Paris - Oosten - 19:00 Uhr - Kai-Michael Böttcher - E-Book

Paris - Oosten - 19:00 Uhr E-Book

Kai-Michael Böttcher

0,0

Beschreibung

Wolfgang stellt in Paris eine sonderbare Maschine her. Dabei stirbt auf zunächst unerklärliche Weise sein Gehilfe. Nach dem Unfall in Paris stirbt auch Wolfgang, ebenso mysteriös, jedoch in Oosten, einem Dorf in Norddeutschland. Der Oostener Pastor beobachtet den Mord und sucht auf eigene Faust nach dem Täter. Trotz scheinbarer Klarheit werfen ihn seltsame Begegnungen in eine tiefe Krise. Er begreift, dass er gegen seine eigene Moral handelte, als er den Mörder bewunderte. Und über Allem spinnt sich aus künstlicher Intelligenz ein System, das die Menschen in Gefahr bringt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 127

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Dieses Buch ist meinem Sohn Georg gewidmet.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Eins

„Pass doch auf!“

Wolfgang war beim Auflegen eines Drahtes die Zange aus der Hand gefallen. „Und mach mich nicht noch nervöser, als ich schon bin.“

Maurice wundert sich, warum er wegen der Zange angeranzt wird. Er hat ihm nur über die Schulter gesehen und ihn nicht einmal berührt. Trotzdem geht er einen Schritt zurück. „Ich habe immer noch nicht verstanden, was das hier soll“, sagt er eingeschüchtert.

Wolfgang schraubt am Schaltschrank, löst ein paar Kabel, sieht kurz in seine Zeichnung, nimmt einen anderen Draht und befestigt ihn in dem für Maurice undurchsichtigen Gewirr aus technischen Geräten und Kabeln.

„Ich habe immer noch nicht verstanden, was das hier soll“, wiederholt Maurice, als habe Wolfgang ihn eben nicht gehört.

„Halt doch mal die Klappe!“, fährt dieser nur schroff zurück.

Maurice sagt nichts. Er geht zum Fenster und sieht über das nächtliche Paris. Auf was hat er sich da eingelassen? Ein blöder Kerl, dieser Wolfgang.

Er sieht sich um, es ist ein merkwürdiger Raum. Hier gibt es keine Möbel, jedoch mehrere Schaltschränke voller Elektronik, wie sie sonst nur in großen Fabrikhallen herumstehen. Sie passen nicht zu einer Altbauwohnung mit verwohntem, jedoch kostbarem Holzparkett. Sie stehen mitten im Raum. Wer auch immer sie hier aufgestellt hat, hat sich keine Mühe gegeben, sie gerade hinzustellen.

Dort, wo früher einmal Bilder hingen, zeichnen sich an den Wänden helle Rechtecke ab. Was mögen das für Menschen gewesen sein, die hier gewohnt haben, überlegt sich Maurice. Vermutlich war die Wohnung sehr stilvoll eingerichtet, jedenfalls sind die Tapeten in allen Räumen mal sehr kostbar gewesen. Ohne Möbel und ohne Leben wirkt vermutlich jede Wohnung traurig und verlassen. Aber eigentlich interessiert es ihn nicht, was hier einmal für Menschen gewohnt haben.

Gelangweilt streift er durch die ebenfalls leeren Nebenräume der Wohnung. Hauptsache, etwas weg von diesem sonderbaren Menschen.

Er bleibt schließlich an einem Fenster stehen und sieht auf die unter ihm liegende, geschäftige Stadt hinab.

Nicht weit von seinem Fenster entfernt ragt der Eiffelturm majestätisch in die Höhe. Der Himmel ist von der Sonne romantisch rot gefärbt.

Maurice lehnt sich bequem an den Fensterrahmen und versucht die Abendstimmung zu genießen, obwohl die Atmosphäre in der Wohnung so ist, als würde die Luft knistern.

Er hat eben für diesen Job 1500 Euro bar auf die Kralle bekommen, dafür darf Wolfgang ihn ruhig auch ein wenig nerven, denkt Maurice bei sich, dennoch ist ihm die ganze Situation unheimlich.

