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In "Pastor Hallin" entfaltet Gustaf af Geijerstam ein tiefgründiges Porträt des Lebens und der inneren Konflikte eines lutherischen Pfarrers in Schweden. Durch eine feinfühlige Erzählweise und eine präzise, bildhafte Sprache gelingt es dem Autor, die psychologischen und gesellschaftlichen Dimensionen den Glaubens und der zwischenmenschlichen Beziehungen zu beleuchten. Der Roman steht im Kontext der spätimperialistischen Literatur, in der Fragen des Glaubens, der Identität und der sozialen Gerechtigkeit eine zentrale Rolle spielen, und stellt somit einen wichtigen Beitrag zur skandinavischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts dar. Gustaf af Geijerstam, ein einflussreicher schwedischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, erforschte in seinem Schaffen häufig die Spannungen zwischen individueller und gesellschaftlicher Identität. Sein eigenes Leben, geprägt von einem tiefen Interesse an der Theologie und den sozialen Umstellungen seiner Zeit, spiegelt sich in der komplexen Figur des Pastor Hallin wider. Geijerstams Auseinandersetzung mit dem Protestantismus und den moralischen Fragestellungen seiner Epoche verleiht dem Werk eine authentische Tiefe und Resonanz. "Pastor Hallin" ist nicht nur ein fesselnder Roman über Glauben und Zweifel, sondern auch eine philosophische Erkundung der menschlichen Natur. Leser, die sich für die Feinheiten des zwischenmenschlichen Austauschs und die ethischen Dilemmata der modernen Welt interessieren, sollten sich dieses Werk nicht entgehen lassen. Die universelle Fragestellung nach Sinn und Glauben macht das Buch zeitlos und relevant.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Eine kleine Studentenbude in Upsala. Ein trübes Morgenlicht fällt durch das einzige Fenster und scheint auf ein ungemachtes Schlafsofa und einen ganz mit Büchern und Papieren übersäten schmalen Schreibtisch. Die Lampe brennt; ihr Schein wird matter und matter vor der zunehmenden Tageshelle.
Den Schlafrock eng um sich gezogen sitzt im Schaukelstuhl neben dem Schreibtisch ein junger Mann und liest eifrig. In seiner schmalen weißen Hand hält er ein Kollegheft; sein von einem kurzen, weichen Bart bedecktes Gesicht beugt sich über die beschriebenen Blätter. Während er liest, bewegen sich lautlos und hastig seine Lippen. Er sieht nicht, daß das Tageslicht draußen die Lampe längst unnötig macht, trotzdem die Sonne nicht durch das dichte Gewölk dringt. Es ist fast hell in der Stube, so hell es Mitte Januar überhaupt werden kann. Aber er sieht es nicht.
Nachdem er eine Zeitlang gelesen hat, steht er auf und geht ein paar Schritte durchs Zimmer. Er dehnt die Brust, tut ein paar tiefe Atemzüge und trocknet sich mit dem Taschentuch den Schweiß ab, der seine Stirn bedeckt. Aber er sieht nicht, daß es draußen hell ist, sondern setzt sich still wieder an die Arbeit, indem er den Schaukelstuhl so nach der Lampe zu dreht, daß er beim Lesen gut sieht.
Ein Beobachter hätte in seinem Gesicht vergeblich nach wirklichem Interesse gesucht. Es lag darin derselbe Ausdruck wie bei einem überanstrengten Schuljungen, der gerade eine schwere Aufgabe lernt. Er legte das Buch aufs Knie, murmelte das, was er sich soeben eingeprägt hatte, auswendig vor sich hin, und fing dann an, laut herzusagen, während er mit der freien Hand auf dem Arm des Schaukelstuhls den Takt dazu schlug.
Dann saß er wieder still und lernte mechanisch, bis die Uhr, die neben ihm auf dem Schreibtisch lag, auf Neun wies. Da erhob er sich, schaute zum Fenster hinaus, und als er wieder ins Zimmer blickte, merkte er plötzlich, wie unnatürlich bleich das Petroleumlicht dem Tageslicht gegenüber war. Er schraubte die Lampe herunter, löschte sie aus und begann mit dem Kollegheft in der Hand im Zimmer auf und ab zu gehen. Gleich darauf klopfte es an die Tür, und eine Frauenstimme rief:
„Bist du fertig?“
Der junge Mann legte das Heft aufgeschlagen auf den Schreibtisch und begann vor dem kleinen viereckigen Spiegel, der über der Kommode hing, seine Toilette in Ordnung zu bringen.
„Guten Morgen, Tante... Gleich!“
Er vertauschte den Schlafrock gegen einen Rock aus billigem grauem Tuch und ging hinaus ins Eßzimmer, das neben seiner Stube lag.
Eine ältere Dame stand wartend vor dem gedeckten Frühstückstisch, auf dem die Teemaschine dampfte und pustete.
„Guten Morgen, lieber Junge!“ sagte sie.
Sie betrachtete ihn eine Weile ängstlich forschend: „Schrecklich, wie müde und mitgenommen du aussiehst! Bist du wieder seit sieben Uhr auf?“
Der junge Mann setzte sich mit niedergeschlagener Miene an den Tisch.
„Es ist ja jetzt bald vorüber; wenn ich nur durchs Examen komme!“ sagte er.
„Ja, wenn’s nur schon vorüber wäre!“ sagte seufzend die alte Dame. „Du reibst dich ja vollständig auf auf die Weise. Was glaubst du, daß deine Mutter sagen wird, wenn sie dich wiedersieht?“
Der junge Mann zuckte die Achseln und trank schweigend seinen Tee. Nach einer Weile fragte er: „Weißt du, ob es sehr kalt ist heute, Tante?“
Sie warf einen Blick zum Fenster hinaus.
