Last der wie mit Wachs überzogenen Früchte.

Ein leichter Windhauch bewegte die an den Bäumen hängenden Sommerfäden, ein so leises Lüftchen, daß nicht einmal die Blätter rauschten.

Vielleicht war es das schöne Wetter, welches Herrn Kmicic so heiter stimmte, denn sein Gesicht wurde immer strahlender. Er that einen langen Zug aus dem Kruge und sagte zu seinem Weibe:

»Olenka, komm hierher! Ich möchte Dir etwas sagen!«

»Sicherlich ist es etwas, das ich nicht gerne höre!«

»So wahr ich Gott liebe, nein! Höre mich an!«

Bei diesen Worten umschlang er sie mit den Armen, drückte seine Lippen auf ihre hellen Haare und flüsterte ihr zu:

»Wenn es ein Knabe ist, soll er Michal heißen.«

Sie aber wendete ihr errötendes Antlitz ab und erwiderte leise:

»Du versprachst mir ja, keine Einwendung gegen den Namen Heraklius zu erheben.«

»Siehst Du, um Wolodyjowski zu ehren« ...

»Sollten wir nicht zuerst das Andenken meines Großvaters ehren?«

»Meines Wohlthäters ... Hm! Du hast recht ... Aber der zweite muß Michal heißen. Anders darf es nicht sein.«

Hier erhob sich Olenka und suchte sich den Armen des Herrn Andrzej zu entwinden, doch sie nur noch fester an sich ziehend, küßte er sie auf Mund und Augen, indem er unablässig sagte:

»O Du mein Schatz, mein geliebtes Herz!«

Ihr Zwiegespräch wurde durch einen Diener unterbrochen, welcher sich am Ende des Weges zeigte und eilig auf das Gartenhaus zulief.

»Was willst Du?« fragte Kmicic, seine Gattin freigebend.

»Herr Charlamp ist soeben angekommen und wartet im Hause,« entgegnete der Diener.

»Hier ist er selbst!« rief Kmicic beim Anblick eines sich der Laube nähernden Mannes – »wie groß sein Schnurrbart geworden ist! Willkommen, lieber Kriegsgefährte! Willkommen, alter Kamerad!«

Bei diesen Worten stürzte er aus der Laube heraus und lief Herrn Charlamp mit ausgebreiteten Armen entgegen.

Herr Charlamp neigte sich zuerst tief vor Olenka, die er in früherer Zeit am Hofe in Kiejdany bei dem fürstlichen Wojwoden aus Wilna gesehen hatte, und drückte ihre Hand an seinen ungewöhnlich großen Schnurrbart; dann aber sank er an die Brust seines Freundes und begann laut zu schluchzen.

»Um Gotteswillen, was ist geschehen?« fragte Herr Kmicic erstaunt.

»Dem einen hat Gott Glück gegeben, dem andern hat er alles genommen!« entgegnete Charlamp. »Den Grund meines Kummers aber kann ich nur Euer Liebden sagen.«

Hier blickte er Frau Kmicic an, und da sie bemerkte, daß er sich auch vor ihr nicht aussprechen wollte, sagte sie zu ihrem Gatten:

»Ich lasse Euch jetzt allein und werde Euch einen frischen Krug Meth schicken« ...

Kmicic zog Herrn Charlamp in das Gartenhaus und nachdem er ihn veranlaßt hatte, auf einer Bank Platz zu nehmen, fragte er:

»Was ist geschehen? Habt Ihr meine Hülfe nötig? Ihr könnt auf mich zählen, wie auf einen Zawisza[2]«.1

»Um mich handelt es sich nicht,« antwortete der alte Krieger, »und ich habe auch keine Hülfe nötig, so lange diese Hand noch diesen Säbel zu führen vermag, aber unser Freund, der würdigste Kavalier der Republik, ward von schwerem Leid heimgesucht. Ich weiß nicht einmal, ob er jetzt noch atmet.«

»Bei den Wundenmalen des Erlösers! Ist Wolodyjowski etwas zugestoßen?«

»Ja,« entgegnete Charlamp, abermals in einen Strom von Thränen ausbrechend, »wisset denn, daß Fräulein Anna Borzobohata dies Jammerthal verlassen hat.«

»Tot!« schrie Kmicic auf, mit beiden Händen sein Haupt umfassend.

»Ein Vögelchen, das von einem Pfeile getroffen ward!«

Ein tiefes Schweigen folgte. Nichts war zu hören als das schwere Aufschlagen der hie und da herabfallenden Aepfel, nichts als die tiefen Atemzüge des Herrn Charlamp, welcher sich bemühte, sein Schluchzen zu unterdrücken.