Nach einer Weile ruft Wolfgang: „Ich bin fertig, wir können jetzt einschalten.“ Als Maurice in das Wohnzimmer zurückkehrt, sitzt Wolfgang auf einer hölzernen Werkzeugkiste und mustert zufrieden seine Arbeit. Maurice stellt sich in gebührendem Abstand neben ihn, sagt allerdings nichts. Am Schaltschrank brennt jetzt eine weiße Lampe.

Nach einem kurzen Moment steht Wolfgang von seiner Kiste auf und öffnet sie. Er holt daraus eine Aluminium-Box, etwa so groß wie ein Schuhkarton und stellt sie feierlich auf die Fensterbank.

Er öffnet sie so vorsichtig, dass man meinen könnte, ein Ungeheuer würde ihm jeden Moment entgegenspringen. Maurice verlässt seinen Platz nicht, dafür wird sein neugieriger Hals immer länger und als der Deckel ganz geöffnet ist, sieht er nur zwei weiße etwa tischtennisballgroße Kugeln. Der Rest der Box ist zum Schutz mit schwarzem Schaumstoff ausgefüllt.

Wolfgang entnimmt eine der Kugeln wie ein rohes Ei und platziert sie auf der Fensterbank neben der Alu-Box. Durch das Fenster sieht man im unteren Teil ein schmiedeeisernes Geländer, wie es typisch für Pariser Altbauwohnungen ist. Dahinter ragt stolz der Eiffelturm zum Himmel.

Maurice geht ein paar Schritte näher ans Fenster heran und achtet darauf, Wolfgang nicht zu nahe zu kommen.

An einer Seite hat das kugelförmige Ding in Wolfgangs Hand einen Steckeranschluss, Maurice kann ihn deutlich erkennen. Trotzdem wirkt alles irgendwie unwirklich. Wolfgang holt ein Kabel aus seiner Tasche und verbindet es dort mit dem Objekt. Seine Bewegungen sind so vorsichtig, dass es wie in Zeitlupe wirkt. In dem Moment, als er das andere Ende der Leitung im Schaltschrank mit den dafür vorgesehenen Klemmen verbindet, fängt die Kugel an, wie ein Opal in allen Farben zu schimmern.

„Sieht ja geil aus ...“ Maurice ist entzückt.

Wolfgang sieht seinen Gehilfen unfreundlich an, worauf dieser das sonderbare Teil sofort mit ernster Miene fixiert und einen Schritt zurück an seinen alten Platz geht.

„Funktioniert es so, wie du wolltest?“, fragt er von dort etwas eingeschüchtert und respektvoll.

„Denke schon. Jetzt brauche ich dich, bist du fertig?“ Der Strom wird von ihm wieder abgeschaltet, woraufhin die Kugel und auch die Lampe am Schaltschrank erlöschen.

Er holt einen schwarzen, gefütterten Samtbeutel und ein Foto aus seiner Kiste und legt die zweite Kugel behutsam in den Beutel. Dann holt er noch etwas aus der Kiste und gibt es Maurice zusammen mit dem Beutel.

„Hier ist das Gegenstück zu meinem ...“ Wolfgang spricht seinen Satz nicht zu Ende. „ ... und der Halter dafür.“

Dann hält er ihm das Foto vor.

Maurice hat plötzlich Angst. Verwirrt überdenkt er noch einmal seine Situation.

Er hat Wolfgang Trasom vor weniger als einer Woche in einer Kneipe kennengelernt. Eigentlich hatte er ihn gar nicht kennengelernt, sondern ihm, in einem Gewühl aus Menschen, versehentlich etwas von seinem Rotwein über das Hemd gegossen.

Er versprach, den Schaden zu bezahlen, aber Wolfgang schlug vor, dass er ihm dafür einen Gefallen tun und dabei sogar noch Geld verdienen könne.

Den Halter, den Wolfgang ihm nun entgegenstreckt, hatte er auch damals dabei und sagte, er solle ihn mit einer Kugel an einem unauffälligen Ort im Gerüst des Eiffelturms befestigen.

