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Im Pankoland gelten strenge Regeln. Die Gesellschaft ist auf Selbstversorgung ausgerichtet, jeder Mensch, vom Baby bis zur alten Frau, muss Gemüse anpflanzen. Herr Panko und Frau Brenzi legen die Regeln für das Zusammenleben fest. Alles wird kontrolliert, auf den ersten Blick sinnvoll.Nachts tauchen »Unterirdische« auf. Sie plündern die Beete und entführen sogar Jugendliche. Hier lebt Clemens mit seinem älteren Bruder Fredo und seiner Tante. An seine Eltern kann sich Clemens fast nicht erinnern, sie sind verschwunden, als er noch sehr klein war und wer nicht mehr da ist, wird im Pankoland schnell vergessen. Fredo scheint die »Regeln der Nacht« zu durchschauen. Aber ob jenseits der bewachten Grenzen alles besser ist? Als Clemens ein geheimes Paket hinüberschmuggeln soll, öffnet er es gegen alle Anweisungen von Fredo. Zudem nehmen ihn die Unterirdischen fest. In Gefangenschaft trifft er auf Helena, die länger schon aus Pankoland entführt worden war. Außerhalb der vertrauten Umgebung realisiert Clemens, dass bei den verfeindeten Nachbarn eine ähnlich enge Ordnung herrscht wie in Pankoland. Er beginnt seine Erfahrungen zu überdenken: Er muss sich wehren, er muss fliehen – wenn möglich mit Helena und den anderen Gefangen.
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Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Eva Roth
Roman
Atlantis
Weit hinten hörte ich das schleifende Geräuschnackter Füße auf Asphalt. Wahrscheinlich waren es nur noch ein oder zwei Verfolger, aber auch einer allein konnte mir gefährlich werden. Fredo und ich machten es, wie wir besprochen hatten: Wir teilten uns auf, damit die anderen kurz verwirrt waren. Fredo nahm die Straße, weil er schneller rennen konnte, und überließ mir die Gärten. Ich war ein flinker Kletterer und außerdem kleiner als mein Bruder. Ich konnte mich in dunklen Winkeln fast unsichtbar machen. Wenn die Unterirdischen uns entdeckten, verfolgten sie zuerst Fredo, was mir etwas Zeit gab, zwischen den Pflanzkisten zu verschwinden. Wenn sie meine Verfolgung aufnahmen, war ich bereits im Labyrinth der Gärten und Innenhöfe verschwunden. Ich kannte es auswendig, ich wusste, wo die Wege zwischen den Kisten waren und wo die Kellerfenster nachts offen standen. Fredo und ich hatten alles tausendmal besprochen. Aber die Unterirdischen kannten die Wege auch. Deshalb war es wichtig, dass ich meinen Vorsprung nutzte und sie nicht mitkriegten, welche Richtung ich als Erstes einschlug. Ich hatte Angst um Fredo. Wenn sie ihn erwischten, war er verloren. Einige Menschen waren nachts schon aus dem Pankoland verschwunden, zuletzt Helena. Das war im Spätwinter gewesen, als der Schnee von der Straße am Morgen so rasch weggeschmolzen war, dass nicht einmal Spuren zurückblieben.
Jetzt war bereits August, Erntezeit. Wir liefen alle barfuß, um die Schuhe zu schonen, aber auch, weil wir mit bloßen Füßen geschickter klettern konnten. Auch die Unterirdischen rannten barfuß. Ich kauerte mich hinter den Holunderbusch neben dem Schuppen von Frau Brenzis Hochhaus.
Bei uns in Esperanza waren alle Häuser Hochhäuser. Aber dazwischen gab es Platz, denn jedes von ihnen stand in einem großen Garten, der auf die Bewohnerinnen und Bewohner aufgeteilt war. Alle mussten Gemüse anpflanzen, obwohl wir hinter dem Dorf auch noch Äcker hatten. Jeder Mensch, vom kleinsten Baby bis zur alten Frau, besaß mindestens eine Kiste, die bepflanzt werden musste. Blumen waren verboten, es gab ja schon genug Wildblumen außerhalb der Gärten. Aber manche Pflanzen machten schöne Blüten, und man konnte ihre Früchte oder Wurzeln später essen. Ich hatte Kartoffeln und Bohnen gepflanzt, Bohnenstauden mit feinen weißen Blüten; Fredo Kartoffeln und Pfefferminze, Irene Lauch und Zucchini. Fredo steckte mir manchmal heimlich einen Kaugummi zu und sagte, ich solle dafür seine Kiste wässern. Die Kaugummis in der Hosentasche herumzutragen, war gefährlich. Am Tag sollte man sich damit nicht von Herrn Panko erwischen lassen. Und nachts konnten einem die Unterirdischen alles wegnehmen, was man bei sich trug. Doch wenn das passierte, konnte man noch von Glück reden. Wenn man Pech hatte, verschwand man selbst.