Kmicic aber rang die Hände und rief, den Kopf hin und her wiegend:

»Lieber Gott! Lieber Gott! Lieber Gott!«

»Euer Liebden wird sich jetzt nicht mehr über meine Thränen wundern,« sagte schließlich Charlamp, »denn wenn Euer Herz durch die Kunde von dem Unglücksfall allein schon bedrückt ist, wie muß es erst mir sein, der Zeuge ihres Endes und ihrer jedes Maß überschreitenden Leiden gewesen ist.«

In diesem Augenblick kam der Diener zurück, der ein Servirbrett mit einer großen, bauchigen Flasche und einem zweiten Glase trug, und hinter ihm erschien auch Frau Andrzej, welche nun doch ihre Neugierde nicht länger bezwingen konnte. Ihrem Gatten in das Gesicht blickend und dessen tiefe Bekümmernis wahrnehmend, fragte sie:

»Was für eine Kunde habt Ihr gebracht, Euer Gnaden? Verlangt nicht, daß ich mich wieder entferne, ich will Euch trösten, so gut es möglich ist, oder ich will mit Euch weinen, oder ich kann Euch vielleicht irgend einen Rat erteilen.«

»In diesem Falle kannst auch Du nicht Rat schaffen,« antwortete Herr Andrzej. »Und ich fürchte, daß der Kummer Deine Gesundheit schädigen kann.«

Und sie erwiderte:

»Gar viel vermag ich zu ertragen, Ungewißheit aber ist das Schlimmste.«

»Anusia ist tot!« sagte Kmicic.

Olenka erbleichte und ließ sich schwer auf die Bank niedersinken. Kmicic glaubte schon, durch den plötzlichen Schrecken überwältigt sei sie einer Ohnmacht nahe, doch der Schmerz kam sofort zum Ausbruch und sie begann laut zu weinen. Die beiden Ritter folgten ihrem Beispiel.

»Olenka,« sagte Kmicic schließlich, um den Gedanken seines Weibes eine andere Richtung zu geben, »glaubst Du denn nicht, daß sie im Paradiese ist?«

»Ich beklage sie auch nicht, sondern ich traure um sie und über die Verlassenheit Herrn Michals, denn was ihr ewiges Heil anbelangt, so wünschte ich, ich könnte mit der gleichen Zuversicht auf meine ewige Seligkeit bauen, wie ich auf die ihre baue. Ein edleres Mädchen, ein besseres, redlicheres Herz giebt es nicht. O meine Annika! Meine geliebte Annika!«

»Ich bin an ihrem Sterbelager gewesen!« sagte Charlamp. »Gebe Gott einem jeden von uns ein solch seliges Ende.«

Ein tiefes Schweigen folgte. Erst als die Thränen allen ein wenig Erleichterung gebracht hatten, begann Kmicic wieder:

»Erzählt uns, wie die Sache sich zugetragen hat, Euer Gnaden, doch stärkt Euch zuvor ein wenig mit Meth.«

»Ich danke Euch,« entgegnete Charlamp. »Von Zeit zu Zeit werde ich einen Schluck nehmen, falls Euer Liebden mir zutrinkt, denn der Schmerz ergreift nicht nur das Herz, er drückt uns auch die Kehle zusammen wie ein Wolf, und wen er packt, den kann er erdrosseln, wenn nicht Hülfe kommt. Die Sache verhält sich folgendermaßen: Ich wollte mich von Czestochowa aus in meine Heimat begeben, um meine alten Tage in Ruhe zu verleben und mich dort niederzulassen. Das Kriegshandwerk hatte ich satt, denn als junges Bürschlein habe ich es schon ausgeübt und nun ist mein Schnurrbart ergraut. Nur wenn ich ganz und gar nicht stille sitzen könnte, dann zöge ich unter irgend einem Banner ins Feld, aber jene zum Schaden des Vaterlandes und Vorteil des Feindes geschlossenen Kriegsbündnisse, sowie die Bürgerkriege haben mir die Bellona vollständig zum Ekel gemacht ... Lieber Gott! Der Pelikan nährt seine Kinder mit dem eigenen Blute, das ist wahr! Aber unser Vaterland hat schon allzu viel geblutet. Swiderski ist ein großer Kriegsheld gewesen! ... Möge Gott ihn richten!«

»O meine geliebte Anulka!« unterbrach ihn hier Frau Kmicic laut weinend – »was wäre aus mir, was wäre aus uns allen geworden ohne Dich? ... Mein Schutz und Schirm bist Du gewesen! O meine geliebte Anulka!«

Als Charlamp dies vernahm, schluchzte er abermals laut, doch währte es nicht lange, da Kmicic sich an ihn wendete und ihn fragte:

»Und wo seid Ihr mit Wolodyjowski zusammengetroffen?«

»Mit ihm und seiner Verlobten bin ich in Czestochowa zusammengetroffen. Beide machten dort Rast, denn sie wollten vor dem Muttergottesbild ihre Andacht verrichten. Er erzählte mir sogleich, daß er mit seiner Braut von hier komme und daß sie im Begriff stünden, sich nach Krakau zur Fürstin Gryselda Wisniowiecki zu begeben, ohne deren Einwilligung und Segen sich Anusia nicht trauen lassen wolle. An jenem Tage war das Fräulein noch ganz gesund und Herr Michal so vergnügt wie ein Vogel. »Nun,« sagte er, »hat mir Gott eine Belohnung für meine Arbeit gegeben!« – Er prahlte auch nicht wenig (Gott tröste ihn jetzt) und trieb seinen Scherz mit mir, weil wir uns, wie die Herrschaften wissen, dieses Fräuleins wegen seinerzeit einmal zankten und beinahe deshalb einen Zweikampf gehabt hätten. Und wo ist sie nun, die Arme?«

Hier begann Herr Charlamp wiederum laut zu schluchzen, aber wiederum währte es nicht lange, denn Kmicic unterbrach ihn abermals:

»Euer Gnaden sagten doch, Anusia sei an jenem Tage ganz gesund gewesen? Ist es denn so plötzlich gekommen?«

»Ja, plötzlich, ganz plötzlich. Sie wohnte bei Frau Marcin Marcinowa Zamojska, welche zu jener Zeit mit ihrem Gatten in Czestochowa weilte. Wolodyjowski verbrachte den ganzen Tag bei ihr, doch klagte er ein wenig über die Verzögerung, er meinte, es werde ein Jahr werden, bis sie nach Krakau gelangten, da jedermann sie unterwegs aufhalte. Und das ist kein Wunder. Einen Krieger, wie Herrn Wolodyjowsky, bittet jedermann gern zu Gaste, und wer ihn einmal bei sich hat, der läßt ihn nicht wieder los. Er führte mich auch zu seiner Verlobten und drohte mir lachend, mich niederzustoßen, wenn ich ihr von Liebe spräche. Aber sie vergaß die ganze Welt um seinetwillen. Mir ward thatsächlich zuweilen recht schlimm zu Mute bei dem Gedanken, daß ein Mensch wie ich in seinen alten Tagen so ganz allein ist, wie der Nagel in der Wand. Doch was liegt daran! Da plötzlich, einmal zur Nachtzeit, stürzte Wolodyjowski in der größten Bestürzung zu mir herein. »Um Gotteswillen, weißt Du, wo irgend ein Medicus zu finden ist?« »Was ist geschehen?« »Die Kranke kennt niemand mehr!« Auf meine Frage, wann sie erkrankt sei, erwidert er, daß er soeben erst die Nachricht von Frau Zamojska erhalten habe. Und es war spät in der Nacht! Wo sollte jetzt ein Medicus zu finden sein, da nur das Kloster unversehrt geblieben war, und die Stadt mehr Brandstätten als Menschen aufzuweisen hatte. Schließlich fand ich einen Feldscheer, und dieser wollte nicht mit mir gehen! Mit dem Streitkolben mußte ich ihn dazu zwingen. Aber ein Priester war nötiger als der Feldscheer. In der That trafen wir schon einen ehrwürdigen Pauliner an ihrem Lager an, welcher sie durch Gebet wieder zum Bewußtsein brachte, so daß sie das heilige Sakrament empfangen und Abschied von Herrn Michal nehmen konnte. Nach vierundzwanzig Stunden, des Nachmittags, war es um sie geschehen. Der Feldscheer sagte, irgend jemand müsse ihr ein Tränklein eingegeben haben, aber dies ist unwahrscheinlich, da Zauberkünste in Czestochowa keine Wirkung haben. Doch was mit Herrn Wolodyjowski vorging, was er da alles herausschwatzte – nun, ich hoffe nur, daß unser Herr Jesus es ihm nicht auf das Kerbholz schreibt, denn kein Mensch wägt seine Worte lange, wenn der Schmerz ihm das Herz zerreißt ... Wisset denn, Euer Gnaden (hier dämpfte Charlamp die Stimme), daß er in seiner Verzweiflung sogar Gott lästerte!«

»Um's Himmels willen! Er lästerte Gott!« wiederholte Kmicic leise.