„Es scheint recht rauh“, erwiderte sie. „Es hat geschneit heut Nacht. Du mußt dich schon warm anziehen, wenn du ausgehst.“
Und als er gefrühstückt hatte, begleitete sie ihn ins Vorzimmer, um nachzusehen, ob er auch seinen Überzieher ordentlich zuknöpfte.
Ernst Hallin ging die Järnbrostraße hinab und schlug den Weg nach der Flusterpromenade ein. Fünf Jahre war er jetzt in Upsala, und in all diesen Jahren hatte er denselben Spaziergang gemacht gleich nach dem Frühstück. Ehe sein Freund Simonson das Staatsexamen gemacht und angefangen hatte, zu „praktizieren“, hatte ihn der immer in der Wohnung abgeholt und auf dem Spaziergang begleitet. Aber seit Simonson letztes Frühjahr Upsala verlassen hatte, war er immer allein gegangen, nicht zum Vergnügen, sondern weil es notwendig war, wenn er vormittags studieren wollte.
Seit ebenso vielen Jahren, als er diesen Spaziergang machte, wohnte er auch bei seiner Tante, Fräulein Edla Lund.
Fräulein Lund war eigentlich garnicht Ernst Hallins Tante. Sie war überhaupt nicht mit ihm verwandt. Aber er nannte sie Tante, weil sie eine Freundin seiner Mutter war, die Freundin, der seine Mutter den Sohn anvertraut hatte, als sie sich entschließen mußte, ihn zum erstenmal in die Welt hinaus zu schicken.
Fräulein Lund war eine fromme Dame, die nur einen einzigen Pensionär — eben Ernst Hallin — und im übrigen einen Kosttisch für Studenten hatte. Außerdem war sie Mitglied der christlichen Gesellschaft in Upsala, teilte ihr Interesse zwischen dem Kosttisch, der ihren Leib, und halbtheologische Lektüre, die ihre Seele speiste. Als die populärtheologischen Vorlesungen Mode wurden, gehörte sie zu deren ständiger Zuhörerschaft. Sie besaß einen kleinen Feldstuhl, den sie immer bei sich trug, damit sie nicht stehen mußte. Und alles, was das alte Fräulein an unverbrauchtem Muttergefühl besaß, hatte sie in diesen fünf Jahren über Ernst Hallin ausgeschüttet, den sie hegte und pflegte, für den sie handelte und dachte, den sie vergötterte und verwöhnte.
Ernst Hallin ging mit langen, etwas wiegenden Schritten seinen gewohnten Weg hinunter nach der Flusterpromenade. Es war trüb und rauh außen, bloß wenige Spaziergänger waren zu sehen, und wer sich blicken ließ, hatte es eilig, hastete mit den Händen in den Taschen und tief zwischen die Achseln geducktem Kopf durch die Straßen, wo der frisch gefallene Schnee von den Trottoirs gefegt war und auf beiden Seiten des Fahrdamms hoch in den Rinnsteinen lag.
Er vermied die Straßen am Fluß, um nicht die Neue Brücke und die „akademische Ecke“ passieren zu müssen, wo immer viele Leute waren, und wählte statt dessen die Trädgårdsstraße, durch die er ungestört hinab zur Flusterpromenade gelangen konnte. Er wollte allein sein. Sonst kam er nicht rechtzeitig heim, und eine halbe Stunde später als gewöhnlich bedeutete drei Seiten zu wenig im Kollegheft.
Er dachte mit Unbehagen daran, daß ihm nur noch so kurze Zeit in Upsala blieb. Während seiner ganzen Studienzeit hatte er sich so wohl gefühlt hier. Das Studentenleben liebte er nicht, und vor dem Wirtshaus hegte er einen Abscheu, den er von daheim geerbt hatte. Aber Upsala liebte er. Es ließ sich so gut ruhig arbeiten in dieser Stadt. Wenn man nicht wollte, so brauchte nichts, kein Ding des äußeren Lebens, nichts von der Welt draußen einem dazwischen zu kommen und einen zu stören. Ruhig, friedvoll und still konnte man in der glatten gleichmäßigen Flut des Studierens und Lernens versinken. Die Welt ringsum war wie verschwunden und tot. Die Studierlampe verblaßte erst vor dem Tageslicht.
Und er hatte studiert. Wie friedlich und wohltuend waren nicht die ersten Jahre gewesen! Ohne Hast hatte er sein Pensum durchgenommen, die Vorlesungen besucht, Kolleg nachgeschrieben, Privatstunden genommen, die Bibel im Urtext gelesen, gearbeitet und seine Examina gemacht. Daneben hatte er noch alles mögliche lesen können, was ihn interessierte. Keine leichte Tagesliteratur oder unruhvolle Streitschriften, sondern die Kirchenväter, weitläufige Kirchengeschichten, Abhandlungen über die Gottheit Christi oder über den Glauben, Schilderungen aus dem Leben heiliger Männer, und Weltgeschichte, im Licht des Christentums gesehen. Oder auch hatte er die alten Dichter, manchmal auch einen oder den anderen neueren, der seiner Ansicht nach auf irgendeine Art dem Christentum nahstand, gelesen.
Es war eine seltsame Zeit, voll aufeinanderfolgender neuer Eindrücke und wechselnder reicher Gedanken. Je einförmiger die Tage hingingen, desto inhaltsreicher erschienen sie ihm und desto leichter kam er zurecht mit seinen Zweifeln.