Maurice dachte, es würde eine illegale Kamera installiert, weil er so einen Halter schon am Computer eines Freundes gesehen hatte.

Maurice nimmt das Foto. „Das ist der Blick von der zweiten Ebene, siehst du das Fenster dieser Wohnung?“, fragt Wolfgang, während er mit dem Finger auf einen Kreis deutet, der mit einem Kugelschreiber in das Bild gemalt wurde.

Maurice sieht auf das Foto und nickt. Dann öffnet er den Beutel und holt das sonderbare Ding vorsichtig noch einmal heraus. Der Halter war tatsächlich ursprünglich für eine Webcam vorgesehen, aber Wolfgang hatte ihn so umgebaut, dass man das gläserne Objekt damit irgendwo festclipsen kann.

Die Kugel verschwindet wieder im Beutel und Maurice fragt: „Ich muss weiter nichts tun, als die zweite Plattform des Eiffelturms zu besteigen und das Ding in deine Richtung zu halten?“ Er sieht den Beutel in seiner Hand dabei skeptisch an.

„Genau.“ Das Gesicht seines Auftraggebers wird etwas freundlicher.

„Wenn du die Richtung gefunden hast, in der das Teil zu leuchten beginnt, dann hänge es unauffällig auf, damit es ruhig bleibt. Bitte achte darauf, dass dich niemand sieht.“

„Schon klar.“ Maurice geht mit langsamen Schritten rückwärts auf die Tür zu und hebt übertrieben lässig zum Abschied die Hand.

„Dann los!“, befiehlt Wolfgang. „Ich schalte den Strom in genau zwei Stunden wieder ein.“

Sein Gehilfe dreht sich rasch um und verschwindet nun zügig aus der Wohnung.

Wolfgang konzentriert sich noch einen Moment auf die Schritte im Treppenhaus und setzt sich dann nachdenklich auf seine Holzkiste. „Was würde der Grauhaarige sagen, wenn er das hier sehen würde?“ Er lehnt sich zurück und sieht auf die Uhr. In zwei Stunden ist es neunzehn Uhr.

Er möchte stolz auf sein Werk sein, gleichwohl sind seine Gedanken bei der Gruppe, von der er sich nun, nach so vielen Jahren, endgültig losgesagt hat. Ein Arzt würde ihm sicher eine fette Depression bescheinigen. Sein Magen fühlte sich schon vor der Trennung von seinen Freunden, ja eigentlich schon seit Jahren, verkrampft und immer schmerzhafter an. Aber solange es dieses Ziel gab, wurden die Beschwerden von seinem Verstand aus nicht mit seinem Tun in Verbindung gebracht. Er betrachtet seine fertigen Schaltanlagen. Hat er die Gruppe hiermit verraten?

Der Grauhaarige ermahnte ihn, dass er dem „System“ und nicht den Menschen dienen würde. Jeder in der Gruppe hatte sein Thema. Isaac redete ewig von der geistigen Welt, während Albert das Leben als den Aufbau der zukünftigen Geschichte aus der gelebten Geschichte verstand.

Kasper hat wie er eine eher technische Sicht auf die Welt, aber helfen wollte er ihm auch nicht. Der Grauhaarige hat das „System“ nie wirklich beschrieben. Es blieb für ihn genauso diffus wie die geistige Welt.

Jetzt keimt wieder Feuer in ihm auf und er stellt sich stolz vor seine Anlage. Er muss das Projekt durchziehen. Seine Freunde wollen ihm nicht helfen, deshalb wird er es eben allein tun.

Er murmelt still für sich: „Auch wenn sich der Grauhaarige immer in den Mittelpunkt spielt, er ist nur einer der Gruppe, so wie Kasper, Albert, Isaac und ich.“

Er nickt mit dem Kopf, zur eigenen Bestätigung.

Maurice geht derweil ohne zu hetzen die Rue de Passy hinunter und gelangt über die Pont d’Iéna zum berühmten Wahrzeichen von Paris.