Ich spähte durch den Spalt zwischen dem Holunder und der Holzwand des Schuppens. Gleich vor mir war die Straße. Meine Verfolger hasteten vorbei. Sie keuchten. Zwei waren es, ein Junge und ein Mädchen, fast schon Erwachsene. Ich sah ihre schmutzigen Füße. Weiter vorne zog der Junge im Laufen einen Zucchino aus einer Pflanzkiste. Es war Ollis Kiste.
Lange durfte ich nicht warten in meinem Versteck, wahrscheinlich waren noch mehr Unterirdische unterwegs. Ich eilte zwischen den Pflanzkisten hindurch bis zum Brenzihaus, schlüpfte durchs Kellerfenster, schloss es von innen und öffnete jenes auf der anderen Seite für Fredo. So wusste er, dass ich schon im Haus war. Dann schlich ich nach oben in unsere Wohnung und flitzte dabei so schnell wie möglich an Frau Brenzis Tür vorbei.
In Frau Brenzis Haus waren wir alle sicher. Dafür sorgte sie selbst, indem sie die Regeln streng und auf ihre Art durchsetzte. Eines Morgens hatte sie zum Beispiel beobachtet, wie Katrina eine Pflanzkiste betrachtete, die in der Nacht geplündert worden war. Ausgerissene Kohlrabiblätter lagen zerrupft auf der aufgewühlten Erde. Katrina hatte sich kurz umgesehen, und als sie sicher war, dass niemand in der Nähe war, hatte sie zwei Karotten herausgezogen und schnell in ihrer Schultasche versteckt. In diesem Moment rief Frau Brenzi von ihrem Balkon herunter: »Rübenklau!« Kurz darauf humpelte sie um die Ecke. Katrina, die vor Schreck stehen geblieben war, wusste, was jetzt kam: Frau Brenzis Gesicht, dessen Ausdruck sonst meist hart und entschlossen war, wurde ganz weich. Gefährlich weich. Sie strich Katrina über das Haar, nahm ihr sanft die Karotten aus der Tasche, griff nach Katrinas Hand und erklärte: »Das ist doch die Pflanzkiste von Herrn Wend. Wir müssen ihm helfen, wieder neue Kohlrabi und Karotten anzupflanzen.«
An diesem Tag ging Katrina nicht zur Schule. Sie besorgte neue Kohlrabisetzlinge und richtete zusammen mit Frau Brenzi die geplünderte Kiste wieder her. Noch eine ganze Woche lang half Frau Brenzi ihr beim Wässern. Alle hatten das gesehen, auch wenn niemand hinzugucken versuchte. Wenn Frau Brenzi jemandem half, wussten alle, dass man gegen die Regeln verstoßen hatte. Als ich später einmal allein mit Katrina auf dem Schulweg war, vertraute sie mir an, dass sie sich noch nie so geschämt habe wie damals.
Fredo und ich durften kein Licht anmachen, die Dunkelheit schützte uns auch im Haus. Als ich in unser Zimmer kam, pfiff ich leise, obwohl ich wusste, dass Fredo noch nicht da war. Ich legte mich aufs Bett und wartete. Wenig später öffnete er die Tür. Fredo und ich pfiffen den Pfiff von heute. Fast tonlos war er, nur ein wenig Luft mit der Melodie von Sieben helle Osterglocken. Fredo und ich sagten kein Wort und machten kein unnötiges Geräusch, damit Irene uns nicht hörte. Ich sah Fredo nicht, aber ich wusste, dass er zornig aussah auf seinem Bett. Er sah immer zornig aus, wenn er gerannt war. Nur sein schneller Atem war zu hören, dann wurde er ruhiger.