Denn Ernst Hallin dachte mit einer Mischung von Furcht und Stolz daran, daß er Zweifel gehabt hatte, Zweifel, die er, wie Augustinus und andere heilige Streiter der Kirche, stetig aus seinem aufrührerischen Herzen herauszuarbeiten suchte. Das war ein Geheimnis, das er tief in sich barg, und bei seiner anspruchslosen Art hätte niemand ahnen können, wie tief er im innersten auf alle die Kinder der Welt, die nie eine derartige Leidensgeschichte durchgemacht hatten, herabsah.
Jetzt aber, da er im Begriff stand, seine Studien abzuschließen, war diese Zeit gleichsam vergessen — verschwunden. Jetzt ward er von unwillkommenen prosaischen Gedanken heimgesucht, die ihn Tag und Nacht quälten. Das Allersonderbarste dabei war, daß die Zweifel gar nicht so ganz erstickt waren, wie er in den glücklichen und ruhigen Tagen seiner Studienzeit geglaubt hatte. Nun er keine Zeit mehr hatte, sie täglich und stündlich einzulullen, nun kamen sie in den neuesten, trivialsten Erscheinungen und beunruhigten ihn.
Und zu allem andern hin trug er noch eine ständig wachsende Angst mit sich herum vor dem Tag, der immer näher rückte, dem Tag, an dem er als fertiger Mensch ins Leben hinaustreten sollte.
Fertig!
Ja, er wußte ja, daß er fertig werden mußte. Der Vater hatte es ihm geschrieben. In einem Jahr wurde sein jüngster Bruder Student. Und der Vater hatte nicht die Mittel, zwei Söhne auf der Universität zu unterhalten.
Der Schnee lag weiß auf den Bäumen der Promenade. Er deckte die Sträucher in den Anlagen, daß sie aussahen, wie poröse runde Schneehügel, über dem ganzen Gelände lag es gleich einer ausgebreiteten weißen Decke, und der Himmel hing voll grauen treibenden Gewölks.
Ernst Hallin sah heute nichts von der Natur. Er dachte in einer Art seltsamer, halbwacher Reflexion an die Armut, von der er eigentlich gar nicht wußte, was sie überhaupt war, er, der ja doch seiner Lebtag noch nie selber für sich hatte zu sorgen brauchen. Und dabei fiel ihm die Heimat ein, Gammelby, wo der Vater ein armer Gymnasiallehrer war, der seit mehr als zwanzig Jahren am Gymnasium dort unterrichtete. Und in ihm erwachte das Religionsgefühl für die Heimat.
Als er auf der Promenade so weit gekommen war, daß er das Ende vor sich sah, blieb er stehen und zog die Uhr. Es war über Zehn. Er kehrte um und ging, etwas gebückt und mit eiligen Schritten, heimwärts. Unterwegs begegnete er ab und zu einem, der in der gleichen Absicht wie er hier herumlief — um ein bißchen frische Luft zu schöpfen vor dem Im-Zimmer-Hocken. In der nebligen Morgenluft strichen sie an ihm vorüber, ohne daß er sie auch nur bemerkt hätte. Er dachte bloß noch daran, so schnell wie möglich heimzukommen, wieder in seinen Schlafrock zu schlüpfen und sich dann in seinen Schaukelstuhl zu setzen, um zu studieren, zu studieren bis zum Mittagessen.
So viel war noch durchzunehmen, so viel mußte getan werden. Es war fast, als würde es immer mehr, je länger er studierte. Und er hatte solche Angst, vielleicht etwas versäumt zu haben, daß ihm der kalte Schweiß auf der Stirn stand, so oft er nur an das Examen dachte, das vor ihm lag. Und das, trotzdem er ja wußte, daß das Examen eigentlich nur noch eine Formsache war, trotzdem jedermann ihm sagte, er könne gar nicht durchfallen.
Sachte zog er im Vorzimmer den Mantel aus und ging durch das Eßzimmer in seine Stube. Dort vertauschte er die Stiefel gegen ein Paar Filzschuhe, hüllte sich in den Schlafrock und setzte sich in den Schaukelstuhl.
Aber ehe er zu arbeiten begann, erwartete ihn noch ein Genuß. Aus einer Ecke hinter dem Schreibtisch nahm er eine lange Holzpfeife, zündete sie an und ließ ein paar Minuten lang den Rauch um sich qualmen.
Hierauf griff er aufs neue nach dem Kollegheft, das noch aufgeschlagen auf dem Schreibtisch lag, begann genau da, wo er am Morgen aufgehört hatte, und bald ging der Schaukelstuhl in gleichmäßigem Takt über die Dielen des Fußbodens, während Ernst Hallin sich eifrig bemühte, das Niedergeschriebene seinem Gedächtnis einzuprägen.
Derselbe Ausdruck uninteressierten Auswendiglernens wie am Morgen lag auf seinem Gesicht. Nachdem die erste Stunde so vergangen war, erhob er sich aus dem Schaukelstuhl und ging ungeduldig ein paarmal im Zimmer auf und ab. Dann steckte er sich eine frische Pfeife an und stellte sich ans Fenster. Auf seinem Gesicht lag ein unsagbar müder, gequälter Ausdruck. Seine Gesundheit war immer schwach gewesen, und die Arbeit des letzten Jahres hatte ihn stark mitgenommen. Im ersten Jahre nach dem Abiturientenexamen war er so kränklich gewesen, daß er nicht einmal nach Upsala konnte. Er vermochte nicht mehr als eine, höchstens zwei Stunden zu studieren, ohne daß seine Stirn sich mit Schweiß bedeckte, eine matte Schläfrigkeit seinen ganzen Körper überfiel, und in seinem Gehirn sich eine seltsame Leere fühlbar machte, die ihn beunruhigte und erschreckte. Bücher, die ihn interessierten, konnte er haufenweise lesen, ohne daß er sich dabei unwohl fühlte. Das einförmige Dreschen und Bohren, das war es, was ihn aufrieb. Eine einzige Fähigkeit — das Gedächtnis — bis aufs äußerste anstrengen, während die andern alle ruhten — das wars, was ihm einen Knacks gegeben hatte! Aber er wußte — er mußte weitermachen; er nahm die Arbeit wieder vor, ging im Zimmer auf und ab und las laut, um die Gedanken besser wachzuhalten. Ab und zu blieb er am Fenster, am Schreibtisch oder mitten in der Stube stehen, schlug mit der Hand in die Luft, stampfte dazu auf den Boden und drosch so wieder und immer wieder eine schwierige Stelle, die nicht festsitzen wollte, durch. Manchmal schlug er sich, damit es besser haften sollte, zu wiederholten Malen mit dem Heft vor die Stirn. Schließlich lief er, das Heft auf dem Rücken haltend, mit Sturmesschritten im Zimmer auf und ab, während er halblaut die Worte des Kollegs dazu murmelte.