Für seine Eintrittskarte wartet er nur etwas mehr als eine halbe Stunde in der Reihe, die sich unter den vier Füßen des 7500 Tonnen schweren Kolosses längs schlängelt. An sonnigen Tagen kann man es hier auch auf drei oder vier Stunden bringen, bis man die Kasse erreicht und zur Personenkontrolle durchgelassen wird.

Ob Wolfgang an die Kontrollen gedacht hat? Was soll er tun, wenn man ihm den Halter oder den Beutel abnimmt? Maurice sieht durch den über dreihundert Meter hohen Stahlkoloss nach oben.

Bei der Sicherheitsschleuse behält er den schwarzen Beutel in der Hosentasche und legt den Halter, wie selbstverständlich, zu seinem Schlüssel und dem Portemonnaie. Nach einem flüchtigen Blick des Uniformierten steckt er seine Sachen wieder ein und geht die Treppen hinauf bis an die verabredete Stelle.

Er sieht auf seine Uhr, nur noch fünf Minuten. Er sucht eine Stelle, an der er den Halter unauffällig anbringen kann. Es ist gar nicht so einfach. Ein Metallträger, der nach außen wie ein U geformt ist, eignet sich dann doch als gutes Versteck.

Plötzlich spürt er ein leichtes Vibrieren durch den Beutel in seiner Hosentasche und weiß, dass Wolfgang nun den Strom eingeschaltet hat.

Er öffnet den Beutel und holt die gläserne Kugel heraus. Jedes Mal, wenn er sich unbeobachtet fühlt, hält er die flache Seite der zitternden Kugel in Richtung des Hauses, aus dem er vor zwei Stunden gekommen ist. Er hat das Foto, das Wolfgang ihm extra gegeben hat, gar nicht gebraucht.

Wolfgang steht unterdessen vor seinem Schaltschrank und beobachtet den Zeiger eines Messinstrumentes, das in eine der Metalltüren eingebaut ist.

Der Zeiger vibriert am untersten Bereich der Skala, etwa um ein Ampere herum.

Wolfgang schaut aufgeregt zum Eiffelturm hinüber und murmelt: „So ein Idiot, er muss das Ding etwas drehen.“ Das Fenster ist geöffnet und mit sanftem Großstadtrauschen und zeitweiligem Hupen strömt frische Abendluft durchs Zimmer.

Plötzlich schlägt der Zeiger bis zum Endanschlag der Skala aus. Über dem Eiffelturm zuckt ein blauer Blitz in den Himmel und überall zwischen den Eisenträgern funken, laut prasselnd, elektrische Entladungen und die leuchtende Kugel an seinem Fenster erzeugt vibrierend einen Ton, der Wolfgang durch alle Glieder fährt.

„Mist, Mist! Verdammte Scheiße!“, flucht er und haut hektisch auf den Notausschalter.

Die Kugel auf der Fensterbank ist wieder farblos und still. Das schwarze Stahlgerüst in der Ferne steht, als ob nichts gewesen wäre, in der roten Abenddämmerung.

Seine Knie zittern und es weht ein zarter Windhauch durch das offene Fenster.

Wolfgang lässt sich auf seine Holzkiste sinken. Er spürt nicht, dass seine Zähne die Unterlippe zerkauen. Er presst seine geballten Fäuste an die Stirn und schluchzt. Seine Haut schmerzt, als fließe in seinen Adern plötzlich ein verdorbenes Sekret.

Irgendwann springt er auf und steckt die Kugel von der Fensterbank zurück in die Aluminium-Box und verlässt damit fluchtartig die Wohnung. Er folgt zunächst Maurice und rennt ebenfalls Richtung Eiffelturm, aber nach dem neunten Polizeiwagen, der mit lauter Sirene an ihm vorbeirast, ändert er seinen Plan und geht langsam in eine andere Richtung.