Fredo sah nicht, dass ich grinste. Ich konnte nicht anders. Ich lag auf meinem Bett und grinste im Dunkeln die Decke an. Fredo hatte es geschafft. Ich hatte es auch geschafft. Wir waren hier.
Fredo und ich sprachen nicht darüber, dass ich neuerdings auch hinausging in der Nacht. Was nicht ausgesprochen wurde, blieb länger unerkannt, auch von Irene. Als Erstes sollte ich lernen, mich vor den Unterirdischen in Sicherheit zu bringen, mich auf die anderen zu verlassen und für sie verlässlich zu sein. Danach würde ich Aufgaben bekommen, aber ich wusste noch nicht, welche das sein würden. Fredo sagte mir nichts darüber.
Irene brummte »Guten Morgen«, als wir die Küche betraten. Sie sah noch etwas zerzaust aus.
Am Tag waren die Unterirdischen nicht da. Sie bewegten sich nur im Dunkeln, diese Feiglinge. Aber das war besser für uns. Durch die Tage kamen wir gut, Fredo und Irene und ich. Manchmal waren die Tage zauberhaft.
Der Morgen begann immer damit, dass Fredo und ich ein neues Signal abmachten, das für den ganzen Tag galt. Eine kurze Melodie, die er oder ich vorpfiff und die der andere wiederholte. Dann einigten wir uns auf zwei Zahlen von eins bis zehn. Jedes Kellerfenster des Brenzihauses hatte eine Nummer. Die erste Zahl stand für das Fenster, das wir an diesem Tag angelehnt ließen. Die zweite stand für jenes, das wir öffneten, wenn der Erste von uns bereits im Haus war. Heute war die Melodie der Anfang von Im Moor von Heulencamp, und die Zahlen drei und zehn.
Als Fredo und ich unseren Haferbrei aßen, setzte Irene sich zu uns. Sie schaute uns so lange und unverwandt an, dass ich aufhörte zu essen.
»Ich habe gehört, dass ein Paket fehlt«, sagte sie und blies sich mit sehr langem Atem eine Franse aus der Stirn.
Jetzt hörte auch Fredo auf zu löffeln.
»Warum schaust du mich so an?«, fragte Fredo.
Ich wusste nicht, wovon die beiden sprachen. »Was für ein Paket?«, fragte ich.
Langsam löste Irene ihren Blick von Fredo, zuckte mit den Schultern und erklärte: »Ach, so ein Paket, das lange im Keller von Herrn Pankos Hochhaus lag.«
Ich wunderte mich, dass ein Paket aus Herrn Pankos Keller verschwinden konnte. Herr Panko erwischte jeden. Das war gut für das ganze Pankoland und besonders für die Leute, die in seinem Haus wohnten. Wer hatte es gewagt, in sein Haus einzudringen und etwas daraus zu entwenden?
Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zur Schule. Wir wohnten im fünften Stock, also war unser Schulweg erst mal ein Treppenlauf. Unten im Garten trafen wir auf Olli, Katrina, Lenz und Wesa. Sie wohnten auch alle im Brenzihaus.
Lenz fragte: »Habt ihr das auch gehört in der Nacht?«
Fredo runzelte die Stirn und schaute, ob sich niemand in der Nähe befand. Wir steckten unsere Köpfe zusammen, und Lenz fuhr fort: »Geräusche. Habt ihr die echt nicht gehört bei euch oben?«
»Wieder im ersten Stock? Ein Rumpeln?«, fragte Fredo.