»Von ihrem Leichnam stürzte er hinaus in den Flur, von dem Flur in den Hof, und dabei taumelte er wie ein Betrunkener. Er hob die geballten Fäuste gegen den Himmel und rief mit furchtbarer Stimme: »Ist das die Belohnung für meine Wunden, für die erlittenen Mühseligkeiten, für mein Blut, das geflossen ist, für meine Vaterlandsliebe? ... Nur ein einziges Lämmlein hatte ich, (sagte er), und du, o Herr, nahmst es mir. Einen von Waffen starrenden Mann, der in stolzer Selbstgefälligkeit auf Erden wandelt, niederzuwerfen, das ist der Hand Gottes würdig (sagte er), aber eine unschuldige Taube zu erwürgen, das ...«

»Bei den Wundenmalen des Erlösers!« rief Frau Kmicic, »wiederholt nicht alles, was er sagte, Euer Gnaden, damit Ihr kein Unglück über dies Haus heraufbeschwört.«

Charlamp bekreuzigte sich und fuhr fort:

»Der Arme dachte, er habe sich doch große Verdienste erworben, und dies sei nun seine Belohnung. Ach! Gott weiß am besten, was er thut, wennschon Menschenverstand es oft nicht zu fassen, es mit der menschlichen Gerechtigkeit nicht in Einklang zu bringen vermag. Sofort nach diesen Lästerungen ward Herr Michal ganz steif, er fiel zu Boden und der Priester las einen Exorcismus über ihn, damit die von den Lästerungen angelockten bösen Geister nicht in den Unglücklichen hineinfahren konnten.«

»Und ist er bald wieder zum Bewußtsein gekommen?«

»Wohl eine Stunde lag er wie leblos da, dann aber erholte er sich und, in seine Wohnung zurückgekehrt, wollte er niemand sehen. Während des Begräbnisses suchte ich auf ihn einzuwirken. Herr Michal, sage ich, Ihr müßt auf Gott vertrauen! Aber er gab keine Antwort. Drei Tage verweilte ich noch in Czestochowa, denn ich verließ ihn ungern, doch umsonst pochte ich an seine Thüre. Er wollte mich nicht sehen! Ich kämpfte innerlich mit mir. Was war nun zu thun? Sollte ich noch einmal einen Versuch machen, ihn zu sprechen, oder wegfahren? ... Konnte ich solch einen Menschen verlassen, mußte ich ihn nicht zu trösten versuchen? Nachdem ich mich indessen überzeugt hatte, daß nichts zu erreichen war, beschloß ich abzureisen und mich zu Skrzetuski zu begeben. Er ist Herrn Michals bester Freund, und auch Herr Zagloba ist dessen Freund, vielleicht, dachte ich, sind die beiden im stande, günstig auf ihn einzuwirken, besonders Herr Zagloba, der ein kluger Mensch ist und es versteht, die Leute auf andere Gedanken zu bringen.«

»Euer Gnaden sind also bei Skrzetuski gewesen?«

»Ja, aber auch darin ging es mir nicht nach Wunsch, denn er hatte sich mit seiner Gattin und Zagloba nach Kalisz zu dem Herrn Obristen Stanislaw begeben. Ueber den Zeitpunkt ihrer Rückkehr wußte niemand etwas zu sagen. Da dachte ich bei mir: Dein Weg führt Dich ja ohnedies nach Samogitien, Du kannst also bei den Herrschaften einkehren und ihnen erzählen, was sich zugetragen hat.«

»Daß Euer Liebden ein hochachtungswerter Kavalier ist, weiß ich seit langer Zeit,« sagte Kmicic.

»Nicht um mich handelt es sich hier, sondern einzig und allein um Wolodyjowski,« entgegnete Charlamp, »und ich gestehe den gnädigen Herrschaften, daß ich sehr besorgt um ihn bin, weil eine Geistesstörung bei ihm zu befürchten ist.«

»Gott möge ihn davor bewahren!« rief die Ehegemahlin des Herrn Andrzej.

»So ihn Gott davor bewahrt, dann wird er die Mönchskutte anziehen. Ich sage den gnädigen Herrschaften, daß ich noch nie in meinem Leben Zeuge eines solchen Kummers gewesen bin ... Und schade, schade wäre es um einen solchen Soldaten!«

»Weshalb schade? Zum größeren Ruhme Gottes würde das dienen!« bemerkte Frau Kmicic.

Charlamps Barthaare zitterten sichtlich und nachdenklich rieb er sich die Stirn.

»Traun, hochedle Wohlthäterin, das ist nun doch noch sehr die Frage. Bedenkt doch nur, gnädige Herrschaften, wie viele Heiden und Ketzer er in seinem Leben schon vernichtet hat, und damit hat er sicherlich unserem Heiland und dessen gebenedeiter Mutter eine größere Freude erwiesen, als gar mancher Frommer mit seinen Bußwerken. Hm! Dergleichen Dinge geben viel zu denken. Möge ein jeder zum Ruhme Gottes das thun, was er für das Geeignetste hält. Erwägt das Eine, gnädige Herrschaften: Unter den Jesuiten giebt es wohl gar manchen, der klüger ist, als Herr Michal, einen tapfereren Degen als er giebt es aber wohl kaum in der ganzen Republik.«