Und trotzdem vermochte er seine Gedanken nicht zusammen zu halten. Mitten drin, während er suchte, sich den Inhalt des Kollegs äußerlich ins Gedächtnis zu prägen, diese alten, bekannten Dinge, die er seit Jahren wußte, konnten seine Gedanken plötzlich, wie aus Müdigkeit oder Unvermögen, zu etwas anderem weggleiten. Er dachte auf einmal ans Examen, grübelte darüber nach, was für ein Gefühl es wohl sein mochte, bestanden zu haben und heim zu dürfen! Wie würde das sein? In ein paar Tagen würde er es wissen. Dann dachte er daran, wie die Mutter daheimsitzen und sich ängstigen, und daß er nun bald wieder bei den Seinen sein würde.
Oder auch flog ihm ein anderes Bild durchs Gehirn, irgend etwas, das er auf der Straße gesehen hatte, eine Szene zwischen ein paar Hunden, der Rektor Magnificus, den er vor der Domkirche getroffen hatte, oder eine bleiche Schöne im langen Mantel und koketten Federbarett, die ihm Augen gemacht hatte, als er vor ein paar Tagen die Karolinenhöhe hinaufgegangen war. Während er auf dem Läufer, der quer durchs Zimmer gelegt war, auf und ab ging, setzte er manchmal die Füße in gewissen berechneten Zwischenräumen, trat nur auf gewisse Farben und zählte, wieviele Schritte es dabei von der Wand zum Fenster waren. Dann kehrte er um und versuchte, die Füße genau auf dieselben Stellen zu setzen, auf die er zuvor getreten war. Oder auch er trommelte mit den Fingern Melodien und bemühte sich, sie so herauszukriegen, daß sie gleich ausgingen, so daß, wenn er mit dem Daumen anfing, sie beim kleinen Finger aufhörten.
Ohne zu lesen, ohne zu denken, ohne sich überhaupt nur bewußt zu sein, daß die Zeit verstrich, konnte er dann wieder im Schaukelstuhl sitzen und träumen oder heftig im Zimmer umherlaufen, die Hände in den Hosentaschen, mit flatterndem Schlafrock, bis er dann plötzlich instinktiv vor der Uhr stehen blieb, die auf dem Schreibtisch lag, und sah, daß es fast halb Zwei war.
Sofort ergriff er wieder das Heft und lernte, als gälte es das Leben — bis zum Mittagessen.
Fräulein Edla Lund machte sich inzwischen in ihrer Wohnung zu schaffen und besorgte das Essen. Bald war sie draußen in der Küche, bald innen im Eßzimmer. Nicht eine Minute kam sie zum Sitzen, wie sie sagte.
Aber ihre größte tägliche Sorge war, wie sie sich möglichst still verhielte, damit ihr lieber Kandidat drinnen in Ruhe arbeiten konnte. Wurde er auch nur im geringsten gestört, so war es ihm unmöglich, zu lesen und zu denken, das wußte sie. Darum achtete sie genau darauf, daß die Tür hinaus in die Küche geschlossen war, damit in der Stube des Kandidaten gewiß kein Laut klappernden Kochgeschirrs zu vernehmen wäre. Sie selber ging auf dünnen, weichen Schuhen leicht wie eine Katze hin und her und machte die Türen so sorgsam und vorsichtig zu, daß nicht einmal das Einschnappen des Schlosses durch seine geschlossene Tür dringen konnte. Wenns ans Tischdecken ging, so besorgte sie das immer selber, und es war ganz merkwürdig, wie gut sie gelernt hatte, mit Silber und Porzellan zu hantieren, ohne zu klappern.
So still war es in dem alten Haus an der Järnbrostraße, als wäre man mit einmal auf den Kirchhof draußen versetzt. Der einzige Laut, der hörbar wurde, war der Schritt des Kandidaten, wenn er auf der Matte in seiner Stube auf- und abwanderte, oder das Knarren des Schaukelstuhls, wenn er über eine unebene Diele ging.
Wenn es drei Uhr war, begann es an der Vorzimmertür zu läuten, und die Mittagsgäste stellten sich nacheinander ein. Um ein Viertel nach Drei waren alle da, und Fräulein Lund klopfte wieder an Ernst Hallins Zimmertür.
„Es ist angerichtet.“
Bald darauf standen alle andächtig hinter ihren Stühlen und beteten das Tischgebet. Das dauerte eine gute Weile, und nachdem man sich gesetzt hatte, schwieg im Anfang alles, gleichsam über das Gebet nachdenkend, während Fräulein Lund die Suppe ausschöpfte.
Außer Ernst Hallin und der Wirtin bestand die Gesellschaft aus drei jungen Kandidaten der Theologie und einem Kandidaten der Philosophie, einem Pietisten. Fräulein Lund nahm nur Studenten, die christlich gesinnt waren.