Katrina nickte und sagte: »Ich habe etwas gehört bei uns im Zweiten, gerade, als ich einschlafen wollte. Kein Rumpeln, sondern wie wenn etwas über den Boden geschleift würde. Möbel vielleicht.«
Olli fragte ungläubig: »Mitten in der Nacht? Was, wenn Frau Brenzi das erfährt?«
Wesa flüsterte: »Vielleicht war es ja Frau Brenzi. Vielleicht hat sie die Geräusche gemacht.« Lenz nickte. »Ich bin sicher, dass die Geräusche aus ihrer Wohnung kamen.«
Katrina und ich lachten, denn wir konnten uns kaum vorstellen, dass Frau Brenzi gegen ihre eigenen Regeln verstieß. In der Nacht sollten alle ruhig sein im Brenzihaus. Olli zuckte mit den Schultern und sagte: »Los, gehen wir.«
Außer Fredo und mir waren alle schon fertig mit Wässern. Fredo schaute sich um, ob Frau Brenzi nirgends zu sehen war, dann flüsterte er mir zu: »Zwei Kaugummis, wenn du meine Kiste auch gießt.«
Ich wollte die Kaugummis unbedingt. Sie waren süß und verboten, und wer Kaugummis besaß, konnte damit handeln. Fredo verriet mir nicht, woher er sie hatte. Lebensmittel wurden für die Ernährung gebraucht. Und mit Kaugummis Geschäfte zu machen, verstieß gegen alle Grundsätze des Pankolandes. Geschäfte schadeten der Gerechtigkeit, sagten Herr Panko und Frau Brenzi und auch Herr Franz, unser Lehrer. Sie wollten verhindern, dass wir uns vor Arbeiten drückten, die wir auch selbst erledigen konnten. Es war riskant, den ganzen Tag mit Fredos Kaugummis herumzulaufen. Trotzdem willigte ich ein. Fredo steckte mir zwei eingewickelte Kaugummis zu und zog mit den anderen davon.
Als ich endlich fertig war mit Pflanzengießen, rannte ich direkt in Herrn Panko hinein. Er war nicht viel größer als Fredo, aber er hatte einen so harten Körper, dass ich beinahe an ihm abprallte.
Was hatte er hier zu tun? Er hielt mich fest mit seinem Schraubstockgriff.
»Clemens aus dem Brenzihaus, richtig?« fragte er, und seine Augen funkelten aufmerksam hinter den Brillengläsern. Ich nickte und wollte mich losmachen. »Ich muss zur Schule«, stammelte ich.
»So eilig?«, fragte er. »Hast du was zu verstecken?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Zeig mal deine Hosentaschen«, verlangte er. Ich erschrak.
Zum Glück kam in diesem Moment Irene um die Ecke. Sie grüßte Herrn Panko freundlich. Er ließ mich los. Irene drückte mir, als ob nichts wäre, einen Kuss auf die Stirn und sagte: »Los jetzt.«
Irene war schon immer da, seit Fredo und ich klein waren. Sie war eigentlich unsere Tante, die jüngere Schwester unserer Mutter. Unsere Eltern waren aufgebrochen und wollten uns alle drei nachholen, aber das war nie geschehen. Ich vermisste meine Eltern nicht, und ich erinnerte mich auch nicht an sie. Ich war erst zwei Jahre alt gewesen, als sie weggingen, und Fredo fünf. Aber auch er sprach kaum über sie. Wir hatten ja Irene, und sie war für mich wie eine große Schwester und eine Mutter zugleich.
Am Nachmittag hatten wir Freilandunterricht und rösteten gegen Abend mit der ganzen Klasse Kartoffeln am Feuer. Danach rannte ich wieder durch die Straßen, aber nicht lange, denn es dämmerte bereits. Herr Franz hatte uns eingeschärft, direkt nach Hause zu laufen. Fredo war draußen nirgends anzutreffen, und bald wäre es so dunkel, dass ich ihn nicht mehr finden würde. Das Klügste war, meine Kaugummis in Sicherheit zu bringen. Als ich das Kellerfenster Nummer 3 aufdrücken wollte, war es geschlossen. Ich stutzte. Noch nie war es vorgekommen, dass das erste Fenster nicht offen stand. Rasch bog ich um die Ecke und fand tatsächlich das Fenster Nummer 10 einen Spaltbreit offen. Warum war Fredo schon da?
Als ich vor Frau Brenzis Wohnung vorbeischlich, hielt ich kurz inne und lauschte. Ich hörte ein leises, unregelmäßiges Tappen und das Schleifen eines Gegenstandes über dem Boden. Waren das die Geräusche, von denen Lenz gesprochen hatte? Hinter Frau Brenzis Tür wurde es so plötzlich wieder still, wie die Geräusche eingesetzt hatten, und ich machte, dass ich weiterkam.
Oben in unserem Zimmer fand ich Fredo auf seinem Bett liegen. Vor Aufregung vergaß ich, Im Moor von Heulencamp zu pfeifen. Fredo starrte einfach vor sich hin.
»Was ist los?«, fragte ich.