»So wahr mir Gott lieb ist, so ist es!« rief Kmicic. »Wissen Euer Gnaden, ob er noch in Czestochowa weilt, oder ob er von dannen zog?«

»Als ich mich auf den Weg machte, befand er sich noch dort. Was aber später geschah, weiß ich nicht. Ich kann nur wünschen, daß ihn Gott vor Geistesumnachtung schützen möge, daß er ihn vor Krankheit schützen möge, vor Krankheit, die so oft von Verzweiflung und Kummer hervorgerufen wird – denn er wird allein sein, allein, ohne Beistand, ohne einen Blutsverwandten, ohne Tröster.«

»Möge Dir die heilige Jungfrau in jenem wunderthätigen Orte beistehen, Du treuer Freund!« rief plötzlich Kmicic, »der Du mir so viel Gutes erwiesen hast, daß selbst ein Bruder nicht hätte mehr thun können.«

Ein längeres Schweigen trat ein. Endlich erhob Frau Kmicic, die in tiefes Sinnen versunken da stand, ihr blondes Köpfchen und sagte:

»Andrzej, gedenkst Du noch alles dessen, was wir ihm zu danken haben?«

»Wenn ich dessen jemals vergäße, müßte ich mir die Augen eines Hundes borgen, denn ich dürfte nicht mehr in das Gesicht eines ehrenhaften Menschen blicken.«

»Andrzej, Du kannst ihn nicht einfach seinem Schicksale überlassen!«

»Was soll ich aber thun?«

»Du mußt Dich zu ihm begeben.«

»Aus einem treuen Frauenherzen kommen diese Worte, so spricht ein edles Weib!« rief Charlamp, die Hand von Frau Kmicic ergreifend und sie mit Küssen bedeckend.

Kmicic schien jedoch nicht mit seiner Ehefrau einverstanden zu sein, denn kopfschüttelnd bemerkte er:

»Bis ans Ende der Welt reiste ich um seinetwillen, aber ... Du weißt es ja selbst ... wenn Du ganz wohlauf wärest ... ich sage ja nicht ... aber Du weißt es ja selbst! Gott behüte Dich vor irgend einem Schrecken, vor irgend einem Unfalle! ... Ich würde vor Angst vergehen ... Mein Weib steht mir näher als der beste Freund ... Ich bedaure Herrn Michal unendlich ... aber Du weißt! ...«

»Ich stelle mich in den Schutz der Kriegsväterchen aus Lauda. Hier herrscht jetzt Ruhe, und von jeder geringfügigen Ursache lasse ich mich nicht in Schrecken versetzen. Ohne den Willen Gottes wird mir kein Haar auf meinem Haupte gekrümmt werden ... Herr Michal aber bedarf vielleicht des Beistandes ...«

»O, er bedarf des Beistandes!« warf Charlamp ein.

»Höre, Andrzej! Ich fühle mich ganz wohl. Kein Mensch wird mir ein Leid zufügen ... Ich weiß, wie ungern Du fortgehst ... aber ...«

»Ich zöge es vor, Kanonen mit einer Ofenbrücke zu stürmen!« unterbrach sie Kmicic.

»Und wenn Du bleibst! Glaubst Du nicht, daß es für immer ein bitterer Gedanke für Dich sein wird, wenn Du Dir sagen mußt: Ich habe den Freund im Stiche gelassen! Und könnte nicht unser Herrgott in seinem Zorn seine Gnade von uns wenden?«

»Wie Du mir zusetzest! Du sagst, Er könnte seine Gnade von uns wenden! Das ängstigt mich!«

»Es ist eine heilige Pflicht, einen Freund wie Herrn Michal zu retten.«

»Ich bin Michal von ganzem Herzen zugethan. Eine schwierige, schwierige Lage! Wenn Hülfe nötig ist, dann muß rasch geholfen werden, denn jede Stunde ist hier von Bedeutung! Ich gehe sofort in den Stall ... Bei dem lebendigen Gott, giebt es denn keinen anderen Ausweg? Der Teufel selbst scheint es Herrn Jan und Zagloba in den Kopf gesetzt zu haben, sich nach Kalisz zu begeben. Nicht an mich denke ich dabei, nein, nur an Dich denke ich, Geliebteste! Weit leichter büßte ich all mein Hab und Gut ein, als daß ich Dich einen Tag missen möchte. Einem jeden würde ich mein Schwert bis an den Griff in die Kehle stoßen, der behaupten wollte, ich verließe Dich jemals aus einem anderen Grunde, als daß die Republik meiner Dienste bedürfe. Du sprichst von meiner Pflicht ... Mag es denn sein! Nur ein Nichtswürdiger kann hier noch zaudern. Und trotzdem, wenn es nicht Michal wäre, würde ich es doch nicht thun.«

Nun wandte er sich zu Charlamp.