Ernsts Freund, Pastor Simonson, hatte früher auch zu dieser Gesellschaft gehört; er hatte es immer am besten verstanden, das Gespräch in Gang zu halten. Er hatte immer eine ganze Menge Gesprächsstoff, brachte theologische Fragen aufs Tapet während des Essens und hielt selber kleine improvisierte Vorträge, um diese Fragen zu entscheiden. Mit einem Wort — er war die Seele der Gesellschaft gewesen.
Seitdem er fort war, fand sich viel schwerer ein Gesprächsstoff. Jeder einzelne saß stumm, nur mit seinem Teller beschäftigt, da, und statt der früheren lebhaften Debatten hörte man jetzt bloß vereinzelte abgebrochene Bemerkungen oder kurze Fragen und Antworten.
Wenn das Essen zu Ende war, versammelten sich auf eine Weile alle im Zimmer der Wirtin, das auf der anderen Seite des Eßzimmers lag, um den Kaffee zu nehmen.
Es war ein feines, hübsches Zimmer, mit einem Teppich auf dem Fußboden und alten Gravüren an den Wänden. Die Möbel waren zum großen Teil altmodisch, im Empirestil, mit vergoldeten Kanten und geraden, schmalen Beinen. Unter einem hohen, vergoldeten Spiegel stand ein eingelegtes Bureau mit Bronzehandgriffen, und zu beiden Seiten des Tisches standen weiche, altmodische Lehnsessel. Über dem ganzen Zimmer lag ein starker Lavendelduft, der schwächer auch in der übrigen Wohnung bemerkbar war und dem Eintretenden, der von außen die Vorzimmertür öffnete, entgegenschlug.
Für Ernst Hallin hatte dieser Duft eine Bedeutung erlangt, die eng verknüpft war mit seinem Heimatsgefühl. Er genoß ihn ganz unbewußt, und wenn er nach der Arbeit nervös war, beruhigte er ihn stets. Manchmal kam ihm eine solche Sehnsucht danach, daß er sich irgend etwas außerhalb seines Zimmers zu schaffen machte, nur um ihn besser zu riechen.
Er war wenig gesellig und verstand sich nicht auf den Verkehr mit andern. Deshalb saß er schweigend in Fräulein Lunds Zimmer und ließ die andern reden, ohne überhaupt zuzuhören, was sie sagten. Waren sie alle gegangen, so zog er sich zum zweiten Mal zum Ausgehen an, um seinen Spaziergang zu machen, ehe er sich aufs neue an die Arbeit setzte.
Diesmal gings in den Karolinenpark. Der war so nah bei der Hand, und abends zog es ihn am meisten dorthin. Die großen, astreichen Bäume verdichteten die Dämmerung noch mehr, und die Nähe des Kirchhofs hatte für ihn etwas Stimmungsvolles, Wohltuendes.
Hier waren seine Gedanken am freiesten.
Weich von Gemüt, gewöhnt, sich selber zu hätscheln, hatte er einen gewissen Hang zur Melancholie. Es kam vor, daß er ihr geradezu aus Genußsucht nachging, wenn sie nicht von selber kam.
Über eine Stunde lang pflegte er hier einsam auf dem breiten Weg, der längs der steinernen Kirchhofmauer hinlief, umherzuwandern. Wenn er dann wieder heim kam, setzte er sich aufs neue vor die brennende Lampe und studierte.
Abends, wenn die Lampe angezündet war, fühlte er sich stets ruhiger, als wenn er bei Tageslicht studierte. Er war dann gezwungen, vor seinem Buch stillzusitzen, und die zerstreuungssüchtigen Gedanken waren ganz von selbst fort. Es war so warm und ruhig im Zimmer; über den Blättern des Buchs stieg der Rauch von der einzigen Zigarre auf, die er täglich zu rauchen pflegte.
In diesen Stunden arbeitete er immer am besten.
Wenn es halb acht Uhr war, erhob er sich und machte aufs neue „Gesellschaftstoilette“. Dann hatte er sich müde studiert, die Gedanken verlangten darnach, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, — er hielt es nicht länger aus. Und er fühlte sich frischer und lebenslustiger jetzt als den ganzen Tag über. Mit einem Seufzer der Befriedigung löschte er sein Licht und ging hinüber in das kleine Zimmer auf der andern Seite der Eßstube, wo Fräulein Lund schon bei der brennenden Lampe saß und auf ihn wartete.
Da ließ er sich häuslich nieder und war so lebendig und heiter, als hätte er das Büffeln und Schinden überhaupt ganz vergessen. Er hatte die Tante aufrichtig lieb und redete mit ihr, wie er mit seiner Mutter nie hatte reden können!
An solchen Abenden hatte er auch seine Zweifel bekannt. Fräulein Lund hörte ihn an und verstand ihn und freute sich, daß sie einer suchenden Seele von Nutzen sein durfte.
Sie saß im Sofa mit ihrem Strickzeug, und ihr ein bißchen dickliches, freundliches Gesicht lachte ihm liebevoll entgegen, als er eintrat.
„Ist Schluß für heute?“ fragte sie.
„Ja“, antwortete er und ließ sich in den einen Lehnstuhl niedersinken. „Jetzt ist Schluß.“
Als er eine Weile so gesessen hatte, nahm er vom Tisch Ibsens „Brand“.
„Wollen wir weitermachen?“ fragte er.
Die alte Dame nickte; Ernst Hallin wandte das Buch nach dem Lampenlicht und begann zu lesen.
Mit milder, wohllautender Stimme las er das gewaltige Gedicht von einem Menschen, der nicht leben kann in der Stadt. Er träumte sich selber hinein in diesen Konflikt, der unlösbar ist, er kämpfte in der Phantasie den Kampf der gewaltigen Gedanken; und er glaubte, das Urteil eines christlichen Asketen über die elenden Menschenkinder zu lesen.