Keine Antwort.
Als ich näher trat, begann er leise die vereinbarte Melodie zu pfeifen. Ich wiederholte sie, und endlich schaute er mich an. Wir mussten verlässlich sein mit unseren Abmachungen, ohne Ausnahmen.
»Warum bist du schon hier?«
»Ich zeig dir was«, flüsterte er.
Unter seinem Bett holte er ein kleines Paket hervor. Es war in grünes Packpapier eingeschlagen und mit einer Schnur umwickelt.
»Bring das zur Grenze«, sagte er. Seine Stimme zitterte ein wenig.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Egal«, sagte er. »Bring es einfach. Zur Grenze am Auenbach.«
Das war also meine erste Aufgabe.
Der Auenbach bildete die Ostgrenze. Drüben lebten die Unterirdischen. Die anderen Seiten von Pankoland waren von einer langen überwachsenen Mauer begrenzt. Im Süden traf die Mauer auf den Auenbach, und im Norden wohl auch. Dort gab es keine Übergänge. Die einzigen beiden lagen beim Staudamm und beim Mauertor. Sie wurden nachts vom Grenzdienst bewacht. Etwas zur Grenze zu bringen, war gefährlich. Ich durfte mich nicht von unserem Grenzdienst erwischen lassen. Noch schlimmer wäre es, wenn die Unterirdischen mich dort entdeckten und mich über den Staudamm auf die andere Seite schleppten. Auch der Grenzübergang am Mauertor war unheimlich. Was hinter der Mauer lag, kannten wir nicht, und nur Frau Brenzi kontrollierte, wer oder was von draußen nach Pankoland hereinkam. Von ihr oder unseren Wachleuten nachts an der Mauer gesehen zu werden, wollte ich mir gar nicht ausmalen. Die Mauer war da, um uns zu schützen, und nicht, um sich dort mit einem geheimnisvollen Paket herumzutreiben.
»Und wenn sie mich kriegen?«, warf ich ein.
»Du lässt dich nicht erwischen«, sagte Fredo.
»Nicht wie Helena«, sagte ich unnötigerweise. Wir erinnerten uns alle an sie.
Helena war gleich alt wie Fredo. Nachdem sie verschwunden war, schienen die Plünderungen zuzunehmen, und das im Frühjahr, wo die Vorräte zur Neige gingen. Die Unterirdischen hatten Helena wohl gezwungen, die Gemüselager zu verraten.
»Wenn ich es mache, will ich wissen, was da drin ist«, sagte ich mit Blick auf das Paket.
Fredo schwieg, er schüttelte nur den Kopf.
»Und wem soll ich es übergeben?«, fragte ich.
»Wirst schon sehen«, murmelte Fredo.
Ich hatte einen Verdacht. »Ist das Paket aus Herrn Pankos Keller?«
Fredo sah mich eindringlich an. Statt zu antworten, sagte er: »Zwanzig Kaugummis.«
Am nächsten Tag kam ich direkt nach der Schule nach Hause, um einen Moment für mich allein zu sein. Irene war draußen bei den Schafen, sie musste beim Klauenschneiden helfen. Sie mochte das nicht, und nachdem ich einmal dabei zugeschaut hatte, verstand ich auch, warum: Die Schafe hielten den Menschen ihre Füße nicht freiwillig hin, sie wichen aus und schienen nicht zu verstehen, dass das Klauenschneiden gut für sie war. Und wenn jemand ungeschickt oder grob war, zuckte das Schaf zusammen. Irene machte diese Arbeit jedoch schon seit Jahren. Alle drei Monate meldete sie sich freiwillig, weil die Schafe ihre Klauen ja nicht selbst schneiden konnten.
Kein Geräusch war zu hören, nicht aus unserer Wohnung und auch nicht von den Nachbarn. Ich horchte kurz im Treppenhaus und schaute die fünf Stockwerke hinunter und die vier nach oben. Überall war es still. Vorsichtig schloss ich zuerst die Wohnungstür hinter mir, danach unsere Zimmertür. Das Paket lag in meiner Kommode hinter den alten Schulbüchern von Fredo, verdeckt von meinen Socken und Unterhosen. Ich nahm es in die Hand. Es hatte Platz auf meiner Handfläche und war weder schwer noch leicht. Vielleicht so wie eine mittelgroße Tomate? Mittlerweile war ich fast sicher, dass es sich um das Paket handelte, das aus Herrn Pankos Keller verschwunden war. Was mochte daran so wertvoll sein?