»Hochedler Herr!« sagte er, »folget mir in den Stall. Wir wollen die Pferde auswählen. Du, Olenka, kannst inzwischen den Befehl erteilen, daß alles für die Reise vorbereitet werde. Etliche der Leute aus Lauda können die Drescher beaufsichtigen. Ihr müßt wenigstens vierzehn Tage bei uns verweilen, Herr Charlamp, und könnt daher statt meiner für mein Weib Sorge tragen. Vielleicht findet Ihr auch hier in der Umgegend ein geeignetes Besitztum für Euch. Uebernehmt doch Lubisz! Wie? Kommt mit in den Stall, hochedler Herr! Längstens in einer Stunde bin ich auf dem Wege. Was sein muß, muß sein!«

Fußnote

1 Zawisza, der Schwarze, ein durch seine Tapferkeit und Treue berühmter Ritter, lebte in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Anmerkung der Uebersetzerinnen.

II

Inhaltsverzeichnis

Noch vor Sonnenuntergang verabschiedete sich der Ritter von seinem schluchzenden Weibe, das ihn mit einem Kreuze segnete, in welches in Gold gefaßte Splitter von dem heiligen Kreuze eingefügt waren. Und da Herr Kmicic lange Jahre hindurch daran gewöhnt gewesen war, plötzlich aufbrechen zu müssen, jagte er auch jetzt, als es zum Aufbruche kam, in solch rasender Eile davon, als ob es gelte, den mit ihrer Beute fliehenden Tataren nachzusetzen.

Nachdem er Wilna erreicht hatte, begab er sich nach Grodno und Bialystock, um von hier aus nach Siedlec zu ziehen. Als er indessen durch Lukow kam, erfuhr er, daß Tags zuvor Herr und Frau Skrzetuski mit ihren Kindern und mit Herrn Zagloba angekommen seien, und so entschloß er sich, diese aufzusuchen, da er sich mit ihnen besser als mit irgend jemand anderm darüber beraten konnte, was für Herrn Wolodyjowski gethan werden müsse.

Voll Staunen, voll Freude ward er empfangen, kaum hatte er indessen die Ursache seiner Reise auseinandergesetzt, so verwandelte sich die Freude in tiefe Trauer.

Besonders Herr Zagloba zeigte sich den ganzen Tag hindurch untröstlich und vergoß, wie er wenigstens selbst behauptete, an dem Teiche einen solchen Strom von Thränen, daß, um ein Ueberfließen des Wassers zu verhindern, das Schutzbrett geöffnet werden mußte. Sobald er sich jedoch tüchtig ausgeweint hatte, überlegte er alles reiflich und ließ sich bei der Beratung also vernehmen:

»Jan kann nicht weggehen, da er in das Interims-Gericht2 gewählt worden ist, an dem eine Menge Streitsachen zu erledigen sein werden, denn nach vielen Kriegen giebt es stets zahlreiche unruhige Geister. Aus den Reden des wohledlen Herrn Kmicic aber ist deutlich zu ersehen, daß die Störche in Wodokty überwintern wollen, Ihre Arbeit ist ihnen jetzt schon vorgeschrieben, haben sie doch ganz besondere Pflichten zu erfüllen. Niemand kann sich daher darüber wundern, daß er sich unter solchen Verhältnissen nur ungern von seinem Heime trennt, um eine Reise zu unternehmen, deren Dauer keiner vorauszusagen vermag. Daß er die Fahrt unternommen hat, zeugt von einem gar treuen Herzen, wenn ich aber meine aufrichtige Meinung äußern darf, dann würde ich zu ihm sagen: Kehrt nach Hause zurück, denn Herr Michal bedarf eines Vertrauten, der es sich nicht zu Herzen nimmt, wenn er hart angefahren, wenn er einmal nicht vorgelassen wird. Ein langjähriges gegenseitiges Kennen, eine niemals versagende Geduld sind hier von nöten. Ihr, Euer Gnaden, habt aber nur Freundschaft für Michal, und Freundschaft genügt in solchem Falle nicht. Zürnt mir nicht über meine Worte, Ihr müßt ja selbst zugestehen, daß wir, Jan und ich, ältere Freunde von Michal sind, als Ihr, und daß wir schon gar viele Abenteuer gemeinsam mit ihm bestanden haben. Barmherziger Gott, wie unzählige Male habe ich ihn und er mich aus großer Gefahr errettet.«

»Wie wäre es, wenn ich auf mein Mandat als Landbote Verzicht leisten würde?« warf Herr Skrzetuski fragend ein.

»Jan, es ist ein öffentliches Amt!« bemerkte Zagloba sehr ernst.