Als er einen Akt gelesen hatte, legte er das Buch nieder; es ward still in dem kleinen Zimmer.
„Das ist Christentum!“ sagte er endlich.
Das alte Fräulein nickte; und sie redeten lange davon, was Ibsen mit Brand gemeint hätte.
Dann gingen sie ins Eßzimmer und tranken Tee. Ganz von selber kam das Gespräch wieder ins gewöhnliche Geleise. Sie redeten von dem bevorstehenden Examen, dem nahen Scheiden, von Gammelby und von Ernsts Elternhaus.
Gammelby liegt auf einer weiten Fläche; auch da, wo die Fläche jäh zum Berghang aufbiegt, geht noch die Stadt mit, und auf dem Gipfel des Hügels liegen schöne neue Häuser zwischen Gärten. Unten, am Fuß des Hügels, dehnt sie sich weit und breit verästet aus, als wäre sie zu beiden Seiten um die Große Straße ausgequollen, die vom Burghof, wo die Statthalterei liegt, sich hinüber erstreckt bis zum Tor, bei dem eine alte Brücke über den Fluß führt.
Die Stadt ist voll von kleinen Gassen und Quergassen, winkligen, wunderlichen, phantastischen Gäßchen mit langen, verwitterten Zäunen, über die dürre Apfelbäume ihre nackten Zweige strecken. Schmal sind die Gassen da; dicht unter den Fenstern sind die Rinnsteine; im Sommer, wenn es warm ist, steht da verdorbenes Wasser und stinkt, und der Geruch dringt in die niederen Häuser, die in langen Reihen, ein Stadtviertel neben dem andern, zu beiden Seiten der Großen Straße stehen.
Hier kehrt das Unglück ein in den Heimstätten der Armen; die Kinder sterben an ansteckenden Krankheiten. Und die klugen Leute sagen, dies sei das einzige und wahre Hilfsmittel der Natur gegen die Volksvermehrung.
Aber wenn der Winter kommt, liegt der Schnee dick zwischen den Häusern. Wo der Schneepflug gefahren ist, drängen dichte Wälle sich hoch gegen die Fensterrahmen, und mitten auf der Gasse läuft ein schmaler Pfad, grau getrampelt von groben Schuhen. Aus den großen Schornsteinen der kleinen Häuser steigt der Rauch; und schlecht steht’s um die, die kein Holz in ihren Herd zu schieben haben.
Hier wohnt die Bevölkerung, von der die ganze Stadt lebt. Hier wohnen die Fabrikarbeiter, die Zimmerleute, die Flößer und die Arbeiter auf den großen Holzplätzen. Hier sind die großen Höfe, auf denen Familien, vom Großvater her, seit mehr als hundert Jahren wohnen. Die Männer haben die großen Holzflöße den gewaltigen Strom hinab geleitet oder haben in der dumpfen Luft der Fabriken geschafft. Und die Weiber haben neue Arbeiter geboren, die die Alten, wenn sie gingen, ersetzen sollten. Neue Arbeiter sind herzugezogen aus anderen Gegenden des Landes, seit die Eisenbahn geht, immer lebhafter ist der Verkehr geworden, immer mehr Fabriken sind erstanden.
Und es ist, als nähme der reinliche, reiche Teil der Stadt seine Schmuckheit und seinen Wohlstand von diesem schmutzigen Stadtteil.
Neben der Großen Straße und um den Markt herum liegen die feinen Gebäude, grade, starre Steinhäuser mit schön geschmückter Front, Seite an Seite mit den alten, gemütlichen Holzbauten, die gleichsam bucklig vor Alter dastehen und mit großen, dunklen Fensteraugen auf den steifen Baustil hinausstarren, der sie mit all seinen Neuzeits-Bequemlichkeiten verdrängen will.
Hier sind die Straßen gut gehalten, die Trottoirs sind mit glatten Steinen gepflastert, winters sind sie gefegt, und die Arbeiter führen in großen Karren den überflüssigen Schnee fort.
Auch ihr kleines Villenviertel hat die Stadt. Droben am Hang, wo die Birken schlank und weißstämmig und licht mit langen, fließenden Zweigen in der Frühlingssonne stehen, liegen kleine Häuschen im Schweizerstil und blinken fröhlich durch das Laubwerk. Daneben sieht man große, lustige Holzhäuser mit Terrassen und Erkern, die aussehen, als wären sie tatsächlich bloß dazu da, um recht wunderlich auszusehen. Zu oberst, auf einsamer Höhe, liegt eine Steinvilla, die einen viereckigen Aussichtsturm mit einer Flagge darauf hat.
Hier wohnen die reichen Kaufleute mit ihren Familien, die wohlhabenden Fabrikbesitzer, der Bankdirektor; nicht bloß alte, ehrwürdige Familien wohnen hier, sondern auch manch junger Haushalt hat zwischen den Alten Platz genommen. Die reichen Familien haben untereinander geheiratet, sich mit einander assoziiert gegenseitig für einander gebürgt, so daß der ganze Geldhaufen sich auf ein paar Wenige gesammelt hat, die ihn nun gemeinsam besitzen; und diese Wenigen halten gut zusammen; denn sie wissen, Einigkeit macht stark.
Diese Wenigen sind es aber auch, die der Stadt das geschenkt haben, was man ihren Wohlstand nennt; von ihnen kommen die Möglichkeiten zu einem kleinen, wohlgeordneten Gemeinwesen. Zu Tausenden haben sie Bretter, gewaltige Holzflöße hinausgeschifft, haben Sägewerke gebaut, Fabriken angelegt, die Eisenbahn zustande gebracht. Daß all dies auf Kosten anderer geschah, das war eine Sache, über die sich in Väterzeiten niemand den Kopf zerbrach. Man gab jedem das Seine und behielt ohne Skrupel die großen Überschüsse des allgemeinen Verdienstes. Und aus diesen Überschüssen bildeten sich die großen Reichtümer der Familien.