Irene hatte mal erzählt, dass es Länder gegeben habe, in denen alles in Gold gemessen wurde. Aber das sei schon lange vorbei. Sie beschrieb Gold als etwas überirdisch Schönes, das ein eigenes Licht ausstrahlte und viel schwerer war, als es aussah. So schwer kam mir das Paket nicht vor. Und was sollte Herr Panko mit Gold anfangen? Wenn es in diesem Paket eingeschlossen war, konnte er es ja nicht einmal anschauen und sich daran erfreuen. War im Paket vielleicht etwas Persönliches von ihm? Wir wussten nicht so viel über seine Vergangenheit, aber Irene hatte einmal angedeutet, dass er und Frau Brenzi vor langer Zeit ein Liebespaar gewesen waren. Fredo und ich fanden diese Vorstellung sehr lustig und kicherten beim Gedanken, dass Frau Brenzi Herrn Panko küssen und ihm zuseufzen würde:
»Ach, William«. Aber Irene ermahnte uns, darüber nur in unserer Küche zu lachen, wenn niemand zuhörte. Sie meinte, Herr Panko sei möglicherweise immer noch verletzt, dass Frau Brenzi ihn wegen eines Wanderarbeiters verlassen habe. Und Frau Brenzi habe sich bei der Geschichte mit dem Wanderarbeiter ebenfalls verletzt, sie habe sich nämlich auf einem Ausflug mit ihm in die zerklüfteten Gebiete im Süden den Fuß gebrochen, und der sei schlecht verheilt. Seither hinke sie. Und der Wanderarbeiter sei wenig später weitergezogen.
Diese Geschichten gingen mir durch den Kopf, während ich das Paket drehte und schüttelte. Ich hörte nichts. Das Paket war mehrfach mit einer Hanfschnur umwickelt, die schon etwas speckig glänzte. Ich vermutete, dass das Paket noch nie geöffnet, aber oft angefasst worden war.
Noch nie geöffnet … konnte man eine Schnur öffnen und wieder verknoten, ohne eine Spur zu hinterlassen?
Ich erschrak über meinen eigenen Gedanken. Hatte ich mir gerade vorgestellt, das Paket zu öffnen? Obwohl Fredo mir eingeschärft hatte, ich sollte es einfach nur zur Grenze bringen? Wahrscheinlich hatte er recht, und es konnte mir gefährlich werden, zu viel zu wissen.
Ich legte es zurück in meine Kommode, diesmal eine Schublade tiefer, zwischen meine Winterjacke und zwei Paar lange Hosen. Dass ich für etwas Geheimes jedes Mal ein neues Versteck wählte, war klar: So verwischte ich die Wege hinter mir, auch wenn mir noch niemand auf der Spur war. Und ich tat es auch, um Fredo zu schützen. Falls ihn jemand verdächtigte, konnte er ohne zu lügen behaupten, er wisse nicht, wo das Paket sei.
Ich legte mich aufs Bett und versuchte, meine Hausaufgaben zu machen. Meine Gedanken schweiten jedoch immer wieder ab, und noch bevor ich mich dafür entschieden hatte, fand ich mich wieder vor der Kommode mit dem Paket in der Hand. Mein Herz klopfte. Ich wusste, dass ich das, was ich jetzt tun würde, mit niemandem teilen konnte. Nicht einmal mit Fredo, der mir das Paket anvertraut hatte und sich darauf verließ, dass ich es so, wie er es mir übergeben hatte, zur Grenze am Auenbach brachte.
Vorsichtig löste ich den Knoten. Ich ließ die Schnur genau so liegen, wie sie vom Paket abgefallen war. Nur dort, wo ich sie mit meinen Fingernägeln aufgeklaubt hatte, strich ich sie vorsichtig wieder glatt.
Das Packpapier war zum Glück nur gefaltet und nicht geklebt. Ich versuchte, mit möglichst leichter Hand ganz langsam das Papier zu lösen. Zum Vorschein kam eine kleine Schachtel aus dickem Graukarton. Ich hob den Deckel ab und sah zuerst nur Wollvlies. Unter dieser Schicht fand ich ein gefaltetes Stück Papier, das von Hand beschrieben war.