»Gott weiß,« sagte nun Skrzetuski bekümmert, »daß ich meinen Vetter Stanislaw wie meinen Bruder liebe, Michal aber steht mir noch näher als ein Bruder!«

»Mir steht er schon deshalb näher als ein leiblicher Bruder, weil ich niemals einen Bruder besessen habe. Doch es ist jetzt nicht an der Zeit, sich über Gefühle auszulassen. Siehst Du, Jan, wenn Michal jetzt erst von dem Unglück betroffen worden wäre, würde ich vielleicht zu Dir sagen: Zum Teufel mit diesem Amt, mache, daß Du fort kommst! Wir müssen aber doch erwägen, wieviel Zeit seitdem schon verstrichen ist, denn Charlamp ist doch inzwischen von Czestochowa nach Samogitien und Herr Andrzej von Samogitien hierher zu uns gekommen. Jetzt handelt es sich nicht nur darum, Michal aufzusuchen, sondern bei ihm zu bleiben, es handelt sich nicht nur darum, mit ihm zu weinen, sondern ihn auf andere Gedanken zu bringen, es handelt sich nicht nur darum, ihm den Gekreuzigten als Vorbild zu zeigen, sondern ihn durch lustige Späße zu erheitern. Wißt Ihr daher, wer zu ihm gehen muß – ich! Und ich gehe auch, so wahr mir Gott helfe. Finde ich ihn in Czestochowa, dann bringe ich ihn hierher, finde ich ihn nicht, so folge ich ihm bis in die Moldau, ja, ich werde, wenn's sein muß, so lange nicht aufhören, ihn zu suchen, so lange ich noch im stande bin, aus eigener Kraft eine Prise Tabak in die Nase zu führen.«

Kaum hatte Herr Zagloba zu Ende gesprochen, so fiel ihm ein jeder der beiden Ritter um den Hals, er aber wehrte, wennschon vor Rührung über das Unglück des Herrn Michal und über die ihm selbst drohenden Mühseligkeiten Thränen vergießend, diese Umarmungen ab, indem er sagte:

»Dankt mir doch nicht wegen Herrn Michal, Ihr steht ihm nicht näher als ich.«

»Nicht wegen Herrn Michal danken wir Euch,« ließ sich nun Kmicic vernehmen, »allein müßte nicht jeder ein Herz von Stein, ein geradezu unmenschliches Herz besitzen, der nicht über Eure Bereitwilligkeit gerührt wäre, einem Freunde einen Dienst zu erweisen, ohne dabei an das eigene Alter zu denken, ohne irgend welche Beschwerden zu scheuen. Andere in Euerm Alter denken nur noch an den warmen Ofen, Ihr aber, wohledler Herr, sprecht von dieser langen Reise, als ob Ihr in meinem oder in Herrn Skrzetuskis Alter stündet.«

Wenn nun aber auch Herr Zagloba kein Geheimniß aus seinem Alter machte, fühlte er sich doch stets peinlich davon berührt, sobald jemand auf die Gebrechen anspielte, welche die Jahre mit sich zu bringen pflegen. Trotzdem daher seine Augen noch rot vom Weinen waren, warf er doch einen scharfen, unzufriedenen Blick auf Kmicic, als er erwiderte:

»Mein liebwerter Herr, als ich in das siebenundsiebenzigste Jahr trat, da überschlich mich ein gewisses Grauen, weil zwei Aexte3 über meinem Nacken hingen, doch kaum hatte ich das achtzigste Jahr hinter mir, da fühlte ich solch frischen Mut, daß ich sogar an eine Heirat dachte. Und wenn eine Heirat zu stande gekommen wäre, würde es noch fraglich gewesen sein, wer zuerst Anlaß zum Prahlen gehabt hätte, Ihr oder ich«

»Prahlen ist zwar nicht meine Sache,« bemerkte Kmicic, »doch hätte ich sicherlich Euer Gnaden den Vorrang lassen müssen.«

»Und ich würde Euch, wohledlen Herrn, ebenso in Verlegenheit versetzt haben, wie ich den Herrn Hetman Potocki in Gegenwart des Königs in Verlegenheit gesetzt habe, als er über mein Alter scherzte. Was that ich? Ich forderte ihn heraus, mit mir um die Wette Purzelbäume zu machen, dann werde sich erweisen, wer dies am längsten hintereinander auszuführen vermöge. Und was geschah? Schon nach drei Purzelbäumen mußte Herr Rewera von den Heiducken hinweggebracht werden, da er sich nicht mehr allein zu erheben vermochte, während ich mich, einen Bogen um ihn machend, wenigstens fünfunddreißig Male überschlug. Befragt nur Herrn Jan darüber, der alles mit eigenen Augen angesehen hat.«