Es ging fröhlich zu in den großen Kaufmannshäusern der alten Tage, und die Vornehmen, die sich in der Residenz des Landshöfdings versammelten, mochten gern ihren Kreis für sich bilden. In den alten Kaufmannsfamilien wurden dafür große, fröhliche Feste abgehalten, bei denen drei Tage lang gegessen und getrunken ward. An Weihnachten zogen die Feste von einem Haus zum andern, und altes Weihnachtsbier wechselte ab mit Wein aus den großen Fässern, die tief in den reichen Kellern verborgen lagen.
Aber in der letzten Zeit hatte viel sich geändert. Ein neues Geschlecht wuchs auf mit neuen Gedanken über das Leben und neuen Forderungen. Das neue Geschlecht legte Gas- und Wasserleitung an, schaffte eine Heizvorrichtung für die Kirche, rief Eisenbahngesellschaften und Aktienbanken ins Leben. Und die neuen Lebensbedingungen brachten eine neue Lebensweise mit sich.
Aber eins blieb sich doch gleich. Das waren die großen Feste. Das lag an der kargen Natur hoch oben im Norden, die als Gegengewicht gegen den langen traurigen Winter forderte, daß im Haus Freude sein müsse um jeden Preis! Darum wird auch in den Städten des Nordens mehr gegessen und getrunken als in der ganzen übrigen zivilisierten Welt. Denn die unmäßigen Schmausereien sind nichts anderes als ein gewaltsamer Versuch, dem Menschen um jeden Preis die Freude zu schaffen, die die Natur ihm zu versagen scheint. Der Winter, der lange, dunkle Winter hat sie gelehrt, sich zu berauschen, weil ja doch übergenug Zeit da ist, den Rausch auszuschlafen. Der Winter, der lange, kalte, hat sie gelehrt, wochenlang beim Mahl zu schwelgen, weil die Arbeit ja doch ruhen muß. Der Winter mit seinem Frost und Schnee setzt den Nordländer neben dem Bewohner des Südens zurück. Denn tatsächlich können wir drei Jahre leben, solange er eins lebt.
Aber im Winter wie im Sommer steht die Kirche offen; und winters drängt sich das Volk ins Gotteshaus, und des Priesters düstre Lehre gewinnt Seelen zu Tausenden; und die Menschen, die auf Erden alles missen, verträumen die Erinnerung an ihr Leid und ihr Entbehren im Gedanken an das Land der Seligkeit, das sie dereinst, wenn der Tod die gefürchteten Tore der Befreiung geöffnet hat, aufnehmen wird.
Einsam liegt die alte gotische Domkirche auf dem großen grünen Platz, das Rathaus auf der einen Seite, das Gymnasium auf der andern; in der Kirche versammeln sie sich alle, vornehm und gering, arm und reich. Dorthin gehen die Armen, Männer und Weiber, die Männer in dunkeln Röcken, mit roten oder blauen wollenen Tüchern um den Hals und schwarzen, wunderlichen Zylindern oder dicken Mützen, die Weiber in Hauben oder schwarzseidenen Tüchern, das abgenutzte Gesangbuch, das sie in Händen halten, fromm in das saubere Baumwolltaschentuch eingewickelt. In langen, dunkeln Reihen sitzen sie da, auf der einen Seite die Weiber, auf der andern die Männer, und wenn der Name Gottes oder Jesu genannt wird, so neigen sich die Frauen, wenn sie stehen, oder beugen das Haupt, wenn sie sitzen. Weiter vorn in der Kirche und in der Mitte muß man sich seinen Platz kaufen; da sitzen die feinen Damen und einige wenige Herren. Denn die feinen Herren gehen nicht oft in die Kirche. Aber Damen und Herren halten sich streng unter sich abgeschlossen, ganz wie ihre Häuser an der großen Hauptstraße der Stadt oder droben am Waldsaum, wo die Villen hervorschauen. Da sind die Bänke des Bischofs, des Landeshöfdings, die Bank des Dompropstes, die Bänke der Landeskanzlei, der Geistlichen, der Lehrer, die Bänke des Bürgermeisters und der Stadträte. Und an hohen Festtagen ist alles voll von feinen Röcken und Pelzen, von kahlen oder wohlfrisierten Köpfen, davor auf der Bank eine lange Reihe von schwarzen Hüten. Hier sitzen Herren und Damen durcheinander. An gewöhnlichen Sonntagen freilich ist es mager bestellt mit Herren, und die feinen Damen mit ihren Töchtern sitzen ziemlich vereinsamt in den Bänken, an denen der Name des Inhabers auf einem weißen Schild angeschlagen steht.
Und die Zeit geht ihren Lauf, mit kurzen Sommern und langen Wintern, mit Arbeit, Kirchenbesuch und Gastereien.
Grade in solchen Städten findet man leicht einen kleinen Kreis, der gleichsam eine Welt für sich ausmacht. Das ist der Kreis, der sich aus den „akademisch Gebildeten“ zusammensetzt, aus Männern der Schule und der Kirche, die manchmal auch gern einen oder den andern Auserwählten aus andern Lagern unter sich aufnehmen. Und hier wie anderswo möchte dieser Kreis gern eine Art Bildungsaristokratie innerhalb der größeren Gesellschaft bilden, was sich hier, wie anderswo, bei näherer Beobachtung meist ein bißchen komisch ausnimmt.