Ich griff mir an den Kopf: ein Liebesbrief? Sollte ich ihn wirklich lesen, oder würde ich Frau Brenzi und Herrn Panko danach nie mehr begegnen können, ohne zu erröten? Ich nahm das Blatt zwischen Daumen und Zeigefinger und schüttelte es leicht. Es öffnete sich ein wenig, und ich konnte die Anrede des Briefes erkennen:
Lieber William,
Darüber in der Ecke sah ich ein Datum, das fast dreißig Jahre zurücklag. Meine Finger zitterten vor Aufregung, als ich das Blatt auseinanderfaltete.
Lieber William,
ich bin immer noch verwirrt nach unserem Gespräch gestern am Feuer. Ich hätte mir gewünscht, mit dir weiterreden zu können und dabei deine vertraute Stimme durch deinen Brustkasten vibrieren und deinen Herzschlag wummern zu hören.
Was? Ich musste den Satz zweimal lesen. Wer hätte gedacht, dass Frau Brenzi und Herr Panko eine so romantische Vergangenheit hatten, dass sie mit einem Ohr auf seiner Brust seiner Stimme gelauscht hatte?!
Aber du bist gegangen, William. Warum? Weil wir diese kleine Meinungsverschiedenheit hatten? Oder gibt es noch einen anderen Grund? Ich vermisse dich! Und ich bin so wütend, dass ich dich schütteln könnte, doch dafür liebe ich dich zu sehr. Mir ist wichtig, dass du auch meine Sicht verstehst: Wenn wir eine Gemeinschaft mit den Menschen aufbauen, die wir lieben und die gleich denken wie wir, braucht es Regeln. Du meintest, es genügt, wenn alle in der gemeinschaftlichen Landwirtschaft mithelfen. Dann könnten alle daneben das tun, was sie sonst noch interessiert. Mehr Einschränkung brauche es nicht, sagtest du.
Ich liebe dich dafür, dass du so gut über die Menschen denkst, William. Aber das genügt nicht. Es gibt etwas, was unsere Idee von der selbstversorgenden Gemeinschaft bedrohen könnte: Geschäfte. Wenn die Menschen die Arbeit, die sie auch selbst leisten könnten, zu verkaufen und daraus sogar einen Vorteil zu ziehen versuchen, wird es in kurzer Zeit Reiche und Arme geben, Mächtige und Schwache. Das wollen wir doch hinter uns lassen! Wir haben gesehen, wohin das führt. Und jetzt haben wir mit diesem riesigen Gebiet am Auenbach die Möglichkeit, ein Land zu schaffen, in dem man sich hilft, weil es sinnvoll ist, und nicht, weil man einen persönlichen Vorteil gegenüber den anderen hat. Wir machen eine bessere Welt, William!
Also keine Geschäfte. Geschäfte sind schlecht für die Gesellschaft.
Aha, dachte ich, Frau Brenzi ist sich und ihren Grundsätzen treu geblieben. Ich las weiter:
Die Menschen sollen sich holen, was sie brauchen, als Gegenleistung für ihren Einsatz in der Landwirtschaft. Aber sie sollen sich wirklich nur holen, was sie brauchen!
Wiederhole ich mich? Vielleicht verstehst du meine Gedanken besser, wenn du sie hier auf Papier lesen kannst. Ich will, dass du sie verstehst! Wir müssen zusammenhalten!
William. Ich habe eine böse Ahnung. Verrate nicht unsere Idee. Und verrate nicht mich, William, das würde ich dir nie verzeihen. Liebst du mich noch?
Wenn du mich liebst, kommst du zurück zu mir. Komm heute wieder ans Feuer. Ich verstehe nicht, warum du gestern nicht geblieben bist. Komm zu mir ans Feuer und verbrenne vor meinen Augen diesen Brief, damit wir ein Land in Frieden und Einheit erschaffen können.
Jetzt kam ein neuer Absatz, der in Spiegelschrift geschrieben war:
Jetzt stand wieder in normaler Schrift:
Ich hoffe immer noch, dich heute wiederzusehen.