Da Herr Skrzetuski wußte, daß Zagloba schon seit geraumer Zeit die Gewohnheit hatte, ihn bei allen seinen Behauptungen als Augenzeugen anzuführen, ergab er sich, ohne eine Miene zu verziehen, in sein Schicksal und begann von Neuem von Herrn Michal zu sprechen. In tiefes beharrliches Schweigen versunken, schien Zagloba über irgend etwas nachzudenken, und erst nach dem Abendbrote, nach dem er wieder in bessere Stimmung geriet, begann er zu den Gefährten gewendet folgendermaßen:

»Jetzt will ich Euch etwas sagen, auf das ein gewöhnlicher Geist gar nicht gekommen wäre. Ich vertraue auf Gott und glaube, daß unser Michal leichter über seine Kümmernisse hinwegkommen wird, als wir anfänglich gedacht haben.«

»Gott gebe es! Doch seit wann sind Euer Gnaden zu dieser Ansicht gelangt?« fragte Kmicic.

»Hm, dazu gehört eben, abgesehen davon, daß man ein Bekannter von Herrn Michal ist, ein scharfer Verstand, der eine Gabe der Natur ist, und große Erfahrung, die Ihr in Euern Jahren nicht haben könnt. Ein jeder hat wieder andere Eigentümlichkeiten. Bei etlichen Menschen, die vom Unglück betroffen werden, ist es, figuraliter gesprochen, gerade so, als wenn ihr einen Stein in einen Fluß werft. Auf der Oberfläche fließt scheinbar das Wasser bald wieder tacite dahin. Der Stein aber liegt auf dem Grunde, hemmt den natürlichen Lauf, stört ihn, zerreißt ihn, und der Stein bleibt liegen und hemmt und stört so lange, bis sich das Gewässer des Flusses in den Styx ergossen hat. Du, Jan, kannst zu solchen Menschen gezählt werden, zu den Menschen, denen es am schlimmsten auf der Welt geht, weil sie die Erinnerung an das erlittene Leid nicht mehr verläßt. Andere hingegen werden von einem schweren Verlust in der Weise betroffen, als ob sie einen Faustschlag in den Nacken erhalten hätten. Sie verlieren auf kurze Zeit das Bewußtsein, leben aber dann rasch wieder auf, und sobald die blauen Flecken nicht mehr sichtbar sind, ist auch alles vergessen. O, solch eine Natur hat es viel besser auf dieser Welt voll des Elends.«

Aufmerksam lauschten die Ritter den klugen Worten des Herrn Zagloba, und voll Freude darüber, daß man ihm solche Beachtung schenkte, fuhr er fort:

»Ich kenne Michal durch und durch, und Gott ist mein Zeuge, daß ich ihm nichts Schlimmes nachsagen will, allein mich dünkt es, daß er mehr die gescheiterte Heirat als den Verlust jenes Mädchens betrauert. Nicht über dessen Tod ist er in solcher Verzweiflung, wennschon das ein Unglück ist, wennschon das besonders für ihn das größte Unglück ist. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie dieser Mensch sich nach der Heirat sehnte. Er kennt weder Geldgier, noch besitzt er Ehrgeiz oder Habsucht. All sein Hab und Gut hat er im Stich gelassen, sein Vermögen ist so gut wie verloren, an seinen Sold hat er nicht gedacht. Als Belohnung für all seine Mühen, für all seine Dienste hoffte er, daß ihm unser Herrgott, daß ihm die Republik ein Weib bescheeren werde. Ihn verlangte darnach, wie es einen Hungernden nach Brod verlangt, gerade aber, als er seinen Hunger stillen, als er das Brod zum Munde führen wollte, da war es wie weggeblasen, da war es, als ob ihm jemand spottend sagte: Du hast es ja, so iß doch! Was Wunder also, daß er von Verzweiflung ergriffen ward! Ich will nun durchaus nicht behaupten, daß er nicht um das Mädchen trauere, aber so wahr mir Gott lieb ist, er grämt sich weit mehr über das Scheitern der Heirat, wenn er dies auch stets in Abrede stellt!«

»Wollte Gott, es wäre so!« bemerkte Herr Jan.

»Wartet es nur ab! Laßt nur einmal erst die Wunden, die ihm geschlagen wurden, heilen und vernarben, und Ihr werdet es erleben, daß der frühere Wunsch von neuem in ihm rege wird. Periculum liegt eben darin, ob er nicht sub onere der Verzweiflung irgend etwas thut oder beschließt, das er später wieder bereut. Doch was geschehen könnte, ist schon geschehen, denn im Unglück ist ein Entschluß rasch gefaßt. Mein Bürschlein nimmt schon meine Kleider aus dem Schrein und ordnet alles, demzufolge hat meine Rede nicht den Zweck, Euch von der Reise abzuhalten, sondern ich versuchte nur, Euer Liebden Trost zuzusprechen.«

»So wirst denn Du, Väterchen, wieder das Pflästerchen auf Michals Wunde sein!« sagte Skrzetuski.