Dieser Kreis lebt von Erinnerungen an die Universität; seine Mitglieder haben ihre besten Jahre in Lund oder Upsala verbracht; dort haben sie geschwärmt, haben große Träume geträumt von einem Leben im Dienste des Geistes, von dort sind sie übergesiedelt in irgendeine Kleinstadt, wo — bestenfalls — die ersten zehn Jahre zur Bezahlung der Jugendschulden verwendet wurden; und die Wissenschaft war vergessen und das Alter kam, eh sie nur merkten, daß die Jugend entflohen war.
Kaufleute, Industrielle hegen eine heimliche Bewunderung für sie, ihrer „Gelehrsamkeit“ wegen. Aber in praktischen Fragen verachten sie ihr Urteil und nennen sie Bücherwürmer.
Innerhalb dieser Kreise entstehen und entwickeln sich Menschen, die an jedem andern Ort als in einer nordischen Kleinstadt unmöglich wären. Die Söhne gehen aus der Kleinstadt auf die Universität und kommen oft von dort wieder zurück, um ein Leben zu leben, das ganz dem ihrer Väter gleicht. Die Töchter bleiben meist daheim; ist das Glück ihnen hold, so heiraten sie. Und wie dieser ganze Kreis von Kirchen- und Schulmännern, die in solchen kleinen Städten noch eng zusammenhalten, sich durch eben diese Kleinstadtverhältnisse, in denen er lebt, bildet, so bilden sich auch die einzelnen Persönlichkeiten durch diesen Kreis, in dem sie leben und sich entwickeln.
Zwei Elemente sind’s, die sie, zusammenwirkend, hervorbringen und formen: die Kleinstadt, und daß sie innerhalb dieser Kleinstadt einer besonderen Kaste angehören. Und die meisten von ihnen sind ihr ganzes Leben lang von der Armut gefesselt gewesen, die ein Gemeingut der großen Masse unserer sogenannten „Standespersonen“ ist.
Der Gymnasiallehrer „Adjunkt“ Hallin gab Latein in der Untersexta, der untersten Klasse der alten Lateinschule, die in das neue, stattliche Gymnasium übergesiedelt war. Die Fragen kamen scharf, wie Stockschläge; die Antworten schlängelten sich vorsichtig kriechend einher wie schwanzwedelnde Hunde.
„Hör mal, Lundberg! Das ist doch zu merkwürdig, daß du dir nie den Unterschied zwischen cado und caedo merken kannst! Wie war das? Cado, cecidi, casum — casum, sag’ ich — cadere. Also — sprich es nach. Wie war es?“
Der Delinquent Lundberg war ein kleines, schweräugiges, schläfriges Individuum von vollen einundzwanzig Jahren, das sich aus irgend einem unbekannten Grund darauf steifte, noch sein Maturum zu machen. Er warf einen raschen, forschenden Blick nach dem Katheder, um zu erspähen, ob der Adjunkt schlechter Laune war oder nicht. Und als er nichts besonders Beunruhigendes entdeckte, antwortete er phlegmatisch und mit leiser Stimme: „Cado, cecidi, casum, cadere.“
„Lauter!“ schrie der Adjunkt. „Kannst du nicht laut sprechen? Ich rede die ganze Stunde und muß schreien, daß ich ganz heiser werde. Und du kannst dich keine fünf Minuten lang anstrengen. Noch einmal! Und lauter!“
Lundberg wiederholte mit lauter Stimme.
„Na also! Jetzt war’s recht. Weiter. Wie ist’s mit caedo?“
Lundberg packte mit verzweiflungsvollem Griff die Lehne der Bank und schielte seitwärts, um die Nachbarn zum Einblasen aufzumuntern.
Aber es war eine alte Geschichte — Einblasen gab’s nicht bei Adjunkt Hallin. Er sagte das auch selber, und es war sein beliebtester Zeitvertreib während der einförmigen Stunden, irgendeinen zu erwischen, der so unvorsichtig war, einem andern zu helfen oder mit den Augen um Hilfe zu flehen. Er war im Grunde voller Freude, wenn er seine Detektivfähigkeiten zeigen konnte; aber er unterdrückte das Lächeln, das um seine Lippen spielte, und äußerte in mildem, leisem Ton: „Hör mal, Lundberg, findest du wirklich so ganz was besonders Interessantes an dem kleinen Petterson da neben dir links?“
Allgemeines Gekicher in der ganzen Klasse. Die vorderen Bänke drehen sich um und betrachten sich den unglücklichen Lundberg, der mit niedergeschlagenen Blicken dasteht und das Lächeln zu verbergen sucht, das um seine Mundwinkel spielt. Denn nun wußte die ganze Klasse mit Sicherheit: der Adjunkt war guter Laune.
„Na,“ fährt der Adjunkt fort, „kannst du nicht antworten? Findest du was Interessantes an Petterson? Wie? Nicht? Na! Willst du dann vielleicht gütigst versuchen, dein an Petterson gescheitertes Interesse auf das unglückselige Verb caedo zu übertragen? Mit ae.“
Lundberg legte die Hände auf den Rücken und antwortete schwerfällig: „Caedo, cecídi, caesum, caedere.“
„Na also, es geht ja. Siehst du. Weiter jetzt! Das dritte in der Reihe!“
Auch dies ward abgetan, worauf der Adjunkt einen großen Seufzer ausstieß, als sei ihm eine ungeheure Last vom Herzen gefallen.
„Setzen, Lundberg! Und vergiß das nicht, bis wir uns nächstesmal wiedersehen! Der Nächste. Flott jetzt, übersetz’ den letzten Paragraphen, damit wir fertig werden, eh es läutet. Vorwärts! Es ist ein langer Satz. Qui quum usw.“