Deine Brenda
Brenda? Aber Frau Brenzi hieß doch Esperanza, wie unser Dorf? Ich war verwirrt. Ich kannte keine Brenda. Und offenbar war Herr Panko nicht zu dieser geheimnisvollen Person zurückgekehrt, denn der Brief war ja nicht verbrannt worden. Herr Panko hatte ihn aufbewahrt. Warum? Weil er ihn an eine Liebesgeschichte noch vor jener mit Frau Brenzi erinnerte? Oder weil das Verräterrezept eine große Macht hatte? Hatte er Angst vor dieser Brenda und wagte deshalb nicht, den Brief zu verbrennen? Ich überlegte fieberhaft. Das Geschäftemachen war bei uns verboten, also war Herr Panko Brendas Idee doch gefolgt. War dieser Brief für ihn der Grundstein für Pankoland, ohne dass er zu Brenda zurückgekehrt war? Hatte er ihn aufbewahrt, damit er sich immer wieder an die Anfänge von Pankoland erinnern konnte?
Ich überflog noch einmal das Rezept. Kompliziert war es nicht, ich musste es mir nicht einmal merken, ich konnte es ganz einfach nicht mehr vergessen. Doch wozu sollte es gut sein? Und was bedeutete es, dass ich jetzt Mitwisser des Verräterrezeptes war? Brendas Ton war wirklich bedrohlich. Eins wusste ich sicher: Solange nicht klar war, was dieses Rezept bedeutete, durfte niemand davon erfahren, auch wenn es die Zutaten dafür bei uns im Lebensmitteldepot nicht alle gab. Ich schloss das Rezept in der hintersten Ecke meines Gehirns ein und verschnürte das Paket mit dem Brief wieder. Diesmal hängte ich es an die Vorhangstange, wo es vom Stoff verdeckt wurde.
Meine Hausaufgaben brachte ich so schnell wie möglich hinter mich. Danach ging ich in die Küche und begann Zwiebeln, Kartoffeln und Zucchini klein zu schneiden. Das beruhigte mich ein wenig. Ich erhitzte alles zusammen in unserem schweren Topf, und der Geruch des Abendessens breitete sich in der Wohnung aus.
Irene kam nach Hause. Sie schnupperte anerkennend, setzte sich an den Tisch und sagte: »Das riecht nach Clemens-Eintopf! Richtig, richtig gut.«
Ich fragte: »Und die Schafe?«
»Die Schafe«, seufzte sie. »Manchmal stelle ich mir vor, ein Schaf zu sein. Dann muss ich jeden Morgen und jeden Abend zum Melken und alle drei Monate zum Klauenschneiden. Und einmal im Jahr zum Scheren. Und irgendwann zum Schlachten. Ist das nicht schrecklich?«
»Warum schrecklich?«, fragte ich. »Ist doch gut, dass die Schafe Klauenpflege bekommen, sonst könnten sie nicht mehr gut laufen. Und dass sie uns Milch und Wolle geben, ist auch gut. Und Fleisch.«
»Schrecklich, wenn alles so vorgegeben ist«, sagte Irene. »Die Schafe können ja nicht mal entscheiden, ob sie so leben wollen oder nicht.«
Ich lächelte. Wenn ich ein Schaf wäre, würde ich mich auf jeden Fall am liebsten von Irene scheren lassen, so nett, wie sie ihnen dabei zuredete. Das war nicht selbstverständlich in einem Schafleben.
»Na ja«, sagte sie jetzt mit festerer Stimme. »So ist das eben. Hast du etwas von Fredo gehört?«
»Er ist noch nicht hier.«
»Weiß er etwas Neues vom verschwundenen Paket?«
Ich zuckte zusammen, kontrollierte mich aber gleich wieder und verneinte.
»Bei den Schafen sprachen alle davon«, fuhr Irene fort. »Niemand weiß, was im Paket ist, aber Panko ist außer sich. Anfangs wollte er geheim halten, dass etwas fehlt, aber dann fing er an herumzufragen. Nach einem wertvollen Paket. Grün soll es sein, grün wie junger Sauerklee. Und gar nicht so groß, wie man sich ein Paket vorstellt, eher ein Päckchen. Na ja, umso schwieriger, es zu finden.«
»Hat jemand eine Idee, wo es sein könnte?«, fragte ich so beiläufig wie möglich und verkniff es mir, zu erwähnen, dass das Paket etwas dunkler war als junger Sauerklee.