Zwei

Kommissar Buck sitzt im Fährkrug in der kleinen Ortschaft namens Oosten in einem Nebenraum und befragt fast gelangweilt einen Zeugen. Es ist eine für seinen Beruf typische Situation: Es gibt eine Leiche und niemanden, der direkt etwas gesehen hat, dafür jede Menge haltloser Vermutungen und Anschuldigungen gegen unliebsame Nachbarn. Mit einigen Zeugen scheint die Phantasie durchzugehen. Sie erzählen haarsträubende Märchen, die der Kommissar befremdet zur Kenntnis nimmt.

Als er mit dem Zeugen, den er gerade vernimmt, fertig ist, öffnet er dem Befragten die Tür und ist nun allein im Zimmer des Gasthauses, welches direkt am Ufer der Oste liegt. Buck sieht eine Landkarte an der Wand hängen und studiert die Namen und Entfernungen zu anderen Orten in der Nähe. Hemmoor, Drochtersen, Hüll, Krummendeich. „Merkwürdige Namen“, denkt er. Buck lebt in Hamburg und stellt fest, dass ihm nicht nur die Umstände des Todes in diesem Fall, sondern die ganze Gegend unbekannt ist. Es gibt ein riesiges Gebiet auf der Landkarte, von dem er noch nie etwas gehört hat, obwohl er nur 70 km entfernt wohnt.

Obwohl, von Bützfleth hörte er neulich einmal in den Nachrichten. Hier soll ein großes Kraftwerk gebaut werden und wieder einmal regt sich dagegen Widerstand in der Bevölkerung.

Aus dem Fenster sieht Buck die Kollegen der Spurensicherung geschäftig hin- und herlaufen.

Er lässt seinen Blick über den Vorplatz schweifen. Das also ist Oosten, sagt er zu sich.

Dann setzt sich Buck auf einen Stuhl und blättert in seinen Notizen. Das Opfer heißt Wolfgang Trasom, hat die letzten Wochen in Paris verbracht, lebte davor zwei Jahre in Russland und liegt jetzt hier, fürchterlich entstellt, in Oosten unter der Schwebefähre. Er klappt sein Buch zu und klopft damit verlegen auf die Tischkante, als versuche er so den speckigen Seiten einen neuen Gedanken abzuringen.

In der Ferne hört man, wie bereits den ganzen Vormittag lang, wieder ein Martinshorn, das sich dem Tatort nähert.

Kurze Zeit später fährt ein silberner BMW mit einem aufs Dach gestellten Blaulicht und hoher Geschwindigkeit auf den großen Platz vor dem Fährkrug.

Dem jungen Polizisten am Steuer scheint es mächtig Spaß zu machen, für kurze Zeit der Star der Szene zu sein. Kinder, die den ganzen Morgen wild durchs Dorf rennen, hier und dort auf Mauern und auf Bäume klettern, um ja nichts zu verpassen, wollen jetzt dem tollen Auto möglichst nahe kommen. Sie müssen vom Oostener Dorfpolizisten zurückgedrängt werden, weil das rot-weiße Absperrband, welches den Tatort absperrt, sonst in Kürze vermutlich gerissen wäre.

Der Fahrer öffnet die hintere Fahrzeugtür und der Mann, der gemächlich aus dem Zivilwagen aussteigt, tritt kurz darauf zu Kommissar Buck in den Raum im Fährkrug. Er hält mit beiden Armen eine alte abgewetzte Aktentasche und bewegt sich langsam auf Buck zu.

„Guten Tag, Herr Kollege, ich bin Jean Musca vom Departement Paris. Ihre Kollegen aus Hamburg waren so nett, mich hierher zu fahren.“ Dann presst er seine Aktentasche nur mit dem linken Arm an den Körper und reicht die rechte Hand zur Begrüßung.

„Nehmen Sie Platz“, sagt Buck nach dem Händeschütteln und zeigt auf einen Stuhl, der ihm gegenüber steht.

„Merci, ich habe die ganze Zeit gesessen, ich stehe lieber ein wenig, wenn es Ihnen recht ist.“ Er geht zum Fenster und wirft einen Blick auf die Arbeit der deutschen Polizei, die immer noch in vollem Gange ist.